Andrea Nahles…mein zweiter Name ist Maria…da weitere Verwahrlosung droht

1. Februar 2010 von dierostigelaterne

“Und die SPD muß wieder Demokratie wagen…” 1.

“Jeder für sich, Gott für uns alle” ist eine bei Lehrern beliebte  Floskel, um dem Abschreiben bei Klassenarbeiten vorzubeugen. Im Pattloch Verlag erschien Ende 2009 ein Buch der amtierenden Generalsekretärin der SPD, Andrea Nahles, das einem wie eine Sammlung von Schulaufsätzen vorkommt: “Frau, gläubig, links. Was mir wichtig ist.” Schon im Vorwort beginnt die Tochter eines Maurermeisters mit einem dicken Patzer, indem sie dem deutschen Volk aufschwatzen will: wir brauchen Parteien. “Für mich jedenfalls gehören die Parteien nach wie vor zu den wichtigsten Instrumenten des Wandels.” 2. Mann/Frau fragt sich natürlich zu welchem Wandel ?  Schon mit ihrer Ausgangslage, dass Parteien existieren müssen, bindet sie sich so fest an den Kapitalismus, der dann auch im ganzen Buch in keiner Weise in Frage gestellt wird. Rein logisch ist zunächst zu fragen, inwiefern denn reaktionäre, faschistische und konservativ-beharrende Parteien welchen Wandel fördern ? Es ist mittlerweile eine Binsenweisheit, dass in der heutigen spätkapitalistischen Gesellschaft die Volksmassen in Klassen geteilt sind, und dass diese Klassen von Parteien geführt, die wiederum von den intelligentesten und autoritativsten Politikern geführt werden. 3. Und im Wandel von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaft hebt die revolutionäre Arbeiterpartei durch die Volksmassen die Klassen, damit die Parteien und auch sich selbst auf. Die ideologische Akzeptanz einer Parteienpluralität durch die Arbeiterklasse käme einer Verewigung ihrer ökonomischen Knechtschaft gleich. Die dialektische Anlage zur Selbstnegation ist denn auch das Schiboleth, an dem sich revolutionäre und konterrevolutionäre Parteien scheiden.

Der Ansatz von Andrea Nahles, die in Bonn neben Germanistik allerdings Politikwissenschaft studiert hat, ist ein subjektivistischer, wie denn überhaupt alle kleinbürgerlichen Parteien stets einen solchen haben: der Mensch, ja der Mensch. “…weil ich glaube (!!), dass wir den Schlüssel zu einer guten Gesellschaft nur(!!) in uns selbst finden können.” 4. Glauben ist eine Sache, Gesellschaftswissenschaft eine andere. Die Gesellschaft entwickelt sich bekanntlich nach den drei dialektischen Grundgesetzen: Einheit und Kampf der Gegensätze (Bourgeoisie/ Proletariat), Umschlag von Quantität in Qualität, Abbrechen der Allmählichkeit, revolutionäre Sprünge und Negation der Negation (staatenlose Urgesellschaft, Gesellschaften, die auf verschiedenen Formen des Privateigentums an Produktionsmitteln beruhen, und Sozialismus/Kommunismus). Bei der adialektischen Betrachtungsweise der Bewegung  ” bleibt die Selbstbewegung, ihre treibende Kraft, ihre Quelle, ihr Motiv im Dunkel (oder diese Quelle wird nach außen verlegt – Gott, Subjekt etc.)” 5. Da nun Andrea Nahles obendrein noch gläubig ist, bedankt sich die Arbeiterklasse für diesen himmlischen Schlüssel, für diese himmlische Segnung.  Der Kleinbürger macht gerade vor der objektiven Dialektik der Selbstbewegung halt und verfällt in Subjektivismus, aus dem heraus er den Widerspruch vergöttlicht. (Was Marx schon bei Proudhon feststellte).  “Die ersten Sätze des Godesberger Programms üben auf mich wie auf Hunderttausende andere Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten nach wie vor eine starke Anziehungskraft aus: “Das ist der Widerspruch unserer Zeit, dass der Mensch die Urkraft des Atoms entfesselte und sich jetzt vor den Folgen fürchtet…” 5. Und so geht es im Godesberger Programm weiter:,,,dass der Mensch. dass der Mensch…Auch im am 20. Dezember 1989 verabschiedeten Berliner Grundsatzprogramm der SPD findet Nahles das schönste Bekenntnis zur Demokratie, das ihr “…in der sonst ja oft drögen politischen Sprache jemals begegnet ist: Der Mensch weder zum Guten noch zum Bösen festgelegt, ist lernfähig und vernunftfähig. Daher ist Demokratie möglich…” Das alles ist mehr als erbärmlich und ein Armutszeugnis 6., nicht der Mensch macht Geschichte, oder soganannte große Männer und Frauen, sondern die Volksmassen, die Volksklassen und die treibende Kraft ist die Arbeiterklasse. Andrea Nahles geht als gläubige Katholikin noch heute regelmäßig in die Kirche und in der Onanie inniger Gebete kommt es dann wohl zu diesen abstrusen weltfremden Gedankenergüssen.7. Hegel führt in der Vorrede zur Rechtsphilosophie aus, dass man von der Natur zugebe, dass Gesetze in ihr regieren, dass man aber über die Gesellschaft, so wie man gerade gehe und stehe, den Stein der Weisen schon in der Tasche habe 8….und, fügen wir hinzu, den Schlüssel in sich. Der sozialdemokratische Revisionismus kommt immer wieder auf die anthropologische Fragestellung Kants zurück: Kant gab dem Philosophieren vier Fragen vor: Was kann ich wissen ? Was darf ich tun ? Was soll ich hoffen ? Und in unserer Fragestellung vor allem: Was ist der Mensch ? Da liege ja der Schlüssel, würde Andrea Nahles sagen. Rainer Blasius begeht in seiner sehr oberflächlichen Buchbesprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11.1. 2010 (9.) den Fehler, den subjektivistischen Ansatz von Nahles nicht zu erkennen, so sagt er zwar einerseits ganz richtig, sie verbreite allgemeine Botschaften (“Die Menschen wollen Sinn und nicht Spin” 10.), findet aber gerade die biografischen Einblicke interessant, die sie gibt. Nicht darum geht es, sondern um ihre christlich-linkssozialdemokratische Botschaft, dass es immer Arme geben werde. Das sehen die Armen natürlich ganz anders. Unter der Diktatur der Arbeiterklasse herrscht gleicher Arbeitszwang für alle 11. und zur Besserung gehört die Generalsekretärin der SPD in ein Arbeitskollektiv, damit sie zur Lösung gesellschaftswissenschaftlicher Schlüsselfragen gelangt. Der Aktenvermerk müßte lauten: …da weitere (subjektivistische) Verwahrlosung droht.

Diese intellektuelle Verwahrlosung wird nun gerade auch und besonders im Kapitel: “Von der Würde der Arbeit” sichtbar. Mit dem Slogan “Gute Arbeit für guten Lohn” ging schon der frühere Arbeitsminister Olaf Scholz im letzten Bundestagswahlkampf betteln und hausieren. Nahles bekundet zunächst, daß das Wissen um den Wert der Arbeit “….tief in mir verwurzelt ist.” 12. Aber ist dieses Wissen auch richtig ? Wissenschaftlich richtig muß es heißen: Wert der Arbeitskraft, aber das nur nebenbei. Selbstkritisch gibt sie zu, daß sich Sozialdemokraten zu wenig um die Bedingungen kümmern, “…unter denen die Menschen tagtäglich ihr Brot verdienen.” 13. Ja was mögen denn das für Bedingungen sein !? Sie zitiert das Hamburger Programm der SPD: “Arbeit gehört zum menschenwürdigen Leben, aber sie muß auch menschenwürdig sein. (soweit das Programm/H.A…ja hier kreist der abstrakte Mensch wieder in sich.) Weiter sagt sie: “Schlichter als im Hamburger Programm kann man es nicht ausdrücken.” 14. Ja, das ist schlicht und ergreifend —falsch !!, denn menschenwürdige Arbeit kann es unter kapitalistischen Bedingungen nicht geben. Wie alle kryptofaschistischen Parteien huldigt auch die SPD einem Kult der Arbeit und der Disziplin, der ideologisch das Privateigentum an Produktionsmitteln zementiert. Marx sah diesen Fehler schon im Gothaer Programm von 1875, die SPD hat also 135 Jahre !!! Zeit gehabt, den Fehler zu korrigieren. Im Gothaer Programm lag eine abstrakte Trennung von menschlicher Arbeitskraft und den kapitalistischen Bedingungen ihrer Anwendung vor, dass nämlich die Arbeiter/innen außer ihren eigenen Arbeitskräften kein Eigentum an den Produktionsbedingungen besitzen: “…denn gerade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein anderes Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der anderen Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben.”15. Aus dem kleinbürgerlich verkürzten Arbeitsbegriff der SPD resultieren dann alle schlichten Fehler, die Nahles naiv aneinanderreiht: “Arbeit öffnet dem Einzelnen (nanu ? gibt es keine Arbeiterklasse ? /H.A.) die Türen zur vollen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.” 16..muß heißen: zur lohnabhängigen Teilnahme am kapitalistischen Ausbeutungsprozess.  “Arbeit …ermöglicht den Wohlstand unserer (!?) Gesellschaft.” 17…muß heißen: den ständig steigenden Wohlstand der kapitalistischen Klasse. Oder hat sich die menschgewordene Jesuitin (siehe Anmerkung 7) nicht mit der Weisheit des Volksmundes beschäftigt, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden ? “Für mich heißt das Ziel nach wie vor Vollbeschäftigung.” 18.Das ist aber nicht das Ziel der Arbeiterbewegung, sondern die volle Emanzipation der Arbeitskraft von ihrem Warencharakter, wie Engels im Anti-Dühring schrieb.19. Man muß Frau Nahles aber auch dankbar sein für dieses Buch, ich halte es für ein Musterbeispiel, wie sich die SPD als Arzt am Krankenbett des Kapitalisten profilieren möchte. Sie wolle für die gesellschaftliche Integration durch Arbeit, die bekanntlich frei macht,  kämpfen, also den Lohnsklaven bis zur Vergasung an das kranke marode krisengeschüttelte kapitalistische System binden. Man muß auch immer fragen: wo hinein soll denn integriert werden ? Ein staatliches Basiseinkommen lehne sie ab, stattdessen plädiere sie für eine Neubestimmung des Sozialstaates,”…der individuelle Erwerbsbiografien partnerschaftlich begleitet..”20. Über das Wesen des Staates ist von und über Aristoteles, Platon, Hobbes, Kant, Hegel, Marx und Lenin…u.a.  viel Tiefsinniges geschrieben worden, aber noch keine/r kam auf die Naivität, ihn als Partner zu bezeichnen.Das ist ja gerade die Tragik in der Antigone von Sophokles.  Die lesenden Arbeiter und Arbeiterinnen, die lesenden Bauern und Bäuerinnen, letztere läßt Nahles in gut menschewistischer Tradition außer Acht, finden bei Karl Marx die zentrale Deutung des neuzeitlichen bürokratischen Staates als eines nationalen Kriegswerkzeugs des Kapitals gegen die Arbeit 21…oder ist etwa nicht wahr, dass die Ermordung der Arbeiterführer Liebknecht und Luxemburg durch die Reichswehr nur mit partnerschaftlicher Beihilfe der Berliner SPD erfolgen konnte…oder ist etwa nicht wahr, dass der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin Zörrgibel 1929 partnerschaftlich auf eine unbewaffnete 1.Mai Demonstration schießen ließ mit über 30 Toten und Hunderte Verletzte…oder ist etwa nicht wahr, dass unter der Federführung des von Nahles angehimmelten Willy Brandt Zehntausende von fortschrittlichen Lehrern partnerschaftlich unter das Berufsverbot gesetzt wurden, also erst gar keine Erwerbsbiografie beginnen konnten, damit mittelalterliche Dunkelmänner in den Schulen weiterhin Minderjährige geistig verführen. Als Nazikolonnen am 31. Januar 1933 triumphierend durch das Brandenburger Tor marschierten, sagte der Maler Max Liebermann: Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen muß. Das Gleiche stößt einem bei der Lektüre des hier besprochenen Buches auf. Die SPD hat so viele Stimmen eingebüßt, weil die arbeitenden, lesenden und denkenden Menschen immer mehr mit ihrer Vernunft erkennen, wessen Partner die SPD ist.

Läßt man ihre Aussage Revue passieren, sie sei  Christin gewesen, bevor sie Sozialdemokratin geworden sei, so drängt sich einem ja völlig von selbst die Vermutung auf, dass sie sich in ihrem 20 semestrigen Politikstudium wohl mehr mit den Kirchenvätern Thomas von Aquin und Augustinus als mit Marx und Engels beschäftigt habe. “Den Seinen  gibt er´s schlafend, ist auf die Wissenschaft angewendet worden, und damit hat jeder Schlafende sich zu den Seinen gezählt, was er so im Schlafe der Begriffe bekommen, war denn freilich auch Ware danach.” 22. Hegel sprach in diesem Zusammenhang vom “Brei des Herzens” , vom einfachen Hausmittel des Gefühls.23. ( Ein ähnlich übles Machwerk ist das Buch von Oskar Lafontaine: Mein Herz schlägt links).In ihrer Analyse über das schlechte Wahlergebnis der SPD kommt Genossin Nahles zu dem Schluß, die SPD habe es zwischen 2003 und 2005 versäumt, die Menschen im Lande emotional anzusprechen. “Der amerikanische Psychologe Drew Westen bringt es auf den Punkt: Die Vernunft ist der Sklave des Gefühls, nicht andersherum.” 24. Wenn man den Schlußsatz  der Schrift von Friedrich Engels: “Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie” bedenkt, dass die deutsche Arbeiterbewegung die Erbin der deutschen klassischen Philosophie sei 25. , so bringt die Bezugnahme auf einen dahergelaufenen us-amerikanischen Psychologen einmal mehr die intellektuelle Verwahrlosung der Frau Nahles auf den Punkt. Um nun sogleich in einem us-amerikanischen Slang zu bleiben, so sieht und begreift Nahles die SPD und sich als Dealerin mit dem Kapital, 147 Jahre habe die SPD mit dem Kapital einen erfolgreichen Deal betrieben zum Ausgleich und zum Wohl der kleinen Leute. Zum Wohl der kleinen Leute ? Durch diesen Deal ist doch Deutschland zweimal zum Ausgangspunkt eines Weltkrieges geworden zum Wohl von über 80 Millionen Toten. 1914 wurde mit Ausnahme von Karl Liebknecht mit dem Kapital um die Kriegskredite gedealt mit sehr großem Erfolg für das Kapital und es ist in der historischen Forschung ausgemacht, dass die Ergebnisse des ersten Weltkrieges bereits den Keim des zweiten in sich trugen. Bereits im März 1850 warnten Marx und Engels in der Ansprache der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten, dass die demokratischen Kleinbürger den Arbeitern weit gefährlicher seien als  die liberalen Bourgeois von 1848 und dass eines ihrer Hauptanliegen die “Vertuschung des Klassenkampfes” sei.26. Bei dem Deal der SPD mit dem Kapital, sprich: bei deren Arschkriecherei,  ist für die Werktätigen dann immer auch nur A.Nahles herausgekommen.

In ihrem Buch präsentiert sich Andrea einmal  als sozialdemokratische Barbiepuppe (….daß auch der Konsum von TV-Seifenopern den Menschen dabei helfe, “….sich in der Gesellschaft zu orientieren…und letztlich ihr individuelles Verhalten an den Normen einer gut funktionierenden Gesellschaft auszurichten.” 27. – der Leser, der es nicht glaubt, schaue bitte aus S. 85 !! -), also liegt der Schlüssel zu einer guten Gesellschaft dann doch nicht nur in uns, sondern auch in Seifenopern. Dann aber auch wieder als Politikerin mit einem philosophischen Anspruch  und bekennt sich in dieser Hinsicht eindeutig zur Aufklärung, was nach dem Lob für Seifenopern aber nicht weit her sein kann. “Zurück zu Kant” war und ist die Devise des Revisionismus und auch hier wieder ein Danke schön für die Offenherzigkeit: “Aus gutem Grund bin ich Sozialdemokratin und nicht Kommunistin. Mir liegt der aufklärerische Begriff der Emanzipation von selbstverschuldeter Unmündigkeit näher als die Idee einer kollektiven Zwangsbeglückung. Für mich ist das Anliegen der Aufklärung die Grundlage moderner Gesellschaften und demokratischer Staaten.” 28. Stellenweise fast wörtlich angelehnt an die Aufklärungsschrift von Kant aus dem Jahre 1783. Indeß ist fraglich, ob die katzenbuckelnde Haltung Kants gegenüber der Obrigkeit, der man bei Strafe 29. gehorchen muß, wirklich als Vorbild für Demokraten zu werten ist. Kant sah sich sehr vor, an dem Mechanismus von  Befehl und Gehorsam überhaupt zu rühren, der Bürger, der Offizier…usw. könne aber nach Dienstschluß als Feierabendphilosoph und Mitglied der weltbürgerlichen Gesellschaft  in Aufsätzen für Fachzeitschriften Verbesserungsvorschläge machen, wie ein Gelehrter, “…der sich an ein Publikum im eigentlichen Verstande durch Schriften wendet.” 30. Diese biedere Grundhaltung ist doch sehr angenehm für unsere sozialdemokratischen Käuzchen. Marx und Engels wiesen uns stets darauf hin, dass die Arbeiterklasse organisiert und bewaffnet sein müsse. “Die Bewaffnung des ganzen Proletariates mit Flinten, Büchsen, Geschützen und Munition muß sofort durchgesetzt, die Wiederbelebung  der alten, gegen die Arbeiter gerichteten, Bürgerwehr muß entgegengetreten werden.” 31. Das ist die Grundlage “moderner Gesellschaften und demokratischer Staaten”.

Wenn, wie hier, der seltene Fall vorliegt, dass eine Politikerin 20 Semester Politikwissenschaft im universitären Ghetto studiert hat, so erstaunt es schon, dass Blasius in seiner Buchbesprechung vom 11.1. 2010 in der FAZ nicht auf den Politikbegriff von Nahles eingeht, den sie durch ihr demokratisches Menschenbild geprägt sieht. Demokratisches Menschenbild ? Da haben wir wieder die Unfähigkeit, politische Zusammenhänge in Massen und Klassen zu denken.  Marx und Engels bemerkten in der “Heiligen Familie”, dass es sich nicht darum handele, was der einzelne Proletarier einstweilen denkt, sondern was das ganze Proletariat als Klasse gezwungen sein wird zu tun. Wieder ein fundamentaler sozialdemokratischer Fehler: Politik an ein Menschenbild zu koppeln und damit Politik als anthropologische Konstante zu kristallisieren frei nach dem Motto: wo Menschen sind gibt es auch Politik. Denkt man die Hauptlosung selbst der bürgerlichen Revolution: “Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit” zu Ende, so ist diese im Kern politikfrei. “Alles fließt”, hinterließ der griechische Philosoph Heraklit der Nachwelt und so ist auch Politik, der zu keiner Zeit irgendein Menschenbild zugrund lag, sondern die ökonomische Unterdrückung von Klassen durch Klassen, etwas historisch Vorübergehendes. Lenin lehrte uns, dass mit dem Staat auch die Demokratie abstirbt. Durch seinen ersten Manchesteraufenthalt (1842 – 1844) erkannte Friedrich Engels, dass Politik als etwas von der Ökonomie Ableitbares begriffen werden muss. Marx entwickelte diesen Gedanken weiter und schrieb der Politik im proletarischen Emanzipationskampf nur noch eine Sekundanzfunktion zu: “Die Revolution überhaupt, der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg.” 32. Dieses Fortschleudern der Politik muß im marxistischen Bewußtsein immer präsent sein, sonst bekommen wir diese sozialdemokratischen Politschmarotzer nie vom Halse mit ihren Kathederweisheiten: “Jede Form von Politik ist geprägt durch das Menschenbild ihrer Akteure. In Demokratien ist es das Leitbild des rational handelnden, die Alternativen prüfenden und schließlich abwägend entscheidenden Staatsbürgers, das die Politik bestimmen sollte.” 33. Je nach Bedarf scheint die Politikerin Nahles vor der Alternative zu stehen: rational handelnder Staatsbürger oder der Weisheit des us-amerikanischen Psychologen Drew Westen folgend: “Die Vernunft ist der Sklave des Gefühls, nicht andersherum.”34.

1. Andrea Nahles, Frau gläubig links, Pattloch Verlag 2009,236

2.a.a.O.,8

3.Vgl. W.I.Lenin, Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Progress Verlag Moskau 1975,582

4.Nahles.a.a.O.,8

5.Lenin, Zur Frage der Dialektik, Lenin Werke Band 38, 338f.

6. In diesem Zusammenhang ist auch die Kritik Marxens an Feuerbach interessant: Feuerbach bedenkt nicht, “…daß das abstrakte Individuum, das er analysiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angehört.” (Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3,7)

7. “Immer wenn ich von meinen täglichen politischen Auseinandersetzungen in eine Kirche komme oder bete, wird so einiges in meinem Kopf und in meiner Seele wieder gerade gerückt” (S.103) Da haben wir die Jeanne d´Arc der SPD… und in der Tat muß einiges gerade gerückt werden: Schon rührend ist die Entblößung, wie sie zu ihrem gesellschaftlichen Engagement gekommen sei: durch einen Satz des früheren Bischofs von Limburg Franz Kamphaus: “Mache es wie Jesus, werde Mensch !”  August Bebel hatte tausend mal Recht mit seiner Aussage: “…jeder Religionslehrer ist ein Feind des wahren Fortschritts der Menschheit, er ist gefährliches Unkraut unter dem Volksweizen, das ausgerottet werden muß.”  (August Bebel: Die moderne Kultur ist eine antichristliche, Alibri Verlag 2007,61) Die Dialektik der Geschichte hat nun diesen Verlauf genommen, daß heute die GESAMTE SPD gefährliches Unkraut unter dem Volksweizen ist, das ausgerottet werden muß.

8.Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorrede zur Rechtsphilosophie, Theorie Werkausgabe Suhrkamp Verlag Bd. 7, Frankfurt am Main 1970, 15f. Dies gilt auch für “Marxisten”, die den Sozialismus nicht wie eine Wissenschaft studieren wollen, die meinen, es genüge sich zu bekennen. Brecht sagte, der Kommunismus ist das Einfache, das so schwierig zu machen sei.

9.Rainer Blasius: Maria hilft, Buchbesprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11.1.2010.S.6

10. Nahles, a.a.O.,45

11.Marx Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1983, 69

12.Nahles,S.54

13.a.a.O.,58

14.a.a.O.

15.Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Dietz Verlag Berlin, 1953, 11

16. Nahles,58

17.a.a.O.

18.a.a.O.,62

19. Vgl. Friedrich Engels, Anti-Dühring, in: Marx,Engels: Ausgewählte Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin 1972,221

20. Nahles,a.a.O.,66

21. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEAW, Progress verlag Moskau 1975,300

22. G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Vorrede, Theorie Werkausgabe Suhrkamp Verlag Band 7, Frankfurt am Main 1970, 18

23.a.a.O.,19

24.Nahles,a,a,O.,45

25.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,307

26. Vgl. Karl Marx/Friedrich Engels: Ansprache der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten vom März 1850, in MEGA I,10. Dietz Verlag Berlin 1977, 254 ff. “Es kann sich für uns nicht um eine Veränderung des Privateigenthums handeln, sondern um seine Vernichtung, nicht um die Vertuschung der Klassengegensätze, sondern um die Aufhebung der Klassen, nicht um Verbesserung der bestehenden Gesellschaft, sondern um der Gründung einer neuen.”(S.258)

27. Nahles, a.a.O., 85

28. a.a.O.,81

29. “…sogar kann ein vorwitziger Tadel solcher Auflagen, wenn sie von ihm geleistet werden sollen, als ein Skandal  (das allgemeine Widersetzlichkeiten veranlassen könnte) bestraft werden.” Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung ?, in: Was ist Aufklärung, Reclam Verlag  Stuttgart 2008, 12

30. a.a.O.

31. Karl Marx, Friedrich Engels, Ansprache der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten vom März 1850, in: MEGA I,10, Dietz Verlag Berlin, 1977,260

32.Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, MEW 1,409

33. A. Nahles, a.a.O., 82

34.a.a.O., 45

Andrea Nahles erwarb nach 20 Semestern Studium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm Universität in Bonn bei Professor Jürgen Fohrmann ihre Magistra artium. (Meisterin der freien Künste). Aber auch diese Meisterinnen sollten sich  an eine gewisse Disziplin des Denkens gebunden fühlen.

Heinz Ahlreip, 1.2.2010

“…es wimmelt von Schwindeleien.” Zum Tod von Paul Samuelson

10. Januar 2010 von dierostigelaterne

Am 13. Dezember 2009 verstarb in Belmont/ Massachusetts der us-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul Samuelson, der der zweite Träger des Wirtschaftsnobelpreises war (1970). Er war der Popularisierer Keynes und die Frankfurter Allgmeine Zeitung würdigte ihn als den letzten Generalisten. (1.)

Geboren wurde Samuelson am 15. Mai 1915 als Sohn eines Apothekers in Gary, einer Industriestadt im Bundesstaat Indiana nicht weit entfernt von Chicago. Prägend wurde für ihn der Zusammenbruch der örtlichen Stahlindustrie nach dem “Black Friday” 1929, auf den hohe Massenarbeitslosigkeit und das Elend der Großen Depression folgte.

An der Universität von Chicago hörte er Vorlesungen der namhaften Professoren Knight, Viner und Simons, die alle einen uneingeschränkten Wirtschaftsliberalismus vertraten, Samuelson aber war der Überzeugung, dass der Staat viel mehr regulieren müsse. Da erschien 1936 J.M. Keynes “Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes”, die auch als die “Keynsche Revolution” bezeichnet wird. Die Aufgabe, das Volumen der Investitionen zu steuern, kann nicht in privaten Händen gelassen werden, er forderte eine zahme indirekte geld- und fiskalpolitische Globalsteuerung der Investitionen und der Konsumgüternachfrage. Der Staat solle Anreize und Belastungen geben (zum Beispiel über Steuern), die Unternehmer aber nicht direkt zu einer bestimmten Verhaltensweise verpflichten. 2. Das läßt natürlich die Grundpfeiler der kapitalistischen Ausbeuterordnung unangetastet. die ja eben zu der schweren Depression geführt hat. Marx und Engels sprachen 1848 im Manifest von despotischen Eingriffen in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, “…durch Maßregeln also, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst hinaustreiben und als Mittel der Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind.” 3.

Aber Samuelson folgte nicht diesen Ausführungen von Marx und Engels, sondern der Lehre von Keynes, obwohl er feststellte, dass seine Theorie von Schwindeleien wimmele. 4. So werden Nobelpreise anvisiert. Er erkannte, dass mit der populärwissenschaftlichen Darstellung der Keynschen Theorie viele Dollars zu machen sind und verfasste daraufhin das Buch “Economics”.  “Nicht nur begründete dieses Lehrbuch Samuelsons (populär-)wissenschaftlichen Ruhm, es machte ihn auch reich. Er ging zum Verlag McGraw-Hill…und sagte: Die ersten 100 000 Exemplare könnt ihr ohne Honorar verkaufen; von allem, was darüber hinausgeht, bekomme ich 20 Prozent. Das war sehr viel für Autoren.” 5. Die Tantiemen flossen reichlich und wie sein Ziehvater Keynes spekulierte er – sozusagen als Fachmann – erfolgreich an der Börse. Er war längst ein gemachter Mann. als er John F. Kennedy private Nachhilfestunden in Ökonomie erteilte.

Die Grundpfeiler der kapitalistischen Gesellschaft und der mit ihr verbundenen Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft blieben aber immer sakrosant, es ging ihm in seinen wissenschaftlichen Studien, um ein Wort Rousseaus abzuwandeln, um seine eigene Glückseligkeit, nicht um das Wohl aller. “Wo die bürgerlichen Ökonomen ein Verhältnis von Dingen sahen (Austausch von Ware gegen Ware). dort enthüllte Marx ein Verhältnis von Menschen.”  6.  “Diejenigen, welche so glücklich sind, sich wissenschaftlichen Zwecken widmen zu können, sollen auch die ersten sein, welche ihre Kenntnisse in den Dienst der Menschheit stellen. – Für die Welt arbeiten, war einer seiner Lieblingsaussprüche.” 7.

1. Der letzte Generalist, Zum Tode des Nobelpreisträgers Paul Samuelson, einer prägenden Gestalt der Wirtschaftswissenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2009,12

2. Keynes blieb auf einem wirtschaftsliberalen Fundament mit einer Prise staatlichen Managements. Zwar sprach er sich, der die Goldwährung als barbarisches Relikt bezeichnete, für feste Wechselkurse aus, die aber bei wirtschaftlichen Notwendigkeiten durchaus flexibilsierbar waren. Im Namen der britischen Finanzoligarchie erhob er seine Anklage gegen den US-Imperialismus und kritisierte, dass die Außenhandelsüberschüsse der USA in Form von Goldbarren in Fort Knox unter der Erde verschwanden. Außenhandelsüberschüsse müßten zum Kauf  von Waren in einem anderen Land ausgegeben werden.

3.Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 50

4.Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2009,12. Wörtlich sagte Samuelson: Keynes Buch sei zwar “…arrogant, übelgelaunt, polemisch, es wimmelt von ” Schwindeleien und Verirrungen…Doch um es kurz zu machen: Es ist das Werk eines Genies.” Wie ganz anders Marx: “Es ist manchmal, als glaubten diese Herren, es sei alles gut genug für die Arbeiter. Wenn diese Herren wüßten, wie Marx seine besten Sachen noch immer nicht gut genug für die Arbeiter hielt, wie er es als ein Verbrechen ansah, den Arbeitern etwas Geringeres als das Allerbeste zu bieten !” (M. Glasser,A. Primakowski,B. Jakowlew: Studieren, Propagieren, Organisieren, Drei Texte zu den Arbeitsmethoden von Marx, Engels, Lenin und Stalin, Verlag Olga Benario und Herbert Baum,2001,16f.)

5.a.a.O.

6.Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, in: Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Ausgewählte Texte, Reclam Leipzig 1986,12.

7. Paul Lafargue, Erinnerungen an Karl Marx,150

Eine Fuselhändlerin Käßmann (Dr. Lügnerin) wirbelt Medienstaub auf

7. Januar 2010 von dierostigelaterne

“Nur wer die schrecklichen Auswirkungen eines langen Krieges kennt, vermag die überragende Bedeutung einer raschen Beendigung zu sehen.”

Sun Tsi (Die Kunst des Krieges)

Eine Neujahrspredigt der EKD-Vorsitzenden Landesbischöfin Margot Käßmann hat es in die Schlagzeilen der bürgerlichen Medien gebracht. In ihnen wird räsonniert über Krieg und Frieden, Religion und Gewaltspirale…usw…usf, während in Afghanistan weiter Soldaten sterben. Liest man sich die Artikel in den bürgerlichen Zeitungen durch, so werden wir Zeugen eines Wirrwarrs von widersprüchlichen Äußerungen der Politiker/innen zu dem Thema Krieg und Frieden, und doch zeichnen sich bei genauerem Hinsehen in diesem Wirrwar die Physiognomien der verschiedenen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft ab. Lenin lehrte den Arbeitern und Bauern, den Völkern, dass man bei jedem Krieg nach seinem Charakter fragen muss, nach seinem sozialen Inhalt, nach den Klassen, die ihn führen und nach der Politik, die ihn vorbereitet hat,  nach seinem strategischen Zweck.

Zunächst muss man zur Person der Landesbischöfin an Lenins Bestimmung der Religion erinnern. “Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenanlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.” 1. Wie die Taliban in Afghanistan das Mittelalter repräsentieren, so repräsentieren unsere christlichen Mullahs  in Deutschland es nicht minder. Es zeugt ja gerade von einer mittelalterlichen Borniertheit der bürgerlich-sozialdemokratischen Politiker, dass sie das unwissenschaftliche Geschwafele  der Bischöfin überhaupt ernst nehmen, die sich mit ihrer “Phantasie für den Frieden” einer Lächerlichkeit der Weltfremdheit preisgibt. Schäuble erinnert daran, dass die Bundeswehr im Auftrag der UNO tätig ist, er ist aber auch daran zu erinnern,  dass die UNO es im Koreakrieg zuließ, dass die us-amerikanischen Aggressionstruppen unter General Mac Arthur während des Koreakrieges unter dem Banner der UNO in der südkoreanischen Hafenstadt Pusan landeten, um die Volksbefreiungskräfte zurückzuschlagen. Noch heute ist die UNO als Unterdrückerin in Korea stationiert. Wer sich auf die UNO beruft, zeigt gerade, dass er ein Volksfeind ist, der sich für die Unterdrückung der Völker einsetzt. Des weiteren haben die Imperialisten auf einmal ihr Herz für die afghanischen Frauen entdeckt, die Frauen, ja die Frauen…erstens tun diese Herren in ihren eigenen Ländern nichts, um sie von dem religiösen Fusel zu befreien, noch mehr, in keinem kapitalistischen Land bekommen die Frauen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Befreiung vom mittelalterlichen Fusel und vom Kapital ist dann auch die ureigenste Angelegenheit der Arbeiterinnen und Bäuerinnen. Und diese die Arbeitskraft der Frauen blutsaugenden Kapitalisten spielen sich in Afghanistan als Vertreter moderner Gleichberechtigung auf. 2.Der niedersächsische Innenminister Schünemann, selbst in einem mittelalterlichen Schwarweißdenken befangen – alles Linke kommt vom Satan -  geht mit der Bischöfin besonders hart ins Gericht, sie beurteile den Afghanistan-Einsatz lediglich nach gesinnungsethischen Gesichtspunkten, nicht nach verantwortungsethischen. 3.Dem Innenminister ist zu sagen: manch einer liebt die Afghanen, nur um die Kinder seines eigenen Volkes verantwortungsbewußt am Hindukusch zu opfern.

Weiterhin ist es sehr bezeichnend für die einseitigen Diskussionen in den bürgerlichen Medien, dass eine Frage ständig vertuscht , ständig umgangen wird, und so kann denn der Krieg auch munter weitergeführt werden, ich meine die Frage des bürgerlichen und adeligen Offizierskorps der Bundeswehr, das nur eine Minderheit des deutschen Volkes repräsentiert. Nimmt man dieses von bürgerlichen Medien tabuisierte Hauptbollwerk der Konterrevolution in Deutschland  genau unter die Lupe, so erkennt man, dass es sich um eine ganz kleine Clique handelt, die in Afghanistan das Leben der Arbeiter- und Bauernsoldaten opfert. Es ist ein Offizierskorps ohne Soldaten, durch und durch durchsetzt von feudalen Elementen, verbrämt mit allerlei mittelalterlichem Plunder (“Ich bete an die Macht der Liebe.”) Und an dieses Offizierskorps der Bundeswehr wendet sich denn auch die Bischöfin im speziellen, mit dem Kriegsminister Guttenberg hat sie vereinbart, dass die Doktor Lügnerin  4. einen Vortrag vor der Führungsakademie der Bundeswehr halten will, auf Gegenseitigkeit beruhend: Guttenberg hält einen Vortrag an einer Evangelischen Akademie.  Die EKD teilte mit, das Gespräch zwischen Bischöfin und Minister sei in einer “konstruktiven und harmonischen Atmossphäre verlaufen.” 5. Mittelalterlicher Fusel fühlt sich eben zu mittelalterlichem Fusel hingezogen. Man stelle sich das mal bildlich im urchristlichen Sinne vor: Jesus hält einen Vortrag in einer Militärakademie !? Na ja…aber eine Doktor Lügnerin ! Anders verfuhr da Thomas Müntzer. Luther lud ihn wiederholt zu einer Disputation in die Universität Wittenberg ein, aber Müntzer lehnte ab, denn man soll das Zeugnis des Geistes “…nicht ausschließlich auf die hohe Schule bringen.” 6.

“Es gibt in der Politik nur zwei entscheidende Mächte: die organisierte Staatsgewalt, die Armee,  und die unorganisierte, elemantare Gewalt der Volksmassen”. 7. So stehen die Fronten im Klassenkampf, hier gibt es keinen Spielraum für Friedensphantasien, wer diese predigt, segnet  die Unterdrückung des Volkes nur ein. Gysi hat im Bundstag Frau Käßmann in Schutz genommen, weil Gysi nichts mehr fürchtet, als dass die einfachen Soldaten in Afghanistan das Profitgeschäft der Imperialisten durchkreuzen. Oder wendet sich die Bischöfin Käßmann mit ihrer Neujahrspredigt etwa an die Volksmassen ? So wie Thomas Müntzer, der schon 1525 die Volksbewaffnung forderte ? “…denn die ganze Gemeinde habe die Gewalt des Schwertes…” 8. Käßmann vertritt da einen ganz anderen, konterrevolutionären Standpunkt. “Frieden schaffen ohne Waffen”. Die konterrevolutionären Pfaffen totschlagen, das war eine Forderung Thomas Müntzers und des Bundschuhs im Bauernkrieg. Thomas Müntzer “…bestand darauf, daß die gottlosen Regenten,  besonders (!!) Pfaffen und Mönche, die das Evangelium als Ketzerei behandeln, getödtet werden müßten…” 9. Dieser Geist darf niemals aus dem deutschen Volk absterben, es würde auf ewig in Knechtschaft unter Pflugscharen darben. “Frieden schaffen ohne Waffen, sei immer ihre Option gewesen. Daher will sie auch als Präsidentin der Zentralstelle Kriegsdienstverweigerung, die sie seit 2003 ist, das Militär überflüssig machen.” 10. Wie sie dies erreichen will, kann sie nicht erklären, wie denn alle pazifistischen Wunschträume an der rauhen Klippe der Kriegswirklichkeit zerschellen. Sie beherrschen nicht den dialektischen Widerspruch, dass man nur durch den Krieg hindurch den Krieg überwinden kann, durch den revolutionären Bürgerkrieg gegen die Kapitalisten, durch Zertrümmerung ihres Parlamentes und ihres Staatsapparates. Vergleichen wir einmal die Bischöfin mit einer proletarischen Frau: “Was sollen die proletarischen Frauen dagegen tun ?? Nur jeden Krieg und alles Militärische verwünschen, nur die Entwaffnung fordern ? Niemals werden sich die Frauen einer unterdrückten Klasse , die revolutionär ist, mit solcher schändlichen Rolle bescheiden. Sie werden vielmehr ihren Söhnen sagen: Du wirst bald groß sein, man wird dir das Gewehr geben. Nimm es und erlerne gut alles Militärische – das ist nötig für das Proletariat, nicht um gegen deine Brüder zu schießen, wie es jetzt in diesem Räuberkrieg geschieht und wie dir die Verräter am Sozialismus raten, sondern um gegen die Bourgeoisie deines “eigenen” Landes zu kämpfen, um der Ausbeutung, dem Elend und den Kriegen nicht durch fromme Wünsche, sondern durch das Besiegen der Bourgeoisie und deren Entwaffnung ein Ende zu bereiten.” 11. Lenin macht hier also die Entwaffnung, das Überflüssigmachen des Militärs vom Sieg über die  Bourgeoisie abhängig, und das ist auch ganz richtig so. Also,  wenn  Frau Käßmann ihre Worte wirklich ernst nimmt, dann wirft sie die Kutte beiseite und nimmt eine Knarre in die Hand. So würde sie sich aus einer Hasspredigerin gegen die arbeitenden Menschen in Deutschland zu eine ihrer Befreierin emanzipieren.Vergessen wir nicht den wichtigen Hinweis von Marx und Engels im Manifest, dass “…der Pfaffe immer Hand in Hand ging mit dem Feudalen, so der pfäffische Sozialismus mit dem feudalistischen.” 12. Eine ihrer ersten Aktionen sollte darin bestehen, das fette Luther Denkmal an der Seite des Eingangs zur Hannoverschen Marktkirche in die Luft zu sprengen 13., denn Luther verwandelte alle Deutschen in Pfaffen. Der junge Marx erhoffte sich von einer philosophischen Verwandlung der pfäffischen Deutschen in Menschen die Emanzipation des Volkes. 14.  So sei es. Die Diskussionen um die Käßmann Äußerungen müssen von einer mittelalterlichen auf eine humanistische Ebene gehoben werden. 15.

Der uns in Europa prägende Humanismus hat seinen Umweg über China genommen. Es war der Aufklärer Voltaire, der den Ursprung der Zivilisation in geschichtsphilosohischer Hinsicht dorthin verlagerte, um die christlich abendländischen Wurzeln abzutrennen. Das Christentum taugte nicht mehr, es hatte die Welt mit konterrevolutionären Terror im Namen der, meist royalistischen, Mächte überzogen 16.und Voltaire persönlich bekam noch die Infamien der Jesuiten zu spüren. “Ecrasez l´Infame” war sein Schlachtruf, aber als bürgerlicher Aufklärer griff er nur die Institution Kirche an, nicht die Religion als solche. Rousseau, in vielerlei Hinsicht sein Gegenspieler, prägte den Satz: ein Mensch, der anderen Menschen Befehle geben will, muß krank sein. Demnach ist jeder Staat, der seine eigene Negation nicht mitdenkt, ein antihumanistisches konterrevolutionäres Machtinstrument. Die Pariser Kommune und der russische Sowjetstaat dachten ihre eigene Negation mit. Nur die Marxisten und Anarchisten sind heute Träger eines aufklärerischen Humanismus´, da aber die Anarchisten in der Emanzipation ohne Staatsgewalt  gegen die Bourgeoisie auskommen wollen, tendiert ihre revolutionäre Intensität zur Bestrafung der Konterrevolution auf Null.

1. Lenin, Sozialismus und Religion, in: Ausgewählte Werke Band II, Dietz Verlag Berlin 1980,200

2.Angela Davis hat am Beispiel der USA  die enge Verbindung von Lohndumping bei Frauen und ihrer sexuellen Vergewaltigung aufgezeigt. (Siehe: Angela Davis: Der Mythos vom schwarzen Vergewaltiger (1981),in:  absolute Black Beats orange press, 2003, 146)

3. Uwe Schünemann, Gesinnung und Verantwortung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.1.2010,8

4. Thomas Müntzer bezeichnete Martin Luther als Doktor Lügner.

5. Guttenberg lädt Käßmann zu Truppenbesuch ein. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.1.2010,4

6.Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, MEGA I,10. Dietz Verlag Belin 1977, 391

7. Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, MEW 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,431

8.Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, MEGA I,10. Dietz Verlag Berlin 1977, 390

9.a.a.O.

10. Käßmann will das Militär schon lange überflüssig machen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.1.2010,5

11. Lenin, Das Militärprogramm der proletarischen Revolution, LW 23,78

12.Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 56

13. Eine Predigt Thomas Müntzers führte zur Zerstörung der Marienkapelle zu Mellerbach bei Allstedt. So muß es sein. (Siehe:Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg, MEGA I,10, Dietz Verlag Berlin 1977,389)

14. Vgl. Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie/Einleitung, Dietz Verlag Berlin 1957, MEW 1, 386

15. Wenn Pfaffenpack im Politisch- Militärischen mitmischen will, ist revolutionäre Aufmerksamkeit gefordert. Im proletarischen Bewußtsein ist noch die Erinnerung an die Rolle des Popen, Provokateurs  und Polizeispitzels Gapon wach, die dieser in der russichen Revolution von 1905 spielte. Er lockte Arbeiter, Frauen und Kinder in eine Falle, die mit dem Blutsonntag von Petersburg endete. “Gapon übernahm es, der zaristsichen Ochrana zu helfen, ein Blutbad unter den Arbeitern zu provozieren und die Arbeiterbewegung in Blut zu ertränken.” (Geschichte der KPdSU (B) Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin, 1946, 68) …die Arbeiterbewegung in Blut zu ertränken…, daran sollten die Soldaten denken, falls Käßmann zu ihnen nach Afghanistan kommt. Wie gesagt: …der pfäffische Sozialismus geht immer Hand in Hand mit dem feudalistischen.

16. Ein Beispiel für antiroyalistische Mächte gibt Oliver Cromwell ab: als England um seine maritime Weltmacht gegen Spanien und den Niederlanen kämpfte schrieb er an einen seiner Admirale: die Banner flattern im Namen Christi.

Früchtchen der Bundeswehr und schlampiger Journalismus

5. Januar 2010 von dierostigelaterne

“Ich habe in Deutschland meine Grundausbildung gemacht.”

Seit 1962 können ausländische Soldaten an der Führungsakademie der Bundeswehr töten studieren, laut Eigenaussage der Bundeswehr geschieht dies, um Demokratie zu fördern. (Das ist aber schon Nonsens, denn Demokratie wächst aus sich selbst heraus, man braucht nicht einmal einen Mathematiklehrer, der  unkundigen Menschen das Rechnen beibrächte, man erkennt Mehrheitsverhältnisse auch ohne Rechnen zu können. Die Bundeswehr braucht den Völkern nicht beibringen, dass die Mehrheit mehr Stimmen erhalten hat als die Minderheit.)

Durch die bürgerlichen Medien geistert zur Zeit der Fall des Moussa “Dadis” Camara aus Guinea, der 4 Jahre hier zur Ausbildung war (1.) und dann auf die Demokratie in seinem Land losgelassen wurde.

Am 22.12. 2008 nutzte er das durch den Tod des langjährigen Präsidenten Conté entstandene Machtvakuum, um die Regierungsgewalt an sich zu reißen. Man sprach von einem Putsch Allemand, von einem deutschen Putsch, er selbst von einem Phänomen von Gottes Gnaden. Ganz offensichtlich hat die Bundeswehr es versäumt, ihm in vier Jahren eine wissenschaftliche Weltanschaung zu vermitteln. Er schwor auf Bibel und Koran, bei Wahlen 2009 nicht als Präsidentschaftskandidat anzutreten. Was aber seit den Dezembertagen 2008 bis heute in Guinea politisch folgte, bezeichnete die Frankfurter Allgemeine Zeitung als “Ein Jahr Herrschaft des Schreckens”( 2.) , unter einer brutalen Militärdiktatur wird gemordet und vergewaltigt. Und Camara kündigte seine Kandidatur für das Präsidentschaftsamt an. Daraufhin kam es zu einer Demonstration von c.a. 50 ooo unbewaffneten Menschen, die am 28. September im Nationalstadion von Conakry  eine Zivilregierung forderten. Soldaten eröffneten das Feuer und 150 Demonstranten kamen zu Tode. In einem UN-Bericht wird ein Prozeß gegen den Bundeswehrzögling vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gefordert. Allerdings schoß  der Kommandeur der Präsidentengarde Leutnant Aboubacar “Toumba” Diakité diesem Förderer der Demokratie in den Kopf, als er ihm wohl die Schuld für das Massacker in die Schuhe schieben wollte. Statt in Holland angeklagt zu sein, liegt er erstmal in einem Krankenhaus in Marokko.

Soweit der Hergang in den bürgerlichen Medien, die eine blutig bizarre Story zu bieten haben, aber den Hauptpunkt, welche Klassen haben sowohl in Deutschland als auch in Guinea, dort befinden sich die zweitgrößten Bauxitvorkommen der Welt, ein Interesse an Typen wie Camara, vor diesem Hauptpunkt sitzt die bürgerliche Journaille in einer platonischen Höhle. seien es nun die “Starjournalisten” der FAZ, der WELT, der ZEIT, des Spiegels, der ARD, die im Internet…u.s.w…usf. Die öffentliche Meinung wird durch die Massenmedien beherrscht, die wiederum von den Kapitalisten beherrscht werden, man kann von einem geistigen Belagerungszustand sprechen. Diese Berichterstattungen bleiben allesamt oberflächlich, beschreiben nur den oberflächlichen Handlungsablauf, weil den Verfassern  die Fähigkeit zur Klassenanalyse fehlt. Bürgerliche Berichterstattung ist auch immer Desinformation. In wissenschaftlicher Hinsicht ist es eine Wüstenlandschaft. Friedrich Engels gab uns den wichtigen Hinweis, das allenfalls das gewöhnliche “gebildete Bewußtsein”  seinen Gedankenstoff aus den Zeitungen bezieht. (3.) Mit einem gewöhlichen gebildeten Bewußtsein kann man keine proletarische Revolution durchführen, die tiefste und endgültige Revolution in der Weltgeschichte.

1. Ausbildungsstätten waren auch die Offiziersschule in Dresden, die Nachschubschule in Bremen und das Bundessprachenamt.

2.Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2009, S.2

3.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, Dietz Verlag Berlin, 1975, 270


Marx auf Abwegen

31. Dezember 2009 von dierostigelaterne

Es gab eine Zeit in Deutschland, in der die Bibel sozial in Aktion trat, namentlich durch Thomas Müntzer. Im Bauernkrieg wandten sich die aufbegehrenden rebellischen bäuerlichen Bundschuhhaufen an und gegen die Obrigkeit: “Als Adam grub und Eva spann, wo blieb denn da der Edelmann ?” War dies extrem nach rückwärts gewandt – und doch mit einem  urchristlichen anarchistischen Impuls – so wurde aber auch die Abschaffung des Zehnten verlangt. Das war – nach Friedrich Engels – die “Anticipation des Kommunismus durch die Phantasie” (1.), wie er überhaupt des weiteren “merkwürdige Berührungspunkte” zwischen Urchristentum und moderner Arbeiterbewegung feststellte.

Ich gedenke heute über einen Artikel von Reinhard Marx in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.12. 2009 zu schreiben, und doch war diese Rückerinnerung an ein Ereignis vor fast einem halben Jahrtausend notwendig, denn Reinhard Marx ist derzeitiger Erzbischof von München und Freising und die FAZ, das Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, hat diesem Vertreter des Mittelalters, der katholischen Reaktion eine ganze Seite eingeräumt, auf der er über die katholische Soziallehre als Kompass aus der Finanzkrise doziert. Nanu – könnte man sagen, an der Börse soll doch der schnelle Euro gemacht werden, und doch braucht die Börse Dunkelmänner, denn ohne Verdummung des arbeitenden Volkes läßt sich nun mal kein schneller Euro machen. Marx tritt auf als Vertreter des Papstes, der seine Glanzzeit im Feudalismus hatte, insofern sind wir mit dem deutschen Bauernkrieg erst mal auf gleicher Augenhöhe. Er nimmt Bezug  besonders auf die erste Sozialenzyklika “Rerum novarum” des Papstes Leo XIII. von 1891.

Es kann nicht ausbleiben, dass der Kapitalismus von zyklischen Krisen heimgesucht wird und es kann auch nicht ausbleiben, dass in diesen allerlei Quacksalber, Krisenkapitäne mit Kompass und Krisenlöser auftreten, die diese Krise noch ausschlachten und ihre Allheilmittel anpreisen (2.) Schauen wir heute, wie uns der Erzbischof aus der Krise führen will.  Zunächst doziert er über das Positive einer Krise, als sei er vom Kranken, Gebrechlichen fasziniert. “Das geflügelte englische Wort “You must not waste a crisis” deutet auf die produktive Chance der Krise hin.” (3.) Krisen werden wir nicht verhindern können, diesen Satz mag man einem Kirchenmann verzeihen, die Aufgabe der politischen Ökonomie ist es gerade, die Ursachen der kapitalistischen Krisen aufzuzeigen und die Mittel ihrer Überwindung, (das hat dann allerdings ein anderer Marx getan). “Die Krise ist ein produktiver Zustand…”(4.), mit diesem Satz beginnt (Reinhard) Marx und sie sei ja auch nicht zu einer Katastrophe geworden, denn nur rund ein Viertel der Haushalte in Deutschland spürt die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Das heißt doch aber nicht, dass die Krise für 75 % positive Auswirkungen hat. Im Gegenteil, global betrachtet hatte doch eine Kettenreaktion von Insolvenzen Millionen Menschen außer Lohn und Brot gesetzt, die nun unproduktiv dahinvegetieren. Der Erzbischof muß selbst zugeben, dass die Krise stets die Schwachen und Armen am stärksten trifft und er will ihnen mit dem “Licht” (!!) der katholischen Soziallehre helfen. Ein Licht käme demnach aus dem Mittelalter auf uns zu, vergessen wir indeß nicht den Hinweis von Lenin, dass die Religion eine Art geistiger Fusel ist.(5.)  Und Engels verortet Religion in den “bornierten und unwissenden Vorstellungen des Wildheitszustandes.” (6.) Der Marxismus Leninismus verwirft ja die Priestertrugstheorie, die von den französischen Aufklärern verwandt wurde und die in Friedrich dem II. von Preußen einen Anhänger fand,nach der der Pfaffe naive unschuldige Menschen manipuliert, nein, es sind die Ausbeutungsverhältnisse, die diesen Fusel produzieren und der Konsumenten wie Prediger gleichermaßen benebelt. Oder ist es sonst zu verstehen, dass der Wunsch des Bischofs, dass es nicht um Märkte, sondern um Menschen gehe, gerade in der Sozialen Marktwirtschaft in Erfüllung gehen soll, dass diese auf moralischen Entscheidungen fusse, dass ihr moralische Maßstäbe zugrunde liegen. (7.) Eine striktere moralische Einhaltung der Regeln dieser Wirtschaftsordnung dämpfe zukünftige Krisen. Da muss der Bischof aber einen großen Schluck Fusel zu sich genommen haben, denn gerade das Jahr 2009 hat doch demonstriert, wie sehr der Mensch in der Sozialen Marktwirtschaft im Mittelpunkt steht, die nach Marxens Meinung auch die Schwächeren beteiligt: eine Altenpflegerin wurde entlassen, weil sie sechs übrig gebliebene Maultaschen aus der Heimverpflegung mitgenommen hatte, bei Arbeitsgerichten sind anhängig Kündigungen wegen einer Frikadelle, Brotaufstrich, das Aufladen eines Handys sowie zwei Pfandbons im Wert von 1,30 €.(8.) Thomas Müntzer hielt zu Beginn des Bauernkrieges eine Predigt im Schloß zu Allstedt:”Die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei seien die Fürsten und Herren; sie nehmen alle Kreaturen zum Eigentum,die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden. Und dann predigen sie gar noch den Armen das Gebot: Du sollst nicht stehlen, sie selber aber nehmen wo sie´s finden, schinden und schaben den Bauern und den Handwerker; wo aber dieser am Allergeringsten sich vergreife, so müsse er hängen, und zu dem Allen sage dann der Doktor Lügner Amen.” (9.) Mit dem Doktor Lügner ist Martin Luther gemeint, aber sagt nicht auch Reinhard Marx zu dem Allen Amen, was die Soziale Marktwirtschaft an Menschen verstümmelt ? Abgesehen davon, dass die Sätze Müntzers, wiedergegeben aus der Schrift von Friedrich Engels über den deutschen Bauernkrieg, belegen, wie wichtig und aktuell das Studium dieser Schrift von Engels ist, ist doch deutlich, wie sehr das ganze offizielle Deutschland noch im Mittelalterlichen steckt, dass das deutsche Bürgertum vor der selbständigen Regung der Arbeiter und Bauern mehr Furcht hat als vor jeder beliebigen feudalen Reaktion. Das Bürgertum mit seinen Juristen, dem Klerus, der Bürokratie, den Bankiers und den an ihren Fäden hängenden Politikern, das sogenannte offizielle Deutschland…repräsentieren diese Elemente nicht alles  das, was in Deutschland abgestorben ist ?  “Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt. Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.” (10.) Nach Reinhard Marx hatte der Staat in der Finanzkrise gar keine andere Chance, als die großen Banken zu retten. Ein anderer Marx forderte im Kommunistischen Manifest: “Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.” (11.) Reinhard Marx wurde 1953 als Sohn eines Schlossermeisters geboren, stammt also auch nicht gerade aus Kreisen der Hochfinanz, und es ist betrüblich, wie er so auf Abwege kommen konnte. Einen Weg aus der Krise kann er im Grunde nicht aufzeigen, viele gestelzte Worte, aber mit Gedankengut aus dem Feudalismus ist man ja auch auf dem Holzweg. Viele hochtrabende Sätze über Moral, Verantwortung, Haftung, Wechselspiel zwischen Freiheit und Ordnung…usw…usf. Aber einen Lösungsweg ? Rien ! (12.)

1. Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, MEGA I,10 Dietz Verlag Berlin, 1977,382. “Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung Aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit wurde verlangt.” (a.a.O.,432).

2.Im Kommunistischen Manifest heißt es: “Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse , die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Verhältnisse nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor.” Marx Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 19f.

3. Reinhard Marx, Die Soziallehre als Kompass, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12. 2009,12

4.a.a.O.

5. “Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenanlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen…” Lenin, Sozialismus und Religion, in: Ausgewählte Werke Band II, Dierz Verlag Berlin 1980,200.

6. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, Dietz Verlag Berlin 1975, 275

7. Charles Fourier schreibt über den ach so sozialen Handel: ” Ich war im Katechismus unterrichtet und man hatte mir gepredigt, nicht zu lügen, Dann nahmen sie mich in das Geschäft, um mich in die noble Kunst des Betrugs und die noble Kunst des Verkaufs einzuweisen.” (Charles Fourier, Ewiger Hass dem Handel, in: Charles Fourier, Der Philosoph der Kleinanzeige, Semele Verlag Berlin, 2006,51f. Ein biblischer Deckmantel über einen Wirtschaftsmarkt ist widersinnig. Moralphilosophie und Moraltheologie gleiten an jeder Marktwirtschaft ab, sei diese nun sozial oder asozial. Asoziale Marktwirtschaft ist viel treffender.

8.siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.12.2009,12: BAG verteidigt Kündigung wegen Bagatellen. Nach Aussage der Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts Ingrid Schmidt in der Süddeutschen Zeitung “…gibt es keine Bagatellen…”. Eine diensteifrige Juristin im Dienste des Kapitals. Kann noch befördert werden. Man denkt unwillkürlich an Rousseaus Gedanken, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass es nur die Institutionen sind, die ihn verderben. Vor Freislers Volksgerichtshof gab es auch keine Bagatellen, ein Witz über Hitler konnte tötlich sein, besser: war ein Todesurteil.

9.Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkreig, MEGA I,10, Dietz Verlag Berlin 1977,390. So auch noch der Gedankengang bei James Baldwin: “Wir wissen, dass Wasser und Luft der gesamten Menschheit gehören, nicht nur den Industriellen.” (James Baldwin: Offener Brief an meine Schwester Angela Davis (1970) in: absolute Black Beats, orange press Freiburg 2003,122f.

10. Marx Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 29f.

11.a.aO.,50. In den Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland hieß es in der Neuen Rheinischen Zeitung: “An die Stelle aller Privatbanken tritt eine Staatsbank, deren Papier gesetzlichen Kurs hat. Diese Maßregel macht es möglich, das Kreditwesen im Interesse des ganzen Volkes zu regeln, und untergräbt damit die Herrschaft der großen Geldmänner.” (zit. in: Karl Marx, Einleitung und Auswahl von Franz Borkenau, Fischer Taschenbuch 1973,117

12. Dazu stellt ein Leserbrief in der FAZ vom 5.1.2010 von Peter Weber aus St.Leon- Rot (Titel: Eine Soziallehre ohne konkrete Vorschläge)  fest, dass der Artikel vom Bischof auf den ersten Blick kreative Denkansätze enthalte, dass er es dann aber versäume, die Soziallehre als Kompass darzustellen. “…oder liegt es an der fehlenden  Substanz derselben, praktische Fragen des Lebens beantworten zu können ?” (FAZ 5.1.2010, 6) Ich kann dieser Frage nur zustimmen, der Bischof gibt ja keinerlei konkrete Angaben über den substantiellen Inhalt der Lehre, wie will er sie dann als Kompass aus der Krise anwenden ?

Heinz Ahlreip, geschrieben in der Sylvesternacht 2009

Pipes Kommunismusbuch

22. Dezember 2009 von dierostigelaterne

Der Zusammenbruch der sich auf den Moskauer Leninismus beziehenden sozialpolitischen Gesellschaftssysteme, der, läßt man einmal das revolutionäre Albanien, das sich ja von ihm abgewandt hatte,  außen vor, 1991 abgeschlossen war, hat nicht nur sozial und weltpolitisch verheerende Auswirkungen gehabt, sondern auch ideologisch. Man war auf einmal zurückgeworfen auf das Gedankengut der bürgerlichen Aufklärung, die genuin mit dem radikalen Zweifel Descartes anhob. Dahin hat es diese bürgerliche Aufklärung gebracht, dass an allem zu zweifeln ist, nur nicht an der Fehlerhaftigkeit des egoistischen Menschen und dass er folglich zum Kommunismus nicht tauge, da der Egoismus eine anthropologische Konstante sei.  Diese konterrevolutionäre Doktrin steht eisern. Inzwischen aber hat sich gezeigt, dass die Verelendung der Weltbevölkerung trotz des Sturzes der kommunistischen Tyranneien zugenommen hat, daß der Imperialismus drauf und dran ist, die ganze Welt in einen einzigen blutigen Klumpen zu verwandeln (1.) und dass nur ausgenommen dumme und ausgenommen dreiste Menschen damals von blühenden Landschaften phantasieren konnten. Wer den Imperialismus mit einem menschlichen Anlitz maskiert, ist ein schäbiger Volksbetrüger und gehört versetzt, sagen wir, unter die Känguruhs nach Australien. Wenn also Professor Pipes 2001 eine Generalabrechnung mit dem Kommunismus vorlegt, so kann man sagen,das Buch kommt 10 Jahre zu spät (2.) In der Euphorie des die Kommune wie die Pest hassenden Bürgertums wäre es um die Jahreswende 1991/1992 noch verständlich gewesen. Es war immerhin der führende Kopfjäger der Roten Armee Fraktion, der Ex-BKA Chef Horst Herold, der 2000 zu der Einsicht kam, dass das Scheitern des Kommunismus Probleme hinterlassen habe, die zu seinem Entstehen geführt hätten. (3.) Pipes ist in der angelsächsischen Tradition ein Vertreter des common sense, des gesunden Menschenverstandes, und wir finden durch seine Kommunismuswiderlegung eine vortreffliche Bestätigung der Worte von Friedrich Engel, dass der gesunde Menschenverstand, “…ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände  ist, er  ganz wunderbare Abenteuer erlebt, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt…”(4.) Pipes bezeichnet Stalin als schizophren, wir werden am Ende der Buchbesprechung sehen, auf wen dies wirklich zutrifft.

Es ist wohl auch der angelsächsischen Tradition geschuldet, dass  Pipes eine recht bizarre, umständliche geistesgeschichtliche Ableitung des Marxismus offeriert, phantasiereich, aber undiszipliniert: der Marxismus gehe zurück auf Plato, Locke und Helvetius. Das klingt gelehrt, der Kern der Sache ist aber ein anderer: Im Selbstverständnis des Marxismus und auch objektiv richtig sind drei Quellen zu nennen: die klassische deutsche Philosophie, der französische radikale Sozialismus und die bürgerliche englische politische Ökonomie, die alle von Marx kritisch überwunden wurden. (5.) Pipes gleitet hier ab, weil er die Methode der immanenten Kritik mißachtet: sich in den Kreis der Stärke der Logik des Gegners zu stellen und diesen von innen heraus zu destruieren. Auf Lenins Schrift: “Drei Quellen und drei Bestandteile des Marximus” geht Pipes nicht ein, das wäre aber die Bedingung gewesen, um die klassische deutsche Philosophie, den französischen Sozialismus und die englische politische Ökonomie durch Platonismus, Lockeanismus und durch die französische Aufklärung in Gestalt von Helvetius zu ersetzen. Vor allem der Materialist Helvetius hat es ihm angetan, ja er zeichnet ihn sogar als einen Vater der Oktoberrevolution: “In gewisser Hinsicht stellte der von Lenin im November 1917 in Russland errichtete kommunistische Staat ein grandioses Experiment in Sachen öffentliche Erziehung dar, das auf der Grundlage des von Helvetius entwickelten Modells versuchte, einen vollkommen neuen, von allen Übeln einschließlich dem vom Besitzstreben freien Menschen zu erschaffen.” (6.) Also eine Art “Besserungstyrannei”.

Es ist beliebt, die Thematik des Kommunismus mit allgemeinen Reflexionen über die Gleichheit aller Menschen einzuleiten. Pipes deutet den Kommunismus Marx Engelscher Prägung als Schreckensszenario der Gleichheit aus, ohne aber überhaupt näher auf die Dialektik zwischen bürgerlicher und proletarischer Gleichheit einzugehen. (Dass die Aristokratie den Gleichheitsgedanken verwirft, versteht sich ja von selbst). Die französische Egalite von 1789 beinhaltete die politische Gleichheit in Form der Abschaffung von Klassenprivilegien, jedoch nicht die Abschaffung der Klassen selbst. Für den Bourgeois bedeutet letztere Abschaffung natürlich eine Gesellschaft der Uniformität, was sie mitnichten ist. Der Verdienst der materialistischen Dialektiker Marx und Engels besteht gerade darin, die ideologisch ins Überzeitliche verzeichnete Kategorie der Gleichheit klassenmäßig konkretisiert zu haben. Es ist bürgerliches Vorurteil, Gleichheit als ewige Wahrheit zu betrachten, selbst heute noch manchmal religiös verzerrt (vor Gott sind alle Menschen gleich und Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit). Marx wies im “Kapital” darauf hin, dass das bürgerliche Vorurteil sich erst recht in einer warenproduzierenden Gesellschaft verfestigt. “Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und die gleiche Gültigkeit aller Arbeit, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesellschaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, also auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist.” (7.) Nichts einfacher als die bornierte bürgerliche Gleichheitsideologie dem Kommunismus unterzuschieben. Indem aber die proletarische Revolution der menschlichen Arbeitskraft den Warencharakter nimmt, fällt auch der ganze bürgerliche Gleichheitsschwindel in sich zusammen.

Da Pipes aber in seinem ganzen Buch die Themen nur oberflächlich streift, kommt er auch zu einer völlig abwegigen Deutung des Kommunismus als religiöses Phänomen: “Die emotionale Wirkung dieser Lehre gleicht der von Religionen, insofern sie ihren Anhängern die unerschütterliche Überzeugung verleiht, dass, gleichgültig, wie viele Rückschläge sie auch erleiden, ihre Sache am Ende triumphieren muss.” (8.) Das kann man natürlich schreiben, wenn man Marx die Feuerbach´sche Religionskritik unterschiebt. “Der Begriff der Verdinglichung bezeichnet die Vergegenständlichung (Konkretisierung) eines Abstraktums. Laut Ludwig Feuerbach nannte Marx als Beispiel dafür die Neigung des Menschen, alles, was er als gut und erstrebenswert erachtet, auf ein (nach Marx´ Auffassung) nicht existentes Wesen zu projizieren, dass er als “Gott” bezeichnet.” (9.) So sah es Feuerbach, Feuerbach hat bekanntlich seine Religionskritik nicht Karl Marx übereignet. Karl Marx hat in seinen Feuerbachthesen vielmehr kritisiert, das Feuerbach vom Abstraktum Mensch ausgeht und nicht zu den gesellschaftlichen Wurzeln des religiösen Übels durchdringt. Laut Karl Marx muss man die gesellschaftlichen Bedingungen verändern, aus denen Religionen gestiftet und produziert werden, gleich welche -ismen diese haben. “Feuerbach sieht daher nicht, daß das religiöse Gemüt selbst ein gesellschaftliches Produkt ist und daß das abstrakte Individuum, das er anaylisiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angehört.” (10.)

Pipes gleitet auch am zweiten Kapitel seines Buches ab, in dem er den Leninismus abhandelt. Er beginnt mit einem zaristischen Ansatz und fängt die Hinleitung zum Leninsmus mit Peter dem Großen an, was originell erscheinen kann, gelänge der Übergang in die Thorie des Leninsmus. Aber von diesem zaristischen Ansatz kann Pipes sich nicht lösen, er verbleibt in einer längst überholten Geschichtsauffassung, dass große Männer Geschichte betreiben. So ist es nur folgerichtig, dass er die Theorie Lenins durch dessen Biografie ersetzt und der Leser nichts über den wissenschaftlichen Gehalt des Leninismus erfährt, die in ihm enthaltene Imperialismusanalyse, der Leninismus als Marxismus in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution, die Theorie des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande, die Lenin und Stalin gegen Trotzki durchsetzten. Im April 1924 hielt Josef Stalin Vorlesungen an der Swerdlow Universität über die Grundlagen des Leninismus, die auch als Broschüre, auch in englischer Sprache erschienen.(11.) In diesen Vorlesungen wird das Wesen des Leninismus in hervorragender Weise dargelegt. Auch hier geht Pipes nicht auf das Wesen der Sache ein, erwähnt diese Schrift nicht einmal, seine Widerlegung des Leninismus rutscht deshalb ins Lächerliche ab und läuft darauf hinaus, dass Lenin halt ein böser Mensch war.(12.) Das sind die Gelehrten, die nur über den Sachen sind, weil sie nicht in den Sachen sind. Folgt man der Geschichtsauffassung des reaktionären preußischen Historikers Treitschke, dass Männer Weltgeschichte machen, bleiben Überzeichnungen nicht aus, die bis ins Karikaturhafte gehen können. Das Lieblingswort Pipes ist in dieser Beziehung: inszenieren. Nicht nur soll Lenin den russichen Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen inszeniert haben(13.),  sondern er wollte auch einen Zweiten Weltkrieg anzetteln (14.). Es gehört zur Seriosität eines Historikers, objektive Tatsachen zu berücksichtigen, Klassen, Massen, einzelne Personen bewirken nichts. (15.) Das Ziel der arbeitenden Menschheit, der Weltgeschichte, des proletarischen Endkampfes liegt nach der Heroentheorie nicht an ihrem Ende, sondern in ihren Genies. Der Personenkult ist genuin volks- und massenfeindlich, als wäre das geniale Gehirn Lenins der Scheitelpunkt der kommunistischen Weltbewegung. Lenin wies  darauf hin, uns zu hüten, Revolution mit großen Buchstaben zu schreiben, in der Dialektik zwischen Kollektivität und historischer Persönlichkeit dominiert das Kollektiv.

Aber es geht noch flacher. In der wohl traurigsten Stelle des Buches geht Pipes auf das Verhältnis der Industriearbeiter zum Bauerntum ein, dass die Marxisten “das Bauerntum als eine kleinbürgerliche Klasse und somit als einen eingeschworenen Feind der Industriearbeiter”  betrachteten, “ungeachtet des Umstands, dass die Mehrheit der russischen Industriearbeiter aus Dörfern stammte und dorthin auch enge Beziehungen unterhielt.” (16.) Bekanntlich zersetzte sich das “Bauerntum” in Klein- und Mittelbauern und in Kulaken, die richtigen Beziehungen zu diesen drei Bauernklassen bezeichnete Lenin wiederholt als die Schlüsselfrage der Diktatur des Proletariats, wobei die freundschaftlichen Beziehungen zu den Kleinbauern der entscheidende Schlüssel war. Man kann zu Lenin weltanschaulich und menschlich stehen, wie man will, aber man wird anerkennen müssen, dass er eine Präzision in der Analyse der Klassen einer gegeben Gesellschaft an den Tag legte, die an Schärfe ihresgleichen sucht. Allein die quantitative Relation zwischen der relativ kleinen Schar der Industriearbeiter und den zahlenmäßig alles dominierenden Bauern hätte eine derartig martialische Politik ins Selbstmörderische getrieben. Hätten die Bolschewiki das Bauerntum wirklich als eingeschworenen Feind der Industriearbeiter betrachtet und behandelt, so stünde heute nach 85 Jahren kein Lenin Mausoleum mehr, wäre Stalin nicht über 30 Jahre Generalsekretär der KPdSU gewesen (17.) Die Völker sind nicht so dumm, wie Pipes meint. Der Sieg des Sozialismus im Großen Vaterländischen Krieg war gerade deshalb möglich, weil das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern in der Roten Armee hielt.Warum ist zum Beispiel Fidel Castro ein halbes Jahrhundert anerkannter Führer der kubanischen Revolution ? Ein Volk läßt sich nicht ein halbes Jahrhundert lang betrügen ! Pipes hätte besser daran getan, sich vor der Niederschrift seines Buches einmal mit dem Begriff der Bauernschläue zu befassen. Dann wäre ihm folgende Peinlichkeit nicht unterlaufen: “Die Kollektivierung bedeutete für die Bauern einen Rückfall noch hinter den Status, den sie vor 1861 als Leibeigene innegehabt hatten.” (18.) Vielleicht dachten die Nazis so und waren sich daher eines weiteren Bltzkriegsieges sicher.

Das Scheitern des sowjetischen Kommunismus, das im Grunde ein Scheitern des Revisionismus war, erklärt uns Pipes auf eine wirklich “originelle” (19.) Art: “Der Niedergang des Systems setzte ein, als sich Stalins Nachfolger nach seinem Tod für Stabilität entschieden und die Bürger nicht länger die Notwendigkeit der ihnen abverlangten Opfer einsahen.” (20.) Hier kommt das In-Szene-Setzen, das Inszenieren von Geschichte wieder ins Spiel: also im Gegnsatz zu Lenin und Stalin waren deren Nachfolger nicht mehr auf das Inszenieren von Geschichtskrisen aus, die allein Bürger duckmäuserisch hält. So entstand eine Atmosphäre der Apathie, in der am Ende selbst die sowjetische Elite den Zusammenbruch relativ gleichgültig hinnahm. “Der Kommunismus in Rußland hatte sich selbst verzehrt.” (21.) Ein fürwahr vortrefflicher Satz ! (22.) Wenn man von dem Ausgangspunkt der Sowjetunion ausgeht, an dem Lenin die Sowjets als Keimformen des Absterbens jedes Staates bezeichnete, so ist vielmehr zu fragen, wie konnte es zu der Fehlentwicklung kommen, dass heute eine Diktatur der Sowjet-KGB-Mafia in Rußland existiert. Durch die Auflösung der Maschinen-Traktor-Stationen 1958 wurden ungeheure Mengen von Produktionsinstrumenten der Landwirtschaft in die Bahn der Warenzirkulation geworfen und diese Erweiterung des Wirkungsbereichs der Warenzirkulation ging bis zu dem Punkt, an dem ein Umschlag von Quantität in Qualität erfolgte- für das Proletariat in negativer, für die Bourgeoisie in positiver Hinsicht, insofern durch diese ökonomische Verschiebung das Wertgesetz auch wieder Regulator der Produktion wurde. Durch Überhandnehmen der Warenzirkulation aus der Kurve zum Kommunismus geschleudert, nahm die Lokomotive einen Kurs in Richtung Konsumismus, an dessen Ende sich die Staatsstreichgewinnler an ihren Gulaschhäppchen übergeben mußten.

1. “Das Geschäft mit dem Krieg kennt keine Krise” lautet der Titel eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11.12.2009, S.19. Ein neues Wettrüsten hat das Waffengeschäft zu einem gewaltigen Wachstumsmarkt gemacht in einer gewaltigen globalen Rüstungsspirale. “Nach Berechnungen des Internationalen Instituts für Friedensforschung in Stockholm (Sipri) sind die Militärausgaben auf der Welt seit Ende der neunziger jahre um etwa 90 % gestiegen. Die Welt hat in einem seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gekannten Maß aufgerüstet…” Dabei ist die deutsche Industrie nach den USA und Rußland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt, 70 % der deutschen Rüstungsproduktion gehen ins Ausland. Was sind denn das für interessante Früchte einer sog. “friedlichen Revolution” ? Der ehemalige Offizier der US Marine, Christopher A. Preble bezeichnet in seinem Buch: “The Power Problem” (Cornell University Press, Ithaca New York 2009,212 S.) die gegenwärtige us-amerikanische Militärstrategie als  größenwahnsinnig, die die Welt unsicher mache. Die US-Militärmaschine sei so gigantisch, dass nach immer neuen Kriegen gesucht werden muss. Washington könne heute wohl mehrere Kriege unterschiedlicher Intensität gleichzeitig führen. (siehe: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.1.2010,6)

2. In deutscher Sprache erschien es erst 2003 im Berliner Taschenbuch Verlag (Verlagsgruppe Random House). Pipes (geboren am 11. Juli 1923 in Cieszyn/Polen als Sohn eines Unternehmers) lehrte 46 Jahre an der Harvard Universität ( von 1950 bis 1996) und war an ihr von 1968 bis 1973 Direktor des Zentrums für russische Studien. Während des Kalten Krieges stand er einem Gremium von auswärtigen Experten namens Team B vor, das die strategischen Ziele und Kapazitäten der Sowjetunion für die CIA eruierte.

3.Vgl. Horst Herold, Die Lehren aus dem Terror, Süddeutsche Zeitung Nr 116, 30./31. Mai 2009, Seite 9

4. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Marx Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Dietz Verlag Berlin, 1953, 120

5. Siehe: Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, LW 18,576ff.

6. Richard Pipes, Kommunismus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,21

7. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23, 74

8. Richard Pipes, Kommunsimus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,24. Man findet ein Seitenstück dazu bei bei Alexis de Tocqueville: Die französische Revolution ist selbst eine Art neue Religion geworden, die “…gleich dem Islam , die ganze Erde mit ihren Soldaten, ihren Aposteln und ihren Märtyrern überschwemmt hat.”( Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, Kapitel: Die französische Revolution war eine politische Revolution, die in der Art religiöser Revolutionen verlief, in: rororo klassiker, Rowohlt Verlag Hamburg, 1969, 24) Indeß kam es doch auf ihrem Höhepunkt 1793/94 zu einer heftigen Entchristianisierungsbewegung.

9.a.a.O.,31

10.Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3,7

11.J,W,Stalin, Über die Grundlagen des Leninmus, in: Stalin: Fragen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin 1951, 9ff.

12.1926 wurde noch eine wichtige Schrift von Stalin verfasst: Zu den Fragen des Leninismus, in: Stalin: Fragen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin 1951,134f.

13. Richard Pipes, Kommunismus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,65

14.a.aO.,79

15. Vgl. Lenin; Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, LW 24,47

16. Richard Pipes, Kommunismus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,71f.

17. Stalins Leichnam wurde nicht 1956 aus dem Leninmausoleum entfernt (siehe Pipes,114),  sondern erst 1961. Das ist ja gerade das Nachdenkenswerte, dass die Revisonisten aus Angst vor einem Volksaufstand Lenin noch 5 Jahre neben einem vom XX. Parteitag ausgewiesenen Verbrecher liegen ließen. Auch Pipes sieht Stalin gerne so, zum Beispiel als Mörder Kirows:”1934 fiel ein prominenter Bolschewik, der Sekretär der Leningrader Parteiorganisation Sergej Kirow, einem Attentat zum Opfer; obwohl die Umstände des Attentats niemals ganz geklärt wurden, deuten etliche Indizien auf Stalin als Drahtzieher des Mordes hin.” (a.a.O.,93) Entweder, Herr Professor, nenen sie diese Indizien oder sie schweigen. Natürlich malt er die auf die Ermordung Kirows folgenden Säuberungen in den dunkelsten Farben, sieht sich aber immerhin zu der Angabe gezwungen, dass nur 1,4 % der Bevölkerung im Gulagsystem inhaftiert waren. Auch führt er, was für einen us-amerikanischen Professor lobenswert ist, richtig aus, dass die Sowjetunion die Hauptlast des Zweiten Weltkrieges zur Niederringung der Nazibarbaren zu tragen hatte. “Allein bei der Schlacht um Kiew im Sommer 1941 verloren 616 000 russische Soldaten ihr Leben, und die Offensive im Don-Becken zwei Jahre später forderte in den Reihen der Roten Armee 661 000 Opfer. Ausländische Wissenschaftler veranschlagen die sowjetischen Gesamtverluste im Zweiten Weltkrieg auf zwanzig Millionen Menschenleben…über das Dreifache der Verluste der Wehrmacht an der Ostfront (2,6 Millionen) . Von den rund fünf Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, starben zwischen 1,9 und 3,6 Millionen an Unterernährung, in Gaskammern oder bei Erschießungen.” (a.a.O.,112f.) Zahlen, die den Kapitalismus anklagen, nicht den Kommunismus.

18.a.a.O.,91

19. Die Krisentheorie, dass autoritäre Regime Krisen zu ihrer Aufrechterhaltung benötigen, wird vertreten von Michail Heller und Aleksandr Nekrich: Utopia in Power: The History of the Sovjet Union from 1917 to the Present, New York 1986,201. Hier ist nun allerdings schon der Titel falsch, denn die Sowjetunion wurde erst 1922 gegründet.

20. Richard Pipes, Kommunismus, Berliner Tasenbuch Verlag 2003,86

21.a.a.O.,126. Wer hatte mit dem Zusammenbruch, mit dem Fall der Berliner Mauer zu diesem Zeitpunkt gerechnet ? Nicht einmal bei den gesellschaftswissenschaftlichen Experten war ein Hauch von Ahnung vorhanden. Dieser Zusammenbruch ist das am schwersten Fassbare im 20. Jahrhundert.

22.Eine kleine, aber nicht unwesentliche Unachtsamkeit unterläuft Pipes, wenn er doziert, daß die Sowjetunion für die Ewigkeit errichtet worden sei (a.a.O.,126). Lenin bezeichnete die Sowjets als Vorboten des Absterbens jedes Staates. (Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution,LW 24,72) Es scheint sich zu rächen, dass Pipes nach eigener Aussage in seiner Jugend nicht über die Sowjetunion nachgedacht hat. Die Sowjetunion ist nach der Pariser Kommune, die nach den Worten von Friedrich Engels schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr war, der zweite Staat, der mit der Intention seiner Aufhebung im Kommunismus gegründet wurde.

Aus der Tätigkeit des Volkskommissars Dzierzynski

1. Dezember 2009 von dierostigelaterne

Zwischen 1921 und 1924 gab es auf dem Gebiet der russischen Sowjets grosse Transportprobleme, Lenins Partei stellte den Genossen  Dzierzynski an die Spitze des Volkskommissariats für Verkehrswesen.

Abgesehen davon, daß es 1921 in weiten Gebieten eine Mißernte und eine Brennstoffkrise gab, Loks wurden mit Torf geheizt, und der technische Standard selbstredend sehr niedrig war, hatte der Bürgerkrieg zirka 80 Prozent des Eisenbahnnetzes zerstört, galt es, 4000 Eisenbahnbrücken, 59 Prozent der Loks und 23 Prozent der Waggons instand zu setzen. Der Vorsitzende der staatlichen Plankommission, Gleb M. Krshishanowski (1872 – 1959) sprach von “…regelrechten Friedhöfen zerstörter Waggons und Loks”. 1. Der Güterumschlag betrug 1920 nur 27,8 Prozent gegenüber 1913, es wurden nur 61 Loks und 129 Waggons gebaut. Die Handelsflotte war zu 82 Prozent zerstört. In dieser Situation ernannte das ZK der Kommunistischen Partei Felix Dzierzynski (1877 – 1926) zum Volkskommissar für Verkehrswesen.

Der erste Schritt zur Lösung der gigantischen Aufgabe bestand in der Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter/innen. Im Gouvernement Moskau wurde Dzierzynski Vorsitzender der Kommission zu Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter/innen.  Zunächst mußte genügend Wohnraum geschaffen werden. Aus den Kommunehäusern (Arbeiterwohnheime) wurden alle Bewohner exmittiert, die keine körperliche Arbeit leisteten. Sodann wurden alle Moskauer Lagerräume inspiziert, um alle nichterfaßten Besitzwerte zu beschlagnahmen und an die Arbeiter/innen zu verteilen. Während der Tätigkeit Dzierzynskis wurde die Lebensmittelversorgung der Arbeiter/innen des Verkehrswesens verbessert. Trotz großer Schwierigkeiten konnte das Plenum des ZK der Kommunistischen Partei im September 1923 die Löhne der Eisenbahner/innen erhöhen. In den besonders harten Wintermonaten 1922 fand man Dzierzynski in Sibirien. Der Volkskommissar verfügte u.a. , den Eisenbahnern unterwegs eine warme Mahlzeit zu verabreichen. Gleichzeitig mit ihm traf eine große Sendung von Winteruniformen in Sibirien ein, und persönlich bestellte er in Moskau Filzstiefel, Halbpelze, Mützen und Fausthandschuhe. Ohne diese sozialen Verbesserungen war an eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität nicht zu denken.

Während seiner Zeit in Moskau konnte man jeden Nachmittag von 3 bis 4 Uhr in die Sprechstunden des Volkskommissars kommen. Wir erinnern uns an die Perestroikazeit, in der uns hochtrabende Reden über allerlei Demokratismen, Transparenz, Demokratisierung der Strukturen etc gehalten wurden, nur gab es weder Volkskommissare noch Sprechstunden. An das arbeitende Volk haben die Perestroikaspitzbuben als allerletztes gedacht. Hingegen war die persönliche Beteiligung des Kommissars Dzierzynski an den Subbotniks (freiwillige Arbeitseinsätze) selbstverständlich. Er war viel unterwegs, zog es vor, sich an Ort und Stelle ein Bild zu machen. Eisenbahner, Seeleute, Hafenarbeiter, Verkehrskader waren in den nächsten Jahren seine Gesprächspartner. Dabei legte er die Überzeugungsmethode zugrunde. Einer der Leiter des Südbezirks schrieb später, wie Dzierzynski “…in seinem Eisenbahnwaggon die führenden Funktionäre zusammenrief und ihnen eine ganze Nacht lang Argumente darlegte, warum er das System der Verwaltung von Land-  und Wasserstraßen verändert wissen wollte.” 2. Unnachsichtig kämpfte er gegen jede Erscheinungsform des Bürokratismus. Wohl oder übel mußte das Volkskommissariat abspecken – der Stellenplan des Verkehrswesens wurde von 1 725 000 im April auf 760 000 im Juni 1923 gekürzt. Breits im Dezember 1921 sprach Lenin auf dem IX. Sowjetkongreß davon, daß in diesem Jahre organisatorische Verbesserungen auf dem Gebiet des Verkehrswesens zweiffelos erreicht worden seien. Die Mängel im Verkehrswesen wurden durch die Kritk-Selbstkritik-Methode bekämpft, Fehler wurden nicht vertuscht. “Je klarer und je rascher wir alle unsere Mängel, die größten Versäumnisse und die Auswirkungen einer falschen Wirtsvhaftsführung erkennen, desto schneller werden wir sie beseitigen und positive Ergebnisse in unserer Arbeit erzielen können.” 3.

Aller Tätigkeit wurde der internationale Klassenkampf zugrundegelegt. “Es gibt keine einzige Wirtschaftsfrage, die außerhalb der weltweiten Perspektive des Klassenkampfes gelöst werden kann.”4. Ohne kollektive Anstrengung (wie etwa bei den Subbotniks) hätte die junge Sowjetunion die gigantischen Probleme nach ihrer Geburt nie in den Griff bekommen. So wurden zum Beispiel 1921 bei der Petrograder Eisenbahn 1470 Subbotniks veranstaltet, an denen 175 000 Arbeiter/innen teilnahmen. Damals setzte die Sowjetunion nicht auf eine Handvoll internationaler Experten, wie zur Zeit der Perestroika, sondern auf kollektives Denken und Handeln ihrer Völker. Dzierzynski wußte, daß “…das kollektive Denken und Wollen, das kollektive Schöpfertum der Arbeiter selbst…zu einem neuen Faktor beispiellosen, gigantischen Wachstums von Industrie und Verkehrswesen werden”5. kann. Und so wurde selbst ein auf den ersten Blick von der Politik so entlegenes Gebiet wie das Verkehrswesen zu einer Kernfrage der Diktatur des Proletariats, des Zusammenwachsens von Arbeit in der Industrie und Arbeit auf dem Lande. “Der Kampf um die Erhöhung der Rentabilität des Verkehrswesens, um seine Arbeit ohne Defizitist…ein Kampf…um die Festigung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft…” 6. Schon damals versuchten die Trotzkisten dieses Bündnis zu verhindern. Georgi Pjatakow (1890 – 1937) forderte wiederholt die Beteiligung ausländischen Kapitals im sowjetischen Verkehrswesen. Unter anderem wollte er die Waggonreparaturwerkstätten deutschen Firmen in Konzession geben. Diese zwielichtigen Vorschläge fanden im Volkskommissariat für Verkehrswesen kein Echo. “Jene Herren, die uns empfehlen, das ausländische Kapital an unseren Eisenbahnen zu beteiligen, haben in ihren tiefsten Innern nicht die Interessen der ökonomischen Entwicklung des Landes im Auge, sondern politische Interessen, die wir zurückweisen müssen.” 7. Das sowjetische Verkehrssystem wurde weder dem ausländischen Kapital noch gemischten Gesellschaften ausgeliefert. Nicht ohne Stolz auf die geleistete Arbeit aller Werktätigen im Verkehrswesen konnte Dzierzynski 1924 verkünden: “Denkt daran, wie uns die ausländischen Wissenschaftler für die Eisenbahn prophezeiten, daß wir im März zugrunde gehen werden. Jetzt kommen sie alle an und können sich nicht genug darüber auslassen, wie in Rußland das Verkehrswesen in Gang gekommen ist. Die ausländischen Propheten fassen es nicht, was kollektiver Wille heißt, was es bedeutet, die eigenen Stellen behaupten zu wollen.” 8.

Ich will den Leser nicht mit statistischen Erfolgsmeldungen überschütten, nur so viel: Wurden die Kosten im Verkehrswesen Ende 1922 noch zu vierzig Prozent durch Stützungen abgedeckt, so konnte im Wirtschaftsjahr 1923/24 auf sie verzichtet werden. Das Verkehrswesen war für den Staat in nur drei Jahren zu einem gewinnbringenden Wirtschaftszweig geworden. Im Oktober 1923 gab es eine Reserve von zirka 3 000 betriebsfähigen Loks.

Auf dem VI. Unionskongreß der Gewerkschaft der Schiffahrtsarbeiter/innen im Januar 1924 konnte Dzierzynski die Bilanz ziehen, daß der Seetransport seine Hauptaufgabe – den Getreideexport – 1923 erfolgreich gelöst hatte. Im gleichen Monat fand die XIII. Parteikonferenz der Kommunistischen Partei statt. Eine ihrer Resolutionen lautete:  “Das Verkehrswesen befindet sich in einer solchen Verfassung, daß es ohne besondere Schwierigkeiten allen Forderungen der Volkswirtschaft gerecht zu werden vermag.” 9.

Der Marxismus relativiert die Bedeutung der großen historischen Persönlichkeiten, Volkskommissare haben revolutionäre Durchsetzungkraft durch die Beachtung des Prinzips der Kollektivität, der Überzeugung, der Mitarbeit an den Subbotniks, Dzierzynski ist ein Musterbeispiel hierfür.

1. Siehe G.M. Krshishanowski, Ausgewählte Schriften, Moskau 1957,425, russ.- Der sowjetische Transport 1917 – 1927, Moskau 1927, 229,russ.

2.Feliks Dzierzynski, Biografie, Dietz Verlag Berlin 1981, (Übersetzung aus dem Russischen, verfasst von einem Autorenkollektiv),327

3. Offizieller Teil des Boten des Verkehrswesenss, Nr. 342 vom 22.12.1923

4. siehe ZSAdO Leningrads, Fonds 98, Liste 1, Akte 2, Blatt 8; Fonds 1000, Liste 5, Akte 22, Blatt 1, in: Feliks Dzierzynski, Biografie, Dietz Verlag Berlin 1981, 333

5.siehe ZSAdO, Fonds 5474, Liste 5, Akte 447, Blatt 1, in Feliks Dzierzynski Biografie, Dietz Verlag 1981,351

6. Feliks Dzierzynski, Ausgewählte Werke Band 1,424

7.zit. in: Zofia Dzierzynska: jahr großer Kämpfe, Militärverlag DDR 1977,366 f.

8.Torgowo – Promyschlennaja Gaseta (Handels – und Industriezeitung), 20. Juli 1924

9. Die KpdSU in Resolutionen, Bd. II, 519

Ostexperte Leonhard Der Umgang mit Marx Engels Lenin Stalin am Beispiel des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion

28. November 2009 von dierostigelaterne

2008 belegte bei einer Meinungsumfrage des staatlichen Fernsehens “Rossija” über die bedeutendste Persönlichkeit Rußlands Josef Stalin den ersten Platz. U.a. dieses Umfrageergebnis war der Anlaß für Wolfgang Leonhard, der letzte Überlebende der Gruppe Ulbricht, sein vor dem Stalinismus warnendes Buch “Anmerkungen zu Stalin” 1. zu verfassen. Mit großer Sorge registriert Leonhard eine zunehmende Verherrlichung Stalins in Rußland und gegen diese Tendenz will er aufklären über das Wesen des Stalinismus.

Auf diese Aufklärung fällt aber gleich am Anfang des Buches ein trüber Schatten und der Autor bringt sich selbst um seine Seriosität, wenn er allen Ernstes behauptet, Stalin sei während der Oktoberrevolution “abgetaucht” 2. Zwar relativiert der Marxismus, für den die Volksmassen Geschichte machen,  die Bedeutung sog. großer historischer Persönlichkeiten, vor allem aber basiert er auf unumstößliche historische Tatsachen, und da sollte man es dem Leser, der aufgeklärt werden soll, nicht vorenthalten, dass Stalin sowohl bei der Sitzung des ZK, in der über den Aufstand abgestimmt  wurde, nicht nur anwesend war, sondern auch in das politische Zentrum zur Leitung des Aufstandes gewählt wurde. Darüber hinaus wurde Stalin auch in das praktische Zentrum zur organisatorischen Leitung des Aufstandes gewählt, nicht aber Trotzki, kurz: in allen wichtigen Zentren zum bewaffneten Aufstand war Stalin vertreten, und keiner der Genossen, auch Lenin nicht, soll  die Fahnenflucht bemerkt haben ? Übrigens behauptet eine solche Ungeheuerlichkeit nicht einmal Trotzki. Aber sehen wir weiter, wie Leonhard in einer inhaltlich ideologischen Fragestellung vorgeht ?

“Immerhin waren der Internationalismus und mit ihm die Weltrevolution wesentliche Prinzipien der Revolutionslehre von Marx und Engels gewesen. Doch schon mit seiner Doktrin vom “Sozialismus in einem Land” hatte sich Stalin davon gelöst.” 3.  So wird Geschichte konstruiert, so wird der qualitative Unterschied zwischen dem klassichen Kapitalismus und dem Imperialismus beiseite geschoben. Bekanntlich kam Lenin auf Grund seiner Imperialismusanalyse zu dem Ergebnis, dass auf Grund der Ungleichmäßigkeit der politischen und ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus nach 1900 der Aufbau des Sozialismus durchaus in einem Land möglich ist. 4. Lenin und Stalin wußten, dass das, wenn man so will, eine Abänderung der klassischen marxistischen Lehre von der internationalen proletarischen Revolution ist. Lenin mußte seine neue Theorie u.a. gegen Trotzki verteidigen und die richtige Darstellung hätte herausstreichen müssen, dass Stalin diesen antitrotzkistischen Kampf fortsetzte.

Aus dieser prinzipiell falschen Darstellung, der “Doktrin”  : Sozialismus in einem Land, folgen nun nach Leonhard alle weiteren Abweichungen vom Marxismus , die er bei Stalin bemerkt haben will. So auch Stalins neue Theorie des Kampfes zweier Systeme. Auch hier ist wieder der Versuch allzu deutlich, Stalins Kopf von dem Lenins  zu trennen. Bekanntlich war sich schon Lenin bewußt, dass die Sowjetunion auf unabsehbare Zeit das einzige Sowjetland bleiben und dass es folglich zu einem Kampf auf Leben und Tod zwischen der Sowjetunion und dem Weltkapitalismus kommen könnte.

Auch sind natürlich Stalins Konzept einer Planwirtschaft und sein Kampf gegen die Gleichmacherei nichts originär Stalinistisches, sondern darüber hat schon der klassische Marxismus Nötiges  gesagt: Mit der “…Behandlung der heutigen Produktivkräfte nach ihrer endlich erkannten Natur tritt an die Stelle der gesellschaftlichen Produktionsanarchie eine gesellschaftlich-planmäßige Regelung der Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie jedes einzelnen.” 5. Und zur Gleichmacherei schreibt der gleiche Engels: “Die Vorstellung der sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der Gleichheit ist eine einseitige französische Vorstellung, anlehnend an das alte “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit”, eine Vorstellung, die als Entwicklungsstufe ihrer Zeit und ihres Ortes berechtigt war, die aber, wie alle Einseitigkeiten der früheren sozialistischen Schulen, jetzt überwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den Köpfen anrichten und präzisere Darstellungsweisen der Sache gefunden sind.” 6. Es gibt einfach kein “Marx´sches Gleichheitsideal” , wie Leonhard behauptet.  7.

Ganz von Sinnen zu sein scheint Leonhard, wenn er Stalin die Thorie unterjubelt, für ihn bleibe der Staat im Kommunismus bestehen.8. Hier hätte der Leser doch allzu gern einmal die Angabe  überprüft, doch diese fundamentale Aussage Leonhards bleibt ohne Beleg. 9.Offensichtlich geht er davon aus , dass er den Leser nach 110 Seiten genug genasweist hat, damit er auch diese Ungeheuerlichkeit passieren läßt. Und so einmal neugierig gemacht, fragt man sich natürlich, wie denn dieser kommunistische  Staat aussehen soll ?

Wenn ein Student, sagen wir, der Soziologie, nach dem dritten Semester eine derartige Arbeit abgibt, so ist das zwar traurig, aber bei entsprechenden Korrekturen kann man noch Hoffnung haben, wenn aber ein Gelehrter, der seit 60 Jahren Kommunismusforschung im Westen betreibt, zudem über zwanzig Jahre als Professor für Geschichte des Kommunismus an der Yale Universität vorlas,  dermaßen publiziert, so ist doch zu fragen, wer ihm die Brille bezahlt, dass er den Marxismus Leninismus dermaßen schief liest.

1. Wolfgang Leonhard, Anmerkungen zu Stalin, Rowohlt Verlag 2009,187 Seiten

2. a.a.O.,48

3.a.a.O.,88

4. Siehe Lenins Schriften: “Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa” aus dem Jahr 1915. LW 18,399 und : “Das Militärprogramm der proletarischen Revolution” aus dem Jahr 1916, LW 23,74

5.Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Ausgewählte Schriften Band 2, Dietz Verlag Berlin 1953,138

6.Friedrich Engels, Brief an Bebel, London 18. – 28. März 1875, a.a.O.,34

7. Siehe hierzu auch: Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, a.a.O.,16 f.

8. Wolfgang Leonhard, Anmerkungen zu Stalin, Rowohlt Verlag 2009,110

9.Was Leonhard selbst anführt, eine Rede Stalins auf dem 14. Parteitag 1930 (siehe S.99), widerlegt ihn, nicht Stalin: “Wir sind für das Absterben des Staates. Wir sind jedoch gleichzeitig für die Verstärkung der Diktatur des Proletariats, der stärksten und mächtigsten Staatsmacht, die jemals bestanden hat. Höchste Entwicklung der Staatsmacht zur Vorbereitung der Bedingungen für das Absterben der Staatsmacht – so lautet die marxistische Formel. Ist das widerspruchsvoll ? Ja. es ist widerspruchsvoll. Aber dieser Widerspruch ist dem Leben eigen, und er widerspiegelt vollständig die Marx´sche Dialektik.” Es ist ein einfaches Bild aus den Kindheitstagen der neuzeitlichen Dialektik: nach der Knospe die Blüte, nach der Blüte die Frucht…und das Absterben. (Siehe Hegel: Phänomenologie des Geistes, Vorrede, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1980,10) Also Aufhebung des Staates durch seine Totalisierung, durch sein Aufblühen  hindurch.

Heinz Ahlreip, November 2009

FÜHRT DIE LEHRE VON DER DENKWEISE DIE ARBEITER ZUM KOMMUNISMUS ? Kritik an der MLPD

15. November 2009 von dierostigelaterne

“wie die Lebensweise der Menschen,so ist ihre Denkweise.” (1.)

In der Roten Fahne, dem Organ der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), wurde in der Nr. 47/1991 eine aufschlußreiche Kontroverse geführt: ist zur Erklärung der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion die Produktionsweise ausschlaggebend oder die kleinbürgerliche Denkweise einer entarteten Machtelite ? Die Rote Fahne stellte die These auf, daß die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion ihren Ausgang im Überbau genommen hätte. Es folgte eine über mehrere Jahre in Briefen geführte Kontroverse mit Klaus Arnecke und Anette Roth, die sich immer tiefer in den Irrweg der Lehre von der Denkweise verstrickten. Auf den Vorschlag vom 13. Januar 1993, die Kontroverse zu einer Broschüre zusammenzufasssen und sie der Arbeiterklasse als Richterin vorzulegen wurde nicht reagiert. Inzwischen verbohrte und verbiesterte sich die Führung der MLPD immer mehr in die Lehre von der Denkweise, die Mitläufer zogen mit. Die Herausgabe dieser Broschüre war längst überfällig. Und diesmal wurde reagiert ! Aber auf welche Art und Weise ? Parteiausschluss durch Entzug des Parteibuches scheint das letzte Auskunftsmittel der Partei des weisen Denkers  zu sein gegen Mitglieder, die ihre Fähigkeit zum kritischen Denken im marxistischen Sinne noch nicht eingebüßt haben. Die Parteioberen treten auf nicht nur als Ankläger und Richter ohne Urteilsbegründung: Parteiausschluß innerhalb von 24 Stunden. Ohnehin hätte die Anklageschrift im vorliegenden Fall nur in einer inhaltlichen Widerlegung dieser Broschüre liegen können. Die Partei hütete sich davor – eine Widerlegung dieser Broschüre wäre einer Widerlegung des Marxismus – Leninismus gleichgekommen. So wurde lediglich gefordert: “Das Papier muß vom Tisch !” Es ist das alte Lied: Auch der Papst forderte bereits: Die Lehre Galileo Gallileis müsse vom Tisch. Soviel hat diese kleine Broschüre immerhin bewirkt: Über den Weg des formalen Parteiausschlusses werden Mitglieder aus der Marxistischen Leninistischen Partei ausgeschlossen wegen: Verteidigung des Marxismus-Leninismus.

Seit einigen Jahren tritt in der Theoriegeschichte des Marxismus eine merkwürdige Erscheinung auf: eine Partei läßt die Grundlagen des Marxismus bestehen, es habe aber eine “Verschiebung” stattgefunden, die nur sie bemerkt habe: die Marxisten-Leninisten hätten bisher nicht die Bedeutung der Denkweise im Klassenkampf erkannt. Die Bedeutung der Denkweise sei in die Theorie und Praxis der Befreiung des Weltproletariats einzuführen, weil sich die soziale Zusammensetzumg der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 verändert habe (2.), ja zu einer ganzen Lehre von der Denkweise, zu einer neuen Theorie ist dies alles ausgearbeitet worden und es versteht sich fast von selbst, daß zum Beispiel der Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Gesellschaftssysteme zurückzuführen sei auf eine kleinbürgerliche Denkweise von Revisionisten. Diese weltgeschichtliche Bedeutung soll also die westdeutsche Studentenschaft nach 1945 gehabt haben.

In der Tat ist aber die Lehre von der Denkweise keine Weiternetwicklung der marxistischen Theorie, sondern eine ziemlich lokal-bornierte Angelegenheit, die sich wohl nur im theorielastigen, zurückgebliebenen Deutschland bilden konnte, dem träumerischen und duseligen deutschen Volk sagte schon immer mehr die Flucht in das Denken zu, statt die harte Wirklichkeit konkret zu analyysieren (3.) Eine rühmliche Ausnahme bildeten Marx und Engels, die in der “Deutschen Ideologie” diesen Sachverhalt genau beschrieben. Ändere ich meine Denkweise, so ändert das an der Wirklichkeit nichts, ich sehe diese nur anders. Die ganze Geschichte der Philosophie ist ein fortlaufender Beweis, daß die Denker die Wirklichkeit stets anders dachten, einschließlich der Linkshegelianer, an deren Kritik Marx und Engels den historischen Materialismus entwickelten. “Diese Forderung, das Bewußtsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. es vermittelst einer anderen Interpretation anzuerkennen. (4.) Die MLPD ist die konservativste Partei in Deutschland. (5.)

Die entscheidende Aussage betreffs der Bedeutung der Denkweise im historischen Materialismus stammt von Karl Marx im 18. Brumaire. “Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum …kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden.” (6.) Schon auf den ersten Blick wird klar, daß für Marx die materialistisch abgeleitete Denkweise von Individuen und Klassen lediglich Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung ist, er wehr sich ja gerade ganz entschiden dagegen, Denkweisen als eigentlichen Bestimmungsgrund und Ausgangspunkt des politisch-historischen Handelns zu nehmen, als habe er das Aufkommen pseudaowissenschaftlicher Denkweisetheoretiker erahnt. Die Denkweise wird von Marx im Reich der Einbildung verortet, eine Theorie, die die Denkweise zur “….entscheidenden Triebkraft des gesellschaftlichen Fortschritts” hochstilisiert (7.), steht von vornherein dem Marx´schen Wissenschaftsbegriff diametral entgegen. Um wissenschaftlichen Marxismus und Einbildung dennoch irgendwie zusammenzubringen wird von Annette Roth (MLPD) gegen Marx ein Zitat von Engels (8.) bemüht (9.). “Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des menschlichen Lebens. Mehr haben weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das darin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenem Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus…üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente…” (10.) Was leitet Frau Roth daraus ab ? “Diese Wechselwirkung gilt auch im Sozialismus. Es hängt entscheidend von der vorherrschenden Denkweise ab, ob die Entwicklung im Sozialismus vorwärts schreitet zur klassenlosen Gesellschaft im Kommunismus oder ob sie zurückfällt zur Restauration des Kapitalismus.” (11.) Es steht natürlich jedem frei, sich mit dem Marxismus zu befassen, nur zu den Schlußfolgerungen aus dieser Beschäftigung, zu den Früchten sozusagen, möchten wir doch noch ein Wörtchen mitreden. Engels legt die Wechselwirkung zwischen Basis und Überbau in der Tat so dar, daß man sie wissenschaftlich-materialistisch und argumentativ verwenden kann, Basis und Überbau sind nicht gleichwertige Elemente (12.), schon gar nicht hat der Überbau das Übergewicht, so daß es entscheidend von der Denkweise abhinge, welchen Inhalt, welche Richtung eine gesellschaftliche Bewegung nimmt, sondern letztinstanzlich setzt sich durch die Wechselwirkung als Notwendiges die ökonomische Bewegung durch (13.). Engels äußert sich ganz deutlich, nach materialistischer Anschauung der Geschichte sind “….die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen…” (14.), sondern immer in der Ökonomie. Es gehört zu den Grundaussagen des Marxismus, daß der Überbau eindeutig von der Basis her bestimmt wird, der Kommunismus ist ja gerade eine Gesellschaft ganz ohne Überbau, die “Basis” reduziert auf die gesellschaftlich notwendige Arbeit. Wäre nun die Denkweise im Überbau ausschlaggebend, so wäre die kommunistische Revolution ganz zwecklos, weil sich der Überbau ja wechselseitig mit der Basis entwickelte, es gibt immer Basis, aber – und etwas anderes hat die Konterrevolution nie behauptet – es gibt auch immer (!) Überbau (15.)  Zur Täuschung der Arbeiter wird natürlich der Überbau, dessen Träger die unproduktive Klasse darstellt, als ausschlaggebend, als für die Existenz der ganzen Gesellschaft lebensnotwendig suggeriert, aber schon die Oktoberrevolution hat gezeigt, daß es ein Vorurteil ist, zu behaupten, die Ausgebeuteten können nicht ohne Ausbeuter leben. Wie sehr der Überbau etwas von der Basis Abgeleitetes ist wird deutlich im Kommunistischen Manifest, wo es heißt, daß sich das Proletariat nicht aufrichten kann, “…ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird. (16.)

Also eins von beiden: entweder: Die ökonomischen Bedingungen sind schließlich die entscheidenden (Engels) , oder: die Entwicklung zum Kommunismus hängt entscheidend von der Denkweise ab (Annette Roth) – und so zeigt sich die Lehre von der Denkweise genau auf der Schnittstelle zwischen Revolution und Konterrevolution liegend. Nach Engels bestimmen die verschiedenen Momente des Überbaus die Form der geschichtlichen Kämpfe, also im Mittelalter alles zum Beispiel im religiösen Gewand – Thomas Müntzer wollte einen Bauernsozialismus, mit dem Schwert in der einen, mit der Bibel in der anderen Hand, im Vormärz war die intellektuelle Atmossphäre in Deutschland so stark philosophisch geprägt, daß sich die 48er Revolution in philosophischen Formen ankündigte -, aber wenn die Entwicklung vom Sozialismus zum Kommunismus nun ebenfalls entscheidend von der Denkweise abhängig gemacht wird, handelt es sich bei der Konstellation Sozialismus – Kommunismus um eine Frage der Form oder des Inhalts ? Oder bei der Rückverwandlung des sowjetischen Sozialismus in einen Kapitalismus ?

Der Grundtenor der MLPD-Darstellung lautet: im Gegnsatz zur chinesischen Kulturrevolution habe unter Stalin die Kontrolle der Administration mit ihrer Tendenz zur kleinbürgerlichen Denkweise nicht durch die Mobilisierung der Massen, sondern zunehmend durch die politische Geheimpolizei stattgefunden. Dadurch sei die kleinbürgerliche Denkweise gegenüber der proletrischen dominant geworden und hier liege der Schlüssel für die Restauration. Aber ist denn nicht klar, daß, selbst wenn die Lehre von der DEnkweise ein Körnchen wissenschaftlicher Wahrheit enthalten würde, es für den historischen Materialisten völlig unmöglich ist, die Ursache für einen ökonomischen Formationswechsel im Überbau zu suchen, und daß es zweitens für den dialektischen Materialisten darauf ankommt, in einem Transformationsprozess die dialektischen Grundgesetze herauszukristallisieren, also: Einheit und Kampf der Gegensätze, hier zwischen Marxisten und Revisionisten, die beide unter dem Banner der proletarischen Revolution kämpfen, wobei aber letztere im Kapitalismus gegen die proletarische Revolution, im Sozialismus für den Kapitalismus kämpfen, zweitens Umschlag von Quantität in Qualität, hier: wie und wann war der Restaurationsprozess quantitativ so stark, daß ein Umschlag gegen den Sozialismus erfolgen konnte und schließlich das dritte Grundgesetz der Dialektik, Negation der Negation, hier: die Oktoberrevolution 1917 liquidierte den Kapitalismus (über den Umweg der NEP), die Konterrevolution liquidierte den Leninschen Sozialismus, war der aus dieser zweiten Negation entstandene Kapitalismus der klassische oder welche spezifischen Eigentümlichkeiten trug er gegenüber dem westlichen etc. ? Zudem muß man beachten, daß alle drei dialektischen Grundgesetze sich prozessual wechselseitig durchdringen, was natürlich die Darstellung ungemein schwieriger macht. Willi Dickhut hat ein dickes Buch über die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion geschrieben, aber die drei dialektischen Grundgesetze findet man darin nicht. Es stellt sich also die Frage: sieht er sie Welt als ein Komplex von Prozessen oder als ein Komplex feriger Dinge ? Die Lehre von der Denkweise ist gerade so ein fertiges Ding, ein Deus ex machina, es  tauchen zwangsläufig die Fragen auf: war zuerst die Bürokratie oder war zuerst die kleinbürgerliche Denkweise da ? Waren zuerst die Revisionisten oder waren zuerst die Tendenzen zum Kapitalismus da ? Fragen dieser Art ergeben sich zwangsläufig in der metaphysischen Denkweise, die aus der Arbeitsteilung von Hand- und Kopfarbeit resultiert. Die marxistisch geschulten Arbeiter/innen wissen nur zu genau, daß der Denkweiseschwindel nur in einer Partei verfangen konnte, in der die Kopfarbeiter dominieren. Alle Ideolgie läuft auf Versklavungsideolgie hinaus. Und es hilft nichts, sich bei klassenbewußten Arbeitern dadurch anzubiedern, daß man sich völlig mit der Arbeiterklasse verschmelzen möchte, denn erstens ist dies wiederum unmarxistisch – wovon weiter unten – und zweitens erkennen dieklassenbewußten Arbeiter auch die noch so geschickt getarnten Unterdrückungsinstrumente gegen sie selbst. Es liegt in der Konsequenz der Denkweiseapostel, daß sie von den drei Kampfformen des Proletariats: ökonomisch, politisch, ideologisch, den ideologischen Kampf als führenden Faktor bezeichnen (17.). Zwar darf der ideologische Kampf nicht vernachlässigt werden, aber von einer führenden Rolle weiß der Marxismus nichts. (18.) Das sind eben diese modernen Zusätze, die die Weiterentwicklung des Marxismus ausmachen sollen.

Eine weitere Weiterentwicklung soll sein, dass  es vor allem darauf ankomme, sich mit dem Proletariat zu verschmelzen. “Die Führer der kleinbürgerlichen ML-Bewegung waren unfähig, sich tatsächlich tief mit dem Proletariat zu verbinden, von ihm zu lernen, sich mit ihm zu verschmelzen und eine proletarische Denkweise anzunehmen.” (19.) Hier liegt nun wiederum eine Preisgabe des Marxismus vor. Das Proletariat wird als Fetischpopanz mißbraucht, ungeachtet der Tatsache, daß zum Beispiel während der Pariser Kommune ein Teil der Arbeiter mit den Versaillern ging- als ob das Heilmittel in der Arbeiterklasse zu suchen sei, als ob die Arbeiterklasse von sich aus eine proletraische Denkweise (d.i. richtiger formuliert: die dialektisch-materialistische Weltanschauung) entwickeln kann. In wissenschaftlicher Hinsicht bleibt sie ganz auf dem Niveau der Kleinbourgeoisie, deren hervorstechender Theoretiker Proudhon von Marx wie folgt charakterisiert wird. Er begreift nicht “…die gegenwärtigen sozialen Zustände in ihrer Verkettung (engrenement)…” (20.) Wie Proudhon begreifen auch die Arbeiter selbst ihre eigenen sozialen Zustände nicht in ihrer Verkettung. In wissenschaftlicher Hinsicht ist der Marxismus kein Ergebnis der Arbeiterbewegung, so daß ein Verschmelzenmit dem Proletariat einer Preisgabe der Wissenschaft gleichkäme. Von den drei Bestandteilen des Marxismus sind sogar zwei bürgerlicher Provenienz: die klassische deutsche Philosophie und die englische politische Ökonomie. Und es wäre gerade Ausdruck einer “kleinbürgerlichen Denkweise”, künstliche Schranken zwischen sogenannter bürgerlicher und sogenannter proletarischer Denkweise zu errichten. “Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz…Das sozialistsiche Bewußtsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandens.” (21.) Lenin bezeichnete diese Worte Kautskys als sehr treffend und wertvoll, denn Lenin setzte alles daran, die Arbeiterklasse mit der Wissenschaft zu verbinden, nicht aber die Wissenschaft in der Arbeiterklasse vor die Hunde gehen zu lassen, sich mit der Arbeiterklasse zu verschmelzen und eine proletarische Denkweise anzunehmen. Die Avantgarde darf sich eben nur bis zu einem gewissen Grade mit der Arbeiterklasse verschmelzen. (22.) Als ob die Arbeiterklasse von der Durchdringung der Gesellschaft durch den Warenfetischismus ausgenommen wäre. Warum ist es Marx gekungen, in einer völlig vom Warenfetischismus durchdrungenen Gesellschaft eine wissenschaftliche Durchdringung deises Phänomens darzustellen ? Warum fällt der Marxismus nicht selbst unter die Fetisch- “Wissenschaften ? Es ist ihm dies nur gelungen durch die Ejtwicklung der materialistischen Dialektik, nicht zufällig läßt Marx im “Kapital”, das das Geheimnis des Fetischcharakters der Ware lüftet, seine dialektische Methode von dem russischen Ökonomen Illarion Ignatjewitsch Kaufmann (1848 – 1916) erläutern, und in dieser Erläuterung führt Kaufmann aus, daß Marx die gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozess betrachtet “…den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewußtsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewußtsein und Absichten bestimmen…Wenn das bewußte Element in der Kulturgeschichte eine so untergeordnete Rolle spielt, dann versteht es sich von selbst, daß die Kritik, deren Kritik die Kultur selbst ist, weniger als irgend etwas anderes, irgendeine Form oder irgendein Resultat des Bewußtseins zur Grundlage haben kann, das heißt, nicht die Idee, sondern nur die äußere Erscheinung kann ihr als Ausgangspunkt dienen.” (23.) Marx widerspricht dieser Darlegung keineswegs, sondern fällt das Urteil, daß Kaufmann eine treffende Charkterisierung seiner materialistischen Dialektik gelungen sei. Nun ist klar, daß die Denkweise der Arbeiter keine herausragende Rolle in der Geschichte spielen kann, denn die Menschen machen Geschichte aus dem Bestreben heraus, ihre Bedürfnisse zu befriedigen (24.) Die Lehre von der Denkweise ist keine Weiterentwicklung der Lehre von Marx, sondern führt die Arbeiterklasse in eine Sackgasse. Sie ist lediglich ein Schnuller, aus dem unsere Denkweise-oberlehrer beständig ihr abartig-apartes Avantgardebewußtsein saugen. Für die Geschichte ist es indeß ganz unerheblich, ob ein MLPD-Mitglied tief in sein Innerstes eindringt und nach den Linien seiner kleinbürgerlichen oder proletarischen Denkweise forscht und sich abends fragt:habe ich heute gegen die proletarische Denkweise gesündigt- die Geschichte hat sie freigesprochen: sie dürfen sündigen, soviel sie wollen. Denn: “Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum, dem sie durch Tradition und Erziehung zufließen, kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden. (25.) Abgesehen davon, daß diese Darstellung von Marx eine Art Quintessenz des Zusammenhangs der Grundkategorien Eigentum und Ideologie enthält, wird auch noch die Denkweise ganz in die Sphäre des negativ Illusionären gerückt, Klassen und Individuen unterliegen einer Täuschung, wenn sie meinen, ihre Denkweise bestimme ihr Handeln, unterliegen einer Täuschung, wenn sie meinen, entscheidend für richtig politisch-geschichtliches Handeln sei ihre Denkweise. Die Lehre von der Denkweise vertreten, heißt gerade Illusionen in der Arbeiterklasse zu verbreiten, heißt gerade die ganze marxistische Aufklärungsarbeit auszulöschen.

Es führt kein Weg, keine Verschiebung in der sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 an der Aussage im Kommunistischen Manifest von 1848 vorbei: ” Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände. In allen diesen Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor.! (26.) Der Kern der marxistischen Weltveränderung ist die revolutionäre Liquidierung des bürgerlichen Eigentums. Die gegenmarxistische Lehr von der Denkweise resultiert aus der Veränderung der sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945, immer mehr Jkeinbürger fanden den Weg in die Universitäten. Es konnte nicht ausbleiben: die Lehre von der Denkweise ist gerade Ausdruck dieser Verschiebung.

1. Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, Volks Verlag Singen, 1949,32

2.Im Revolutionären Weg, dem theoretischen Organ der MLPD, wird im Ergänzungsband 1/94 – Konspekt zur Frage der Denkweise im Revolutionären Weg 1 bis 15 – in der Einleitung angeführt. “Die Grundlage des Marxismus-Leninismus bleibt, heite ist aber eine Verschiebung eingetreten. Der entscheidende Faktor im Parteiaufbau ist die Denkweise.” (Gesprächsnotiz von Willi Dickhut vom 6.5.92). Auf Seite 81 wird dann näher auf diese Verschiebung eingegangen: “Die Studenten der früheren Jahrzehnte kamen im wesentlichen aus Kreisen der Großbürger, Großagrarier und höheren Beamten. Nach dem II. Weltkrieg verschob sich das Schwergewicht der sozialen Herkunft mehr und mehr auf mittel- und kleinbürgerliche Schichten.” Wie diese Verschiebung mit der Denkweise zusammenhängt wird in dem Band nicht erläutert.

3. Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie, MEW 3,13

4.a.a.O.,20

5. Vgl. a.a.O.

6. Karl Marx, Der XVIII: Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, 139

7.Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5. 1995                  Es ist schnell hingeschrieben: Die Denkweise entscheidet den Charakter der Gesellschaft, aber statt MLPD-Broschüren wiederzukäuen sollte Frau Roth sich lieber einmal folgende Passage aus dem “Elend der Philosophie” durch ihren Denkweisekopf gehen lassen: “Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften…Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.” (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, MEW 4,130). In einer anderen Passage führt Marx aus, daß die Theoretiker des Proletariats. je mehr es sich entwickelt, es nicht mehr nötig haben “…die Wissenschaft in ihrem Kopf zu suchen…” (MEW 4,143). Das wurde 1847 geschrieben. Seitdem hat sich das Proletariat mehr und mehr entwickelt, nur die MLPD fängt wieder mit “Kopfarbeit” an. Sie ist die konservativste Partei in Deutschland.

8. In der Tat wird vom späten Engels eine Korrektur am Marxismus der “Deutschen Ideologie” vorgenommen, aber es ist aufschlußreich, diese Korrektur genau zu studieren, sie zu durchdenken, denn keineswegs wird in die grundsätzliche Dialektik zwischen Basis und Überbau so gravierend eingegriffen, daß es entscheidend von der Denkweise abhinge, in welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickelt: “…wir alle haben zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc. zustande kommen. Das hat dann den Gegnern willkommnen Anlaß zu Mißverständnissen resp. Entstellungen gegeben…Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom sogenannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewußtsein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt, sonst wäre es eben kein ideologischer Prozeß. Er imaginiert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozeß ist, leitet er seinen Inhalt wie seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinem eigenem oder den seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbeshen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und zwar ist ihm dies selbstverständlich, da ihm alles handeln, weil durchs denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint.” (Engels an Franz Mehring vom 14. Juli 1893, in: Briefe über den historischen Materialismus 1890 – 1895, Dietz Verlag 1979,63f). Die Lehre von der Denkweise ist ein Musterbeispiel kleinbürgerlicher Verstrickung in Ideologie, in seiner ideologischen Verblendung hält der deutsche Kleinbürger die Denkweise für entscheidend ohne das Denken auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung zu untersuchen. Da also aus dem Marxismus für eine Lehre von der Denkweise nichts zu holen ist, muß der umgekehrte Weg beschritten werde: sie muß ihm untergejubelt bzw. in ihn hineinprojiziert werden. Der ganze “Revolutionäre Weg- Ergänzungsband 1/94″ stellt diesen krampfhaften und peinlichen Versuch dar.

9.Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995

10.Engels an Joseph Bloch 21.9.1890, in: Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 – 1895), Dietz Verlag Berlin,1979,28

11. Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995

12.Vgl. Engels an Conrad Schmidt 27.10.1890: in diesem Brief spricht Engels zum Verhältnis von Basis und Überbau von einer “….Wechselwirkung zweier ungleicher Kräfte…”, in: Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 – 1895), Dietz Verlag Berlin, 1979,35

13. Vgl. Engels an Joseph Bloch 21.9.1890,29

14.Friedrich Engels: Anti-Dühring, MEW 20,24

15. Es ist vielleicht mehr als nur eine Entgleisung, wenn die MLPD beschwörend formuliert: ” Proletraische Denkweise…als nie endender, fortlaufender Prozeß…” (Revolutionärer Weg Ergänzungsband 1/94 Konspekt zur Frage der Denkweise im Revolutionären Weg 1 – 15, 1994, 208) Die elementare Quintessenz des Marxismus ist gerade der geschichtswissenschaftliche Nachweis, daß das Proletariat nicht ewig existiert hat und nicht ewig existieren wird. Proklamiert man die proletarische Denkweise als ewigen Prozess, so zeigt sich darin gerade eine erzmetaphysische “Kleinbürgerliche Denkweise”, eine Spur des historischen Materialismus findet man auch mit der Lupe nicht.

16.Narx, Engels: Manifest der Kommunistischen Parte, MEW 4,473

17. Programm der Marxistisch-Leninistischen Partei, Entwurf, Januar 1999, Verlag Neuer Weg, Essen, 31

18.Vgl. Friedrich Engels: Der Bauernkrieg in Deutschland, Vorbemerkung zur dritten Auflage 1875, MEW 7,541

19.Stefan Engel: Die Maotsetungideen und die Lehre von der Denkweise, Beiträge zur Theorie und Praxis der internationalen Revolution Nr. 4, Verlag Neuer Weg, 1993,28

20. Marx an Annenkow, MEW 4,547

21.Kautsky,in: Die Neue Zeit 1901 – 1902, siehe LW 5,395

22. Vgl. Lenin, Der “Linke Radikalismus”, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971,567. Aber natürlich ist der Lernprozess zwischen Avantgarde und Masse nicht einseitig. Für Lenin denken die berufsrevolutionäre keineswegs für alle, nimmt die Menge keineswegs keinen Anteil an der Bewegung. Vgl. Lenin: Was tun ? LW 5,482. Und nach einer sozialistischen Revolution, die den bürgerlichen Ideologen die Mittel wegnimmt. ihr konterrevolutionäres Gift unter die Werktätigen zu mischen, kann dieser wechselseitiger Lernprozess wesentlich besser gedeihen.

23. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,26

24. “Das Scheitern der Utopisten, darunter der Volkstümler, Anarchisten, Sozialrevolutionäre, erklärt sich unter anderem dadurch, daß sie die primäre Rolle der Bedingungen des materiellen Lebens der Gesellschaft nicht anerkannten und – in Idealismus verfallend – ihre praktische Tätigkeit nicht auf der Grundlage der Bedürfnisse der Entwicklung des materiellen Lebens der Gesellschaft aufbauten…” (Josef Stalin: Über dialektischen und historischen Materialismus, Volks- Verlag Singen (Hohentwiel), 1946,23. Ein interessanter Hinweis zum Scheitern der MLPD. Kleinbürgerliche Ideologen sind unfähig, die primäre Rolle der Bedingungen des materiellen Lebens anzuerkennen, kleinbürgerliche Politiker sind unfähig, ihre praktische Tätigkeit auf der Grundlage der Bedürfnisse des materiellen Lebens aufzubauen.   “…Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten der Entwicklung des Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor.” (Engels an Marx, 13.2.1851). In dieser Aussage von Engels über den allgemeinen Charakter einer Revolution sucht man vergeblich die Bemerkung, daß es entscheidend von der Denkweise abhänge, welche Entwicklung eine Gesellschaft nimmt. Aber natürlich ist es schwierig für Leute, die sich ganz auf die Denkweise versteift haben, zu begreifen, was Engels mit der materiellen Gewalt der Notwendigkeit gemeint haben könnte. Ja mehr noch. Es wird von einer Selbstlosigkeit des Proletariats gepredigt. In den Gewerkschaften zum Beispiel “müssen die Marxisten-Leninisten das lebendige Beispiel selbstloser Gewerkschaftsarbeit auf der Grundlage der proletarischen Denkweise entgegenstellen.” (Revolutionärer Weg Nr 26/95,242). Abgeshen von der verfehlten Vermengung einer moralischen mit einer theoretischen Frage, sind es nach Engels “….gerade die schlechten Leidenschaften der Menschen…Habgier und Herrschsucht, die zu Hebeln der geschichtlichen Entwicklung werden…” (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,287) Man bleibe und also mit dieser ganzen matten, saft- und kraftlosen Predigerweisheit vom Halse. Was anderes muß das Proletariat gegenüber der Bourgeoisie, die nach einer Revolution ihren Widerstand verzehnfachen wird, an den Tag legen als Habgier (nach Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln) und Herrschsucht (Knechtung der feindlichen Klassen).

25. Karl Marx, Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8,139

26,Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Parte, MEW 4,493

Wissenschaftsgeschichtliche Reflexionen zum Kommunismus

12. November 2009 von dierostigelaterne

Hätten die Philosophen vom Fach sich intensiver mit den Ausführungen von Friedrich Engels über die Triebkräfte der philosophischen Entwicklung auseinandergesetzt, wäre so mancher Irrweg erspart geblieben.  “Die Philosophen wurden aber…von Descartes bis Hegel und von Hobbes bis Feuerbach keineswegs, wie sie glaubten, allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorangetrieben. Im Gegenteil, was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie.” 1. Diesen Gedankengang von Engels fortsetzend spricht sich Lenin 1922 in den Anfängen der Sowjetmacht dafür aus, dass für die kommunistischen Materialisten das Bündnis mit den Vertretern der modernen Naturwissenschaft wichtiger sei als das mit der modernen Geisteswissenschaft. 2.

In der Tat, durchleuchten wir einmal den Zusammenhang der bürgerlichen sozial- und  geisteswissenschaftlichen Disziplinen mit ihren materiellen Voraussetzungen in der spätkapitalistischen bürgerlichen Gesellschaft, so hat die Ökonomie ihre Bedingung in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, des Arbeiters und der Arbeiterinnen durch den Kapitalisten, die Wissenschaft von der Politik in der Unterdrückung der Werktätigen durch das Kapital, hier lohnabhängige Sklaven und Untermenschen, dort kapitalistische Herrenmenschen, die die Befehlsgewalt über die bis in den kleinsten menschlichen Knochen entfremdete Arbeit haben, womit wir bei der Soziologie angelangt sind, die sich erübrigen würde, gäbe es keine entfremdeten gesellschaftlichen Beziehungen mehr.

Und der Pfaffe segnet diese ganze Sklaverei als heilige Weltordnung ein. Gerade am Beispiel der Religionswissenschaften und dann auch der Philosophie, dieser angeblichen Krone wissenschaftlicher Schöpfungen 3. wird der Bedeutungswandel des geisteswissenschaftlichen Überbaus deutlich. Hand in Hand mit der Emanzipation der Völker geht der Niedergang der Geisteswissenschaften, der Abbau des Überbaus einher. Verfolgen wir kurz die Hauptzüge des Zerfalls: Die einst mächtigste geisteswissenschaftliche Disziplin, die Gebieterin der Philosophie war, hat sich zu einer immer rascher verschwindenden Spur verflogen. In der Theorie jedenfalls, in der Praxis haben die Pfaffen, solange es Kapitalismus gibt, überall ihr Händchen im Spiel, besonders in den Schulen besteht mittelalterliche Verdunklungsgefahr (was ja selbst nach den Gesetzen der BRD ein Haftgrund ist), in der Tat ist es kriminell, den Pfaffen Zutritt zu staatlichen Schulen zu gewähren, die im Kapitalismus einzig den bürgerlichen Wissenschaften dienen sollten, aber das ist ja die Crux, das blutsaugende Bürgertum kommt ohne die Verdummung der Volksmassen nicht aus. 4. Nach der russischen Februarrevolution 1917 suchte es zum Beispiel nach der Abdankung des Zaren Nikolaus Kontakt zu seinem Bruder Michail, um diesen als eine Art Vogelscheuche gegen die rote Flut aufzubauen, um reaktionäre Elemente zu binden. Heute beim Bürgertum revolutionäres Potential zu suchen käme einem Unterfangen gleich, bei einem Bordellwirt edle Charkterzüge zu entdecken. Als Ergebnis der 48er Revolution stellte bereits Friedrich Engels fest: “An die Massen zu appellieren hatte das Bürgertum 1848 verlernt; es fürchtete sie noch mehr als den Absolutismus. “5.

Der seit der Renaissance einsetzende Ablösungsprozess von mittelalterlichen Weltbildern und die Dominanzverschiebung zu einer neuen Herrin, zur Politik, mit einer neuen Selbstbestimmung der ganzen menschlichen Daseinsweise wird von Rousseau während seines Venedigaufenthaltes 1743 prägnant erfasst. Er erkannte, daß in Zukunft das Schicksal der Menschheit von der Politik bestimmt wird, wie bisher von Religion und Metaphysik. Es ist deshalb nur folgerichtig, daß Marat die Wissenschaft von der Politik für die wichtigste hielt, für Napoleon war die Politik eine unentrinnbare Schicksalsmacht. Aber während die Politik in ihrer bürgerlichen Sattheit noch schwelgt, höre auf den Gleichschritt der proletarischen Bataillone. Die seit dem Aufkommen der großen Industrie einsetzende Arbeiterbewegung intendiert die völlige Selbsterschöpfung der Politik durch die völlige Durchpolitisierung aller auf der ökonomischen Struktur beruhenden gesellschaftlichen Lebensbereiche. Die Dominanzverschiebung zur letzthin ohne politisch-juristischen Überbau am effektivsten sich steigernde materielle gesellschaftliche Produktion wird von Friedrich Engels durch seinen ersten Manchesteraufenthalt (1842 – 1844)mit großem Weitblick erahnt. Wurde durch Engels Politik endlich als etwas Ableitbares begriffen 6., so blieb ihr im proletarischen Emanzipationsprozess nur noch eine Sekundanzfunktion. “Die Revolution überhaupt, der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse ist ein politischer Akt. Ohne Revolution aber kann sich der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg.” 7. Auf dieses Fortschleudern der Politik kommt alles an. Im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus wird vielleicht die Humanmedizin die Sonne sein, um die die anderen Naturwissenschaften  kreisen, auch die Stellung von Musik und Kunst wird eine andere sein. Herrschaft über Menschen und politische Gesellschaftswissenschaften verhalten sich ebenso reziprok wie Anarchie und nur noch benötigter Naturwissenschaften. Erst hier wirklicher Freiraum und disponible time für Kunst und Musik.

In sexualwissenschaftlicher  Hinsicht hat sich gezeigt, daß im bürgerlichen Rahmen nur Pseudosexrevolutionen möglich sind, Heinrich Heines Gedanken von der “Emanzipation des Fleisches”, von der “Demokratie der Götter” (die nicht arbeiten),  bleiben eine Utopie, aneinandergekettet sind Zinsertrag des Geldes und Fortpflanzungssexualität, Sklavennachwuchs und Altersvorsorge. Die Ehe ist eine besitzindividualistische Herrschaftsbeziehung. Ihre Wurzeln haben sich als historisch übermächtig erwiesen gegenüber den Versuchen am Ende der 60er Jahren, Kommunen zu gründen. In der Prostituion ist jene Sexualität gerade ausgeblendet, dafür herrscht nackte bare Zahlung. Gegenläufig nimmt im Sozialismus/Kommunismus die Bedeutung der Fortpflanzungssexualität ab, je mehr die Produktion ins Unendliche vermehrt werden kann. Wenn es denn zutrifft, was Hagen Koch und Peter Joachim Lapp in ihrem Buch: “Die Garde des Erich Mielke” 8. darstellen, dass aus dem Wachregiment Feliks Dzierzynski Soldaten entfernt wurden, denen Homosexualität nachweisbar war, so wirft dies kein gutes Licht auf die DDR, das ist ohne Zweifel eine Diskriminierung und  Menschenrechtsverletzung. Erstens tappen diese ja viel weniger in eine Honigfalle (so bezeichnet man weibliche Lockvögel von feindlichen Geheimdiensten) und zweitens hätte das selbst Friedrich der sog. Große, der noch heute auf Beschluß der SED (!)  (wieder) als Reiterstandbild Unter den Linden prangt, ganz anders gesehen. Man mag dem aufgeklärten Monarchen historisch progressive Züge beilegen, ( lieber 3 x mit der Lupe hinsehen 9.), aber die sexuelle Orientierung ist ein elemantares Menschenrecht unabhängig von jeder historischen Konjunktur. Innermarxistisch ist das Gewichtigste die Forderung Marxens in den Feuerbachthesen, die Ehe zu vernichten. Bereits der utopische Sozialist Fourier: “Die Zivilisation bewirkt, dass der Mensch in ewigem Kriegszustand mit seinesgleichen lebt und jede Familie der geheime Feind aller anderen Familien ist.” 10.

Wie sollen auch Menschen heute frei sein, wenn sie in den nationalen Erziehungsanstalten von bürgerlichen Lehrern seelisch verkrüppelt werden: der Prolet soll nicht genießen, er ist zum Schuften da…und die leibfeindliche Tradition zählt in Jahrtausenden, lange vor dem Aufkommen des modernen Industrieproletariats. Für unsere europäische Tradition ist ausschlaggebend die Verdammung des antiken atheistischen und die weltlichen Freuden gutheißenden Philosophen Epikur durch den Kirchenvater Augustinus: Epikur sei ein zerrütteter Philosoph, dagegen kontrastiert Karl Marx, der Epikur den einzigen Heiligen im Kalender der Philosophen nannte. Für Feuerbach war die Geschlechtsliebe die höchste Form der Ausübung (s)einer neuen Religion. 11.Im Kapitalismus bleibt der Sexualkundeunterricht hinter der französischen Aufklärung zurück: “…als sei es eine Schande, Vergnügen zu empfinden und für sein Glück geschaffen zu sein.” 12. Deutlich wird die Dekadenz des Bürgertums, das es selbst Gedankengut, das es einmal  gegen den Feudaladel gerichtet hat, heute als Herrschaftsbedrohung empfinden muss. Es muß Ernst gemacht werden mit dem Gedanken, dass der Mensch für sein Glück geschaffen ist.

1. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, 277. Es blieb dem im Katholizismus wurzelnden Philosophen Martin Heidegger vorbehalten,  göttlichen Romantizismus gegen die moderne Wissenschaft und Technik vorzutragen, 1949/50 im “Bremer Club” und auf der Bühler Höhe vor führenden deutschen Industriellen: die “Raserei der modernen Techik” führe zur Selbstzerstörung des Menschen.

2. Vgl. Lenin, Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus, Ausgewählte Werke, Progress Vlg. Moskau 1971,728 f. In dieser Schrift auch der fundamentale Hinweis, daß Revolutionäre nicht allein eine Revolution durchführen können, daher die Bündnissuche.(a.a.O.,724)

3.Die “Königin” Philosophie ist vom Wertverfall der Geisteswissenschaften natürlich nicht ausgeschlossen, sie ist mittlerweile eine fast verstorbene Wissenschaft, Engels gab ihr Nutzen einzig auf dem Gebiet der formalen Logik und selbstredend der Dialektik. Die Philosophie sei aus Natur und Geschichte vertrieben, statt Zusammenhänge im Kopf auszudenken, komme es darauf an, sie in den Tatsachen zu entdecken. (Vgl. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,306).Die kommunistische Gesellschaft wird keine philosophierende (oder: eine nicht so sehr philosophierende) Gesellschaft , sondern eine frei bewußt kollektiv produzierende sein. Was wir an künstlerischen, musikalischen und philosophischen Früchten in ihr zu erwarten haben, ist aus dem heutigen Sumpf der spätbürgerlichen Dekadenz heraus noch nicht auszumalen. Der Bedeutungswandel der Philosophie im Marxismus wird im Kontrast zur damals progressiven französischen Aufklärung deutlich: Fontenelle schwärmte von einer “Republik der Philosophen” als staatlichem Ideal der Identität von Obrigkeit und Volk. Dieses Denken gehört mittlerweile der alten Weltordnung an, von einer Obrigkeit weiß die Kommunistin/der Kommunist nur insofern, als sie/ er sie abschaffen will, die kommunistsiche Gesellschaft ist keine Republik der Philosophen.

4.In den Schulen wird gegen den wissenschaftlichen Sozialismus gehetzt, der Aberglaube soll in den jungen Köpfen spuken. Anders kann es im kapitalistischen System gar nicht sein, der Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital wird als felsenfester Kristall der Weltgeschichte dargestellt. Die Lehrer stehen unter dem Einfluß der asozialen Kapitalisten, so dass die Schüler systematisch vom Allgemeinwohl abgelenkt werden  und die Vorurteile der Reichen verinnerlichen sollen.  So schon bei Morelly: “Ein ganzes Volk ist oft bestimmt, einige Sterbliche auf Kosten seiner Ruhe und seines Glücks zu beglücken. Man begünstigt alle Meinungen, alle Irrtümer, die es in dieser Herabwürdigung halten.” (zit. in: Richard Saage: Politische Utopien der Neuzeit, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1991,84). Die Kommunisten entreißen die Erziehung dem Einfluß der herrschenden Klasse. (Vgl. Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1983, 65).  Sekundiert wird die geistige Verführung Minderjähriger in den Schulen durch die bürgerlich monopolisierten Massenmedien.

5.Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, MEW 21,431

6. In Manchester erkent er auch, dass sich die Arbeiterklasse nur SELBST befreien kann.

7.Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, MEW 1, 409

8.Hagen Koch/ Peter Joachim Lapp: Die Garde des Erich Mielke, Helios Verlag 2008,122

9.Friedrich der II. kommt bei Marx und Engels ganz schlecht weg, Engels bezeichnet ihn als Teiler Deutschlands im Bunde mit dem Ausland, kurz; als Volksfeind. “Je vais, je crois, jouer votre jeu; si les as me viennent, nous partageron” (ich glaube, ich werde euer Spiel spielen; bekomme ich die Asse, so teilen wir)- das waren Friedrichs Abschiedsworte an den französischen Gesandten (Beaurau), als er in seinen ersten Krieg zog.” (Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, MEW 21,418f.) Selbst wenn man sich mit der Auffassung von Alexis de Tocqueville anfreundet, dass Friedrich der Große als Vorläufer der französischen Revolution zu betrachten sei, ja bereits als deren “Agent”, so bleibt zu fragen, ob das bereits hinreichend ist, ihn in einer Arbeiter- und Bauernrepublik zu huldigen. (Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, rororo Klassiker Rowohlt Verlag Hamburg 1969,15)

10.Charles Fourier, Der Philosoph der Kleinanzeige, semele verlag berlin, 2006, 100

11. Vgl. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,283.So auch Fourier: Die Befriedigung der Lust sei der wahre Gottesdienst. (Vgl. Charles Fourier, Der Philosoph der Kleinanzeige, semele verlag berlin, 2006, 171)

12.La Mettrie, Der Mensch eine Maschine, Reclam 2007,50