Mit dem kategorischen Imperativ aus der Finanzkrise

1. November 2009 von dierostigelaterne

Die internationale Finanzkrise trifft vor allem die Ärmsten der Armen, die Zahl der Unterernährten wächst rapide an. Auf 1,2 Milliarden Menschen – so hoch wie noch nie – schätzt die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO/Uno) die Hungernden. Die bis in die 90er Jahre zu beobachtende positive Entwicklung ist in ihr Gegenteil umgeschlagen (im Zeitraum 2004 – 2006 waren „nur“ 873 Millionen zu verzeichnen). Der emeritierte Professor für Philosophie, Jürgen Mittelstraß hat sich so seine Gedanken über die Ursachen der Finanzkrise gemacht und gibt bescheiden zu, daß wir diese noch nicht vollständig überblicken.  Ein Arzt wäre nun vorsichtig mit der Therapie, nicht so ein Freigeist der bürgerlichen Intelligentsia, die vornehmlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung plaziert, siehe den Aufsatz: Wirtschaft und Ethos. (1.) vom 9. Oktober 2009.  Ethik muss wieder ein Bestandteil der ökonomischen Ausbildung werden, Geld sei nicht alles, Geld sei nicht der einzige Wert. Eine Besinnung auf den kategorischen Imperativ von Kant tue not: „Handele so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Damit „…wären wir auf den höchsten Höhen der Philosophie angelangt…“ (2.), zugegeben, zu verlockend muss es auch sein, im Zeitalter der universalen Globalisierung mit einer universalen Ethik anzurücken und mit dieser kapitalistischen Blutsaugern ins Gewissen zu reden, aber auch dieses wieder bescheiden, Mittelstraß sagt selbst, dass es mit der Wirksamkeit des Imperativs schlecht bestellt sei, wenn die Schadensverursacher aus dem Management der Banken im Grunde Schadensersatzboni in schwindelerregender Höhe verlangen. Das aber ist die bittere Realität im Imperialismus, dass diejenigen, die Millionen Menschen zum Hungerdasein verurteilen, für diese „Glanztat“ noch Millionen verlangen. Hier sind nun allerdings nicht die höchsten Höhen der Philosophie gefragt, man würde den Freunden der Weisheit auch zuviel Schmutz antun, sondern gefragt sind Millionen Waffen für die Hungernden, damit sie sich mit der Waffe in der Hand ihr täglich Brot von den Reichen holen.  Dieses Managergesindel ist wohl das allerletzte, was bei seinen gierigen Machenschaften beständig den kategorischen Imperativ im Kopf hat, es ist deshalb auch nicht nachvollziehbar, wenn Professor Mittelstraß einerseits den kategorischen Imperativ auf den heiligen Berg der Philosophie hebt, zugleich sich aber dennoch für Boni ausspricht: „Dabei sind Bonuszahlungen, recht verstanden, etwas Gutes, ein leistungsförderndes Stimulans.“ (3.) Recht verstanden- heißt hier: der Manager, der im Bildungsurlaub ein Seminar über Kants Kritik der praktischen Vernunft belegt. Kant hätte sich mehrmals im Grabe umgedreht, den Imperativ in die Nähe der volksfeindlichen Blutsauger zu bringen. Diese stehen außerhalb jeglicher Norm und Zivilisation, sie stehen gerade außerhalb des kategorischen Imperativs, da sie ständig gegen ihn handeln, die hungernde Menschheit und eine gerechte Weltordnung schert sie einen Dreck. „…daß es gerade die Kapitalisten sind, die Anarchie und Krieg in die menschliche Gesellschaft hineintragen.“ (4.)Friedrich Engels hat uns in seiner Krtik Ludwig Feuerbachs gezeigt, daß dieser in  seiner Moralphilosophie den gleichen Fehler macht wie Kant: „Es geht der Feuerbachschen Moraltheorie wie allen ihren Vorgängerinnen. Sie ist auf alle Zeiten, alle Völker, alle Zustände  zugeschnitten, und eben deswegen ist sie nie und nirgends anwendbar und bleibt der wirklichen Welt gegenüber ebenso ohnmächtig wie Kants kategorischer Imperativ. „ (5.) In der Tat, nur 6 Tage, nachdem Mittelstraß seinen Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlich hat, meldet der Finanzmarkt: Wall Street auf dem Weg zu neuen Rekordboni. „Eine konkrete Beschränkung der Bonuszahlungen seitens des amerikanischen Gestzgebers ist trotz aller Kritik nicht vorgesehen.“ (6.)Und in London ? Hoffnung für die Luxusboutiquen: Die Boni sollen wieder üppiger fließen. Die Regierung appelliert an Moral und Anstand, macht also denselben Fehler wie Mittelstraß. Und last not least gibt die anglikanische Kirche den Hedge-Fonds ihren Segen…und beklagt sich ! Aber worüber ? …daß die Regulierung der Hedge-Fonds zu weit gehe !! In einem Protestschreiben an den parlamentarischen Ausschuss für EU-Angelegenheiten des britischen Parlaments beschwert sich die Kirche über die Pläne der EU-Kommission zur Regulierung von Hedge Fonds, Zitat daraus: „Die Maximierung der Erträge auf unsere Investments gehört zu unserer Mission…“ (7.)Professor Mittelstraß muß einsehen, dass es völlig zwecklos ist, selbst dem Erzbischof von Canterbury mit kantischer Moralphilosophie beizukommen, er kennt seinen handfesten wertvollen Gott ganz genau.

Im Kommunistischen Manifest schrieben Marx und Engels, dass die Bourgeoisie einem Hexenmeister gleiche, der die von ihm heraufbeschworenen Kräfte nicht mehr bannen könne. Die Illusion der Philosophen zu diesem Hexenmeister besteht darin, dass sie ihr Denken für richtig halten und alles besser sei, wenn sich die Welt nur nach diesem philosophisch richtigen Denken richten würde. Bürgerlichen Ideologen ist auch immer eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit eigen. So wünschte sich Wolfgang Schäuble in seinem Beitrag zur Serie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Die Zukunft des Kapitalismus“  (8.) den Bankier zurück anstelle des Bankers, Mittelstraß den langfristig denkenden Unternehmer statt des auf den schnellen Euro erpichten Managers und der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaft, der Ökonom Edmund S. Phelps vertritt die Auffassung, es „…müsste eine neue Klasse von Banken gegründet werden…“, allerdings im gleichen Atemzug: „…wir müssen zurückkehren zu altmodischen Banken…“ (9.) , man kann das kurz zusammenfassen zur Sehnsucht nach der klassischen sozialen Marktwirtschaft, als der Mann mit der Zigarre noch Wirtschaftsminister war. Diese Zeit aber kann nicht wiederkommen,  am Horizont zeichnet sich vielmehr ein ganz anderes Bild ab: die Arbeiterklasse muss dieses ganze Bankengeflecht in Schutt und Asche legen, angefangen in der Bankenmetropole Frankfurt, aus dieser Stadt steigt ein Pesthauch auf und legt sich lähmend über die ganze Republik.

1. Jürgen Mittelstraß, Wirtschaft und Ethos, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Ordnung der Wirtschaft, 9.10. 2009, 12

2.a.a.O.

3.a.a.O.

4.Lenin, Briefe aus der Ferne, LW 23, 326

5.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, 289

6.Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2009,23

7.Frankfurter Allgemeine Zeitung 8. 10.2009,19

8.Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.8.2009, 29 und 31.

9.“Es müßte eine neue Klasse von Banken gegründet werden.“ Interview mit Edmund S. Phelps, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.11.2009,16

Beantwortung der Frage: Wie hängt die Tierkunde mit der Brotgelehrsamkeit zusammen ?

5. Oktober 2009 von dierostigelaterne

„Die Existenz des Staats und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennlich.“ 1.

 

Die Gesellschaftswissenschaften haben ihren Grund und ihre Bedingung in der geschichtlichen Abfolge des Aufbaus und der Destruktion von Herrschaften und Knechtschaften. Anarchistische Tendenzen tragen den Todeskeim dieser Wissenschaften in sich.

Dagegen war die Bornierung in Herr-Knecht-Mechanismen eines der eilfertigsten Anliegen der abendländischen Geisteswissenschaft von Platons Politeia über Hegels Staatsphilosophie bis Hitlers Kampf. Plato hielt Ungebundenheit bei Menschen wie bei Tieren für schädlich, Kant sah im Menschen noch „…ein Thier, das, wenn es unter anderen seiner Gattung lebt, einen Herrn nöthig hat.“ 2. In einem Aphorismus äußert Hegel, daß russische Frauen und die Völker der Weltgeschichte die Hundepeitsche verlangen. 3.

Heute kann ich ihnen zurufen: Sie haben sich alle gründlich geirrt, meine Herren ! Denn wie es bei einer starken Eiche mit markigen Wuchs auch einige kleine, verdorrte Verästelungen geben kann, so in der langen Emanzipationsgeschichte des Affen zum Menschen, der wahrscheinlich erst von den Bäumen heruntergestiegen, auch einen Bruchteil, in dem er wieder künstlicher Affe wurde: Staatsbürger. Mit der Zeit fegt der Sturm die dürren Zweige ab, mit der Zeit wachsen Generationen heran, die in Revolutionsstürmen den ganzen Staatsplunder 4.  von sich abwerfen.

Es waren nicht die Philosophen Kant und St. Pierre, die zuerst die Vision des Ewigen Friedens in der Menschheit aufzeigten, sondern dieser Friede war bereits ein Begehren des Bundschuhs 5., vor allem aber verlangten die Bauern die Abschaffung des Zehnten, also die Beseitigung aller Obrigkeiten, nach Engels“…die Antizipation des Kommunismus durch die Phantasie…“ 6.

Und diese Idee des Kommunismus, sie taucht wieder auf im Frankreich von 1789. In den Revolutionsjahren erhoben sich dort zeitweise die blutarm gesaugten Klassen, die die konservativen Historiker so gerne als Pöbel rubrizieren, und hegemonisierten für kurze Perioden die ganze Erhebung. Diese Klassen gingen aber bereits über den Horizont der bürgerlichen Gesellschaft hinaus, die für ihre antagonistischen Konflikte immer nur die Lösung: Staat – Armee – Affe in Uniform, findet. Im Revolutionskapitel der Phänomenologie des Geistes, das die Dialektik der absoluten Freiheit und des Schreckens aufzeigt, arbeitet Hegel diese die bürgerliche Gesellschaft bereits transzendierende Tendenz heraus: er charakterisiert 1789 als „…die die Anarchie zu constituieren strebende Anarchie…“ 7.  Was dies nun aber besagen will, geht wiederum über den Horizont der großen Mehrzahl der sogenannten Gesellschaftswissenschaftler hinaus, die Anarchie kann sich natürlich nur universell ausführen, auf der Erdkugel müssen alle staatlichen und sonstigen Unterdrückungsstrukturen völlig aufgehoben werden. Die französische Revolution und ebenso ihr tiefsinniger Analytiker Hegel scheiterten noch an dieser Aufgabe.

Es dauerte aber nach dem Sturz Robespierres gar nicht lange, da veröffentlichte Saint-Simon seine Genfer Briefe mit der Perspektive eines gesellschaftlichen Zustandes, in dem Produktionsprozesse statt Menschen geleitet und Sachen statt Strafgefangene verwaltet werden. War dies nur die Utopie eines originellen Kopfes ? 1802 war es Träumerei: es fehlten, theoretisch gesehen, noch die Männer, die an die Stelle der Zukunftsphantasterei, der schnurrpfeifigen Auskonstruktion kommender Geschichte, die Wissenschaft setzten. Diese Männer waren Marx und Engels, aber warum ? Weil sich zu ihrer Zeit der fundamentale Antagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat und dessen innerer kampf sich so weit vereinfacht hatten, daß die wissenschaftliche Erkenntnis und Lösung der gesellschaftlichen Grundfrage der Herrschaftsfreiheit möglich wurde. Ihr Kommunistisches Manifest legt deshalb auch dar, daß gerade und nur das Proletariat die Klasse der modernen Gesellschaft ist, die als einzige ihre Diktatur nicht nur selbst negieren kann, sondern negieren muß. „Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.“8.Diese weltgeschichtlich genialen Überlegungen wurden 1847 aufgeschrieben, kurz vor der Februarrevolution.  Als diese ausbrach, waren diese Einsichten in den kommenden Gang der Geschichte allerdings weit vorausgeeilt. Die Pariser Arbeiter forderten noch ein Ministerium der Arbeit, führten also im Grunde nur erst eine bürgerliche Revolution durch.

Aber 23 Jahre später wurde die Pariser Kommune proklamiert: das war die Diktatur des Proletariats, schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr. Das Jahr 1905 brachte eine machtvolle Erhebung in Rußland. Streikten in der Zeit von 1895  bis 1905 nur 43 000 Arbeiter pro Jahr, so überstieg die Zahl der Streikenden allein im Januar 1905 die Grenze von 400 000. In dieser Revolution  von 1905 schufen die Arbeiter eine eigentünliche Organisationsform, die Sowjets, die 12 Jahre später erneut auf den Plan traten und deren Wesen so hartnäckig verkannt und verleugnet wurde. Die Sowjets sind aber hauptsächlich die „…Vorboten des Absterbens jeden Staates…“ 9. In diesen Zusammenhang gehört auch der wichtige Gedanke Stalins, den er in seinen Vorlesingen an der Swerdlow-Universität darlegte: „Das Proletariat braucht die Partei dazu, um die Diktatur zu erobern und zu behaupten. Die Partei ist ein Instrument der Diktatur des Proletariats. Daraus folgt aber, daß mit dem Verschwinden der Klassen, mit dem Absterben der Diktatur des Proletariats auch die Partei absterben muß.“ 10. Die Partei Lenins stirbt also ebenfalls ab , wird zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst ein Hindernis der Produktivkraftentfaltung. Welche bürgerliche Partei, welche Bande politischer Spekulanten hat es bis zu dieser Höhe der Selbstnegation gebracht, welche hat sich selbst als historisch vorübergehende begriffen ? Im Gegenteil, sie alle wollen ihr korruptes Schmarotzerdasein bis in alle Ewigkeit verankert wissen. „Wir bekennen uns zur repräsentativen Demokratie, die politische Führung und demokratische Verantwortlichkeit miteinander verbindet. In den Wahlen gibt sie die regelmäßige Möglichkeit zum Regierungswechsel.“ 11. Daß der Bauer fortgesetzt einen Herrn über sich braucht, an dieser Argumentation versuchte sich bereits, aber nun müssen wir uns um einige Jahrhunderte zurückfallen lassen, Thomas von Aquin in seiner Schrift: „Über die Herrschaft der Fürsten“, derselbe Thomas, der 300 Jahre vor dem deutschen Bauernkrieg das Licht der Welt erblickte. Insofern steht noch heute die deutsche Geschichte vor der Wegwahl: Thomas von Aquin oder Thomas Müntzer. Der letzte Weg aber führt eines Tages zum Wegfall von Wahlen.

Hier ist auch der Punkt erreicht, an dem ich in den Streit der philosophischen mit der politologischen Fakultät eintreten muß. Reduzieren wir die Wissenschaft von der Politik auf ihr dürres Gerippe, so zeigt sich: sie untersucht vor allem Herrschaftsverhältnisse unter Menschen bzw. unter Klassen. Und nun wird es für einen Fortschritt ausgegeben, es soll eine Erkenntnis der neueren Zeit sein, daß diese Herrschaftsverhältnisse sich ändern können, wechselhafte sind. Dieses Fortwälzen in die schlechte Unendlichkeit wird durch meine These unterbrochen: „Herrschaft über Menschen und politische Gesellschaftswissenschaften verhalten sich ebenso reziprok wie Anarchie und nur noch benötigter Naturwissenschaften. Erst hier wirklicher Freiraum und disbonible time für Kunst und Musik.“

Hand in Hand mit der Emanzipation der Völker geht der Niedergang der Geisteswissenschaften, der Abbau des Überbaus einher. Verfolgen wir kurz die Hauptzüge des Zerfalls 12.: Die einst mächtigste geisteswissenschaftliche Disziplin, die Gebieterin der Philosophie war, hat sich zu einer immer rascher verschwindenden Spur verflogen. Der seit der Renaissance einsetzende Ablösungsprozess von mittelalterlichen Weltbildern und die Dominanzverschiebung zu einer neuen Herrin, zur Politik, mit einer neuen Selbstbestimmung der ganzen menschlichen Daseinsweise wird von Rousseau während seines Venedigaufenthaltes 1743 prägnant erfasst. Er erkannte plötzlich, daß in Zukunft das Schicksal der Menschheit von der Politik bestimmt wird, wie bisher von Religion und Metaphysik. Es ist deshalb nur folgerichtig, daß Marat die Wissenschaft von der Politik für die wichtigste hielt, für Napoleon war die Politik eine unentrinnbare Schicksalsmacht. Und in der Tat, hätte es im Mittelalter schon Zeitungen gegeben, um welche, wenn nicht religiöse, Thematik hätten sich ihre Leitartikel konzentriert ? Aber während die Politik in ihrer bürgerlichen Sattheit noch schwelgt, siehe die Füße derer, die dich nach draußen tragen, exzerzieren schon vor der Tür: die seit dem Aufkommen der Großen Industrie einsetzende Arbeiterbewegung intendiert die völlige Selbsterschöpfung der Politik durch die völlige Durchpolitisierung aller auf der ökonomischen Struktur beruhenden gesellschaftlichen Lebensbereiche. Die Dominanzverschiebung zur letzthin ohne politisch-juristischen Überbau am effektivsten sich steigernde materielle gesellschaftliche Produktion wird von friedrich Engels durch seinen ersten Manchesteraufenthalt (1842 – 1844) mit großem Weitblick erahnt. Wurde durch Engels Politik endlich als etwas Ableitbares begriffen, so blieb ihr im proletarischen Emanzipationsprozess nur noch eine Sekundanzfunktion: „Die Revolution überhaupt, der Umsturz des bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert des Sozialismus die politische Hülle weg.“ 13. Auf dieses Fortschleudern der Politik kommt alles an.

Nicht nur hatten Marx und Engels zu diesem Zweck die Dialektik Hegels gerettet, sondern zeitlebens bewahrt, was drei junge Theologiestudenten im Tübinger Stift vermerkten: „Die Idee der Menschheit voran, will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas Mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit, heißt Idee. Wir müssen also über den Staat hinaus. Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln, und das soll er nicht, also soll er aufhören.“ 14. Diese Sätze stammen von den Jünglingen Hegel. Hölderlin und Schelling, die heute wohl in Stuttgart-Stammheim säßen. Die Wurzeln der Dialektik reichen zurück bis ins Tübinger Stift.

Durch ein gründliches Studium dieser von Marx materialistisch umgestülpten Methode, die dadurch aus einer für die Bourgeoisie annehmbaren zu einer unangenehmen wurde, würde sich dann die politischen Gesellschaftswissenschaften die Perspektive der mit Selbstnegation  verbundenen Aufhebung von Herrschaft überhaupt eröffnen. Bilden Herr-Knecht-Mechanismen geradezu das Fundament der Disziplin: Politologie, so muß man es zusammenbringen: die subjektive Weiterentwicklung und wissenschaftliche Qualifikation des Politikwissenschaftlers und den objektiven gesamtgesellschaftlichen Prozess, der das Aufhören des Staates intendiert. Die harte Arbeit an der Aufhebung der Herr-Knecht-Politologie birgt in sich die Aufhebung der Politologie überhaupt. Der Brotgelehrte ernährt sich von Herr-Knecht-Konstellationen, der Philosoph hungert, weil für ihn alle Menschen gleich sind.  Erst wenn alle ihren abstrakten Staatsbürger in sich zurückgenommen haben und also die Politik fortschleudernde Philosophen geworden sind, gibt es keine Philosophen am alten Hungersinne mehr. Philosophie der Freiheit (Revolutionstheorie) und Freiheit der Philosophie (die absolut reale, sich nicht mehr zum theoretischen Inhalt habende Anarchie) sind ineinander eins geworden.

Dieses Ende der Staatskunst mag zunächst ein greller Gedanke sein. Aber 1802, als Saint-Simon ihn visionierte, formulierte Hegel in seiner Erstveröffentlichung den schicksalshaften Satz: „Je besser die Methode ist, dsto greller werden die Resultate.“ 15. Dieser Satz steht ja unausgesprochen im Hintergrund der großen geschichtlichen Zuckungen unseres Jahrhunderts: Oktoberrevolution, Säuberungen in der Roten Armee, Moskauer Prozesse, chinesische Kulturrevolution, und schwebt auch unaushesprochen über den Häuptern der europäischen Konterrevolution, zumal die Philister und Spießbürger, die Friedrich Hölderlin in den Irrsinn und Ulrike Meinhof in den Tod getrieben haben, noch immer der Auffassung sind, die Völker könnten ohne Vormünder nicht leben, vornehmlich aber ist es dieser Gedanke, daß gerade sie, nämlich diese Brotgelehrten und Spießbürger es seien, die diese Vormundschaft zu übernehmen hätten und damit die historische Mission der Verewigung von Herschaft und Knechtschaft. „Es war mit hie und da, als hätte sich die Menschennatur in die Mannigfaltigkeit des Tierreichs aufgelöst, wenn ich umherging unter diesen Gebildeten.“ 16.

Das Ende der Staatskunst und das Ende des Berufsrevolutionärs, das ist der Beginn des Anarchisten, der sich nicht mehr als dieser weiß. Anarchie als absolute hat den Wendungspunkt ihrer Überwindung in ihr selbst.

 

1.Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, MEW 1. 401 f.

2.Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, Kants Werke, Akademie Textausgabe Bd. VIII, Berlin 1968,28

3.Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Berliner Schriften, Theorie Werkausgabe Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1980, Band 11, 561

4.Vgl. Friedrich Engels, Einleitung zu „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ Ausgabe 1891, MEW 17,625

5.Vgl. Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, Karl Marx Friedrich Engels Gesamtausgabe 1,10 Berlin 1977,400

6.a.a.O.,382

7.Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Gesammelte Werke Band 9, Rheinisch Westfälische Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf 1980,322

8. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, 482

9. Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, LW 24,72

10. Josef Stalin, Grundlagen des Leninismus, Peking 1972, 125 f.

11. Ludwigshafener Grundsatzprogramm der CDU, Oktober 1978

12. Ich gehe hier nicht auf den Verfaulungsprozess des absoluten Geistes ein, weil dieser eine spezifisch deutsche Angelegenheit ist.

13. Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, MEW 1,409

14. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Das Älteste Systemfragment des deutschen Idealismus, Theorie Werkausgabe Suhrkamp Band 1, 234f.

15, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Differenz des Fichte´schen und Schelling´schen System der Philosophie, Gesammelte Werke Bd. 4, Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf 1980,28

16. Friedrich Hölderlin, Hyperion, Werke Band III, Stuttgart 1957,22

Tag der deutschen Einheit

30. September 2009 von dierostigelaterne

GEDANKEN ZUM TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT 2009

In der Analyse der Pariser Kommune, die Karl Marx im Bürgerkrieg in Frankreich dargelegt hat, finden sich einige interessante Gedanken zur Erschießung von 64 Geiseln, voran der Erzbischof von Paris: Darboy, durch die roten Truppen der Kommune. Als das Haupt der Konterrevolution Thiers an das Erschießen kommunalistischer Gefangener ging, blieb den Kommunarden nichts anderes übrig, als ihrerseits Geiseln zu nehmen, um die Gefangenen zu schützen. Nun hatte die Kommune einen Tausch vorgeschlagen, den Erzbischof und einen ganzen Haufen Pfaffen gegen einen Mann, und zwar Louis Auguste Blanqui, ein fähiger Kopf des bewaffneten Aufstandes. (1.)  „Thiers weigerte sich hartnäckig. Er wußte, daß er der Kommune mit Blanqui einen Kopf geben werde, während der Erzbischof seinen Zwecken am besten dienen würde als – Leiche.“ (2.) „Der wirkliche Mörder des Bischofs Darboy ist Thiers.“ (3.) Man denke sich in diese Logik des Klassenkampfes, in diese Dialektik von Revolution und Konterrevolution hinein.

Am 10. März 1952 sorgte die Stalin Note für Aufsehen in der Weltpolitik. In dieser Note unterbreitete Stalin bemerkenswerte Vorschläge zur Überwindung der Teilung Deutschlands. Im Zuge der Wiedervereinigung war der Abzug aller ausländischen Truppen vorgesehen, des weiteren ein pluralistisches Parteiensystem, keinerlei Handelsbeschränkungen für Deutschland und nur 7 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges die Aufstellung von nationalen Verteidigungsstreitkräften. Wenn man in Erwägung zieht, welch unermeßliches Leid eine deutsche bestialische Armee über die UdSSR gebracht hat, ein Vorschlag, der von der heroischen Größe dieses Landes und Stalins zeugt. Ganz anders die Zwergmißgeburt Konrad Adenauer und seine nazistische Clique, die diese für das deutsche Volk so segensreichen Vorschläge ignorierte. Seriöse Historiker sprachen und sprechen von der „vertanen Chance“. Selbst der Mitherausgeber der rechtskonservativen FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, Paul Sethe, kritisierte Adenauer scharf (siehe sein 1956 erschienenes Buch: Von Bonn nach Moskau und: Schicksalsstunden der Weltgeschichte(4.)). Wieviel Kummer , Leid und vergossenes Blut wäre einem ungeteilten Deutschland ohne Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl erspart geblieben ! (5.) Man verweist zu Recht auf die Ungeheuerlichkeit, dass ein Jurist, der sich 1935 für eine Verschärfung der Nürnberger Rassegesetze ausgesprochen hatte(6.), ein gewisser Dr. Globke, Sohn eines Tuchhändlers, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder als Jurist in Erscheinung tritt, und zwar als Staatssekretär im Bonner Bundeskanzleramt. Nach dem Nerobefehl Hitlers, das ganze deutsche Volk durch Zerstörung seiner ökonomischen Grundlagen  zu vernichten, ist die Zurückweisung der Stalinnote die  zweitgrößte volksfeindliche Handlung am deutschen Volk in seiner ganzen Geschichte, und das innerhalb von sieben Jahren. Es gibt kein zweites Volk in der Weltgeschichte, das von seinem Bürgertum so sehr gequält und verraten wurde wie das deutsche Volk, wir sehen die tragischen Konsequenzen an einem Volk, das in seiner Geschichte keine erfolgreiche Revolution, sondern immer nur erfolgreiche Konterrevolutionen mitgemacht hat. „Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.“ (7.) Die heute gefeierte Einheit hätte das deutsche Volk schon 57 Jahre früher haben können.

Bereits am 13. August dieses Jahres stellte die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG in der Rubrik: „Das aktuelle Buch“(8.) ein Machwerk vor; ein Handbuch für 136 Opfer an der Berliner Mauer: Erschossene, Ertrunkene, Verunglückte. (9.) 136 Einzelartikel mit Fotos.

1. Louis Auguste Blanqui (1805 – 1881) französischer Revolutionär, utopischer Kommunist, Organisator mehrerer Geheimgesellschaften und Verschwörungen, aktiver Teilnehmer an den Revolutionen 1830 und 1848, Führer der geheimen Gesellschaften der Jahreszeiten, Organisator des Aufstandes vom 12. Mai 1839, einer der Führer des Aufstandes vom 31. Oktober 1870 in Paris, befand sich zur Zeit der Kommune in Haft, verbrachte insgesamt 36 Jahre im Gefängnis und in Strafkolonien. (Vgl. Marx Engels Ausgewählte Werke Band 1,Dietz Vlg. Berlin 1972, 711.

2. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, Marx Engels Ausgewählte Werke Band 1, Dietz Vlg. Berlin, 1972, 508

3.a.a.O.

4.In diesem Buch verweist er auf die völlig irrsinnige, auf Bethmann Hollweg zurückgehende Politik der Stärke gegenüber der UdSSR. Das Nato Bündnis sollte zur Einheit führen durch die Entfaltung militärischer Kraft, die so großen Eindruck auf die Russen machen sollte, „…daß sie sich auch ohne westliche Gegengabe bereit erklären würden, Mitteldeutschland wieder aufzugeben.“ (in: Paul Sethe: Schicksalsstunden der Weltgeschichte, Heinrich Scheffler Verlag 1952, 289)

5. Primär ist Philipp Müller zu nennen, der am 11. Mai 1952 während einer Demonstration gegen die Remilitarisierung Westdeutschlands vor der Essener Gruga Halle durch zwei Schüsse von der Polizei tödlich getroffen wurde, ein Schuß ging direkt in sein junges Herz. Schwerverletzt wurden auch der Sozialdemokrat Bernhard Schwarze aus Konstanz und der Gewerkschaftler Albert Bretthauer aus Münster. Obwohl Schußwaffengebrauch der Demonstranten nicht nachgewiesen werden konnte, stufte das Dortmunder Landgericht die Tat als Notwehr ein.

6. Nicht nur der eigentliche Geschlechtsverkehr mit Juden sei strafbar, sondern auch beischlafähnliche Handlungen wie gegenseitige manuelle Befriedigung. Globke, der in der DDR per Haftbefehl gesucht wurde, wurde am 23. Juli 1963 vom 1. Strafsenat des Obersten Gerichtes der DDR unter Vorsitz von Präsident Dr. Heinrich Toeplitz in Abwesenheit zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt.

7. Karl Marx, Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, in MEW 1, 379 f.

8. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. August 2009, S.8

9.Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 – 1989, Ein biografisches Handbuch, herausgegeben vom Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer. Ch. Links Vlg. Berlin 2009, 524 Seiten. Siehe auch: www.chronik-der-mauer.de

„Liebling der Partei“ Anmerkungen zu Bucharin und Steigerwald

24. September 2009 von dierostigelaterne

Es steht außer Zweifel, daß in Lenins sog. Testament Bucharin als „Liebling der Partei“ bezeichnet wurde. Man darf aber nicht plakativ aufnehmen, was ironisch gemeint war, im Sinne: daß Bucharin sich bei allen Liebkind machen wollte  (siehe Lenins Schrift: Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Bucharins und Trotzkis). Man muß bei Lenins sog. Testament genau hinsehen:“…er (Bucharin) hat die Dialektik nie studiert und, ich glaube, nie vollständig begriffen.“ (Lenin: Brief an den Parteitag 24.12.1924, LW 36, 579) Es muß der Naivität Bucharins zugeschrieben werden, nicht gemerkt zu haben, welche für ihn gefährliche Brisanz in dieser Aussage steckte. Ohne die materialistische Dialektik begriffen zu haben, gerät man leicht auf Abwege: so erschienen Mitte der 30er Jahre in der Emigrantenzeitschrift „The New Leader“ ein „Brief eines alten Bolschewisten“, in dem der Altbolschewik mit den bisherigen sog. stalinistischen „Schauprozessen“ abrechnete. Herausgegeben wurde diese Zeitschrift von dem Menschewisten Levitas, der stellvertretender Bürgermeister von Wladiwostok war und 1923 vor dem Bolschewismus in die USA floh, der Autor des Briefes war Bucharin.

Vor seinem Prozess schrieb der Lehrersohn Bucharin am 12. Dezember 1937 einen Brief an Stalin, in dem er bat „…mich für x Jahre nach Amerika auszuweisen. Die Argumente, die dafür sprechen , sind: Ich würde eine Kampagne zu den Prozessen und einen gnadenlosen Kampf gegen Trotzki führen, ich würde bedeutende Schichten der schwankenden Intelligenz für uns gewinnen, ich würde taktisch der Anti-Trotzki sein und würde die Sache mit großen Elan und direkt mit Enthusiasmus betreiben: man könnte einen qualifizierten Tschekisten mit mir mitschicken und als zusätzliche Garantie meine Frau für ein halbes Jahr hier festhalten, bis ich in der Praxis bewiesen habe, wie es mir gelingt, Trotzki & Co in die Fresse zu hauen usw…“ Im gleichen Brief: „…ich habe gelernt, Dich mit Vernunft zu schätzen und zu lieben.“ Kann man denn Liebe lernen ? (http://www.stalinwerke.de/mp/mp/bucharinbrief.html).

Am 30.5.2005 erschien im Dietz Verlag Berlin ein interessantes, 480 Seiten starkes Buch von Nikolai Bucharin: „Philosophische Arabesken“, interessant insofern, als es die Schriften und Gedichte enthält, die Bucharin in seiner Untersuchungshaft vor seinen Prozess in Moskau geschrieben hat. Die bürgerlichen Ideologen haben Greuelmärchen über Folterungen im Gefängnis Lubjanka erfunden, das Buch selbst gibt Aufschluß darüber, daß die Gefängnisbibliothek erstklassig ausgestattet war.

Im Gefängnis verfasste er 1938 auch eine Art Abschiedsbrief, der an die künftige Generation führender Parteifunktionäre gerichtet war, und in den er seine Unschuld beteuerte. Führende Funktionäre würden ihn eines Tages rehabilitieren. Für einen Marxisten fürwahr ein merkwürdiger Aufruf. Bekanntlich wurde Bucharin im Namen des Volkes verurteilt, nur das Volk spricht dann auch eine Rehabilitierung aus.

In der Zeitschrift „Marxistische Blätter“ vom 10.11. 2007 hat Dr. h.c. Robert Steigerwald einen Aufsatz über Stalin verfasst, dessen Überschrift ein Satz aus einem Brief Bucharins  an Stalin bildet: „Koba (Untergrundname von Stalin), wozu brauchst Du meinen Tod ? “ Er kommt zu dem Schluß, daß die Greuel des Stalinismus gezeigt hätten, dass Kommunisten das Räte- bzw. das Sowjetsystem aufzugeben und stattdessen eine auf Gewaltenteilung basierende Republik anzustreben hätten. Das geht natürlich weiter als die Forderung der Kronstädter Matrosen: Sowjets ohne Bolschewiki, der Gedanke der Diktatur des Proletariats soll fallengelassen werden. Steigerwald geht an die Frage der Demokratie und Diktatur pauschal ran, während Lenin uns gerade lehrte, dass die Diktatur des Proletariats ein Höchstmaß an Diktatur GEGEN die alten Ausbeuter und ein Höchstmaß an Demokratie FÜR die bisher unterdrückten Volksmassen bedeutet. Demokratie charakterisiert nur eine der möglichen Herrschaftsformen in Klassengesellschaften. Weder sind die gesellschaftlichen Beziehungskomplexe in Geschlechtsverbänden vor dem aus der Überschußproduktion resultierenden Aufkommen des Staates als demokratisch zu bezeichnen, als habe es jemals so etwas wie eine Urdemokratie gegeben, noch die im Kommunismus, wo die Aufhebung des Staates auch die Aufhebung der Demokratie bedeutet. Eingehendere Analyse würde verdeutlichen, daß Demokratie heute überhaupt das letzte politische Modewort ist, in das sich konterrevolutionäres Gedankengut flüchtet und konserviert. Heute wollen alle Demokraten sein und alle wollen den Marxisten den Boden entziehen, notfalls durch Verbot ihrer Partei, wenn diese mit ihrer Dialektik von Revolution und Konterrevolution ankommen. Revolution und Konterrevolution ! was soll denn das ? Leben wir denn nicht in der allerdemokratischten Republik ?! Aber aus dieser Dialektik heraus hat Engels Bebel einen interessanten Hinweis gegeben: „…solange das Proletariat den Staat noch gebraucht, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf zu bestehen.“ (1.) Steigerwald meint, eine antikapitalistische Herrschaftsform müsse  sich in der Form einer demokratischen Republik gestalten, wie sie der späte Engels konzipierte. Aber in diesem Konzept ist ganz gewiß die Gewalt enthalten (Niederhaltung der Gegner).Steigerwald wörtlich: „Es ist auch zu bedenken, daß ein neuer Anlauf zum Sozialismus bei uns nur möglich sein dürfte, wenn breitere Massen des Volkes diesen Anlauf bewirken, und eine solche Volksbewegung wird durchaus nicht homogen in sozialer, politischer und weltanschaulicher Hinsicht sein. Das aber hätte Konsequenzen für eine sich aus solch einer Bewegung ergebende Staatsmacht. Es sind Koalitionsregierungen und politisch-parlamentarische Fraktionen möglich, das also wäre der Staatstypus der demokratischen Republik, ganz so, wie ihn der späte Engels einmal meinte. (google: bucharin steigerwald „Koba, wozu brauchst Du meinen Tod ? Bucharin an Stalin (Linksnet). Der späte Engels ? Der späte Engels hat viel geschrieben. Die Staatsfrage ist stets eine entscheidende Frage, hier muss dem Leser unbedingt durch Stellenangabe die Möglichkeit der Überprüfung gegeben werden. Engels unterstrich immer wieder, daß „…in der demokratischen Republik der Staat Staat bleibt…“ (2.), so Lenin. Hier haben wir mit bewundernswerter Klarheit eine Ausführung , als habe Lenin den Mißbrauch mit den wohlklingenden Worten Demokratie und Republik vorausgesehen.

Im Zuge der Perestroika war Steigerwald 1989 der Auffassung, Kommunisten müssen umdenken (3.), hier haben wir Früchte dieses Umdenkens, allerdings feine Früchtchen. Kommunisten müssen nicht umdenken, sondern den Marxismus Leninismus weiterdenken, weiterentwickeln. Man kann die Revolution der Arbeiter und Bauern nicht vorbereiten, wenn man nicht den Marxismus Leninismus weiterentwickelt, und ungekehrt: man kann den Marxismus Leninismus nicht weiterentwickeln, wenn man nicht die Revolution der Arbeiter und Bauern vorbereitet. Es gibt gewisse unerschütterliche Fundamente des Marxismus Leninismus, die Gültigkeit haben solange es Klassen und Klassenkampf gibt, es gibt aber keine ewigen Fundamente, im Kommunismus stirbt mit dem Staat auch der Marxismus ab, eine Anleitung zum revolutionären Handeln gegen das Kapital erübrigt sich mit dessen Aufhebung. Die Dialektik anerkennt nichts Ewiges außer den ins Unendliche gehenden dialektischen Prozess. In Lenins Staat und Revolution gibt es ein ganzes Kapitel mit  Erläuterungen von Friedrich Engels zur Pariser Kommune (Kapitel IV), in dem Lenin mehrmals betont, daß für Engels demokratische Republik „….in keiner Weise die Herrschaft des Kapitals und somit die Unterdrückung der Massen und den Klassenkampf beseitigt.“ (4.) Wir müssen auch Lenin in der Frage  der gewaltsamen Revolution und der Diktatur treu bleiben: die Massen für einen neuen Aufschwung  des Sozialismus systematisch zur gewaltsamen Revolution erziehen (5.), Abschaffung der parlamentarischen Republik (6.), Aufbau einer Diktatur, die an keinerlei Gesetz gebunden ist und sich unmittelbar auf Gewalt stützt, d.h.: es muß einen Freiraum für eine außerordentliche Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution geben. Das Proletariat darf seine Macht mit niemandem teilen (7.)…u.s.w.u.s.f.Das alles hat Lenin in den Schriften „Staat und Revolution“ und über den Renegaten Kautsky dargelegt,d.h. liest man die Passagen von Steigerwald, so kann man gar nicht soviel rote Tinte nachfüllen, wie man Anstreichungen machen muß.  Warum ? Weil Steigerwald den einfachen Gedanken verwirft , den Lenin formulierte: Vernichtung der Bourgeoisie (8.), der Kommunismus in Deutschland und weltweit hängt entschieden von der Lösung dieser Frage ab. Jede ernsthafte gesellschaftswissenschaftliche Analyse bestätigt doch diesen Gedanken, die Diktatur der Bourgeoisie verstopft alle lebenswichtigen Poren des Volkes.Wie Kautsky mag es auch Steigerwald auf die englische Geschichte einzugehen, er stellt Vergleiche Stalins mit Oliver Cromwell an, wobei er sich auf die Stalin Biografie des Trotzkisten Isaac Deutscher bezieht. Das mag als intellektuelle Spielerei passieren, was bringt es uns an Erkenntnisfortschritt, wenn man bedenkt, dass die Soldaten Cromwells sich als Gotteskrieger verstanden und angehalten waren, täglich in der Bibel zu lesen. Dr. h.c. Robert Steigerwald ist Ehrenvorsitzender der Marx Engels Stiftung zu Wuppertal.

1. Engels an Bebel, 18./28.3.1872.

2.Lenin:Staat und Revolution, in: Lenin Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971,346

3.Siehe: Die Kommunisten müssen umdenken: Die Perestroika und Wir, Menschheits- und Klassenfragen, Verlag Edition Marxistsiche Blätter, 1989.

4. Lenin: Staat und Revolution, in: Lenin Ausgewählte Werke, Progress Vlg Moskau, 1971, 341

5.a.a.O, 301

6. In Lenins „Staat und Revolution“ gibt es ein ganzes Kapitel: Aufhebung des Parlamentarismus. (a.a.O.,320 – 325)

7.a.a.O., 304

8.a.a.O.,312

Zum Tode des Commandanten Bosque

20. September 2009 von dierostigelaterne

Am Abend des 11. September 2009 verstarb um 23 uhr 30 Ortszeit auf Kuba Juan Almeida Bosque an einem Herz-Kreislaufstillstand, die Regierung ordnete einen Tag Staatstrauer an.

Juan, am 17.2. 1927 in Havanna als zweites von 12 Kindern geboren,  kam aus ärmlichen Verhältnissen und mußte schon mit 11 Jahren harte Arbeit verrichten, er wurde Maurer und Kommunist. An ihm bewahrheitet sich wieder einmal Stalins Aussage: nicht dieser oder jener Gymnasiast, nicht dieser oder jener Student, die Söhne der Not und der Entbehrung, sie vor allem sollen Mitglieder der KP sein. Schon mit jungen Jahren kämpfte er gegen den Militärdiktator Fulgencio Batista, der drauf und dran war, Kuba in eine Spielhölle und Hinterhofbordell für US-Millionäre  zu verwandeln. Am 26. Juli 1953 beteiligte er sich beim Sturm auf die Moncada Kaserne, was ihm zwei Jahre Gefängnis auf der Isla de Pinos einbrachte, von 1955 an war er als erster Afrocubaner wieder aktiv in der revolutionären Bewegung Kubas, erlitt bei Guerillaaktionen zwei Verwundungen und zog zusammen mit Fidel und Che am 1.1. 1959 siegreich in die Hauptstadt Havanna ein. Er gehörte neben Che und Camilo Cienfuegos zu den drei Männern, denen der Ehrentitel „Comandante de la Revolucion“ verliehen wurde.

Bosque bekleidete viele Posten der Revolution, die ich hier gar nicht alle aufzählen möchte, er pflegte einen schlichten Lebensstil und war bescheiden, aber soviel will ich dann doch anführen: er war Luftwaffenchef Kubas, Vizeminister der Revolutionären Streitkräfte und Vizepräsident des Staatsrates, Vorsitzender der Veteranenvereinigung, Mitglied des ZK und des Politbüros der KP Kubas. Fidel Castro schrieb in einer seiner Reflexionen: „Ich hatte das Privileg, ihn zu kennen…“ (Siehe auch: Internet/google: Das deutschsprachige Fidel Castro Archiv)

Der Maurer hinterläßt nicht nur ein Dutzend Bücher sondern auch c.a. 300 von ihm komponierte Lieder, das berühmteste ist wohl „Lupe“, einer Mexikanerin gewidmet, die er im mexikanischen Exil kennenlernte. „Dass meine Erde mich ruft, um zu siegen oder zu sterben, vergiss mich nicht Lupita, erinnere Dich an mich.“

Ein halbes Jahrhundert sind seit dem Sturz Batistas nunmehr vergangen, die kommunistische Weltbewegung hat viele Stürme und Erschütterungen erlebt, viele haben gezweifelt, viele sind eingeknickt, viele übergelaufen. Juan Almeida Bosque hat seinen Schwur gehalten. In der offiziellen Trauerbotschaft hieß es denn auch, Almeida werde „…in den Herzen und Köpfen…“ der Kubaner weiterleben.

TOD DER FASCHISTISCHEN BESTIE

17. September 2009 von dierostigelaterne

Seit der Luther´schen Reformation, besonders seit der schweren Niederlage im deutschen Bauernkrieg 1525 ist in Deutschland eine Untertanenmentalität ohnegleichen gängig, ein ekelhaftes Katzenbuckeln vor jeder beliebigen Obrigkeit: Preußenkönige, Bismarck, Bürgermeister, Führer, Kanzlerin. Luther hatte alle Deutschen in Mönche verwandelt (so Karl Marx, siehe: Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, MEW 1, 386) und gegen die progressiven, aufrührerischen Bauern Müntzers gehetzt: „…Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund zerschlagen muß.“ Luther war der erste Sozialdemokrat in Deutschland.

Die Liquidierung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs unter Beihilfe der reaktionären Sozialdemokratie steht ganz in der Tradition konterrevolutionärer Raserei gegen fortschrittliche Menschen, die dann im Nerobefehl Hitlers auf ein ganzes Volk ausgedehnt wurde, ein in der Weltgeschichte EINMALIGER Akt. Der Nerobefehl Hitlers beinhaltete, alle ökonomischen Grundlagen in Deutschland zu zerstören, damit das deutsche Volk nicht mehr leben kann, es sollte für immer ausgelöscht werden. Das ist die Quintessenz des Faschismus, der wiederum die Quintessenz des menschen-/völkerverachtenden Kapitalismus ist. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. (B.Brecht) Es gibt keine größeren Volksfeinde für das deustche Volk als die Faschisten, die Liquidierung eines Faschisten darf strafrechtlich gar nicht verfolgt werden, denn es ist ein Notwehrakt des deutschen Volkes. Gegen die Faschisten ist an Lenins Partisanentaktik zu erinnern: Liquidierung von einzelnen Personen durch bewaffneten Kampf, der von kleinen Gruppen geführt wird. (LW 11,205). Listen von Faschisten erstellen, auflauern, liquidieren…kurz und bündig, human…in gut-guillotinistischer Tradition…frei nach Luther: „Man soll sie zerschlagen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund zerschlagen muß.“ So bekommen die Worte Luthers einen Sinn. Die partisanenmäßige Liquidierung von Faschisten nach revolutionärem Standrecht ist heute auch eine vorrangig politische Aufgabe angesichts der Tatsache, dass sich das Kapital durch sein Verfassungsgericht die Faschisten als konterrevolutionäre Terrortruppe gegen die Arbeiterklasse und das Volk warmhält. Das Verfassungsgericht, das 1956 die KPD verboten hatte, hat kein Interesse an der Existenz des deutschen Volkes (was schon das KPD-Verbot in der Tradition Luthers bezeugt).

Keinesfalls können wir die Bekämpfung der Anhänger Neros staatlichen Organen wie Polizei, BND und Verfassungsschutz überlassen. Diese Organe distanzieren sich zwar verbal vom Faschismus, sind aber durch 1000 Fäden mit ihm verbunden. Die angeblich der Republik dienende und auf sie vereidigte Polizei schützt zum Beispiel bei Antinazidemos die Volksfeinde vor dem Volk. Die „Republik“ wird beständig dem braunen Strassenpöbel ausgeliefert,

Aber die gefährlichsten, weil verdecktesten Helfeshelfer des Faschismus sitzen in den antifaschistischen Ausschüssen selbst, sie wollen gewaltfrei „sauber“ gegenüber den Faschisten bleiben. Ihnen ist nicht gegenwärtig, daß die Völker ein RECHT AUF BESTRAFUNG DER KONTERREVOLUTION haben.“Die Unterdrücker der Menschheit bestrafen ist Gnade; ihnen verzeihen ist Barbarei.“ (Robespierre: Rede über die Prinzipien der politischen Moral am 1.2. 1794) Säubert die Ausschüsse von diesen Barbaren.

Mit Ritterlichkeit aus der Finanzkrise

11. September 2009 von dierostigelaterne

„Selbstdisziplin, Gerechtigkeitssinn, Ehrlichkeit, Fairness, Ritterlichkeit, Maßhalten, Gemeinsinn, Achtung vor der Menschenwürde des anderen, feste sittliche Normen – das alles sind Dinge, die die Menschen bereits mitbringen müssen, wenn sie auf den Markt gehen und sich im Wettbewerb miteinander messen.“ (1.) Wenn man diese Zeilen liest, reibt man sich verwundert die Augen. Wir wissen um die Realität im Kapitalismus, die arbeitenden Menschen werden „fair“ ausgebeutet, aber auch die Kapitalisten expropriieren sich untereinander, Marx hat das in die kurze Formel gefasst: „Je ein Kapitalist schlägt viele tot.“ (2.) U.a. Ritterlichkeit also, Gerechtigkeitssinn…u.s.w….mit diesen allerliebsten Tugenden will der Innenminister Wolfgang Schäuble den Ausweg aus der Finanzkrise finden, gerade auf Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Joseph Schumpeter und Ludwig Erhard (Maßhalten) beruft er sich in seinem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. August 2009 in der Serie: Die Zukunft des Kapitalismus (Beitrag No 20), Titel: Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin. In diesem Aufsatz versteht sich Schäuble als eine Art Über-Ingenieur am kapitalistischen Finanzgetriebe (3.) , denn für ihn ist es in der Geschichte der BRD die erste Wirtschaftskrise, die die kapitalistische Wirtschaftsordnung nach 1945 in Frage stellt. Offensichtlich hat er aus dieser Krise nichts gelernt, denn er spricht sich eindeutig für den Eigennutz, allerdings nunmehr gebremste, sprich: gesunde Gier der Kapitalisten aus. „Der Hauptstock deutscher Moral und Ehrlichkeit, nicht nur der Individuen, sondern auch der Klassen, bildet vielmehr jener bescheidene Egoismus, welcher seine Beschränktheit geltend macht und gegen sich geltend machen läßt.“  (4.) Im übrigen: man kann keine Krise mit den Mitteln lösen, die zu ihr hingeführt haben, denn es irrt der Mensch so lang er strebt.  Wird die Gier gebremst, so wird nur die nächste Krise später eintreten. Ohne Eigennutz ginge es nicht ? Hätte Schäuble Recht, wäre der Kapitalismus für alle Ewigkeit festgeschrieben. Und doch gibt es ein für alle Zeit unvergängliches Kleinod der Weltgeschichte, ich meine die russischen Subbotniks während der Oktoberrevolution, an denen auch Lenin mitarbeitend teilnahm und bei denen der Eigennutz an letzter Stelle stand. (5.) Ohnehin sollte ein Christ wie Schäuble mehr zu den Subbotniks neigen, denn auch dem Christentum ist Eigennutz im tiefsten Kern wesensfremd. Die Subbotniks bleiben für immer in den Herzen aller ehrlichen, arbeitenden Menschen eingebrannt, die wegwollen vom primitiv-tierischen Eigennutzdenken und staatsfreie kollektive Wirtschaftsformen anstreben. Schäuble dagegen ruft den Staat an: „Der Staat ist in der Verantwortung, als Hüter und Gestalter unserer Wirtschaftsordnung Schlußfolgerungen zu ziehen, wie wir durch mäßigende Vorkehrungen künftigen Übertreibungen vorbeugen können…Wir müssen dafür sorgen, daß Krisen am Markt nicht systembedrohend für den Markt, Staat und Gesellschaft werden können“ (6.). Der die Ökonomie gestaltende Staat ?…das schlägt nun allerdings der modernen Gesellschaftswissenschaft mitten ins Gesicht. (7.) Wie gestaltet denn dieser Staat, in dem Schäuble Innenminister ist ? Auf unverschämte Weise hat die Regierung, die angeblich gegenüber ALG-II-Empfängern und Rentnern so sehr in Geldnot war, maroden Banken Milliarden an Kapitalhilfen und Garantien hinterhergeworfen ! Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin breiter Volksmassen ! Illusionär ist auch seine Idee, auf einen Berufsethos der Bankiers zu hoffen, statt des Bankers sei wieder der Bankier gefragt.Angesichts der Armut des Volkes sind vielmehr Expropriationen der Banken gefragt. Ebenso illusionär ist sein Aufruf nach einer neuen „Kultur der Mäßigung und Verantwortung“. (8.) Wir müssen an dieser Stelle auch den Horizont Wolfgang Schäubles erweitern: der Ingenieur müht sich an einem Finanzgetriebe ab mit der Intention, dieses in Zukunft krisenfrei zu machen. Aber die nächste Krise ist doch unvermeidbar. „Man baut einen Damm auf der einen Seite, und irgendwann kommt das Wasser von der anderen Seite.“ (9.) Engels hat den Rhythmus der kapitalistischen Wirtschaft in folgende Worte gekleidet: „…Bankrott folgt auf Bankrott…bis Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt sich die Gangart, fällt in Trab, der industrielle Trab geht über in Galopp,und dieser steigert sich wieder zur zügellosen Karriere einer vollständigen industriellen, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen Steeple-chase (Hindernisrennen/H.A.), um endlich nach den halsbrechendsten Sprüngen wieder anzulangen- im Graben des Krachs. Und so immer von neuem.“ (10.) Selbst wenn man also mit Ritterlichkeit aus der Finanzkrise gelangen sollte, mit christdemokratischen „Maß und Mitte…Vermeidung von Übertreibungen und die Besinnung auf das bonum commune unserer Republik…“ (11.) , die nächste Krise kommt bestimmt. Es werden immer viel gelehrte Worte gebraucht, man wirft mit Fremdwörtern um sich, dem Volk unverständlich, durchleuchtet man den Artikel von Schäuble aber genauer, so ergibt sich, dass er sich als ein Pol Pot des Steinzeitkapitalismus erweist. Aus der kapitalistischen Krisenwirtschaft gibt es keinen anderen Ausweg als die proletarische Revolution, und dann kann auf die Fahne geschrieben werden: Die Kommune siegt über den Eigennutz. Schon in seiner Dissertation: „Differenz der demokritischen und epikureischen Philosophie“ entwickelte Karl Marx interessante Gedanken über die abstrakte Einzelheit: „Die abstrakte Einzelheit ist die Freiheit vom Dasein, nicht die Freiheit im Dasein. Sie vermag nicht im Licht des Daseins zu leuchten.“ 12. Die Verfechter von Subjektivität schreiben die Fremdbestimmung des Subjektes fest. So hat uns der Aufsatz von Schäuble keine Erleuchtung gebracht.

Es bleibt jetzt nur noch, auf die Ritterlichkeit Schäubles selbst zu sprechen zu kommen. Ist es ritterlich, von einem Waffenhändler (!) Schreiber, gegen den jetzt Ermitllungsverfahren der Staatsanwalt Augsburg laufen, nach einem Sponsorenessen der CDU 100 000 DM als Spende anzunehmen, die dann in keinem Rechenschaftsbericht auftauchen ? Ich glaube, wenn einer Anspruch auf Ritterlichkeit erheben kann, so ist es Friedrich Engels. (13.)

1.) Zitiert nach: „Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin“ von Wolfgang Schäuble, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. August 2009, 29. Dieser Satz stammt von Wilhelm Röpke, es genügen ein paar Angaben zu seiner Person: geboren 1899 in Schwarmstedt bei Hannover, gestorben 1966 in Genf. Hauptvertreter des Neoliberalismus und Begründer der „sozialen“ Marktwirtschaft, die landläufig mit dem Namen Ludwig Erhard in Verbindung gebracht wird. Der Sohn eines Landarztes war strikt gegen jede Form des Kollektivismus, hatte also volksfeindliche Ambitionen und so verwundert es nicht, daß er eine Gatprofessur bei der Rockefeller Stiftung in den USA innehatte.

2.Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,790

3.“Allerdings dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, daß es mit ein paar Justierungen an den Stellschrauben der Finanzmarktregulierung getan sein wird.“ Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. August 2009, 29

4.Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie/Einleitung, MEW 1, Dietz Vlg. Berlin 1957, 389

5.Streng genommen muß auch noch der Urkommunismus genannt werden, der persönlche Anreiz und das Eigennutzdenken  konnten erst auftreten, nachdem ein Überschuß über das Lebensnotwendigste produziert werden konnte, erst ab hier datiert auch ein Staat. (Siehe W.I. Lenin: Über den Staat – Vorlesung an der Swerdlow Universität, in: Ausgewählte Werke, Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1970,296). Aber seitdem wir die Produktion bei Vergesellschaftung der Produktionsmittel ins Unendliche vermehren können, ist dieser traditionelle, für Klassengesellschaften charakteristische persönliche Anreiz obsolet. „Erst die durch die große Industrie erreichte ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, die Arbeit auf alle Gesellschaftsglieder ohne Ausnahme zu verteilen und dadurch die Arbeitszeit eines jeden so zu beschränken, daß für alle hinreichend freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft – theoretischen wie praktischen – zu beteiligen. Erst jetzt also ist jede herrschende und ausbeutende Klasse überflüssig, ja ein Hindernis der gesellschaftlichen Entwicklung geworden.“ (Friedrich Engels, Anti-Dühring, in: Marx Engels: Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972, 201) Das Kontinuum der primitiven Privataneigung ließe nach dem Ausgang aus dem Urkommunismus nur eine terroristische Geschichtsauffassung zu, dies um so mehr nach dem I. und II. Weltkrieg, man begreift daher sofort die weltgeschichtliche Bedeutung der Oktoberrevolution und der Subbotniks. Die Subbotniks, das war der Urkommunismus, nunmehr auf der Stufe der Zivilisation. Es gibt eine Alternative zur kapitalistischen Kriegsbarbarei.

6.)Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. August 2009, 29

7.) Der seit der Renaissance einsetzende Ablösungsprozess von mittelalterlichen Weltbildern und die Dominanzverschiebung zu einer neuen Herrin, von der Religion zur Poltik, mit einer neuen Selbstbestimmung der ganzen menschlichen Daseinsweise wird von Rousseau während seines Venedigaufenthalts 1743 prägnant erfasst. Er erkannte, daß in Zukunft das Schicksal der Menschheit von der Politik bestimmt wird, wie bisher von Religion und Metaphysik. Es ist deshalb nur folgerichtig, daß Marat die Wissenschaft von der Politik für die wichtigste hielt, für Napoleon war die Politik eine unentrinnbare Schicksalsmacht. Die seit dem Aufkommen der großen Industrie einsetzende Arbeiterbewegung intendiert die völlige Selbsterschöpfung der Politik durch die völlige Durchpolitisierung aller auf der ökonomischen Struktur beruhenden gesellschaftlichen Lebensbereiche. Engels schrieb, daß er in Manchester mit der Nase auf die Tatsache gestoßen wurde, daß nicht der Staat die Ökonomie bestimmt, sondern umgekehrt. Schäuble scheint hier ganz Christ zu sein. Wie der Mensch, der durch den religiösen Fusel der Pfaffen sich selbst ganz verloren hat, sich nicht mehr um seine eigene Achse dreht,   in einer Lebenskrise Gott anruft, so ruft der Innenminister in einer Finanzkrise den Staat an. Ja den Staat und immer wieder den Staat, den Staat: er fällt auf einen Schein rein, auf den auch schon Hegel hereingefallen ist, der Staat bestimme die Gesellschaft. „Wie beim einzelnen Menschen alle Triebkräfte seiner Handlungen durch seinen Kopf hindurchgehen, sich in Beweggründe seines Willens verwandeln müssen, um ihn zum Handeln zu bringen, so müssen auch alle Bedürfnisse der bürgerliche Gesellschaft- gleichviel, welche Klasse grade herrscht – durch den Staatswilen hindurchgehn, um allgemeine Geltung in Form von Gesetzen zu erhalten…daß in der modernen Geschichte der Staatswille im großen und ganzen bestimmt wird durch die wechselnden Bedürfnisse der bürgerlichen Gesellschaft, durch die Übermacht dieser oder jener Klasse, in letzter Instanz durch die Entwicklung der Produktivkräfte und der Austauschverhältnisse.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,300).

8.) Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, a.a.O.,31

9.) So Bundesbankpräsident Axel Weber auf einen Symposion  des Kieler Instituts für Weltwirtschaft auf Schloß Plön am 12.9. 2009, siehe: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.9. 2009,12: In einer Welt voller Unsicherheit.

10.)Friedrich Engels: Anti-Dühring, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972, 302 f.

11.)Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. August 2009, 31

12.)Karl Marx, Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie nebst einem Anhange (Dissertation), in: Marx Engels Werke Ergänzungsband Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1974, 294

13.) „Produziert mit Bewußtsein, als Menschen, nicht als zersplitterte Atome ohne Gattungsbewußtsein…“ (Friedrich Engels, Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie, MEW 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,515) Zwei hochkarätige bürgerliche Ökonomen haben bei einem Symposion des Kieler Instituts für Weltwirtschaft am 12.9. 2009 ihr neues Buch vorgestellt: „Animal Spirits“. George Akerlof von der Berkeley Universität ist Nobelpreisträger und Robert Shiller lehrt Ökonomie an  der Yale Universität. Bereits John Maynard Keynes hatte diese Animal Spirits als Triebkraft der Wirtschaft bezeichnet. Der Mensch sei letztendlich kein rationales Wesen, Animal Spirits heißt wörtlich übersetzt: Tierische Geister. Hier haben wir das Niveau der bürgerlichen Ökonomie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. (siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.9. 2009, 12: In einer Welt voller Unsicherheit). Obwohl schon René Descartes, der Vater des Rationalismus, im 17. Jahrhundert philosophisch argumentativ nachwies, dass die Sonne uns durch die Sinne kleiner erscheine als die Erde, nach mathematischer Berechnung aber größer sein müsse, wir also rationale Wesen sind. Gleichwohl spiegelt die Theorie Keynes etwas richtig wider: unter kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen ist nur das Tierische das Menschliche und das Menschliche das Tierische. Die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit durch ihre Arbeitskreativität kommt für die Masse der Proletarier nicht über das Tierische hinaus. Bei Marx heißt es wörtlich: „Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.“ (Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Die entfremdete Arbeit , 1844, in: Marx Engels Werke Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Vlg. Berlin 1974, 515)

„Gute Politik für Gute Arbeit“- eine menschewistische Mogelpackung

1. September 2009 von dierostigelaterne

Am 20. August 2009 fand im Freizeitheim Hannover-Linden unter dem Thema: „Gute Politik für Gute Arbeit“eine SPD-Wahlkampfveranstaltung statt, die von Edelgard Bulmahn eingeleitet wurde und auf der der Bundesarbeitsminister Olaf Scholz eine Rede hielt, die den historischen Charakter der kapitalistischen Lohnarbeit nicht erfasste. Die Lohnarbeit wurde als das Nonplusultra dargestellt, ja mehr noch, die Arbeit sei die Quelle allen Reichtums, was a) falsch ist, denn die Natur birgt schon in sich ungeheure Reichtümer, und b) diese These endet in einen präfaschistischen Kult der Arbeit. Der Arbeitsminister versprach, dafür Sorge tragen zu wollen, dass in der BRD „in Würde“ gearbeitet werden könne. Selbst wenn man die Lohnarbeit favorisiert und auch dafür eintritt, dass das Grundgesetz auch in der Arbeitswelt greife, selbst in diesem illusorischen Rahmen hatte der Minister drei wesentliche Punkte außer Acht gelassen. Erfreulich an diesem Abend war immerhin, dass aus dem Publikum die notwendigen Ergänzungen kamen. Nicht angesprochen wurde vom Minister die eklatante Menschenrechtsverletzung an Frauen, die in der BRD sehr oft noch nicht den gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhielten. (1.)Aus dem Publikum wurde vorgetragen, dass bei diesen Menschenrechtsverletzungen Geldstrafen nicht ausreichen, sondern diese „würdevollen“ Kapitalisten hinter Schloß und Riegel gehören. Wie bei Menschewisten üblich wurde der Bereich der Landwirtschaft völlig übersehen. Die Arbeiterbewegung muß aber immer schauen, was macht ihr Bundesgenosse, der Landarbeiter, der Kleinbauer, der landwirtschaftliche Kleinhändler, wir sind mit ihm dadurch vereint daß die bürokratisch-militärische Staatsmaschinerie uns knechtet, bedrückt und ausbeutet. (2.) Auch dort geht es wenig würdevoll zu, sondern nicht nur die Milchbauern kämpfen um ihre nackte Existenz. Einem weiteren Bundesgenossen der Arbeiterbewegung wurde keine Beachtung geschenkt, und zwar dem Bündnis und der Solidarität zwischen Lohnarbeitern und Erwerbslosen. Es waren aber auch Hartz IV Empfänger im Raum, die sich zu Recht bemerkbar machten. Das Kapital will gerade Erwerbslose und Beschäftigte spalten, gegeneinander ausspielen, durch deren Konkurrenz die Löhne drücken. Es wurde darauf hingewiesen, dass sich auf der seit 5 Jahren in Hannover stattfindenden Montagdemo gegen Sozialabbau noch kein SPDler, noch kein Gewerkschaftler hat blicken lassen, geschweige denn eine Rede gehalten hat. Am Ende der Veranstaltung wurde Edelgard Bulmahn direkt gefragt, warum sie der Bethlehemgemeinde in Hannover 400 000 € hat zukommen lassen ? Vor Publikum ignorierte sie diese Frage einfach, am Ausgang zwischen Tür und Angel- zur Rede gestellt - dann: die Gemeinde leiste eine hervorragende Kinder- und Jugendarbeit. Aber Genossin Edelgard ! Lenin bezeichnete die Religion als eine Art geistigen Fusels. Wie kann denn die Verabreichung von Fusel an Kindern und Jugendlichen hervorragende Arbeit sein ? Diese jungen Menschen werden vielmehr ihrer Würde beraubt, ideologisch verstümmelt, mit mittelalterlichem Gedankengut für eine wissenschaftliche Lebensgestaltung und Weltaneignung unfruchtbar gemacht. Erinnern wir die Genossin Edelgard an eine Aussage von August Bebel: „…jeder Religionslehrer ist ein Feind des wahren Fortschritts der Menschheit, er ist gefährliches Unkraut unter dem Volksweizen, das ausgerottet werden muß.“ (August Bebel: Über materialistische Geschichtsauffassung, in: Augsut Bebel: Die moderne Kultur ist eine antichristliche, Alibri Verlag 2007,61). Ganz Recht, Genosse Bebel. Leider ist deine SPD heute auch gefährliches menschewistisches Unkraut, das ausgerottet werden muß.Überhaupt die Konjunktion Politik und Arbeit. Dass es Politik gibt und dass sie heute noch notwendig ist, deutet schon darauf hin, dass die gesellschaftliche Arbeit entfremdet, klassenmäßig geteilt ist, dass es noch unproduktive Elemente gibt, zu denen auch die Politiker zählen, mögen sie nun gute Poltik betreiben oder schlechte. Gute, gerecht aufgeteilte gesellschaftliche Arbeit erübrigt jegliche politische Betätigung von Menschen. Wer also die Begriffe Politik und Arbeit zusammenbringt im positiven Sinne, versteht von beides nichts. Unter kapitalistsichen Bedingungen sind Politik und Arbeit etwas zutiefst Negatives, es sind die Ausbeutungsverhältnisse, die das gesamte deutsche Volk lähmen und vergiften, quälen und krank machen. Karl Marx schrieb in den Pariser Manuskripten 1844, dass die Arbeit wie die Pest geflohen wird, wenn kein physischer Zwang mehr da ist. Olaf Scholz ist nicht der Mann, der diese Pest besiegen kann, nicht einmal ein Nobelpreisträger für Ökonomie könnte das, diese Pest kann nur durch den Gesamtarbeiter, der Arbeiterklasse, besiegt werden. Die gegen diese Pest kämpfen, müssen wissen:  Sozialdemokratische Politik dient der Aufrechterhaltung der Kapitalherrschaft über Arbeit.  Das Ende der kapitalistischen Exploition der Arbeit ist das Ende der Politik.

1.) Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden gab für das IV. Quartal 2008 folgende Zahlen bekannt: Im Staatsdienst verdienen Frauen 7 % weniger, in der Privatwirtschaft gar 23 %. Verdienen Männer hier im Durchschnitt 19,50 € die Stunde, so Frauen nur 15,08 €. Nur in Zypern, Holland, Estland und in der Slowakei ist der Unterschied noch größer.

2.Vgl. Lenin: Staat und Revolution, LW 25, 429

ZUR BUNDESTAGSWAHL 2009

24. August 2009 von dierostigelaterne

Lenin lehrte uns, dass man bürgerliche Politiker, und natürlich auch proletarische, nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Taten beurteilen soll. Dieser Hinweis ist auch für die kommende Bundestagswahl hochaktuell.

Ich beobachte diese bürgerlichen Schmarotzerparteien schon seit 40 Jahren, vor der Wahl werden paradiesische Zustände versprochen, nach der Wahl wird die Hauptkunst, ihre wahre Meisterschaft wirklich sichtbar: wie schon der große Aufklärer Voltaire einen Wesenszug der Politik in der Kunst sah, das Geld aus den Taschen einer Klasse in die einer anderen zu überführen. Am Ende gibt es paradiesische Zustände für eine verschwindend kleine Handvoll von Parlamentariern (598 Abgeordnete) - Not, Elend, Steuerplackerei, ohne 10 € keine ärztliche Behandlung, Hartz IV…u.s.w. für die Volksmassen.

Natürlich verurteilt der bürgerliche Parlamentarismus die Menschen zum Sklavendasein, die Sklavenhalter angeblich demokratisch legitimiert. Die spießbürgerliche Enge des Parlamentarismus liegt in der Tatsache, dass angeblich freie Bürger Sklavenhalter wählen, es ist eine infantile Herr-Knecht-Borniertheit: Bürger könnten ohne Bürgermeister nicht leben, Bundesbürger nicht ohne Kanzler/in. Es ist der rückständigste Etatismus. der sich in diesen Wahlen artikuliert. (1.)Gerade im deutschen Volk, das keine erfolgreiche Revolution, sondern alle erfolgreichen Konterrevolutionen mitgemacht hat (2.), sitzt ein perverser politischer Masochismus: Führer befiehl, wir folgen Dir. Der deutsche Spießer ist politisch so entmündigt worden, dass er glaubt, ohne Führer und Bundeskanzler/in nicht leben zu können. Insofern haben die Wahlverweigerer ein höheres politisches Bewußtsein als die tauben Aktivbürger, die auf die Bourgeoisie hereinfallen und durch ihre Naivität das ganze Volk versklaven. Stell Dir vor: es sind Wahlen und keiner geht hin. Wenn zum Beispiel statt eines kleinen „erlauchten“ Kreises von Kardinälen alle Katholiken den Papst wählen könnten, so blieben diese doch vor wie nach  mittelalterlicher Abschaum, lediglich „demokratisierter“. Will sagen: freie Menschen werden durch Wahlen unmündige Bürger. Soweit ist die Bundestagswahl eine große Veranstaltung zur Volksentmündigung. „Politische Freiheit ist Scheinfreiheit, die schlimmste Art von Sklaverei, der Schein der Freiheit und deshalb die schlimmste Knechtschaft.“ (3.) Nicht aufgeworfen wird zum Beispiel die Frage: Gibt es eine gesetzmäßige Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und demzufolge auch eine Gesellschaftswissenschaft ? Diese Frage muß man unbedingt bejahen, dann aber auch die Schlußfolgerung, daß alle bürgerlichen Parteien eine schiefe Stellung zu ihr einnehmen. Sind die bürgerlichen Parteien nur auf die Macht fixiert, egal mit welchen schmutzigen lügenhaften Mitteln man sie auch erreicht, so wird dem Wahlbürger Staatssouveränität suggeriert, einmal in vier Jahren „Große Politik“, während er in Wirklichkeit „demokratische“ Sandkastenspiele betreibt. Würden die Politiker es ehrlich mit dem Volk meinen, so würden sie von ihren politischen Wahlalbernheiten ablassen und sich den ernsten Gesellschaftswissenschaften zuwenden. Aber ablassen können sie davon nicht, denn die Menschen machen, wie der materialistische Philosoph Plechanow bemerkte, Geschichte aus dem Bestreben, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und das Bestreben des Kapitals und seiner politischen Handlanger ist es eben, das Proletariat zu blutsaugen und deshalb auch politisch zu unterdrücken. „Die Kapitalisten können auf ihre Interessen ebensowenig verzichten, wie ein Mensch sich selbst an seinen Haaren hochziehen kann.“ (4.) Man schlage ein beliebiges Handbuch des deutschen Bundestages auf und man wird feststellen, daß Friedrich Engels völlig Recht hatte, als er am Beginn des deutschen Parlamentarismus (5.) den Abgeordneten der Frankfurter Paulskirche bescheinigte, daß ihre Mehrheit „obskurante Lebensläufe“ aufweise. Es war auch verfehlt von dem KPD-Abgeordneten des Deutschen Bundestages Kurt Müller bei seinem Verhör durch General Mielke im Ministerium für Staatssicherheit, darauf hinzuweisen, daß er unter westdeutschen parlamentarischen Schutz stünde. Mielke antwortete: „…das interessiert uns hier nicht, ich bin erst dann zufrieden, wenn ich den ganzen Bonner Laden hier bei mir sitzen habe.“ (Brief Kurt Müllers an Otto Grotewohl vom 31.5.1956)

Und doch gibt es eine Dialektik des Parlamentarismus,  die historisch wohl nie so deutlich wurde wie in der russischen Oktoberrevolution, Wahl zur Duma und kurz darauf deren Auflösung. Diese Auflösung war notwendig, denn das Parlament ist natürlich ein schwerer Hemmschuh gegen die Entwicklung zum Kommunismus. Man sollte sich bezüglich der Frage eines Wahlboykotts solcher bürgerlichen Parlamente nicht festlegen, unter Lenins Führung sprach sich die SDAPR vor 1917 einmal für die Teilnahme an der Dumawahl aus, einmal dagegen.

Der höchste demokratische Ausdruck des Parlaments besteht in der Möglichkeit  der Parteien des arbeitenden und ausgebeuteten Volkes, den Reifegrad des Proletariats zu erkennen.  Das Parlament kann eine Tribüne sein, den Marxismus Leninismus zu propagieren, es gibt aber keinen parlamentarischen Weg zum Sozialismus. Haben die proletarischen Parteien die Mehrheit der Wähler hinter sich, dürfen die Revolutionäre mit der Zerschlagung des Parlaments nicht einen Tag warten. Wie Lenin ihn in Russland zerschlug und damit einen Leuchtturm für die gesamte gegen den Kapitalismus kämpfende Menschheit errichtete ! Ein Wahlsieg des Proletariats mit anschließender Auflösung des Parlaments verändert die Dialektik zwischen Revolution und Konterrevolution erheblich: primär ist nicht mehr die Frage: welche Bande politischer Spekulanten koaliert mit welcher gegen das Volk, sondern Proletariat gegen Bourgeoisie: wer wen ? Verläuft die proletarische Revolution in aufsteigender Linie, so werden zwangsläufig alle verbliebenen bürgerlichen Parteien von den Volksmassen nach und nach zu kriminellen Vereinigungen erklärt. Die ideologische Akzeptanz einer Parteienpluralität von Schmarotzern durch die Arbeiterklasse käme einer Verewigung ihrer kapitalistischen Knechtschaft gleich.

Größe, Grenze und Elend des Parlamentarismus liegen im Politischen. „Die politische Emanzipation ist allerdings ein großer Fortschritt, sie ist zwar nicht die letzte Form der menschlichen Emanzipation überhaupt, aber sie ist die letzte Form der menschlichen Emanzipation innerhalb der bisherigen Weltordnung.“ (6.) Im Parlamentarischen liegt nicht der Ausbruch aus der bisherigen Weltordnung, das Parlament blockiert die letzte Form der menschlichen Emanzipation. Der Ausbruch aus der bisherigen Weltordnung ist ohne Tabu- und Milieubruch nicht möglich, beide Brüche sind in parlamentarischen Wahlen ausgeschlossen: man kann ohnehin nur zugelassene Parteien wählen und gewählt wird ohnehin aus dem Milieu heraus. Auch das ist eine Form des parlamentarischen Kretinismus. Mit den Kugelschreibern in den Wahlurnen wird nun einmal nicht Weltgeschichte geschrieben.

Man schlage heute beliebige bürgerliche Zeitungen auf, schon Wochen vor der Wahl finden wir das Jonglieren mit Prozentzahlen, das Spekulieren über Koalitionen, wer mit wem nach der Wahl ins „Hurenbett der Republik“ steigt. Wie Lenin schreibt, ein Wechsel der Personen, ein Wechsel der Institutionen, ein Wechsel der Parteien ändert nichts am kapitalistsichen System. (7.)Die Zahlen vom Wahlabend sind bald vergessen, bei den Gewählten sowieso, die bereit sind jedes Versprechen zu brechen, für die Wähler sind aber die Prozentrelationen sekundär. Die Zahlen vom Wahlabend sind nicht das Essentielle, aber das deutsche Volk muß sich eine Zahl besonders merken. Am 27. August 2009 erschien im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein unscheinbarer Artikel mit dem Untertitel: Nur 1 Prozent der Deutschen „sorgenfrei reich“. Im Auftrag des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat der Bremer Soziologieprofessor Olaf Groh-Samberg eine Studie erstellt, deren Ergebnis wir uns leicht einprägen können: Mehr als 50 % des deutschen Volkes leben in finanzieller Hinsicht nie sorgenfrei, NUR 1 % des Volkes lebt wirklich sorgenfrei, sorgenfrei in dem Sinne, daß er oder sie „…von dem Zwang entbunden ist, sich und gegebenenfalls ökonomisch abhängige Familienmitglieder über seine eigene Arbeit und Anstrengung am Leben zu erhalten.“ Da haben wir die perverse Realität der spätbürgerlich kapitalistischen Gesellschaft, da haben wir ein Musterbeispiel, wie uns bürgerliche Ideolgie die kapitalistische Knechtschaft von 99 % des Volkes als „Demokratie“ andrehen will. Vor der französischen Revolution betrug der Anteil des schmarotzenden Klerus und  Adels an der Gesamtbevölkerung immerhin noch 2,8 %. Wenn es denn zutrifft, dass der bürgerliche Staat nach Karl Marx das nationale Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit ist, so sind alle, die in diesem perversen bürgerlichen Staat Dienst gegen 99 % des Volkes verrichten, vor dem deutschen Volk schon gerichtet. Die Tuchatschewskis der Bundeswehr, die Blüchers der Bundespolizei, die Jegorows der Landespolizeien haben vor den Volks- und Sowjettribunalen keine Gnade zu erwarten. Lenin hatte völlig Recht, als er Friedrich Engels interpretierend feststellte, daß die Diktatur der Bourgeoisie eine besondere Repressionsgewalt der Bourgeoisie gegen das Proletariat darstellt, „…einer Handvoll reicher Leute gegen die Millionen der Werktätigen…“ (8.)

In der Sowjetunion fanden Wahlen statt, denen sich auch Stalin stellen mußte. Es ist überliefert, dass in seinem Wahlbezirk bei einer Wahlversammlung eine Automechanikerin auf das Dach eines Wagens stieg und ausrief: „Genossen ! Wir wählen am Sonntag den Genossen Stalin, weil er uns von Sieg zu Sieg führt, und weil dies die ganze Welt sieht.° …weil er uns von Sieg zu Sieg führt und weil dies die ganze Welt sieht. Man kann es den Kandidaten der bürgerlichen Parteien nicht einmal zum Vorwurf machen, dass sie damit nicht mithalten können. Der Kapitalismus, den sie repräsentieren, ist, lax gesprochen,  stinkend, faul und parasitär. (9.) Und in diesem Klima gedeihen keine Genies. Als Stalin nach seinem Tod im Moskauer Gewerkschaftshaus aufgebahrt war, nahmen 5 Millionen von ihm Abschied, 1 500 wurden auf dem zu engen Trubnajaplatz an Hauswänden und Laternenpfählen zu Tode gequetscht. Nehmen wir einmal an, in der BRD stirbt ein bürgerlicher Spitzenpolitiker, der am Brandenburger Tor aufgebahrt sein würde. Würden 5 Millionen strömen, würden 1 500 auf dem Pariser Platz sterben ? Es gibt heute in der BRD keinen Politiker, den man neben Stalin stellen könnte. Man soll den Kandidaten die Stimme geben, die sich Stalin wenigstens annähern. Also wem ? Den Kandidaten, die furchtlos sind im Klassenkampf, WIE STALIN. Die schonungslos sind im Kampf gegen Volksfeinde, WIE STALIN. Die frei sind von jeder Panik, ja von jedem Hauch von Panik. falls am Horizont Gefahr auftaucht, WIE STALIN. Die so weise sind und nicht voreilig Schlüsse ziehen, wo allseitige Orientierung angebracht ist und allseitiges Kalkül, WIE STALIN. Die so wahrhaftig und ehrlich sind, WIE STALIN.

1.“Die demokratische Republik ist die denkbar beste politische Hülle des Kapitalismus, und daher begründet das Kapital, nachdem es…von dieser Hülle Besitz ergriffen hat, seine Macht derart zuverlässig, derart sicher, daß kein Wechsel, weder der Personen noch der Institutionen noch der Parteien der bürgerlich demokratischen Republik, diese Macht erschüttern kann.“ Lenin: Staat und Revolution, LW 25,405

 2. Vgl. Karl Marx: Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, in: MEW 1, 379

3. Friedrich Engels: Fortschritte der Sozialreform auf dem Kontinent, MEW 1, 481

4.Lenin, Briefe aus der Ferne, LW 23,350

5. Das erste Parlament auf deutschem Boden gab es in der Mainzer Republik.

6. Karl Marx: Zur Judenfrage,MEW 1,Dietz Vlg. Berlin  1957, 356

7. Vgl. Lenin: Staat und Revolution, LW 25,405

8.a.a.O., 409

9. Die genaue Formulierung bei Lenin lautet: „Der Imperialismus ist ein besonderes historisches Stadium des Kapitalismus. Diese Besonderheit ist eine dreifache: der Imperialismus ist: 1. monopolistischer Kapitalismus; 2. parasitärer oder faulender Kapitalismus; 3. sterbender Kapitalismus.“ (Lenin: Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus,in: LW 23,102).

Gesine Schwans „persönlich-maßvolle“ Beziehung zu Karl Marx

22. August 2009 von dierostigelaterne

Die Kandidatur von Gesine Schwan zum Amt der Bundespräsidentin sollte Anlaß genug sein, ihre vor 35 Jahren erschienene Habilitation über „Die Gesellschaftskritik von Karl Marx, Politökonomische und philosophische Voraussetzungen“ (1.) genauer unter die Lupe zu nehmen. Da es sich um eine komplexe Habilitationsthematik handelt, bitte ich Leser/innen vorweg um Verständnis für (zuviel?) Zitiererei. Ein Schwerpunkt der Habilitation von Gesine Schwan ist das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie.

Sie rechtfertigt eine weitere „philosophische“ Schrift zum Marxismus mit dem Hinweis auf die zunehmende Komplexität hochindustrieller Gesellschaften, in denen viele Beziehungen in die Brüche gingen, so dass viele, vorwiegend junge Menschen bei Marx Ordnung im Chaos suchten. (2.) Na ja !! Als Ergebnis einer chaotischen Ehescheidung greifen beide hinterher zum „Kapital“ !?

Der Marxismus entwickelt bekanntlich die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats von der Lohnarbeit und vom Kapital, wie denn auch diese Dialektik durch alle oberflächlich komplizierten Chaosgebilde der spätkapitalistischen Gesellschaft hindurch als roter Faden im Auge zu behalten ist (3.) Für Lenin war der Marxismus „….die allerevolutionärste Doktrin der Welt.“ (4.)

Das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie ist seit der Spätschrift von Friedrich Engels: „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ (1888) geklärt: „Die Frage des Verhältnisses des Denkens zum Sein, des Geistes zur Natur, die höchste Frage der gesamten Philosophie hat also, nicht minder als alle Religion, ihre Wurzel in den bornierten und unwissenden Vorstellungen des Wildheitszustandes.“ (5.) Der Marxismus, führt Engels weiter aus, „…entschloß sich, die wirkliche Welt- Natur und Geschichte- so aufzufassen, wie sie sich selbst einem jeden gibt, der ohne vorgefaßte idealistische Schrullen an sie herantritt; man entschloß sich, jede idealistische Schrulle unbarmherzig zum Opfer zu bringen, die sich mit den in iihren eignen Zusammenhang, und in keinem phantastischen, aufgefaßten Tatsachen nicht in Einklang bringen ließ. Und weiter heißt Materialismus überhaupt nichts.“ (6.) Auf diese Schlüsselschrift, die vor Lenins Empiriokritizismus das durchdachteste philosophische Werk des Marxismus ist, geht Gesine Schwan nicht ein einziges mal (!) ein ! Dafür aber um so mehr und um so ausführlicher auf einen unausgereiften Text des jungen Marx, den dieser vom April bis August 1844 im Pariser Exil schrieb und der jahrzehntelang im Berliner Archiv der SPD lagerte.

Erst 1932 erschienen erstmals vollständig in deutscher Sprache die Pariser Manuskripte des jungen, 26jährigen Marx, denen man den Titel: „Ökonomisch Philosophische Manuskripte“ gab. Diese nicht zur Veröffentlichung, sondern zur Selbstverständigung, zudem fragmentarischen Manuskripte (7.) trugen noch einen geringen idealistischen und einen grösseren anthropologischen Charakter. Und es konnte nicht ausbleiben; gerade auf diese beiden Schwachstellen des Werkes stürzten sich die Revisionisten wie eine lechzende Meute, allen voran Herbert Marcuse. (8.) Nun sei Marx doch überwiegend ein Philosoph gewesen (9.), seine Theorie habe eine durchgehende philosophische Basis, ja eine Korrektur am späten Engels sei notwendig, Marx habe „…die innere Verbundenheit der revolutionären Theorie mit der Philosophie Hegels in aller Deutlichkeit ausgesprochen. “ (10.) Vergessen offensichtlich Marxens präzise Aussage im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, dass seine dialektische Methode „…der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil…“ (11.) sei. Die idealistische Dialektik Hegels ist nach Engels „unbrauchbar“ (12.), denn politisch lief sie bei Hegel auf eine ständische Monarchie hinaus, diese Dialektik kann die Arbeiterklasse in der Tat nicht gebrauchen. Und Gesine Schwan, die sich offen zur „philosophischen“, fast möchte man sagen hegelschen Tradition im (!) Marxismus bekennt (13.), radikalisiert Marcuse noch weiter nach rechts, geht noch weiter in die alte philosophische Wildnis zurück. „Marcuse…räumt immerhin ein, dass die Philosophie mit dem Aufweis der Möglichkeit der Entfremdung aus dem Wesen des Menschen ihre Grenze erreicht habe und das Aufzeigen des realen Ursprungs der Entfremdung Sache der ökonomisch-historischen Analyse sei. Ic kann ihm darin nicht zustimmen.“ (14.) Da Marx die Entfremdung intransingent aufheben will, deren Ursache der Philosoph Marx wie alle anderen Philosophen nie richtig geklärt habe, falle seine Theorie der Unglaubwürdigkeit anheim. (15.) Was Gesine Schwan auf keinen Fall möchte, ist eine radikale Weltveränderung der kapitalistsichen Ausbeuterordnung und so beschäftigt sie sich vornehm philosophisch mit dem Marxismus, sie schreibt ihren philosophsichen Unsinn hinter das Marx´sche Original, um den Marxismus förmlich zu entmannen. Oder, wenn man will: den Marxismus zu entwaffnen. Friedrich Engels bezeichnete gerade die materialistische Dialektik „…als unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe…“ (16.) , denn nur sie erfasst die schroffen Wendungen und Sprünge, Blitze in der Geschichte. Die Aprilthesen von Lenin waren 1917 gerade so ein Gedankenblitz, der die neue Welt mit einem Male hinstellte.  (Weshalb sie der alte materialistische Gelehrte G.W. Plechanow, der die Oktoberrevolution nicht verstand, als „Fieberphantasie“ abtat). Von solchen Fieberphantasien ist auch Frau Schwan weit entfernt: „Aber wir können den bedeutenden Hinweis aufgreifen, mit dem Marx auf Zusammenhänge zwischen der Arbeitswelt und den übrigen Daseinsweisen des Menschen zeigt. Diese Zusammenhänge…zu orten, wäre ein wichtiges Feld für die Wissenschaft, die sch in den Dienst einer praktsichen Politik stellt mit dem Ziel der schrittweisen Befreiung des Menschen von allen Unterordnungen, die er nicht selbstbewußt eingeht….“ (17.) Der Schlußsatz ihrer Habilitation kann nunmehr kaum noch überraschen: „Wer den Wert der Marxschen Theorie nicht daran mißt, ob sie als Heilslehre in ihren Jüngern innere Sicherheit, Selbstbestätigung und Überlegenheitsbewußtsein zu nähren vermag, sondern daran, welchen Beitrag sie für die Lösung der sozialen Probleme der konkreten Menschen hier und jetzt leistet, der wird zu dem Schluß kommen: Karl Marx-aber mit Maßen.“ (18.)

Hier ist nun jegliche Dialektik, egal ob materialistisch oder idealistisch, über Bord geworfen worden. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel packen. (19.)

Sollte Frau Schwan Bundespräsidentin werden, darf man gespannt sein auf ihren Beitrag zur schrittweisen Verbesserung der komplexen hochindustriellen Gesellschaft, zur schrittweisen Befreiung des Menschen von allen Unterordnungen, Schon ihre Kandidatur widerspricht dem, denn zur radikalen Befreiung des Menschen gehört die Überwindung des Staates, konkret: die Axt an die Wurzel der bürgerlichen Staatsmaschinerie legen, sie aber strebt ja gerade den allerhöchsten Repräsentanzposten der Diktatur der Bourgoisie an.

1. Gesine Schwan: Die Gesellschaftskritik von Karl Marx, Politökonomische und philosophische Voraussetzungen, Kohlhammer Vlg. 1975

2.a.a.O.,7

3. Vgl. auch: W.I. Lenin: Staat und Revolution: „Auf die Frage, warum besondere über die Gesellschaft gestellte und sich ihr entfremdende Formationen bewaffneter Menschen (Polizei, stehendes Heer) nötig geworden seien, ist der westeuropäische und russische Philister geneigt, mit ein paar bei Spencer und Michailowski entlehnten Phrasen zu antworten, auf die Komplizierung des öffentlichen Lebens, die Differenzierung der Funktionen u. dgl. m. hinzuweisen. Ein solcher Hinweis hat den Anschein der „Wissenschaftlichkeit“ und schläfert den Spießbürger vortrefflich ein. da er das Wichtigste und Grundlegende vertuscht: die Spaltung der Gesellschaft in einander unversöhnlich feindliche Klassen. (W.I. Lenin: Ausgewählte Werke, Progress Vlg. Moskau 1971, 292)

4.W.I. Lenin: Überd den Partisanenkrieg, LW 11,210

5.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,275

6.a.a.O.,292

7. In der Vorbemerkung zu „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ gibt uns Friedrich Engels einen interessanten Hinweis zum Umgang mit marxistischen Frühschriften, selbst das Feuerbach-Kapitel aus der „Deutschen Ideologie“ von 1845 sei für seine Schrift über Feuerbach 1888 unbrauchbar gewesen, über 40 Jahre mzß er auch feststellen, dass die „Deutsche Ideologie“ zeige, „…wie unvollständig unsere damaligen Kenntnisse der ökonomischen Geschite damals noch waren.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach, a.a.O.,264) Bürgerliche und kleinbürgerliche Intellektuelle haben die Neigung, alle Werke großer Denker zu Klassikern zu machen,  eben weil sie Geistesschaffende sind (der Geist in sich selbst verliebt), sie gehen nicht vom Aspekt der Verwertbarkeit für die rauhe proletarische Revolution aus. Vom letzteren aber allein kann die Weiterentwicklung der Theorie ausgehen, denn man kann den Marxismus nicht weiterentwickeln, wenn man nicht die Revolution der Arbeiter und Bauern vorbereitet und umgekehrt.

8.Frei nach dem Sinnspruch des Blaise Pascal aus seinen Pensées: Der Philosophie spotten, das heißt wahrhaft philosophieren. (Blaise Pascal: Grösse und Elend des Menschen, Klett Vlg. Stuttgart 1947,52) Karl Korsch vertrat zum Beispiel die Auffassung, Marx sei in seinem Spätwerk immer philosophischer geworden. Die für bürgerliche Ideologie charakteristische Trennung von Theorie und Praxis habe Marx aufgehoben, das Bürgertum wollte die separierte Wirklichkeit nach Ideen verbessern. (siehe: Karl Korsch: Marxismus und Philosophie, Frankfurt Wien 1966,151 f.)

9.Siehe auch: Erich Fromm: Das Menschenbild bei Marx, Frankfurt/M. 1963. Neuerdings auch wieder Barbara Zehnpfennig: Einleitung zu Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Felix Meiner Vlg. Hamburg 2005. Die Manuskripte hätten für Marx einen bestimmenden Einfluß auf sein Gesamtwerk ähnlich wie Platons Frühdialoge und Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ für deren Gesamtwerk. (a.a.O., VIII f.)

10. Herbert Marcuse: Neue Quellen zur Grundlegung des Historischen Materialismus, Interpretation der neuveröffentlichten Texte von Marx, in: Die Gesellschaft, Jg. 9, 1932,174. Vergleiche dagegen Heinrich Heine: „Unsere philosophische Revolution ist beendet. Hegel hat ihren großen Kreis geschlossen.“ (Heinrich Heine: Zur Geschichte der religion und Philosophie in Deutschland). Engels weist darauf hin: „Was aber weder dieRegierungen noch die Liberalen sahen, das sah bereits 1833 wenigstens ein Mann, und der hieß allerdings Heinrich Heine.“ (friedrich Engels: Ludwig Feuerbach…a.a.O.,265) Knapp 100 Jahre später hat Marcuse das noch nicht gesehen.

11.Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,27

12.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach…a.a.O.,292

13.Schwan,a.a.O.,10

14.Schwan,a.a.O.,145

15.Vgl. a.a.O.

16.Friedrich Engels, a.a.O.,293

17.Schwan, a.a.O.,134

18.Schwan, a.a.O.,135

19.Karl Marx, Zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie / Einleitung, MEW 1,385