Pipes Kommunismusbuch

22. Dezember 2009 von dierostigelaterne

Der Zusammenbruch der sich auf den Moskauer Leninismus beziehenden sozialpolitischen Gesellschaftssysteme, der, läßt man einmal Albanien, das sich ja von ihm abgewandt hatte,  außen vor, 1991 abgeschlossen war, hat nicht nur soz ial und weltpolitisch verheerende Auswirkungen gehabt, sondern auch ideologisch. Man war auf einmal zurückgeworfen auf das Gedankengut der bürgerlichen Aufklärung, die genuin mit dem radikalen Zweifel Descartes anhob. Dahin hat es diese bürgerliche Aufklärung gebracht, dass an allem zu zweifeln ist, nur nicht an der Fehlerhaftigkeit des egoistischen Menschen und dass er folglich zum Kommunismus nicht tauge, da der Egoismus eine anthropologische Konstante sei.  Diese konterrevolutionäre Doktrin steht eisern. Inzwischen aber hat sich gezeigt, dass die Verelendung der Weltbevölkerung trotz des Sturzes der kommunistischen Tyranneien zugenommen hat, daß der Imperialismus drauf und dran ist, die ganze Welt in einen einzigen blutigen Klumpen zu verwandeln und dass nur ausgenommen dumme und ausgenommen dreiste Menschen damals von blühenden Landschaften phantasieren konnten. Wer den Imperialismus mit einem menschlichen Anlitz maskiert, ist ein schäbiger Volksbetrüger und gehört versetzt, sagen wir, unter die Känguruhs nach Australien. Wenn also Professor Pipes 2001 eine Generalabrechnung mit dem Kommunismus vorlegt, so kann man sagen,das Buch kommt 10 Jahre zu spät (1.) In der Euphorie des die Kommune wie die Pest hassenden Bürgertums wäre es um die Jahreswende 1991/1992 noch verständlich gewesen. Es war immerhin der führende Kopfjäger der Roten Armee Fraktion, der Ex-BKA Chef Horst Herold, der 2000 zu der Einsicht kam, dass das Scheitern des Kommunismus Probleme hinterlassen habe, die zu seinem Entstehen geführt hätten. (2.) Pipes ist in der angelsächsischen Tradition ein Vertreter des common sense, des gesunden Menschenverstandes, und wir finden durch seine Kommunismuswiderlegung eine vortreffliche Bestätigung der Worte von Friedrich Engel, dass der gesunde Menschenverstand, „…ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände  ist, er  ganz wunderbare Abenteuer erlebt, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt…“(3.) Pipes bezeichnet Stalin als schizophren, wir werden am Ende der Buchbesprechung sehen, auf wen dies wirklich zutrifft.

Es ist wohl auch der angelsächsischen Tradition geschuldet, dass  Pipes eine recht bizarre, umständliche geistesgeschichtliche Ableitung des Marxismus offeriert, phantasiereich, aber undiszipliniert: der Marxismus gehe zurück auf Plato, Locke und Helvetius. Das klingt gelehrt, der Kern der Sache ist aber ein anderer: Im Selbstverständnis des Marxismus und auch objektiv richtig sind drei Quellen zu nennen: die klassische deutsche Philosophie, der französische radikale Sozialismus und die bürgerliche englische politische Ökonomie, die alle von Marx kritisch überwunden wurden. (4.) Pipes gleitet hier ab, weil er die Methode der immanenten Kritik mißachtet: sich in den Kreis der Stärke der Logik des Gegners zu stellen und diesen von innen heraus zu destruieren. Auf Lenins Schrift: „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marximus“ geht Pipes nicht ein, das wäre aber die Bedingung gewesen, um die klassische deutsche Philosophie, den französischen Sozialismus und die englische politische Ökonomie durch Platonismus, Lockeanismus und durch die französische Aufklärung in Gestalt von Helvetius zu ersetzen. Vor allem der Materialist Helvetius hat es ihm angetan, ja er zeichnet ihn sogar als einen Vater der Oktoberrevolution: „In gewisser Hinsicht stellte der von Lenin im November 1917 in Russland errichtete kommunistische Staat ein grandioses Experiment in Sachen öffentliche Erziehung dar, das auf der Grundlage des von Helvetius entwickelten Modells versuchte, einen vollkommen neuen, von allen Übeln einschließlich dem vom Besitzstreben freien Menschen zu erschaffen.“ (5.)

Es ist beliebt, die Thematik des Kommunismus mit allgemeinen Reflexionen über die Gleichheit aller Menschen einzuleiten. Pipes deutet den Kommunismus Marx Engelscher Prägung als Schreckensszenario der Gleichheit aus, ohne aber überhaupt näher auf die Dialektik zwischen bürgerlicher und proletarischer Gleichheit einzugehen. (Dass die Aristokratie den Gleichheitsgedanken verwirft, versteht sich ja von selbst). Die französische Egalite von 1789 beinhaltete die politische Gleichheit in Form der Abschaffung von Klassenprivilegien, jedoch nicht die Abschaffung der Klassen selbst. Für den Bourgeois bedeutet letztere Abschaffung natürlich eine Gesellschaft der Uniformität, was sie mitnichten ist. Der Verdienst der materialistischen Dialektiker Marx und Engels besteht gerade darin, die ideologisch ins Überzeitliche verzeichnete Kategorie der Gleichheit klassenmäßig konkretisiert zu haben. Es ist bürgerliches Vorurteil, Gleichheit als ewige Wahrheit zu betrachten, selbst heute noch manchmal religiös verzerrt (vor Gott sind alle Menschen gleich und Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit). Marx wies im „Kapital“ darauf hin, dass das bürgerliche Vorurteil sich erst recht in einer warenproduzierenden Gesellschaft verfestigt. „Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und die gleiche Gültigkeit aller Arbeit, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesellschaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, also auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist.“ (6.) Nichts einfacher als die bornierte bürgerliche Gleichheitsideologie dem Kommunismus unterzuschieben. Indem aber die proletarische Revolution der menschlichen Arbeitskraft den Warencharakter nimmt, fällt auch der ganze bürgerliche Gleichheitsschwindel in sich zusammen.

Da Pipes aber in seinem ganzen Buch die Themen nur oberflächlich streift, kommt er auch zu einer völlig abwegigen Deutung des Kommunismus als religiöses Phänomen: „Die emotionale Wirkung dieser Lehre gleicht der von Religionen, insofern sie ihren Anhängern die unerschütterliche Überzeugung verleiht, dass, gleichgültig, wie viele Rückschläge sie auch erleiden, ihre Sache am Ende triumphieren muss.“ (7.) Das kann man natürlich schreiben, wenn man Marx die Feuerbach´sche Religionskritik unterschiebt. „Der Begriff der Verdinglichung bezeichnet die Vergegenständlichung (Konkretisierung) eines Abstraktums. Laut Ludwig Feuerbach nannte Marx als Beispiel dafür die Neigung des Menschen, alles, was er als gut und erstrebenswert erachtet, auf ein (nach Marx´ Auffassung) nicht existentes Wesen zu projizieren, dass er als „Gott“ bezeichnet.“ (8.) So sah es Feuerbach, Feuerbach hat bekanntlich seine Religionskritik nicht Karl Marx übereignet. Karl Marx hat in seinen Feuerbachthesen vielmehr kritisiert, das Feuerbach vom Abstraktum Mensch ausgeht und nicht zu den gesellschaftlichen Wurzeln des religiösen Übels durchdringt. Laut Karl Marx muss man die gesellschaftlichen Bedingungen verändern, aus denen Religionen gestiftet und produziert werden, gleich welche -ismen diese haben.

Pipes gleitet auch am zweiten Kapitel seines Buches ab, in dem er den Leninismus abhandelt. Er beginnt mit einem zaristischen Ansatz und fängt die Hinleitung zum Leninsmus mit Peter dem Großen an, was originell erscheinen kann, gelänge der Übergang in die Thorie des Leninsmus. Aber von diesem zaristischen Ansatz kann Pipes sich nicht lösen, er verbleibt in einer längst überholten Geschichtsauffassung, dass große Männer Geschichte betreiben. So ist es nur folgerichtig, dass er die Theorie Lenins durch dessen Biografie ersetzt und der Leser nichts über den wissenschaftlichen Gehalt des Leninismus erfährt, die in ihm enthaltene Imperialismusanalyse, der Leninismus als Marxismus in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution, die Theorie des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande, die Lenin und Stalin gegen Trotzki durchsetzten. Folgt man der Geschichtsauffassung des reaktionären preußischen Historikers Treitschke, dass Männer Weltgeschichte machen, bleiben Überzeichnungen nicht aus, die bis ins Karikaturhafte gehen können. Das Lieblingswort Pipes ist in dieser Beziehung: inszenieren. Nicht nur soll Lenin den russichen Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen inszeniert haben(9.),  sondern er wollte auch einen Zweiten Weltkrieg anzetteln (10.). Es gehört zur Seriosität eines Historikers, objektive Tatsachen zu berücksichtigen, Klassen, Massen, einzelne Personen bewirken nichts. (11.)

Aber es geht noch flacher. In der wohl traurigsten Stelle des Buches geht Pipes auf das Verhältnis der Industriearbeiter zum Bauerntum ein, dass die Marxisten „das Bauerntum als eine kleinbürgerliche Klasse und somit als einen eingeschworenen Feind der Industriearbeiter“  betrachteten, „ungeachtet des Umstands, dass die Mehrheit der russischen Industriearbeiter aus Dörfern stammte und dorthin auch enge Beziehungen unterhielt.“ (12.) Bekanntlich zersetzte sich das „Bauerntum“ in Klein- und Mittelbauern und in Kulaken, die richtigen Beziehungen zu diesen drei Bauernklassen bezeichnete Lenin wiederholt als die Schlüsselfrage der Diktatur des Proletariats, wobei die freundschaftlichen Beziehungen zu den Kleinbauern der entscheidende Schlüssel war. Man kann zu Lenin weltanschaulich und menschlich stehen, wie man will, aber man wird anerkennen müssen, dass er eine Präzision in der Analyse der Klassen einer gegeben Gesellschaft an den Tag legte, die an Schärfe ihresgleichen sucht. Allein die quantitative Relation zwischen der relativ kleinen Schar der Industriearbeiter und den zahlenmäßig alles dominierenden Bauern hätte eine derartig martialische Politik ins Selbstmörderische getrieben. Hätten die Bolschewiki das Bauerntum wirklich als eingeschworenen Feind der Industriearbeiter betrachtet und behandelt, so stünde heute nach 85 Jahren kein Lenin Mausoleum mehr, wäre Stalin nicht über 30 Jahre Generalsekretär der KPdSU gewesen (13.) Die Völker sind nicht so dumm, wie Pipes meint. Der Sieg des Sozialismus im Großen Vaterländischen Krieg war gerade deshalb möglich, weil das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern in der Roten Armee hielt.Warum ist zum Beispiel Fidel Castro ein halbes Jahrhundert anerkannter Führer der kubanischen Revolution ? Ein Volk läßt sich nicht ein halbes Jahrhundert lang betrügen ! Pipes hätte besser daran getan, sich vor der Niederschrift seines Buches einmal mit dem Begriff der Bauernschläue zu befassen. Dann wäre ihm folgende Peinlichkeit nicht unterlaufen: „Die Kollektivierung bedeutete für die Bauern einen Rückfall noch hinter den Status, den sie vor 1861 als Leibeigene innegehabt hatten.“ (14.) Vielleicht dachten die Nazis so und waren sich daher eines weiterne Bltzkriegsieges sicher.


1. In deutscher Sprache erschien es erst 2003 im Berliner Taschenbuch Verlag (Verlagsgruppe Random House).

2.Vgl. Horst Herold, Die Lehren aus dem Terror, Süddeutsche Zeitung Nr 116, 30./31. Mai 2009, Seite 9

3. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Marx Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Dietz Verlag Berlin, 1953, 120

4. Siehe: Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, LW 18,576ff.

5. Richard Pipes, Kommunismus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,21

6. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23, 74

7. Richard Pipes, Kommunsimus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,24

8.a.a.O.,31

9.a.a.O.,65

10.a.aO.,79

11. Vgl. Lenin; Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, LW 24,47

12. Richard Pipes, Kommunismus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,71f.

13. Stalins Leichnam wurde nicht 1956 aus dem Leninmausoleum entfernt (siehe Pipes,114),  sondern erst 1961. Das ist ja gerade das Nachdenkenswerte, dass die Revisonisten aus Angst vor einem Volksaufstand Lenin noch 5 Jahre neben einem vom XX. Parteitag ausgewiesenen Verbrecher liegen ließen. Auch Pipes sieht Stalin gerne so, zum Beispiel als Mörder Kirows:“1934 fiel ein prominenter Bolschewik, der Sekretär der Leningrader Parteiorganisation Sergej Kirow, einem Attentat zum Opfer; obwohl die Umstände des Attentats niemals ganz geklärt wurden, deuten etliche Indizien auf Stalin als Drahtzieher des Mordes hin.“ (a.a.O.,93) Entweder, Herr Professor, nenen sie diese Indizien oder sie schweigen. Natürlich malt er die auf die Ermordung Kirows folgenden Säuberungen in den dunkelsten Farben, sieht sich aber immerhin zu der Angabe gezwungen, dass nur 1,4 % der Bevölkerung im Gulagsystem inhaftiert waren. Auch führt er, was für einen US-Amerikaner lobenswert ist, richtig aus, dass die Sowjetunion die Hauptlast des Zweiten Weltkrieges zur Niederringung der Nazibarbaren zu tragen hatte. „Allein bei der Schlacht um Kiew im Sommer 1941 verloren 616 000 russische Soldaten ihr Leben, und die Offensive im Don-Becken zwei Jahre später forderte in den Reihen der Roten Armee 661 000 Opfer. Ausländische Wissenschaftler veranschlagen die sowjetischen Gesamtverluste im Zweiten Weltkrieg auf zwanzig Millionen Menschenleben…über das Dreifache der Verluste der Wehrmacht an der Ostfront (2,6 Millionen) . Von den rund fünf Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, starben zwischen 1,9 und 3,6 Millionen an Unterernährung, in Gaskammern oder bei Erschießungen.“ (a.a.O.,112f.) Zahlen, die den Kapitalismus anklagen, nicht den Kommunismus.

14.a.a.O.,91

Aus der Tätigkeit des Volkskommissars Dzierzynski

1. Dezember 2009 von dierostigelaterne

Zwischen 1921 und 1924 gab es auf dem Gebiet der russischen Sowjets grosse Transportprobleme, Lenins Partei stellte den Genossen  Dzierzynski an die Spitze des Volkskommissariats für Verkehrswesen.

Abgesehen davon, daß es 1921 in weiten Gebieten eine Mißernte und eine Brennstoffkrise gab, Loks wurden mit Torf geheizt, und der technische Standard selbstredend sehr niedrig war, hatte der Bürgerkrieg zirka 80 Prozent des Eisenbahnnetzes zerstört, galt es, 4000 Eisenbahnbrücken, 59 Prozent der Loks und 23 Prozent der Waggons instand zu setzen. Der Vorsitzende der staatlichen Plankommission, Gleb M. Krshishanowski (1872 – 1959) sprach von „…regelrechten Friedhöfen zerstörter Waggons und Loks“. 1. Der Güterumschlag betrug 1920 nur 27,8 Prozent gegenüber 1913, es wurden nur 61 Loks und 129 Waggons gebaut. Die Handelsflotte war zu 82 Prozent zerstört. In dieser Situation ernannte das ZK der Kommunistischen Partei Felix Dzierzynski (1877 – 1926) zum Volkskommissar für Verkehrswesen.

Der erste Schritt zur Lösung der gigantischen Aufgabe bestand in der Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter/innen. Im Gouvernement Moskau wurde Dzierzynski Vorsitzender der Kommission zu Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter/innen.  Zunächst mußte genügend Wohnraum geschaffen werden. Aus den Kommunehäusern (Arbeiterwohnheime) wurden alle Bewohner exmittiert, die keine körperliche Arbeit leisteten. Sodann wurden alle Moskauer Lagerräume inspiziert, um alle nichterfaßten Besitzwerte zu beschlagnahmen und an die Arbeiter/innen zu verteilen. Während der Tätigkeit Dzierzynskis wurde die Lebensmittelversorgung der Arbeiter/innen des Verkehrswesens verbessert. Trotz großer Schwierigkeiten konnte das Plenum des ZK der Kommunistischen Partei im September 1923 die Löhne der Eisenbahner/innen erhöhen. In den besonders harten Wintermonaten 1922 fand man Dzierzynski in Sibirien. Der Volkskommissar verfügte u.a. , den Eisenbahnern unterwegs eine warme Mahlzeit zu verabreichen. Gleichzeitig mit ihm traf eine große Sendung von Winteruniformen in Sibirien ein, und persönlich bestellte er in Moskau Filzstiefel, Halbpelze, Mützen und Fausthandschuhe. Ohne diese sozialen Verbesserungen war an eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität nicht zu denken.

Während seiner Zeit in Moskau konnte man jeden Nachmittag von 3 bis 4 Uhr in die Sprechstunden des Volkskommissars kommen. Wir erinnern uns an die Perestroikazeit, in der uns hochtrabende Reden über allerlei Demokratismen, Transparenz, Demokratisierung der Strukturen etc gehalten wurden, nur gab es weder Volkskommissare noch Sprechstunden. An das arbeitende Volk haben die Perestroikaspitzbuben als allerletztes gedacht. Hingegen war die persönliche Beteiligung des Kommissars Dzierzynski an den Subbotniks (freiwillige Arbeitseinsätze) selbstverständlich. Er war viel unterwegs, zog es vor, sich an Ort und Stelle ein Bild zu machen. Eisenbahner, Seeleute, Hafenarbeiter, Verkehrskader waren in den nächsten Jahren seine Gesprächspartner. Dabei legte er die Überzeugungsmethode zugrunde. Einer der Leiter des Südbezirks schrieb später, wie Dzierzynski „…in seinem Eisenbahnwaggon die führenden Funktionäre zusammenrief und ihnen eine ganze Nacht lang Argumente darlegte, warum er das System der Verwaltung von Land-  und Wasserstraßen verändert wissen wollte.“ 2. Unnachsichtig kämpfte er gegen jede Erscheinungsform des Bürokratismus. Wohl oder übel mußte das Volkskommissariat abspecken – der Stellenplan des Verkehrswesens wurde von 1 725 000 im April auf 760 000 im Juni 1923 gekürzt. Breits im Dezember 1921 sprach Lenin auf dem IX. Sowjetkongreß davon, daß in diesem Jahre organisatorische Verbesserungen auf dem Gebiet des Verkehrswesens zweiffelos erreicht worden seien. Die Mängel im Verkehrswesen wurden durch die Kritk-Selbstkritik-Methode bekämpft, Fehler wurden nicht vertuscht. „Je klarer und je rascher wir alle unsere Mängel, die größten Versäumnisse und die Auswirkungen einer falschen Wirtsvhaftsführung erkennen, desto schneller werden wir sie beseitigen und positive Ergebnisse in unserer Arbeit erzielen können.“ 3.

Aller Tätigkeit wurde der internationale Klassenkampf zugrundegelegt. „Es gibt keine einzige Wirtschaftsfrage, die außerhalb der weltweiten Perspektive des Klassenkampfes gelöst werden kann.“4. Ohne kollektive Anstrengung (wie etwa bei den Subbotniks) hätte die junge Sowjetunion die gigantischen Probleme nach ihrer Geburt nie in den Griff bekommen. So wurden zum Beispiel 1921 bei der Petrograder Eisenbahn 1470 Subbotniks veranstaltet, an denen 175 000 Arbeiter/innen teilnahmen. Damals setzte die Sowjetunion nicht auf eine Handvoll internationaler Experten, wie zur Zeit der Perestroika, sondern auf kollektives Denken und Handeln ihrer Völker. Dzierzynski wußte, daß „…das kollektive Denken und Wollen, das kollektive Schöpfertum der Arbeiter selbst…zu einem neuen Faktor beispiellosen, gigantischen Wachstums von Industrie und Verkehrswesen werden“5. kann. Und so wurde selbst ein auf den ersten Blick von der Politik so entlegenes Gebiet wie das Verkehrswesen zu einer Kernfrage der Diktatur des Proletariats, des Zusammenwachsens von Arbeit in der Industrie und Arbeit auf dem Lande. „Der Kampf um die Erhöhung der Rentabilität des Verkehrswesens, um seine Arbeit ohne Defizitist…ein Kampf…um die Festigung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft…“ 6. Schon damals versuchten die Trotzkisten dieses Bündnis zu verhindern. Georgi Pjatakow (1890 – 1937) forderte wiederholt die Beteiligung ausländischen Kapitals im sowjetischen Verkehrswesen. Unter anderem wollte er die Waggonreparaturwerkstätten deutschen Firmen in Konzession geben. Diese zwielichtigen Vorschläge fanden im Volkskommissariat für Verkehrswesen kein Echo. „Jene Herren, die uns empfehlen, das ausländische Kapital an unseren Eisenbahnen zu beteiligen, haben in ihren tiefsten Innern nicht die Interessen der ökonomischen Entwicklung des Landes im Auge, sondern politische Interessen, die wir zurückweisen müssen.“ 7. Das sowjetische Verkehrssystem wurde weder dem ausländischen Kapital noch gemischten Gesellschaften ausgeliefert. Nicht ohne Stolz auf die geleistete Arbeit aller Werktätigen im Verkehrswesen konnte Dzierzynski 1924 verkünden: „Denkt daran, wie uns die ausländischen Wissenschaftler für die Eisenbahn prophezeiten, daß wir im März zugrunde gehen werden. Jetzt kommen sie alle an und können sich nicht genug darüber auslassen, wie in Rußland das Verkehrswesen in Gang gekommen ist. Die ausländischen Propheten fassen es nicht, was kollektiver Wille heißt, was es bedeutet, die eigenen Stellen behaupten zu wollen.“ 8.

Ich will den Leser nicht mit statistischen Erfolgsmeldungen überschütten, nur so viel: Wurden die Kosten im Verkehrswesen Ende 1922 noch zu vierzig Prozent durch Stützungen abgedeckt, so konnte im Wirtschaftsjahr 1923/24 auf sie verzichtet werden. Das Verkehrswesen war für den Staat in nur drei Jahren zu einem gewinnbringenden Wirtschaftszweig geworden. Im Oktober 1923 gab es eine Reserve von zirka 3 000 betriebsfähigen Loks.

Auf dem VI. Unionskongreß der Gewerkschaft der Schiffahrtsarbeiter/innen im Januar 1924 konnte Dzierzynski die Bilanz ziehen, daß der Seetransport seine Hauptaufgabe – den Getreideexport – 1923 erfolgreich gelöst hatte. Im gleichen Monat fand die XIII. Parteikonferenz der Kommunistischen Partei statt. Eine ihrer Resolutionen lautete:  „Das Verkehrswesen befindet sich in einer solchen Verfassung, daß es ohne besondere Schwierigkeiten allen Forderungen der Volkswirtschaft gerecht zu werden vermag.“ 9.

Der Marxismus relativiert die Bedeutung der großen historischen Persönlichkeiten, Volkskommissare haben revolutionäre Durchsetzungkraft durch die Beachtung des Prinzips der Kollektivität, der Überzeugung, der Mitarbeit an den Subbotniks, Dzierzynski ist ein Musterbeispiel hierfür.

1. Siehe G.M. Krshishanowski, Ausgewählte Schriften, Moskau 1957,425, russ.- Der sowjetische Transport 1917 – 1927, Moskau 1927, 229,russ.

2.Feliks Dzierzynski, Biografie, Dietz Verlag Berlin 1981, (Übersetzung aus dem Russischen, verfasst von einem Autorenkollektiv),327

3. Offizieller Teil des Boten des Verkehrswesenss, Nr. 342 vom 22.12.1923

4. siehe ZSAdO Leningrads, Fonds 98, Liste 1, Akte 2, Blatt 8; Fonds 1000, Liste 5, Akte 22, Blatt 1, in: Feliks Dzierzynski, Biografie, Dietz Verlag Berlin 1981, 333

5.siehe ZSAdO, Fonds 5474, Liste 5, Akte 447, Blatt 1, in Feliks Dzierzynski Biografie, Dietz Verlag 1981,351

6. Feliks Dzierzynski, Ausgewählte Werke Band 1,424

7.zit. in: Zofia Dzierzynska: jahr großer Kämpfe, Militärverlag DDR 1977,366 f.

8.Torgowo – Promyschlennaja Gaseta (Handels – und Industriezeitung), 20. Juli 1924

9. Die KpdSU in Resolutionen, Bd. II, 519

Ostexperte Leonhard Der Umgang mit Marx Engels Lenin Stalin am Beispiel des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion

28. November 2009 von dierostigelaterne

2008 belegte bei einer Meinungsumfrage des staatlichen Fernsehens „Rossija“ über die bedeutendste Persönlichkeit Rußlands Josef Stalin den ersten Platz. U.a. dieses Umfrageergebnis war der Anlaß für Wolfgang Leonhard, der letzte Überlebende der Gruppe Ulbricht, sein vor dem Stalinismus warnendes Buch „Anmerkungen zu Stalin“ 1. zu verfassen. Mit großer Sorge registriert Leonhard eine zunehmende Verherrlichung Stalins in Rußland und gegen diese Tendenz will er aufklären über das Wesen des Stalinismus.

Auf diese Aufklärung fällt aber gleich am Anfang des Buches ein trüber Schatten und der Autor bringt sich selbst um seine Seriosität, wenn er allen Ernstes behauptet, Stalin sei während der Oktoberrevolution „abgetaucht“ 2. Zwar relativiert der Marxismus, für den die Volksmassen Geschichte machen,  die Bedeutung sog. großer historischer Persönlichkeiten, vor allem aber basiert er auf unumstößliche historische Tatsachen, und da sollte man es dem Leser, der aufgeklärt werden soll, nicht vorenthalten, dass Stalin sowohl bei der Sitzung des ZK, in der über den Aufstand abgestimmt  wurde, nicht nur anwesend war, sondern auch in das politische Zentrum zur Leitung des Aufstandes gewählt wurde. Darüber hinaus wurde Stalin auch in das praktische Zentrum zur organisatorischen Leitung des Aufstandes gewählt, nicht aber Trotzki, kurz: in allen wichtigen Zentren zum bewaffneten Aufstand war Stalin vertreten, und keiner der Genossen, auch Lenin nicht, soll  die Fahnenflucht bemerkt haben ? Übrigens behauptet eine solche Ungeheuerlichkeit nicht einmal Trotzki. Aber sehen wir weiter, wie Leonhard in einer inhaltlich ideologischen Fragestellung vorgeht ?

„Immerhin waren der Internationalismus und mit ihm die Weltrevolution wesentliche Prinzipien der Revolutionslehre von Marx und Engels gewesen. Doch schon mit seiner Doktrin vom „Sozialismus in einem Land“ hatte sich Stalin davon gelöst.“ 3.  So wird Geschichte konstruiert, so wird der qualitative Unterschied zwischen dem klassichen Kapitalismus und dem Imperialismus beiseite geschoben. Bekanntlich kam Lenin auf Grund seiner Imperialismusanalyse zu dem Ergebnis, dass auf Grund der Ungleichmäßigkeit der politischen und ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus nach 1900 der Aufbau des Sozialismus durchaus in einem Land möglich ist. 4. Lenin und Stalin wußten, dass das, wenn man so will, eine Abänderung der klassischen marxistischen Lehre von der internationalen proletarischen Revolution ist. Lenin mußte seine neue Theorie u.a. gegen Trotzki verteidigen und die richtige Darstellung hätte herausstreichen müssen, dass Stalin diesen antitrotzkistischen Kampf fortsetzte.

Aus dieser prinzipiell falschen Darstellung, der „Doktrin“  : Sozialismus in einem Land, folgen nun nach Leonhard alle weiteren Abweichungen vom Marxismus , die er bei Stalin bemerkt haben will. So auch Stalins neue Theorie des Kampfes zweier Systeme. Auch hier ist wieder der Versuch allzu deutlich, Stalins Kopf von dem Lenins  zu trennen. Bekanntlich war sich schon Lenin bewußt, dass die Sowjetunion auf unabsehbare Zeit das einzige Sowjetland bleiben und dass es folglich zu einem Kampf auf Leben und Tod zwischen der Sowjetunion und dem Weltkapitalismus kommen könnte.

Auch sind natürlich Stalins Konzept einer Planwirtschaft und sein Kampf gegen die Gleichmacherei nichts originär Stalinistisches, sondern darüber hat schon der klassische Marxismus Nötiges  gesagt: Mit der „…Behandlung der heutigen Produktivkräfte nach ihrer endlich erkannten Natur tritt an die Stelle der gesellschaftlichen Produktionsanarchie eine gesellschaftlich-planmäßige Regelung der Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie jedes einzelnen.“ 5. Und zur Gleichmacherei schreibt der gleiche Engels: „Die Vorstellung der sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der Gleichheit ist eine einseitige französische Vorstellung, anlehnend an das alte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, eine Vorstellung, die als Entwicklungsstufe ihrer Zeit und ihres Ortes berechtigt war, die aber, wie alle Einseitigkeiten der früheren sozialistischen Schulen, jetzt überwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den Köpfen anrichten und präzisere Darstellungsweisen der Sache gefunden sind.“ 6. Es gibt einfach kein „Marx´sches Gleichheitsideal“ , wie Leonhard behauptet.  7.

Ganz von Sinnen zu sein scheint Leonhard, wenn er Stalin die Thorie unterjubelt, für ihn bleibe der Staat im Kommunismus bestehen.8. Hier hätte der Leser doch allzu gern einmal die Angabe  überprüft, doch diese fundamentale Aussage Leonhards bleibt ohne Beleg. 9.Offensichtlich geht er davon aus , dass er den Leser nach 110 Seiten genug genasweist hat, damit er auch diese Ungeheuerlichkeit passieren läßt. Und so einmal neugierig gemacht, fragt man sich natürlich, wie denn dieser kommunistische  Staat aussehen soll ?

Wenn ein Student, sagen wir, der Soziologie, nach dem dritten Semester eine derartige Arbeit abgibt, so ist das zwar traurig, aber bei entsprechenden Korrekturen kann man noch Hoffnung haben, wenn aber ein Gelehrter, der seit 60 Jahren Kommunismusforschung im Westen betreibt, zudem über zwanzig Jahre als Professor für Geschichte des Kommunismus an der Yale Universität vorlas,  dermaßen publiziert, so ist doch zu fragen, wer ihm die Brille bezahlt, dass er den Marxismus Leninismus dermaßen schief liest.

1. Wolfgang Leonhard, Anmerkungen zu Stalin, Rowohlt Verlag 2009,187 Seiten

2. a.a.O.,48

3.a.a.O.,88

4. Siehe Lenins Schriften: „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“ aus dem Jahr 1915. LW 18,399 und : „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution“ aus dem Jahr 1916, LW 23,74

5.Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Ausgewählte Schriften Band 2, Dietz Verlag Berlin 1953,138

6.Friedrich Engels, Brief an Bebel, London 18. – 28. März 1875, a.a.O.,34

7. Siehe hierzu auch: Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, a.a.O.,16 f.

8. Wolfgang Leonhard, Anmerkungen zu Stalin, Rowohlt Verlag 2009,110

9.Was Leonhard selbst anführt, eine Rede Stalins auf dem 14. Parteitag 1930 (siehe S.99), widerlegt ihn, nicht Stalin: „Wie sind für das Absterben des Staates. Wir sind jedoch gleichzeitig für die Verstärkung der Diktatur des Proletariats, der stärksten und mächtigsten Staatsmacht, die jemals bestanden hat. Höchste Entwicklung der Staatsmacht zur Vorbereitung der Bedingungen für das Absterben der Staatsmacht – so lautet die marxistische Formel. Ist das widerspruchsvoll ? Ja. es ist widerspruchsvoll. Aber dieser Widerspruch ist dem Leben eigen, und er widerspiegelt vollständig die Marx´sche Dialektik.“ Es ist ein einfaches Bild aus den Kindheitstagen der neuzeitlichen Dialektik: nach der Knospe die Blüte, nach der Blüte die Frucht…und das Absterben. (Siehe Hegel: Phänomenologie des Geistes, Vorrede, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1980,10) Also Aufhebung des Staates durch seine Totalisierung, durch sein Aufblühen  hindurch.

Heinz Ahlreip, November 2009

 

 

FÜHRT DIE LEHRE VON DER DENKWEISE DIE ARBEITER ZUM KOMMUNISMUS ? Kritik an der MLPD

15. November 2009 von dierostigelaterne

„wie die Lebensweise der Menschen,so ist ihre Denkweise.“ (1.)

In der Roten Fahne, dem Organ der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), wurde in der Nr. 47/1991 eine aufschlußreiche Kontroverse geführt: ist zur Erklärung der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion die Produktionsweise ausschlaggebend oder die kleinbürgerliche Denkweise einer entarteten Machteliete ? Die Rote Fahne stellte die These auf, daß die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion ihren Ausgang im Überbau genommen hätte. Es folgte eine über mehrere Jahre in Briefen geführte Kontroverse mit Klaus Arnecke und Anette Roth, die sich immer tiefer in den Irrweg der Lehre von der Denkweise verstrickten. Auf den Vorschlag vom 13. Januar 1993, die Kontroverse zu einer Broschüre zusammenzufasssen und sie der Arbeiterklasse als Richterin vorzulegen wurde nicht reagiert. Inzwischen verbohrte und verbiesterte sich die Führung der MLPD immer mehr in die Lehre von der Denkweise, die Mitläufer zogen mit. Die Herausgabe dieser Broschüre war längst überfällig. Und diesmal wurde reagiert ! Aber auf welche Art und Weise ? Parteiausschluss durch Entzug des Parteibuches scheint das letzte Auskunftsmittel der Partei des weisen Denkers  zu sein gegen Mitglieder, die ihre Fähigkeit zum kritischen Denken im marxistischen Sinne noch nicht eingebüßt haben. Die Parteioberen treten auf nicht nur als Ankläger und Richter ohne Urteilsbegründung: Parteiausschluß innerhalb von 24 Stunden. Ohnehin hätte die Anklageschrift im vorliegenden Fall nur in einer inhaltlichen Widerlegung dieser Broschüre liegen können. Die Partei hütete sich davor – eine Widerlegung dieser Broschüre wäre einer Widerlegung des Marxismus – Leninismus gleichgekommen. So wurde lediglich gefordert: „Das Papier muß vom Tisch !“ Es ist das alte Lied: Auch der Papst forderte bereits: Die Lehre Galileo Gallileis müsse vom Tisch. Soviel hat diese kleine Broschüre immerhin bewirkt: Über den Weg des formalen Parteiausschlusses werden Mitglieder aus der Marxistischen Leninistischen Partei ausgeschlossen wegen: Verteidigung des Marxismus-Leninismus.

Seit einigen Jahren tritt in der Theoriegeschichte des Marxismus eine merkwürdige Erscheinung auf: eine Partei läßt die Grundlagen des Marxismus bestehen, es habe aber eine „Verschiebung“ stattgefunden, die nur sie bemerkt habe: die Marxisten-Leninisten hätten bisher nicht die Bedeutung der Denkweise im Klassenkampf erkannt. Die Bedeutung der Denkweise sei in die Theorie und Praxis der Befreiung des Weltproletariats einzuführen, weil sich die soziale Zusammensetzumg der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 verändert habe (2.), ja zu einer ganzen Lehre von der Denkweise, zu einer neuen Theorie ist dies alles ausgearbeitet worden und es versteht sich fast von selbst, daß zum Beispiel der Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Gesellschaftssysteme zurückzuführen sei auf eine kleinbürgerliche Denkweise von Revisionisten. Diese weltgeschichtliche Bedeutung soll also die westdeutsche Studentenschaft nach 1945 gehabt haben.

In der Tat ist aber die Lehre von der Denkweise keine Weiternetwicklung der marxistischen Theorie, sondern eine ziemlich lokal-bornierte Angelegenheit, die sich wohl nur im theorielastigen, zurückgebliebenen Deutschland bilden konnte, dem träumerischen und duseligen deutschen Volk sagte schon immer mehr die Flucht in das Denken zu, statt die harte Wirklichkeit konkret zu analyysieren (3.) Eine rühmliche Ausnahme bildeten Marx und Engels, die in der „Deutschen Ideologie“ diesen Sachverhalt genau beschrieben. Ändere ich meine Denkweise, so ändert das an der Wirklichkeit nichts, ich sehe diese nur anders. Die ganze Geschichte der Philosophie ist ein fortlaufender Beweis, daß die Denker die Wirklichkeit stets anders dachten, einschließlich der Linkshegelianer, an deren Kritik Marx und Engels den historischen Materialismus entwickelten. „Diese Forderung, das Bewußtsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. es vermittelst einer anderen Interpretation anzuerkennen. (4.) Die MLPD ist die konservativste Partei in Deutschland. (5.)

Die entscheidende Aussage betreffs der Bedeutung der Denkweise im historischen Materialismus stammt von Karl Marx im 18. Brumaire. „Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum …kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden.“ (6.) Schon auf den ersten Blick wird klar, daß für Marx die materialistisch abgeleitete Denkweise von Individuen und Klassen lediglich Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung ist, er wehr sich ja gerade ganz entschiden dagegen, Denkweisen als eigentlichen Bestimmungsgrund und Ausgangspunkt des politisch-historischen Handelns zu nehmen, als habe er das Aufkommen pseudaowissenschaftlicher Denkweisetheoretiker erahnt. Die Denkweise wird von Marx im Reich der Einbildung verortet, eine Theorie, die die Denkweise zur „….entscheidenden Triebkraft des gesellschaftlichen Fortschritts“ hochstilisiert (7.), steht von vornherein dem Marx´schen Wissenschaftsbegriff diametral entgegen. Um wissenschaftlichen Marxismus und Einbildung dennoch irgendwie zusammenzubringen wird von Annette Roth (MLPD) gegen Marx ein Zitat von Engels (8.) bemüht (9.). „Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des menschlichen Lebens. Mehr haben weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das darin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenem Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus…üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente…“ (10.) Was leitet Frau Roth daraus ab ? „Diese Wechselwirkung gilt auch im Sozialismus. Es hängt entscheidend von der vorherrschenden Denkweise ab, ob die Entwicklung im Sozialismus vorwärts schreitet zur klassenlosen Gesellschaft im Kommunismus oder ob sie zurückfällt zur Restauration des Kapitalismus.“ (11.) Es steht natürlich jedem frei, sich mit dem Marxismus zu befassen, nur zu den Schlußfolgerungen aus dieser Beschäftigung, zu den Früchten sozusagen, möchten wir doch noch ein Wörtchen mitreden. Engels legt die Wechselwirkung zwischen Basis und Überbau in der Tat so dar, daß man sie wissenschaftlich-materialistisch und argumentativ verwenden kann, Basis und Überbau sind nicht gleichwertige Elemente (12.), schon gar nicht hat der Überbau das Übergewicht, so daß es entscheidend von der Denkweise abhinge, welchen Inhalt, welche Richtung eine gesellschaftliche Bewegung nimmt, sondern letztinstanzlich setzt sich durch die Wechselwirkung als Notwendiges die ökonomische Bewegung durch (13.). Engels äußert sich ganz deutlich, nach materialistischer Anschauung der Geschichte sind „….die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen…“ (14.), sondern immer in der Ökonomie. Es gehört zu den Grundaussagen des Marxismus, daß der Überbau eindeutig von der Basis her bestimmt wird, der Kommunismus ist ja gerade eine Gesellschaft ganz ohne Überbau, die „Basis“ reduziert auf die gesellschaftlich notwendige Arbeit. Wäre nun die Denkweise im Überbau ausschlaggebend, so wäre die kommunistische Revolution ganz zwecklos, weil sich der Überbau ja wechselseitig mit der Basis entwickelte, es gibt immer Basis, aber – und etwas anderes hat die Konterrevolution nie behauptet – es gibt auch immer (!) Überbau (15.)  Zur Täuschung der Arbeiter wird natürlich der Überbau, dessen Träger die unproduktive Klasse darstellt, als ausschlaggebend, als für die Existenz der ganzen Gesellschaft lebensnotwendig suggeriert, aber schon die Oktoberrevolution hat gezeigt, daß es ein Vorurteil ist, zu behaupten, die Ausgebeuteten können nicht ohne Ausbeuter leben. Wie sehr der Überbau etwas von der Basis Abgeleitetes ist wird deutlich im Kommunistischen Manifest, wo es heißt, daß sich das Proletariat nicht aufrichten kann, „…ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird. (16.)

Also eins von beiden: entweder: Die ökonomischen Bedingungen sind schließlich die entscheidenden (Engels) , oder: die Entwicklung zum Kommunismus hängt entscheidend von der Denkweise ab (Annette Roth) – und so zeigt sich die Lehre von der Denkweise genau auf der Schnittstelle zwischen Revolution und Konterrevolution liegend. Nach Engels bestimmen die verschiedenen Momente des Überbaus die Form der geschichtlichen Kämpfe, also im Mittelalter alles zum Beispiel im religiösen Gewand – Thomas Müntzer wollte einen Bauernsozialismus, mit dem Schwert in der einen, mit der Bibel in der anderen Hand, im Vormärz war die intellektuelle Atmossphäre in Deutschland so stark philosophisch geprägt, daß sich die 48er Revolution in philosophischen Formen ankündigte -, aber wenn die Entwicklung vom Sozialismus zum Kommunismus nun ebenfalls entscheidend von der Denkweise abhängig gemacht wird, handelt es sich bei der Konstellation Sozialismus – Kommunismus um eine Frage der Form oder des Inhalts ? Oder bei der Rückverwandlung des sowjetischen Sozialismus in einen Kapitalismus ?

Der Grundtenor der MLPD-Darstellung lautet: im Gegnsatz zur chinesischen Kulturrevolution habe unter Stalin die Kontrolle der Administration mit ihrer Tendenz zur kleinbürgerlichen Denkweise nicht durch die Mobilisierung der Massen, sondern zunehmend durch die politische Geheimpolizei stattgefunden. Dadurch sei die kleinbürgerliche Denkweise gegenüber der proletrischen dominant geworden und hier liege der Schlüssel für die Restauration. Aber ist denn nicht klar, daß, selbst wenn die Lehre von der DEnkweise ein Körnchen wissenschaftlicher Wahrheit enthalten würde, es für den historischen Materialisten völlig unmöglich ist, die Ursache für einen ökonomischen Formationswechsel im Überbau zu suchen, und daß es zweitens für den dialektischen Materialisten darauf ankommt, in einem Transformationsprozess die dialektischen Grundgesetze herauszukristallisieren, also: Einheit und Kampf der Gegensätze, hier zwischen Marxisten und Revisionisten, die beide unter dem Banner der proletarischen Revolution kämpfen, wobei aber letztere im Kapitalismus gegen die proletarische Revolution, im Sozialismus für den Kapitalismus kämpfen, zweitens Umschlag von Quantität in Qualität, hier: wie und wann war der Restaurationsprozess quantitativ so stark, daß ein Umschlag gegen den Sozialismus erfolgen konnte und schließlich das dritte Grundgesetz der Dialektik, Negation der Negation, hier: die Oktoberrevolution 1917 liquidierte den Kapitalismus (über den Umweg der NEP), die Konterrevolution liquidierte den Leninschen Sozialismus, war der aus dieser zweiten Negation entstandene Kapitalismus der klassische oder welche spezifischen Eigentümlichkeiten trug er gegenüber dem westlichen etc. ? Zudem muß man beachten, daß alle drei dialektischen Grundgesetze sich prozessual wechselseitig durchdringen, was natürlich die Darstellung ungemein schwieriger macht. Willi Dickhut hat ein dickes Buch über die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion geschrieben, aber die drei dialektischen Grundgesetze findet man darin nicht. Es stellt sich also die Frage: sieht er sie Welt als ein Komplex von Prozessen oder als ein Komplex feriger Dinge ? Die Lehre von der Denkweise ist gerade so ein fertiges Ding, ein Deus ex machina, es  tauchen zwangsläufig die Fragen auf: war zuerst die Bürokratie oder war zuerst die kleinbürgerliche Denkweise da ? Waren zuerst die Revisionisten oder waren zuerst die Tendenzen zum Kapitalismus da ? Fragen dieser Art ergeben sich zwangsläufig in der metaphysischen Denkweise, die aus der Arbeitsteilung von Hand- und Kopfarbeit resultiert. Die marxistisch geschulten Arbeiter/innen wissen nur zu genau, daß der Denkweiseschwindel nur in einer Partei verfangen konnte, in der die Kopfarbeiter dominieren. Alle Ideolgie läuft auf Versklavungsideolgie hinaus. Und es hilft nichts, sich bei klassenbewußten Arbeitern dadurch anzubiedern, daß man sich völlig mit der Arbeiterklasse verschmelzen möchte, denn erstens ist dies wiederum unmarxistisch – wovon weiter unten – und zweitens erkennen dieklassenbewußten Arbeiter auch die noch so geschickt getarnten Unterdrückungsinstrumente gegen sie selbst. Es liegt in der Konsequenz der Denkweiseapostel, daß sie von den drei Kampfformen des Proletariats: ökonomisch, politisch, ideologisch, den ideologischen Kampf als führenden Faktor bezeichnen (17.). Zwar darf der ideologische Kampf nicht vernachlässigt werden, aber von einer führenden Rolle weiß der Marxismus nichts. (18.) Das sind eben diese modernen Zusätze, die die Weiterentwicklung des Marxismus ausmachen sollen.

Eine weitere Weiterentwicklung soll sein, dass  es vor allem darauf ankomme, sich mit dem Proletariat zu verschmelzen. „Die Führer der kleinbürgerlichen ML-Bewegung waren unfähig, sich tatsächlich tief mit dem Proletariat zu verbinden, von ihm zu lernen, sich mit ihm zu verschmelzen und eine proletarische Denkweise anzunehmen.“ (19.) Hier liegt nun wiederum eine Preisgabe des Marxismus vor. Das Proletariat wird als Fetischpopanz mißbraucht, ungeachtet der Tatsache, daß zum Beispiel während der Pariser Kommune ein Teil der Arbeiter mit den Versaillern ging- als ob das Heilmittel in der Arbeiterklasse zu suchen sei, als ob die Arbeiterklasse von sich aus eine proletraische Denkweise (d.i. richtiger formuliert: die dialektisch-materialistische Weltanschauung) entwickeln kann. In wissenschaftlicher Hinsicht bleibt sie ganz auf dem Niveau der Kleinbourgeoisie, deren hervorstechender Theoretiker Proudhon von Marx wie folgt charakterisiert wird. Er begreift nicht „…die gegenwärtigen sozialen Zustände in ihrer Verkettung (engrenement)…“ (20.) Wie Proudhon begreifen auch die Arbeiter selbst ihre eigenen sozialen Zustände nicht in ihrer Verkettung. In wissenschaftlicher Hinsicht ist der Marxismus kein Ergebnis der Arbeiterbewegung, so daß ein Verschmelzenmit dem Proletariat einer Preisgabe der Wissenschaft gleichkäme. Von den drei Bestandteilen des Marxismus sind sogar zwei bürgerlicher Provenienz: die klassische deutsche Philosophie und die englische politische Ökonomie. Und es wäre gerade Ausdruck einer „kleinbürgerlichen Denkweise“, künstliche Schranken zwischen sogenannter bürgerlicher und sogenannter proletarischer Denkweise zu errichten. „Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz…Das sozialistsiche Bewußtsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandens.“ (21.) Lenin bezeichnete diese Worte Kautskys als sehr treffend und wertvoll, denn Lenin setzte alles daran, die Arbeiterklasse mit der Wissenschaft zu verbinden, nicht aber die Wissenschaft in der Arbeiterklasse vor die Hunde gehen zu lassen, sich mit der Arbeiterklasse zu verschmelzen und eine proletarische Denkweise anzunehmen. Die Avantgarde darf sich eben nur bis zu einem gewissen Grade mit der Arbeiterklasse verschmelzen. (22.) Als ob die Arbeiterklasse von der Durchdringung der Gesellschaft durch den Warenfetischismus ausgenommen wäre. Warum ist es Marx gekungen, in einer völlig vom Warenfetischismus durchdrungenen Gesellschaft eine wissenschaftliche Durchdringung deises Phänomens darzustellen ? Warum fällt der Marxismus nicht selbst unter die Fetisch- „Wissenschaften ? Es ist ihm dies nur gelungen durch die Ejtwicklung der materialistischen Dialektik, nicht zufällig läßt Marx im „Kapital“, das das Geheimnis des Fetischcharakters der Ware lüftet, seine dialektische Methode von dem russischen Ökonomen Illarion Ignatjewitsch Kaufmann (1848 – 1916) erläutern, und in dieser Erläuterung führt Kaufmann aus, daß Marx die gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozess betrachtet „…den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewußtsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewußtsein und Absichten bestimmen…Wenn das bewußte Element in der Kulturgeschichte eine so untergeordnete Rolle spielt, dann versteht es sich von selbst, daß die Kritik, deren Kritik die Kultur selbst ist, weniger als irgend etwas anderes, irgendeine Form oder irgendein Resultat des Bewußtseins zur Grundlage haben kann, das heißt, nicht die Idee, sondern nur die äußere Erscheinung kann ihr als Ausgangspunkt dienen.“ (23.) Marx widerspricht dieser Darlegung keineswegs, sondern fällt das Urteil, daß Kaufmann eine treffende Charkterisierung seiner materialistischen Dialektik gelungen sei. Nun ist klar, daß die Denkweise der Arbeiter keine herausragende Rolle in der Geschichte spielen kann, denn die Menschen machen Geschichte aus dem Bestreben heraus, ihre Bedürfnisse zu befriedigen (24.) Die Lehre von der Denkweise ist keine Weiterentwicklung der Lehre von Marx, sondern führt die Arbeiterklasse in eine Sackgasse. Sie ist lediglich ein Schnuller, aus dem unsere Denkweise-oberlehrer beständig ihr abartig-apartes Avantgardebewußtsein saugen. Für die Geschichte ist es indeß ganz unerheblich, ob ein MLPD-Mitglied tief in sein Innerstes eindringt und nach den Linien seiner kleinbürgerlichen oder proletarischen Denkweise forscht und sich abends fragt:habe ich heute gegen die proletarische Denkweise gesündigt- die Geschichte hat sie freigesprochen: sie dürfen sündigen, soviel sie wollen. Denn: „Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum, dem sie durch Tradition und Erziehung zufließen, kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden. (25.) Abgesehen davon, daß diese Darstellung von Marx eine Art Quintessenz des Zusammenhangs der Grundkategorien Eigentum und Ideologie enthält, wird auch noch die Denkweise ganz in die Sphäre des negativ Illusionären gerückt, Klassen und Individuen unterliegen einer Täuschung, wenn sie meinen, ihre Denkweise bestimme ihr Handeln, unterliegen einer Täuschung, wenn sie meinen, entscheidend für richtig politisch-geschichtliches Handeln sei ihre Denkweise. Die Lehre von der Denkweise vertreten, heißt gerade Illusionen in der Arbeiterklasse zu verbreiten, heißt gerade die ganze marxistische Aufklärungsarbeit auszulöschen.

Es führt kein Weg, keine Verschiebung in der sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 an der Aussage im Kommunistischen Manifest von 1848 vorbei: “ Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände. In allen diesen Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor.! (26.) Der Kern der marxistischen Weltveränderung ist die revolutionäre Liquidierung des bürgerlichen Eigentums. Die gegenmarxistische Lehr von der Denkweise resultiert aus der Veränderung der sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945, immer mehr Jkeinbürger fanden den Weg in die Universitäten. Es konnte nicht ausbleiben: die Lehre von der Denkweise ist gerade Ausdruck dieser Verschiebung.

1. Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, Volks Verlag Singen, 1949,32

2.Im Revolutionären Weg, dem theoretischen Organ der MLPD, wird im Ergänzungsband 1/94 – Konspekt zur Frage der Denkweise im Revolutionären Weg 1 bis 15 – in der Einleitung angeführt. „Die Grundlage des Marxismus-Leninismus bleibt, heite ist aber eine Verschiebung eingetreten. Der entscheidende Faktor im Parteiaufbau ist die Denkweise.“ (Gesprächsnotiz von Willi Dickhut vom 6.5.92). Auf Seite 81 wird dann näher auf diese Verschiebung eingegangen: „Die Studenten der früheren Jahrzehnte kamen im wesentlichen aus Kreisen der Großbürger, Großagrarier und höheren Beamten. Nach dem II. Weltkrieg verschob sich das Schwergewicht der sozialen Herkunft mehr und mehr auf mittel- und kleinbürgerliche Schichten.“ Wie diese Verschiebung mit der Denkweise zusammenhängt wird in dem Band nicht erläutert.

3. Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie, MEW 3,13

4.a.a.O.,20

5. Vgl. a.a.O.

6. Karl Marx, Der XVIII: Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, 139

7.Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5. 1995                  Es ist schnell hingeschrieben: Die Denkweise entscheidet den Charakter der Gesellschaft, aber statt MLPD-Broschüren wiederzukäuen sollte Frau Roth sich lieber einmal folgende Passage aus dem „Elend der Philosophie“ durch ihren Denkweisekopf gehen lassen: „Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften…Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“ (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, MEW 4,130). In einer anderen Passage führt Marx aus, daß die Theoretiker des Proletariats. je mehr es sich entwickelt, es nicht mehr nötig haben „…die Wissenschaft in ihrem Kopf zu suchen…“ (MEW 4,143). Das wurde 1847 geschrieben. Seitdem hat sich das Proletariat mehr und mehr entwickelt, nur die MLPD fängt wieder mit „Kopfarbeit“ an. Sie ist die konservativste Partei in Deutschland.

8. In der Tat wird vom späten Engels eine Korrektur am Marxismus der „Deutschen Ideologie“ vorgenommen, aber es ist aufschlußreich, diese Korrektur genau zu studieren, sie zu durchdenken, denn keineswegs wird in die grundsätzliche Dialektik zwischen Basis und Überbau so gravierend eingegriffen, daß es entscheidend von der Denkweise abhinge, in welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickelt: „…wir alle haben zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc. zustande kommen. Das hat dann den Gegnern willkommnen Anlaß zu Mißverständnissen resp. Entstellungen gegeben…Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom sogenannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewußtsein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt, sonst wäre es eben kein ideologischer Prozeß. Er imaginiert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozeß ist, leitet er seinen Inhalt wie seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinem eigenem oder den seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbeshen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und zwar ist ihm dies selbstverständlich, da ihm alles handeln, weil durchs denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint.“ (Engels an Franz Mehring vom 14. Juli 1893, in: Briefe über den historischen Materialismus 1890 – 1895, Dietz Verlag 1979,63f). Die Lehre von der Denkweise ist ein Musterbeispiel kleinbürgerlicher Verstrickung in Ideologie, in seiner ideologischen Verblendung hält der deutsche Kleinbürger die Denkweise für entscheidend ohne das Denken auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung zu untersuchen. Da also aus dem Marxismus für eine Lehre von der Denkweise nichts zu holen ist, muß der umgekehrte Weg beschritten werde: sie muß ihm untergejubelt bzw. in ihn hineinprojiziert werden. Der ganze „Revolutionäre Weg- Ergänzungsband 1/94″ stellt diesen krampfhaften und peinlichen Versuch dar.

9.Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995

10.Engels an Joseph Bloch 21.9.1890, in: Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 – 1895), Dietz Verlag Berlin,1979,28

11. Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995

12.Vgl. Engels an Conrad Schmidt 27.10.1890: in diesem Brief spricht Engels zum Verhältnis von Basis und Überbau von einer „….Wechselwirkung zweier ungleicher Kräfte…“, in: Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 – 1895), Dietz Verlag Berlin, 1979,35

13. Vgl. Engels an Joseph Bloch 21.9.1890,29

14.Friedrich Engels: Anti-Dühring, MEW 20,24

15. Es ist vielleicht mehr als nur eine Entgleisung, wenn die MLPD beschwörend formuliert: “ Proletraische Denkweise…als nie endender, fortlaufender Prozeß…“ (Revolutionärer Weg Ergänzungsband 1/94 Konspekt zur Frage der Denkweise im Revolutionären Weg 1 – 15, 1994, 208) Die elementare Quintessenz des Marxismus ist gerade der geschichtswissenschaftliche Nachweis, daß das Proletariat nicht ewig existiert hat und nicht ewig existieren wird. Proklamiert man die proletarische Denkweise als ewigen Prozess, so zeigt sich darin gerade eine erzmetaphysische „Kleinbürgerliche Denkweise“, eine Spur des historischen Materialismus findet man auch mit der Lupe nicht.

16.Narx, Engels: Manifest der Kommunistischen Parte, MEW 4,473

17. Programm der Marxistisch-Leninistischen Partei, Entwurf, Januar 1999, Verlag Neuer Weg, Essen, 31

18.Vgl. Friedrich Engels: Der Bauernkrieg in Deutschland, Vorbemerkung zur dritten Auflage 1875, MEW 7,541

19.Stefan Engel: Die Maotsetungideen und die Lehre von der Denkweise, Beiträge zur Theorie und Praxis der internationalen Revolution Nr. 4, Verlag Neuer Weg, 1993,28

20. Marx an Annenkow, MEW 4,547

21.Kautsky,in: Die Neue Zeit 1901 – 1902, siehe LW 5,395

22. Vgl. Lenin, Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971,567. Aber natürlich ist der Lernprozess zwischen Avantgarde und Masse nicht einseitig. Für Lenin denken die berufsrevolutionäre keineswegs für alle, nimmt die Menge keineswegs keinen Anteil an der Bewegung. Vgl. Lenin: Was tun ? LW 5,482. Und nach einer sozialistischen Revolution, die den bürgerlichen Ideologen die Mittel wegnimmt. ihr konterrevolutionäres Gift unter die Werktätigen zu mischen, kann dieser wechselseitiger Lernprozess wesentlich besser gedeihen.

23. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,26

24. „Das Scheitern der Utopisten, darunter der Volkstümler, Anarchisten, Sozialrevolutionäre, erklärt sich unter anderem dadurch, daß sie die primäre Rolle der Bedingungen des materiellen Lebens der Gesellschaft nicht anerkannten und – in Idealismus verfallend – ihre praktische Tätigkeit nicht auf der Grundlage der Bedürfnisse der Entwicklung des materiellen Lebens der Gesellschaft aufbauten…“ (Josef Stalin: Über dialektischen und historischen Materialismus, Volks- Verlag Singen (Hohentwiel), 1946,23. Ein interessanter Hinweis zum Scheitern der MLPD. Kleinbürgerliche Ideologen sind unfähig, die primäre Rolle der Bedingungen des materiellen Lebens anzuerkennen, kleinbürgerliche Politiker sind unfähig, ihre praktische Tätigkeit auf der Grundlage der Bedürfnisse des materiellen Lebens aufzubauen.   „…Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten der Entwicklung des Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor.“ (Engels an Marx, 13.2.1851). In dieser Aussage von Engels über den allgemeinen Charakter einer Revolution sucht man vergeblich die Bemerkung, daß es entscheidend von der Denkweise abhänge, welche Entwicklung eine Gesellschaft nimmt. Aber natürlich ist es schwierig für Leute, die sich ganz auf die Denkweise versteift haben, zu begreifen, was Engels mit der materiellen Gewalt der Notwendigkeit gemeint haben könnte. Ja mehr noch. Es wird von einer Selbstlosigkeit des Proletariats gepredigt. In den Gewerkschaften zum Beispiel „müssen die Marxisten-Leninisten das lebendige Beispiel selbstloser Gewerkschaftsarbeit auf der Grundlage der proletarischen Denkweise entgegenstellen.“ (Revolutionärer Weg Nr 26/95,242). Abgeshen von der verfehlten Vermengung einer moralischen mit einer theoretischen Frage, sind es nach Engels „….gerade die schlechten Leidenschaften der Menschen…Habgier und Herrschsucht, die zu Hebeln der geschichtlichen Entwicklung werden…“ (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,287) Man bleibe und also mit dieser ganzen matten, saft- und kraftlosen Predigerweisheit vom Halse. Was anderes muß das Proletariat gegenüber der Bourgeoisie, die nach einer Revolution ihren Widerstand verzehnfachen wird, an den Tag legen als Habgier (nach Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln) und Herrschsucht (Knechtung der feindlichen Klassen).

25. Karl Marx, Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8,139

26,Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Parte, MEW 4,493

Wissenschaftsgeschichtliche Reflexionen zum Kommunismus

12. November 2009 von dierostigelaterne

Hätten die Philosophen vom Fach sich intensiver mit den Ausführungen von Friedrich Engels über die Triebkräfte der philosophischen Entwicklung auseinandergesetzt, wäre so mancher Irrweg erspart geblieben.  „Die Philosophen wurden aber…von Descartes bis Hegel und von Hobbes bis Feuerbach keineswegs, wie sie glaubten, allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorangetrieben. Im Gegenteil, was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie.“ 1. Diesen Gedankengang von Engels fortsetzend spricht sich Lenin 1922 in den Anfängen der Sowjetmacht dafür aus, dass für die kommunistischen Materialisten das Bündnis mit den Vertretern der modernen Naturwissenschaft wichtiger sei als das mit der modernen Geisteswissenschaft. 2.

In der Tat, durchleuchten wir einmal den Zusammenhang der bürgerlichen sozial- und  geisteswissenschaftlichen Disziplinen mit ihren materiellen Voraussetzungen in der spätkapitalistischen bürgerlichen Gesellschaft, so hat die Ökonomie ihre Bedingung in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, des Arbeiters und der Arbeiterinnen durch den Kapitalisten, die Wissenschaft von der Politik in der Unterdrückung der Werktätigen durch das Kapital, hier lohnabhängige Sklaven und Untermenschen, dort kapitalistische Herrenmenschen, die die Befehlsgewalt über die bis in den kleinsten menschlichen Knochen entfremdete Arbeit haben, womit wir bei der Soziologie angelangt sind, die sich erübrigen würde, gäbe es keine entfremdeten gesellschaftlichen Beziehungen mehr.

Und der Pfaffe segnet diese ganze Sklaverei als heilige Weltordnung ein. Gerade am Beispiel der Religionswissenschaften und dann auch der Philosophie, dieser angeblichen Krone wissenschaftlicher Schöpfungen 3. wird der Bedeutungswandel des geisteswissenschaftlichen Überbaus deutlich. Hand in Hand mit der Emanzipation der Völker geht der Niedergang der Geisteswissenschaften, der Abbau des Überbaus einher. Verfolgen wir kurz die Hauptzüge des Zerfalls: Die einst mächtigste geisteswissenschaftliche Disziplin, die Gebieterin der Philosophie war, hat sich zu einer immer rascher verschwindenden Spur verflogen. In der Theorie jedenfalls, in der Praxis haben die Pfaffen, solange es Kapitalismus gibt, überall ihr Händchen im Spiel, besonders in den Schulen besteht mittelalterliche Verdunklungsgefahr (was ja selbst nach den Gesetzen der BRD ein Haftgrund ist), in der Tat ist es kriminell, den Pfaffen Zutritt zu staatlichen Schulen zu gewähren, die einzig den bürgerlichen Wissenschaften dienen sollten, aber das ist ja die Crux, das blutsaugende Bürgertum kommt ohne die Verdummung der Volksmassen nicht aus. 4. Nach der russischen Februarrevolution 1917 suchte es zum Beispiel nach der Abdankung des Zaren Nikolaus Kontakt zu seinem Bruder Michail, um diesen als eine Art Vogelscheuche gegen die rote Flut aufzubauen, um reaktionäre Elemente zu binden. Heute beim Bürgertum revolutionäres Potential zu suchen käme einem Unterfangen gleich, bei einem Bordellwirt edle Charkterzüge zu entdecken. Als Ergebnis der 48er Revolution stellte bereits Friedrich Engels fest: „An die Massen zu appellieren hatte das Bürgertum 1848 verlernt; es fürchtete sie noch mehr als den Absolutismus. „5.

Der seit der Renaissance einsetzende Ablösungsprozess von mittelalterlichen Weltbildern und die Dominanzverschiebung zu einer neuen Herrin, zur Politik, mit einer neuen Selbstbestimmung der ganzen menschlichen Daseinsweise wird von Rousseau während seines Venedigaufenthaltes 1743 prägnant erfasst. Er erkannte, daß in Zukunft das Schicksal der Menschheit von der Politik bestimmt wird, wie bisher von Religion und Metaphysik. Es ist deshalb nur folgerichtig, daß Marat die Wissenschaft von der Politik für die wichtigste hielt, für Napoleon war die Politik eine unentrinnbare Schicksalsmacht. Aber während die Politik in ihrer bürgerlichen Sattheit noch schwelgt, höre auf den Gleichschritt der proletarischen Bataillone. Die seit dem Aufkommen der großen Industrie einsetzende Arbeiterbewegung intendiert die völlige Selbsterschöpfung der Politik durch die völlige Durchpolitisierung aller auf der ökonomischen Struktur beruhenden gesellschaftlichen Lebensbereiche. Die Dominanzverschiebung zur letzthin ohne politisch-juristischen Überbau am effektivsten sich steigernde materielle gesellschaftliche Produktion wird von Friedrich Engels durch seinen ersten Manchesteraufenthalt (1842 – 1844)mit großem Weitblick erahnt. Wurde durch Engels Politik endlich als etwas Ableitbares begriffen 6., so blieb ihr im proletarischen Emanzipationsprozess nur noch eine Sekundanzfunktion. „Die Revolution überhaupt, der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse ist ein politischer Akt. Ohne Revolution aber kann sich der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg.“ 7. Auf dieses Fortschleudern der Politik kommt alles an. Im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus wird vielleicht die Humanmedizin die Sonne sein, um die die anderen Naturwissenschaften  kreisen, auch die Stellung von Musik und Kunst wird eine andere sein. Herrschaft über Menschen und politische Gesellschaftswissenschaften verhalten sich ebenso reziprok wie Anarchie und nur noch benötigter Naturwissenschaften. Erst hier wirklicher Freiraum und disponible time für Kunst und Musik.

In sexualwissenschaftlicher  Hinsicht hat sich gezeigt, daß im bürgerlichen Rahmen nur Pseudosexrevolutionen möglich sind, Heinrich Heines Gedanken von der „Emanzipation des Fleisches“, von der „Demokratie der Götter“ (die nicht arbeiten),  bleiben eine Utopie, aneinandergekettet sind Zinsertrag des Geldes und Fortpflanzungssexualität, Sklavennachwuchs und Altersvorsorge. Die Ehe ist eine besitzindividualistische Herrschaftsbeziehung. Ihre Wurzeln haben sich als historisch übermächtig erwiesen gegenüber den Versuchen am Ende der 60er Jahren, Kommunen zu gründen. In der Prostituion ist jene Sexualität gerade ausgeblendet, dafür herrscht nackte bare Zahlung. Gegenläufig nimmt im Sozialismus/Kommunismus die Bedeutung der Fortpflanzungssexualität ab, je mehr die Produktion ins Unendliche vermehrt werden kann. Wenn es denn zutrifft, was Hagen Koch und Peter Joachim Lapp in ihrem Buch: „Die Garde des Erich Mielke“8. darstellen, dass aus dem Wachregiment Feliks Dzierzynski Soldaten entfernt wurden, denen Homosexualität nachweisbar war, so wirft dies kein gutes Licht auf die DDR, das ist ohne Zweifel eine Diskriminierung und  Menschenrechtsverletzung. Erstens tappen diese ja viel weniger in eine Honigfalle (so bezeichnet man weibliche Lockvögel von feindlichen Geheimdiensten) und zweitens hätte das selbst Friedrich der sog. Große, der noch heute auf Beschluß der SED (!)  (wieder) als Reiterstandbild Unter den Linden prangt, ganz anders gesehen. Man mag dem aufgeklärten Monarchen historisch progressive Züge beilegen, ( lieber 3 x mit der Lupe hinsehen 8.), aber die sexuelle Orientierung ist ein elemantares Menschenrecht unabhängig von jeder historischen Konjunktur. Innermarxistisch ist das Gewichtigste die Forderung Marxens in den Feuerbachthesen, die Ehe zu vernichten.

Wie sollen auch Menschen heute frei sein, wenn sie in den nationalen Erziehungsanstalten von bürgerlichen Lehrern seelisch verkrüppelt werden: der Prolet soll nicht genießen, er ist zum Schuften da…und die leibfeindliche Tradition zählt in Jahrtausenden, lange vor dem Aufkommen des modernen Industrieproletariats. Für unsere europäische Tradition ist ausschlaggebend die Verdammung des antiken atheistischen und die weltlichen Freuden gutheißenden Philosophen Epikur durch den Kirchenvater Augustinus: Epikur sei ein zerrütteter Philosoph, dagegen kontrastiert Karl Marx, der Epikur den einzigen Heiligen im Kalender der Philosophen nannte. Für Feuerbach war die Geschlechtsliebe die höchste Form der Ausübung (s)einer neuen Religion. 10.Im Kapitalismus bleibt der Sexualkundeunterricht hinter der französischen Aufklärung zurück: „…als sei es eine Schande, Vergnügen zu empfinden und für sein Glück geschaffen zu sein.“ 11. Deutlich wird die Dekadenz des Bürgertums, das es selbst Gedankengut, das es einmal  gegen den Feudaladel gerichtet hat, heute als Herrschaftsbedrohung empfinden muss. Es muß Ernst gemacht werden mit dem Gedanken, dass der Mensch für sein Glück geschaffen ist.

1. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, 277. Es blieb dem im Katholizismus wurzelnden Philosophen Martin Heidegger vorbehalten,  göttlichen Romantizismus gegen die moderne Wissenschaft und Technik vorzutragen, 1949/50 im „Bremer Club“ und auf der Bühler Höhe vor führenden deutschen Industriellen: die „Raserei der modernen Techik“ führe zur Selbstzerstörung des Menschen.

2. Vgl. Lenin, Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus, Ausgewählte Werke, Progress Vlg. Moskau 1971,728 f. In dieser Schrift auch der fundamentale Hinweis, daß Revolutionäre nicht allein eine Revolution durchführen können, daher die Bündnissuche.(a.a.O.,724)

3.Die „Königin“ Philosophie ist vom Wertverfall der Geisteswissenschaften natürlich nicht ausgeschlossen, sie ist mittlerweile eine fast verstorbene Wissenschaft, Engels gab ihr Nutzen einzig auf dem Gebiet der formalen Logik und selbstredend der Dialektik. Die Philosophie sei aus Natur und Geschichte vertrieben, statt Zusammenhänge im Kopf auszudenken, komme es darauf an, sie in den Tatsachen zu entdecken. (Vgl. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,306).Die kommunistische Gesellschaft wird keine philosophierende (oder: eine nicht so sehr philosophierende) Gesellschaft , sondern eine frei bewußt kollektiv produzierende sein. Was wir an künstlerischen, musikalischen und philosophischen Früchten in ihr zu erwarten haben, ist aus dem heutigen Sumpf der spätbürgerlichen Dekadenz heraus noch nicht auszumalen. Der Bedeutungswandel der Philosophie im Marxismus wird im Kontrast zur damals progressiven französischen Aufklärung deutlich: Fontenelle schwärmte von einer „Republik der Philosophen“ als staatlichem Ideal der Identität von Obrigkeit und Volk. Dieses Denken gehört mittlerweile der alten Weltordnung an, von einer Obrigkeit weiß die Kommunistin/der Kommunist nur insofern, als sie/ er sie abschaffen will, die kommunistsiche Gesellschaft ist keine Republik der Philosophen.

4.In den Schulen wird gegen den wissenschaftlichen Sozialismus gehetzt, der Aberglaube soll in den jungen Köpfen spuken. Anders kann es im kapitalistischen System gar nicht sein, der Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital wird als felsenfester Kristall der Weltgeschichte dargestellt. Die Lehrer stehen unter dem Einfluß der asozialen Kapitalisten, so dass die Schüler systematisch vom Allgemeinwohl abgelenkt werden  und die Vorurteile der Reichen verinnerlichen sollen.  So schon bei Morelly: „Ein ganzes Volk ist oft bestimmt, einige Sterbliche auf Kosten seiner Ruhe und seines Glücks zu beglücken. Man begünstigt alle Meinungen, alle Irrtümer, die es in dieser Herabwürdigung halten.“ (zit. in: Richard Saage: Politische Utopien der Neuzeit, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1991,84).  Sekundiert wird die geistige Verführung Minderjähriger in den Schulen durch die bürgerlich monopolisierten Massenmedien.

5.Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, MEW 21,431

6. In Manchester erkent er auch, dass sich die Arbeiterklasse nur SELBST befreien kann.

7.Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, MEW 1, 409

8.Hagen Koch/ Peter Joachim Lapp: Die Garde des Erich Mielke, Helios Verlag 2008,122

9.Friedrich der II. kommt bei Marx und Engels ganz schlecht weg, Engels bezeichnet ihn als Teiler Deutschlands im Bunde mit dem Ausland, kurz; als Volksfeind. „Je vais, je crois, jouer votre jeu; si les as me viennent, nous partageron“ (ich glaube, ich werde euer Spiel spielen; bekomme ich die Asse, so teilen wir)- das waren Friedrichs Abschiedsworte an den französischen Gesandten (Beaurau), als er in seinen ersten Krieg zog.“ (Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, MEW 21,418f.)

10. Vgl. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,283

11.La Mettrie, Der Mensch eine Maschine, Reclam 2007,50

Mit dem kategorischen Imperativ aus der Finanzkrise

1. November 2009 von dierostigelaterne

Die internationale Finanzkrise trifft vor allem die Ärmsten der Armen, die Zahl der Unterernährten wächst rapide an. Auf 1,2 Milliarden Menschen – so hoch wie noch nie – schätzt die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO/Uno) die Hungernden. Die bis in die 90er Jahre zu beobachtende positive Entwicklung ist in ihr Gegenteil umgeschlagen (im Zeitraum 2004 – 2006 waren „nur“ 873 Millionen zu verzeichnen). Der emeritierte Professor für Philosophie, Jürgen Mittelstraß hat sich so seine Gedanken über die Ursachen der Finanzkrise gemacht und gibt bescheiden zu, daß wir diese noch nicht vollständig überblicken.  Ein Arzt wäre nun vorsichtig mit der Therapie, nicht so ein Freigeist der bürgerlichen Intelligentsia, die vornehmlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung plaziert, siehe den Aufsatz: Wirtschaft und Ethos. (1.) vom 9. Oktober 2009.  Ethik muss wieder ein Bestandteil der ökonomischen Ausbildung werden, Geld sei nicht alles, Geld sei nicht der einzige Wert. Eine Besinnung auf den kategorischen Imperativ von Kant tue not: „Handele so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Damit „…wären wir auf den höchsten Höhen der Philosophie angelangt…“ (2.), zugegeben, zu verlockend muss es auch sein, im Zeitalter der universalen Globalisierung mit einer universalen Ethik anzurücken und mit dieser kapitalistischen Blutsaugern ins Gewissen zu reden, aber auch dieses wieder bescheiden, Mittelstraß sagt selbst, dass es mit der Wirksamkeit des Imperativs schlecht bestellt sei, wenn die Schadensverursacher aus dem Management der Banken im Grunde Schadensersatzboni in schwindelerregender Höhe verlangen. Das aber ist die bittere Realität im Imperialismus, dass diejenigen, die Millionen Menschen zum Hungerdasein verurteilen, für diese „Glanztat“ noch Millionen verlangen. Hier sind nun allerdings nicht die höchsten Höhen der Philosophie gefragt, man würde den Freunden der Weisheit auch zuviel Schmutz antun, sondern gefragt sind Millionen Waffen für die Hungernden, damit sie sich mit der Waffe in der Hand ihr täglich Brot von den Reichen holen.  Dieses Managergesindel ist wohl das allerletzte, was bei seinen gierigen Machenschaften beständig den kategorischen Imperativ im Kopf hat, es ist deshalb auch nicht nachvollziehbar, wenn Professor Mittelstraß einerseits den kategorischen Imperativ auf den heiligen Berg der Philosophie hebt, zugleich sich aber dennoch für Boni ausspricht: „Dabei sind Bonuszahlungen, recht verstanden, etwas Gutes, ein leistungsförderndes Stimulans.“ (3.) Recht verstanden- heißt hier: der Manager, der im Bildungsurlaub ein Seminar über Kants Kritik der praktischen Vernunft belegt. Kant hätte sich mehrmals im Grabe umgedreht, den Imperativ in die Nähe der volksfeindlichen Blutsauger zu bringen. Diese stehen außerhalb jeglicher Norm und Zivilisation, sie stehen gerade außerhalb des kategorischen Imperativs, da sie ständig gegen ihn handeln, die hungernde Menschheit und eine gerechte Weltordnung schert sie einen Dreck. „…daß es gerade die Kapitalisten sind, die Anarchie und Krieg in die menschliche Gesellschaft hineintragen.“ (4.)Friedrich Engels hat uns in seiner Krtik Ludwig Feuerbachs gezeigt, daß dieser in  seiner Moralphilosophie den gleichen Fehler macht wie Kant: „Es geht der Feuerbachschen Moraltheorie wie allen ihren Vorgängerinnen. Sie ist auf alle Zeiten, alle Völker, alle Zustände  zugeschnitten, und eben deswegen ist sie nie und nirgends anwendbar und bleibt der wirklichen Welt gegenüber ebenso ohnmächtig wie Kants kategorischer Imperativ. „ (5.) In der Tat, nur 6 Tage, nachdem Mittelstraß seinen Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlich hat, meldet der Finanzmarkt: Wall Street auf dem Weg zu neuen Rekordboni. „Eine konkrete Beschränkung der Bonuszahlungen seitens des amerikanischen Gestzgebers ist trotz aller Kritik nicht vorgesehen.“ (6.)Und in London ? Hoffnung für die Luxusboutiquen: Die Boni sollen wieder üppiger fließen. Die Regierung appelliert an Moral und Anstand, macht also denselben Fehler wie Mittelstraß. Und last not least gibt die anglikanische Kirche den Hedge-Fonds ihren Segen…und beklagt sich ! Aber worüber ? …daß die Regulierung der Hedge-Fonds zu weit gehe !! In einem Protestschreiben an den parlamentarischen Ausschuss für EU-Angelegenheiten des britischen Parlaments beschwert sich die Kirche über die Pläne der EU-Kommission zur Regulierung von Hedge Fonds, Zitat daraus: „Die Maximierung der Erträge auf unsere Investments gehört zu unserer Mission…“ (7.)Professor Mittelstraß muß einsehen, dass es völlig zwecklos ist, selbst dem Erzbischof von Canterbury mit kantischer Moralphilosophie beizukommen, er kennt seinen handfesten wertvollen Gott ganz genau.

Im Kommunistischen Manifest schrieben Marx und Engels, dass die Bourgeoisie einem Hexenmeister gleiche, der die von ihm heraufbeschworenen Kräfte nicht mehr bannen könne. Die Illusion der Philosophen zu diesem Hexenmeister besteht darin, dass sie ihr Denken für richtig halten und alles besser sei, wenn sich die Welt nur nach diesem philosophisch richtigen Denken richten würde. Bürgerlichen Ideologen ist auch immer eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit eigen. So wünschte sich Wolfgang Schäuble in seinem Beitrag zur Serie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Die Zukunft des Kapitalismus“  (8.) den Bankier zurück anstelle des Bankers, Mittelstraß den langfristig denkenden Unternehmer statt des auf den schnellen Euro erpichten Managers und der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaft, der Ökonom Edmund S. Phelps vertritt die Auffassung, es „…müsste eine neue Klasse von Banken gegründet werden…“, allerdings im gleichen Atemzug: „…wir müssen zurückkehren zu altmodischen Banken…“ (9.) , man kann das kurz zusammenfassen zur Sehnsucht nach der klassischen sozialen Marktwirtschaft, als der Mann mit der Zigarre noch Wirtschaftsminister war. Diese Zeit aber kann nicht wiederkommen,  am Horizont zeichnet sich vielmehr ein ganz anderes Bild ab: die Arbeiterklasse muss dieses ganze Bankengeflecht in Schutt und Asche legen, angefangen in der Bankenmetropole Frankfurt, aus dieser Stadt steigt ein Pesthauch auf und legt sich lähmend über die ganze Republik.

1. Jürgen Mittelstraß, Wirtschaft und Ethos, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Ordnung der Wirtschaft, 9.10. 2009, 12

2.a.a.O.

3.a.a.O.

4.Lenin, Briefe aus der Ferne, LW 23, 326

5.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, 289

6.Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2009,23

7.Frankfurter Allgemeine Zeitung 8. 10.2009,19

8.Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.8.2009, 29 und 31.

9.“Es müßte eine neue Klasse von Banken gegründet werden.“ Interview mit Edmund S. Phelps, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.11.2009,16

Beantwortung der Frage: Wie hängt die Tierkunde mit der Brotgelehrsamkeit zusammen ?

5. Oktober 2009 von dierostigelaterne

„Die Existenz des Staats und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennlich.“ 1.

 

Die Gesellschaftswissenschaften haben ihren Grund und ihre Bedingung in der geschichtlichen Abfolge des Aufbaus und der Destruktion von Herrschaften und Knechtschaften. Anarchistische Tendenzen tragen den Todeskeim dieser Wissenschaften in sich.

Dagegen war die Bornierung in Herr-Knecht-Mechanismen eines der eilfertigsten Anliegen der abendländischen Geisteswissenschaft von Platons Politeia über Hegels Staatsphilosophie bis Hitlers Kampf. Plato hielt Ungebundenheit bei Menschen wie bei Tieren für schädlich, Kant sah im Menschen noch „…ein Thier, das, wenn es unter anderen seiner Gattung lebt, einen Herrn nöthig hat.“ 2. In einem Aphorismus äußert Hegel, daß russische Frauen und die Völker der Weltgeschichte die Hundepeitsche verlangen. 3.

Heute kann ich ihnen zurufen: Sie haben sich alle gründlich geirrt, meine Herren ! Denn wie es bei einer starken Eiche mit markigen Wuchs auch einige kleine, verdorrte Verästelungen geben kann, so in der langen Emanzipationsgeschichte des Affen zum Menschen, der wahrscheinlich erst von den Bäumen heruntergestiegen, auch einen Bruchteil, in dem er wieder künstlicher Affe wurde: Staatsbürger. Mit der Zeit fegt der Sturm die dürren Zweige ab, mit der Zeit wachsen Generationen heran, die in Revolutionsstürmen den ganzen Staatsplunder 4.  von sich abwerfen.

Es waren nicht die Philosophen Kant und St. Pierre, die zuerst die Vision des Ewigen Friedens in der Menschheit aufzeigten, sondern dieser Friede war bereits ein Begehren des Bundschuhs 5., vor allem aber verlangten die Bauern die Abschaffung des Zehnten, also die Beseitigung aller Obrigkeiten, nach Engels“…die Antizipation des Kommunismus durch die Phantasie…“ 6.

Und diese Idee des Kommunismus, sie taucht wieder auf im Frankreich von 1789. In den Revolutionsjahren erhoben sich dort zeitweise die blutarm gesaugten Klassen, die die konservativen Historiker so gerne als Pöbel rubrizieren, und hegemonisierten für kurze Perioden die ganze Erhebung. Diese Klassen gingen aber bereits über den Horizont der bürgerlichen Gesellschaft hinaus, die für ihre antagonistischen Konflikte immer nur die Lösung: Staat – Armee – Affe in Uniform, findet. Im Revolutionskapitel der Phänomenologie des Geistes, das die Dialektik der absoluten Freiheit und des Schreckens aufzeigt, arbeitet Hegel diese die bürgerliche Gesellschaft bereits transzendierende Tendenz heraus: er charakterisiert 1789 als „…die die Anarchie zu constituieren strebende Anarchie…“ 7.  Was dies nun aber besagen will, geht wiederum über den Horizont der großen Mehrzahl der sogenannten Gesellschaftswissenschaftler hinaus, die Anarchie kann sich natürlich nur universell ausführen, auf der Erdkugel müssen alle staatlichen und sonstigen Unterdrückungsstrukturen völlig aufgehoben werden. Die französische Revolution und ebenso ihr tiefsinniger Analytiker Hegel scheiterten noch an dieser Aufgabe.

Es dauerte aber nach dem Sturz Robespierres gar nicht lange, da veröffentlichte Saint-Simon seine Genfer Briefe mit der Perspektive eines gesellschaftlichen Zustandes, in dem Produktionsprozesse statt Menschen geleitet und Sachen statt Strafgefangene verwaltet werden. War dies nur die Utopie eines originellen Kopfes ? 1802 war es Träumerei: es fehlten, theoretisch gesehen, noch die Männer, die an die Stelle der Zukunftsphantasterei, der schnurrpfeifigen Auskonstruktion kommender Geschichte, die Wissenschaft setzten. Diese Männer waren Marx und Engels, aber warum ? Weil sich zu ihrer Zeit der fundamentale Antagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat und dessen innerer kampf sich so weit vereinfacht hatten, daß die wissenschaftliche Erkenntnis und Lösung der gesellschaftlichen Grundfrage der Herrschaftsfreiheit möglich wurde. Ihr Kommunistisches Manifest legt deshalb auch dar, daß gerade und nur das Proletariat die Klasse der modernen Gesellschaft ist, die als einzige ihre Diktatur nicht nur selbst negieren kann, sondern negieren muß. „Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.“8.Diese weltgeschichtlich genialen Überlegungen wurden 1847 aufgeschrieben, kurz vor der Februarrevolution.  Als diese ausbrach, waren diese Einsichten in den kommenden Gang der Geschichte allerdings weit vorausgeeilt. Die Pariser Arbeiter forderten noch ein Ministerium der Arbeit, führten also im Grunde nur erst eine bürgerliche Revolution durch.

Aber 23 Jahre später wurde die Pariser Kommune proklamiert: das war die Diktatur des Proletariats, schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr. Das Jahr 1905 brachte eine machtvolle Erhebung in Rußland. Streikten in der Zeit von 1895  bis 1905 nur 43 000 Arbeiter pro Jahr, so überstieg die Zahl der Streikenden allein im Januar 1905 die Grenze von 400 000. In dieser Revolution  von 1905 schufen die Arbeiter eine eigentünliche Organisationsform, die Sowjets, die 12 Jahre später erneut auf den Plan traten und deren Wesen so hartnäckig verkannt und verleugnet wurde. Die Sowjets sind aber hauptsächlich die „…Vorboten des Absterbens jeden Staates…“ 9. In diesen Zusammenhang gehört auch der wichtige Gedanke Stalins, den er in seinen Vorlesingen an der Swerdlow-Universität darlegte: „Das Proletariat braucht die Partei dazu, um die Diktatur zu erobern und zu behaupten. Die Partei ist ein Instrument der Diktatur des Proletariats. Daraus folgt aber, daß mit dem Verschwinden der Klassen, mit dem Absterben der Diktatur des Proletariats auch die Partei absterben muß.“ 10. Die Partei Lenins stirbt also ebenfalls ab , wird zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst ein Hindernis der Produktivkraftentfaltung. Welche bürgerliche Partei, welche Bande politischer Spekulanten hat es bis zu dieser Höhe der Selbstnegation gebracht, welche hat sich selbst als historisch vorübergehende begriffen ? Im Gegenteil, sie alle wollen ihr korruptes Schmarotzerdasein bis in alle Ewigkeit verankert wissen. „Wir bekennen uns zur repräsentativen Demokratie, die politische Führung und demokratische Verantwortlichkeit miteinander verbindet. In den Wahlen gibt sie die regelmäßige Möglichkeit zum Regierungswechsel.“ 11. Daß der Bauer fortgesetzt einen Herrn über sich braucht, an dieser Argumentation versuchte sich bereits, aber nun müssen wir uns um einige Jahrhunderte zurückfallen lassen, Thomas von Aquin in seiner Schrift: „Über die Herrschaft der Fürsten“, derselbe Thomas, der 300 Jahre vor dem deutschen Bauernkrieg das Licht der Welt erblickte. Insofern steht noch heute die deutsche Geschichte vor der Wegwahl: Thomas von Aquin oder Thomas Müntzer. Der letzte Weg aber führt eines Tages zum Wegfall von Wahlen.

Hier ist auch der Punkt erreicht, an dem ich in den Streit der philosophischen mit der politologischen Fakultät eintreten muß. Reduzieren wir die Wissenschaft von der Politik auf ihr dürres Gerippe, so zeigt sich: sie untersucht vor allem Herrschaftsverhältnisse unter Menschen bzw. unter Klassen. Und nun wird es für einen Fortschritt ausgegeben, es soll eine Erkenntnis der neueren Zeit sein, daß diese Herrschaftsverhältnisse sich ändern können, wechselhafte sind. Dieses Fortwälzen in die schlechte Unendlichkeit wird durch meine These unterbrochen: „Herrschaft über Menschen und politische Gesellschaftswissenschaften verhalten sich ebenso reziprok wie Anarchie und nur noch benötigter Naturwissenschaften. Erst hier wirklicher Freiraum und disbonible time für Kunst und Musik.“

Hand in Hand mit der Emanzipation der Völker geht der Niedergang der Geisteswissenschaften, der Abbau des Überbaus einher. Verfolgen wir kurz die Hauptzüge des Zerfalls 12.: Die einst mächtigste geisteswissenschaftliche Disziplin, die Gebieterin der Philosophie war, hat sich zu einer immer rascher verschwindenden Spur verflogen. Der seit der Renaissance einsetzende Ablösungsprozess von mittelalterlichen Weltbildern und die Dominanzverschiebung zu einer neuen Herrin, zur Politik, mit einer neuen Selbstbestimmung der ganzen menschlichen Daseinsweise wird von Rousseau während seines Venedigaufenthaltes 1743 prägnant erfasst. Er erkannte plötzlich, daß in Zukunft das Schicksal der Menschheit von der Politik bestimmt wird, wie bisher von Religion und Metaphysik. Es ist deshalb nur folgerichtig, daß Marat die Wissenschaft von der Politik für die wichtigste hielt, für Napoleon war die Politik eine unentrinnbare Schicksalsmacht. Und in der Tat, hätte es im Mittelalter schon Zeitungen gegeben, um welche, wenn nicht religiöse, Thematik hätten sich ihre Leitartikel konzentriert ? Aber während die Politik in ihrer bürgerlichen Sattheit noch schwelgt, siehe die Füße derer, die dich nach draußen tragen, exzerzieren schon vor der Tür: die seit dem Aufkommen der Großen Industrie einsetzende Arbeiterbewegung intendiert die völlige Selbsterschöpfung der Politik durch die völlige Durchpolitisierung aller auf der ökonomischen Struktur beruhenden gesellschaftlichen Lebensbereiche. Die Dominanzverschiebung zur letzthin ohne politisch-juristischen Überbau am effektivsten sich steigernde materielle gesellschaftliche Produktion wird von friedrich Engels durch seinen ersten Manchesteraufenthalt (1842 – 1844) mit großem Weitblick erahnt. Wurde durch Engels Politik endlich als etwas Ableitbares begriffen, so blieb ihr im proletarischen Emanzipationsprozess nur noch eine Sekundanzfunktion: „Die Revolution überhaupt, der Umsturz des bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert des Sozialismus die politische Hülle weg.“ 13. Auf dieses Fortschleudern der Politik kommt alles an.

Nicht nur hatten Marx und Engels zu diesem Zweck die Dialektik Hegels gerettet, sondern zeitlebens bewahrt, was drei junge Theologiestudenten im Tübinger Stift vermerkten: „Die Idee der Menschheit voran, will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas Mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit, heißt Idee. Wir müssen also über den Staat hinaus. Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln, und das soll er nicht, also soll er aufhören.“ 14. Diese Sätze stammen von den Jünglingen Hegel. Hölderlin und Schelling, die heute wohl in Stuttgart-Stammheim säßen. Die Wurzeln der Dialektik reichen zurück bis ins Tübinger Stift.

Durch ein gründliches Studium dieser von Marx materialistisch umgestülpten Methode, die dadurch aus einer für die Bourgeoisie annehmbaren zu einer unangenehmen wurde, würde sich dann die politischen Gesellschaftswissenschaften die Perspektive der mit Selbstnegation  verbundenen Aufhebung von Herrschaft überhaupt eröffnen. Bilden Herr-Knecht-Mechanismen geradezu das Fundament der Disziplin: Politologie, so muß man es zusammenbringen: die subjektive Weiterentwicklung und wissenschaftliche Qualifikation des Politikwissenschaftlers und den objektiven gesamtgesellschaftlichen Prozess, der das Aufhören des Staates intendiert. Die harte Arbeit an der Aufhebung der Herr-Knecht-Politologie birgt in sich die Aufhebung der Politologie überhaupt. Der Brotgelehrte ernährt sich von Herr-Knecht-Konstellationen, der Philosoph hungert, weil für ihn alle Menschen gleich sind.  Erst wenn alle ihren abstrakten Staatsbürger in sich zurückgenommen haben und also die Politik fortschleudernde Philosophen geworden sind, gibt es keine Philosophen am alten Hungersinne mehr. Philosophie der Freiheit (Revolutionstheorie) und Freiheit der Philosophie (die absolut reale, sich nicht mehr zum theoretischen Inhalt habende Anarchie) sind ineinander eins geworden.

Dieses Ende der Staatskunst mag zunächst ein greller Gedanke sein. Aber 1802, als Saint-Simon ihn visionierte, formulierte Hegel in seiner Erstveröffentlichung den schicksalshaften Satz: „Je besser die Methode ist, dsto greller werden die Resultate.“ 15. Dieser Satz steht ja unausgesprochen im Hintergrund der großen geschichtlichen Zuckungen unseres Jahrhunderts: Oktoberrevolution, Säuberungen in der Roten Armee, Moskauer Prozesse, chinesische Kulturrevolution, und schwebt auch unaushesprochen über den Häuptern der europäischen Konterrevolution, zumal die Philister und Spießbürger, die Friedrich Hölderlin in den Irrsinn und Ulrike Meinhof in den Tod getrieben haben, noch immer der Auffassung sind, die Völker könnten ohne Vormünder nicht leben, vornehmlich aber ist es dieser Gedanke, daß gerade sie, nämlich diese Brotgelehrten und Spießbürger es seien, die diese Vormundschaft zu übernehmen hätten und damit die historische Mission der Verewigung von Herschaft und Knechtschaft. „Es war mit hie und da, als hätte sich die Menschennatur in die Mannigfaltigkeit des Tierreichs aufgelöst, wenn ich umherging unter diesen Gebildeten.“ 16.

Das Ende der Staatskunst und das Ende des Berufsrevolutionärs, das ist der Beginn des Anarchisten, der sich nicht mehr als dieser weiß. Anarchie als absolute hat den Wendungspunkt ihrer Überwindung in ihr selbst.

 

1.Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, MEW 1. 401 f.

2.Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, Kants Werke, Akademie Textausgabe Bd. VIII, Berlin 1968,28

3.Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Berliner Schriften, Theorie Werkausgabe Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1980, Band 11, 561

4.Vgl. Friedrich Engels, Einleitung zu „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ Ausgabe 1891, MEW 17,625

5.Vgl. Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, Karl Marx Friedrich Engels Gesamtausgabe 1,10 Berlin 1977,400

6.a.a.O.,382

7.Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Gesammelte Werke Band 9, Rheinisch Westfälische Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf 1980,322

8. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, 482

9. Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, LW 24,72

10. Josef Stalin, Grundlagen des Leninismus, Peking 1972, 125 f.

11. Ludwigshafener Grundsatzprogramm der CDU, Oktober 1978

12. Ich gehe hier nicht auf den Verfaulungsprozess des absoluten Geistes ein, weil dieser eine spezifisch deutsche Angelegenheit ist.

13. Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, MEW 1,409

14. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Das Älteste Systemfragment des deutschen Idealismus, Theorie Werkausgabe Suhrkamp Band 1, 234f.

15, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Differenz des Fichte´schen und Schelling´schen System der Philosophie, Gesammelte Werke Bd. 4, Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf 1980,28

16. Friedrich Hölderlin, Hyperion, Werke Band III, Stuttgart 1957,22

Tag der deutschen Einheit

30. September 2009 von dierostigelaterne

GEDANKEN ZUM TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT 2009

In der Analyse der Pariser Kommune, die Karl Marx im Bürgerkrieg in Frankreich dargelegt hat, finden sich einige interessante Gedanken zur Erschießung von 64 Geiseln, voran der Erzbischof von Paris: Darboy, durch die roten Truppen der Kommune. Als das Haupt der Konterrevolution Thiers an das Erschießen kommunalistischer Gefangener ging, blieb den Kommunarden nichts anderes übrig, als ihrerseits Geiseln zu nehmen, um die Gefangenen zu schützen. Nun hatte die Kommune einen Tausch vorgeschlagen, den Erzbischof und einen ganzen Haufen Pfaffen gegen einen Mann, und zwar Louis Auguste Blanqui, ein fähiger Kopf des bewaffneten Aufstandes. (1.)  „Thiers weigerte sich hartnäckig. Er wußte, daß er der Kommune mit Blanqui einen Kopf geben werde, während der Erzbischof seinen Zwecken am besten dienen würde als – Leiche.“ (2.) „Der wirkliche Mörder des Bischofs Darboy ist Thiers.“ (3.) Man denke sich in diese Logik des Klassenkampfes, in diese Dialektik von Revolution und Konterrevolution hinein.

Am 10. März 1952 sorgte die Stalin Note für Aufsehen in der Weltpolitik. In dieser Note unterbreitete Stalin bemerkenswerte Vorschläge zur Überwindung der Teilung Deutschlands. Im Zuge der Wiedervereinigung war der Abzug aller ausländischen Truppen vorgesehen, des weiteren ein pluralistisches Parteiensystem, keinerlei Handelsbeschränkungen für Deutschland und nur 7 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges die Aufstellung von nationalen Verteidigungsstreitkräften. Wenn man in Erwägung zieht, welch unermeßliches Leid eine deutsche bestialische Armee über die UdSSR gebracht hat, ein Vorschlag, der von der heroischen Größe dieses Landes und Stalins zeugt. Ganz anders die Zwergmißgeburt Konrad Adenauer und seine nazistische Clique, die diese für das deutsche Volk so segensreichen Vorschläge ignorierte. Seriöse Historiker sprachen und sprechen von der „vertanen Chance“. Selbst der Mitherausgeber der rechtskonservativen FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, Paul Sethe, kritisierte Adenauer scharf (siehe sein 1956 erschienenes Buch: Von Bonn nach Moskau und: Schicksalsstunden der Weltgeschichte(4.)). Wieviel Kummer , Leid und vergossenes Blut wäre einem ungeteilten Deutschland ohne Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl erspart geblieben ! (5.) Man verweist zu Recht auf die Ungeheuerlichkeit, dass ein Jurist, der sich 1935 für eine Verschärfung der Nürnberger Rassegesetze ausgesprochen hatte(6.), ein gewisser Dr. Globke, Sohn eines Tuchhändlers, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder als Jurist in Erscheinung tritt, und zwar als Staatssekretär im Bonner Bundeskanzleramt. Nach dem Nerobefehl Hitlers, das ganze deutsche Volk durch Zerstörung seiner ökonomischen Grundlagen  zu vernichten, ist die Zurückweisung der Stalinnote die  zweitgrößte volksfeindliche Handlung am deutschen Volk in seiner ganzen Geschichte, und das innerhalb von sieben Jahren. Es gibt kein zweites Volk in der Weltgeschichte, das von seinem Bürgertum so sehr gequält und verraten wurde wie das deutsche Volk, wir sehen die tragischen Konsequenzen an einem Volk, das in seiner Geschichte keine erfolgreiche Revolution, sondern immer nur erfolgreiche Konterrevolutionen mitgemacht hat. „Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.“ (7.) Die heute gefeierte Einheit hätte das deutsche Volk schon 57 Jahre früher haben können. Als Bismarck nach dem deutschen Bürgerkrieg 1866 mit der Kleinstaaterei aufräumte, da posaunte der chauvinistisch werdende Bourgeois von einer weltgeschichtlichen Errungenschaft. Das war sie nicht, schrieb Engels, „…sondern eine sehr, sehr späte und unvollkommne Nachahmung dessen, was die Französische Revolution schon siebzig Jahre früher getan, und was alle andern Kulturstaaten längst eingeführt. Statt zu prahlen, hätte man sich schämen sollen, daß das „hochgebildete“ Deutschland hiermit zuallerletzt kam“8. Am 3. Oktober gibt es für die „hochgebildete“ Bourgeoisie, die die Montagsdemonstrationen für sich ausschlachtet, als hätte sie sie initiiert und geleitet,  nichts zu feiern, schämen sollte sie sich ! Und zu fragen ist auch immer, um was für eine deutsche Einheit handelt sich eigentlich ? Es ist eine Einheit der Kapitalisten zur Ausplünderung und sozialen Verelendung des deutschen Volkes, die Werktätigen brauchen aber ein einheitliche internationalistisch ausgerichtete Nation OHNE Kapitalisten mit der Perspektive einer Überwindung jeglichen Nationalismusses.

Bereits am 13. August dieses Jahres stellte die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG in der Rubrik: „Das aktuelle Buch“(9.) ein Machwerk vor; ein Handbuch für 136 Opfer an der Berliner Mauer: Erschossene, Ertrunkene, Verunglückte. (10.) 136 Einzelartikel mit Fotos.

1. Louis Auguste Blanqui (1805 – 1881) französischer Revolutionär, utopischer Kommunist, Organisator mehrerer Geheimgesellschaften und Verschwörungen, aktiver Teilnehmer an den Revolutionen 1830 und 1848, Führer der geheimen Gesellschaften der Jahreszeiten, Organisator des Aufstandes vom 12. Mai 1839, einer der Führer des Aufstandes vom 31. Oktober 1870 in Paris, befand sich zur Zeit der Kommune in Haft, verbrachte insgesamt 36 Jahre im Gefängnis und in Strafkolonien. (Vgl. Marx Engels Ausgewählte Werke Band 1,Dietz Vlg. Berlin 1972, 711.

2. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, Marx Engels Ausgewählte Werke Band 1, Dietz Vlg. Berlin, 1972, 508

3.a.a.O.

4.In diesem Buch verweist er auf die völlig irrsinnige, auf Bethmann Hollweg zurückgehende Politik der Stärke gegenüber der UdSSR. Das Nato Bündnis sollte zur Einheit führen durch die Entfaltung militärischer Kraft, die so großen Eindruck auf die Russen machen sollte, „…daß sie sich auch ohne westliche Gegengabe bereit erklären würden, Mitteldeutschland wieder aufzugeben.“ (in: Paul Sethe: Schicksalsstunden der Weltgeschichte, Heinrich Scheffler Verlag 1952, 289)

5. Primär ist Philipp Müller zu nennen, der am 11. Mai 1952 während einer Demonstration gegen die Remilitarisierung Westdeutschlands vor der Essener Gruga Halle durch zwei Schüsse von der Polizei tödlich getroffen wurde, ein Schuß ging direkt in sein junges Herz. Schwerverletzt wurden auch der Sozialdemokrat Bernhard Schwarze aus Konstanz und der Gewerkschaftler Albert Bretthauer aus Münster. Obwohl Schußwaffengebrauch der Demonstranten nicht nachgewiesen werden konnte, stufte das Dortmunder Landgericht die Tat als Notwehr ein.

6. Nicht nur der eigentliche Geschlechtsverkehr mit Juden sei strafbar, sondern auch beischlafähnliche Handlungen wie gegenseitige manuelle Befriedigung. Globke, der in der DDR per Haftbefehl gesucht wurde, wurde am 23. Juli 1963 vom 1. Strafsenat des Obersten Gerichtes der DDR unter Vorsitz von Präsident Dr. Heinrich Toeplitz in Abwesenheit zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt.

7. Karl Marx, Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, in MEW 1, 379 f.

8.Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, MEW 21,435

9. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. August 2009, S.8

10.Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 – 1989, Ein biografisches Handbuch, herausgegeben vom Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer. Ch. Links Vlg. Berlin 2009, 524 Seiten. Siehe auch: www.chronik-der-mauer.de

„Liebling der Partei“ Anmerkungen zu Bucharin und Steigerwald

24. September 2009 von dierostigelaterne

Es steht außer Zweifel, daß in Lenins sog. Testament Bucharin als „Liebling der Partei“ bezeichnet wurde. Man darf aber nicht plakativ aufnehmen, was ironisch gemeint war, im Sinne: daß Bucharin sich bei allen Liebkind machen wollte  (siehe Lenins Schrift: Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Bucharins und Trotzkis). Man muß bei Lenins sog. Testament genau hinsehen:“…er (Bucharin) hat die Dialektik nie studiert und, ich glaube, nie vollständig begriffen.“ (Lenin: Brief an den Parteitag 24.12.1924, LW 36, 579) Es muß der Naivität Bucharins zugeschrieben werden, nicht gemerkt zu haben, welche für ihn gefährliche Brisanz in dieser Aussage steckte. Ohne die materialistische Dialektik begriffen zu haben, gerät man leicht auf Abwege: so erschienen Mitte der 30er Jahre in der Emigrantenzeitschrift „The New Leader“ ein „Brief eines alten Bolschewisten“, in dem der Altbolschewik mit den bisherigen sog. stalinistischen „Schauprozessen“ abrechnete. Herausgegeben wurde diese Zeitschrift von dem Menschewisten Levitas, der stellvertretender Bürgermeister von Wladiwostok war und 1923 vor dem Bolschewismus in die USA floh, der Autor des Briefes war Bucharin.

Vor seinem Prozess schrieb der Lehrersohn Bucharin am 12. Dezember 1937 einen Brief an Stalin, in dem er bat „…mich für x Jahre nach Amerika auszuweisen. Die Argumente, die dafür sprechen , sind: Ich würde eine Kampagne zu den Prozessen und einen gnadenlosen Kampf gegen Trotzki führen, ich würde bedeutende Schichten der schwankenden Intelligenz für uns gewinnen, ich würde taktisch der Anti-Trotzki sein und würde die Sache mit großen Elan und direkt mit Enthusiasmus betreiben: man könnte einen qualifizierten Tschekisten mit mir mitschicken und als zusätzliche Garantie meine Frau für ein halbes Jahr hier festhalten, bis ich in der Praxis bewiesen habe, wie es mir gelingt, Trotzki & Co in die Fresse zu hauen usw…“ Im gleichen Brief: „…ich habe gelernt, Dich mit Vernunft zu schätzen und zu lieben.“ Kann man denn Liebe lernen ? (http://www.stalinwerke.de/mp/mp/bucharinbrief.html).

Am 30.5.2005 erschien im Dietz Verlag Berlin ein interessantes, 480 Seiten starkes Buch von Nikolai Bucharin: „Philosophische Arabesken“, interessant insofern, als es die Schriften und Gedichte enthält, die Bucharin in seiner Untersuchungshaft vor seinen Prozess in Moskau geschrieben hat. Die bürgerlichen Ideologen haben Greuelmärchen über Folterungen im Gefängnis Lubjanka erfunden, das Buch selbst gibt Aufschluß darüber, daß die Gefängnisbibliothek erstklassig ausgestattet war.

Im Gefängnis verfasste er 1938 auch eine Art Abschiedsbrief, der an die künftige Generation führender Parteifunktionäre gerichtet war, und in den er seine Unschuld beteuerte. Führende Funktionäre würden ihn eines Tages rehabilitieren. Für einen Marxisten fürwahr ein merkwürdiger Aufruf. Bekanntlich wurde Bucharin im Namen des Volkes verurteilt, nur das Volk spricht dann auch eine Rehabilitierung aus. Die Rehabilitierung des Volksfeindes Bucharin ist daher juristisch nichtig, sie ist gegenstandslos.

In der Zeitschrift „Marxistische Blätter“ vom 10.11. 2007 hat Dr. h.c. Robert Steigerwald einen Aufsatz über Stalin verfasst, dessen Überschrift ein Satz aus einem Brief Bucharins  an Stalin bildet: „Koba (Untergrundname von Stalin), wozu brauchst Du meinen Tod ? “ Er kommt zu dem Schluß, daß die Greuel des Stalinismus gezeigt hätten, dass Kommunisten das Räte- bzw. das Sowjetsystem aufzugeben und stattdessen eine auf Gewaltenteilung basierende Republik anzustreben hätten. Das geht natürlich weiter als die Forderung der Kronstädter Matrosen: Sowjets ohne Bolschewiki, der Gedanke der Diktatur des Proletariats soll fallengelassen werden. Steigerwald geht an die Frage der Demokratie und Diktatur pauschal ran, während Lenin uns gerade lehrte, dass die Diktatur des Proletariats ein Höchstmaß an Diktatur GEGEN die alten Ausbeuter und ein Höchstmaß an Demokratie FÜR die bisher unterdrückten Volksmassen bedeutet. Demokratie charakterisiert nur eine der möglichen Herrschaftsformen in Klassengesellschaften. Weder sind die gesellschaftlichen Beziehungskomplexe in Geschlechtsverbänden vor dem aus der Überschußproduktion resultierenden Aufkommen des Staates als demokratisch zu bezeichnen, als habe es jemals so etwas wie eine Urdemokratie gegeben, noch die im Kommunismus, wo die Aufhebung des Staates auch die Aufhebung der Demokratie bedeutet. Eingehendere Analyse würde verdeutlichen, daß Demokratie heute überhaupt das letzte politische Modewort ist, in das sich konterrevolutionäres Gedankengut flüchtet und konserviert. Heute wollen alle Demokraten sein und alle wollen den Marxisten den Boden entziehen, notfalls durch Verbot ihrer Partei, wenn diese mit ihrer Dialektik von Revolution und Konterrevolution ankommen. Revolution und Konterrevolution ! was soll denn das ? Leben wir denn nicht in der allerdemokratischten Republik ?! Aber aus dieser Dialektik heraus hat Engels Bebel einen interessanten Hinweis gegeben: „…solange das Proletariat den Staat noch gebraucht, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf zu bestehen.“ (1.) Steigerwald meint, eine antikapitalistische Herrschaftsform müsse  sich in der Form einer demokratischen Republik gestalten, wie sie der späte Engels konzipierte. Aber in diesem Konzept ist ganz gewiß die Gewalt enthalten (Niederhaltung der Gegner).Steigerwald wörtlich: „Es ist auch zu bedenken, daß ein neuer Anlauf zum Sozialismus bei uns nur möglich sein dürfte, wenn breitere Massen des Volkes diesen Anlauf bewirken, und eine solche Volksbewegung wird durchaus nicht homogen in sozialer, politischer und weltanschaulicher Hinsicht sein. Das aber hätte Konsequenzen für eine sich aus solch einer Bewegung ergebende Staatsmacht. Es sind Koalitionsregierungen und politisch-parlamentarische Fraktionen möglich, das also wäre der Staatstypus der demokratischen Republik, ganz so, wie ihn der späte Engels einmal meinte. (google: bucharin steigerwald „Koba, wozu brauchst Du meinen Tod ? Bucharin an Stalin (Linksnet). Der späte Engels ? Der späte Engels hat viel geschrieben. Die Staatsfrage ist stets eine entscheidende Frage, hier muss dem Leser unbedingt durch Stellenangabe die Möglichkeit der Überprüfung gegeben werden. Engels unterstrich immer wieder, daß „…in der demokratischen Republik der Staat Staat bleibt…“ (2.), so Lenin. Hier haben wir mit bewundernswerter Klarheit eine Ausführung , als habe Lenin den Mißbrauch mit den wohlklingenden Worten Demokratie und Republik vorausgesehen.

Im Zuge der Perestroika war Steigerwald 1989 der Auffassung, Kommunisten müssen umdenken (3.), hier haben wir Früchte dieses Umdenkens, allerdings feine Früchtchen. Kommunisten müssen nicht umdenken, sondern den Marxismus Leninismus weiterdenken, weiterentwickeln. Man kann die Revolution der Arbeiter und Bauern nicht vorbereiten, wenn man nicht den Marxismus Leninismus weiterentwickelt, und ungekehrt: man kann den Marxismus Leninismus nicht weiterentwickeln, wenn man nicht die Revolution der Arbeiter und Bauern vorbereitet. Es gibt gewisse unerschütterliche Fundamente des Marxismus Leninismus, die Gültigkeit haben solange es Klassen und Klassenkampf gibt, es gibt aber keine ewigen Fundamente, im Kommunismus stirbt mit dem Staat auch der Marxismus ab, eine Anleitung zum revolutionären Handeln gegen das Kapital erübrigt sich mit dessen Aufhebung. Die Dialektik anerkennt nichts Ewiges außer den ins Unendliche gehenden dialektischen Prozess. In Lenins Staat und Revolution gibt es ein ganzes Kapitel mit  Erläuterungen von Friedrich Engels zur Pariser Kommune (Kapitel IV), in dem Lenin mehrmals betont, daß für Engels demokratische Republik „….in keiner Weise die Herrschaft des Kapitals und somit die Unterdrückung der Massen und den Klassenkampf beseitigt.“ (4.) Wir müssen auch Lenin in der Frage  der gewaltsamen Revolution und der Diktatur treu bleiben: die Massen für einen neuen Aufschwung  des Sozialismus systematisch zur gewaltsamen Revolution erziehen (5.), Abschaffung der parlamentarischen Republik (6.), Aufbau einer Diktatur, die an keinerlei Gesetz gebunden ist und sich unmittelbar auf Gewalt stützt, d.h.: es muß einen Freiraum für eine außerordentliche Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution geben. Das Proletariat darf seine Macht mit niemandem teilen (7.)…u.s.w.u.s.f.Das alles hat Lenin in den Schriften „Staat und Revolution“ und über den Renegaten Kautsky dargelegt,d.h. liest man die Passagen von Steigerwald, so kann man gar nicht soviel rote Tinte nachfüllen, wie man Anstreichungen machen muß.  Warum ? Weil Steigerwald den einfachen Gedanken verwirft , den Lenin formulierte: Vernichtung der Bourgeoisie (8.), der Kommunismus in Deutschland und weltweit hängt entschieden von der Lösung dieser Frage ab. Jede ernsthafte gesellschaftswissenschaftliche Analyse bestätigt doch diesen Gedanken, die Diktatur der Bourgeoisie verstopft alle lebenswichtigen Poren des Volkes.Wie Kautsky mag es auch Steigerwald auf die englische Geschichte einzugehen, er stellt Vergleiche Stalins mit Oliver Cromwell an, wobei er sich auf die Stalin Biografie des Trotzkisten Isaac Deutscher bezieht. Das mag als intellektuelle Spielerei passieren, was bringt es uns an Erkenntnisfortschritt, wenn man bedenkt, dass die Soldaten Cromwells sich als Gotteskrieger verstanden und angehalten waren, täglich in der Bibel zu lesen. Dr. h.c. Robert Steigerwald ist Ehrenvorsitzender der Marx Engels Stiftung zu Wuppertal.

1. Engels an Bebel, 18./28.3.1872.

2.Lenin:Staat und Revolution, in: Lenin Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971,346

3.Siehe: Die Kommunisten müssen umdenken: Die Perestroika und Wir, Menschheits- und Klassenfragen, Verlag Edition Marxistsiche Blätter, 1989.

4. Lenin: Staat und Revolution, in: Lenin Ausgewählte Werke, Progress Vlg Moskau, 1971, 341

5.a.a.O, 301

6. In Lenins „Staat und Revolution“ gibt es ein ganzes Kapitel: Aufhebung des Parlamentarismus. (a.a.O.,320 – 325)

7.a.a.O., 304

8.a.a.O.,312

Zum Tode des Commandanten Bosque

20. September 2009 von dierostigelaterne

Am Abend des 11. September 2009 verstarb um 23 uhr 30 Ortszeit auf Kuba Juan Almeida Bosque an einem Herz-Kreislaufstillstand, die Regierung ordnete einen Tag Staatstrauer an.

Juan, am 17.2. 1927 in Havanna als zweites von 12 Kindern geboren,  kam aus ärmlichen Verhältnissen und mußte schon mit 11 Jahren harte Arbeit verrichten, er wurde Maurer und Kommunist. An ihm bewahrheitet sich wieder einmal Stalins Aussage: nicht dieser oder jener Gymnasiast, nicht dieser oder jener Student, die Söhne der Not und der Entbehrung, sie vor allem sollen Mitglieder der KP sein. Schon mit jungen Jahren kämpfte er gegen den Militärdiktator Fulgencio Batista, der drauf und dran war, Kuba in eine Spielhölle und Hinterhofbordell für US-Millionäre  zu verwandeln. Am 26. Juli 1953 beteiligte er sich beim Sturm auf die Moncada Kaserne, was ihm zwei Jahre Gefängnis auf der Isla de Pinos einbrachte, von 1955 an war er als erster Afrocubaner wieder aktiv in der revolutionären Bewegung Kubas, erlitt bei Guerillaaktionen zwei Verwundungen und zog zusammen mit Fidel und Che am 1.1. 1959 siegreich in die Hauptstadt Havanna ein. Er gehörte neben Che und Camilo Cienfuegos zu den drei Männern, denen der Ehrentitel „Comandante de la Revolucion“ verliehen wurde.

Bosque bekleidete viele Posten der Revolution, die ich hier gar nicht alle aufzählen möchte, er pflegte einen schlichten Lebensstil und war bescheiden, aber soviel will ich dann doch anführen: er war Luftwaffenchef Kubas, Vizeminister der Revolutionären Streitkräfte und Vizepräsident des Staatsrates, Vorsitzender der Veteranenvereinigung, Mitglied des ZK und des Politbüros der KP Kubas. Fidel Castro schrieb in einer seiner Reflexionen: „Ich hatte das Privileg, ihn zu kennen…“ (Siehe auch: Internet/google: Das deutschsprachige Fidel Castro Archiv)

Der Maurer hinterläßt nicht nur ein Dutzend Bücher sondern auch c.a. 300 von ihm komponierte Lieder, das berühmteste ist wohl „Lupe“, einer Mexikanerin gewidmet, die er im mexikanischen Exil kennenlernte. „Dass meine Erde mich ruft, um zu siegen oder zu sterben, vergiss mich nicht Lupita, erinnere Dich an mich.“

Ein halbes Jahrhundert sind seit dem Sturz Batistas nunmehr vergangen, die kommunistische Weltbewegung hat viele Stürme und Erschütterungen erlebt, viele haben gezweifelt, viele sind eingeknickt, viele übergelaufen. Juan Almeida Bosque hat seinen Schwur gehalten. In der offiziellen Trauerbotschaft hieß es denn auch, Almeida werde „…in den Herzen und Köpfen…“ der Kubaner weiterleben.