„wie die Lebensweise der Menschen,so ist ihre Denkweise.“ (1.)
In der Roten Fahne, dem Organ der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), wurde in der Nr. 47/1991 eine aufschlußreiche Kontroverse geführt: ist zur Erklärung der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion die Produktionsweise ausschlaggebend oder die kleinbürgerliche Denkweise einer entarteten Machteliete ? Die Rote Fahne stellte die These auf, daß die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion ihren Ausgang im Überbau genommen hätte. Es folgte eine über mehrere Jahre in Briefen geführte Kontroverse mit Klaus Arnecke und Anette Roth, die sich immer tiefer in den Irrweg der Lehre von der Denkweise verstrickten. Auf den Vorschlag vom 13. Januar 1993, die Kontroverse zu einer Broschüre zusammenzufasssen und sie der Arbeiterklasse als Richterin vorzulegen wurde nicht reagiert. Inzwischen verbohrte und verbiesterte sich die Führung der MLPD immer mehr in die Lehre von der Denkweise, die Mitläufer zogen mit. Die Herausgabe dieser Broschüre war längst überfällig. Und diesmal wurde reagiert ! Aber auf welche Art und Weise ? Parteiausschluss durch Entzug des Parteibuches scheint das letzte Auskunftsmittel der Partei des weisen Denkers zu sein gegen Mitglieder, die ihre Fähigkeit zum kritischen Denken im marxistischen Sinne noch nicht eingebüßt haben. Die Parteioberen treten auf nicht nur als Ankläger und Richter ohne Urteilsbegründung: Parteiausschluß innerhalb von 24 Stunden. Ohnehin hätte die Anklageschrift im vorliegenden Fall nur in einer inhaltlichen Widerlegung dieser Broschüre liegen können. Die Partei hütete sich davor – eine Widerlegung dieser Broschüre wäre einer Widerlegung des Marxismus – Leninismus gleichgekommen. So wurde lediglich gefordert: „Das Papier muß vom Tisch !“ Es ist das alte Lied: Auch der Papst forderte bereits: Die Lehre Galileo Gallileis müsse vom Tisch. Soviel hat diese kleine Broschüre immerhin bewirkt: Über den Weg des formalen Parteiausschlusses werden Mitglieder aus der Marxistischen Leninistischen Partei ausgeschlossen wegen: Verteidigung des Marxismus-Leninismus.
Seit einigen Jahren tritt in der Theoriegeschichte des Marxismus eine merkwürdige Erscheinung auf: eine Partei läßt die Grundlagen des Marxismus bestehen, es habe aber eine „Verschiebung“ stattgefunden, die nur sie bemerkt habe: die Marxisten-Leninisten hätten bisher nicht die Bedeutung der Denkweise im Klassenkampf erkannt. Die Bedeutung der Denkweise sei in die Theorie und Praxis der Befreiung des Weltproletariats einzuführen, weil sich die soziale Zusammensetzumg der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 verändert habe (2.), ja zu einer ganzen Lehre von der Denkweise, zu einer neuen Theorie ist dies alles ausgearbeitet worden und es versteht sich fast von selbst, daß zum Beispiel der Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Gesellschaftssysteme zurückzuführen sei auf eine kleinbürgerliche Denkweise von Revisionisten. Diese weltgeschichtliche Bedeutung soll also die westdeutsche Studentenschaft nach 1945 gehabt haben.
In der Tat ist aber die Lehre von der Denkweise keine Weiternetwicklung der marxistischen Theorie, sondern eine ziemlich lokal-bornierte Angelegenheit, die sich wohl nur im theorielastigen, zurückgebliebenen Deutschland bilden konnte, dem träumerischen und duseligen deutschen Volk sagte schon immer mehr die Flucht in das Denken zu, statt die harte Wirklichkeit konkret zu analyysieren (3.) Eine rühmliche Ausnahme bildeten Marx und Engels, die in der „Deutschen Ideologie“ diesen Sachverhalt genau beschrieben. Ändere ich meine Denkweise, so ändert das an der Wirklichkeit nichts, ich sehe diese nur anders. Die ganze Geschichte der Philosophie ist ein fortlaufender Beweis, daß die Denker die Wirklichkeit stets anders dachten, einschließlich der Linkshegelianer, an deren Kritik Marx und Engels den historischen Materialismus entwickelten. „Diese Forderung, das Bewußtsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. es vermittelst einer anderen Interpretation anzuerkennen. (4.) Die MLPD ist die konservativste Partei in Deutschland. (5.)
Die entscheidende Aussage betreffs der Bedeutung der Denkweise im historischen Materialismus stammt von Karl Marx im 18. Brumaire. „Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum …kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden.“ (6.) Schon auf den ersten Blick wird klar, daß für Marx die materialistisch abgeleitete Denkweise von Individuen und Klassen lediglich Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung ist, er wehr sich ja gerade ganz entschiden dagegen, Denkweisen als eigentlichen Bestimmungsgrund und Ausgangspunkt des politisch-historischen Handelns zu nehmen, als habe er das Aufkommen pseudaowissenschaftlicher Denkweisetheoretiker erahnt. Die Denkweise wird von Marx im Reich der Einbildung verortet, eine Theorie, die die Denkweise zur „….entscheidenden Triebkraft des gesellschaftlichen Fortschritts“ hochstilisiert (7.), steht von vornherein dem Marx´schen Wissenschaftsbegriff diametral entgegen. Um wissenschaftlichen Marxismus und Einbildung dennoch irgendwie zusammenzubringen wird von Annette Roth (MLPD) gegen Marx ein Zitat von Engels (8.) bemüht (9.). „Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des menschlichen Lebens. Mehr haben weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das darin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenem Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus…üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente…“ (10.) Was leitet Frau Roth daraus ab ? „Diese Wechselwirkung gilt auch im Sozialismus. Es hängt entscheidend von der vorherrschenden Denkweise ab, ob die Entwicklung im Sozialismus vorwärts schreitet zur klassenlosen Gesellschaft im Kommunismus oder ob sie zurückfällt zur Restauration des Kapitalismus.“ (11.) Es steht natürlich jedem frei, sich mit dem Marxismus zu befassen, nur zu den Schlußfolgerungen aus dieser Beschäftigung, zu den Früchten sozusagen, möchten wir doch noch ein Wörtchen mitreden. Engels legt die Wechselwirkung zwischen Basis und Überbau in der Tat so dar, daß man sie wissenschaftlich-materialistisch und argumentativ verwenden kann, Basis und Überbau sind nicht gleichwertige Elemente (12.), schon gar nicht hat der Überbau das Übergewicht, so daß es entscheidend von der Denkweise abhinge, welchen Inhalt, welche Richtung eine gesellschaftliche Bewegung nimmt, sondern letztinstanzlich setzt sich durch die Wechselwirkung als Notwendiges die ökonomische Bewegung durch (13.). Engels äußert sich ganz deutlich, nach materialistischer Anschauung der Geschichte sind „….die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen…“ (14.), sondern immer in der Ökonomie. Es gehört zu den Grundaussagen des Marxismus, daß der Überbau eindeutig von der Basis her bestimmt wird, der Kommunismus ist ja gerade eine Gesellschaft ganz ohne Überbau, die „Basis“ reduziert auf die gesellschaftlich notwendige Arbeit. Wäre nun die Denkweise im Überbau ausschlaggebend, so wäre die kommunistische Revolution ganz zwecklos, weil sich der Überbau ja wechselseitig mit der Basis entwickelte, es gibt immer Basis, aber – und etwas anderes hat die Konterrevolution nie behauptet – es gibt auch immer (!) Überbau (15.) Zur Täuschung der Arbeiter wird natürlich der Überbau, dessen Träger die unproduktive Klasse darstellt, als ausschlaggebend, als für die Existenz der ganzen Gesellschaft lebensnotwendig suggeriert, aber schon die Oktoberrevolution hat gezeigt, daß es ein Vorurteil ist, zu behaupten, die Ausgebeuteten können nicht ohne Ausbeuter leben. Wie sehr der Überbau etwas von der Basis Abgeleitetes ist wird deutlich im Kommunistischen Manifest, wo es heißt, daß sich das Proletariat nicht aufrichten kann, „…ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird. (16.)
Also eins von beiden: entweder: Die ökonomischen Bedingungen sind schließlich die entscheidenden (Engels) , oder: die Entwicklung zum Kommunismus hängt entscheidend von der Denkweise ab (Annette Roth) – und so zeigt sich die Lehre von der Denkweise genau auf der Schnittstelle zwischen Revolution und Konterrevolution liegend. Nach Engels bestimmen die verschiedenen Momente des Überbaus die Form der geschichtlichen Kämpfe, also im Mittelalter alles zum Beispiel im religiösen Gewand – Thomas Müntzer wollte einen Bauernsozialismus, mit dem Schwert in der einen, mit der Bibel in der anderen Hand, im Vormärz war die intellektuelle Atmossphäre in Deutschland so stark philosophisch geprägt, daß sich die 48er Revolution in philosophischen Formen ankündigte -, aber wenn die Entwicklung vom Sozialismus zum Kommunismus nun ebenfalls entscheidend von der Denkweise abhängig gemacht wird, handelt es sich bei der Konstellation Sozialismus – Kommunismus um eine Frage der Form oder des Inhalts ? Oder bei der Rückverwandlung des sowjetischen Sozialismus in einen Kapitalismus ?
Der Grundtenor der MLPD-Darstellung lautet: im Gegnsatz zur chinesischen Kulturrevolution habe unter Stalin die Kontrolle der Administration mit ihrer Tendenz zur kleinbürgerlichen Denkweise nicht durch die Mobilisierung der Massen, sondern zunehmend durch die politische Geheimpolizei stattgefunden. Dadurch sei die kleinbürgerliche Denkweise gegenüber der proletrischen dominant geworden und hier liege der Schlüssel für die Restauration. Aber ist denn nicht klar, daß, selbst wenn die Lehre von der DEnkweise ein Körnchen wissenschaftlicher Wahrheit enthalten würde, es für den historischen Materialisten völlig unmöglich ist, die Ursache für einen ökonomischen Formationswechsel im Überbau zu suchen, und daß es zweitens für den dialektischen Materialisten darauf ankommt, in einem Transformationsprozess die dialektischen Grundgesetze herauszukristallisieren, also: Einheit und Kampf der Gegensätze, hier zwischen Marxisten und Revisionisten, die beide unter dem Banner der proletarischen Revolution kämpfen, wobei aber letztere im Kapitalismus gegen die proletarische Revolution, im Sozialismus für den Kapitalismus kämpfen, zweitens Umschlag von Quantität in Qualität, hier: wie und wann war der Restaurationsprozess quantitativ so stark, daß ein Umschlag gegen den Sozialismus erfolgen konnte und schließlich das dritte Grundgesetz der Dialektik, Negation der Negation, hier: die Oktoberrevolution 1917 liquidierte den Kapitalismus (über den Umweg der NEP), die Konterrevolution liquidierte den Leninschen Sozialismus, war der aus dieser zweiten Negation entstandene Kapitalismus der klassische oder welche spezifischen Eigentümlichkeiten trug er gegenüber dem westlichen etc. ? Zudem muß man beachten, daß alle drei dialektischen Grundgesetze sich prozessual wechselseitig durchdringen, was natürlich die Darstellung ungemein schwieriger macht. Willi Dickhut hat ein dickes Buch über die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion geschrieben, aber die drei dialektischen Grundgesetze findet man darin nicht. Es stellt sich also die Frage: sieht er sie Welt als ein Komplex von Prozessen oder als ein Komplex feriger Dinge ? Die Lehre von der Denkweise ist gerade so ein fertiges Ding, ein Deus ex machina, es tauchen zwangsläufig die Fragen auf: war zuerst die Bürokratie oder war zuerst die kleinbürgerliche Denkweise da ? Waren zuerst die Revisionisten oder waren zuerst die Tendenzen zum Kapitalismus da ? Fragen dieser Art ergeben sich zwangsläufig in der metaphysischen Denkweise, die aus der Arbeitsteilung von Hand- und Kopfarbeit resultiert. Die marxistisch geschulten Arbeiter/innen wissen nur zu genau, daß der Denkweiseschwindel nur in einer Partei verfangen konnte, in der die Kopfarbeiter dominieren. Alle Ideolgie läuft auf Versklavungsideolgie hinaus. Und es hilft nichts, sich bei klassenbewußten Arbeitern dadurch anzubiedern, daß man sich völlig mit der Arbeiterklasse verschmelzen möchte, denn erstens ist dies wiederum unmarxistisch – wovon weiter unten – und zweitens erkennen dieklassenbewußten Arbeiter auch die noch so geschickt getarnten Unterdrückungsinstrumente gegen sie selbst. Es liegt in der Konsequenz der Denkweiseapostel, daß sie von den drei Kampfformen des Proletariats: ökonomisch, politisch, ideologisch, den ideologischen Kampf als führenden Faktor bezeichnen (17.). Zwar darf der ideologische Kampf nicht vernachlässigt werden, aber von einer führenden Rolle weiß der Marxismus nichts. (18.) Das sind eben diese modernen Zusätze, die die Weiterentwicklung des Marxismus ausmachen sollen.
Eine weitere Weiterentwicklung soll sein, dass es vor allem darauf ankomme, sich mit dem Proletariat zu verschmelzen. „Die Führer der kleinbürgerlichen ML-Bewegung waren unfähig, sich tatsächlich tief mit dem Proletariat zu verbinden, von ihm zu lernen, sich mit ihm zu verschmelzen und eine proletarische Denkweise anzunehmen.“ (19.) Hier liegt nun wiederum eine Preisgabe des Marxismus vor. Das Proletariat wird als Fetischpopanz mißbraucht, ungeachtet der Tatsache, daß zum Beispiel während der Pariser Kommune ein Teil der Arbeiter mit den Versaillern ging- als ob das Heilmittel in der Arbeiterklasse zu suchen sei, als ob die Arbeiterklasse von sich aus eine proletraische Denkweise (d.i. richtiger formuliert: die dialektisch-materialistische Weltanschauung) entwickeln kann. In wissenschaftlicher Hinsicht bleibt sie ganz auf dem Niveau der Kleinbourgeoisie, deren hervorstechender Theoretiker Proudhon von Marx wie folgt charakterisiert wird. Er begreift nicht „…die gegenwärtigen sozialen Zustände in ihrer Verkettung (engrenement)…“ (20.) Wie Proudhon begreifen auch die Arbeiter selbst ihre eigenen sozialen Zustände nicht in ihrer Verkettung. In wissenschaftlicher Hinsicht ist der Marxismus kein Ergebnis der Arbeiterbewegung, so daß ein Verschmelzenmit dem Proletariat einer Preisgabe der Wissenschaft gleichkäme. Von den drei Bestandteilen des Marxismus sind sogar zwei bürgerlicher Provenienz: die klassische deutsche Philosophie und die englische politische Ökonomie. Und es wäre gerade Ausdruck einer „kleinbürgerlichen Denkweise“, künstliche Schranken zwischen sogenannter bürgerlicher und sogenannter proletarischer Denkweise zu errichten. „Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz…Das sozialistsiche Bewußtsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandens.“ (21.) Lenin bezeichnete diese Worte Kautskys als sehr treffend und wertvoll, denn Lenin setzte alles daran, die Arbeiterklasse mit der Wissenschaft zu verbinden, nicht aber die Wissenschaft in der Arbeiterklasse vor die Hunde gehen zu lassen, sich mit der Arbeiterklasse zu verschmelzen und eine proletarische Denkweise anzunehmen. Die Avantgarde darf sich eben nur bis zu einem gewissen Grade mit der Arbeiterklasse verschmelzen. (22.) Als ob die Arbeiterklasse von der Durchdringung der Gesellschaft durch den Warenfetischismus ausgenommen wäre. Warum ist es Marx gekungen, in einer völlig vom Warenfetischismus durchdrungenen Gesellschaft eine wissenschaftliche Durchdringung deises Phänomens darzustellen ? Warum fällt der Marxismus nicht selbst unter die Fetisch- „Wissenschaften ? Es ist ihm dies nur gelungen durch die Ejtwicklung der materialistischen Dialektik, nicht zufällig läßt Marx im „Kapital“, das das Geheimnis des Fetischcharakters der Ware lüftet, seine dialektische Methode von dem russischen Ökonomen Illarion Ignatjewitsch Kaufmann (1848 – 1916) erläutern, und in dieser Erläuterung führt Kaufmann aus, daß Marx die gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozess betrachtet „…den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewußtsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewußtsein und Absichten bestimmen…Wenn das bewußte Element in der Kulturgeschichte eine so untergeordnete Rolle spielt, dann versteht es sich von selbst, daß die Kritik, deren Kritik die Kultur selbst ist, weniger als irgend etwas anderes, irgendeine Form oder irgendein Resultat des Bewußtseins zur Grundlage haben kann, das heißt, nicht die Idee, sondern nur die äußere Erscheinung kann ihr als Ausgangspunkt dienen.“ (23.) Marx widerspricht dieser Darlegung keineswegs, sondern fällt das Urteil, daß Kaufmann eine treffende Charkterisierung seiner materialistischen Dialektik gelungen sei. Nun ist klar, daß die Denkweise der Arbeiter keine herausragende Rolle in der Geschichte spielen kann, denn die Menschen machen Geschichte aus dem Bestreben heraus, ihre Bedürfnisse zu befriedigen (24.) Die Lehre von der Denkweise ist keine Weiterentwicklung der Lehre von Marx, sondern führt die Arbeiterklasse in eine Sackgasse. Sie ist lediglich ein Schnuller, aus dem unsere Denkweise-oberlehrer beständig ihr abartig-apartes Avantgardebewußtsein saugen. Für die Geschichte ist es indeß ganz unerheblich, ob ein MLPD-Mitglied tief in sein Innerstes eindringt und nach den Linien seiner kleinbürgerlichen oder proletarischen Denkweise forscht und sich abends fragt:habe ich heute gegen die proletarische Denkweise gesündigt- die Geschichte hat sie freigesprochen: sie dürfen sündigen, soviel sie wollen. Denn: „Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum, dem sie durch Tradition und Erziehung zufließen, kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden. (25.) Abgesehen davon, daß diese Darstellung von Marx eine Art Quintessenz des Zusammenhangs der Grundkategorien Eigentum und Ideologie enthält, wird auch noch die Denkweise ganz in die Sphäre des negativ Illusionären gerückt, Klassen und Individuen unterliegen einer Täuschung, wenn sie meinen, ihre Denkweise bestimme ihr Handeln, unterliegen einer Täuschung, wenn sie meinen, entscheidend für richtig politisch-geschichtliches Handeln sei ihre Denkweise. Die Lehre von der Denkweise vertreten, heißt gerade Illusionen in der Arbeiterklasse zu verbreiten, heißt gerade die ganze marxistische Aufklärungsarbeit auszulöschen.
Es führt kein Weg, keine Verschiebung in der sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 an der Aussage im Kommunistischen Manifest von 1848 vorbei: “ Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände. In allen diesen Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor.! (26.) Der Kern der marxistischen Weltveränderung ist die revolutionäre Liquidierung des bürgerlichen Eigentums. Die gegenmarxistische Lehr von der Denkweise resultiert aus der Veränderung der sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945, immer mehr Jkeinbürger fanden den Weg in die Universitäten. Es konnte nicht ausbleiben: die Lehre von der Denkweise ist gerade Ausdruck dieser Verschiebung.
1. Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, Volks Verlag Singen, 1949,32
2.Im Revolutionären Weg, dem theoretischen Organ der MLPD, wird im Ergänzungsband 1/94 – Konspekt zur Frage der Denkweise im Revolutionären Weg 1 bis 15 – in der Einleitung angeführt. „Die Grundlage des Marxismus-Leninismus bleibt, heite ist aber eine Verschiebung eingetreten. Der entscheidende Faktor im Parteiaufbau ist die Denkweise.“ (Gesprächsnotiz von Willi Dickhut vom 6.5.92). Auf Seite 81 wird dann näher auf diese Verschiebung eingegangen: „Die Studenten der früheren Jahrzehnte kamen im wesentlichen aus Kreisen der Großbürger, Großagrarier und höheren Beamten. Nach dem II. Weltkrieg verschob sich das Schwergewicht der sozialen Herkunft mehr und mehr auf mittel- und kleinbürgerliche Schichten.“ Wie diese Verschiebung mit der Denkweise zusammenhängt wird in dem Band nicht erläutert.
3. Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie, MEW 3,13
4.a.a.O.,20
5. Vgl. a.a.O.
6. Karl Marx, Der XVIII: Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, 139
7.Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5. 1995 Es ist schnell hingeschrieben: Die Denkweise entscheidet den Charakter der Gesellschaft, aber statt MLPD-Broschüren wiederzukäuen sollte Frau Roth sich lieber einmal folgende Passage aus dem „Elend der Philosophie“ durch ihren Denkweisekopf gehen lassen: „Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften…Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“ (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, MEW 4,130). In einer anderen Passage führt Marx aus, daß die Theoretiker des Proletariats. je mehr es sich entwickelt, es nicht mehr nötig haben „…die Wissenschaft in ihrem Kopf zu suchen…“ (MEW 4,143). Das wurde 1847 geschrieben. Seitdem hat sich das Proletariat mehr und mehr entwickelt, nur die MLPD fängt wieder mit „Kopfarbeit“ an. Sie ist die konservativste Partei in Deutschland.
8. In der Tat wird vom späten Engels eine Korrektur am Marxismus der „Deutschen Ideologie“ vorgenommen, aber es ist aufschlußreich, diese Korrektur genau zu studieren, sie zu durchdenken, denn keineswegs wird in die grundsätzliche Dialektik zwischen Basis und Überbau so gravierend eingegriffen, daß es entscheidend von der Denkweise abhinge, in welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickelt: „…wir alle haben zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc. zustande kommen. Das hat dann den Gegnern willkommnen Anlaß zu Mißverständnissen resp. Entstellungen gegeben…Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom sogenannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewußtsein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt, sonst wäre es eben kein ideologischer Prozeß. Er imaginiert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozeß ist, leitet er seinen Inhalt wie seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinem eigenem oder den seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbeshen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und zwar ist ihm dies selbstverständlich, da ihm alles handeln, weil durchs denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint.“ (Engels an Franz Mehring vom 14. Juli 1893, in: Briefe über den historischen Materialismus 1890 – 1895, Dietz Verlag 1979,63f). Die Lehre von der Denkweise ist ein Musterbeispiel kleinbürgerlicher Verstrickung in Ideologie, in seiner ideologischen Verblendung hält der deutsche Kleinbürger die Denkweise für entscheidend ohne das Denken auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung zu untersuchen. Da also aus dem Marxismus für eine Lehre von der Denkweise nichts zu holen ist, muß der umgekehrte Weg beschritten werde: sie muß ihm untergejubelt bzw. in ihn hineinprojiziert werden. Der ganze „Revolutionäre Weg- Ergänzungsband 1/94″ stellt diesen krampfhaften und peinlichen Versuch dar.
9.Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995
10.Engels an Joseph Bloch 21.9.1890, in: Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 – 1895), Dietz Verlag Berlin,1979,28
11. Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995
12.Vgl. Engels an Conrad Schmidt 27.10.1890: in diesem Brief spricht Engels zum Verhältnis von Basis und Überbau von einer „….Wechselwirkung zweier ungleicher Kräfte…“, in: Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 – 1895), Dietz Verlag Berlin, 1979,35
13. Vgl. Engels an Joseph Bloch 21.9.1890,29
14.Friedrich Engels: Anti-Dühring, MEW 20,24
15. Es ist vielleicht mehr als nur eine Entgleisung, wenn die MLPD beschwörend formuliert: “ Proletraische Denkweise…als nie endender, fortlaufender Prozeß…“ (Revolutionärer Weg Ergänzungsband 1/94 Konspekt zur Frage der Denkweise im Revolutionären Weg 1 – 15, 1994, 208) Die elementare Quintessenz des Marxismus ist gerade der geschichtswissenschaftliche Nachweis, daß das Proletariat nicht ewig existiert hat und nicht ewig existieren wird. Proklamiert man die proletarische Denkweise als ewigen Prozess, so zeigt sich darin gerade eine erzmetaphysische „Kleinbürgerliche Denkweise“, eine Spur des historischen Materialismus findet man auch mit der Lupe nicht.
16.Narx, Engels: Manifest der Kommunistischen Parte, MEW 4,473
17. Programm der Marxistisch-Leninistischen Partei, Entwurf, Januar 1999, Verlag Neuer Weg, Essen, 31
18.Vgl. Friedrich Engels: Der Bauernkrieg in Deutschland, Vorbemerkung zur dritten Auflage 1875, MEW 7,541
19.Stefan Engel: Die Maotsetungideen und die Lehre von der Denkweise, Beiträge zur Theorie und Praxis der internationalen Revolution Nr. 4, Verlag Neuer Weg, 1993,28
20. Marx an Annenkow, MEW 4,547
21.Kautsky,in: Die Neue Zeit 1901 – 1902, siehe LW 5,395
22. Vgl. Lenin, Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971,567. Aber natürlich ist der Lernprozess zwischen Avantgarde und Masse nicht einseitig. Für Lenin denken die berufsrevolutionäre keineswegs für alle, nimmt die Menge keineswegs keinen Anteil an der Bewegung. Vgl. Lenin: Was tun ? LW 5,482. Und nach einer sozialistischen Revolution, die den bürgerlichen Ideologen die Mittel wegnimmt. ihr konterrevolutionäres Gift unter die Werktätigen zu mischen, kann dieser wechselseitiger Lernprozess wesentlich besser gedeihen.
23. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,26
24. „Das Scheitern der Utopisten, darunter der Volkstümler, Anarchisten, Sozialrevolutionäre, erklärt sich unter anderem dadurch, daß sie die primäre Rolle der Bedingungen des materiellen Lebens der Gesellschaft nicht anerkannten und – in Idealismus verfallend – ihre praktische Tätigkeit nicht auf der Grundlage der Bedürfnisse der Entwicklung des materiellen Lebens der Gesellschaft aufbauten…“ (Josef Stalin: Über dialektischen und historischen Materialismus, Volks- Verlag Singen (Hohentwiel), 1946,23. Ein interessanter Hinweis zum Scheitern der MLPD. Kleinbürgerliche Ideologen sind unfähig, die primäre Rolle der Bedingungen des materiellen Lebens anzuerkennen, kleinbürgerliche Politiker sind unfähig, ihre praktische Tätigkeit auf der Grundlage der Bedürfnisse des materiellen Lebens aufzubauen. „…Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten der Entwicklung des Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor.“ (Engels an Marx, 13.2.1851). In dieser Aussage von Engels über den allgemeinen Charakter einer Revolution sucht man vergeblich die Bemerkung, daß es entscheidend von der Denkweise abhänge, welche Entwicklung eine Gesellschaft nimmt. Aber natürlich ist es schwierig für Leute, die sich ganz auf die Denkweise versteift haben, zu begreifen, was Engels mit der materiellen Gewalt der Notwendigkeit gemeint haben könnte. Ja mehr noch. Es wird von einer Selbstlosigkeit des Proletariats gepredigt. In den Gewerkschaften zum Beispiel „müssen die Marxisten-Leninisten das lebendige Beispiel selbstloser Gewerkschaftsarbeit auf der Grundlage der proletarischen Denkweise entgegenstellen.“ (Revolutionärer Weg Nr 26/95,242). Abgeshen von der verfehlten Vermengung einer moralischen mit einer theoretischen Frage, sind es nach Engels „….gerade die schlechten Leidenschaften der Menschen…Habgier und Herrschsucht, die zu Hebeln der geschichtlichen Entwicklung werden…“ (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,287) Man bleibe und also mit dieser ganzen matten, saft- und kraftlosen Predigerweisheit vom Halse. Was anderes muß das Proletariat gegenüber der Bourgeoisie, die nach einer Revolution ihren Widerstand verzehnfachen wird, an den Tag legen als Habgier (nach Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln) und Herrschsucht (Knechtung der feindlichen Klassen).
25. Karl Marx, Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8,139
26,Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Parte, MEW 4,493