Nach der Pariser Commune war die Bildung der Sowjetunion der zweite weltgeschichtliche Versuch, die gesamte Gesellschaft von den Diktaten der Warenproduktion zu befreien. In den Verfassungen der bürgerlichen Republiken mögen die süßesten Worte stehen, die Gesellschaftswissenschaft erblickt den totalitären Charakter dieser „Demokratien“ in der Tatsache, daß es sich bei ihnen um warenproduzierende Wirtschaftsorganismen handelt und daß die kapitalistische Organisation der gesellschaftlichen Arbeit die Fesseln der Fetischsklaverei anlegt. Den auffälligsten Ausdruck dieser Fetischsklaverei stellt die Religion dar- der religiöse Mensch ist der völlig aus seiner eigenen Achse gesprungene Mensch, der sich ganz verloren hat. Indem die Völker der Sowjetunion als sozialistische Perspektive die Genialität Stalins ausmachten, wurde das Ideal des Philosophen Feuerbach historische Realität, daß für den Menschen der Mensch das höchste aller Wesen sei.
Diesem Ideal stand neben Randproblemen eine Hauptschwierigkeit im Weg. Bereits unter dem Kapitalismus hatte nach der revolutionären Theorie die Kombination der Produktionsmittel und die Konzentration der Produzenten eine Stufe erreicht, auf der die Produktionsmittel nur noch gemeinsam, gesamtgesellschaftlich in Bewegung gesetzt und in Bewegung gehalten werden können. Mit diesen Voraussetzungen sah es freilich für den sowjet-russischen Sozialismus spärlich aus. Keime einer sozialistischen Kollektivität waren im Gegensatz zum kleinen, aber konzentrierten industriellen Sektor auf dem bestimmenden landwirtschaftlichen so gut wie nicht vorhanden- ein konterrevolutionärer Sturm individuell-anarchistischer Habgier konnte jederzeit in einem Land losbrechen, das auf Grund seiner Klassenzusammensetzung – die überwältigende Mehrheit wurde aus Kleinbauern gebildet – einen zutiefst kleinbürgerlichen Grundzug aufwies. So mußte Lenin zum Beispiel in einer sozialistischen Kollektivrevolution das Agrarprogramm der kleinbürgerlich-individualistischen Sozialrevolutionäre (jedem Bauern seine Privatscholle) übernehmen, da es unmittelbar nach der Oktoberrevolution keine groß-kollektivistischen Landwirtschaftsbetriebe gab.
In diesem weiten Ozean der Egoismen galt es zunächst, die Insel der revolutionären Partei zu sichern, die Lenin einer strengen Disziplin unterwarf bei gleichzeitigem Laissez-faire begrenzter kapitalistischer Verkehrsformen auf dem Wirtschaftssektor. Entscheidend war, daß die Kernfrage einer sozialistischen Revolution: Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln- im Ansatz richtig gelöst wurde und daß es Stalin auf dieser Grundlage gelang, in regelrechten Kollektivierungswellen revolutionäre Disziplin in immer größeren Kreisen auf die gesamte Gesellschaft auszudehnen. Trotz des Vorhandenseins einer allerdings auf die Gegenstände des persönlichen Bedarfs beschränkten Warenproduktion waren an die Stelle der Diktate der Fetische andere getreten: die strenge Zucht des Studiums des wissenschaftlichen Materialismus, die Lektionen der Bürgerkriege, der beharrliche Aufbau eines Kollektivs gegen die innere und äußere Konterrevolution, der es nicht gelang, über die Isolierung der Sowjetunion die Geschlossenheit ihrer Bewohner aufzubrechen. Als höchster Ausdruck dieser kollektivistischen Disziplin gilt der Weltrekord in der Kohlegewinnung durch den Hauer Stachanow- eine weltgeschichtliche Tat, in der die immanente Entwicklung der Sowjetunion ihren Höhepunkt erreichte. In der sich anschließenden Stachanowbewegung wurde nicht nur deutlich, daß der Sozialismus von der Arbeiterklasse selbst aufgebaut wurde, sondern daß diese eine Arbeitsproduktivität entwickelt hatte, die der im Kapitalismus erreichten weit überlegen war. Lenin sah denn auch das Wesen der Diktatur des Proletariats nicht so sehr in der Gewalt, sondern in einer höheren Arbeitsproduktivität.
Der Sozialismus wurde also nicht durch die kluge Politik dieses oder jenes „Lieblings der Partei“ aufgebaut- konnte er umgekehrt durch die kluge revisionistische Politik dieses oder jenes Politikers beseitigt werden ? Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion kann nicht aus der Sphäre der Politik, auch nicht aus dem Hin- und Herwälzen von Basis- und Überbauursachen dargelegt werden. Beide Erklärungsversuche verharren noch unter dem Immanenzschatten der Fetischverblendung, die zu durchbrechen nur vorgegeben wird. Der wissenschaftlichen Erklärungsweise gelingt der Durchbruch von der Erscheinung zum Wesen gesellschaftlicher Prozesse nur mit Hilfe der materialistischen Dialektik, in der als genuine Prozesswissenschaft der innere Zusammenhang der Prozesse in gesetzmäßiger Abhängigkeit widergespiegelt wird. Durch dieses Kriterium allein sind die Marxisten in der Lage, geschichtliche Prozesse mit Bewußtsein, d.h.u.a. die gesellschaftlichen Folgen ihres geschichtlichen Handelns zu erfassen.
Als die Revisionisten um Crutschow z. Bsp. 1958 die Auflösung der Maschinen-Traktor-Stationen beschlossen, wußten sie natürlich nicht und machten sich keine Gedanken darüber, zu welchen gesellschaftlichen Folgen diese „Neuerung“ führen werde, sie waren sich dessen nicht bewußt und verstanden nicht, daß diese „Neuerung“ zu einer Umgruppierung des gesellschaftlichen Kräfte führen werde, die mit einem Sieg der Konterrevolution enden mußte.
Durch die Auflösung der Maschinen-Traktor-Stationen wurden ungeheure Mengen von Produktionsinstrumenten der Landwirtschaft in die Bahn der Warenzirkulation geworfen und diese Erweiterung des Wirkungsbereichs der Warenzirkulation ging bis zu dem Punkt, an dem ein Umschlag von Quantität in Qualität erfolgte- für das Proletariat in negativer, für die Bourgeoisie in positiver Hinsicht, insofern durch diese ökonomische Verschiebung das Wertgesetz auch wieder Regulator der Produktion wurde. Durch Überhandnehmen der Warenzirkulation aus der Kurve zum Kommunismus geschleudert, nahm die Lokomotive einen Weg in Richtung Konsumismus, an dessen Ende sich die Staatsstreichgewinnler an ihren Gulaschhäppchen übergeben mußten. Die gesellschaftlichen Prozesse gerieten völlig unter den Strudel der Warenzirkulation und rissen auch bald Crutschow von der politischen Bühne. Sein Sturz ist selbst nur Beweis, daß beim Handeln der Individuen unter den Bedingungen der Warenproduktion noch etwas anderes herauskommt als sie unmittelbar wissen und wollen. Keineswegs darf man einen die Dialektik nur dilettantisch handhabenden Generalsekretär die Macht zuschreiben, aus revisionistischer Intention heraus durch Staatsstreich per Geheimrede sozusagen einen sozialistischen Wirtschaftsorganismus in einen kapitalistischen zu verwandeln, man würde ihm eine persönliche Gewalt der Initiative zuschreiben, wie sie beispiellos in der Weltgeschichte dastehen würde.
Die Anhänger des weisen Denkens (1.) begehen einen ähnlichen Fehler wie Victor Hugo bei seiner Analyse des Staatsstreichs Napoleon III. in seinem Buch: „Napoleon le Petit“. Das Ereignis des Staatsstreichs selbst „…erscheint bei ihm wie ein Blitz aus heiterer Luft. Er sieht darin nur die Gewalttat eines einzelnen Individuums. Er merkt nicht, daß er dieses Individuum groß statt klein macht, indem er ihm eine persönliche Macht der Initiative zuschreibt, wie sie beispiellos in der Weltgeschichte dastehen würde.“ 2. Im 18. Brumaire leitet Marx dann auch den Machtantritt des kleinen Napoleon aus einer ökonomischen Krise ab, keineswegs sieht er in ihr primär den „Abschluß einer ganzen Reihe konterrevolutionärer Taten der herrschenden Bourgeoisie in den Jahren der Republik.“ 3. Marx hat ja gerade nachgewiesen, „wie der Klassenkampf in Frankreich Umstände und Verhältnisse schuf, welche einer mittelmäßigen und grotesken Personage das Spiel der Heldenrolle ermöglichen“ 4. konnte.
Und was für Napoleon III. und den Staatsstreichler Crutschow gilt, trifft auch auf Gorbatschow zu: er vollendete den Zyklus der Konterrevolution auf perestroikale Weise und geriet sehr schnell selbst unter die Räder seiner eigenen Perestroika.
1, Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) sieht die Ursache für die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion in der kleinbürgerlichen Denkweise der Verantwortungsträger in Partei, Staat und Wirtschaft, eine offensichtlich kleinbürgerliche Analyse. Die Ursachenforschung über den Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Gesellschaftssysteme ist bis heute im marxistisch-selbstkritischen Kontext über das essayistische Stadium nicht hinausgekommen. In den Deutungsversuchen traten neben fruchtbaren Ansätzen Verirrungen und Abarten auf, gerade angesichts der Komplexität. ja der Schwierigkeit der Problematik, der Ungeklärtheit der Frage erschien es als leicht, diffuse Erklärungsmodelle anzubieten, die unter dem Banner der Weiterentwicklung des Marxismus bis hin zur substantiellen Entstellung der marxistischen Theorie selbst gingen.Zwei Umstände spielten diesen demagogischen Machenschaften zu: daß heute trotz alledem nur eine marxistisch-dialektische Analyse des Zusammenbruchs den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben kann und daß die dialektische Methode bei unsachgemäßen Gebrauch sehr rasch die Untersuchung unmerklich ins Irrationale abgleiten läßt. Äußerst kritisch muß man deshalb gegenüber einer Lehre sein, die den Zusammenbruch der Sowjetunion zurückführt auf eine Niederlage der proletarischen Denkweise gegenüber der kleinbürgerlichen, zumal a) diese Denkweiselehre ihren Ursprung haben soll in der veränderten sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 !!! (siehe: Revolutionärer Weg, Theoretisches Organ der MLPD, Ergänzungsband 1/94 Konspekt zur Frage der denkweise, Einleitung und S. 81), b) theoriegeschichtlich die Denkweiselehre einen Rückfall in linkshegelianische Positionen vor der 48er Revolution darstellt. Die MLPD ist die konservativste Partei Deutschlands.
2. Karl Marx, Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, Dietz Vlg. Bln. 1960,559
3.a.a.O., (Vorwort), XII
4.a.a.O.,560
VON HEINZ AHLREIP
Schlagworte: CCCP, Konterrevolution