Die Revolution der gebenden Hand Peter Sloterdijk “belehrt” Marx eines Richtigeren

“Linke Ideologie definiert Eigentum als Diebstahl”. Unter dieser Parole erschien am 10. Juni 2009 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dem Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, ein Aufsatz von Peter Sloterdijk, in dem sich der Autor in der FAZ-Serie “Die Zukunft des Kapitalismus” schwerpunktmäßig mit Karl Marx auseinandersetzt.  Es ist durchaus aufschlußreich, wie Peter Sloterdijk die Börsianer bedient, ihnen den Marxismus vermittelt.

Er reiht Marx ein in die Reihe der großen ökonomischen Klassiker und sieht seinen Entwicklungsweg ausgehend von Rousseau über Proudhon kommend, Rousseau, der den Sündenfall der Weltgeschichte entdeckte (“Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Das gehört mir…ist der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft” in: Diskurs über die Ungleichheit unter den Menschen 1755), Proudhon, der bekanntlich die These aufstellte: Eigentum ist Diebstahl. Folglich sei unser heutiges kapitalistisches Wirtschaftssystem eine Kleptokratie, so zu interpretieren  aus Marxens Kritik der politischen Ökonomie, die eine “allgemeine Theorie des Diebstahls” sei. “Wo Diebe an der Macht sind…kann eine realistische Wirtschaftswissenschaft nur als Lehre von der Kleptokratie der Wohlhabenden entwickelt werden.” (1.) Für Marx sei die Bourgeoisie ein “kleptokratisches Kollektiv”.

So eingängig und für den politischen Tageskampf verwertbar dieses Bild ist, es ist bei näherer Betrachtung eine falsche Darstellung des Marxismus. Die Quelle der Kapitalaccumulation ist die unbezahlte Mehrarbeit, ein unbezahltes Mehrprodukt, aber spricht der Marxismus in diesem Zusammenhang von Diebstahl ? “Der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozeß sind zwei verschiedene Größen. Der Geldbesitzer hat den Tageswert der Arbeitskraft bezahlt, ihm gehört daher auch ihr Gebrauch während des Tages, die tagelange Arbeit. Daß der Wert, den ihr Gebrauch während eines Tages schafft, doppelt so groß ist wie ihr eigner Tageswert, ist ein besondres Glück für den Käufer, aber nach den Gesetzen des Warenaustausches durchaus kein Unrecht gegen den Verkäufer.” (2.) Der Ausbeutungsprozess im Lohnarbeitssystem ist nicht einfach auf Diebstahl zu reduzieren, wir bewegen uns auf dem Gebiet der Ökonomie, nicht auf dem des Strafrechts.Es wird damit ja ausgesagt, daß die Völker seit dem Aufkommen des Kapitalismus nicht mit ihren Hauptkriminellen fertig geworden seien, oder daß zum Beispiel in Tarifverhandlungen die Gewerkschaften kriminelle Sache mit den Kapitalisten machen. Man hat natürlich diesen Eindruck, aber der erste Eindruck täuscht, sagt alle Wissenschaft. “Das Wesen der Dinge versteckt sich gern.” (3.) Die Arbeiter/innen sind im kapitalistischen Produktionsprozess lediglich gemeine Industriesoldat/en/innen, die beliebig eingesetzt werden können zu Arbeiten, die diese gar nicht wollen, sie stehen völlig unter dem “command of labour”, gleichwohl ist noch nie jemand auf die Idee gekommen, den kapitalistischen Gewalthaber wegen Nötigung bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen. Die Katze würde sich auch in den eignen Schwanz beißen, denn der Staatsanwalt ist ein Büttel des Kapitals, ein Feind der Arbeiterklasse.

Aus diesem Mißverständnis des Marxismus beruhen nun fatale Schlußfolgerungen Peter Sloterdijks, die Arbeiterklasse kann darüber schmunzeln, welches verdorbene geistige Futter der Philosoph seinen Börsianern verabreicht: “Das Movens der modernen Wirtschaftsweise ist nämlich keineswegs im Gegenspiel von Kapital und Arbeit zu suchen. Vielmehr verbirgt es sich in der antagonistischen Liaison von Gläubigern und Schuldnern. Es ist die Sorge um die Rückzahlung von Krediten…und angesichts dieser Sorge stehen Kapital und Arbeit auf derselben Seite. Immerhin , in diesen Finanzkrisentagen erfährt man es schon aus den Boulevardzeitungen: Der Kredit ist die Seele jedes Betriebs…” (4.) Keineswegs darf man von Philosophen und Börsianern, diesen bizarren Auswüchsen der Ausbeuterordnung, den Volksmassen entfremdete Minoritäten, eine richtige Widerspiegelung der Wirklichkeit erwarten, geschweige denn eine richtige Wiedergabe der von ihnen dargestellten Werke der Denker, die sie verbessern und belehren wollen.(5.) Solche Boulevardoriginalitäten ergeben sich, wenn man Marx einen Rousseau´schen Ansatz unterschiebt, wenn man eine Linie Rousseau-Proudhon-Marx konstruiert, ohne zu bedenken, daß die Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft für Marx nur ein Spezialfall der Dialektik ist (was sie für Rousseau und Proudhon nicht war). Im Kern der Marx´schen Ökonomie steht die Analyse der Ware, die Zelle, in der alle Widersprüche des Kapitalismus verborgen sind, von der aus in Warenverhältnissen milliardenfacher Austausch stattfindet. Indem Marx die bürgerliche Gesellschaft als einen Spezialfall der Dialektik bestimmt, wird durch die Analyse der Ware zugleich der dialektische Zusammenhang zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften aufgezeigt und aufgelöst. Die bürgerliche Ökonomie hat zwar Epoche gemacht mit der Entdeckung, dass die Arbeitsprodukte als Werte bloß sachliche Ausdrücke der in ihrer Produktion verausgabten menschlichen Arbeit sind, löste aber nicht das Geheimnis des Fetischcharakters der Ware. Die bürgerliche Gesellschaft erscheint den in der Befangenheit der Warenproduktion verhafteten Gesellschaftwissenschaftler  als ebenso endgültig, “als daß die wissenschaftliche Zersetzung der Luft in ihre Elemente die Luftform als eine physikalische Körperform fortbestehen läßt”.( 6.) Damit wäre die bürgerliche warenproduzierende Gesellschaft und auch die Gesellschaftswissenschaften im Sinne der Bürgerlichkeit und der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft tätigen Menschen auf ewig als bürgerliche verankert, wenigstens solange, als die warenproduzierenden und gesellschaftswissenschaftlich tätigen Menschen dazu die Luft zum Atmen brauchen. Die revolutionäre Aufhebung der kapitalistischen Ausbeutung und der menschlichen Arbeitskraft als Ware setzt die bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften, für die die bürgerliche Gesellschaft kein Spezialfall der Dialektik ist und sein darf, an die frische Luft. Ist aber die bürgerliche Gesellschaft kein Spezialfall der Dialektik, so resultiert aus diesem ideologisch befangenen in sich kreisenden Denken die für es typische Stagnation. Marx veranschaulicht das an der Gleichgültigkeit der politischen Ökonomie an der Wertform, selbst bei ihren besten Repräsentanten Adam Smith und David Ricardo, nachdem der Inhalt der Form annähernd erkannt worden war. Die Wertform des Arbeitsprodukts ist die allgemeinste Form der bürgerlichen Produktionsweise und verwandelt sich auf Grund dieser Allgemeinstheit unter der Hand zur ewigen “Naturalform gesellschaftlicher Produktion”. (7.) Eine besondere historisch vorübergehende Produktionsform wird eine endgültige.” (8.) Und so kommt der in der Warenproduktion befangene Peter Sloterdijk zu einer völlig falschen Zeitdiagnose: “Wir leben gegenwärtig keinesfalls `im Kapitalismus´- wie eine so gedankenlose wie hysterische Rhetorik neuerdings wieder suggeriert-, sondern in einer Ordnung der Dinge, die man cum grano salis als einen massenmedial animierten, steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage definieren muss. “(9. ). Semi-Sozialismus, das ist das Lebenselexier aller bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften. Ja er sieht eine Tendenz zur Ausbeutungsumkehr: über den modernen Steuer- und Schuldenstaat kann es kommen, daß die Unproduktiven auf Kosten des Bürgertums leben. Ist er nicht ganz ein Voltaire unserer Zeit ? Voltaire, der in seinem “Philosophischen Wörterbuch” Rousseaus Soziallehre als die “Philosophie eines armseligen Lumpen” denunzierte, der über die Ausplünderung der Reichen zur Verbrüderung der Menschen gelangen will. Zu erinnern ist an dieser Stelle an Sismondis berühmten Ausspruch: “Das römische Proletariat lebte auf Kosten der Gesellschaft, während die moderne Gesellschaft auf Kosten des Proletariats lebt. Bei so gänzlicher Verschiedenheit zwischen den materiellen, ökonomischen Bedingungen des antiken und des modernen Klassenkampfes können auch seine politischen Ausgeburten nicht mehr miteinander gemein haben als der Erzbischof von Canterbury mit dem Hohenpriester Samuel.”  (10.) Sloterdijk hält die Klassenkampfformen nicht auseinander. Tatsache ist, daß sich das Bürgertum über den Staat die Arbeitslosenversicherung aneignet und den Hartz IV Empfängern minimal abgibt (was die Arbeiterklasse erbracht hat): zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel. Marx hatte völlig Recht, als er den modernen Staat als “nationales Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit” charakterisierte. (11.) Und gegen Sloterdijks Gefasele vom Semi-Sozialismus bleibt Lenins Charakterisierung des Imperialismus stehen: dieser ist sterbender, faulender, stinkender Kapitalismus. Das ganze letzte Jahrhundert beweist das, und es gibt keinen anderen Ausweg, als diesen Kapitalismus, der mehr Kriegstote auf dem Gewissen hat als frühere ökonomische Gesellschaftsformationen, mit Feuer und Schwert auszurotten und niederzubrennen. Die Arbeiterklasse läßt sich durch keinen Semi-Sozialismus blenden und in ihrer Aktivität halbieren, als hätten wir ja schon einen halben Sozialismus. Kapital und Arbeit stehen keineswegs auf derselben Seite. Gefasele in der Tat,  denn der Sozialismus ist an mindestens drei Bedingungen geknüpft: a) er läßt sich ohne gewaltsame Revolution nicht ausführen, b) er ist wesentlich das Werk der Arbeiterklasse selbst durch Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln, c) es kommt zur Herausbildung der DIKTATUR DES PROLETARIATS, die feindliche Klassen unterdrückt. Die Arbeiterklasse muß den Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zur Rede stellen, der Rektor soll konkret angeben, wann in der deutschen Geschichte diese drei Prozesse-wenigstens halbiert-stattgefunden haben sollen. Der Rektor ist auch darüber erstaunt, daß angesichts der ungheuren Steuersucht des modernen Staatsungeheuers niemand zum fiskalischen Bürgerkrieg aufruft, was doch die plausibelste Reaktion wäre. Aber von wem erwartet er denn diese Steuerverweigerung ? Wer sollte sie anführen, wenn nicht das wohlhabende Bürgertum ? Eine Klasse, die in der deutschen Tradition sich vor allem durch Feigheit vor der Obrigkeit “auszeichnete”. Bismarck hörig, Hitler hörig, Adenauer hörig, von diesem perversen Dreck ist überhaupt keine progressive historische Initiative zu erwarten, von diesem gebildeten Dreck kann man doch lediglich erwarten, dass es Untergebene, Schwächere, arbeitende Menschen wie Dreck behandelt. Nein ! Zur Steuerverweigerung hat in Deutschland während der 48er Revolution ein Mann aufgerufen, und der hieß allerdings Karl Marx. Außerdem gab es die Berliner Vereinbarer, die nach der Revolution einen Teil der reaktionären demokratischen Partei bildenden Berliner Steuerverweigerer. (12.) Die Arbeiterklasse kann den Rektor Sloterdijk mit seiner Semi-Bildung beruhigt den Börsianern überlassen.

Auf diesen Aufsatz reagierte der Philosphieprofessor Axel Honneth (Universität Frankfurt/M.) am 24. September 2009 im Feuilleton der ZEIT mit einem Artikel “Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe”.  Die Fehlinterpretation , ja Verfälschung des Marxismus, dass der Staat das national-soziale Kriegswerkzeug der Armen gegen die Reichen sei,  interessiert ihn nicht (oder er hat sie gar nicht bemerkt), vielmehr nimmt zwei Drittel seines Aufsatzes die Präsentation des intellektuellen Lebenslaufes von Sloterdijk ein, das ist in einem Feuilletonartikel sicherlich eine Disproportion, in quantitativer Hinsicht, in qualitativer hat er das Thema Marxverfälschung verfehlt. Es ist fraglich, ob man sämtliche Bücher von Sloterdijk nur als Vorbereitung dieses einen Zeitungsartikels deuten kann (13.), in dem endlich die geschichtsphilosohische Entpuppung des Autors zu einem Abtöter des Sozialstaates stattfindet, so zieht eine Disproportion die andere nach sich. Den Philosophieprofessoren noch einmal ins Stammbuch: der Ausdruck “Sozialstaat” ist bei wissenschaftlicher Beleuchtung ein Nonsensbegriff, der Staat ist primär, also im Kern eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere. Alles in allem ist der Artikel von Honneth ein artiges Referat über den Artikel von Sloterdijk, der Leser erfährt noch einmal den Aussagehalt aus einer anderen Feder, die kritisch sein will. Ebensogut wie das Bürgertum könne  sich die Arbeiterklasse auf das Leistungsprinzip berufen und folglich sei es moralisch legitim, glückliche bürgerliche Erben zu belangen. Und zweitens könne man sich auf die demokratischen bürgerlichen Verfassungen berufen, die allen zubilligen , Gleiche unter Gleichen zu sein. (14.)Das aber ist gerade die Täuschung und auch Tarnung der Diktatur der Bourgeoisie, ganz konkret hat diesen Sachverhalt Marx im 18. Brumaire analysiert. Das Grundgesetz als vermögensnivellierend ? Es hat vor kurzem seinen 60. Geburtstag gefeiert – nur: der soziale Gegensatz zwischen Arm und Reich ist unter diesem Grundgesetz treibhausmäßig auf die Spitze getrieben worden: für das Proletariat gibt es keinen anderen Ausweg: mit dem revolutionären Sturz der Diaktatur der Bourgeoisie wird auch das Grundgesetz in tausend Fetzen geschlagen. (15.)

1. Peter Sloterdijk, Die Revolution der gebenden Hand, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.6.2009,29

2.Friedrich Engels, Anti-Dühring, in: Marx Engels, Ausgwählte Werke V, Dietz Vlg. Berlin, 1972,225

3.Heraklit: Fragmente, Artemis & Winkler, 2007,37

4.Peter Sloterdijk,a.a.O.

5. Dies wird deutlich, wenn man Marxens Gedanken über die Rolle des Kredits heranzieht, auch für ihn war der Kredit ein “Movens der modernen Wirtschaftsweise”: Mit der kapitalistischen Produktion entwickle sich eine ganz neue Macht, das Kreditwesen, “…das in seinen Anfängen verstohlen, als bescheidne Beihilfe der Akkumulation sich einschleicht, durch unsichtbare Fäden die über die Oberfläche der Gesellschaft in größern und kleinern Massen zersplitterten Geldmittel in die Hände individueller oder assoziierter Kapitalisten zieht, aber bald eine neue und furchtbare Waffe im Konkurrenzkampf wird und sich schließlich in einen ungeheuren sozialen Mechanismus zur Zentralisation der Kapitale verwandelt…Es ist klar, daß die Akkumulation, die allmähliche Vermehrung des Kapitals durch die aus der Kreisform in die Spirale übergehende Reproduktion ein gar langsames Verfahren ist im Vergleich mit der Zentralisation, die nur die quantitative Gruppierung der integrierenden Teile des gesellschaftlichen Kapitals zu ändern braucht. Die Welt wäre noch ohne Eisenbahnen, hätte sie solange warten müssen, bis die Akkumulation einige Einzelkapitale dahin gebracht hätte, dem Bau einer Eisenbahn gewachsen zu sein. Die Zentralisation dagegen hat dies, vermittelst der Aktiengesellschaften, im Handumdrehen fertiggebracht. Und während die Zentralisation so die Wirkungen der Akkumulation steigert und beschleunigt, erweitert und beschleunigt sie gleichzeitig die Umwälzungen in der technischen Zusammensetzung des Kapitals, die dessen konstanten Teil vermehren auf Kosten seines variablen Teils und damit die relative Nachfrage nach Arbeit vermindern.” Karl Marx: Das Kapital, MEW 23, 655 f. “Der öffentliche Kredit wird zum Credo des Kapitals.” (a.a.O.,782).

6. Karl Marx, Das Kapital, Marx Engels Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1975,88

7.a.a.O.,95

8.a.a.O, 88. So galt den Ökonomen des klassischen Kapitalismus die freie Konkurrenz als Naturgesetz dieser Produktionsweise, Marx wies schon im dritten Band des Kapitals eine gewisse Tendenz zum Monopol nach: mit den Banken sei “die Form einer allgemeinen Buchführung und Verteilung der Produktionsmittel auf gesellschaftlicher Stufenleiter gegeben, aber auch nur die Form.” (Karl Marx, Das Kapital, Band III, Berlin 1959,655).

9.Peter Sloterdijk, a.a.O.,31

10.Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Vorwort, in Marx Engels: Ausgewählte Schriften Band I, Dietz Verlag Berlin 1972,223 f. (Sismondi: Etudes sur l´économie politique, Tome I, Paris 1837,35)

11.Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEAW, Progress Vlg. Moskau, 1975,300

12.Vgl. Karl Marx/Friedrich Engels, Ansprache der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten vom März 1850, in: MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin, 1977, 256

13. So sieht dies auch der emiritierte Professor für Neuere deutsche Literatur Karl-Heinz Bohrer in seiner Polemik gegen, wie er es nennt, Honneths  “Totschlagversuch” in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21. Oktober 2009. “Lobhudeleien der Gleichheit”. Er erkennt dessen methodischen Mißgriff , “…nämlich Sloterdijks sozialutopischen Einfall a) als notwendiges Resultat, ja Höhepunkt eines schon immer angelegten Anschlags zu deduzieren, b) auf den bloßen Ausdruck einer hedonistisch verantwortungslosen Nach-Achtundsechziger-Generation zu reduzieren.” (s.29) An Heinrich Heines sich aus einer Aussage St. Justs nährenden Bonmot: “Das Brot ist das Recht des Volkes”  entdeckt Bohrer die tiefe, grundsätzliche, “nie gelöste” (a.a.O.) Problematik des Verhältnisses von Gleichheit und Freiheit, stellt darüber als Literat aber keine philosophischen oder historischen Überlegungen an, zum Beispiel über den Unterschied zwischen bürgerlicher und proletarischer Gleichheit, dass die Gleichheit immer ein historisches Produkt und keine ewige Wahrheit ist (der Bourgeois liebt es, Begriffe wie Freiheit und Gleichheit zu verhimmeln, er ist auch gegen Klassenprivilegien, aber seine Gleichheitideale  werden  sich niemals auf die Gleichheit aller Menschen im Sinne der Abschaffung von Klassen unter ihnen erstrecken,  sondern spricht sich mit seinen Kronzeugen Nietzsche und Gehlen  für die Notwendigkeit sozialer Ungleichheit aus.) Dass er auch Heinrich Heine dazu in Beschlag nimmt ist von Patrick Bahner zu Recht als eine “Verzeichnung” kritisiert worden: “…dass Heine, obwohl in der Tat in den späteren Schriften der Freiheitsinstinkt des Dichters das Bild der Revolution düsterer färbt, immer das Recht der Egalität verkündet hat.” (Patrick Bahner: Die Wunde Habermas, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2009,S.N3). Bohrer ist nicht inkosequent, es folgt daraus die Befürwortung des “Willens zur Macht”, eine Ausführung, für die wir Bohrer dankbar sein sollten, denn der Faschismus ist in der Tat der letzte Rettungsanker der Bourgoisie und man kann es einem emiritierten Professor nicht übel nehmen, wenn er in einer Finanzkrise schon mal ein wenig vorausdenkt.  “Man muß den Machtbegriff  entdämonisieren, sozusagen systemtheoretisch abkühlen, und dann weiß man, dass da ohne keine Politik, ja kein Leben möglich ist und keine Gesellschaft, in der man leben möchte.”  (a.a.O.)Wir indeß vergessen nicht die Worte Rousseaus, das derjenige, der anderen Befehle geben will, ein kranker Mensch sein muß. (Der alte DDR-Philosoph Wolfgang Harich hatte sich ja ständig für eine Indexierung Nietzsches ausgesprochen). In der Tat ist es die Gleichheit, mit der Gerechtigkeit verschwistert ist, die dem nach Apartheit und Faschismus strebenden Bürgertum ein Greuel ist. Dagegen war die 68er Bewegung noch harmlos, erinnert man sich an die Bilder aus der Volksrepublik China während der Kulturrevoltion: an den kollektiven Gleichschritt des roten Frauenbataillons. Wie entkomme ich edles individualistisches Subjekt dem Pöbel, dem Mob, der Straße, der Masse, dem Kollektiv, der Volkseinheit, der Volksbewaffnung- das scheint nach der Euroraffgier, als Bedingung subjektiver Veredelung, die Hauptsorge bürgerlicher Volksfeinde zu sein. Werner Kindsmüller aus Kaarst hat  seinen aufschlußreichen Leserbrief “Elemente der Herrenmenschen-Moral” (Frankfurter Allgemeine Zeitung 28.10. 2009, S.7) mit folgenden Gedankengängen beendet: “Die Freiheit, die Bohrer meint, ist die Freiheit der Herren einer Sklavengesellschaft, nicht die des aufgeklärten Bürgers. Bohrer, der sich selbst gern als Vertreter des intellektuellen Bürgertums stilisiert, gibt in Wahrheit den Zarathustra, der im Konzept des Übermenschen die Moral durch den Willen zur Macht überwindet. In einer solchen Gesellschaft zu leben halte ich nicht für erstrebenswert.”  Es ist Kindsmüller zu danken für die Erkenntnis des Ernstes der Thematik, es wurden die revolutionäre Phantastereien Solterdijks gegen den Sozialstaat von Bohrer als intellektuelle Spielereien verharmlost. (Der Verlust eines “Willens zur Macht” , sagt Bohrer, sei die beste Charakterisierung des westdeutschen Zustands, seiner Gesellschaft und der Einzelnen). “Der Staat ist ein zu ernstes Ding, um zu einer Harlekinade gemacht zu werden.”  (Marx an Ruge, Auf der Treckschuit nach D. im März 1843, in: MEW 1,337). Vergleiche dazu auch den Leserbrief von Dr. Rüdiger Dannemann, Essen: “Sloterdijk hat doch nur einen Witz machen wollen”.(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.10.2009,36.

14. Jürgen Kaube formulierte das so: Sozialdemokratie ist “nichts als der Versuch, mit den Phrasen des Liberalismus Ernst zu machen.” (Jürgen Kaube: “Der Vermögensverwalter”, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. September 2009,31)

15.Gegen Sloterdijk erschien auch ein Aufsatz von Klaus Wagener in der UZ, der Zeitung der DKP, mit dem Titel: “Ich zahl nicht, also bin ich !”

von Heinz Ahlreip

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