Lawrentij Berijas Aufstieg zur Macht in der Sowjetunion war einer der atemberaubendsten im 20. Jahrhundert. Die Oktoberrevolution hatte für Arbeiter- und Bauernsöhne diesen Weg geöffnet. Wie Stalin kam auch Berija aus “einfachen” Verhältnissen, er wurde am 17. Mai 1899 im Dorf Merceuli in eine arme Bauernfamilie hineingeboren. Über seine Jugend liegt uns als Quelle ein vom 24jährigen Berija selbst verfasster Lebenslauf vor, aus dem hervorgeht, dass er seinen Schulbesuch durch Nachhilfestunden selbst finanzierte. Im Alter von zehn Jahren zieht er nach Baku. “Bereits während meines Studiums an der technischen Lehranstalt sorgte ich für den Unterhalt meiner alten Mutter, meiner taubstummen Schwester und meiner fünfjährigen Nichte”. 1. Seine Studien, unter anderem in Fach Baumechanik, enden 1920.
Mit 16 Jahren kommt er zunächst sporadisch mit der Kommunistischen Partei in Berührung, er nimmt als Kassierer an einem illegalen marxistischen Zirkel teil, den Studenten der technischen Lehranstalt in Baku gegründet hatten. Im März 1917 gründet er, während seiner Studienzeit immer am Rande des Existenzminimus lebend, mit den Genossen W. Jegorow, Pachowitsch, Awanessow eine Parteizelle der SDAPR. 2. Berija arbeitet für die bolschewistische Sache sowohl legal als auch illegal. Im Juni 1917 meldet er sich als Praktikant bei der hydrotechnischen Abteilung der Armee, die nach Rumänien verlegt wird, zeitweise ist er dort im Dorf Neguliasti in der Forstwirtschaft tätig. Anfang 1918 kehrt er nach Baku zurück und wird Mitglied der Arbeiter- Bauern- und Matrosendeputierten von Baku (bis September 1918). 1919/1920 betreibt er Zellenarbeit, auch unter mohammedanischen Arbeitern. Die Partei schickt ihn 1920 nach Georgien, um am Sturz der dort sehr starken menschewistichen Partei mitzuwirken. Er organisiert ein Netz von Revolutionären in Georgien und Armenien, wird aber mit den Mitgliedern des ZK Georgiens verhaftet. Nach kurzer Zeit werden sie mit der Auflage freigelassen, Georgien innerhalb der nächsten drei Tage zu verlassen. Berija aber kann unter dem Decknamen “Lakerbaja” untertauchen und arbeitet zeitweise mit Kirow zusammen, der sich zu dieser Zeit in Tbilssi aufhält. Zwischenzeitlich wieder kurz verhaftet, wird er Ende 1920 vom ZK der Partei Georgiens zum “verantwortlichen Sekretär der Außerordentlichen Kommission für die Enteignung der Bourgeoisie und die Verbesserung des Lebens der Arbeiter”. 3. ernannt. Er bewährt sich in dieser Funktion und wird im April 1921 “Leiter der operativen Sonderabteilung und stellvertretender Vorsitzender der Tscheka Aserbaidschans”. 4., eine Arbeit, die er selbst als anstrengend und nervenaufreibend bezeichnet. Er leitet die Zerschlagung der mohammedanischen Organisation “Ittichat” mit etwa 10 000 Mitgliedern und die Transkaukasische Organisation der rechten Sozialrevolutionäre, “…wofür die GPU der Tscheka mit Befehl Nummer 45 vom 6. Februar 1923 mir den Dank aussprach und mich mit einer Waffe auszeichnete.” 5. Berija rückt auf in die Kommission zur Kontrolle des Revolutionstribunals. Damit nicht genug: er ist einer Parteizelle der Arbeiter in Baku und der Parteigruppe der Tscheka zugeordnet und ist Mitglied des Sowjets von Baku. Im November 1922 erfolgt der Aufstieg zum Leiter der Operativen Sonderabteilung und zum stellvertretenden Vorsitzenden der Tscheka Georgiens. Kriminelle Banden, menschewistische Organisationen und sowjetfeindliche Parteien werden zerschlagen, obwohl sie sehr konspirativ vorgehen. Der Rotbannerorden ist der Lohn, am Ende der militärische Karriere steht die Ernennung zum Marschall der Sowjetunion. Einen dunklen Punkt weist der Lebenslauf des jungen Berija allerdings auf: er soll zeitweise mit dem vom britischen Intelligence Service kontrollierten konterrevolutionären Sicherheitsdienst der Mussawat Partei zusammengearbeitet haben. Trotzdem erfolgt sein weiterer Aufstieg: Bis 1931 ist er Chef der georgischen GPU, ab 1931 übt er Parteifunktionen aus. Er ist erster Sekretär der Kommunistischen Partei (Bolschewiki) Georgiens und dann erster Sekretär des Transkaukasischen Regionskomitees der KPdSU (Bolschewiki). 1928 erscheint von ihm eine interessante Schrift: “Wie tief ist der Menschewismus gesunken ? “, 1935 dann in Millionenauflage sein Buch: “Zur Geschichte der bolschewistischen Organisation in Transkaukasien”. Zum 15. Jahrestag der Gründung Sowjetgeorgiens kommt Woroschilow und umarmt Berija in Tbilissi, der Maler W. Krotkow verewigt auf einem Gemälde beide bei einer Besichtigung von Teeplantagen in Adsharija. Im August 1938 wird er zum Stellvertreter Jeschows ernannt, im Dezember des gleichen Jahres, nach dem Sturz Jeschows, Volkskommissar des Innern. Seit dem XVII. Parteitag ist er Mitglied des ZK der KPdSU (Bolschewiki), nach dem XV III. Parteitag (1929 bis 1946) Kandidat und danach Mitglied des Politbüros des ZK der KPdSU (Bolschewiki). 1941 wird er zum Generalkommissar der Staatssicherheit ernannt, 1943 zum Helden der sozialistischen Arbeit. Bis 1941 wird er viermal mit dem Lenin Orden ausgezeichnet, zweimal mit dem Rotbannerorden und einmal mit dem Suworow Orden der ersten Klasse. Ein Doktor der Wissenschaften hat seiner Dissertation den Titel gegeben: “Lawrentij Pawlowitsch Berija – ein treuer Freund und Kampfgefährte Stalins”. Im Alter von 50 Jahren hat Berija den Höhepunkt seiner politischen Karriere erreicht, sein fünfzigster Geburtstag wird personenkultisch gefeiert, Kasim Agumaa hat ein Lied komponiert: “Die Gärten und Felder besingen Berija, denn er bewahrte sie vor dem Tod, Möge dieses glückliche Loblied stes über unserem sonnigen Land erklingen”. Ein Jahr später, 1950, veröffentlicht Berija einen Sammelband über Stalin: “Der große Inspirator und Organisator der Siege des Kommunismus”. Drei Jahre später stirbt Stalin, sein Tod zieht den Berijas nach sich. Die unter seinem Kommando stehenden Staatssicherheitsorgane durchdringen das öffentliche Leben in immer größer werdenden Kreisen, die auch die Staatspartei miteinschließen. Die Frage: was weiß Berija über uns ? beantworten die führenden Parteikader mit seiner Verhaftung unter Beihilfe Marschall Schukows und einem vom Generalsstatsanwalt der UdSSR Rudenko gelenkten militärischen Sondergerichtsprozess, offiziell: Sondergerichtskollegium des Präsidiums des Obersten Gerichts der UdSSR, bei dem Marschall Konjew den Vorsitz hat. In diesem Prozess, dem ein halbes Jahr Ermittlungen vorangingen, vergallopiert sich Rudenko allerdings, indem er durch die hohe Zahl seiner Geliebten ein schlechtes moralisches Licht auf ihn werfen will. Die Anzahl der Freundinnen geht dem wissenschaftlichen Sozialismus nichts an. Berija scheint aber auf Rudenko hereingefallen zu sein, denn er bezeichnet seine Polygamie als Schande – und das 36 Jahre nach der Oktoberrevolution. Im Prozess weist Berija kategorisch zurück, ein Volksfeind mit bonapartistischen Neigungen gewesen zu sein, räumt aber Fehler ein. Eine schwache Seite Berijas war die marxistische Thorie, in ihr hätte er aus den Feuerbachthesen entnehmen können, dass die bürgerliche Familie praktisch vernichtet werden muss, einem Karl Marx die Anzahl der Geliebten also gleichgültig war, einem Friedrich Engels auch, bezeichnete er die Ehe doch als offiziellen “Deckmantel der Prostituion”. 6. Im Schuldspruch wird herausgehoben, dass Berija die Organe des Innern gegen Partei und Regierung eingesetzt habe mit dem Ziel, den Kapitalismus und die Macht der Bourgeoisie zu restaurieren. Man gibt Berija nicht einmal die Chance einer Berufung, das Urteil lautete auf Tod durch Erschießen im Bunker des Stabs des Moskauer Militärbezirks. Der Stalinnachfolger Crutschow hält sich zugute, dass zum ersten Mal ein Sicherheitschef nicht wie seine Vorgänger Jagoda und Jeschow einfach erschossen wird, sondern ein ordentliches Gerichtsverfahren bekommen habe. Was für Elemente sich nach Stalins Tod aber durchsetzten wird deutlich an der Figur Suslows, über den Berija folgende Einschätzung zusammengetragen hatte: “Die Reden des Genossen Suslow (M.A. Suslow war zu besagter Zeit Vorsitzender des Büros Litauen des ZK der KPdSU (Bolschewiki)) auf den Plenartagungen haben fast nur belehrenden Charakter. Diese Belehrungen und Reden sind den örtlichen Funktionären nichts Neues, weshalb sie ihnen keine Beachtung schenken und keine Schlüsse daraus ziehen. GENOSSE SUSLOW SELBST ARBEITET WENIG. (kursiv von Heinz Ahlreip)…In der Arbeitszeit liest er häufig schöngeistige Literatur…abends ist er selten im Dienst.” 7. Bald sollte Suslow Chefideologe Crutschows werden.
1. Vladimir F. Nekrassow (Herausgeber): Berija – Henker in Stalins Diensten, Ende einer Karriere, Bechtermünz Verlag 1997,390f. Nekrassow nennt Berija einen der “berüchtigsten Todesengel der Geschichte” (a.a.O.,12), Stalin und er hätten das ganze Land in einer kriminellen Zeit zu einem Zuchthaus gemacht. Aber eine wissenschaftliche Anforderung besteht gerade darin, statt eine Zeit als kriminell zu denunzieren, in ihr die Dialektik von Revolution und Konterrevolution herauszulesen.
2. Vergleiche a.a.O.,391
3.a.a.O,394
4.a.a.O.
5.a.a.O.
6. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Marx Engels Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,420
7. Vladimir F. Nekrassow (Herausgeber), Berija – Henker in Stalins Diensten, Ende einer Karriere, Bechtermünz Verlag, 1997,484
Tags: Berija Stalin Rudenko Suslow Crutschow Konjew Georgien Tscheka GPU Kirow Jeschow Jagoda