Vor 11 Jahren gab der US-Dollar-Milliardär Warren Buffet der ‚New York Times‘ ein Interview

28. November 2017

 

Am 14. Juni 2017 erschien im Wirtschaftsteil der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ ein interessanter Artikel. Nüchtern stellte das Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse fest: „Die Reichen werden immer reicher“.  Der Artikel nimmt Bezug auf die alljährlich erscheinende Studie der BCG (Boston Consulting Group), die sich darauf spezialisiert hat, weltweit die Millionärsentwicklung zu beobachten. In dieser Studie ‚Global Wealth 2017‘ wird hervorgehoben, dass die Zahl der Millionäre besonders schnell im Raum Asien-Pazifik wachse, vor allem aber sagt die Gruppe voraus, dass im Jahr 2021 die 50-%-Schallmauer durchbrochen sein wird. In diesem Jahr wird es den Millionären der Welt, derzeit 17,9 Millionen, zum ersten Mal gelingen, über 50 % des Weltvermögens an sich zu raffen. Millionen und Abermillionen Kinder werden bis dahin weltweit an Hunger gestorben sein. So wird in der bürgerlichen Welt brüderlich geteilt. Eines der Motive für die anstrengende theoretische Arbeit des jungen Marx war der Kontrast zwischen einer politisch und religiös proklamierten Gleichheit aller Menschen und der dieser diametral entgegenstehenden sozialen Zerrissenheit der bürgerlichen Gesellschaft. Schon Marx und Engels hatten im ‚Kommunistischen Manifest‘ festgestellt, dass in der bürgerlichen Gesellschaft das Eigentum in wenigen Händen konzentriert wird. Die Tendenz ist natürlich steigend und es muss notwendig zu einem ‚point of no return‘ in dem  der Kapitalentwicklung inhärenten Bürgerkrieg kommen. Was wiederum Marx und Engels schon 1845/46 in der ‚Deutschen Ideologie‘ sahen, die Notwendigkeit der Aneignung der Totalität der Produktivkräfte, um die Existenz der Menschheit sicherzustellen, dieser kollektiven Aneignung ist in Kürze nicht mehr auszuweichen. Man kann keine konkreten Angaben über den Verlauf des schwelenden und künftigen Weltbürgerkrieges machen, aber seine Unvermeidlichkeit liegt schon beschlossen allein im vorliegenden Zahlenmaterial. Nach der weltberühmt gewordenen zynischen Aussage des US-Dollar-Milliardärs Warren Buffets in einem Interview mit der ‚New York Times‘ vom 26. November 2006 finde dieser bereits statt, er werde geführt von der Klasse der Reichen, die ihn gewinnen werde. In dieser Aussage eines US-Dollar-Milliardärs steckt mehr Weisheit als in den Vorlesungen mancher Soziologieprofessoren, die über das angebliche Problem der Aktualität des Marxismus-Leninismus vor Studentinnen und Studenten dozieren. Jawohl, Buffet hat es auf den Punkt gebracht. Was Marx bereits 1871 in seiner Analyse der Niederschlagung der Pariser Commune herausfand, dass der Staat das Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit ist, das wird heute glänzend bestätigt, nicht nur in den USA. In England, Frankreich, Deutschland, Russland, China … usw., überall ist der Staat ein Werkzeug in den Händen von blutsaugenden, voll gefressenen Volksfeinden, die mit ihm das Volk knechten, lähmen, quälen, ideologisch vergiften und krankmachen.  Der Widerspruch zwischen den Armen und den Reichen, letztere also schon im vollen Bewusstsein eines Weltbürgerkriegs lebend und sich immer mehr auf seine Eskalation vorbereitend, wird in einer Brutalität ohnegleichen aufbrechen und seine Lösung suchen, indem die Volksmassen durch marxistisch-leninistischen Parteien auf kollektive Kampfformen gegen die auch besonders von Sozialdemokraten ausgebauten technisch hochgerüsteten Terror- und Militärapparate ausgerichtet werden. Die Armeen und Polizeien, die sich die Millionäre angekauft haben, werden in den Ozeanen der Massen untergehen.  Die Menschheit wird unter Leitung der international tätigen Arbeiterklasse aus Gründen ihres Überlebens gezwungen sein, 18 Millionen Millionäre zu enteignen, einzugliedern, zu resozialisieren, sie  zu anständigen und fleißigen, sozial orientierten Menschen umzuerziehen. Wir nähern uns diesem Punkt unaufhaltsam, unumkehrbar und keine ‚bürgerliche Politik‘, kein noch so genialer General kann dieser Zuspitzung etwas entgegensetzen Es stellt sich schon heute die Frage, ob ein nur friedlicher Protest beim G-20 Weltgipfel 2017 in Hamburg legal war oder ob dieser angesichts weltweit verhungernder Kinder in Millionenzahl schon als kriminell, gewiss aber als obszön zu bezeichnen ist?

 

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Die Herausbildung elementarer Leitsätze des historischen Materialismus durch Marx und Engels in der kritisch-revolutionären Auseinanderserzung mit dem Linkshegelianismus

25. November 2017

 

In der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie wird zunächst die atheistische Weltanschauung, die Kritik der Religion als Bedingung revolutionärer Tätigkeit hervorgehoben. Feuerbach hatte uns den Übermenschen im Himmel als potenzierten Widerschein des einzig existierenden irdischen Menschen erklärt, der nach der Religionskritik nur noch eine wahre Wirklichkeit auf Erden hatte. 1. Der Mensch hatte sich wiedergewonnen und dieser Schritt zusammen mit dem Erkenntnisschritt, dass der Mensch kein abstraktes, einzelnes Wesen, sondern ein gesellschaftliches ist, sind wichtige Schritte auf dem Weg zum wissenschaftlichen Sozialismus. Die Frage der Religion war natürlich auch schon im Vorfeld der 48er Revolution sowohl in politischer als auch in weltanschaulicher Hinsicht eine kardinale Frage. Trotz aller politischen Radikalität ist zum Beispiel Bakunins kleine Schrift ‚Die Reaktion in Deutschland‘ aus dem Jahr 1842 von ihr noch völlig durchtränkt, es gibt in ihr nicht mal einen winzigen Ansatz, die Reaktion in Deutschland aus ökonomischer Wurzel abzuleiten. Wir müssen in unserer Politik auch religiös, also extrem entfremdet handeln, ruft er aus, selbst die dialektische Negation ist bei ihm noch ein religiöser Akt. 2. Marx weist so etwas natürlich ab. Denn der Mensch, der sich nicht um seine eigene Sonne dreht, kann nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal verändern. Es war der Philosoph Feuerbach, der im Vorfeld der bürgerlichen Revolution den Atheismus mit dem Credo: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen, philosophisch gegen die trunkene Spekulation Hegels begründete.

War für Hegel der Geist die Mutter der Natur, so wies Feuerbach auf den simplen Umstand hin, dass es eine Natur vor der Philosophie gegeben habe. Am Ende einer Trunkenheit beginnt man wieder mit dem Rudimentären. „Das wahre Verhältnis vom Denken zum Sein ist nur dieses … Das Denken ist aus dem Sein, aber das Sein nicht aus dem Denken. Sein ist aus sich und durch sich – Sein wird nur durch Sein gegeben -, Sein hat seinen Grund in sich, weil nur Sein Sinn, Vernunft, Notwendigkeit, Wahrheit, kurz, alles in allem ist. – Sein ist,  weil Nichtsein Nichtsein , d. h. nichts, Unsinn ist“. 3. Und wenige Seiten vorher schreibt Feuerbach: „Die Philosophie ist die Erkenntnis dessen, was ist. Die Dinge und Wesen so zu denken, so zu erkennen, wie sie sind – dies ist das höchste Gesetz, die höchste Aufgabe der Philosophie“. 4. Zu notieren ist schlicht, dass für Feuerbach die Natur ihren Grund in sich selbst hat, damit aber nicht die Philosophie. Mit dieser Feststellung Feuerbachs revolutioniert die Philosophie gegen sich selbst und entwickelt das Denken aus der materiellen Natur, die Hegel in ein metaphysisches Axiom verdreht hatte. Das Göttliche war in sich selbst begründet, jetzt ist es die Natur.  Der berühmte Ausspruch von Marx und Engels, das Sein bestimmt das Bewusstsein, bedurfte deshalb noch einer Einleitung, die lautet: „Es ist nicht das Bewußtsein, das das Sein bestimmt …“. Wäre die Welt ohne die Philosophie Hegels geblieben, hätte man diese Einleitung wahrscheinlich weglassen können. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.  Wäre die Welt ohne die Philosophie Feuerbachs geblieben, wer weiß, vielleicht wäre dieser Satz bis heute nicht formuliert worden. Es ist zugleich vom zweifachen Tod der Philosophie die Rede. Sie stirbt durch Hegel philosophisch und durch Feuerbach wirklich. Die Religion hatte einen schlichten Tod, sie lebt nicht vom Himmel, sondern von der Erde. Damit war alles klar. Nach dem Tod Hegels trat eine Phase der Ernüchterung ein, aber nicht sogleich.  Es ist nämlich zugleich zu bemerken, dass die Breitenwirkung Hegels erst nach seinem Tod einsetzt und zehn Jahre währt, in denen in Deutschland durch Zeitungen und Zeitschriften ausgewälzt wurde, was früher nur wenige im Hörsaal vernehmen konnten. Die Philosophie Hegels war „Tagesmode“ (Marx) geworden. Das Geistige war aus dem Hörsaal herausgetreten und sollte sich jetzt verwirklichen, darin waren sich Links- und Rechtshegelianer philosophisch einig. Es war Hegels Vorhaben gewesen, seine Zeit in Gedanken zu fassen, nach seinem Tod fängt die Zeit an, sich durch den Verstorbenen sich ihrer zu vergewissern. Auf dem Höhepunkt der ‚Hegelei‘, wir schreiben das Jahr 1840, setzt dann der Verfaulungsprozess des absoluten Geistes ein, metaphysische Systeme purzeln zusammen wie Kartenhäuser, ein Prozess, der als ungeheure ‚Weltgärung‘ ausgegeben wurde.  Ab September 1845 setzten sich Marx und Engels in der ‚Deutschen Ideologie‘ kritisch vernichtend mit den Repräsentanten der neuesten deutschen revolutionären Philosophie auseinander, ein Werk, das sie im Sommer 1846 im Wesentlichen abgeschlossen hatten. Das war ihre Generalabrechnung mit den Linkshegelianern, die angetreten waren, die Menschen von ihren Hirngespinsten zu befreien und richtige Weltvorstellungen, die dem Wesen der Menschen entsprechen, an Stelle von falschen zu setzen. Zugleich war es eine zusammen mit der Kritik am Linkshegelianismus entwickelte erste, umfassendere, manchmal noch rohe, von Engels später als stellenweise einseitig bestimmte Darlegung des historischen Materialismus. Die Produktion der Ideen sei zum Beispiel lapidar die „Sprache des wirklichen Lebens“, es musste eben der Gegensatz scharf herausgearbeitet werden.  Dieser beginnt schlicht mit wirklichen Voraussetzungen, wirklichen Individuen, mit ihren Aktionen und ihren materiellen Lebensbedingungen, „sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar. Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich die Existenz lebendiger menschlicher Individuen. Der erste zu konstatierende Tatbestand ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur übrigen Natur. 5.  Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch die Lebensmittelproduktion. Bestimmte Individuen sind auf bestimmte Weise produktiv tätig, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. „Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozess bestimmter Individuen hervor …“. 6. Dies ist nun nach Marx und Engels der Wendepunkt, das Ende des (nicht nur deutschen) Idealismus. „Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen“. 7.  Und dann der epochale Satz, der das vorläufige Todesurteil über die Philosophie verkündet: „Die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium“. 8. Es ist eine Eigentümlichkeit, dass der Satz davor lautet: „Die Phrasen vom Bewußtsein hören auf, wirkliches Wissen muß an ihre Stelle treten“ 9.

Ein höchst komplexes Gebilde der Weltphilosophie hat in ganz elementaren, alltäglichen Verrichtungen sein Ende gefunden, ist eingemündet in einen neuen Ausgangspunkt, der ihm diametral entgegensteht und den er als von einer höheren Macht produziertes Objekt inferior, nach materialistischer Auffassung muss man sagen, misshandelt hat.  Das vom durch Arbeitsteilung entstandene Idealismus gehätschelte „Bewußtsein“, seine philosophische Basis, kommt bei der Aufzählung der Grundbedingungen menschlichen Lebens auf Erden erst an fünfter Stelle, mit dem Fluch der Materie behaftet. Die Teilung der Arbeit in materielle und geistige ist die Voraussetzung, dass sich das Bewusstsein einbilden kann, etwas anderes als Praxisbewusstsein zu sein, wirklich etwas vorzustellen, ohne etwas Wirkliches vorzustellen und sich zur Philosophie, Religion und Ideologie ganz allgemein hochzutreiben. Und: Marx und Engels kamen zu dem Schluss, dass die Deutschen bisher keine Historiker gehabt haben und dass die Hegelsche Geschichtsphilosophie die auf ihren Begriff gebrachte ‚Deutsche Geschichtsschreibung‘ verkörpere.  Zur oben ausgeführten Alltäglichkeit produktiver Verrichtungen der Individuen als der Basis kontrastiert der linke Hegelianismus, er sei aus dem Bereich unzulänglicher, sich im reinen Gedanken bewegender Weltinterpretation und der Verteufelung der Religion als Erzfeind nicht herausgekommen, sondern hätte immer nur weitere, sich steigernde, als über Hegel angeblich hinaus seiende Weltinterpretationsangebote unterbreitet, ohne ihre idealistische Schranke durchbrechen zu können. „Ihre Polemik gegen Hegel und gegeneinander beschränkt sich darauf, daß Jeder eine Seite des Hegelschen Systems herausnimmt und diese sowohl gegen das ganze System wie gegen die von den Andern herausgenommenen Seiten wendet“. 10. Immer blieb noch für sie die wirkliche Welt ein Produkt der ideellen, so dass beide die linken Hegelianer als Schafe im biblischen Sinn bezeichneten, als Schafe, die sich für Wölfe ausgaben, während sie nur Vorstellungen der deutschen Bürger nachblökten.  Auch wurden sie als ‚philosophische Industrielle‘ bezeichnet, die sich marktprahlerisch als Befreier von Hirngespinsten überboten. Die Deutschen seien besonders anfällig für idealistische Phrasen, für Produktionen „des Begriffs“, aber auch die anderen Völker seien noch ideologiebehaftet. Ein Anliegen der Kritik der neuesten deutschen Philosophie ist der Nachweis, dass die Philosophen keine Geschichte machen und dass es in ihr keine Oberherrlichkeit des Geistes weder gegeben habe noch geben kann und dazu der Nachweis, wie die spezifisch deutsche Ideologie entstanden ist. Man muss die Gedanken von den Taten trennen, diese Gedanken in eine der Objektivität analoge Ordnung bringen, was nicht schwer ist, und sodann diese Gedanken mit Philosophen personifizieren, diese sodann als Fabrikanten der Geschichte auftreten lassen. „Hiermit hat man dann sämtliche materialistischen Elemente aus der Geschichte beseitigt und kann nun seinem spekulativen Roß ruhig die Zügel schießen lassen“. 11.   Feuerbach äußerte bereits, dass die wahre Philosophie keine Philosophie sei, schließlich sehen nach Marx und Engels die Produzenten als Folge der Industrialisierung die Welt endlich mit nüchternen Augen an. 12. Und nicht mit spekulativen, wie es Hegel, und nicht durch eine philosophische Brille, wie es Feuerbach immer noch getan hat. 13. Es wird also auch das Todesurteil der kritischen Kritik ausgesprochen. Statt einer theoretischen Deduktion komme es auf die Veränderung der Umstände an. Nicht die Kritik, die REVOLUTION wird nun von Marx und Engels als treibende Kraft der Geschichte gewürdigt.

1. Das ‚Wahre‘ ist für Marx eine Klasse, das Proletariat, das endlich von ihm um die Jahreswende 1843/44 entdeckte, nicht Stirners ‚Einzige‘. Für Nietzsche wird es ein Übermensch sein. In der 298.Ära Stalins tauchte der Hauer Stachanow auf in einer Zeit des Kollektivismus.

2. Vergleiche Michail Bakunin, Die Reaktion in Deutschland, Nautilus Nemo Press, Edition Moderne, Hamburg 1984,36. Auch bezeichnet er die Konstellation ‚Revolution-Konterrevolution‘ als ewigen Gegensatz, der in allen Zeiten derselbe ist, nur sich in der Geschichte immer mehr steigernd (Vergleiche a.a.O.,45). Das ist ein schematisches, aber kein dialektisches Geschichtsbild.

3.Ludwig Feuerbach, Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie, in: Philosophische Kritiken und Grundsätze (1839 – 1846), Leipzig, 1969,186

4. a.a.O.,178

5. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,20 und 25

6. a.a.O.,25

7. a.a.O.,27

8. a.a.O.

9. a.a.O. Die Forderung nach wirklichem Wissen ist eine, die auch Hegel gegen seine zeitgenössische Philosophiererei in der Tradition der Liebe zur Weisheit eingeklagt hatte.

10. a.a.O.,19. Die Linkshegelianer erlagen der Illusion, die idealistische Schranke durchbrochen zu haben, indem sie die Menschen als ‚in letzter Instanz‘ für religiös befangen ausgaben. „Nach und nach wurde jedes herrschende Verhältnis für ein Verhältnis der Religion erklärt …“ (a.a.O.)

11. Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,49

12. Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,465. Gegen die Hegelsche Spekulation gebürstet kann ihre Theorie als konsequente Folge der großen technisch-industriellen Revolution ausgelegt werden, ein Zusammenhang, den bürgerliche Ideologen zu wenig beachten und auch nicht richtig würdigen können, da er nur auf der Grundlage des historischen Materialismus richtig erfasst werden kann. Es gibt eine Passage im Brief von Marx an Engels vom 7. Juli 1866 (im Anhang), in der von ihrer Bestimmung der Theorie als eine der Organisation der Arbeit durch die Produktionsmittel gesprochen wird. (Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester. London, Samstag, 7. Juli 1866. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. Von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http: // megadigital. Bbaw.de / briefe / detail.xgl?id=BOO133. Abgerufen am 26.11.2017).

13. Feuerbach schaut die Welt immer noch doppelt an: profan und philosophisch, so dass er sich zur Objektivität, die er für ewig hält, rein kontemplativ verhält, ohne zu sehen, dass diese „ein Produkt der Industrie und des Gesellschaftszustandes“, ein historisches Produkt ist. Feuerbach ist Materialist, aber er ist kein historischer Materialist. Der Mensch ist ihm sinnlich gegenständlich, nicht sinnlich tätig. Ihm lösen sich philosophische Probleme nicht in empirische Fakten auf. Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist zu deuten als ein Prozess reziproker natürlicher Geschichte und geschichtlicher Natur.  (Das Beispiel mit dem Kirschbaum in der ‚Deutschen Ideologie‘).

Die Konsequenz der technisch-industriellen Revolution

16. November 2017

Die politische Reaktion in Europa war im Zuge der technisch-industriellen Revolution bemüht,  ‚Beten und Arbeiten‘ wenigstens noch in einer Balance halten, eine göttliche Substanz bzw. Instanz metaphysisch wenigstenz noch absichern zu wollen. Der Atheist Feuerbach bemerkte über den Metaphysiker Hegel ganz richtig: „Die Hegel’sche Philosophie ist der letzte großartige Versuch, das verlorene, untergegangene Christenthum durch die Philosophie wieder herzustellen, und zwar dadurch, daß, wie überhaupt in der neuern Zeit, die Negation des Christenthums mit dem Christenthum selbst identifcirt wird“ (Ludwig Feuerbach, Grundsätze der Philosophie der Zukunft, Klostermann Texte Philosophie, Frankfurt am Main, 1983,301f.). Aber unbarmherzig hat die Industrialisierung das Beten auf den Sonntag verdrängt.

Was Rousseau 1743 während seines Aufenthaltes in Venedig aufleuchtete, dass in Zukunft das Schicksal der Menschheit von der Politik bestimmt sein wird wie bisher von Metaphysik und Religion, das hatte Napoleon am 2. Dezember 1804 für ganz Europa symbolträchtig in der Kirche ‚Notre-Dame‘ gezeigt, als er während seiner Krönung zum Kaiser Papst Pius VII. als Handlanger der Krone vorführte. Die Frühromantiker vergossen bittere Tränen über diese Szene, die die ganze Halbheit der bürgerlichen Revolution anzeigte: ein Kaiser als Resultat einer bürgerlichen Revolution – kann man da überhaupt noch von einer klassischen Revolution sprechen? –  ein Kaiser also, der durch Terraingewinn den Bereicherungstaumel der französischen Bourgeoisie vervielfältigt – der Louvre in Paris ist ein einzigartiges Denkmal krimineller Energie – und der durch eine Geste den Pöbel blendet.

Hegel, der 1806 in seiner ‚Phänomenologie‘ die Philosophie vor der Religion rangierte, kann nach Feuerbach  sich dennoch hier nicht anschließen, denn seine Philosophie sei, wie er im Paragraph 21 in den ‚Grundsätzen der Philosophie der Zukunft‘ betont, die Negation der Religion, die selbst wiederum nur, und zwar durch die Philosophie selbst, Religion ergibt.  (a.a.O.,65). Am Ende verkommt dem Metaphysiker die Philosophie wieder zur Magd der Theologie. Im Gesamtwerk Hegels lässt sich nicht zweifelsfrei klären, ob die philosophische Magd der Theologie oder ob diese der Philosophie die Krone des Absoluten zu reichen hat. War Hegels Gott ein philosophisch-atheistischer oder ein theologisch-christlicher? Man berücksichtigt in der Regel nur die bekannten Hauptwerke Hegels und den sich aus diesen ergebenden Verschnitt in landläufigen Philosophiegeschichten; durch die stiefmütterliche Behandlung der extrem reaktionären Hegelschen ‚Philosophie der Religion‘, passagenweise noch reaktionärer als die Rechtsphilosophie, ergibt sich hier ein schiefes Hegelbild. Feuerbach hatte aufgepasst: „Das Geheimniß der Hegel’schen Dialektik ist zuletzt nur dieses, daß er die Theologie durch die Philosophie, und dann wieder die Philosophie durch die Theologie negirt“. (a.a.O.,67).

Für Friedrich Engels war die Dialektik Hegels in der vorliegenden Form „unbrauchbar“ (MEW 212,92).  Wäre diese Aussage bürgerlichen Professoren bekannt, welche Menge unnützer, verworrener  Dissertationen und Magisterarbeiten über das Verhältnis zwischen Hegelscher und Marxscher Dialektik wäre uns erspart geblieben! Auch Sahra Wagenknecht hat sich an dieser Materie versucht und man kann nur sagen, sie hätte lieber über Goethe schreiben sollen. Sowohl für Engels als auch für Feuerbach steht am Anfang und Ende im Denken Hegels die Theologie. Sahra Wagenknecht kommt zu einem anderen Ergebnis: die Hegelsche Dialektik sei der des jungen Marx überlegen. Das ist erstens sachlich falsch und zweitens hat der reife Marx seine vorher angewandte dialektische Methode nie fundamental geändert.

Hegel reagiert auf eine bestimmte spießbürgerlich-chauvinistische Art auf die technisch-industrielle Revolution, die auf diese oder jene Art die ganze Epoche bestimmte und ohne die es nicht zur Herausbildung des Marxismus gekommen wäre. In der Heidelberger Niederschrift seiner Berliner Antrittsvorlesung lesen wir, dass wir Deutschen von der Natur den höheren Beruf erhalten hätten, die Bewahrer des heiligen philosophischen Feuers zu sein, wie der eumolpidischen Familie zu Athen die Bewahrung der eleusinischen Mysterien, den Inselbewohnern von Samothrake die Erhaltung und Pflege eines höheren Gottesdienstes. Im Zeitalter der Dampfmaschinen wird dagegen überall nur nüchtern mit Wasser gekocht und Marx schreibt in seinen Studien zur Dissertation: ‚Nehmen wir die Wirklichkeit, wie sie ist, seinen wir keine Ideologen‘. Die geringe religiöse Bindung Marxens im Elternhaus und die Erläuterung des Wesens des Christentums durch Feuerbach kreuzen sich in diesem Satz. Ein Ergebnis der technisch-industriellen Revolution war für Marx und Engels, dass durch sie die Menschen laut Manifest endlich gezwungen sind, „ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen“ (MEW 4,465). Die Beziehungen unter den Menschen bzw. Klassen endlich mit nüchternen Augen zu betrachten, das ist ein Wesenszug des Marxismus. In ihm geht es bis zur Warenanalyse im ‚Kapital‘, in dem der Fetischcharakter der Ware mit nüchternen Augen analysiert und entlarvt wird.

Feuerbach und Marx, reagieren jeder auf seine Art auf den Entwertungsprozess der Philosophie, den beide helfen, zu beschleunigen, ersterer will die Philosophie ganz abschütteln, was ihm nie ganz gelingt, letzterer die Welt verändern. Für beide trifft zu, dass sie qua bestimmter Negation aus dem Hegelschen Denken auch schöpfen konnten, wobei Feuerbach, der bei Hegel in Berlin noch Vorlesungen hörte und dem er seine Dissertation zuschickte,  vieles recht unkritisch übernimmt. Erst Gott abzuschütteln, den Philosophen abzuschütteln, die Welt zu verändern … und am Ende stehen die Berufsrevolutionäre Leninscher Prägung, die organisiert die perverse und vollgefressene bürgerliche Gesellschaft aus den Angeln heben werden.

Der junge Marx jenseits der Propaganda

12. November 2017

Es ist bekannt, dass und wie Rousseau Philosoph und Anarchist wurde. Als er auf dem Weg von Paris nach Vincennes im ‚Mercure de France‘ 1749 die diesjährige Preisfrage der Akademie zu Dijon las: Haben Künste und Wissenschaften zum Fortschritt der menschlichen Kultur beigetragen?, geriet er in eine folgenschwere Metanoia und erkannte plötzlich, dass der Mensch von Natur aus gut sei und dass es nur die Institutionen seien, die ihn verdorben haben. Rousseau sah ein anderes Universum und wurde ein anderer Mensch. Und dass diese Natur rein blieb, darauf achtete Maximilien Robespierre. Es ist bekannt, dass der an Depressionen leidende Hegel die ‚Phänomenologie des Geistes‘ am Rande des Wahnsinns geschrieben hat, sein Jugendfreund Hölderlin ist wahnsinnig geworden. Hegel sieht die Heraufkunft der Neuen Welt unter dem Signum des Blitzes. Schon vor der ‚Phänomenologie‘ hatte Hegel in der Differenzschrift den markanten Satz geprägt: ‚Je besser die Methode, desto greller die Resultate‘. Die Dialektik ist tief innerlich, vor allem ruhelos. Zum Vermächtnis des deutschen Idealismus gehört, dass Wissenschaft nicht der Erbauung dient, sondern unter Geduld, Ernst und Schmerz der „Arbeit des Negativen“ (Hegel). Auch Marx hat in seinem ersten Semester in Berlin eine seelische Erschütterung, er schildert sie unverkennbar. Nach dem gescheiterten Projekt ‚Kleanthes oder vom Ausgangspunkt und notwendigen Fortgang der Philosophie“, mit dem er Hegel überwinden wollte, die Arbeit ist nicht erhalten geblieben, gesteht er: „Vor Ärger konnte ich einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten an der Spree schmutzigem Wasser, „das Seelen wäscht und Tee verdünnt“, umher … und wollte jeden Eckensteher umarmen“. 1. Ich bitte Sie, der größte Sohn des deutschen Volkes 2. konnte einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten umher, konnte Hegel nicht überwinden, schrieb dem Vater, dass alles Wirkliche für ihn verschwimme. Das sind Geständnisse aus erster Hand, keine Augenzeugenberichte, die ja auch gar nicht berichten könnten, Marx habe einige Tage gar nichts gedacht. „Reformprogramme werden in dichter Folge entworfen und verworfen“. 3. Marx hat den Zweck antiken Philosophierens, das Finden der Seelenruhe, das Finden zu sich selbst, verfehlt. Der Vater beklagt sich, dass mühsam erwirkte Arbeiten zerrissen werden.  Der Vater musste bremsen: ‚Übertreibe das Studieren nicht!‘ Er spricht von einer Tollheit des Studierens. ‚Schmutziges Spreewasser, das Seelen wäscht und Tee verdünnt‘, ‚lief wie toll im Garten umher‘, Hegels tiefe Lehre über den Widerspruch, der die Welt als innerste Triebkraft des Weltgeschehens bewegt, konnte natürlich zur Ataraxie nicht beitragen. War nicht alles ein ‚Quidproquo‘?, auf dem Kopf wandelnd?  Da schlummert etwas, was immer begleitet: Stellten sich nicht ordinäre sinnliche Dinge anderen ordinären sinnlichen Dingen gegenüber auf dem Kopf? Entwickelten Grillen, viel wunderlicher, als wenn sie aus freien Stücken zu tanzen begännen?  4.    Marx erkennt, dass das Menschliche das Tierische, das Tierische das Menschliche ist. Das, was dem auch bereits in den Werken Hegels vorliegenden faustischen Grundzug entspringt, wäre damals für so manchen Irrenarzt ein gefundenes Fressen gewesen. Marx wurde krank. Er stürzt aus geistigen Höhenflügen in kränkelnde Empfindlichkeit und phantastisch schwarze Gedanken, man spürt die Depression förmlich. 5. Ein Arzt riet ihm, aufs Land nach Stralow zu ziehen. „Wiederhergestellt, verbrannte ich alle Gedichte und Anlagen zu Novellen etc. in dem Wahn, ich könne ganz davon ablassen …“. 6. Und dann in dem Brief die folgenschwere Mitteilung: „Während meines Unwohlseins hatte ich Hegel von Anfang bis Ende samt den meisten seiner Schüler, kennengelernt“. 7. Gegen Ende des Briefes hebt Marx noch einmal die vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung seines Gemütes 8. hervor, so dass davon auszugehen ist, dass er nicht ganz gesund aus Stralow zurückgekommen ist, jedenfalls nach seinem Selbstverständnis. Kein Wunder auch, wenn Hegel im Kopf herumspukt: ‚Was die Welt bewegt, das ist der Widerspruch‘. Wer diesen Satz Hegels vertiefen will, schläft nachts nicht unbedingt ruhiger. Aber bewirkt nicht der Kommunismus, auf den alles hinausläuft, die totale Ataraxie für die ganze Menschheit? Das sind die inneren und äußeren, leider wenig bekannten Umstände, in denen Marx Hegelianer wurde. Gedanken werden aber bald bei ihm unter dem Einfluss Feuerbachs rege, ob nicht der Idealismus, ob nicht insbesondere die Symbiose des Idealismus mit dem Christentum und seiner unbefleckten Empfängnis der Wahn schlechthin sei. Es kehrt sich für Marx alles um und die Gedankengestik des Umkehrens, des ‚Vom Kopf auf die Füße Stellens‘, schon bei Feuerbach vorhanden, wird symptomatisch für Marx, das geht bis in den Sprachstil hinein. Wörter werden vertauscht, zum Beispiel in der ‚Kritik der politischen Ökonomie‘ der wohl bekannteste, gegen den Idealismus gerichtete Austausch von Bewusstsein und Sein. Es wird dann immer die Wortkombination ‚sondern umgekehrt‘ in Anspruch genommen 9., werkimmanent folgerichtig am meisten in der ‚Heiligen Familie‘ und in der ‚Deutschen Ideologie‘.  Da Hegel einen enormen historischen Sinn besaß und die Bourgeoisie sich vor 1848 noch nicht auf dem absteigenden Ast befand, musste die Marxsche Hegelkritik den Akzent stark auf die bei dem Altmeister bereits von Feuerbach festgestellten Subjekt-Objekt-Vertauschungen legen als auf den Nachweis, Hegel denke nicht konsequent historisch. Das tat er, aber es zeichnet sich in seiner auch christlich fundierten Rechtsphilosophie, eine Parenthese seiner Logik, die in der spätbürgerlichen Rechtsphilosophie vorhandene Dekadenz bereits ab. Immer mehr ist die gesättigte, nicht mehr emanzipationshungrige, vor dem wachsenden Proletariat Angst habende und faulende Bourgeoisie ideologisch gezwungen, das historisch Bedingte starr zu stellen. Ohnehin fehlt Hegels Berufung auf die Vernunft und Staatsvernunft im Gegensatz zur französischen Aufklärung der Schneid des Angriffs auf klerikale Staatsbegründungen. Hegels Philosophie ist eine Religion des Absoluten. Jung schreibt am 18. Oktober 1841 an Ruge: „Marx wenigstens nennt die christliche Religion eine der unsittlichsten“. 10. Das nimmt den noch nicht festgeformten Marx, den die Propaganda nicht weitergibt, mit. Propaganda sieht alles positiv, kontinuierlich. Im Leben und Werk von Karl Marx gilt es trotz aller von der Propaganda geglätteten Irrungen und Wirrungen den mitunter verschlungenen kommunistischen Faden herauszufischen. Zeitzeugen, seine Tochter, Köppen und Ruge, teilen uns übereinstimmend mit, dass Marx ein besessen lesendes Arbeitstier war. Er wird den Linkshegelianern vorwerfen, den Kommunismus nicht studiert, nicht genug Sachkenntnis zu haben, er wird ihnen vorwerfen, nicht genug in die konkreten Zustände einzugehen. Es ist aufschlussreich, was Ruge Feuerbach in einem Brief mitteilte: „Marx … liest sehr viel; er arbeitet mit ungemeiner Intensität …, aber er vollendet nichts, er bricht überall ab und stürzt sich immer von neuem in ein endloses Büchermeer … Marx ist womöglich noch gereizter und heftiger, am meisten, wenn er sich krank gearbeitet und drei, ja vier Nächte hinter einander nicht ins Bett gekommen ist“. 11. Diese Bemerkungen von Ruge treffen auch zu auf die geniale Kritik des Hegelschen Staatsrecht, auch sie bleibt unvollendet. Man kann die Auffassung von Lapin daher nicht nachvollziehen, wenn er die Kritik an Hegels Rechtsphilosophie als ein sich in bestimmter Weise entwickelndes Ganzes deutet. 12. Die Kritik blieb ein Torso und Marx war bei der Abfassung der Kritik noch kein konsequenter Materialist, er war zerrissen, er wurde durch Hegel, durch Kritik an ihm erst Materialist. Das gilt es bei der Lektüre des Manuskriptes von 1843 zu beachten. Ist die Hektik ein Preis subjektiver Genialität oder Ausdruck des objektiven Zwanges der bürgerlichen Produktionsweise, sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse im Zuge der technisch-industriellen Revolution fortwährend zu revolutionieren, ohne den Menschen selbst als frei gestalten zu können? Ich tendiere zum letzteren. Durch Hegel erlas er sich, wie schwer, wie gewaltsam und unentrinnbar die Kette gesellschaftlicher Objektivität ist, ein Gewaltzusammenhang, der da die Menschen einrahmt und auf sie einschlägt, so dass sich ihnen die Möglichkeit gar nicht eröffnen kann, andere Menschen zu werden und  andere Universen zu sehen. Im Gegenteil: Der Arbeiter ist eine Ware und die Arbeiter stellen die Mehrheit des Volkes, das verstümmelte Milieu, dem wir alle leben. Die Rechnung der reichen Kapitalisten, die Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, zu schinden, um in Saus und Braus zu leben, geht nicht auf.  Statt ein anderer Mensch wird der Arbeiter ein „bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird … Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn bar ausgezahlt erhält, so fallen die andern Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher usw.“. 13. Es sieht also zunächst nicht so aus, als sei hier eine emanzipative Kehrtwendung zu erwarten. Dass sie historisch notwendig sei, dieser Nachweis wird zur Lebensaufgabe von Marx. Die gigantische Objektivität, die im Vollzug der technisch-industriellen Revolution liegt, enthält in sich die Potenz, aus Objekten Subjekte zu machen. Die Ketten der Sklaverei von 1789 hatte Marat in der französischen Revolution deutlich genug gesehen und noch einen subjektiven Ansatz zur Befreiungslösung angeboten, Fourier sah das Allheilmittel in der Auflösung der bürgerlichen Familie; die industrielle Großraumproduktion, das Gegenteil des Idiotismus des Landlebens, entwertet alle subjektiven Ansätze in der Emanzipationstheorie und lehrt dem genauen Prozessbeobachter die Macht des Kollektiven, in ihm liege nun der Zauberschlüssel, der das Tor zu subjektiven Freiheit des je Einzelnen aufschließt. Die Menschen können ohne kollektive Befreiung nicht freie Subjekte werden. In der bürgerlichen Freiheitsideologie werden die Subjekte dagegen frei nur gegen das Kollektiv, als einzelne, als bezugslose Monaden, in der Familie. Das ist auch ganz stimmig und trifft zu auf die Eigner von Produktions- und Lebensmitteln, für die die Masse nur ein Ausbeutungsobjekt ist. Gleichwohl müssen die Monaden zusammenarbeiten, ohne das große Dach, das das mittelalterliche Reich gewährte. Schon für Feuerbach war das Ergebnis der Reformation und der Französischen Revolution die pure nackte Person, die nackt und bar bezahlt. Alle bürgerlichen Befreiungstheorien sind Ideologie, blind vor der Bedeutung des Allgemeinen und Kollektiven, in der Humanismus nur auf dem Papier bleiben kann. Die bürgerliche Familie muss zerstört werden. So steht es in den Feuerbachthesen und so steht es in der ‚Deutschen Ideologie‘, während es 1842 in den Zeitungsartikeln über die Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz noch heißt, dass ein Familienvater ein geheiligtes Dasein hätte. Marx ist in dieser Phase noch ein nichts vollendender Idealist mit ersten leichten Zweifeln, aber nicht auf dem Gebiet der Geschichte, der historische Materialismus ist auf diesem Gebiet, das bald so wichtig wird, noch in weiter Ferne, die Geschichte werfe sich gern in den Lehnstuhl, schreibt er an seinen Vater, „um sich zu begreifen, ihre eigne, des Geistes Tat geistig zu durchdringen“. 14. Das ist noch weder eine materialistische noch eine Dialektik enthaltende Aussage.  In Stralow, wo er zur Genesung weilte, geriet er in einen sogenannten Doktorclub, einen Kreis von Hegelschülern unter 30 Jahren, die sich nicht gegen die Methode des Meisters wandten, sondern gegen sein System und die sich ‚Die Freien‘ nannten. Und mit den Freien fing es an mit dem Einüben erst im Ansatz idealistischer, dann im Ansatz materialistischer dialektischer Denkfiguren. 15. Der Club konnte nur befruchtend auf das Schaffen von Marx wirken, aber keiner hatte einen größeren Einfluss auf Marx als Friedrich Engels. Hier ist vor allem die um den Jahreswechsel 1843 /44 geschriebene Skizze „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ hervorzuheben, die nach landläufiger Auffassung Marx überhaupt erst auf die zentrale Bedeutung der Ökonomie für die Gesellschaftswissenschaften aufmerksam gemacht haben soll. Dem ist zu widersprechen. Aber das ist ein anderes Thema.

1. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9. Hierzu zählen auch Aussagen wie diese: In Berlin angekommen, brach ich alle bis dahin bestandenen Verbindungen ab und machte mit Unlust seltene Besuche. (vergleiche a.a.O.,4). Es mag sich im Unterbewusstsein die große Auseinandersetzung mit der klassischen deutsche Philosophie angebahnt haben, die wie ein Alp auf dem Gehirn des jungen Marx gelegen haben mag. Dafür spricht, dass der junge Marx in einem Hegel- Epigramm dem Altmeister die Eigenschaft zuschob, sich „in Dunkel“ zu verhüllen. Hegel, der in seiner Logik alle Kernaussagen Heraklits, den man den ‚Dunklen‘ nannte, eingeflochten haben wollte, war die große philosophische Herausforderung seines Lebens und der Jüngling mag darunter gelitten haben, noch über keine tiefen Kenntnisse Hegels zu verfügen. Denn das Studium Hegels ist eine Ochsentour. Karl Hugo Breuer verkürzt in seiner Dissertation ‚Der junge Marx und sein Weg zum Kommunismus‘ aus dem Jahr 1952 die Bedeutung Hegels für Marx, wenn er lediglich von einem Bildungserlebnis spricht. Hegel begleitet ihn sein Leben lang, denn die Anwendung materialistischer Dialektik kann nicht ohne äußerst kritische Orientierung an der idealistischen gelingen. Auch Lenin studierte Hegel mehr als Feuerbach. Überhaupt ist die Dissertation von Breuer recht dünne geraten, das ist seinem biographisch-psychologischen Ansatz geschuldet, der der Mode des Existentialismus geschuldet ist. Das Werk wird gedeutet als Ausformung der Persönlichkeitshaltung. Marx entfaltet sich dann so: Der unbedingte Marx, der radikale Marx, der widersprechende und sich im Widerspruch festbeißende Marx, der ein „gewaltiger Hasser“ war, der jüdische Marx, der antisemitische Marx, und in der Tat hat Marx in einem Brief an Ruge im März 1843 geschrieben, der israelitische Glaube sei ihm widerlich, der depressive Marx, der polemische Marx, der für die Menschheit wirken wollende, also der praktische Marx, der aus dem Schattenreich des Amenthes hervortretende Marx, der stilistische, sprachstilistische Marx, sein Denken in Oppositionen, der späte bzw. ‚marxistische Marx‘ (Seite 103), das alles interessiert Heuer und um dem näher zu kommen, wertet er vornehmlich Briefe aus. Seine Dissertation steht somit an der Kippe zur Biographie, zur Spielerei. Weder Marx noch Engels, weder Lenin noch Stalin hatten Zeit zur Abfassung einer Autobiografie, aber Trotzki. Es stimmt nicht, dass immer der Mensch im Mittelpunkt der Wertewelten des jungen Marx steht (Vergleiche Karl Hugo Breuer, Der junge Marx und sein Weg zum Kommunismus, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, 1952,10), das trifft auf Feuerbach zu. Feuerbach doktert am Menschen herum, Marx an der Arbeiterklasse. „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird“ (Karl Marx, Friedrich Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, Gegen Bruno Bauer und Konsorten, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,38. Der Romantiker Novalis segnete einst die „heilige Eigentümlichkeit“ des je Individuellen ab, das passte nicht mehr in eine Zeit der Wölfe und Maschinen.). Hier liegt die Unbedingtheit Hegels, des Bewunderers Tamerlans, vor. Breuer beklagt, dass für die meisten Marxforscher Marx erst mit seiner Auseinandersetzung mit Hegel wissenschaftlich interessant wird. Aber wenn die Wissenschaft es mit dem Substantiellen zu tun hat, so ist tatsächlich diese Konjunktion ‚Hegel – Marx‘ es, die bis heute überdauert. Immer noch geht es um ‚Hegel – Marx‘. Das ist schon Arbeit genug und nur wenige erweitern diese Jahrhundertkonstellation durch Hinzuziehung Feuerbachs, der tatsächlich in der Mitte zwischen beiden steht. Auf dem Gebiet der Philosophie ist ohne Zweifel die Auseinandersetzung mit der Hegelschen der zentrale Weg Marxens zum Kommunismus, zur Kollektivierung des Menschen als Bedingung des Aufblühens seiner Originalität. Wer es anders deutet, muss die klassische deutsche Philosophie als Quelle des Marxismus in Frage stellen. Engels hatte Anfang 1886 geschrieben, dass aus der Auflösung der Hegelschen Schule der Marxismus hervorgegangen sei (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,291). Breuer sieht hierin eine Vereinseitigung (Vergleiche Karl Hugo Breuer,  Der junge Marx und sein Weg zum Kommunismus, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, 1952,61). Es verwundert nicht, dass er den Kern der Sache, Marxens kritische Auseinandersetzung mit dem Hegelschen Staatsrecht, allenfalls touchiert. Wenn man wie er das Werk eines Theoretikers der Arbeiterbewegung als dessen Persönlichkeitsentfaltung liest, dann brauchen die Arbeiteraufstände in Lyon oder die Chartistenbewegung in England keine Erwähnung. Er sieht in Marx insgesamt einen Kämpfer gegen den Egoismus, wählt selbst aber einen subjektiv-psychologisierenden Ansatz bei der Durchleuchtung und Explikation von Leben und Werk des jungen Marx.

2. Vergleiche die Broschüre „Karl Marx, Der größte Sohn des deutschen Volkes, Vorbild und Ratgeber eines jeden deutschen Patrioten“, Kongress Verlag Berlin, 1953

3. Karl Hugo Breuer, Der junge Marx, Sein Weg zum Kommunismus, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, 1952,46

4. Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Band 1, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,85f.

5. An der auch Engels in späten Jahren leiden wird.

6. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9a.a.O.,10

7. a.a.O.,11.

8. Ihr glücklichen Roboter in Nordkorea, ihr habt heute nicht mehr die seelischen Qualen eures Gründungsvaters.

9. Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, Werke Band 13, Dietz Verlag Berlin, 1960,9

10. Brief von Jung an Ruge vom 18. Oktober 1841, in MEGA, I ½,262. Für den philosophischen Kommunisten Moses Heß war Marx der Mann, „der der mittelalterlichen Religion und Politik den letzten Stoß versetzen wird“. (Moses Heß, Brief an Auerbach vom 2. September 1841).

11. Arnold Ruge, Brief an Ludwig Feuerbach vom 15. Mai 1844, in: Briefwechsel und Tagebuchblätter 1825 bis 1880, hrsg. von Paul Nerrlich, 2 Bände, Berlin, 1886, Band 1,343f. Köppen sah in Marx ein „Arbeitshaus“. Engels hatte einmal an Marx geschrieben: Solange Du noch ein für wichtig gehaltenes Buch nicht gelesen hast, kommst Du nicht zum Schreiben. Franz Mehring schrieb: „Als denkender Kopf hat Marx schon auf der Universität selbständig gearbeitet, und in zwei Semestern einen Wissensstoff bewältigt, den in der langsamen Stallfütterung der akademischen Vorlesungen zu verarbeiten nicht zwanzig Semester genügt haben würden“ (Franz Mehring, Karl Marx, Geschichte seines Lebens, Berlin, 1960,16). Eigene Texte werden von Marx immer wieder durchwühlt. „Beendige doch endlich Dein Zaudern und Deine saumselige Behandlung eines Unsinns und einer bloßen Farce, wie das Examen ist“, schreibt Bauer in einem Brief vom 1. März 1840. (Brief an Karl Marx vom 1. März 1840, in: MEGA I ½,237). Marx kann sich nur dadurch helfen, dass er aus seinem Dissertationsvolumen zwei Teilprobleme aussondert und sie zur Doktorarbeit zusammenflickt. Die Dissertation von Marx darf von ihm ausgesehen als eine halb gescheiterte gedeutet werden. Nicht weil er faul ist, im Gegenteil, er liest zu viel, die Philosophie treibt ihn immer weiter, ist ein so übernächtiges Werk als das Gewebe der Penelope, und im Hinterkopf mag der Finalismus Hegels wirken, des Philosophen, der mit der Welt fertiggeworden war. Die Schlusspassagen der großen Werke Hegels, die noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht worden sind, die ‚Phänomenologie‘ und die ‚Logik‘, sind sprachmusikalisch so verdichtet, dass beim Lesen im Hintergrund die neunte Symphonie Beethovens erklingt. Hier darf nur noch der Name Hölderlin erwähnt werden. Hegel mag hier glücklich gewesen sein, und seine Frau hat ihm seine Bemerkung verübelt, dass er ansonsten auch noch verheiratet sei. Wer sich auf die Philosophie einlässt, lässt sich auf den faustischen Dämon ein, der unhintertreiblich einem Rausch der totalen Welterfassung verfällt, zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Auf den Rausch folgt der Kater und dieser hat Philosophen wie Empedokles in den Suizid niedergedrückt. Wir müssen uns damit abfinden, dass im Augenblick einer menschlichen Wissensermächtigung im Universum Milliarden andere Wissensgebiete explodieren, von denen uns fast alle unbekannt bleiben werden. Man hat das menschliche Wissen zu verfächern versucht wie ein Lahmer Krücken braucht. Marxens Tochter Eleanor berichtet, dass es ihrem Vater stets um die Sache gegangen sei, um die kommunistische, die es zu vollenden galt. Und so musste schließlich einiges auf der Strecke bleiben.  Auch der Plan, eine Geschichte des Pariser Jakobinerkonvents zu schreiben, blieb liegen, ebenso wie eine Kritik Trendelenburgs, für den es keinen dialektischen Aristoteles gab, sondern einen nur formallogischen. Marx hatte im Brief an Bauer vom 11. Dezember 1839 die Absicht bekundet, das Gegenteil beweisen zu wollen. Am 20. März 1842 schreibt er an Ruge, einen ‚Epilog de Romanticis‘ zu verfassen, am 27. April 1842 soll es ein Aufsatz über die Romantik werden … und nichts kommt ….    usw … usf. Dies alles lässt auf eine jugendliche Sprunghaftigkeit schließen, die dem Augenblick gehorcht. Der alte Marx ist da ganz anders. Er sitzt Tag für Tag in der Bibliothek des Britischen Museums, brütet über Klassiker der politischen Ökonomie und verrichtet Tag für Tag intellektuelle Knochenarbeit, die an seiner Gesundheit zehrt. Die Zivilisation erweist sich als großer Zeiträuber. Jetzt beugt sich der Wissenschaftler dem Diktat der Mathematik und ackert Statistiken durch, die für den jungen Poeten ein Gräuel waren.

12. Vergleiche N. I. Lapin, Der junge Marx, Dietz Verlag Berlin, 1974,208

13. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,468f.

14. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,3. Für Hegel war die Weltgeschichte das Werk Gottes, eine Bestimmung, die anzeigt, wie sehr Idealismus und Religion Hand in Hand gehen. Auch müssen wir in Marxens Brief einen Kult der Familie konstatieren, das Herz der Eltern sei die heiligste Stätte (a.a.O.). Das wird sich unter dem Einfluss des utopischen Sozialisten Fourier radikal ändern, in der vierten Feuerbachthese wird es zu einem Inhalt der proletarischen Revolution ausgerufen, die christlich-bürgerliche Familie zu vernichten (Vergleiche Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,6).

15. Der Atheist Lenin erregte 1917 mit seinen ‚Aprilthesen‘ Aufsehen, selbst alte Bolschewiki sahen in ihnen Fieberphantasien. Der Historiker Manfred Hildermeier bemerkt treffend: „Seine ‚Aprilthesen‘ schlugen ein wie ein Blitz, sie warfen die Politik der Bolschewiki über den Haufen“. (Manfred Hildermeier, Genie des Augenblicks, in: ZEITGeschichte Nr. 2, Epochen, Menschen, Ideen. Revolution in Russland, Kriegseintritt der USA: Ein Jahr, das die Welt verändert, Hamburg, 2017,28). Und als der im Exil in Mexiko lebende Leo Trotzki die Telegramme über die Moskauer Prozesse las, kamen diese ihm vor wie Fieberphantasien. Es gibt Marxistinnen und Marxisten, die das Fieberphantastische aus dem wissenschaftlichen Sozialismus verdrängen. Sie hätten im Großen und Ganzen Recht, würde dieses sich auf den 19jährigen Stammvater beschränken.

 

 

 

Der Produktionsprozess beherrscht den Produzenten

11. November 2017

 

Nicht nur haben die technisch-industrielle Revolution und die klassische deutsche Philosophie die menschliche Arbeit in den Mittelpunkt der Weltaufmerksamkeit gestellt, sondern aus diesem Mittelpunkt ergibt sich ja das Phänomen der modernen Zeit – die Überarbeitung, die sich im Warenfetisch ausdrückt. Der Produktionsprozess beherrscht den Produzenten. Dieser ist mit dem ersten Handschlag bereits überarbeitet. Angesichts der Übermacht immer drückender objektiver Zusammenhänge sind wir alle überarbeitet. Je heller alles im Licht der Technik erstrahlt, desto kälter und belastender wird sich ihr übernächtiger Schatten auf das Haupt der Erschöpften legen.

Mit der technisch-industriellen Revolution änderte sich der Gegenstand der Intellektuellen Europas. Im rückständigen Deutschland konnte der geläuterte Metaphysiker Hegel noch einmal den Schwerpunkt auf die Philosophie legen, während in Frankreich die Lehrstühle für Metaphysik eingegangen waren. Das ganze intellektuelle Deutschland ging mit der Philosophie schwanger und befasste sich nach Hegels Geschichte der Philosophie mit der Galerie der großen Geister und mit den Heroen der denkenden Vernunft. Nur mit seiner Philosophie war Deutschland auf der Höhe der Zeit. Aber die objektive Entwicklung zwang ein anderes Thema auf: Die Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung mit Millionen in der Agrikultur und mit Millionen, die in der sich rasch entwickelnden, mehr und mehr die Nationalökonomie beherrschenden  Industrie tätig waren. 1844 versuchte Marx in Paris noch einen Spagat zwischen Philosophie und Ökonomie, den er abbrach.

Marx und Engels haben das Übergewaltige des Objektiven bis in die letzte Haarspitze formuliert:„Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird“ (Karl Marx, Friedrich Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, Gegen Bruno Bauer und Konsorten, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,38). Also selbst die Vorstellung des ganzen Proletariats hat nicht genügend Kraft in sich, objektive Macht zu werden und objektive Macht zu brechen. Das Proletariat ist mächtig allein schon durch seine wuchtige Existenz. Sein Gewicht wird die Waage des Klassenkampfes eines Tages einseitig belasten.

Der proletarischen Umwälzung ist das Abwälzen inhärent, sie kann nicht auf eine nur politische verkürzt werden. Es geht um die Qualität der Arbeit, die aus einer bisherigen Last durch Plan und Kollektivität in eine Lust umschlagen soll. Unter den Bedingungen der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft spricht Hegel ganz richtig von einer ‚Arbeit des Negativen‘ und bezeichnet Goethes Mephisto als eine ‚gute Autorität‘. In diesen Produktionsprozessen ist der tätige Mensch außer sich, kann sich nicht anschauen  und geht als Mensch ohne Gesicht zu Grunde.

Das schöpferisch Kulturelle ist heute auf der Höhe der Zeit als Ausdruck des Objektiven, nicht des Subjektiven. Dafür steht immer noch die Aufführung ‚Das rote Frauenbataillon‘ auf der Peking Oper aus der Zeit der Großen Kulturrevolution. In Europa zeigte sich dieser Zug zuerst in der frühbürgerlichen Revolution. Luther hatte die Zuchtrute der Askese angelegt und die Deutschen in kauernde und sinierende, bibbernde  Mönche verwandelt, die jeder Revolution aus dem Weg gingen. Das Subjekt musste sich zurücknehmen, was der Effiziens der Wirtschaft durch Akzeptanz von Ausbeutung zugute kam.  Immer mehr musste sich das Individuelle zurücknehmen und der graue Kant hat das in seiner asketisch berechneten Lebensweise vorgemacht als Versuch, die Heteronomie der Natur nicht nur in der Theorie durch die Autonomie der Vernunft, sondern auch in der Alltagspraxis durch eine krankhafte Disziplin zu bezwingen. Sigmund Freud hat diesen Zusammenhang aufgezeigt. Hohes kulturelles Wirken ist bedingt durch die Disziplinierung der Neigungen. Hegel, der seine Philosophie selbst als eine graue bezeichnete, hatte seinen Rechtsstaat schon so formuliert, dass es Einzelnen nicht gestattet ist, sich an ihrer eigenen Partikularität zu wärmen. Denn die Philosophie malt ihr Grau in Grau.

Aussteiger aus diesem Grau in Grau wie Gauguin trieb es in die Naivität der Südsee mit der Hoffnung, dort zu sich selbst zu finden, sich anzuschauen und sich dann so malerisch ausdrücken zu können. Er spürte, dass Authentizität und Originalität im europäischen Milieu gigantischer Strukturen ersticken, van Gogh ist an der Zerstörung zwischenmenschlicher Beziehungen im Zeitalter der Maschinen und Wölfe irre geworden. Durch die nur noch künstlich stattfindende Kommunikation im Computerzeitalter ist die Krankheitskurve der depressiv Erkrankten rapide nach oben geschnellt, und so auch die Selbstmordrate unter ihnen. Die Werbung in den Massenmedien gaukelt perfekt funktionierende Menschen als Norm vor, die Depressive noch weiter in ihre Krankheit hineintreibt. Die Wirklichkeit ist immer fehlerhaft, aber durch die Dauerpräsenz kapitalistischer Massenmedien verwischen die Grenzen zwischen wirklichen und künstlichen Welten, insbesondere bei jungen Menschen ohne Lebenserfahrung. Die sich häufenden, meistens tödlich ausgehenden Amokläufe werden im Fernsehen vorgeführt und während in einer Nachrichtensendung eine armselige Journaille zehn Minuten Amoklauf präsentierte, wurde ein gleichzeitig stattfindender europäisch-asiatischer Gipfel, der Millionen und Abermillionen Menschen betraf, mit zwei Sätzen abgefertigt. Man muss hier den Hebel einer Kulturrevolution ansetzen und nicht die Depressiven einer Ärzte-, Psychiater – und Pharmamafia aussetzen. Das Subjektive behauptet sich heute weitgehend im Heldenkult einer massenverdummenden ekelhaften Filmindustrie, in der gesellschaftliche Konflikte durch Helden mit Colt und Knarre, nicht durch Kollektive gelöst werden, und im Personenkult, vor dessen Repräsentanten millimetergenau dressierte und gleich aussehende Soldatenblöcke im Stechschritt paradieren, während die letzten Ureinwohner im Urwald Amazoniens, denen Depressionen unbekannt sind, zur Trommel noch tanzen.

 

Über den Verfall des Bildungsurlaubes

5. November 2017

Marxist/innen schwimmen heute gegen den Strom, insbesondere in einer Zeit, in der dialektisches Denken durch digitales abgelöst zu werden scheint. Die bürgerliche Kultur, im Besitz der Produktionsmittel,  führt auf ihre Art einen Vernichtungsfeldzug gegen das  dialektische Denken, an dem  die massenmediale Flachheit massiv mitwirkt. Eins hat dieser Feldzug bis jetzt erreicht:  die völlige Vernachlässigung der Sphäre in den Köpfen der Menschen, die Dilthey einst die „human-gesellschaftlich-geschichtlich-kulturelle Welt“ nannte.  Am meisten leidet die Arbeiterklasse darunter, denn der bornierte Bourgeois jagt ohnehin nur dem Profit nach. Gab es zum Beispiel in den Angeboten der Volkshochschulen im vergangenen Jahrhundert im Rahmen des Bildungsurlaubes kulturelle Themen, bei denen die Arbeiterklasse etwas für sich lernen konnte, wenn sie das Gequake der Seminarleitung kritisch durchleuchtete, so arbeiten diese sogenannten Hochschulen heute ganz im Interesse des Profits: es werden bis auf ganz wenige Ausnahmen, eine Art Alibi, nur noch Fremdsprachen- und PC-Kurse angeboten, vom Menschenrecht des arbeitenden Menschen ist schon lange nicht mehr die Rede. Die Rede davon war immerhin, es gab im Rahmen des Bildungsurlaubes auch Seminare zum Kapital von Marx.

Ich erinnere mich noch, dass ich mich zu einem zweiwöchigen Bildungsurlaub zu einem dieser Seminare angemeldet hatte, dass aber wegen zu geringer Resonanz (eine weitere Teilnehmerin und ich plus Seminarleiter) abgesagt werden musste. Das Niedersächsische Bildungsurlaub schreibt als Mindesteilnehmerzahl ‚zehn‘ vor und es schreibt auch vor, dass man einen zweiwöchigen Bildungsurlaub nur dann in Anspruch nehmen kann, wenn man im Vorjahr keinen belegt hat. Das war wohl ein Grund für die zu geringe Teilnehmerzahl. Der Seminarleiter hielt wohl mit gewissem Recht einen einwöchigen Kurs vom inhaltlichen Volumen her für wenig sinnvoll. Wir sehen aus alledem, wie wichtig und sinnvoll es ist, dass die Arbeiterklasse Seminare selbst organisiert. Zur Zeit findet in Hannover ein von der IG Metall organisierter Kurs zum Kapital über drei Wochendenden verteilt statt. Der erste Kurs konnte immerhin 30 Teilnehmer/innen verzeichnen. Leider unterließen es die beiden Seminarleiterinnen, auf die Bedeutung der Imperialismusanaylse von Lenin, auf seine geniale Vertiefung des Kapitals von Marx hinzuweisen. Es ist heute nun aber einmal so, dass man Seminare über das Kapital von Marx mit Lenin eröffnen und mit Lenin beenden muss. Das ‚Kapital‘ von Marx ist kein historischer Text. Der Leninismus ist nicht der Maßstab schlechthin, einen solchen gibt es nicht, aber er ist der zur Zeit maßgebende.

Dabei ergibt sich beim Durchlesen des Bildungsurlaubgesetzes der Tenor, dass das Gesetz eindeutig Seminarthemen favorisiert, die inhaltlich zum Arbeitsprozess alternativ zu gestalten sind. Das wären natürlich Seminare über das Marxsche ‚Kapital‘. Dem Wort und der Idee nach sollte es doch beim Bildungsurlaub um eine Horizonterweiterung gehen. Die Geisteswissenschaftler sind heute in eine gesellschaftliche Position gedrängt, die derjenigen der islamischen Mullahs vor dem Sturz des Schahs ähnelt. Eine Physikerin mit erheblichen charakterlichen Defiziten steht heute auf der Kommandobrücke des bürgerlichen Staates und von bürgerlicher Politik eine Lösung der brennendsten Probleme des Volkes durch Vernichtung der Herrschaft des Kapitals zu verlangen hieße ungefähr so viel wie von einem Bordellwirt eine wissenschaftliche Abhandlung über Moral im allgemeinen zu erwarten.

Und es gilt auch  aufzupassen, den Kulturverfall beklagt auch der christliche Pfaffe, um seinen Traum zu erfüllen, das Volk in einen mittelalterlichen Käfig einzusperren. Es gibt islamische und christliche Mullahs, die Marx als „Menschenkehricht“ (Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,359). bezeichnet hätte und hat.  Was ist denn aus dem Wort „Menschenkehricht“ abzuleiten? Daraus ist abzuleiten, dass man diesen ganzen perversen mittelalterlichen Dreck, den man nur mit Schutzhandschuhen anfassen kann, Polizistinnen und Polizisten, die im Dienst des volksfeindlichen Kapitals stehen, tun übrigens das gleiche mit den Ärmsten der Armen des Volkes, mit Obdachlosen und Bettlern, als sei der Pauperismus eine ansteckende Krankheit (was er auf eine andere Art in der Tat ist), auch gegen ‚marxistisch-leninistische Besserwisser‘ im Lokus eines Arbeitslagers verschwinden lassen muss. Heute predigen Spießbürger und christliche Pfaffen Toleranz gegenüber dem Islam, um auch ihre blökenden Schafe bei der einträglichen christlichen Stange zu halten. Die großen Kirchen in Deutschland gehören zu den reichsten der Welt. Wenn die Arbeiterklasse diese Dunkelmänner bekämpft, so bekämpft sie nur die Feinde ihrer Feinde.

Russland war 1917 ein rückständiges Land

1. November 2017

Heute wie von hundert Jahren wird viel Aufhebens davon gemacht, dass die Oktoberrevolution von einer Handvoll Bolschewiki unzeitgemäß inszeniert worden und kontrovers zum klassischen Marxismus über die Bühne gegangen sei. Allerdings brach schon 1789 die klassische bürgerliche Revolution nicht im damals industriell fortgeschrittensten Land aus, denn das war zweifelsfrei England. Aber keinem bürgerlichen Ideologen ist es je eingefallen, darüber wie Kautsky, Bernstein u. a. zu zetern, die Revolution sei eine schiefe. Mehr noch, sie sei zu früh ausgebrochen, ihr Rahmen sei überdehnt worden, sie hatte nur eine bürgerliche gegen den Zarismus sein können. Wer hatte darüber wohl ein besseres Urteilsvermögen, der russische Muschik, in der Regel ein Analphabet, oder die Häupter des Revisionismus mit ihren jahrzehntelangen politischen Erfahrungen im hochentwickelten Westeuropa?

Diesen Revisionisten war der Vergleich entgangen, den Marx zwischen den ersten Arbeiteraufständen von 1830 und 1834 in Lyon und dem schlesischen Weberaufstand 1844 angestellt hatte. In Frankreich war das politische Bewusstsein der Bourgeoisie höher entwickelt als in Deutschland und gerade das färbte sich negativ auf das französische Proletariat ab. Sie begriffen sich in ihren Aufständen als bürgerliche Soldaten der Republik, weil sie nur in der Form der Politik denken konnten. „So verdunkelte ihr politischer Verstand ihnen die Wurzel der geselligen Not, so verfälschte er ihre Einsicht in ihren wirklichen Zweck, so belog ihr politischer Verstand ihren sozialen Instinkt“ (Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel ‚Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen‘, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,407).

War dieser soziale Instinkt bei den Revisionisten überhaupt noch vorhanden? Kann man nicht sagen, dass ihr politischer Verstand ihnen die Wurzeln der Oktoberrevolution verdunkelte? Dass sie gar nicht mehr begreifen konnten, was Lenin in seinem Fundamentalwerk ‚Staat und Revolution‘ gegen Bernstein über die dringende Notwendigkeit einer primitiven Demokratie in Russland geschrieben hatte? Die Revisionisten lachten über die Köchin, die die vier Grundrechenarten beherrschte und nun bereits in der Lage sein sollte, Regierungsaufgaben in komplexen und immer komplexer werden gesellschaftlichen Systemen zu übernehmen, wie sich die bürgerlichen Soziologen Michailowski und Spencer auszudrücken pflegten (Komplizierung des öffentlichen Lebens, Differenzierung der Funktionen u. dgl. m.) und denen die Revisionisten folgten.

Der Vergleich, den Marx zwischen den französichen Arbeiteraufständen und dem Weberaufstand anstellte, kann diesbezühlich aufschlussreich sein. Die Lyoner Arbeiter hatten für ihn nur beschränkte politische Ziele entwickelt, während den politisch und kulturell rückständigeren Webern die soziale Mission des Proletariats bewusst geworden war. In ihrem Gedicht ‚Das Blutgericht‘ finden wir die Zeilen, die Revisionisten und Arbeiteraristokraten niemals mitsingen würden: ‚Ihr Schurken all, ihr Satansbrut, ihr höllischen Kujone! Ihr freßt der Armen Hab und Gut, und Fluch wird euch zum Lohne!‘. Wir sehen also, Fortschritt und Rückschritt sind relative Begriffe, die ihre Plätze tauschen können. Für Marx begann der schlesische Weberaufstand im rückständigen Deutschland gerade damit, womit die französischen Arbeiteraufstände im klassischen Land der Revolution endeten, die Weber hatten von Anfang an das Bewusstsein einer sozialen Mission, die Marx und Engels als eine welthistorische ausformulieren sollten. Man beachte die Reihenfolge: erst die Weber, dann die Theoretiker. Das sollten alle diejenigen bedenken, die auch heute noch den Versuch unternehmen, nachzuweisen, dass  die Oktoberrevolution quer zum klassischen Marxismus stehen würde.     

Die Einheit der Welt – ein Artikel zur Adventszeit

28. Oktober 2017

Auf Grund der ihn auszeichnenden Warenproduktion wird der Kapitalismus die Religion nicht los. Wenn die Produzenten ihre Produkte unmittelbar austauschen ohne Dazwischenkunft des Wertes, wird auch die Anerkennung der Produzenten untereinander ohne den Umweg der Religion möglich sein. So können zum Beispiel sich auf ein religiöses Fundament beziehende politische Parteien gar kein Interesse an einer sozial befriedeten Gesellschaft Gleicher haben, sie müssen spalten, eine Verdopplung der Gesellschaft in Arme und Reiche aufrechterhalten, denn diese Verdopplung koppelt die Armen auf der Suche nach einem Ausweg aus der sozialen Misere immer schafsköpfig auch an eine jenseitige Lösung. Die niedergedrückte Kreatur kann als niedergedrückte nicht anders als hoffen, dereinst zu einem selbstbewussten Wesen, gegebenenfalls im Jenseits, zu mutieren. Das Bildungssystem der spätkapitalistischen Gesellschaft hält zu diesem das Lebensglück vertagenden Irrweg an. Religiös bedingte Barmherzigkeit wird hier und da gewährt, ein ordentliches, warmes Essen einmal im Jahr am sogenannten Heiligen Abend, aber in ihrem politisch-sozialen Kern schützen die sogenannten Christenmenschen die Reichen und Mächtigen und sind hart und grausam gegen die Kleinen und Schwachen. Sie sind falsche Menschen, Heuchler durch und durch. Sie spiegeln ihre Seele in der Reinheit des himmlischen Lichtes, während sie ihre Exkremente auf die von den Kapitalisten ausgebeuteten Völker fallen lassen.

Die Verdopplung der Welt durch die metaphysische Weltanschauung ist bedingt durch die Verdopplung der Menschheit in Herren und Knechte. Gleichheit und Einheit werden zurückgewiesen, um durch eine Pseudokomplexität des Weltzusammenhangs die Machtposition der Ideologen gegenüber den Unterdrückten, die Machtposition der Kopfarbeiter gegenüber den Handarbeitern, die Machtposition der abstrakten Arbeit über die konkrete zu festigen. Die Konterrevolution zwingt die Menschen immer zu einem Doppelleben, sie zerstört damit auch menschliches Leben. 1584 veröffentlichte Giordano Bruno in London eine Serie von Büchern, die der katholische Klerus sofort als ketzerische auffassen musste. Bruno vertrat in ihnen die Lehre von der physischen Homogentät der Welt , die Idee der Einheit der unendlichen Substanz, womit er sich gegen die Annahme eines Vakuums durch die griechischen  Atomisten wandte, und die Idee von der Allpräsenz  und alles bewegenden Weltverstandes,  der nicht irgendwo hinter dem Mond haust, sondern in jedem Ding auf Erden. Das war genug, Bruno wurde am 17. Februar 1600 auf Geheiß des Vatikans nach acht Jahren Kerker  in Rom auf dem Campo di Fiori verbrannt.

1860 entwickelte der russische Gelehrte Tschernyschewski in seiner Schrift ‚Das anthropologische Prinzip in der Philosophie‘, dass man den Menschen als ein Wesen betrachten muss, welches nur eine Natur hat. Man dürfe nicht das menschliche Leben in zwei Hälften zerschneiden, die zu verschiedenen Naturen gehören.Dieses Postulat erscheine sehr einfach, aber die Mehrheit der Gelehrten fahre fort, so klagte Tschernyschewski, den Menschen nach der früheren phantastischen Methode zu zerspalten. Und am sogenannten Heiligen Abend werden die Kirchen wieder voll sein von gespaltenen Persönlichkeiten. Für Marx bedingen sich die Geschichte der Natur und die Geschichte des Menschen, Naturgeschichte und Gattungsgeschichte gegenseitig. Die Geschichte ohne materialistische Basis war bisher immer eine übernatürliche, das Verhältnis zwischen den Produzenten und der Natur war weitgehend ausgeschlossen, „wodurch der Gegensatz von Natur und Geschichte erzeugt wird“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,39). Der in den Köpfen der Historiker spukende Gegensatz von Natur und Geschichte führte diese in eine Einseitigkeit, die die Geschichte falsch widerspiegeln musste. Man kann sagen, die Historiker sahen nur die im Lichte (Staatsmänner, große Männer), die im Schatten sahen sie nicht, die geschundenen und ausgebeuteten  Völker, Bäuerinnen kamen in den Geschichtsbüchern nicht vor). Geschichtliche Prozesse wurden oft dargeboten, als würden sie einen Anhang zur Kirchengeschichte abgeben.  Der Mensch ist ein Naturwesen. Man gerät sofort auf Abwege, separiert man ihn aus ihr. In der Geschichte werden immer wieder neue Verhältnisse der Produzenten zur Natur und untereinander geschaffen.  Die Geschichte ist die wahre Naturgeschichte des Menschen. Ich möcht noch kurz auf Feuerbach eingehen: Im Denken Feuerbachs liegen ohne Zweifel fruchtbare Ansätze vor. Zum Beispiel der Gedanke, dass bald die Polizei die Basis der Theologie sein wird, zum Beispiel der Gedanke, dass man in einem Palast anders denkt als in einer Hütte. Aber er nutzt sie nicht aus, ist zu wenig politisch. Gibt keine Kritik der jetzigen Lebensverhältnisse, heißt es in der ‚Deutschen Ideologie‘ (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,44). Dort heißt es auch: Für den Materialisten Feuerbach kommt die Geschichte nicht vor, und soweit er sie betrachtet, ist er kein Materialist (Vergleiche a.a.O.,45).

Solange es Staaten und Politik gibt, behauptet sich auch eine perverse Religion. Dass die politische Revolution der Religion kein Haar krümmen kann, dass ihr die Betäubung des Menschen durch religiösen Fusel gleichgültig ist, das war bereits dem 25jährigen Marx klar, die bürgerliche Gesellschaft ist pervers durch und durch und die bürgerliche Gesellschaft ist religiös durch und durch: „Religiös sind die Glieder des politischen Staats durch den Dualismus zwischen dem individuellen und dem Gattungsleben, zwischen dem Leben der bürgerlichen Gesellschaft und dem politischen Leben, religiös, indem der Mensch  sich zu dem seiner wirklichen Individualität jenseitigen Staatsleben als seinem wahren Leben verhält, religiös, insofern die Religion hier der Geist der bürgerlichen Gesellschaft, der Ausdruck der Trennung und der Entfremdung des Menschen vom Menschen ist“. (Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,360). Man hört auf, ein Marxist zu sein, wenn man aufhört, gegen das Pfaffenpack, gegen die Religion gleich welcher perversen Spielart, gegen die asozialen Dunkelmänner, gegen diesen perversen Abschaum des Mittelalters zu kämpfen.  Wer Toleranz etwa gegenüber dem Islam predigt, spuckt der fortschrittlichen Menschheit mitten ins Gesicht. Es kann keinen atheistischen Staat geben und je mehr Marx sich in ökonomischen Studien vertieft, desto deutlicher wird ihm, dass der Pfaffe nicht der Hauptfeind des Proletariats sein kann. Der Hauptfeind steht in Gestalt der Ankäufer der Ware Arbeitskraft im eigenen Land.

Die Pariser Commune hatte diesen für soziale Revolutionen charakteristischen Zug zur Einfachheit, während konterrevolutionäre Ideologie die Gesellschaft als etwas spezifisch Widersprüchliches und Komplexes darstellen muss. Die Konterrevolution fürchtet sich, wenn sich die Revolution wie ein Mann erhebt. Lenin führt uns die westeuropäischen und russischen Philister vor, die „mit ein paar bei Spencer oder Michailowski entlehnten Phrasen … auf die Komplizierung des öffentlichen Lebens, die Differenzierung der Funktionen u. dgl. m.“ (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,401) hinweisen. Das hat Lenin am Anfang seines Fundamentalwerkes ‚Staat und Revolution‘ geschrieben und das ganze Werk ist ein Plädoyer für die primitive Demokratie, ist ein Plädoyer gegen die Bürokratie, für die Köchin, die die vier Grundrechenarten beherrscht, ausreichend, den „Staat“ bzw. den Halbstaat zu regieren. Der Metaphysiker Hegel, der Apologet der preußischen Bürokratie, hatte nach der Oktoberrevolution, die eine Revolution der Einheit war, in Russland keine Chance mehr. In den großen Sowjetenzyklopädien der Stalinzeit ist eine völlig korrekte Einschätzung der Philosophie Hegels zu finden, sie wird angegeben als eine aristokratisch-feudale Reaktion auf die bürgerliche Revolution in Frankreich aus dem Jahr 1789. Hegels Servilität liegen offen zu Tage, man lese nur die untertänigsten Briefe an Autoritäten, besonders an Altenstein, seinem Minister. Hardenberg macht er zum Genie. Hegel schreibt an Kreaturen, die 1793 in Frankreich hätten dranglauben müssen. Die im Kern kleinbürgerliche 68er Bewegung musste zwangsläufig eine Hegelrenaissance mit sich bringen. Nicht aufgeworfen wurde in dieser Bewegung die Frage, warum sich der junge Marx kritisch gerade auf Hegels Darstellung des inneren Staatsrechtes warf, wo doch nach dem System Hegels  das äußere und die Weltgeschichte auch noch zur Disposition gestanden hätten? Weil er hier die Hegelsche Staatsphilosophie als Legitimationswissenschaft der Konterrevolution am besten entlarven und weil er hier den spezifischen Idiotismus der Bürokratie am besten darstellen konnte. Nichts kommt der stets Privilegien verteidigenden Bürokratie mehr entgegen als eine angebliche Komplizierung des öffentlichen Lebens, als eine ‚neue Unübersichtlichkeit‘. „Friede, Einigkeit und Gleichheit sind Feindinnen politischer Spitzfindigkeiten“ (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze des Staatsrechts, Reclam Verlag, Stuttgart, 1963,149).

Wie sehr der Hitler-Faschismus, die Adenauersche Restauration und die Springer-Presse das gesellschaftswissenschaftliche Denken misshandelt hatten, wurde deutlich in der Hysterie um die Gründung der ‚Kommune No 1‘ in West-Berlin Ende der 60er Jahre. Das war eine Farce. Der Marxismus folgt den großen Spuren der geschichtlichen Entwicklungen, er ist kein Quereinsteiger in die Geschichte, mit der er gleichwohl quasi aus ihr heraus brechen muss. Der Marxismus tritt der Weltgeschichte nicht doktrinär mit einem autonomen Gesellschaftskonzept entgegen, nach dem die Geschichte zu modeln sei. Die Entwicklung des Sozialismus kommt aus dem Kapitalismus her, sie steht zunächst nicht auf eigenen Beinen auf einer eigenen Grundlage. Deshalb die Zwecklosigkeit von lokalen Kommunegründungen.

Die frühere Verdopplung der Welt durch die Metaphysik hat sich als Differenz zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften kontinuiert. Der Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution ist auch ein Kampf zwischen einer monistischen und dualistischen Weltanschauung. Die nichtkämpfenden Sklaven der Konterrevolution sind in sich gebrochene Individuen, jenseits der Einheit von Mensch und Natur. Immer verdrängt Ideologie den Menschen als Naturwesen, um sich als ‚Zwei-Welten-Theorie‘ festzusetzen. Feuerbach löste dieses Problem nur zur Hälfte. Er entdeckt die irdische Familie als den Grund der heiligen, tastet aber die irdische nicht an. Die ‚Ehe für alle‘ ist keine progressive, sondern eine reaktionäre Angelegenheit. Man lese diesbezüglich nur mal in den Schriften Fouriers.

Der Tod des Leibes kann für religiöse Menschen kein endgültiger sein und die Philosophie ist dem sehr entgegenkommend weitgehend gefolgt. Hegel sprach vom Tod als dem absoluten Herrn, Fouché aber bodenständig nur von einem ewigen Schlaf. Feuerbach erst erwies sich als der Epikur unserer Zeit, indem er den Tod des Menschen als endgültigen rehabilitierte. Es gibt einen wahrhaftigen Tod, also gilt es, hier das Leben zu genießen, weil man es nur hier kann. Für Menschen gibt es kein Jenseits. Das Unendliche ist nicht ideell, sondern materiell. In der so gewonnenen Radikalität des Lebens lag für Feuerbach zugleich die Renaissance des Fleisches. Der Sex war für ihn die neue Religion; Marx und Engels setzten an die Stelle der Religion, von der selbst gebildetste Menschen annahmen, durch sie  in den Himmel geführt zu werden, den wissenschaftlichen Sozialismus, der zum Glück der Volksmassen auf Erden durch Anleitung bei der Ausrottung der kapitalistischen Klasse führt. Wie bereits Spinoza, der als Pantheist Wesen und Erscheinung Gottes nicht mehr auseinander hielt, Gott und Natur in eins setzte, erkannte: Was braucht der Mensch mehr als gesunde Nahrung und gute wissenschaftliche Bücher? Soweit ist der Kapitalistenabschaum heute noch nicht und er wird ohne Erziehung durch die Arbeiterklasse dieses Niveau auch nicht erreichen.

Bürgerliche Massenmedien – Der junge Marx – Juristen im Spätkapitalismus

23. Oktober 2017

Die bürgerlichen Massenmedien versuchen heute mehr denn je, uns alle auf das Niveau von politischen Analphabeten zu drücken, alles aus den Willen der Politiker zu erklären. Wie oft werde ich gefragt, was hältst du von dem und dem Politiker ?  Schon der junge Marx wusste: „Bei der Untersuchung staatlicher Zustände ist man allzu leicht versucht, die sachliche Natur der Verhältnisse zu übersehen und alles aus dem Willen der handelnden Personen zu erklären“(Karl Marx, Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,177). So legt sich der Spießbürger politische Fragen zurecht, so werden uns durch Talkshows die Gehirne vernebelt. Es gab eine Zeit der bürgerlichen Aufklärung, da wurden serienweise angeblich fortschrittliche Bücher publiziert, die das Glück der Völker von dem guten Charakter eines Königs abhängig machten, die bürgerliche Aufklärung spezialisierte sich auf die Erziehung von Kronprinzen im Geiste der Aufklärung.

Die Überlegungen von Marx zeigen an, wie fruchtbar das Verlassen des Schreibtisches des Philosophen im Jahr 1842 war, um sich der Politik zuzuwenden. Hatte nicht Marx ein Jahr zuvor in seiner Dissertation den Gedanken verfolgt, dass es Momente in der Geschichte der Philosophie gibt, in denen sie die Augen in die Außenwelt kehrt und als eine Person der Praxis „gleichsam Intrigen mit der Welt spinnt“? Jetzt war es soweit, er übersetzte die Sprache der Götter in die Sprache der sogenannten einfachen Menschen, damit sie ihre sozialen Interessen verfolgen, die die bürgerlichen Politiker nach jeder Wahl rasch wieder vergessen.  Marx ist als revolutionär-demokratischer Journalist parteiisch, was besonders in seinen Artikeln über die Debatten zum Holzdiebstahlgesetzes deutlich wird. In ihnen überführt er die Justiz als Handlangerin der Wohlhabenden, wie es im reaktionären Deutschland und nicht nur in ihm gute Tradition ist. 

Die Äußerung von August Bebel, Juristen sind Reaktionäre, war wohlüberlegt. Diese Worte hat heute die große Mehrheit der sogenannten ‚Linken‘ in Deutschland vergessen, sie hätschelt ihre angeblich linken, angeblich fortschrittlichen Rechtsanwälte; es gibt keine linken und fortschrittlichen Juristen. Es sind Schurken und Rechtsverdreher allesamt, Systemjuristen,  – oder muss ich erst auf Otto Schily und Horst Mahler hinweisen? Der junge Marx beendete seinen Abitursaufsatz im Fach: ‚Deutsch‘ mit den Sätzen: „Wenn wir den Stand gewählt, in dem wir am meisten für die Menschheit wirken können, dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie nur Opfer für alle sind; dann genießen wir keine arme eingeschränkte, egoistische Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Taten leben still, aber ewig wirkend fort, und unsere Asche wird benetzt von der glühenden Träne edler Menschen“. Welcher 18, 19jähriger Abiturient, der sich im spätkapitalistischen System entschlossen hat, Jura zu studieren, lässt sich heute von solchen Gedankengängen leiten? Spaß beiseite! Marx fing seine akademische Laufbahn als Jurist an, erkannte aber die Fruchtlosigkeit eines solchen Studiums, statt ein spießbürgerlicher Brotgelehrter zu werden, warf er sich auf das brotlose Studium der Philosophie und fand endlich heraus, dass der Schlüssel zur Erklärung des kapitalistischen Ausbeutungszusammenhanges durch ein kritisches Studium der politischen Ökonomie zu erfassen ist. Durch dieses konnt er am meisten für die arbeitenden Menschheit bewirken und sein Andenken gehört Millionen.

Heinz Ahlreip
heinzahlreip@aol.com

Zum Tag der deutschen Einheit 2017 im 100. Jahr der Oktoberrevolution Die weltgeschichtliche Bedeutung Deutschlands

3. Oktober 2017

Karl Marx wurde 29 Jahre nach der französischen Revolution geboren und starb 34 Jahre vor der Oktoberrevolution. In seinem Leben vollzieht er selbst die Wende von einem Anhänger der bürgerlichen Demokratie zum praktischen und theoretischen Vorbereiter einer proletarischen Revolution. In der 48er Revolution trägt seine in Köln erscheinende Zeitung ‚Neue Rheinische Zeitung‘ noch den Untertitel ‚Organ der Demokratie‘ aus taktischen Gründen, Karl Marx hatte sich bereits vom Demokraten zum Kommunisten entwickelt. Er erlebte 1848 die bürgerliche Märzrevolution hautnah, sein Freund Engels griff in sie sogar als Soldat unter dem Kommando Willichs ein. Noch der Glogauer Gesellenverein schreibt in einem Brief vom 26. März 1849 an das Zentralkomitee der Arbeiterverbrüderung in Leipzig, dass der Wahlspruch, den sich hiesiger Gesellenverein als Devise in seine neue Fahne gesetzt hat: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bald in allen deutschen Gauen widerhallt.    1851 besuchte er in London die erste industrielle Weltausstellung und vergegenwärtigte sich und erahnte die kolossalen Potenzen, die durch die industrielle Revolution bereits freigesetzt worden sind und noch freigesetzt werden. Aus diesem Besuch erwachsen drei Erkenntnisse. Der Kommunismus hat eine materielle Grundlage, das Paradies für wenige kann ein Paradies für alle werden, und zugleich gilt es von den jugendlichen Träumen einer in Kürze nach jakobinischem Muster bevorstehenden Revolution Abschied zu nehmen, gegen den sich Weitling so hartnäckig weigerte.  Je erwachsener Marx wird, desto mehr schwindet das Vorbild von 1792. Drei Jahre zuvor wollte er die 48er Revolution noch nach diesem ausrichten als Hauptrepräsentant des am weitesten linksstehenden jakobinischen Flügels der republikanischen Bewegung. Und drittens liegt nun der endgültige Durchbruch von der Politik zur Ökonomie vor. Ohnehin befindet sich Marx mit der Dialektik im Kopf, in dem sich immense Kenntnisse über revolutionäre Prozesse befinden, nun im klassischen Land der politischen Ökonomie. Die Bewegungen des Proletariats werden nun durch die ökonomische Brille studiert.   Marx wird ab jetzt immer in London wohnen. Dort wird er auch Zeuge des Krimkrieges und vor allem der ‚Pariser Commune‘, die er als Bestätigung seiner revolutionären Lehre und als weltweit erste ‚Diktatur des Proletariats‘ feierte. Gegen Ende seines Lebens, zwei Jahre vor seinem Tod, konnte er noch vernehmen, dass in Sankt Petersburg anlässlich des zehnten Jahrestages der Pariser Kommune eine Gruppe von Revolutionären die ‚Pariser Commune‘ hochleben lässt. Zusammen mit Engels schrieb er an diese Gruppe, dass auch Russland die Entwicklung zu einer russischen Kommune erfolgreich wird gehen können. Das war eine geniale Vorahnung.

Lenin wurde ein Jahr vor der Pariser Commune geboren und starb sieben Jahre nach der Oktoberrevolution. Mit ihm tritt ein Titan der praktischen Revolution in die Weltgeschichte ein, der sowohl die ökonomische Theorie von Marx über die Ausbeutung der Arbeiterklasse über unbezahlte Mehrarbeit durch die Kapitalistenklasse  beim Schein einer Vertragsgleichheit zwischen beiden als Einheit der Gegensätze  unter imperialistischen Bedingungen weiterentwickelt als auch Marxens politische Theorie der Notwendigkeit der Diktatur der Arbeiterklasse über die Kapitalistenklasse als Kampf der Gegensätze zwecks Überwindung jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ebenfalls nicht nur unter imperialistischen Bedingungen weiterentwickelt, sondern auch  unter denkbar schwierigsten Voraussetzungen in die Weltgeschichte als Zweck der Oktoberrevolution einbilden wird.

Kein Deutscher hat die Weltgeschichte damit mehr beeinflusst als Karl Marx, weil er in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit den Schlüssel erkannte zum Verständnis der gesamten Geschichte der Gesellschaft. Wenn überhaupt etwas als die unentrinnbare Schicksalsmacht der menschlichen Gattung gelten kann, so ist es überhaupt die Arbeit, die alle zunächst unbewusst verbindet und durch bewusste Verbindung qua Revolution und Plan der Produzenten durch Enteignung der den Nichtproduzenten gehörenden Produktionsmittel ihr Schicksalhaftes abwirft; es ist zum Beispiel nicht die Religion, die die Menschen verbindet oder die Philosophie; es gibt verschiedene Religionen und auch Atheisten, Materialisten und Idealisten.

Wie wertvoll die theoretische Arbeit von Marx war, wird zum Beispiel deutlich, wenn man sie mit der Ludwig Feuerbachs vergleicht. Dieser Schüler des Idealisten Hegel wendet sich ab einem bestimmten persönlichen Erkenntnissprung zwar vordergründig radikal gegen seinen Meister und bezieht vordergründig eindeutig materialistische und atheistische Positionen, erweist sich aber wie alle Materialisten vor Marx als unfähig, den Materialismus auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft anzuwenden. So kam ein Zwitter heraus, unten Materialist, oben Idealist. Für den Atheisten und Materialisten Feuerbach unterscheiden sich die geschichtlichen Perioden der Menschheit durch religiöse Veränderungen! Was hatte Feuerbach noch nicht erkannt? Es ist der Umstand, dass die Arbeit den entscheidenden Anteil an der Menschwerdung des Affen hat und dass in der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens nach einem der bekanntesten Sätze von Marx die Menschen gezwungen sind, gewisse notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse einzugehen und dies können nur Produktionsverhältnisse sein. Für Marx ist primär nicht so wichtig, was produziert wird, sondern wie. Die Geschichte der Arbeit, der Produktion, liefert nicht nur den Schlüssel zur Periodisierung der Weltgeschichte, der in der Zukunft liegende Kommunismus kann nicht eingeführt werden, sondern ergibt sich aus dem Verlauf der Geschichte selbst. Für Feuerbach blieb die Philosophie die oberste Wissenschaft, kein Wunder, dass er nicht auf die zentrale Bedeutung der Ökonomie für die Gesellschaftswissenschaften stoßen konnte. Er verfolgte die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft vorwiegend  anthropologisch und konnte so den produzierenden und theoretisierenden Menschen nicht als Ensemble der gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse nehmen.Und was für Feuerbach galt, galt auch für Darwin. Noch die materialistischsten Naturforscher der Darwinschen Schule hatten sich keine klare Vorstellung von der Entwicklung des Menschen machen können, weil sie unter dem Einfluss von Rückständen idealistischen Denkens die Rolle nicht erkennen konnten, die die menschliche Arbeit bei der Entwicklung der Menschheit spielt (Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379).

Wie Hegel die im kantischen Erkenntnisprozess fixierte sterile Subjekt-Objekt-Konstellation dialektisch zu einem vielgestaltigen historischen und gesellschaftlichen  Entwicklungsweg menschlicher Erkenntnis dynamisierte, so dynamisierte Marx Feuerbachs Idealmenschen, wie er uns zum Beispiel in seiner Ethik und in seiner Religionsphilosophie begegnet, als Mensch vom gesellschaftlich tätigen Mensch abstrahierend, dialektisch in historische Tiefe und gesellschaftliche Breite zum „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. Es darf im Kontext der proletarischen Revolution niemals übersehen werden, dass sich die Dialektik von Marx fundamental von der des Halbmaterialisten Feuerbach und der des Vollidealisten Hegel unterscheidet. Hegels Denken ist ein Kreisen in sich selbst, von der insgeheim a priori gesetzten absoluten Idee (oder Gott) zur absoluten Idee zurück. Er spricht in seiner ‚Logik‘ von der sich als Kreis erreicht habenden Linie. Keines der Werke von Hegel trägt selbst im Gegensatz zu Kant das Wort ‚Kritik‘ im Titel. Seine Identität von Vernunft und Wirklichkeit ist für den Beamtensohn aus Stuttgart eine runde Sache. Schon der junge Marx will dagegen im Alter von 25 Jahren die Kritik der Junghegelianer an die Kritik der Politik anknüpfen. „Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder!“, heißt es in einem Brief im September 1843 aus Kreuznach an Ruge. „Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien“ (Karl Marx, Brief an Ruge, September 1843, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,345). Den Weg, den Marx gehen will, ist richtig eingeschlagen, er wird kein Utopist werden, der eine Idealgesellschaft aus dem Kopf konstruiert, um sie dann der vor ihm liegenden Gesellschaft aufzuoktroyieren. Er will also nicht seine Prinzipien der Welt aufzwingen, will dialektisch denken ohne abschließendes System. Aber noch geht es ihm erst um Prinzipien, noch nicht um den geschichtlichen ökonomischen Verlauf der Welt. Diesen Standpunkt wird Marx bald durch das Studium der ökonomischen Entwicklungsgesetze der verschiedenen Gesellschaftsformationen bald überwunden haben. Jetzt entwickeln sich aus den ökonomischen Gesellschaftsformationen der Welt neue ökonomische Gesellschaftsformationen. Und zwar entwicklen sie sich aus den dialektischen Widersprüchen zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen  einer Epoche neue gesellschaftliche, aber nicht im Selbstlauf. 1789 waren die Jakobiner Geburtshelfer, 1917 die Bolschewiki. Revolutionäre kürzen die Geburtswehen einer neuen, heute einer sozialistisch-internationalen Gesellschaft, die kein Revolutionär herbeizwingen kann, ab und mildern sie, wie es im Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals vom 25. Juli 1867 heißt. Das ist und wird die große, weltgeschichtliche Aufgabe unserer Zeit. Das muss an einem Tag betont werden, den Volksfeinde ausgewählt haben,um das deutsche Volk um seine kommunistische Revolution zu betrügen.