Ketzerisches zur Oktoberrevolution

24. September 2016

Der Revolutionär und Materialist Lenin stellte sich gegen den absoluten Idealisten Hegel, der sich eingebildet hatte, das Wissen der Welt zu einem absoluten und also abschlusshaften Wissen entwickelt zu haben, der sich eingebildet hatte, der Menschheit mit dem Ende des menschlich-logischen Denkens (die Hegelianer halten die Philosophie ihres Meisters für die Philosophie) bzw. seines menschlich-logischen Denkens übereinkommend auch ihr geschichtliches Ende markiert zu haben. Hegel ließ in seinem Wahn, die Weltgeschichte zu Ende gedacht zu haben, keine Zukunft mehr zu, auf die der historische und dialektische Materialismus aus der Kernanalyse der Gegenwart heraus ausstreut. In seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Idealisten Hegel und dem Semi-Materialisten Ludwig Feuerbach bezeichnet Friedrich Engels als unvergängliches Bedürfnis des menschlichen Geistes, alle Widersprüche überwinden zu wollen (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,270). In seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Dialektikbegriff Trotzkis und mit dem Bucharins fordert Lenin zur Fehlervermeidung von dialektischen Wissenschaftlern das Streben nach einem vollständigen Wissen, seine Allseitigkeit; ohne es bzw. sie aber je ereichen zu können (Vergleiche Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Bucharins und Trotzkis, Werke Band 32, Dietz Verlag Berlin, 1962,85).

Hier liegt der Schlüssel für Lenins Revolutionskonzept in weltrevolutionärer Hinsicht, denn sein angeblicher globale Utopismus basiert auf der richtigen philosophischen Einsicht, dass man das Absolute, hier die Weltrevolution anstreben muss, um Fehler in untergeordneten Revolutionskonzepten zu vermeiden. Wer also über diese Revolution schreiben will, muss das Leninsche Konzept der Weltrevolution im Hinterkopf behalten, das es in seiner Totalität nicht gegeben hat und auch nicht geben konnte. Das menschliche Wissen bleibt letztendlich immer nur ein relatives, absolutes in sich enthaltend, zu einem Übersteigen verlockt, durch das dialektisches Denken Gefahr läuft, sofort und unweigerlich in metaphysisches und haltlos konstruierendes umzuschlagen. Damit kommt ein Element in die wissenschaftlich fundierte  Revolutionspraxis, die es streng wissenschaftlich nicht geben darf, die Intuition des Absoluten, die dem Hegelschen Absolutheitsanspruch noch geschuldet ist. Damit ist die Gefahr einer Metaphysik der Oktoberrevolution leicht gegeben, zumal der Revolutionsforscher im zerstreuten Material einer Revolution einem Puzzlespieler ähnelt, der Steinchen auf ihre Passform hin vergleicht. Die Gefahr ist gegeben, in eine Geschichtsphilosophie zurückzufallen, die die Lücken der traditionellen Geschichtswissenschaft aus der Intention des absoluten Wissens zu füllen hatte und die der historische Materialismus bereits überwunden hat. Die Stückelung des Puzzlespielers wird nie vollständig sein und notwendige Lücken verlocken aus einer Intuition des Absoluten heraus, sie „philosophisch“ zu schließen, eben weil der Geist alle Widersprüche überwinden will. Es müssten zu diesem Unterfangen nur genug Puzzlesteine vorhanden sein, aus denen sich eine Kontur  vermeintlich deutlich und vermeintlich zweifelsfrei ergäbe, aber die Lücken können auch dazu führen, dass Grübeln über eine Revolution mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Denn die Lücken sind gerade beim Gegenstand ‚Revolution‘ eher groß als klein, revolutionäre Massen handeln aus elementaren Bedürfnissen heraus ohne große weltgeschichtliche Erwägungen anzustellen, sie führen kein Buch, keine Herrscherchronik, schreiben wenig auf. Russland hatte 1917 eine hohe Analphabetenquote und es wurde daher mehr über die Revolution erzählt als geschrieben. Aber auch das mündlich Überlieferte hält sich ja und wird auch im Laufe der Zeit etwas Historisches, historisch Verwertbares. Eine Revolution gleicht einer zerklüfteten Landschaft und Clemenceau hatte Unrecht mit seiner Forderung, dass der Historiker eine Revolution en bloc zu nehmen hätte. Das geht schon deshalb nicht, weil eine Revolution, um es mit den Worten Brunos auszudrücken, in „die Unendlichkeit der Welten“ ausstrahlt und sich feine Verästelungen von ihr auf einem Eiland finden können, dessen Name selbst regelmäßigen Zeitungslesern nicht bekannt ist.

Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Es gehört zu einem der größten Widersprüche des 20. Jahrhunderts, dass der Theoretiker, der 1917 die russische Revolution als Weltrevolution anging, dennoch unter imperialistischen Bedingungen im Gegensatz zum klassischen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts den Sieg des Sozialismus in nur einem Land für den wahrscheinlichsten Fall hielt – und damit Recht behalten sollte. Als Lenin im plombierten Waggon durch Deutschland fuhr, hatte er zumindest zwei Varainten der proletarischen Revolution im Hinterkopf: Die zu favorisierende Weltrevolution im Sinne einer vom revolutionären Russland initiierten Kettenreaktion mit globalen Ausmaßen, die zu seiner eigenen Imperialismustheorie allerdings in einer schiefen Position gestanden hätte; und einen Plan B: Das revolutionäre Russland bleibt vorerst das einzige sichtbare Glied einer weiterhin in weltgeschichtlicher Verborgenheit liegenden Kette der Weltrevolution. Es kam realgeschichtlich zum Plan B, der in der Theorie vorlag, der also mit dem Leninismus kongruent ging, wenn er auch im Schatten der Imperialismustheorie nur einem kleinen Kreis von Experten bekannt war, obwohl er zu dieser passte.  Dagegen bekam der deutsche General Ludendorff, der die Reise Lenins durch Deutschland, das für einen Russen Feindesland war, abgesegnet hatte, Probleme. Er habe nicht für möglich gehalten, dass die russische Revolution sich eines Tages auch gegen die deutsche Regierung auswirken könne. Bekanntlich liquidierten sozialdemokratische Volksfeinde die Novemberräte und stellten damit die Weichen zum Faschismus. Kerenski wurde von Lenin bezwungen, Ebert ließ Liebknecht töten. Nicht von ungefähr galt für Kerenski Friedrich Ebert als ‚Ideal eines Staatsmannes‘.

Überhaupt werden wir Zeuge eines verkehrten Schauspiels: Ohne Zweifel ist die Pariser Commune noch ganz der prä-imperialistischen Phase zuzuordnen, der Epoche des klassischen Kapitalismus, durch den die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker durch die Gleichförmigkeit der industriellen Produktion mehr und mehr verschwinden (Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1974,479). Gerade in ihr sollten doch die internationalen Aspekte einer proletarischen Erhebung die nationalen Belange überwiegen, jedenfalls mehr als im Imperialismus, der geschichtlich mit Lenins auf Grund der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ausgearbeitetem nationalsozialistischem Konzept in der Hinterhand eine stärkere nationale Motivierung im Sinne des Selbstbestimmungsrechts der Nationen zeitigt und zulässt, und doch löste gerade der Oktoberaufbruch eine viel tiefere Debatte über seine internationalen Auswirkungen aus als die Pariser Commune. Ein Sechstel der Erdoberfläche hat offensichtlich mehr weltrevolutionäres Gewicht als die klassische Hauptstadt der Revolution.

Setzte schon die NEP Anfang der 20er Jahre einen jähen Umschwung im Denken voraus, so die Mitte der 20er Jahre von Stalin vorgenommene Konzentration auf den singulären Aufbau des Sozialismus in der UdSSR um so mehr. Ein Vorgang, den man mit gutem kommunistischen Gewissen eine Zumutung nennen darf. Stalins Stärke war, in dieser Frage kein eigenes Konzept zu haben. So lapidar kann Weltgeschichte manchmal sein. Vielmehr war es für Stalin ausgemacht, dass die russische Gesellschaft in ihrem Kern nach acht Jahren breits von den Bolschewiki auf den Leninismus eingeschworen war, so dass es darauf ankam, in den Werken von Lenin die Passagen zusammenzustellen, aus denen eindeutig hervorging, dass Lenin den Aufbau des Sozialismus in Russland und ab 1922 in der UdSSR als aussichtsreich ausführte. Zunächst kompilierte Stalin bloß, um sich ein leninistisches Fundament zurechtzulegen, was sein gutes Recht war, um dann Lenins Theorie des Aufbaus des Sozialismus in einem Land durch die praktischen Erfahrungen des Aufbaus zu bereichern, vor allem aber um nachzuweisen, dass die Ideen der führenden bolschewistischen Theoretiker trotz aller Originalität oder gerade wegen aller Originalität mit denen Lenins nicht mithalten konnten, ja mehr, von ihm abwichen.  Natürlich war es auf der anderen Seite ein Leichtes, in den Werken Lenins Zitate zu finden, aus denen eindeutig hervorgeht, dass es aussichtslos sei, eine sozialistische Revolution in nur einem Land als kongruent mit der Theorie der proletarischen Weltrevolution auszugeben und der Menschewik Raphael Abramovitch hat das in seinem Buch ‚Die Sowjetrevolution‘ ansatzweise unternommen (Vergleiche Raphael Abramovitch, Die Sowjetrevolution, Dietz Verlag Nachf. Hannover, 1963,200ff.).

Lenins theoretische Entwicklung machte einen Prozess durch und in dieser Beziehung wurde das Jahr 1916 zu einem Schlüsseljahr: in diesem schrieb er seine Fundamentalschrift über das Wesen des Imperialismus, die erst nach dem Sturz des Zaren veröffentlicht wird, und schon ein Jahr früher hatte er in der Schrift „Über die Losung der ‚Vereinigten Staaten von Europa’“ seine Theorie des Aufbaus des Sozialismus in (nur) einem Land dargelegt. Folgt man der Stalin’schen „Geschichte der KPdSU (Bolschewiki)“, so war diese Theorie schon zehn Jahre früher, 1905 in Lenins „Zwei Taktiken“ wenigstens angedeutet (Vergleiche Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Berlin, 1946,92). Auch betonte er zuerst mehr den bürgerlich-demokratischen Charakter der nächsten Revolution in Russland, auch den vorhandenen Gegensatz zwischen dem eigentumslosen Proletarier und dem eigentumsfixierten Kleinbauern. „Wohl kaum jemand wird bestreiten, daß es nicht unsere Sache ist, als Projektmacher aller möglichen Bodenreformen aufzutreten, daß wir vielmehr die Verbindungen mit dem Proletariat festigen und die Bauernbewgung unterstützen müssen, ohne dabei die Eigentümertendenzen des selbständigen Bauern außer acht zu lassen, Tendenzen, deren Feindseligkeit gegenüber dem Proletariat um so schneller und deutlicher zutage treten wird, je schneller die Revolution vorwärtsschreitet“ (Lenin, Über unser Agrarprogramm, (Brief an den III: Parteitag), Werke Band 8, Sietz Verlag Berlin, 1960,237). Immer mehr verdichtete sich im Werk Lenins die Variante: proletarisch-kleinbäuerliche Revolution mit der Intention, den Sozialismus in Russland aufbauen zu können. Diese radikale Variante lässt sich aus Lenins Gesamtwerk, natürlich besonders ab 1916 herausfiltern, und es kann auch nicht bestritten werden, dass diese zum klassischen Marxismus in wichtigen Punkten kontrovers steht. Gegenüber Parvus hatte Lenin geäußert, dass es keineswegs die Absicht der Bolschewiki sei, am revolutionärsten von allen zu sein. Lenin wusste, dass der Faden zu den Massen nicht aus irgendwelchen ultrarevolutionären, in der Geschichte spurlos bleibenden Ideen abreissen darf.

Trotz des gerade in der deutschen Philosophie statthabenden Kultes des Absoluten kann es eine restlose Klarheit über eine Revolution, die auch das schematische akkumulative Denken erlangen zu können anschlägt, nicht geben. Es ist auf das Zwiespältige zu verweisen, das der Revolutionstheorie Lenins eignet. Was sie auszeichnet und in der gesellschaftlichen Wirklichkeit verfangen ließ ist eine Spannung zwischen dem Streben nach einer immer tiefer gehenden Erkenntnis der Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft unter dem Banner einer absoluten Erkenntnis in der Theorie und einer Nüchternheit in den praktischen Belangen der revolutionären Tätigkeit in der menschlichen Gesellschaft. Nicht nur hielt Lenin eine absolute Erkenntnis für eine Utopie, auch der Kommunismus wird nicht in seiner radikalen Totalität zu Ende gedacht und ausformuliert. Das Werk „Staat und Revolution“ jongliert zwischem dem absoluten Kommunismus in weltrevolutionärer Hinsicht, beliebige Mengen Trüffel, Autos und Klaviere für alle versprechend (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,483), und dem politisch Machbaren im rückständigsten Land Europas. Dieser Kontrast bestimmte die Weltpolitik im 20. Jahrhundert, in dem der Weltkommunismus erwartet wurde und ausblieb. So konnten und können die Feinde des Leninismus weiterhin ihre These vertreten, dass es eine fataler Irrtum gewesen sei, das aus der Februarrevolution geborene Russland sofort durch die Aprilthesen in eine Basis der Weltrevolution umzukippen. Für sie sollte Russland nur ein bürgerlich regierter Staat im globalen, aber gespaltenen System des Imperialismus bleiben, was natürlich eine Schwächung der proletarischen Weltrevolution bedeutet hätte.

Gerade diese Rückständigkeit Russlands kontrastiert zur Reinheit der Theorie und führt zu dem verblüffenden Satz: „ … denn es ist keinem Sozialisten je eingefallen, „zuzusichern“, daß die höhere Phase der Entwicklung des Kommunismus eintreten wird (a.a.O,483f.). Ohne spezifische Betonung dieses Satzes ist der Nerv des Fundamentalwerkes von Lenin nicht getroffen worden. Lenin sagt lediglich, dass der Kommunismus voraussichtlich kommen werde. Der Satz ist sachlich falsch, aber nicht falsch in der Sache. Natürlich weiß jeder ABC-Schüler des Marxismus, dass die Klassiker sehr wohl mehrmals das Kommen des Kommunismus als welthistorisch unvermeidbar betont hatten. Das ist so lapidar, dass man beim entsprechenden Zitieren eher die Qual der Wahl hat. Ein Nachweis kann hier getrost unterbleiben. Friedrich Engels war noch nicht einmal 23 Jahre alt, als er von der Unvermeidbarkeit eines philosophischen Kommunismus in Deutschland überzeugt war und seine und Marxens Fortschritte im Studium der Ökonomie des Weltkapitalismus verfestigten sich zur Vorhersage einer Unvermeidbarkeit eines weltkommunistischen Triumphes (Vergleiche Friedrich Engels, Fortschritte der Sozialreform auf dem Kontinent, Deutschland und die Schweiz, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,495). Die vorsichtige Voraussicht Lenins ist ein neuralgischer Punkt, Lenin dreht hier an der Schraube des Marxismus, er dreht sie hin zum Imperialismus, dessen die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der einzelnen Länder beinhaltendes Wesen sich im Leninismus widerspiegelt. Marx und Engels gingen davon aus, dass die Entwicklungsunterschiede zwischen den einzelnen fortgeschrittenen Ländern sich immer mehr nivellieren.  Durch die ab cirka 1900 zu beobachtende Ungleichmäßigkeit der Entwicklung ist der Kommunismus als eine Folge einer komplikationslos verlaufenden Kettenreaktion obsolet geworden, ja die Frage drängt sich auf, ob er nicht  für lange Zeit eine Torso bleiben muss bzw. nur als dieser endet. Insofern kommt  durch Lenin ein Moment des perspektivisch ausgerichteten Situativen in den Marxismus, das in seiner für die Oktoberrevolution von Napoleon entliehenden Taktik ‚On s’engage et puis on voit‘ zum Ausdruck kommt.

Teilt man nicht Lenins Imperialismusanalyse, ist man zurückgeworfen auf das Kommunistische Manifest von 1848. In der Geschichte der russischen Revolution war es Trotzki, der darauf beharrte, dass eine Folgerevolution im fortgeschritteneren Westeuropa der bolschewistischen nach relativ kurzer Zeit voranleuchten müsse, damit diese sich behaupten könne. Für ihn konnte der Umweg der proletarischen Weltrevolution über ein großflächiges Agrarland nur in einer Sackgasse enden, wenn der Funke nicht aus Kronstadt, Petrograd und Moskau in den Boden der industriell fortgeschrittensten Ländern einschägt und dort einen riesigen Flächenbrand verursacht. Dass die primär durch den ersten Weltkrieg ausgelöste Arbeiterrrevolution in Russland ihre Inhalte nicht in die Regionen projizieren konnte, in denen sie nach der klassischen Theorie ihr Heimspiel gehabt hätte, ist wiederum durch soziale Veränderungen bedingt, für die der Imperialismus veranwortlich zeichnet. Dieser hatte mittlerweile aus seinen Extraprofiten eine sozialdemokratische Arbeiteraristokratie herangezüchtet, die sich nunmehr in entscheidenden historischen Situationen schützend vor das Finanzkapital stellte und der Bourgeoisie half, den Ansturm der Oktoberrevolution auf Metropolen des Finanzkapitals, den es ja gegeben hat,  abzuwehren. Die Spaltung des Imperialismus, deren krasser und eindeutiger Ausdruck der Krieg der Imperialisten untereinander war, und der für die Sozialisten von Vorteil war, wurde quasi wieder kompensiert durch den  Nachteil der Spaltung der Sozialisten untereinander und der Sieg der revolutionären Arbeiterbewegung über die falschen Sozialisten wurde zur Bedingung für den über die Imperialisten. Der Bürgerkrieg zwischen den beiden großen Lagern ‚Proletariat und  Bourgeoisie‘, von dem Marx und Engels im Manifest sprachen, erweiterte sich für das Proletariat im Imperialismus zu einem Zwei-Fronten-Krieg. Die vom Kapital geschundenen und zertretenen Arbeiterinnen und Arbeiter können die Bourgeosie ohne vorherige Vernichtung der Pseudomarxisten nicht vernichten. Die Oktoberrevolution wurde durch den Verrat der Arbeiteraristokratie in ihr rurales Prokrustesbett zurückgeworfen, aus dem sie nur mit Hilfe der NEP aufstehen konnte. Die Verantwortung für die immensen Schwierigkeiten bei der Industrialisierung der Sowjetunion geht allein auf das Konto der Spießbürger in der Arbeiterbewegung, die sich mittlerweile ein Bäuchlein angefressen hatten und denen das Schicksal des Weltproletariats gleichgültig geworden war. Einmal, nach dem ersten Weltkrieg, erwies sich die Geschichte als gnädig, beim zweiten Mal konnte der Weltimperialimus in seiner faschistischen Variante nicht die Stadt erobern, die den Namen Stalins trug.

In der Tat klammerte sich die westeuropäische Orthodoxie, deren Oberhirte Karl Kautsky war, an die Ausführungen der Klassiker im Manifest. Diese Orthodoxie hatte sich einem Shematismus der proletarischen Revolution verpflichtet mit einer strengen Gesetzeslogik, die das Situative augemerzt hatte und einem evolutionären, rein objektiv statthabenden Automatismus des Geschichtsverlaufs verfallen war. Sie bezichtigten denn auch den Leninismus aus ihrer Sichtweise zu Recht des Blanquismus und des Anarchismus. Das waren natürlich falsche Schlußfolgerungen aus der Tatsache, dass sich der Marxismus durch die Lenin’sche Imperialismusanalyse in der Theorie gegen sich selbst gekehrt hatte. Die Theorie war in sich gebrochen und ließ den Satz zu: Kein Kommunist hat den Kommunismus „zugesichert“. Deshalb ist der Satz sachlich falsch, aber nicht falsch in der Sache. War der westeuropäische Marxismus festgefahren in einem starren Formationsshema, nach dem Russland zum Beispiel nach der Februarrevolution 1917 für Jahrzehnte unter einer bürgerlich-liberalen Regierung à la Kerenski zu stehen habe, weil sich mit der Entwicklung der russichen Bourgeoisie erst allmählich ein revolutionäres, zur Machtübernahme fähiges Proletariat herauszubilden habe, bekanntlich war der Spuk der Kerenskiade nach etwas mehr als neun Monaten vorbei, so lag in der Imperialismusanalyse Lenins auf Grund der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung eine lockere Streuung einer Pluralität von Revolutionsvarianten: Es wird beim Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus „eine ungeheure Fülle und Mannigfaltigkeiten der politischen Formen geben“ (a.a.O.,425), eine große Breite von Varianten der Diktatur des Proletariats. Der Lenin gemachte Vorwurf einer Dogmatisierung des Marxismus kann also umgedreht werden.

Ein weiterer Satz in Lenins Fundamentalwerk „Staat und Revolution“ teilt das Schicksal, sachlich falsch, aber nicht falsch in der Sache zu sein: „Man könnte wetten, daß von 10. 0000  Menschen, die vom ‚Absterben‘ des Staates gelesen oder gehört haben, 9. 990 überhaupt nicht wissen oder sich nicht entsinnen, daß Engels seine Schlußfolgerungen aus diesem Satz nicht nur gegen die Anarchisten richtete. Und von den übrigen zehn Menschen wissen neun sicherlich nicht, was der ‚freie Volksstaat‘ ist und warum auf den Angriff auf diese Losung ein Angriff auf die Opportunisten steckt. So wird Geschichte geschrieben“ (a.a.O.,410). Man rechne das hoch auf 160 Millionen Russen. Zunächst ist zu bemerken, dass Lenin von 10 000 Menschen, nicht von 10 000 Marxisten bzw. Bolschwiken spricht. Einen Satz von dieser drastischen Formatierung findet sich nicht in den Werken von Marx und Engels. Er steht ganz konträr zum Geist der französischen Aufklärung, die von der perfectibilié des Menschen ausging, vor allem aber – man verzeihe mir diesen Ausdruck – zum Geist des Kommunismus. Wie kann dieser verwirklicht werden, wenn von 10. 000 Menschen nur einer die Klassiker versteht ? Beim Studium von Hegels Logik notierte Lenin zudem den Satz, dass man ohne diese das ‚Kapital‘ von Marx nicht verstehen könne. Folglich habe in den letzten fünfzig Jahren kein Marxist das ‚Kapital‘ verstanden. Der Kommunismus ist hier an einen neuralgischen Punkt angekommen: Null in den letzten fünfzig Jahren und: Nur einer von 10. 000 !!!  Man stelle sich einmal die Vergeudung von wissenschaftlichen Kapazitäten vor ! Der Satz  ‚Nur einer von 10. 000‘ ist sachlich falsch, aber nicht falsch in der Sache, denn in der Tat hat das 20. Jahrhundert verschiedene Formen des Personenkultes hervorgebracht, auf die Lenins Satz genau passt. Der Personenkult ist aber kontraproduktiv, er wirft den Marxismus auf den Philosophen Feuerbach zurück, dass statt eines ins Jenseits hinausgeschleuderten Ebenbildes des Menschen der Mensch selbst angebetet werden muss, was eine Weiterentwicklung der Religionsphilosophie Hegels beinhaltete, in der Gott schon nicht mehr den Menschen, sondern der Mensch Gott erlöste, konkreter ist es die Hegelsche Logik, durch die Gott sich selbst erkennt und zum Bewußtsein seiner selbst kommt. Die Hegelsche Logik enthält nach den Worten des Meisters die Gedanken Gottes vor der Schöpfung der Welt und eines endlichen Wesens. Weiterhin ist die Frage aufzuwerfen, ob nicht durch Lenins radikaler Überzeichnung eine vormarxistische philosophische Fragestellung im Sinne von Kant aktualisiert wird: „Was ist der Mensch ?“ Genau diese Fragestellung legte sich Bucharin in seiner Gefängniszelle vor dem großen Prozess in Moskau als in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht zentrale vor und beim Durchwandern seiner nächtlichen Labyrinthe mag es ihm gedämmert haben, dass nicht der Revolutionär den Revolutionsprozess, sondern der Revolutionsprozess den Revolutionär beherrscht. „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird“ (karl Marx / Friedrich Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, trditon Verlag, Hamburg, o.J.,43f.).  Sowohl Kant als auch Lenin favorisieren eine gebrochene, negative Anthropologie. Kant hatte den Einwand gegen den Fortschrittsoptimismus der Aufklärung, dem Robespierre vorbehaltlos anhing, formuliert: Der Mensch sei aus so krummen Holz geschnitzt, dass aus ihm nie etwas ganz Gerades gezimmert werden kann. So legte Kant einen Schatten über die aufgehende Sonne von 1789. Kein Sozialist hat zugesichert, dass der Kommunismus seine Vollendung erreicht. So legte Lenin einen Schatten über die aufgehende Sonne von 1917. Am 29. August 1991 wurde die KPdSU aufgelöst.

Im Hintergrund des Satzes über die 9. 999 Esel stehen Lenins Erfahrungen im April 1917, nachdem er seine Aprilthesen verkündet hatte. Man kann in Aufzeichnungen von Zeitgenossen Lenins nachlesen, wie diese auf die Massen wirkten. Entsetzen, Schocks, Fassungslosigkeiten, Erstaunen und Rätselraten. Lenin wurde verhöhnt, Plechanow bezeichnete die Aprilthesen als Fieberphantasie, und der zukünftige Revolutionsführer, der Millionemassen bewegen wird, geriet zunächst in eine völlige Isolierung unter den Kommunisten. Man nahm Lenin nicht ernst. Deshalb ist sein Satz über die 9 999 Esel sachlich falsch, aber nicht falsch in der Sache. Über die Aprilthesen könnte das Motto stehen: Einer gegen alle, einer gegen  687 Mitglieder des Petrograder Sowjets.  Einer gegen alle – das ist aber das direkte Gegenteil der kommunistischen Idee: Alle für einen, einer für alle.

Keine wissenschaftliche Durchdringung der Oktoberrevolution kommt ohne den Satz aus, diese Revolution vollziehe sich dialektisch durch und durch – aber zunächst sagt dieser Satz nichts aus. Eine Revolution setzt widersinnigerweise Substanz an durch ihre Geschichte, die sie aber auch vertrocknen lassen kann. Ein reiner Faktenverlauf ist bar des Substantiellen, so sehr der historische Materialismus zunächst auf diesen insistiert, insistieren muss. Seine Voraussetzungen sind die „wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen … Diese Vorausstzungen sind also auf rein empirischem Weg konstatierbar“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,20).  Der historische Materialismus kann bei seinen materiellen Voraussetzungen nicht stehenbleiben, er muss die im Hintergrund sich bewegenden Triebkräfte dieser Voraussetzungen aufdecken. Im Gegensatz zur traditionellen Geschichtsphilosophie, die diese Triebkräfte metaphysisch verortete, Hegel spricht von der Weltgeschichte als Gotteswerk, sucht der historische Materialismus diese Triebkräfte weltimmanent auf, sieht sie in der Fundamentalität der epochebestimmenden ökonomischen Grundlagen einer Gesellschaftsformation. Der Faktenverlauf offenbart die vordergründigen Triebkräfte der Geschichte, nicht aber ihre hintergründigen, nicht die „Triebkräfte der Triebkräfte“ (Engels), die nur der Avantgarde bekannt sind, die das politische Milieu transzendiert, in dem die Menschen immer nur „Opfer von Betrug und Selbstbetrug“ (Lenin) sind. Es ist also, um wissenschaftliches Selbstbewusstsein zu erlangen, die Aufgabe gestellt, durch die Erscheinung der Oktoberrevolution zu ihrem Wesen durchzudringen. Die Oktoberrevolution war eine in sich gebrochene Totalität permanenter Selbstkorrektur per Bürgerkrieg, eine sich quälende, wie es Karl Marx im ’18. Brumaire‘ einer proletarischen Revolution vorhergesagt hatte. Sie zeigte, dass die Massen oft weiter waren als die Partei oder die Sowjets (zum Beispiel als der in Moskau), dass es in revolutionären Situationen extrem schwierig ist, mit den Massen Schritt zu halten. War der Krieg der große Beschleuniger der Geschichte, so war die Revolution ihre große Lehrerin.

Es erwies sich nun, dass zwar die Revolution als elementare Naturgewalt näher kam, dass sie unvermeidbar war, dass sie aber nicht auf einer geraden Landstraße der Vernunft daherkam, sondern phantastische Zickzackbewegungen vollzog. Die Politik der Revolution ist eine Wissenschaft und Kunst zugleich, in der die allgemeine Formel und die Eigenart sinnvoll verbunden werden müssen. Mit dem Ausbleiben der Weltrevolution musste die Revolution sich gegen sich selbst in ihrer ganzen Intention kehren. Diese Umkehr beinhaltete den Aufbau des Sozialismus in nur einem Land. Das war mehr als nur ein bizarrer Widerspruch in der Theorie, das war eine klaffende Wunde in der Praxis. Für Trotzki würde das russische Proletariat Selbstmord begehen, wenn es das Bündnis mit russischen Bauern dem mit europäischen Klassengenossen vorziehen würde. Die Trotzkisten können hier ganz beruhigt sein: Zu einem  rein nationalen Bündnis, das gewichtiger war als der Internationalismus, war es in der Sowjetunion nicht gekommen, denn die Oktoberrevolution war primär nicht die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bauernkrieg, so sehr die Revisionsiten auf dessen Primat zur Verunglimfung der proletarischen Revolution, in der der Arbeiter den Bauern führt,  pochten.  Die Revisionisten stellten die Sache so dar, dass die Oktoberrevolution ideologisch durch geschickte Sprachadvokaten und Wortakrobaten in eine proletarische umfrisiert worden sei. Auf der anderen Seite darf man aus der Oktoberrevolution keinen Fetisch machen, der größte Fehler, der hier unterlaufen kann, ist, sie ’schön zu schreiben‘, da schaut dann der Personenkult schon um die Ecke: Der Führer mach keine Fehler und also ist auch alles richtig.  Man hat die Geschichte der Sowjetunion und der Staatspartei so schön geschrieben, dass sie zugrunde gegangen sind.

Im ‚Kommunistischen Manifest‘ ist Russland als potentielles Land der Revolution jedenfalls nicht einmal erwähnt worden, es lag noch abseits der Straße der Weltzivilisation und der Weltrevolution. Noch 1917 gab es in Ostrussland  Nomaden und sesshafte Völker, deren Wirtschaft allein auf Viehzucht basierte. Andererseits kann die Frage aufgeworfen und vielleicht sogar positiv beantwortet werden, ob es denn so bizarr ist, dass der Marxismus gerade vom rückständigsten Land Europas (oder von einem der rückständigsten) Impulse erhielt ? Von einem Land, das Claude Anet als das einfachste Land der Welt bezeichnet hatte. Das einfachste Land der Welt kreuzte sich mit dem wissenschaftlichen Sozialismus Marx’scher Provenienz, ist nicht der Kommunismus das Einfache, das so schwierig zu machen ist ?

18. September 1970: Jimi Hendrix ist Janis Joplin zuvorgekommen Heute vor 46 Jahren starb Jimi Hendrix

18. September 2016

Jimi Hendrix gehört in die Reihe der großen Popmusiker der ‚Roaring Sixties‘, der wilden 60er Jahre. Diese wurden und werden oft als „Jahre der Revolution“ interpretiert, wenn man/frau denn in einem Minirockfummel den Ausdruck eines gesellschaftlichen Fundamentalwandels sehen will.   Dass aber diese sogenannte Revolution nur eine in Äußerlichkeiten war, eine sehr oberflächliche – daran sind viel Künstler oft im Alter unter 30 zerbrochen. Roger Waters, der Bassist der Pink Floyd wollte politisch aufrütteln („Welcome to the machine“, er meinte die Maschine, die Geld macht), erreichte aber die Jugendlichen nicht wirklich inhaltlich. Man war in eine Sackgasse geraten, Musik ist nicht das Medium der Emanzipation, sondern ihr Ziel. Musik konnte nur das Heil versprechen, selbst heilen konnte sie nicht.

Im Vergleich zu Waters war Jimi Hendrix ein unpolitischer Künstler, der sich ganz auf sein Instrument konzentrierte und auf dem er es zu einer einmaligen Meisterschaft gebracht hatte.  Sein Gitarrenspiel hatte eine spezifische erotische Ausstrahlung erreicht. Der am 27. November 1942 in Seattle / Washington als Sohn eines Soldaten der US-Army geborene James Marshall kam aus zerrütteten Verhältnissen, seine Mutter war labil und Alkoholikerin. Hendrix war acht Jahre alt, als die Mutter nach der Scheidung das Haus verließ. Der kleine James flüchtete sich aus dem Ekel des Alltags in die Welt der Musik und hörte wie besessen Blues-Platten aus der Sammlung seines Vaters, die er nach Gehör nachspielte, Hendrix hat auch später nie Noten gebraucht. Man kann diesen Griff zu den Blues-Platten des Vaters bereits als fatal bezeichnen, denn der Blues zeigt das Elend nur auf, bietet aber keine Lösungen an. Auf der Garfield High School hatte der depressive und stark introvertierte Jugendliche im Alter von 17 Jahren versagt und es blieb ihm nur noch der Weg in die US-Army.  Er kam zu den Fallschirmspringern der U.S. Airborne Paratroopers,  musste aber alles auf Grund einer Fußverletzung abbrechen. Nunmehr war der Weg zum Musizieren frei und er konnte seiner wirklichen Begabung folgen. Der Durchbruch gelang Hendrix, der in den USA in der Band von Little Richard gespielt hatte, nachdem ihn der Ex-Bassist der Animals, Chas Chandler, nach London lotste, wobei Linda Keith, die ehemalige Freundin von Keith Richard, ihre Händchen im Spiel gehabt hatte, und Noel Redding und Mitch Mitchell an seine Seiten stellte. Die Legende begann mit dem von William Moses ‚Billy‘ Roberts junior gecovertem Song „Hey Joe“, das auch das letzte Lied war, das in Woodstock gespielt wurde.

Sowohl in den USA als auch in England wollte man mit den geldgeschäftsuntauglichen und naiven Jimi Kohle machen und an diesen ihn umschwirrenden Kriminellen ist er dann auch zerbrochen. Am 15. Oktober 1965 hatte der „Manager“ Ed Chalpin dem Musiker einen Plattenvertrag aufgeschwatzt, aus dem ihm ein Dollar Vorschuß zustand und ein Prozent der Einnahmen aus Plattenverkäufen. Die Depressionen von Hendrix nahmen zu und paarten sicht bei ihm mit Aggressionen, die im Zertrümmern von Musikinstrumenten auch auf der Bühne ihren Ausdruck fanden.  Und er war sensibel genug, seine Situation als Weltstar richtig zu erfassen, er schon nahm das Wort „Popsklaverei“ in den Mund. Hendrix hatte Recht, die Sklaverei verschwand keineswegs 1865 mit dem Ende des US-amerikanischen Bürgerkrieges vom Erdball, es gibt sie noch heute. Als Chandler die Nachricht vom Tode der Ikone erfuhr, war dies eine Nachricht, auf die er gewartet hatte. Auch er war daran beteiligt, den Musiker, der die goldenen Eier legen sollte, in den Tod zu hetzen. „Erstickt war Jimi Hendrix…wohl auch an der gnadenlosen Vereinnahmung durch eine zynische und sensationsgeile Musikbranche, die ihren Goldesel nicht mehr aus den Fängen entlassen wollte und konnte“ (Ernst Hofacker, Giganten, die legendären Baumeister der Rockmusik, Hannibal Verlag Höfen, 2011 ,198).

Es gab kein Licht mehr im Tunnel; von Jimi Hendrix stammt einer der deprimierendsten Sätze, die je ein Mensch gesprochen hat: „Traurigkeit ist, wenn ein Baby in diese häßliche Welt hineingeboren wird – und Freude sollte herrschen, wenn jemand stirbt“. Als Janis Joplin von seinem Tod erfuhr, stammelte sie nur: „Verdammt, er war schneller als ich….“. Die sogenannte Kulturrevolution der 60er Jahre war wie Saturn, sie fraß ihre eigenen Kinder. 2013 brachte die Halbschwester von Hendrix, Jamie, eine dvd auf den Markt ( Hear My Train A Comin‘), in der uns ihr Halbbruder unbefleckt und unschuldig wie ein Engel ohne Triebe erscheinen soll. Er wird als steriler und reiner Musikheld präsentiert, ohne Drugs und ohne Sex, ohne die aber in den 60er Jahren nichts lief.  Man berauschte sich an Subjektivität, hielt diese fatalerweise für den Dreh- und Angelpunkt einer Revolution, ohne zu bedenken, dass eine genuin soziale Revolution immer kollektivistische Wurzeln und eine Politisierung der Massen zur Bedingung hat. Ohne diese ist jede gesellschaftliche Bewegung zum Scheitern mit unnötigen Opfern verbunden. Betrachten wir kurz, wie sich Mick Jagger, der Frontmann der Rolling Stones 1968 auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in London, verhielt, die vor der Botschaft der USA endete. Mit sich unschlüssig, floh er dieser, bevor das Gebäude der USA überhaupt in Sichtweite war. (Vergleiche Tony Sanchez, Up and Down with the Rolling Stones, Signet Verlag, New York, 1980,127f.). Er lief nach Hause und komponierte unter den frischen Eindrücken der Demo ein Lied, das unter dem Titel „Street Fighting Man“ berühmt wurde. Aber was war das Fazit, das Jagger aus der Demo gezogen hatte ? „But what can a poor boy do / Except to sing for a rock ’n‘ rollband …“. What can a poor boy do ? Für Bruce Springsteen ist dieser Schwachsinn „eine der größten Rock ’n‘ Roll-Zeilen aller Zeiten“. Wieder so eine Peinlichkeit, denn Jagger bebrütet doch nur sein eigenes Ego darin, er spritzt sein eigenes Sperma auf seinen eigenen Bauch, weiter reicht es bei ihm nicht.

Wenn selbst Jahrzehnte nach seinem Tod Hendrix noch auf den Markt geworfen wird, kann man ermessen, wieviele Millionen den Kriminellen in der Popmusikbranche durch seinen frühen Tod durch die Lappen gegangen sind. Dass man mit ihm das schnelle Geld machen wollte, rächte sich wie sich jedes Unterfangen im Kapitalismus rächt. Denn es kommt beim Handeln der Individuen in der Anarchie der Produktion noch etwas anderes heraus, als sie unmittelbar wollen. Geld fixiert auf eine Monobesessenheit, die allerdings temporär bleibt, und durch musikalischen Einfluß ihr Ende finden kann. Für die literarische Darstellung dieses Umstandes erhielt Thomas Mann 1929 den Nobelpreis für Literatur. In den „Buddenbrocks“ thematisiert er die enge Affinität zwischen Tod und Musik. Seine für es charakteristische Besessenheit im Jetzt gibt dem Gedanken, dass die Geburt eines Kindes eine traurige Angelegenheit sei, Substanz. Pete Townshend von ‚The Who‘  war nie neidisch auf Jimi, er empfand, dass er ihm als Gitarrenspieler nicht annähernd das Wasser reichen konnte.  Townshend hatte die Worte gefunden, die die Pseudorevolution der 60er Jahre fast schon klassisch ausdrücken:  „Man zertrümmert eine Gitarre, geht von der Bühne und sagt: „Fuck it ! Es ist sowieso alles nur Mist“. „Die Geburt eines Kindes ist eine traurige Sache“ und „Alles nur Mist !“ – hier haben wir die Quintessenz und zugleich die Sackgasse der kapitalistischen Lohnsklaverei vor uns, die mit Feuer und Schwert zu durchbrechen die weltgeschichtliche Sache der Lohnsklavinnen und Lohnsklaven ist.

Kurz nach Mitternacht, am 18. September 1970 nahm Hendrix in einem Hotelzimmer  im Londoner Stadtteil Kensington eine Überdosis Schlaftabletten, als Todesursache wird offiziell angegeben: „Inhalieren von Erbrochenem, ausgelöst durch eine Barbituratvergiftung“. Das ist die offizielle Version, es versteht sich von selbst, dass bei einer so schillernden Figur wie Jimi Hendrix die Versionen über die Todesursachen ins Kraut schießen.

 

 

 

11. September 1962 Die Beatles nehmen mit „Love me do“ ihre erste Schallplatte auf

11. September 2016

Es war Leo Mintz, der Besitzer eines Plattenladens in Cleveland (Ohio), der 1951 dem Discjockey Alan Freed den entscheidenden Tip gegeben hatte. Immer mehr weiße Jugendliche kaufen Platten von Schwarzen. Der 25jährige Ingenieur Alan Freed moderierte für die Radiostation WJW eine Wunschsendung für klassische Musik, setzte aber daraufhin auch durch, im Anschluß an diese Sendung die „Moon Dog Rock’n ‚ Roll House Party“ zu zelebrieren. Die Rassenschranke zwischen schwarzer Gettomusik und weißer Musik wurde damit langsam angehoben und der Weg für Elvis Presley freigemacht. Während die Kluft zwischen jung und alt im Konsumieren von Musik immer größer wurde und die Singlehörer und die LP-Hörer hervorbrachte, bewegten sich schwarze und weiße Musik aufeinander zu. Fats Dominos „The Fat Man“ war 1950 einer der ersten Songs, die von schwarzen und weißen Jugendlichen gekauft wurden. Zehn Jahre zuvor hatte der in seiner Jugend vom Ku-Klux-Klan verfolgte farbige Champion Jack Dupree aus New Orleans mit dem „Junker Blues“ die Vorlage für diesen Song gegeben. Man spürte, dass die Kluft nicht so groß war, sprach man doch von der naturalistischen Country Music als vom „Blues des weißen Underdog“ (poor white trash). Die von der RCA (Radio Corporation of America) 1948 auf den Markt geworfene kleine Schallplatte, Single genannt, als neues Plattenformat war das Markenzeichen jugendlicher Autonomiebestrebungen, wenn die Jugendlichen das nötige Taschengeld hatten. 1. Der Durchbruch gelang Bill Haley mit dem von Jimmy De Knight und Max C. Freedman kreierten „Rock Around The Clock“ erst im zweiten Anlauf. 1953 war er mit diesem Song noch durchgefallen, 1954 wurde er zu einem der wichtigsten Lieder des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit ihm begann der Aufschrei gegen die verwaltete Welt, ein Impuls, der der rote Faden der Rockmusik bei all ihren Verirrungen blieb. Das Lied Haleys ist in dem Film „Saat der Gewalt“ von 1955 zu hören; im gleichen Jahr erschien Marcuses „Triebstruktur und Gesellschaft“. Überhaupt gibt es in der Geschichte der Popmusik in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nur vier Lieder mit einer Schlüsselfunktion, zu Haley gesellt sich Chuck Berry mit „Roll over Beethoven“ und die Beatles mit „Love me Do“. Die Quintessenz dieser kulturellen Fehlentwicklung findet sich in dem Lied „Anarchy in the UK“.

Der hämmernde Song von Haley geht ganz in der Gestik des Abwerfens auf, des Abwerfens der Rationalität einer mathematisch durchkalkulierten Gesellschaft. Der Tanz, zu dem der Song „zwingt“, ist die Verweigerung der Stechuhr und des Stechschritts. Erst tanzte man Tag und Nacht, dann kamen die leistungsverweigernden Gammler, dann der Griff zum LSD. Der Song von Haley richtet sich gegen eine verklemmte Arbeitswelt, die der Musik nur noch eine Feierabendstunde einräumt. Im Zeitalter der Abendmusik ist eine allmächtige Mauer mit Stacheldraht gezogen zwischen Arbeit und Musik. Der Song konnte diese Mauer für ein paar Minuten vergessen machen. Heute, nach sechzig Jahren Popmusik, kann man wohl sagen, dass der krisenanfällige Spätkapitalismus ohne Alternative der „Großen Illusion“ nicht auskommt. Der Schaukampf mit seinen Gegenentwürfen beruhigt das älterwerdende Gemüt, einst etwas gegen ihn getan zu haben und absorbiert die grosse Masse der Mitläufer der Revolution zu seiner Stabilisierung. Man muss Steine gegen Hollywood geworfen haben, um in den Tempel der Traumwelt eingelassen zu werden – um sodann in ihr an künstlicher Kunst abzustumpfen. Die anfängliche Aggressivität dieser Musik ist keine konstruktive, sondern eine aus Verzweiflung. Der aus Protest gegen die Popsklaverei seine Gitarre abfackelnde Jimi Hendrix erinnert an die anfängliche Opposition gegen die Große Industrie, die  im Luddismus  (Maschinensturm) bestand und in dem der Handelsartikel, die Ware Prolet, konkurrierende Waren vernichtete. Die Jugendmusik in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist der individuell anarchistische  Protest gegen die mathematisierte, sprich durchkapitalisierte Natur- und Gesellschaftsmaschinerie. Er konnte nur ohnmächtig bleiben und flüchtete sich immer tiefer in einen Musik- und Drogenrausch. Die Egozentrik ist Trumpf in dieser Philosophie der Romantik. „Das Künstlerbild, das an den britischen Kunstschulen dominierte, war … nichts anderes als eine Neuauflage der romantischen Kunstphilosophie des neunzehnten Jahrhunderts“. 2. Das rein Rationale, Tabellen und Statistiken, geometrische Figuren scheinen den Menschen nicht zu erfüllen, in dem Maße, in dem die Arbeitswelt notgedrungen immer roboterhafter wird, desto destruktiver wird er in einer Kulturwelt, in der die Tänze immer fuchtelnder, beliebiger werden und sich der Pop als abendlicher Anhang des Taylorismus erweist, der das „Born to be wild“ geradezu herausfordert. Der monotone Roboter wird alternativ durch den zuckenden Gitarrenspieler ergänzt, der vielleicht nur ein Mittelglied zum musikkomponierenden Komplementärroboter der Zukunft darstellt. Der Freizeitroboter könnte dem Arbeitsroboter folgen. Schon hat die französische Roboterband, das Elektro-Duo Daft Punk am 26. Januar 2014 in Los Angeles fünf Grammys abgeräumt. Dem qualvollen Sterben der Menschen im Arbeitsprozess entspricht das Zertrümmern der Musikinstrumente am Ende des Arbeitsprozesses der Musiker auf der Bühne am Schluß des Popkonzertes. Es gibt wohl kaum einen eindeutigeren Beweis für den degenerativen Gehalt der spätbürgerlichen Gesellschaft. In sie nicht einzugehen war das Credo der von Marcuse inspirierten Verweigerungsideologen, Illusion zugleich, denn man ging in ihr wortwörtlich ein.

In sie mit destruktiver Intention einzugehen und sie durch eine schmerzhafte, für sie tödliche Operation über sie hinauszugehen, ist die Intention progressiver Bewegungen. Die durch die alle Lebensbereiche umfassende kapitalistische Kalkulation am meisten Leidenden werfen im Rausch der Musik und anderer Drogen die Fessel der Mathematik kurzzeitig ab, um ihr sodann in einer Welt des Kapitals um so mehr zu erliegen. Der Aristotelesschüler Aristoxenos weiß uns zu berichten, dass die Pythagoreer von dem Geschäftsgebaren der Kaufleute zu ihrer Zahlentheorie inspiriert worden seien. „Subjektivierung und Vergegenständlichung von Musik sind das Gleiche“. 3. Erst mit den Beatles wird dies alles vollends deutlich. Der Erfolg der „Fab Four“, die zunächst als Kopisten, dann als Kompilatoren auftraten und musikalisch nicht über das Niveau von Buddy Holly hinauskamen, bei unreifen Menschen basierte auf Banalität und Primitivität, es gibt kaum einen banaleren Song als ihr Durchbruchshit aus dem Jahr 1962 „Love me Do“. Entsprechend in der Pop Art: banale Dinge aus der Alltagswelt werden zu Kunstwerken hochstilisiert, Kunstwerke, denen es auf der Stirn geschrieben steht, dass sie einer Gesellschaftsformation angehören, worin der Produktionsprozess die Produzenten, der Produzent nicht den Produktionsprozess bemeistert. 4. Beim ersten Hören von „Love Me Do“ spürt man sofort seine Amateurhaftigkeit, und in ihr lag der Erfolg gegen die überzüchtete, auf Perfektion bedachte BBC-Musikindustrie. Die Scheinwerfer richteten sich auf die Beatles durch den Liebreiz des Amateurhaften. Der Punk in seiner ersten Stunde hatte auch diesen wohltuend primitiven Akkord gegen alles Überzüchtete und stellte ebenfalls eine musikkulturelle Revolution dar, in dessen späterem Wildwuchs popmusikalischer Strömungen immer Elemente des Merseybeats aufgehoben blieben. Die Beatles konnten nicht früher, konnten nicht später auftauchen, in ihnen spiegelte sich die „Substanz“ der spätbürgerlichen Kultur wider und die besteht eben aus Banalität. Das Bürgertum ist seiner eigenen Zivilisation müde. Harrison selbst bezeichnete am Beginn seiner skurrilen indischen Phase die Beatlessache als trivial. Es bleibt hinzuzufügen: das Triviale sucht das Geld und das Geld sucht das Triviale. 1962 kristallisiert sich auf einem Symposion im New Yorker Museum of Modern Art für banale neodadaistische Züge tragende Bilder der Begriff „Pop Art“ heraus. Die Popmusik der Beatles und die primär anglo-amerikanische Pop Art sind keine kulturellen Bestandteile der Arbeiterklasse, wie einige meinen, sondern ein Zeichen, wie die mediale Vermassung alles zunächst Schrille banalisiert. Einige nennen heute die Beatles und Jasper Johns wiederum Klassiker. Die Jugend der Arbeiterklasse kam zuerst in den Prozess der Maloche und hatte mehr Geld als die Söhne und Töchter der Mittelklasse, die noch in der Ausbildung steckten und auf Taschengeld angewiesen waren. Sie konnte sich daher mehr Popplatten kaufen, das ist alles.

Durch die Massenmedien findet heute eine ständige Verwandlung der Kunst ins Banale statt, der Welterfolg der Beatles begründete sich darauf, dass sie von Anfang an banal waren wie der „Kalte Krieg“, wie Abba und Boney M, ja wie das ganze alltägliche Leben und die wohl kaum als echte Künstler bezeichnet werden konnten. Yoko Ono und Lennon mußten sich einfach finden. „Give Peace A Chance“ konnte nicht davon ablenken, dass die Beatmusik die des „Kalten Krieges“ war. Man darf sich nicht von der Hektik ihrer Stilvariationen blenden lassen, die eben nur ausdrücken, dass die banale spätbürgerliche Kultur aus einer Kette kurzlebiger Moden besteht. Alles ist Stückwerk unter dem Fluch der Unübersichtlichkeit und die zweite LP des „Weißen Albums“ drückt das aus. Der Kulturpluralismus ist autoaggressiv – zutiefst fragmentarisch – Wissen verkommt zum Spezialwissen und wird als dieses fast Ignoranz. Der Ausstoß: „I can’t get no satisfaction…“ ging um die Welt, weil sich in ihm die Sackgasse ergibt, in die sich das Banale staut. Die spätbürgerliche Kultur erstickt daran Tag für Tag. Der Satisfactionsong der Stones kam nicht vor, sondern nach der Pille. So passt alles nicht zusammen. Ist es verwunderlich, dass der Song „Love Me Do“ 1982 erneut in der Hitparade auftauchte ? Der von Lennon geschriebene Song „Revolution“ sollte eigentlich epochal sein oder wenigstens leitmotivisch für die 60er Jahre – es lohnt nicht, irgendwie intellektuell auf diesen Schwachsinn einzugehen. Man kann mit Lennon nur Mitleid haben. John Hoyland hätte sich in der marxistischen Zeitung „Black Dwarf“ eigentlich nicht bemühen müssen, sich mit dem Revolutionslied der Beatles auseinanderzusetzen, aber ihn reizte wohl der Name „Lennon“, an den Musiker richtete er in ihr einen offenen Brief, den Lennon ebenso offen in ihr beantwortete. Der offene Brief von Lennon ist ein intellektuelles Armutszeugnis: Kranke Köpfe hätten den Kommunismus „abgewichst“. Ihm war es auch gleichgültig, ob eine Regierung faschistisch oder kommunistisch war. Ein Popidol, das Subjektivität zelebriert und dazu angehalten wird, glaubt, dass alles aufs Subjekt ankomme und dass die Menschen ihr Tun durch ihr Denken bestimmen, was philosophisch eine schwachsinnige idealistische Position darstellt. Peter Wilke spricht zu Recht von einer geradezu erschreckender Naivität. 5. „Wir sind ebenso gut wie Beethoven“ (Lennon). Die Beatles sind intellektuell viel zu hohl, als dass man auf sie eingehen könnte. Die intellektuellen Armutszeugnisse der Beatles sind auch Ausdruck eines maroden englischen Schulsystems, eine für Kontinentaleuropäer ganz unverständliche Primitivität an Gesinnung, Gebärde und Oberflächlichkeit. Und dass die Beatles mit ganz einfachen Mitteln Erfolg hatten sicherte ihnen die massenhafte Gefolgschaft der Zukurzgekommenen, deren Selbstbewußtsein anfing zu wachsen in der Hoffnung, auch etwas zu können. So hat die Jesusassoziation von Lennon etwas für sich, die gescheiterten Existenzen griffen immer weniger zur Bibel und immer mehr zu St. Pepper und zum LSD.

1. Erst die Pink Floyd verlegten sich fast ganz auf die LP. Ihre LP „The Dark Side of the Moon“ hielt sich 741 Wochen, über 14 Jahre, in den Bill Board Charts der USA. Rund 50 Millionen Exemplare wurden bis heute verkauft.

2. Peter Wicke, Rockmusik, Reclam Verlag Leipzig, 1987,140. Der us-amerikanische Darwinforscher Robert J. Richards vertritt die These, Darwins Denken hätte seine Quellen in der kontinentaleuropäischen Naturphilosophie der Romantik gehabt.

3. Theodor W. Adorno, Philosophie der neuen Musik, Ullstein Verlag, 1974,145

4. Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin 1960, 95

5. Peter Wicke, Rockmusik, Reclam Verlag Leipzig, 1987,155

 

 

Humanismus und Terror

9. September 2016

Kaum hatte die junge Sowjetrepublik das Licht der Welt erblickt, da wurde sie heimgesucht von konterrevolutionären Militäraufgeboten noch und noch, aus allen Himmelsrichtungen, aus allen Ecken und Enden. Angesichts dieser Vernichtungskonstellationen wie Kautsky in kantischer Tradition Frieden predigen wäre einem politischen und militärischen Selbstmord gleichgekommen. Revolutionäre Bürgerkriege polarisieren, sind brutal, und die Charta fliegt in zerrissenen Schnipseln davon. Der Terrorvorwurf der Bourgeoisie verläuft sich buchstäblich ins leere Universum. Zu dieser Beweisführung ist der tiefste Widerspruch im Marxismus-Leninismus zu thematisieren. Bekanntlich negiert die Dialektik alles Ewige, Heilige und Absolute, sie bricht jeden Maßstab entzwei, nachdem er historisch ausgedient hat. Das Absolutheit Beanspruchende erweist sich als historisch Vorübergehendes. Die Bourgoisie will und muss ihre Diktatur über das Proletariat verwewigen, während das Proletariat seine Diktatur über die Bourgeoisie (um nur die beiden Hauptklassen zu erwähnen) als historisch vorübergehnde begreift und begreifen muss. In der Diktatur der Bourgeoisie ist also ein tief sitzender Terror und eine genuine Menschenverachtung angelegt, der Faschismus bildet hier nur die Spitze eines Eisberges, während die Diktatur des Proletariats ein tief sitzender, völkerübergreifender Humanismus und ein fanatischer Vernichtungswille gegenüber der Bourgeoisie angelegt ist. Die Diktatur der Bourgeoisie war einmal fortschrittlich gegenüber den feudal-klerikalen Mächten und und sie wird in Deutschland von Hegel, der noch in seiner Jugendzeit schrieb, dass der Staat aufhören soll, da er Menschen wie mechanisches Räderwerk behandelt, 1821 in seiner Rechtsphilosophie in ein philosophisches System gegossen, in dem sie verewigt wird: Der Staat sei der Gang Gottes in der Welt und die Weltgeschichte sei Gotteswerk. Die Weltgeschichte laufe auf den preußischen Staat seiner Zeit zu und habe diesen zum Endzweck.

Es ist nun zunächst aufschlußreich, wie Friedrich Engels Hegels Finaldenken kritisiert. In Berufung auf den Stand der Naturwissenschaft zeichnet Engels nach, dass diese der Existenz der Erde selbst ein mögliches, ihrer Bewohnbarkeit aber ein ziemlich sicheres Ende voraussagt, die also der Menschengeschichte nicht nur einen aufsteigenden, „sondern auch einen absteigenden Ast zuerkennt“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,268). Was im übrigen Fourier immer behauptet hat. Heute wird immer deutlicher, dass wir uns bereits auf diesem befinden und angesichts dieser Tatsache könnten wir die Hände in den Schoß legen, denn unser Erdenende ist unabwendbar. Aber nein ! Eine Frucht der Oktoberrevolution war gerade eine intensive Weltraumforschung mit einer neuen Raumorientierung, Millionen und Abermillionen Menschen auf andere Planeten anzusiedeln. Aber in einem seiner Hauptwerke, der ‚Dialektik der Natur‘ geht Engels noch weiter: Entgegen der idealistischen Glorifizierung des Denkens in der klassischen deutschen Philosophie, auch der fichteschen und schillerschen Denkfreiheit, in der der Vernunftoptimismus der Aufklärung nachschwingt, ist eine weitgehend unbekannte  Eigenschaft des menschlichen Denkens zu ergründen, die zu töten. Die Schwierigkeit kommt durch das Denken, weil es als Denken die Weltbewegung, in eins die Weltgeschichte als ihre eigene Dialektik, als dialektische stets flüssige Kontinuität unterbrechen muß.

Denken unterbricht nach Lenin nicht nur das Prozeßhafte, sondern versimpelt, vergröbert, zerstückelt, tötet das Lebendige. „Die Abbildung der Bewegung durch das Denken ist immer eine Vergröberung, eine Ertötung…“ (Lenin, Zur Kritik der Vorlesungen Hegels über die Geschichte der Philosophie Bern 1915, Dietz Verlag Berlin, 1958,195). (Bereits hier wird deutlich, dass die ‚Lehre von der Denkweise‘ ein totgeborenes Kind ist). Ja Dialektisches ist ständig Selbstzerstörerisches an ihm selbst.  (a.a.O.,240). Stagnation ergibt sich aus Verstandesfixierungen wie es die formale Logik oder die Mathematik sind. Dialektik selbst als Prinzip aufgefasst, so ist ihre  Negativität als Quelle der Selbstbewegung nur in ihrer Immanenz. Als kritische Methode geht sie in radikaler Negativität auf Zerstörung des Kapitalismus, der eine zutiefst dynamisch flüssige aber eben damit auch überflüssige Gesellschaftsformation darstellt, diese Negativität des Marxismus ist für ihn selbst selbstzerstörerisch, denn im Kommunismus erlischt sein revolutionäres Potential und die Negativität greift auf ihn selbst über. In der Tat sind antike Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus nur verschwindende Momente des dialektischen Weltprozesses. 

Denn alles was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht. Engels sieht in der sich erschöpfenden Sonnenwärme das Todesurteil der Erde: „…verfolgt nur noch eine kalte, tote Kugel ihren einsamen Weg durch den Weltraum.“ (Friedrich Engels, Einleitung zur „Dialektik der Natur“, in. Marx Engels Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau 1975,369). Die von Descartes erkannte unveränderliche Quantität der in der Welt vorhandenen, an Materie gebundenen  Bewegung aber garantiert das Aufkommen bzw. Reproduzieren neuer Sonnensysteme, mit Leben und damit wahrscheinlich auch mit neuen kommunistischen VERSUCHEN. Denn der Kommunismus ist nicht zugesichert. „…denn es ist keinem Sozialisten je eingefallen, „zuzusichern“, daß die höhere Phase der Entwicklung des Kommunismus eintreten wird…“ (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,483f.). Gleichwohl, trotz all dieser negativen Vorzeichen für den Kommunnismus gehen die Kommunistinnen und Kommunisten ans Werk, die Vorgeschichte der Menschheit zu beenden, an die Stelle des Terrors Humanismus zu setzten, während diejenigen, die sich Humanisten nennen und im Ekel des Alltags dahinvegetieren, den Terror der geschichtlichen Klassenkämpfe verewigen wollen. Wie sagte doch Brecht: Die Schmutzigen nennen den Kommunismus schmutzig.

Lenin

2. September 2016

Der Sozialismus ist nicht nur Theorie geblieben, ein Umstand, der Lenins herausragende Stellung bis heute bedingt. Stalin nannte ihn den genialsten unter den genialen Führern des Proletariats und sehr bezeichnend ist, dass Stalin bei seinem ersten persönlichen Zusammentreffen mit Lenin 1905 im finnischen Tammersfors sofort die „unwiderstehliche Kraft der Logik in Lenins Reden“ hervorhob, „die zwar ein wenig trocken ist, dafür aber die Zuhörer in ihren Bann schlägt“. Diese Einschätzung der Leninschen Logik galt für Stalin bis an sein Lebensende, dessen Vater ein Trunkenbold war und der in Lenin seinen wirklichen Vater gefunden hatte. Die Genialität Lenins, der in revolutionären Situationen aufblühte, sich verjüngte, hat die Welt verändert, ja erschüttert. Das sind die großen weltgeschichtlichen Individuen, die Hegel „Seelenführer“ nannte, die im Chaos, im Kleimkram des Alltags das Prinzipielle herausheben und es nach diesem zu organisieren wissen, die wissen, dass alles, was die Menschen bewegt, durch ihre Köpfe hindurch muss und die Millionen und Abermillionen Gehirne reinigen und neu ausrichten, die Geister orientieren, wie es Lenin sagt. (Vergleiche Lenin, Brief an den Vorsitzenden des Gebietskomitees der Armee, der Flotte und der Arbeiter Finnlands, Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin, 1960,54). Ihnen geht es um eine epochale Hinterlassenschaft, nicht um den Auftritt eines Augenblicksgötzen oder eines Parteivorsitzenden. „Die Erfolge des Augenblicks genügen uns nicht … Wir müssen uns stets kontrollieren durch das Studium der Kette der politischen Geschehnisse in ihrer Gesamtheit, in ihrem ursächlichen Zusammenhang, in ihren Ergebnissen“. (Lenin, Aus dem Tagebuch eines Publizisten, Die Fehler unserer Partei, Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin, 1960,35).  Wenn sie für den Augenblick da sind, dann nur in politischer Hinsicht, zur Gewinnung der Mehrheit des Volkes müssen sie ganz gegenwartsbezogen sein. Aber sie tranzendieren den engen Rahmen einer politischen Partei. Ein revolutionärer Aufstand kann sich nicht nur auf eine Revolutionspartei stützen, sondern er muss sich auf die fortgeschrittenste Klasse und auf den revolutionären Aufschwung des Volkes stützen. Trotz seiner Verbannung, trotz seines Exils, trotz seines Untertauchens in Finnland, trotz seiner Entfernung von den politischen und revolutionären Hauptaktionen, trotz manchmal nur dürrer Nachrichten aus bürgerlichen Zeitungen war Lenin erstaunlich gut über die Vorgänge und das Geflecht der politischen Lage informiert und hatte bei seiner Rückkehr auf den Hauptkampfplatz mehr als die bereits auf ihm Aktiven die Situation im Griff. Sehr bezeichnend ist, was Molotow nach Lenins Ankunft im April 1917 in Russland sagte: Die Partei spürte wieder festen Boden unter ihren Füßen. Der Grund hierfür ist in der tiefen Kenntnis der Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft zu suchen. Große Dialektiker erfassen eben die Makrostrukturen des Bürgerkrieges, der die höchste Form des Klassenkampfes darstellt, und sehen in ihm die beiderseitigen, ineinander abhängigen fundamentalen Veränderungen im Konflikt zwischen Revolution und Konterrevolution voraus, bis zu dem Punkt, der den Beginn des Bürgerkrieges als höchste Form des Klassenkampfes markiert und aus dem es kein Zurück mehr geben kann. Keiner kann dann richtigere und schnellere Schlußfolgen ziehen, auch nicht die, die schon lange immer dabeistanden. Diese Seelenführer erfassen intuitiv, was lange in der Seele des Volkes schlummerte, am Urteil ihrer überwiegend verdorbenen Zeitgenossen, zudem die Schulerziehung spätere Reformisten anhält, liegt ihnen relativ wenig, sie leben als Revolutionäre bereits ‚im Morgen‘ und auf das Urteil der Nachwelt, der ’neuen Menschen‘ kommt es ihnen vornehmlich an. In den Tiefen ihres Unterbewußtseins haust ein abgrundtiefer Fanatismus, der nur einen Fixstern an ihrem Lebenshimmel projiziert, nur diesen einen, der sie führt und der ihrer weltgeschichtlichen Bestimmung stets voranleuchtet. An ihnen muss alles abprallen, die besten Ratschläge müssen unberücksichtigt bleiben, auch wenn sie schneller zum Ziel führen würden. Der kürzere Weg ist nicht der der Weltgeschichte, den nur sie innehaben, denn diese ist gründlich und wiederholt Lektionen. Sie haben etwas Prinzipielles in die Weltgeschichte einzubilden, ein höheres Prinzip, dem sie alles opfern. Wie Napoleon, der das Prinzip der französischen Revolution über Europa ausbreitete, nicht in der radikalen jakobinistischen Form, für die Europa nocht nicht reif war, sondern in einer gemäßigten, die für die europäischen Völker akzeptabel waren, die sich zwar gegen Napoleon wandten, dabei aber sein Prinzip übernehmen mussten wie Preußen die allgemeine Wehrpflicht durch den Bauernsohn Scharnhorst und das 1825 dekabristische Offiziere in Russland einführen wollten, die in den sogenannten Befreiungskriegen gegen Napoleon gekämpft hatten.  Menschen ohne Stern, die nur Material für die Statistik sind, die nur für den unmittelbaren Erfolg arbeiten und fast animalisch nur für den Augenblick leben, sind diesen Heroen der praktischen Vernunft rettungslos unterlegen. Lenin hat mehr als nur einmal vermerkt, dass die Mehrheit der Sozialdemokraten in Europa dem Sozialismus untreu geworden sind. „Diese Führer haben die Massen verwirrt, irregemacht, betrogen“. Die Korrektur des Irrsinns ist ein wesentliches Anliegen einer Revolution, für 1789 war der Feudalismus, ein Fortschritt gegenüber der antiken Sklaverei, mittlerweile ein Irrsinn wie es für 1917 der Imperialismus mit seinem ersten Weltkrieg war. Die Seelenführer erfassen intuitiv den Kern der Sache, erfassen, was an der Zeit ist, wo, an welcher Stelle die Kette der Politik angepackt werden muss, worin die Eigenart des Übergangs von einer ökonomischen Formation zur anderen besteht. Welche Vorahnung mag Lenin gehabt haben, als er seinen ersten Artikel im Januar 1917, geschrieben am letzten Tag des Monats, an der Schwelle zum ersten Februar 1917, dem Tag, am dem Deutschland den uneingeschränten U-Boot-Krieg verkündete, als europaweit noch niemand von der Revolution im nächsten Monat etwas ahnte, mit dem Titel versah: „Eine Wendung in der Weltpolitik“ ? Er konnte nicht wissen, dass er in nur wenigen Monaten der Hauptakteur bei der grundlegenden Wendung in der Weltgeschichte der Menschheit sein würde. Mitte März 1917 schickte er noch Briefe nach Russland: ‚Schickt uns Geld, wir haben nichts mehr zu essen‘, um nur ein halbes Jahr später „Souverän“ über ein Sechstel der Erdoberfläche zu sein. Tausend Übergänge im Wechselverhältnis der Klassen gilt es unter dem Anspruch wissenschaftlicher Allseitigkeit und der inhaltlichen Bestimmung des geschichtlichen Zeitpunktes in der Hand zu halten und durch die Parteiwirren hindurch das Entscheidende festzuhalten: die Bewaffnung und Organisiertheit des Proletariats („Organisation, das ist die Losung des Tages“ (Lenin, Briefe aus der Ferne, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,338 xx ), eine Volkswehr mit polizeilichen Funktionen, für die gesamte Bevölkerung beiderlei Geschlechts als Höherentwicklung der allgemeinen Wehrpflicht, denn mit der Februarrevolution war eine Wende verknüpft, der imperialistische Krieg wandelte sich in einen Bürgerkrieg und die Doppelherrschaft stellte die Frage ‚Krieg oder Frieden‘ antagonistisch für alle sichtbar in den Raum der Geschichte.  Dadurch, dass diese großen Seelenführer den Weg genau ausgearbeitet haben, haben Revolutionen trotz allen Irrsinns, trotz des grellen Blitzes, der den Sturm entlädt, einen tief sitzenden rationalen Gehalt, sie besorgen einen „Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit“ (Hegel) und der Steuermann Lenin war der Auffassung, dass nur die proletarische Revolution eine auf Russland zukommende Welle echter Anarchie abwenden könne. Diese Seelenführer erfüllen das, was sich Gorki unter den ‚Erbauern des Lebens‘ vorstellte. Sie können, obwohl sie gerade keine in sich gebrochenen Naturen sind, nicht glücklich sein, denn sie haben ihre Subjektivität dem objektiven Gang der geschichtlichen Entwicklung geopfert, sie dienen diesem und nur wer diesen Gang erfasst, kann ihn zum Wohl der Menschheit in einer spezifischen Besessenheit weiterentwickeln. Den Sieg über die Macht des Bürgertums verdankten wir Leninscher Festigkeit, wird Stalin am achten Jahrestag der Revolution verkünden. (Vergleiche Josef Stalin, Der Oktober, Lenin und die Perspektiven unserer Entwicklung, Werke Band 7, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,222)  und nur wenige Tage später, auf dem XIV. Parteitag der KPdSU (B) kann man von ihm vernehmen, dass die kommunistische Partei der Sowjetunion nicht entarten könne, da sie von Lenin geschmiedet worden sei. (Vergleiche Josef Stalin, Politischer Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees auf dem XIV. Parteitag der KPdSU (B), Werke Band 7, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,297). Nur in Russland gab es diese festgefügte revolutionäre Kampfpartei, während in Westeuropa Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer, einzelne Heldinnen und Helden tätig waren (Adler in Österreich, Maclean in England, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Deutschland). Die Proletarier aller Länder müssen sich vereinigen, diese schlichte Wahrheit war auch das ‚Geheimnis‘ der Oktoberrevolution.  Lenins Ideal eines Revolutionsführers war ein Dirigent, der die Musik des Volkes beherrscht und sein feinfühliges Ohr immer an die vibrierende öffentliche Meinung legt, ihr Zittern erspürt. In der Stalinschen Parteigeschichte wird zugegeben, dass nach der Februarrevolution auch die bolschewistische Partei verwirrt war, Lenin war noch in der Schweiz. „Man fühlte, daß der Führer der Partei, man fühlte, daß Lenin fehlte“.  (Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin, 1946,222). Man kann sich spontan beim Anblick des Elends in der Weltgeschichte entschließen, etwas Gutes für seine Mitmenschen zu tun; das ist etwas anderes. Dieses moralisch Gute kommt nicht an gegen den Weltlauf, der negativ ist – man lese nur, was der altchinesische Kriegsphilosoph Sun Tzu über die Generäle schreibt, die einen Teil ihrer Agenten bewußt in den Tod schicken müssen, ohne das diese es wissen – und mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden muss, die Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg, die Thesen über Feuerbach, die Aprilthesen Lenins sind Marksteine im klassenkämpferischen „Plan der Weltgeschichte“, sich zu vollbringen.



				

Warum Lenin und Stalin keine dogmatischen Marxisten waren

30. August 2016

Lenin träumte Anfang Oktober 1917 davon, dass der Aufruf zu einem weltweiten demokratischen Frieden einen gewaltigen, welthistorischen Sturm der Begeisterung auslösen würde. Auch 1918 träumte Stalin noch: „Achtungsgebietend und wuchtig schreitet die proletarische Revolution über den Erdball“. (Josef Stalin, Die Scheidewand, Werke Band 4, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,148). Und je mehr die realgeschichtliche Entwicklung des Imperialismus die Arbeiterbewegung desillusionieren und auch durch Bestechung aus Extraprofiten entrevolutionieren konnte, nach dem Scheitern der Politik der Einheitsfront am krassesten in Deutschland, desto mehr verfestigte sich die Gedanken einer Industrialisierung der Sowjetunion und der singulären Möglichkeit einer Errichtung des Sozialismus in der Isolation, in der Umlagerung, in der Hitler lauerte. Das Opfer dieses Widerspruchs wurde Trotzki. Ohne Zweifel sahen die führenden Bolschewiki die Oktoberrevolution anfangs als ein Glied in einer weltrevolutionären Kette, Stalin, der etwa ab 1925 Lenins Konzept der Möglichkeit des Aufbaus in einem Land, eine Notlösung, vertrat, hatte noch vor der Oktoberrevolution geschrieben, dass im Westen, in den kriegführenden Ländern bereits das Morgenrot eines neuen Lebens, das Morgenrot der großen Arbeiterrevolution dämmere. (Vergleiche Josef Stalin, An alle Werktätigen, an alle Arbeiter und Soldaten Petrograds, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,91). Stalin spricht auch von einer kommenden „Ära der Arbeiterrevolution in Europa“. (Josef Stalin, An alle Werktätigen, an alle Arbeiter und Soldaten Petrograds, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,127)  Und als im Westen die rote Sonne nicht aufstieg, musste radikal umgedacht werden, ähnlich abrupt wie bei der Einführung der NEP. Am wenigsten musste vielleicht Stalin umdenken, der bereits Anfang August 1917 gegen den Strom schwamm, der dagegen hielt: „Man muß die überlebte Vorstellung fallen lassen, daß nur Europa uns den Weg weisen könne. Es gibt einen dogmatischen und einen schöpferischen Marxismus. Ich stehe auf dem Boden des letzteren“.  (Josef Stalin, Reden auf dem VI. Parteitag der SDAPR (B), Werke Bande 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,173). Schon hier lag eine Diskrepanz zu Trotzkis Theorie der permanenten Revolution vor, die Lenin einen „Luftsprung“ nannte, mehr noch – schon hier liegt wohl die erste Äußerung Stalins vor, dass Russland den Sozialismus auch ohne westliche Revolutionsunterstützung wird aufbauen können. In der Tat haftete den Kritikern Stalins ein Dogmatismus an, der sie die tiefe Bedeutung der Oktoberrevolution nicht erkennen ließ, die sie zu eingefleischt immer nur mit westeuropäischen Augen anstierten und bewerten wollten. Die Dogmatiker kannten nur einen eurozentristischen Marxismus. Die Oktoberrevolution gehört nicht nur in den Kontext rein europäischer Revolutionen, sie schert als eurasische aus ihm heraus.

Und dieser schien ja auch zunächst zu greifen: Es gab eine Meuterei in deutschen Flotte in Kiel, Poincaré schreibt in seinen Memoiren, dass 1917 sowohl in Frankreich als auch in England eine objektiv revolutionäre Situation vorlag, die die Zensur zu verheimlichen suchte. England Frankreich, Deutschland – das war das klassische marxistische Dreieick der fortgeschrittenenIndustrienationen, die nach marxistischer Theorie zuerst reif waren für eine proletarische Revolution. In Bezug auf den klassischen Marxismus war die Welt 1917 also noch in Ordnung, Lenin war ganz begeistert von den Kieler Matrosen, von Kiel sollte der Funke ganz Europa in Brand stecken, er bezeichnete den Matrosenaufstand in Kiel als höchsten „Ausdruck des Heranreifens der sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa“(Lenin-Stalin, Das Jahr 1917, Moskau, 193,589). Warum sprang dieser Funke nicht über ? Was diesen Industrienationen fehlte, das war eine bolschewistische Kampfpartei, wie sie Lenin für Russland geschmiedet hatte. Das sollte sich wenig später als sogar entscheidend herausstellen und die Weltrevolution wurde immer mehr zu einer Fata Morgana. Es ist wenig bekannt, dass es schon vor den weltgeschichtlich zu nennenden Aufständen in Petrograd im Februar und im Oktober 1917 spontane Aufstände in Mittelasien gegeben hatte, im September zum Beispiel in Taschkent,  und in denen zeitweise die Kontrolle der Arbeiter über die Produktion durchgesetzt wurde. Aber sie verglimmten, weil eine starke bolschewistische Partei fehlte.

Karl Marx sprach in einer sehr frühen Schrift, in der ‚Kritik der Hegelschen Rechtsphilosopie / Einleitung‘ von 1843/44 vom zurückgebliebenen Deutschland als einem ungeschickten Rekruten, der die abgedroschene Geschichte der fortgeschrittenen Länder Westeuropas nachzuexerzieren habe. (Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie / Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,383)  und das Gleiche könne man – den Dogmatikern gemäß – auch über Russland sagen, dieses Land sei seit Peter dem Großen ein Schüler Westeuropas gewesen, dass dem Zurückgebliebenen Nachhilfe zu erteilen hätte. „Russland ist, was Europa war“, schrieb T. G. Masaryk 1913 in seinem Buch ‚Russland und Europa‘, sehr präzise die gewohnte Sichtweise der bürgerlichen Soziologie und des traditionellen SPD-“Marxismus“ markierend. Der dynamische Marxismus zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er dieses Gesamtbild umkippt, dass er einen Umschlag für folgerichtig hält und zur Anerkennung nötigt, dass von der Sowjetunion lernen eine Zeitlang siegen lernen hieß. Deutschland hingegen ist ohne proletarische Revolution bis heute der ungeschickte Rekrut geblieben und ist es seit der Einverleibung der DDR mehr als je zuvor. Was kann man heute von Deutschland politisch lernen außer spießerhaftes politisches Gehabe der Reaktion, der modrigen Politikaster von gestern. Die Völker bedanken sich ! Gerade in der marxistischen Schule erfolgte der Umschlag vom Schüler zum Lehrer. Man hatte die russische Geschichte zu einseitig europäisch gedeutet und ihre asiatische Seite übersehen. Die größte Merkwürdigkeit der Oktoberrevolution bleibt aber die, dass die ach so fortschrittlichen Marxisten aus Westeuropa deren Ausbruch als unzeitgemäß denunzierten, sie selbst aber unter wesentlich fortgeschritteneren Bedingungen nichts zustande brachten, was man in der Weltgeschichte der Oktoberrevolution analog stellen könnte.

Die Oktoberrevolution korrigierte diese einseitige Sichtweise, dass die Westeuropäer in der russischen Gegenwart ihre Vergangheit anschauen. Valentin Gitermann spricht sogar von einer „Geschichtsfälschung“, die Oktoberrevolution habe diese Fälschung „rücksichtslos und plötzlich“ aufgedeckt. Schon die Periode der Doppelherrschaft, die den bürgerlichen Wissenschaftlern bizarr vorkommen musste, verdeutlichte, dass die westeuropäische Schablone der Entwicklung, der zeitlichen Abfolgeabstände der Gesellschaftsformationen brüchig geworden war. Das hebt Lenin und Stalin von den Kautskyanern ab, die den Abstand zwischen beiden Revolutionen in Jahrzehnten rechneten, ja rechnen mussten. Befangen in der westeuropäischen Tradition war ihnen eine Revolution, in der nicht die Bourgeoisie, sondern das Proletariat der Hegemon der Bauernbefreiung war, suspekt. Aber diese homogene Hegemonie der ungeheuren Mehrheit der arbeitenden und produktiven Klassen war einer der Gründe, warum die bürgerliche Revolution in Russland die kurzlebigste in Europa war. Die ungeheure Masse der russischen Bauern erwies sich als Reserve der Arbeiterklasse, nicht als eine der urbanen Bourgeoisie. Die Elementargewalt der proletarischen Revolution wurde durch das bäuerliche Element potenziert. Der Hinweis von Friedrich Engels, dass das Proletariat zum Zwecke der Machteroberung „von der Stadt aufs Land gehn muß“ ( Friedrich Engels, Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Band II, Dietz Verlag Berlin, 1976,395) trug erste satte Früchte. Die russischen Kommunisten hätten auf dem Dorf einen Einfluss und eine Stütze, „von denen unsere Genossen im Westen nicht einmal zu träumen wagen“. (Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Stalin Werke Band 6, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,118).

Die Oktoberrevolution „hat die vorher so selbstverständliche Annahme eines ‚europäischen‘ Verlaufs der russischen Sozialgeschichte als Illusion, als bürgerlichen Wunschtraum entlarvt … es wird uns vielleicht auch gelingen, in Rußlands Vergangheit die Vorbedingungen und Keime seiner Gegenwart deutlicher zu erkennen.“. (Valentin Gitermann, Die Geschichte Russlands, Valentin Gitermann, Geschichte Russlands, Band I, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965,13f.). Dem Kursivgedruckten kann man nur sehr bedingt zustimmen, jedenfalls nicht für die Zeit der aufgehenden Sonne der Oktoberrevolution, denn sie hatte dafür gesorgt, dass nicht, wie in der kapitalistischen Gesellschaft die Vergangenheit über die Gegenwart herrscht, sondern umgekehrt, dass der Anfang gemacht worden war, dass die Gegenwart über die Vergangenheit triumphiere. Probleme entstanden durch die mechanische Übertragung westeuropäischer Revolutionsprozesse aus vergangenen Jahrhunderten auf die russische Revolution im Jahr 1917, manche intellektuelle Diskussion über diese war überflüssig. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat gezeigt, dass die Doppelherrschaft ‚Räte-Duma‘ mit der Machtergreifung der Kommunisten nicht erledigt war, dass die Duma fast 75 Jahre im Untergrund, von den Revisonisten totgesagt, schlummerte. Russland hat heute wieder eine Duma, wie unzulänglich auch immer, zur Täuschung der Massen. Und wir sehen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, Russland schließt sich Westeuropa nicht vorbehaltlos an, im Gegenteil, das Gefälle ist mittllereweile wieder so groß, dass von einem neuen ‚kalten Krieg‘ ohne ‚Iron Curtain‘ gesprochen werden kann.

Stalin hatte des weiteren insofern Recht mit seiner Behauptung, dass Westeuropa nicht unbedingt der Wegweiser der Zivilisation zu sein brauche, als der erste Weltkrieg tatsächlich den dekadenten Eiter Europas aufriss, das durch den italienischen und deutschen Faschismus, durch das Vichy-Regime, Franco und  Mannerheim  zum dekadenten Erdteil schlechthin wurde, in dem die Sowjetunion, damals das fortschrittlichste Land auf Erden, ums nackte Überleben kämpfen musste. 1912 gab Lenin an, dass drei Viertel der imperialistischen Bourgeoisie Europas schon verfault sei. (Vergleiche Lenin, Das erneuerte China, Werke Band 18, Dietz Verlag Berlin, 1957,393). Das Bürgertum Westeuropas bekam zwei Fronten: im Osten die sowjetische, im Westen die US-amerikanische, denn den USA wurden bereits durch den ersten imperialistischen Krieg die Tür nach Europa als Kreditgeber geöffnet. Diese Fronten vereinigen sich zeitweise zur Niederringung der kleinbürgerlichen faschistischen Bestie, die nach Lebensraum in einem Land lechzte, dass bis zur Kollektivierung 1929 das kleinbürgerlichste Land Europas war. Die Frontvereinigung fand auf beiden Seiten mit dem Wissen statt, dass der entscheidende Endkampf der Neuzeit beiden noch gegeneinander bevorstand, kaum war Deutschland okkupiert, demonstrierten die USA durch den militärisch sinnlosen, ja idiotischen Abwurf der Atombombe auf Japan ihre Stärke gegenüber der Sowjetunion. Der letzte große Akt des zweiten Weltkrieges war bereits der erste Akt eines Krieges, der als kalter in die Weltgeschichte eingehen sollte. Am Ende war gar keine Atombombe nötig, auf deren Abwurf sich das militärische Denken fixiert hatte. Wenn Lenin Recht hat, dass der Imperialismus faulender, stinkender und sterbender Kapitalismus ist, und er hat Recht, so wird in ihm der Gehalt der Fäulnis immer korpulenter. Der Imperialismus trägt eine Janusgesicht, er perfektioniert die Technik ins Erstaunliche, mit der dann dielletantisch umgegangen wird, zugleich verdeutlicht die hochentwickelte Technik den zunehmenden Fäulnisprozess selbst. Die Fäulnis breitet sich heute rasend aus wie die Pest im Mittelalter, so dass der entscheidende Kampf zwischen Lohnarbeit und Kapital eines Tages die ganze Tagesordnung einnehmen wird. Auch das konterrevolutionäre Kapital weiß, dass alles, was die Menschen bewegt, durch ihren Kopf hindurch gehen muss. Wurden im Mittelalter die Körper durch die Yersinia pestis vergiftet, so heute die Gehirne durch den Antikommunismus in all seinen Variationen und und in all seiner schillernden Vielfalt. Durch diesen kommt es, dass für uns im 21. Jahrhundert das Mittelalter gleich um die Ecke liegt.


				

Wie kommt der Affe zu einem Personalausweis ?

15. Juli 2016
Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen 
Landes. Michail P. Gerasimow, ein Künstler des 'Proletkultes', 
schrieb: 'Das Herz in der Brust eines Bauern … eine elektrische 
Birne'. So plump dieses Bild ist, so hölzern es klingt, richtig ist, 
dass durch eine Revolution alles pervertiert wird. Das zunächst 
an den französischen Arzt und mechanischen Materialisten La 
Mettrie erinnernde Bild verweist auf die Schwierigkeit des 
Revolutionärs, dass er sozusagen die Natur des Menschen 
austauschen muss, um aus dem verdorbenen Alltagsmenschen 
einen neuen Menschen zu formen, der jenseits steht. Der 
Revolutionär muss dem Menschen die ihm eigenen Kräfte 
rauben, um ihm fremde zu geben. Rousseau sah dies im 
'Gesellschaftsvertrag' als Aufgabe des Gesetzgebers an: aus 
einem natürlichen autonomen Anarchisten macht er einen 
Staatsbürger, einen künstlichen Menschen. „Mit einem Wort, 
es ist nötig, dass er dem Menschen die ihm eigenen Kräfte 
raubt, um ihm fremde zu geben, von denen er nur mit Hilfe 
anderer Gebrauch machen kann“. (Jean Jacques Rousseau, 
Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 2011,45).  
An die Stelle des Herzens setzt der revolutionäre Gesetzgeber 
eine Glühbirne ein, der Affe hat jetzt einen Personalausweis. 
Es ist doch eine interessante anthropologischeFrage,  wie  wohl 
der zunächst in der Baumwelt sich fortschleudernde Affe
 zu einem Personalausweis kommt ? Zwar war der Marxismus 
auch wie die bürgerliche Aufklärung fasziniert vom technischen 
Fortschritt, Engels ist bei seinem ersten Besuch in Manchester 
überwältigt von der 'Großen Industrie', Marx von der ersten 
Weltausstellung der Industrie in London und Lenin schwört 
auf die Elektrifizierung des Sowjetlandes, aber das 
Hineinprojizieren technizistischer Modelle in den Marxismus, 
wie es etwa eine Zeitlang Mode war, ihn kybernetisch 
umzustylen, ist zurückzuweisen. Wo bürgerliche Wissenschaftler 
ein Verhältnis von Dingen sahen, besonders in einer 
austauschfixierten warenproduzierenden Gesellschaft ist das der 
Fall, ein Fetischfall, in dem das Nicht-Ich das Ich bestimmt,  
da sah Marx unter der Oberfläche ein Verhältnis von Menschen 
und räumte Ballast beiseite ähnlich wie Fichte mit seinem Ich=Ich. 
Die Menschen ersticken, wenn sie sich ihr Selbstbewusstsein über 
etwas ihnen Fremdes, über Waren, Geld und Kapital holen müssen. 
Dialektik erinnert, dass sich das Mechanische aus lebenden Leichen 
konstituiert, aus Menschen mit Glühbirnen statt Herzen, aus 
Menschen als Maschinen. Für Lenin war keineswegs die 
Elektrifizierung das Nonplusultra, der Sozialismus kein 
Technikproblem, vielmehr müssen  wir fragen, was denn für Lenin 
zu seinen Lebzeiten das sichtbarste Zeichen des Kommunismus war ? 
Es waren dies die kommunistischen Subbotniks, die er als den 
„faktischen Beginn des Kommunismus“ (Lenin, Die Große Initiative, 
in: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,536) wertete: 
Kollektives Arbeiten mit Gattungsbewusstsein ohne Geld. Das 
Gattungsbewusstsein muss nicht unbedingt immer ganz klar sein, 
Keimformen von Subbotniks gibt es auch im Spätkapitalismus unter 
der Oberfläche zu Hauf, sie betreiben nur keine Werbung, denn es 
widerstrebt ihrem humanistischen Ansinnen, sich vor anderen 
herauszuputzen. Dem Kapital und seinem Werbeterror kann es gar 
nicht gelingen, die Gesellschaft zu einer reinen Ware-Geld-
Beziehung, also zu einer völlig entsoldarisierten deformativ zu 
totalisieren.

Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein soll (1838) Wirklichkeit und Ideologie

25. Juni 2016
Der bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologe projizieren ihre verkorksten Lebenserfahrungen in die Ausgestaltung einer sozialistischen Gesellschaft hinein. Dass der Sozialismus nicht gelingen könne, spiegelt die im Kapitalismus für sie und für alle nicht zu meisternde innere und äußere Naturbeherrschung wieder. Das Abbrechen einer positiven Zukunftsvision durch die Lebenserfahrung in einer Klassengesellschaft voller Widerstände und Missgeschicke spiegelt sich in einer gebrochenen Anthropologie wider: der Mensch (als solcher) sei ein unzulängliches Wesen. Selten geschieht ja im Kapitalismus das Gewollte und seine Ideologen haben die Aufgabe, das Subjektiv-Negative zu verallgemeinern als der Gattung anhängend. Aus ihren eigenen Eingeweiden produziert die bürgerliche Gesellschaft zum Beispiel fortwährend die Prostitution und diese Konstante wurde zum Beispiel beim ersten historischen Auftauchen einer Arbeiterrepublik 1871 in Paris der Kommune unterstellt. Diese Republik bilde sich aus Zuhältern und Prostituierten, tönte die bürgerliche Propaganda.  „Die Herren Bourgeois messen uns nach ihrem Maß“ (Josef Stalin, Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV. Konferenz der KPR (B), Werke Band 7, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,105).
Ideologie ergibt sich aus der fehlerhaften Verallgemeinerung einer subjektiv richtigen Erfahrung in etwas Überhistorisches, deshalb ist Ideologie nicht per se einfach falsches Bewußtsein, sondern notwendig falsches Bewußtsein als richtige Widerspiegelung des falschen Scheins. „Was ihr für das antike Eigentum begreift, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,478). Ideologiekritik verfehlt ihren Kern, wenn sie Ideologie lediglich als das Beharrende im Strom der Zeit festschreibt; kein Ideologe, der einigermaßen bei Trost ist, wird leugnen, dass alles relativ ist, dass alles fließt, dass alles sich ändert, er hat nur die gegenwärtige Kardinalfixierung vor der reißenden Zeit zu schützen. Herrschende Klassen können bei der Veränderung gesellschaftlicher Erscheinungen Zugeständnisse machen, nie aber beim Wesen ihrer Klassenherrschaft.  Aus der  Existenz des Gegebenen als (s)einer Notwendigkeit wird bereits dessen Rechtmäßigkeit abgeleitet. Es kann nicht geleugnet werden, dass der absolute Idealismus Hegels  Ideologie ist: „Das was ist zu begreifen, ist Aufgabe der Philosophie, denn das, was ist, ist die Vernunft“. War die Philosophie im Mittelalter die Magd der Theologie, so wird sie im Idealismus und Positivismus die Magd der mit der Wirklichkeit zufrieden gesättigten Klassen.  Damit ist aber die philosophische Dialektik ihrer Fruchtbarkeit und Zukunft beraubt, die sie allein dadurch behaupten kann, wenn sie der Welt als einer verkehrten, in sich perversen begegnet. Die Philosophie hat es mit Perversem zu tun, ohne dem sie nur den Schatten ihrer selbst darstellt. Die Philosophie kann keine fröhliche Wissenschaft sein, der Schmerz zwischen dem Sein und dem, was sein soll, ist die Kraftquelle ihrer Arbeit des Negativen.
Ideologiekritik und Ideologie sind abhängig von der Tiefe der Klassenkonflikte, die sich in ihnen widerspiegeln. Besteht durch alle Klassen hindurch weitgehend Konsens über die Unabänderlichkeit einer gegebenen ökonomischen Gesellschaftsformation, ein seltener Fall, so herrscht nackte Ideologie fast unumschränkt und die Kritik an ihr ist fast verstummt. Einen totalen gesellschaftlichen Akkord kann es aber auch in Klassengesellschaften nicht geben, so sehr Herrschaft bestrebt ist, das ihr nicht Identische auszumerzen. Eine Zerrissenheit einer Gesellschaft in eine bunte Parteienpluralität ist zunächst Ausdruck einer existierenden Klassenkampfgesellschaft, sodann auch Ausdruck nicht der Stärke, sondern der Schwäche einer Gesellschaftsformation. Nur Volksfeinde streben danach, die Einheit des Volkes zu zerreissen. Wie ein weiser General auf die Homogenität seiner Truppen achtet, so denkt ein weiser Revolutionär an die Einheit des Volkes zuerst.
Das Ende des Mittelalterns bedeutete das Ende der großen katholischen Ideologie und die Reformation wird aus klassenspezifischen Interessen besonders in Deutschland als  erste große Ideologiekritik unserer Zeit gehandelt, als ob  Religion eine bestimmende Bedeutung für gesellschaftliche Entwicklungen habe. Bereits der junge Marx geißelt den immensen ideologischen Gehalt der Reformation trotz ihrer ideologiekritischen Grundhaltung. Ihr Ideologiekritisches liegt in der Ausschaltung des katholischen Pfaffen als eines Vermittlers zwischen Gott und dem Menschen. Luther wollte den direkten Zugang des Gläubigen, des Laien zum Idol, ohne Mitte, ohne Vermittlung, man bete direkt zu seinem Gott, ohne noch der Beihilfe eines Experten zu bedürfen. Dieses Zwiegespräch wurde primär zu einem Gespräch mit sich selbst, was es ja auch in Wirklichkeit nur war, und der Laie war jetzt der von Gott Auserwählte. Das Gottesgnadentum galt für alle Menschen, nicht nur für den Monarchen. Diesem wurde allmählich in England und Frankreich die Legislative und das Recht auf Steuererhebung aus der Hand genommen. Das Äußerliche, das religiöse Brimborium wurde sekundär, die protestantischen Kirchen waren bewußt schlicht gehalten. Nur in einer auf den Wellen der Gesellschaft schwimmenden, hermetisch abgesicherten Kugel der Religion findet in Deutschland also die Aufhebung des Verhälnisses zwischen dem Laiensklaven und dem Herrenpriester satt, mit fatalen gesellschaftlichen Konsequenzen. Hinzu kommen zwei geschichtliche Schickslasschläge, von denen sich das deutsche Volk bis heute nicht erholt hat: Mit der Niederlage der Bauern im deutschen Bauernkrieg bricht 1525 eine demokratisch begründete Weltoffenheit ab, der deutsche Philister zieht sich auf das reine Gebiet der Theorie zurück und gräbt sich ein in eine Welt voller Bücher und Spekulationen. Die verheerenden Folgen des 30jährigen Krieges tun ein Übriges hinzu. In der Geschichte der deutschen Philosophie ergibt sich daraus im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten eine Entwicklung in absteigender Linie, eine Tendenz zur unpolitischen Innerlichkeit. Trotz der deutschen Misere behauptet Leibniz trotzig, dass wir in der besten aller Welten leben würden, aber seine genialen dialektischen Gedanken sind völlig eingehüllt in einer metaphysischen Kugel und man erstaunt über seine Fähigkeit, eingenebelt in einem Himmel voller metaphysischer Wolken tiefe dialektische Gedanken zu entwickeln, die bei ihm aber nur zur Lobpreisung Gotte entwickelt werden. Gott kann gar nicht der Baumeister einer schlechten Welt sein. Kant ringt sich trotz seiner gebrochenen Anthropologie, der Mensch sei ein Thier, und trotz seines Agnostizismus‘ bis zur Möglichkeit eines ‚Ewigen Friedens‘ in der menschlichen Gattung durch, ohne aber je über die beste aller Welten ein positives Wort zu verlieren. Hegel ist ein Denker, der in vielem die letzte Konsequenz zieht: die Philosophie hat sich von der Welt abzuwenden. Da der Philosophie der Weg zur Welt letztendlich verbaut ist, sieht Hegel ihren Kern in der Erkenntnis Gottes. Durch den  philosophisch in seiner Totalität erkannten und nur durch die Philosophie total erkennbaren  Gott, in diesem Punkt sichert Hegel der Philosophie ein Exklusivrecht zu,  ist die Philosophie durch die Offenbarung Gottes in ihrer tiefen Ruhe eingesunken, ein Ende, das dem Ende der Weltgeschichte gleichzusetzen ist, denn sie hatte die totale Selbsterkenntnis Gottes durch die Philosophie Hegels zum Inhalt. Die Philosophie Hegels bildet den Schlußstein der Weltgeschichte. In seiner „Philosophie der Religion“ gelingt es Hegel, die Quintessenz der deutschen Philosophie, in der sich die deutsche Geschichte widerspiegelt und die noch nicht von der internationalen technisch-industriellen Revolution erschüttert worden war,  prägnant darzustellen: die Philosophie sei “ … ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbare praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, von Hermann Glockner, Band 16, Stuttgart Bad Canstatt 1965, Friedrich Fromann Verlag,356).
Die technisch-industrielle Revolution hatte die Intimität zwischen Beten und Arbeiten aufgesprengt und zwang die Gesellschaftswissenschaftler, sich auf den realen Verlauf der Weltgeschichte ökonomisch und politisch einzulassen. Die politische Ökonomie trat an die Stelle von ‚Ora et Labora‘. Der Marxismus spiegelt die Essenz dieser atemberaubenden technischen Revolution und die durch sie bewirkte Erschütterung aller Lebensbereiche richtig wider. Im Gegensatz zum Idealismus muss man sich nun dem Weltgeschehen zuwenden. Der junge Marx räsonniert: „Zweierlei Facta lassen sich nicht abläugnen. Einmal die Religion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das Hauptinteresse des jetzigen Deutschland bilden. An diese, wie sie auch sind, ist anzuknüpfen … “ (Karl Marx: Arnold Ruge, Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1843, in: Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin,1982,487). Aber dieses Anknüpfen ist spezifischer Art: durch die Avantgardetheorie einer kommunistischen Partei von Marx und Engels und durch die von Lenin festgestellte Seelenverwandtschaft zwischen der rückständigen deutschen und russischen Geschichte der Volksunterdrückung schlängelt sich ein Hegelscher Gedanke, einer mit Vorbehaltscharakter, hindurch: noch Lenin, und das ist in der Charkterisierung des Bolschewismus oft übersehen worden, schottet seine Kaderpartei in gewisser Weise von den Volksmassen ab, die mit ihnen nicht völlig verschmelzen darf, sondern nur „bis zu einem gewissen Grade“. (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975567). Stalin wird dann von einem Schwertträgerorden sprechen, dessen Mitglieder aus besonderem Material geformt sind.
Näher betrachtet stellt aber der Protestantismus nur ein Aufguss der Philosphie des Nominalismus dar, der nach Marx der erste Ausdruck des Materialismus war. Der Nominalismus billigte den Allgemeinbegriffen keine Realexistenz mehr zu, sondern nur den konkret einzelnen Dingen: Universalia sunt nomina post rem. Die Abwertung des Allgemeinen untergrub die Macht der allein seligmachenden katholischen Kirche. Der einzelne Mensch wurde in den Mittelpunkt gerückt wie die Sonne im Universum. Der einzelne Mensch war Gott näher als die Kirchengemeinde oder näher als die allgemeine Kirche. Die Mystik des 16. Jahrhunderts war dezidiert antihierarchisch ausgerichtet. Wilhelm von Ockham, der Vertreter des Spätnominalismus, trat bereits für die Trennung von Kirche und Staat, Glauben und Vernunft ein, was für die Ideologiekritik ein wichtiger Schritt ist. Die von der Religion abgelöste Politik steht von allen ideologischen Überbaugebilden der Produktionsbasis noch am nächsten. Der englische Philosoph Francis Bacon forderte im 16. Jahrhundert eine Neuordnung der Wissenschaften. Diese Forderung drückte aus, dass die alten feudalen Mächte sich einer aufstrebenden Bourgeoisie gegenüber sahen, die die Welt gegen sie verändern wollte. Gegen die Scholastik forderte Bacon die Hinwendung der Wissenschaftler „zu den Dingen selbst“. Und von diesen war induktiv zu immer allgemeineren Begriffen zu steigen. Der Blick wendete sich vom Himmel zur Natur, die die Wissenschaftler laut Bacon zu zerschneiden hätten. Die bürgerliche Aufklärung entmythologisierte von Profitsucht getrieben die Natur vollends. Es kann nicht geleugnet werden, dass der absolute Idealismus Hegels durch seinen Versuch, Wissen und Glauben zu synthetisieren, hinter Bacons und Wilhelm von Ockhams Forderung einer Tennung von Staat und Kirche zurückfällt. Und hinter sich selbst.
Denn der junge Hegel hatte im Tübinger Stift noch zusammen mit Hölderlin und Schelling den Staat als das Monster schlechthin satanisiert (für Kant waren es nur die stehenden Heere, die sich nicht mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinbaren lassen; nicht das Staatsganze): es gäbe keine Idee vom Staat, er sei etwas Mechanisches, wir müssen über den Staat hinaus. „Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln, und das soll er nicht, also soll er aufhören (kursiv von H.A.)“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, Theorie Werkausgabe Band I, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., 1972,234f. ). DER STAAT SOLL AUFHÖREN – das ist die wohl bemerkenswerteste Stelle im prämarxistichen Schriftgut, die die deutsche Sprache aufzuweisen hat und die die Frage aufwirft, ob Hegel, wäre er zeitnahe mit Ulrike Meinhof oder Andreas Baader zur Welt gekommen, nicht in Stuttgart-Stammheim ihr Zellennachbar gewesen wäre ? Es ist nun im philosophischen Werdegang Hegels zu verfolgen, dass er mit zunehmenden Alter immer mehr mit den Wölfen heult und in wissenschaftlicher Hinsicht immer unreifer wird. Seine Anpassung an die vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse setzte Sein und Sollen immer mehr kongruent, an Kants Moralphilosophie kritisiert er die „Ohnmacht des Sollens“ und am Ende war der preußische Staat, mit dem er sich identifizierte, für ihn der unantastbare Gang Gottes in der Welt, in dem die Weltgeschichte mit sich identisch geworden war. Philosophisch endet Hegel als Ideologe des preußischen Staats, den es heute nicht mehr gibt. Damit wäre er heute fast vergessen. Was aber seine Aktualität ausmacht, ist die Tatsache, dass er in seinem innersten Denken eine platte Identität von Sein und Sollen nie anerkannt hat, sondern dass sich für ihn eine Identität erst dialektisch nach einem Prozess der Negation der Negation ergibt. Damit bleibt dieser einstige Anarchist für das anarchistische Gedankengut des Marxismus, der ja im Ziel mit dem Anarchismus gar nicht auseinandergeht, fruchtbar. Normalerweise bleibt das Bewußtsein der Menschen hinter der Entwicklung der Produktivkräfte zurück, in Hegels Denken begegnet uns eine rückständige Philosophie, die auf Grund ihrer dialektischen Methode ihrer Zeit voraus war. Das schägt zu Buche der idealistischen Dialektik wie es zu Buche der materialistischen schlägt, dass durch sie in einer vom Warenfetisch verblendeten und pervertierten Gesellschaft dessen Geheimnis gelöst werden konnte. Die bürgerlichen Ökonomen hatten diese Methode nicht und kamen nicht dahinter, drangen nicht durch die Nebelerscheinungen zum Wesenskern.
Das anarchistische, staatsfeindliche Gedankengut des Marxismus, mit der Diktatur des Proletariats als „Halbstaat“, wird immer wieder von Volksfeinden zugeschüttet und Lenin verwandte in der Verbannung vor der Oktoberrevolution in der Schrift „Staat und Revolution“ seine ganze intellektuelle Kraft darauf, die wahre Marxsche Lehre vom Staat wiederherzustellen. Auch der junge Marx litt an der Wunde zwischen der erbärmlichen Wirklichkeit und dem „Sollenden“, wie einem Brief an seinem Vater vom 10. November 1837 zu entnehmen ist. Ein Jahr später erscheint ein Buch von Wilhelm Weitling mit dem Titel: Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein soll. Diese Differenz trieb die damaligen Kommunisten um und eine der intellektuellen Leistungen von Marx und Engels bestand darin, dass sie den Sozialismus von einer Utopie zu einer Wissenschaft umwandelten. Das war ein qualitativer Sprung in der Theoriegeschichte des Sozialismus. Nach diesem war wissenschaftlich unhaltbar, dem Kapitalismus entgegengesetzte und ihn ablösende Gesellschaftsmodelle zu erdichten. Der Gesellschaftswissenschaftler wurde Naturwissenschaftler, für den die Geburt der neuen Gesellschaft aus der alten  nunmehr ein naturgeschitlicher Prozess mit primär ökonomischen Gesetzescharakter ist. „Also kann die Wissenschaft von der Geschichte der Gesellschaft trotz aller Kompliziertheit der Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens zu einer genau so exakten Wissenschaft werden wie, sagen wir, die Biologie, zu einer Wissenschaft, die imstande ist, die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft in der Praxis auszunutzen“ (Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, in: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin, 1946,138). Perspektiven über die Entwicklung der Menschheit durften nicht mehr losgelöst von den proletarischen Massenbewegungen und unter Ignorierung ökonomisch bedingter gesellschaftlicher Gesetzmäßigkeiten gefasst werden. Das ist einer der Gründe für die brennende Aktualität des Marxismus, der immer von den Massenbewegungen lernt, besonders von den proletarischen (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,438). Der Clou ist nun, dass sich der Marxismus und Hegelianismus bei entgegengesetzten philosophischen Methoden, einer materialistsichen und einer idealistischen, in ihrer Polemik gegen ein ohnmächtiges Sollen wieder aufeinander zu bewegen.
Heinz Ahlreip

 

Hinweis auf eine Gefahr beim uz-Pressefest der DKP in Dortmund 2016

23. Juni 2016
Die letzten Ausgaben der uz enthielten Beilagen zum uz-Pressefest mit Hinweisen auf ein überschäumendes Musikangebot auf dieser Veranstaltung.  Das kann nicht unwidersprochen bleiben, besonders wenn man Lenin als Vorbild einer wissenschaftlich-revolutionären Lebensgestaltung ansieht. Lenin hielt die Musik stets auf Distanz, sie wirke auf die Nerven und beeinträchtige die revolutionäre Wachsamkeit. Für ihn besaß die proletarische Revolution, die tiefste Revolution in der Weltgeschichte,  einen zu hohen Schwierigkeitsgrad, um von ihr Entspannung im Irrationalen suchen zu dürfen. Gegenüber der Objektivität revolutionärer  Politik ist das Dionysische Hochverrat. Erst Generationen, denen die Entstehung der kapitalistischen Mehrwertrate nicht mehr ständig präsent zu sein braucht, mögen sich den Genüssen hingeben, denen der Leninsche Berufsrevolutionär sich entsagt. Entsagen muss, nicht so der Weltverbesserer, dem es nicht um die Gründung einer neuen Gesellschaft geht. Es versteht sich von selbst, dass eine Leninsche Revolution auch diesen narzistischen Philanthropen hinwegspült. Gorki hat die Szene festgehalten, in der der Pianist Isaay Dubrowen Lenin Beethovens Appassionata vorspielte: „Ich kenne nichts Schöneres als die Appassionata und könnte sie jeden Tag hören. Eine wunderbare, nicht mehr menschliche Musik ! Ich denke immer mit vielleicht naiv kindlichem Stolz; daß Menschen solche Wunder schaffen können !“ Dann kniff er die Augen, lächelte und setzte unfroh hinzu: „Aber allzu oft kann ich Musik doch nicht hören. Sie wirkt auf die Nerven, man möchte lieber Dummheiten reden und Menschen den Kopf streicheln, die in einer schmutzigen Hölle leben und trotzdem solche Schönheit schaffen können. Aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln – die Hand wird einem sonst abgebissen. Schlagen muß man auf die Köpfe, unbarmherzig schlagen – obwohl wir im Ideal gegen jede Vergewaltigung der Menschen sind, Hm Hm – unser Amt ist höllisch schwer.“ Wie erbärmlich nimmt sich doch neben dieser Genialität die Anarchistin Emma Goldman aus, die zu vertreten pflegte: „Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht meine Revolution !“. In einer wirklich tiefen Revolution ist niemandem nach Singen und Tanzen zumute, denn sie ist ein schmerzvoller Bürgerkrieg der kolossalsten und schrecklichsten Art, und nur auf diesen haben wir uns unter Berücksichtigung und Auswertung aller heute gängigen Kriegstypen (insbesondere imperialistische und die der Land- und Stadtguerilla) zu konzentrieren. Wir müssen die Arbeiterinnen und Arbeiter, die armen Bäuerinnen und Bauern in Deutschland, in Europa und weltweit bewaffnen, auch ihre Werkzeuge sind bereits Waffen, und auf eine Serie von Bürgerkriegen der schrecklichsten Art, auf einen „brutalen Widerspruch“ (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,182) vorbereiten.
Vor fast 170 Jahren konnte Friedrich Engels in den ‚Grundsätzen des Kommunismus‘ noch schreiben, dass es das Wünschenswerteste sei, wenn die Aufhebung des Privateigentums auf friedlichem Wege möglich sei „und die Kommunisten wären bestimmt die letzten, die sich dagegen auflehnen würden“. (Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,372). Das wäre auch heute noch zu wünschen, aber der Imperialismus hat alles verändert. Waren für Marx England, die USA und Holland Länder, in denen im 19. Jahrhundert eine friedliche proletarische Revolution noch möglich war, so hat Lenins Imperialismusanalyse den Krieg und den reaktionären Staatsterror zum Wesenskern des Imperialismus geschlagen, in dem Ausnahmen von einer gewaltsamen Revolution nicht mehr möglich sind. Stalin spricht vom Gesetz der gewaltsamen Revolution des Proletariats und vom Gesetz der Zertrümmerung der bürgerlichen Staatsmaschine als unumgängliche Gesetze der revolutionären Bewegung der imperialistischen Länder der Welt (Vergleiche Josef Stalin, Über die Grundlagen  des Leninismus, Werke Band 6, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,104). Schon nach diesem uns von Lenin und Stalin in die Hand gelegten Maßstab wird deutlich, dass die Rede von einer friedlichen deutschen Revolution 1989 nur leeres Geschwätz sein kann. 
Insbesondere hat das Jahr 1917 in Russland gezeigt, dass die Bourgeoisie sich noch einmal die Kommandomacht zurückeroberte, die bereits durch die Februarrevolution erheblich gebrochen worden war. Für drei Monate (von Anfang  März bis Ende Mai) gab es eine Doppelherrschaft, in der sich die Staatsmacht den Sowjets zuneigte, Russland als das freieste Land der Welt galt und eine friedliche Revolution im Bereich des Möglichen lag. Aber durch eine konterrevolutionäre Terrorwelle Anfang Juli 1917 kehrte sich die Lage um, die Sowjets wurden jetzt ein Anhängsel der (kleinbürgerlichen) Provisorischen Regierung zur Rettung der Revolution unter den Sozialrevolutionären Kerenski, dem Oberbefehlshaber der Armee, und Sawinkow. Lenin zog aus diesen historischen Ereignissen die richtige Schlußfolgerung: „Der friedliche Weg der Entwicklung ist unmöglich gemacht worden. Es beginnt ein nichtfriedlicher, äußerst schmerzvoller Weg“. (Lenin, Zu den Losungen, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,183). Das wurde vier Monate nach den Erschütterungen einer demokratischen Revolution geschrieben und noch heute träumen Revolutionsromantiker von einer friedlichen proletarischen Revolution, sogar ohne vorherige demokratische !!
Eugen Kogon, den die Nazis bis zu ihrem Ende ins KZ Buchenwald eingesperrt hatten, nannte Lenin einmal einen  ‚Mönch des Marxismus‘, ich halte das für eine gute Beobachtung. Wer die Menschheit vom Joch des Kapitals befreien will, für den kann es nur ein eindimensionales Leben geben, ein Leben, das oft ‚grau in grau‘ ist. Lieber einen kleinen harten Kern grauer Revolutionäre, die in der Revolution und nur in ihr aufblühen, als ein Gewimmele von Pseudomarxisten der buntscheckigsten Art oder ein Gewimmele von lumpenproletarischen Elementen, die sich auf Pressefesten gleich einem doppelten Rausch hingeben werden: Alkohol und Musik. Und wir wissen, dass „die Lumpen“ primär auf die Köpfe der Revolutionäre einschlagen.
„What is there to celebrate ?“ rief Angela Davis 1972 auf dem Campus der Berkeley-Universität während einer Protestveranstaltung gegen den Vietnamkrieg in Richtung eines lärmenden, von Musik umrahmten und also störenden Studentenfestes zu. „What is there to celebrate ?“. Wir sind noch nicht soweit, dass wir im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus die Zügel eventuell ganz leicht schleifen lassen können, wenn die konterrevolutionäre Gefahr so gut wie gebannt ist. Die politische Führung der DDR hatte mit der Zulassung irrationaler anglo-amerikanischer Popmusik, mit Udo Lindenberg, dessen „Musik“ (besser ist wohl: Geplärre) man im Vergleich zu Beethovens Appassionata wirklich nur als Dreck bewerten kann, auf die Gehirne der Jugend verheerend gewirkt. Wenn in den Köpfen junger Menschen Lennon wichtiger ist als Lenin – in der englischen Sprache klingen beide Namen fast gleich – so ist es um den Sozialismus bereits geschehen: die Zukunft gehört dem Kapitalismus. Das interessiert die heutigen Kulturbabaren nicht, die nur Geld hecken wollen, noch und noch. Heute ist dem Herrn Lindenberg die DKP wohl zu marginal, um nach einen ‚Sonderzug nach Dortmund‘ zu krächzen. Eines der fürchterlichsten Bücher der letzten 25 Jahre ist ein Buch von Lothar Bossle aus dem Jahr 1992: „Beethovens Sieg über Lenin“, im Creator-Verlag erschienen. Was würde ein solcher Sieg bedeuten ? Es würde den Triumph der bürgerlichen Revolution über die proletarische bedeuten, den Sieg von 1789 über 1917, den Sieg des Geldsacks über den Malocher. In der chinesischen Kulturrevolution hatte es aus guten Gründen eine ‚Anti-Konfuzius / Anti-Beethoven Kampagne‘ gegeben.
Auch auf den Neujahrsempfängen der DKP in Hannover wurde in den letzten Jahren gesündigt noch und noch. Eine musikalische Darbietung nach der anderen und der Platz für den wissenschaftlichen Sozialismus tendierte auf Null. Cromwell gab seinen antiroyalistischen Elitesoldaten, den furchterregenden ‚Ironsides‘ (die eisernen Häute), eine klugen Befehl: Nicht Wirts- und Theaterhäuser aufzusuchen, sondern täglich in der Bibel zu lesen. Das Kapital von Karl Marx ist die Bibel der Arbeiterklasse. Das Studium von, sagen wir zehn bis fünfzehn Seiten, ist wertvoller als die ganzen Musikdarbietungen auf einem Pressefest. Ist überhaupt ein Kapital-Studienkreis auf dem Pressefest in Dortmund vorgesehen ? Im Programm des Festes findet man nichts !
Ich schrieb, dass die politische Rolle der DKP heute marginal zu nennen ist. Das hat mehrere Gründe, objektive und subjektive. Ein Thema für sich, das hier nicht zu erschöpfen ist. Aber sicherlich spielt die fehlende demokratische Tradition in Deutschland eine gewichtige Rolle, die Niederlage der fortschrittlichen Kräfte im deutschen Bauernkrieg, die Tatsache, dass die Deutschen alle europäischen Konterrevolutionen mitgemacht haben, aber keine einzige Revolution, die Feigheit der deutschen Bourgeoisie, das Verpennen der Kehre von 1956 durch damals führende Kommunisten, so dass Crutschow immer noch als Kommunist gehandelt wurde … usw. usf. … Wären nur die Frühschriften von Marx bis 1844 überliefert, so könnte man leicht ableiten, der Kommunismus sei bei ihm aus Hass gegen den deutschen Spießer und Philister entwickelt worden. An Ruge schreibt er im Mai 1843: „Es lohnt sich, diesen Herrn der Welt zu studieren“ (Karl Marx an Ruge, Köln, im Mai 1843, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,338). Die großen objektiven Tragödien der deutschen Geschichte, die sehr tief im Fleisch sitzen, lasten wie ein Alp auf den Gehirnen und haben ein Gewicht, das man nicht einfach so zur Seite räumen kann. Aber auch auf der subjektiven Seite sieht es nicht gerade rosig aus. ‚Viele Deutsche gehen an innerer Haltlosigkeit zugrunde‘, hatte Friedrich Engels in seiner „Geschichte des Bundes der Kommunisten“ von 1885 festgestellt. (Vergleiche Friedrich Engels, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975, 209). Aber an diesem subjektiven Faktor kann man arbeiten, hier läßt sich etwas leichter bewegen als auf der schwerfälligen objektiven Seite, die nicht von Revolutionären allein zu bewegen ist.  Die Frage, ob die Irrationalität der Musik, der Alkoholkonsum und, zur Vervollständigung der heiligen Trinität, die religiös bedingte Verstümmelung des Menschen seine Haltlosigkeit festigen, beantwortet sich mit ihrer Stellung. In einer russischen Biographie über Felix Edmundowitsch Dzierschinskij steht der Satz: Er arbeitete zwanzig Stunden am Tag, Nachtruhe gönnte er sich kaum, es kam vor, dass man ihn zum Essen zwingen musste. Das man ihn zum Essen zwingen musste – da müssen wir hin !
Heinz Ahlreip

Skizze der Entwicklung von der Febuarrevolution zur Oktoberrevolution 1917 in Russland

21. Juni 2016

Die Oktoberrevolution ist als eine Revolution in aufsteigender Linie zu begreifen, als eine sich seit dem 27. Februar 1917, der ihre Keime enthielt, ständig radikalisierende, die schwere Prüfungen für die Bolschewiki bereit hielt: Von dem Ersetzungsversuch des Zaren Nikolaus, der mit einem Separatfrieden mit Deutschland liebäugelte, durch seinen Bruder Michail, der aber auf den Thron verzichtete, der Absolutismus fiel für Rosa Luxemburg „wie ein abgestorbenes Organ, das nur angerührt zu werden brauchte, um dahin zu fallen“. 1., aber selbst diesem faulen Organ reichte die Finanzbourgeoisie eben noch die Hand, denn sie wollte den ihr mehr zugeneigten Bruder des abgedankten Zaren einerseits als Vogelscheuche gegen die rote Gefahr auf den Thron hieven; andererseits hatte sie bisher sehr gut von zaristischen Regierungsaufträgen gelebt. Darin liegt das ganze politische Geheimnis der monarchistisch ausgerichteten Kadetten. Dann die demokratische Republik, als „das fertige, innerlich reife Produkt gleich des ersten Ansturms der Revolution“ 2., womit für die Menschewiki und für Kautsky (Demokratie, nicht Sozialismus, bzw. Sozialismus erst nach Erringung der Mehrheit im bürgerlichen Parlament durch die Mehrheit proletarischer Bevölkerung) die Revolution beendet war. Das war eine kleine Revolution, anders stand es in den Aprilthesen von Lenin, nach denen die Revolution eben erst begonnen hatte und die über die Diktatur des Proletariats eine große werden sollte. Seine Anhänger dieser Diktatur spielen noch eine periphere Rolle, der kleinbürgerliche Taumel hat fast alle erfasst und öffentliche Redner der Bolschewiki werden von der Menge mitunter in Stücke gerissen. Sie stellen sich die Revolution als ein reziprokes Doppelspiel von Fortschritt und Rückschritt so vor, dass sie zunächst in Russland ausbricht, fortgeschrittene Länder in Westeuropa entzündet, die dann die rückständige Revolution des rückständigen Russland unterstützen werden. Das war eine Zukunftsmusik, die nie gespielt wurde.

Die Kettenreaktion an Revolutionen und sozialen Umgestaltungen, die Lenin als Ergebnis des ersten Weltkrieges erwartete, vollzog sich am Ende des zweiten auf andere Art, eben nicht revolutionär, sondern durch die Okkupation durch die Rote Armee. Um den Zusammenbruch des osteuropäischen Sowjetismus zu begreifen, muss man zumindest bis auf diese Wurzel zurückgehen. Hitler, der nach eigener Aussage in seinem Leben immer va banque gespielt hatte, und sein Gefolge erwiesen sich als die größten Beschleuniger der Geschichte im 20. Jahrhundert. Es war nicht die Sowjetunion aus ihrer eigenen sozialistischen Substanz heraus, die die rote Fahne ausbreitete, sondern der Feind. Das konnte nur auf barbarische Art geschehen.

Es gilt zu beachten, dass im Hintergrund der staatliche Verwaltungsapparat von der Februarrevolution nicht angetastet worden war, er stellt die Plattform für konterrevolutionäre Wühlarbeit. Die Februarrevolution ist kurzlebig und hat kaum Auswirkungen auf das Voranbringen der internationalen Revolution. Alle großen Länder Europas hatten die bürgerliche Revolution bereits hinter sich. So können wir der Feruarrevolution keine weltgeschichtliche Bedeutung mehr beimessen, denn in ihrem Aufflackern zeichnen sich keine Konturen eines Neuen ab, das die Völker tief tangiert und in ihrer Substanz aufwühlt. Auch die Oktoberrevolution wird zunächst kaum bemerkt und vollzieht sich theatralisch, aber die Sowjets erwecken die Neugierde und die Revolutionäre fühlen sich von ihnen angezogen wie Bienen vom Duft der Blüte. Sowjets der Soldaten, der Bauern und der Arbeiter verbunden mit der Emanzipation der Frau, wenn das nicht gewichtig ist ?! Die Oktoberrevolution ist perspektivisch ausgerichtet und wirkt auf lange Sicht. Sie strahlt in alle Himmelsrichtungen aus (u.a. Räte in Indien und China), baut die Brücke zwischen den Völkern des Westens und des Ostens und verbreitet, was tiefe Revolutionen auszeichnet: den Schrecken. Sie war nach ihrem eigenen Konzept auf Weltrevolution aus und damit der Idee nach weltgeschichtlich, wenn sie auch in der Praxis nach 1945 mehr realsozialistisch vor sich herdümpelte. So wurde mehr die Voraussicht Hegels bestätigt als das Vermächtnis von Marx und Engels erfüllt: Hegel bemerkt in seiner ‚Philosophie der Weltgeschichte‘, dass sich das Slawentum noch nicht erhoben habe, dass es aber unausbleiblich sein wird, dass sein schwerer Schatten eines Tages auf Europa lasten werde. Dieser schwere Schatten reichte bis Torgau an der Elbe und im Schattenreich der Geheimdienste noch weiter.

War der rote Oktober nach marxistischem  Selbstverständnis eine proletarische Revolution, so musste auf einem ihrer Banner der Schlusssatz aus dem Kommunistischen Manifest als Parole stehen: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt Euch !‘. Marx ist durch diesen Satz berühmt geworden, nicht durch den von ihm entdeckten tendenziellen Fall der Profitrate. Die Kommunistische Partei der Bolschewiki konnte selbstredend nur eine international ausgerichtete sein, nach dem Sturz der russischen Bourgeoisie richtete sie sich sofort auf den Sturz der Weltbourgeoisie aus. Die nationale Orientierung schlug um in die internationale Ausrichtung, so etwa 1920, als Lenin über Warschau nach Europa durchbrechen wollte.

In einem Punkt erwies sich die Rückständigkeit Russlands als ein großes Plus: Während in Westeuropa die Bourgeoisie der Hegemon der Bauernbefreiung war, war es in Russland das Proletariat, so dass die Bolschewiki, nach Lenin ein „Tropfen im Ozean“, sich politisch halten konnten, wenn sie zu den Bauern die richtigen Beziehungen herstellen. Gelingt dies der Partei des Proletariats, so kann das Proletariat herrschende Klasse werden und bleiben, auch wenn es im bäuerlichen Volk eine Minderheit bleibt. Das westeuropäischen Denken war sehr geprägt nach der historischen Tatsache, dass in diesem Teil des Kontinents die Bourgeoisie der Hegemon der Bauernbefreiung gewesen war und es sich nicht vergegenwärtigen konnte, dass Bauern Arbeiter unterstützen. „Im Westen ist eine Theorie im Umlauf, nach der die Arbeiter die Macht nur in dem Lande ergreifen und behaupten können, in dem sie die Mehrheit bilden, oder wo auf jeden Fall die in der Industrie beschäftigte Bevölkerung die Mehrheit bildet. Aus diesem Grunde stellen denn auch die Herren Kautsky die ‚Rechtmäßigkeit‘ der proletarischen Revolution in Rußland , wo das Proletariat eine Minderheit bildet, in Abrede“. 3. Die Revolution von 1789 war eine bäuerliche, die als Sieger die ländliche und vor allem die städtische Bourgeoisie hervorgebracht hatte. Es dauerte fünfzig Jahre, ehe sich im Juni 1848 in einer bürgerlichen Revolution das Proletariat regte. 1917 sind nur noch neun Monate erforderlich, um von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution zu „springen“.

Naheliegend ist ja nun, dass sich die Minderheit der Proletarier in Bauern verwandele, aber der Bolschewismus geht genau in die andere Richtung. Kautsky käme wohl auf die Idee, auch hier undemokratisches Verhalten auszumachen. Noch ein zweites Plus, das sich aus der Rückständigkeit Russlands ergab, muss zumindest angedacht werden: Gegen den westeuropäischen Hochmut, das zaristische Russland habe sich nicht durch eine Periode der Aufklärung Licht gegeben, ist einzuwenden, dass dadurch die bürgerlichen politischen Nettigkeiten wie Gewaltenteilung und Parlamentarismus keine festen Wurzeln gefasst hatten. Die Zerschlagung des Parlamentarismus war für die Bolschewiki in Petrograd ein Kinderspiel und kaum ein Russe schickte der Gewaltennteilung und dem Parlament eine Träne nach.

Auf Grund der immensen konterrevolutionären Verstrickungen der russischen Bourgoisie lernten die Bauern sozusagen in einem achtmonatigen Schnellkurs, dass diese ihnen keinen Boden und ihren Söhnen in der Armee keinen Frieden geben wollte. Hier bot sich Lenin mit seinen Bolschewiki an und der Personenkult um seine Person ergab sich aus einer Art Übertragung der bäuerlichen Zarenverehung auf ‚Väterchen Lenin‘. Der Zar war eine Unperson geworden und Stalin beerbte Lenin. Jedes Ticken des Sekundenzeigers läuft synchron zu einer noch nie dagewesenen Situation in der Weltgeschichte, aber die Oktoberrevolution gab ihr ein ganz neues Gesicht: Hatten sich bisher Philosophen, Staatsmänner und Feldherren quasi arbeitsteilig über die Völker geäußert, so äußerten sich jetzt diese selbst massiv welthistorisch. Politische Herrschaft insgesamt hatte ein Leck bekommen, Gaul – Geschichte, du hinkst.

Die Bolschewiki stellen im Petrograder Sowjet gerade ein Zehntel der Mitglieder und erhalten fünfzehn Prozent der Stimmen, im Oktober werden es siebzig sein. Der bürgerlichen Regierung steht zunächst der Fürst Lwow vor, ihm folgt der Sozialrevolutionär (bis März 1917 Trudowik) und Armeeoberbefehlshaber Kerenski. Erst eine labile Periode politischer Krisen, des Lavierens zwischen den Klassen (das künstliche Gebilde des Bonapartismus mit seinem Spitzelsystem, Sammeln von Material über Lenin -„nimmt deutsches Geld“-, Sondervollmachten der Minister gegen die „Anarchie“, konterrevolutionäre Terrorwelle Anfang Juli 1917 (man spricht von der Julikrise), in der die Sowjets entmachtet werden und sich eine Tendenz zur Militärdiktatur auftut, die bürgerlichen Zivilregierungen begreifen sich fortan als Kriegskabinette), das Lavieren zwischen Revolution und Konterrevolution, zwischen Sowjets und Duma, eine Periode, in der folgerichtig die Minister wie die Puppen purzeln 4., Koalitionskombinaionen auf Koalitionskombinationen, Einmischung verschiedenster Imperialisten (der englische Botschafter Buchanan sucht den Kontakt zu Generälen, die Träger des Georg- Kreuzes sind). Einmischung neuerdings auch der USA, denen der erste Weltkrieg die Tür nach Europa öffnet, um dort als Kreditgeber auch für die russische ‚Provisorische Regierung‘ (Fünf-Milliarden-Staatsanleihe), aufzutreten, und internationaler Bankiers in die inneren Angelegenheiten Russlands, Druck auf die Provisorische Regierung zur Rettung der Revolution, die Sozialisten zu entfernen.

Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, diese Paktiererpartein, halten die rote Fahne hin, damit sie konterrevolutionäre Machenschaften verdeckt. Die Politik des Paktierens  über eine sogenannte ‚Kontaktkommission‘ stellt den Hauptinhalt der Periode zwischen den beiden Revolutionen dar. Ende der Doppelherrschaft 5., die vor kurzem noch mächtigeren Sowjets werden Anhängsel der Provisorischen Regierung. Der passive Imperialismus der russischen Bourgeoisie verwandelt sich ab dem 4. Juli in einen aktiven (Brusilow-Offensive, für die auch die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre agitiert hatten, gleichwohl in der russischen Militärtradition gerade das Gegenteil, die Defensive die starke Seite war). Lenin spricht vom Umschlag des friedlichen Weges der Revolution in einen äußerst schmerzvollen, davon, dass die erste Phase der Revolution mit einem Misserfolg für die Revolutionäre endete, Stalin vom trüben Zwielicht der Konterrevolution und von einer „ziemlich gründlichen Konterrevolution“. Die Kerenski-Periode ist gekennzeichnet durch den politischen Bankrott der Kleinbürger und durch den massenhaften Zusammenschluß zwischen dem städtischen Proletariat und den armen Bauern, in ihr werden die Weichen gestellt, die die Entwicklung auf die Oktoberrevolution lenken. Die Konterrevolution hat etwas Gutes, die fast schon politisch toten Sowjets blühen durch den Kornilowputsch Ende August wieder auf, die Geschichtswissenschaft sollte ihn nicht nur rein negativ beurteilen, zumal durch ihn die Arbeiter wieder Waffen in die Hand berkamen und der Oktober nicht mehr weit war.   Fest steht, die Eroberung der politischen Macht ist nur noch per Gewalt, durch einen bewaffneten Aufstand möglich. Das Kleinbürgertum, diese schwankende Klasse par excellence, verliert seine Einheit, differenziert sich insbesondere im Dorf, in dem sich erhebliche Teile der Mittelbauern vom Kulak abwenden. Ausschlaggebend ist, dass folglich die Sozialrevolutionäre und Menschewiki ihre Mehrheit sowohl im Petersburger als auch im Moskauer Sowjet zugunsten der Bolschewiki verlieren, die Revolution des Jahres 1917 ist unmittelbar an die Notwendigkeit sozialistischer Umgestaltungen herangekommen. Die russische Bourgeoisie wird von einem Fieber erfasst und verlangt nach einem putschenden General, der sie rettet. Es teilt sich eins in zwei: die Revolution stellt nur noch die Alternative in den Raum: Militärdiktatur oder bolschewistische Diktatur (Volksrepublik, Volksarmee). Zu verweisen ist auf Zeitungsartikel von Stalin innerhalb eines Monats: Mit „Zwei Wege“ ist ein Artikel von Stalin im ‚Proletari‘ vom 15. August überschrieben. In ihm ist der Satz zu lesen: „Einen dritten Weg gibt es nicht“. Zehn Tage später ein Artikel von ihm im „Rabotschi“ mit dem Titel „Entweder – oder“, am 16. September im „Rabotschi Putj“ sodann der Artikel „Zwei Linien“. Entweder eine Diktatur der Bourgeoisie mit der Tendenz einer das Volk politisch entmündigenden Militärdiktatur oder eine offen vor den Augen des Volkes sich entwickelnde Diktatur des Proletariats ohne Gewalt gegen die Massen, die nur hart und grausam gegen die Reichen und Mächtigen ist. Die Bürgerlichen rufen vom 12. bis 14. Oktober einen schwarzen Kongress in Moskau unter dem Vorsitz von Rodsjanko zwecks Bekämpfung des Bolschewismus ein, die dem Aufstand entgegen fiebernden Roten einen Allrussischen Sowjetkongress zwecks Förderung der Revolution. Auf Demonstrationen in Petrograd und Moskau hörte man sowohl die ‚Marseillaise‘ als auch die ‚Internationale‘, (wie Marat muss sich auch Lenin verstecken), bis zum Ende der Alleinherrschaft der revolutionärsten Partei. Als auf der Sitzung des I. Gesamtrussischen Sowjetkongresses der Arbeiter- und Soldatendeputierten der menschewistische Minister Zereteli am 4. Juni 1917 in seiner Rede die Behauptung aufstellt, in Russland gäbe es keine politische Partei, die sich entschließen würde, die gesamte Staatsmacht zu übernehmen, gibt es einen Zwischenruf, dass die Bolschewiki jeden Augenblick bereit seien, diese zu übernehmen. Man lacht über dieses kategorische Ja ! Der Zwischenrufer war Lenin, für den eine politische Partei, die nicht danach strebt, die Macht zu erobern, keine Existenzberechtigung hatte, “ … und in jeder Hinsicht ein klägliches Nichts wäre, wenn sie, ist einmal die Möglichkeit der Machtübernahme gegeben, auf die Macht verzichten wollte“. 6. Die sich anbahnende Oktoberrevolution hatte ihren Mann bereits gefunden. Dann, fügen wir hinzu, am Ende der Revolution ein Personenkult Lenin-Stalin. Der Personenkult ist auch deshalb so übel, weil er den Kreis vom Zarenkult bis zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei zu schließen scheint. Auf alle Fälle hatte sich ein anderer Kreis geschlossen. In der ‚Iswestija Nr. 147 kommt ein Soldat zu Wort, der die Brusilow-Offensive überlebt hatte: „Man hat uns unter dem Zaren verraten und verkauft, man hat uns auch jetzt verraten und verkauft, und man bestraft uns noch dafür“. Es springt in die Augen, „daß der heutige Bourgeois sich für den rechtmäßigen Nachfolger des ehemaligen Feudalherren ansieht“ 7.

Aus dieser hier vorgelegten Skizze des Revolutionsjahres 1917 geht bereits hervor, wie verfehlt Bucharins Revolutionskonzept für dieses Jahr war: aus einer Bauernrevolution der ersten Phase („wilde“ Landnahme ab Februar) entwickelt sich als zweite eine proletarische Revolution, unterstützt von Westeuropa, ohne Beteiligung der Bauern, die den Boden bekommen haben und zufriedengestellt sind. 8. Also bereits 1917 zeichnet sich eine interessante Linie ab, die nach 1925 immer mehr in dem Mittelpunkt der bolschewistischen Politik rücken wird: Während Bucharin auf westliche Unterstützung vertraut, kommt Stalin u.a. auf Grund des Verhaltens von Buchanan und der Fünf-Milliarden-Staatsanleihe auf dem US-amerikanischen Markt zu einer entgegengesetzten Auffassung: „Es ist doch unbestreitbar: Der Westen bringt nicht so sehr Sozialismus und Befreiung nach Rußland als vielmehr Versklavung und Konterrevolution“. 9. Ganz handfest wurde das durch den Überfall der Wehrmacht am 22. Juni 1941. War Russland im 19. Jahrhundert der Gendarm der europäischen Reaktion, so hatte bereits die Revolution von 1905 zutiefst angedeutet, was die Oktoberrevolution vollführte. Sie warf den historischen Würfel der Konterrevolution in eine andere Richtung, er fiel im 20. Jahrhundert auf Westeuropa, insbesondere auf Italien, Deutschland und Spanien. Mit dem Zerfall des Warschauer Paktes noch nicht zufrieden, schmieden heute NATO-Aggressoren die Ketten um die Hälse der Völker Osteuropas, um sie als Kreaturen der USA abzuführen und für immer zu missbrauchen.

1. Rosa Luxemburg, Rede zum Programm gehalten auf dem Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) vom 29. bis 31. Dezember 1918 zu Berlin, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Sponatneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,166

2.  a.a.O.,167. Gemeint ist die Februarrevolution. Für Stalin war der Zarismus „die Konzentration der ins Quadrat erhobenen negativen Seiten des Imperialismus“. (Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Werke Band 6, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,67). Das Russland von 1917 war in seinen Augen das Land mit den konzentriertesten Widersprüchen des Imperialismus, zugleich das Land, in dem die Kräfte vorhanden waren, diese revolutionär zu lösen. Die Oktoberrevolution war somit unvermeidbar.

3. Josef Stalin, Die Perspektiven, Verlag Roter Morgen, Dortmuns, 176,105 

4. Vergleiche Josef Stalin, Reden auf der außerordentlichen Konferenz der Petrograder Organisation, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,105

5. Siehe Lenin, Zu den Losungen, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,181

6. Lenin, Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten ?, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,398

7. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,321

8. Vergleiche Josef Stalin, Reden auf dem VI. Parteitag der SDAPR (B), Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmud, 1976,169

9. Josef Stalin, Die amerikanischen Milliarden, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund 1976,220

Heinz Ahlreip