Wie kommt der Affe zu einem Personalausweis ?

15. Juli 2016
Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen 
Landes. Michail P. Gerasimow, ein Künstler des 'Proletkultes', 
schrieb: 'Das Herz in der Brust eines Bauern … eine elektrische 
Birne'. So plump dieses Bild ist, so hölzern es klingt, richtig ist, 
dass durch eine Revolution alles pervertiert wird. Das zunächst 
an den französischen Arzt und mechanischen Materialisten La 
Mettrie erinnernde Bild verweist auf die Schwierigkeit des 
Revolutionärs, dass er sozusagen die Natur des Menschen 
austauschen muss, um aus dem verdorbenen Alltagsmenschen 
einen neuen Menschen zu formen, der jenseits steht. Der 
Revolutionär muss dem Menschen die ihm eigenen Kräfte 
rauben, um ihm fremde zu geben. Rousseau sah dies im 
'Gesellschaftsvertrag' als Aufgabe des Gesetzgebers an: aus 
einem natürlichen autonomen Anarchisten macht er einen 
Staatsbürger, einen künstlichen Menschen. „Mit einem Wort, 
es ist nötig, dass er dem Menschen die ihm eigenen Kräfte 
raubt, um ihm fremde zu geben, von denen er nur mit Hilfe 
anderer Gebrauch machen kann“. (Jean Jacques Rousseau, 
Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 2011,45).  
An die Stelle des Herzens setzt der revolutionäre Gesetzgeber 
eine Glühbirne ein, der Affe hat jetzt einen Personalausweis. 
Es ist doch eine interessante anthropologischeFrage,  wie  wohl 
der zunächst in der Baumwelt sich fortschleudernde Affe
 zu einem Personalausweis kommt ? Zwar war der Marxismus 
auch wie die bürgerliche Aufklärung fasziniert vom technischen 
Fortschritt, Engels ist bei seinem ersten Besuch in Manchester 
überwältigt von der 'Großen Industrie', Marx von der ersten 
Weltausstellung der Industrie in London und Lenin schwört 
auf die Elektrifizierung des Sowjetlandes, aber das 
Hineinprojizieren technizistischer Modelle in den Marxismus, 
wie es etwa eine Zeitlang Mode war, ihn kybernetisch 
umzustylen, ist zurückzuweisen. Wo bürgerliche Wissenschaftler 
ein Verhältnis von Dingen sahen, besonders in einer 
austauschfixierten warenproduzierenden Gesellschaft ist das der 
Fall, ein Fetischfall, in dem das Nicht-Ich das Ich bestimmt,  
da sah Marx unter der Oberfläche ein Verhältnis von Menschen 
und räumte Ballast beiseite ähnlich wie Fichte mit seinem Ich=Ich. 
Die Menschen ersticken, wenn sie sich ihr Selbstbewusstsein über 
etwas ihnen Fremdes, über Waren, Geld und Kapital holen müssen. 
Dialektik erinnert, dass sich das Mechanische aus lebenden Leichen 
konstituiert, aus Menschen mit Glühbirnen statt Herzen, aus 
Menschen als Maschinen. Für Lenin war keineswegs die 
Elektrifizierung das Nonplusultra, der Sozialismus kein 
Technikproblem, vielmehr müssen  wir fragen, was denn für Lenin 
zu seinen Lebzeiten das sichtbarste Zeichen des Kommunismus war ? 
Es waren dies die kommunistischen Subbotniks, die er als den 
„faktischen Beginn des Kommunismus“ (Lenin, Die Große Initiative, 
in: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,536) wertete: 
Kollektives Arbeiten mit Gattungsbewusstsein ohne Geld. Das 
Gattungsbewusstsein muss nicht unbedingt immer ganz klar sein, 
Keimformen von Subbotniks gibt es auch im Spätkapitalismus unter 
der Oberfläche zu Hauf, sie betreiben nur keine Werbung, denn es 
widerstrebt ihrem humanistischen Ansinnen, sich vor anderen 
herauszuputzen. Dem Kapital und seinem Werbeterror kann es gar 
nicht gelingen, die Gesellschaft zu einer reinen Ware-Geld-
Beziehung, also zu einer völlig entsoldarisierten deformativ zu 
totalisieren.

Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein soll (1838) Wirklichkeit und Ideologie

25. Juni 2016
Der bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologe projizieren ihre verkorksten Lebenserfahrungen in die Ausgestaltung einer sozialistischen Gesellschaft hinein. Dass der Sozialismus nicht gelingen könne, spiegelt die im Kapitalismus für sie und für alle nicht zu meisternde innere und äußere Naturbeherrschung wieder. Das Abbrechen einer positiven Zukunftsvision durch die Lebenserfahrung in einer Klassengesellschaft voller Widerstände und Missgeschicke spiegelt sich in einer gebrochenen Anthropologie wider: der Mensch (als solcher) sei ein unzulängliches Wesen. Selten geschieht ja im Kapitalismus das Gewollte und seine Ideologen haben die Aufgabe, das Subjektiv-Negative zu verallgemeinern als der Gattung anhängend. Aus ihren eigenen Eingeweiden produziert die bürgerliche Gesellschaft zum Beispiel fortwährend die Prostitution und diese Konstante wurde zum Beispiel beim ersten historischen Auftauchen einer Arbeiterrepublik 1871 in Paris der Kommune unterstellt. Diese Republik bilde sich aus Zuhältern und Prostituierten, tönte die bürgerliche Propaganda.  „Die Herren Bourgeois messen uns nach ihrem Maß“ (Josef Stalin, Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV. Konferenz der KPR (B), Werke Band 7, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,105).
Ideologie ergibt sich aus der fehlerhaften Verallgemeinerung einer subjektiv richtigen Erfahrung in etwas Überhistorisches, deshalb ist Ideologie nicht per se einfach falsches Bewußtsein, sondern notwendig falsches Bewußtsein als richtige Widerspiegelung des falschen Scheins. „Was ihr für das antike Eigentum begreift, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,478). Ideologiekritik verfehlt ihren Kern, wenn sie Ideologie lediglich als das Beharrende im Strom der Zeit festschreibt; kein Ideologe, der einigermaßen bei Trost ist, wird leugnen, dass alles relativ ist, dass alles fließt, dass alles sich ändert, er hat nur die gegenwärtige Kardinalfixierung vor der reißenden Zeit zu schützen. Herrschende Klassen können bei der Veränderung gesellschaftlicher Erscheinungen Zugeständnisse machen, nie aber beim Wesen ihrer Klassenherrschaft.  Aus der  Existenz des Gegebenen als (s)einer Notwendigkeit wird bereits dessen Rechtmäßigkeit abgeleitet. Es kann nicht geleugnet werden, dass der absolute Idealismus Hegels  Ideologie ist: „Das was ist zu begreifen, ist Aufgabe der Philosophie, denn das, was ist, ist die Vernunft“. War die Philosophie im Mittelalter die Magd der Theologie, so wird sie im Idealismus und Positivismus die Magd der mit der Wirklichkeit zufrieden gesättigten Klassen.  Damit ist aber die philosophische Dialektik ihrer Fruchtbarkeit und Zukunft beraubt, die sie allein dadurch behaupten kann, wenn sie der Welt als einer verkehrten, in sich perversen begegnet. Die Philosophie hat es mit Perversem zu tun, ohne dem sie nur den Schatten ihrer selbst darstellt. Die Philosophie kann keine fröhliche Wissenschaft sein, der Schmerz zwischen dem Sein und dem, was sein soll, ist die Kraftquelle ihrer Arbeit des Negativen.
Ideologiekritik und Ideologie sind abhängig von der Tiefe der Klassenkonflikte, die sich in ihnen widerspiegeln. Besteht durch alle Klassen hindurch weitgehend Konsens über die Unabänderlichkeit einer gegebenen ökonomischen Gesellschaftsformation, ein seltener Fall, so herrscht nackte Ideologie fast unumschränkt und die Kritik an ihr ist fast verstummt. Einen totalen gesellschaftlichen Akkord kann es aber auch in Klassengesellschaften nicht geben, so sehr Herrschaft bestrebt ist, das ihr nicht Identische auszumerzen. Eine Zerrissenheit einer Gesellschaft in eine bunte Parteienpluralität ist zunächst Ausdruck einer existierenden Klassenkampfgesellschaft, sodann auch Ausdruck nicht der Stärke, sondern der Schwäche einer Gesellschaftsformation. Nur Volksfeinde streben danach, die Einheit des Volkes zu zerreissen. Wie ein weiser General auf die Homogenität seiner Truppen achtet, so denkt ein weiser Revolutionär an die Einheit des Volkes zuerst.
Das Ende des Mittelalterns bedeutete das Ende der großen katholischen Ideologie und die Reformation wird aus klassenspezifischen Interessen besonders in Deutschland als  erste große Ideologiekritik unserer Zeit gehandelt, als ob  Religion eine bestimmende Bedeutung für gesellschaftliche Entwicklungen habe. Bereits der junge Marx geißelt den immensen ideologischen Gehalt der Reformation trotz ihrer ideologiekritischen Grundhaltung. Ihr Ideologiekritisches liegt in der Ausschaltung des katholischen Pfaffen als eines Vermittlers zwischen Gott und dem Menschen. Luther wollte den direkten Zugang des Gläubigen, des Laien zum Idol, ohne Mitte, ohne Vermittlung, man bete direkt zu seinem Gott, ohne noch der Beihilfe eines Experten zu bedürfen. Dieses Zwiegespräch wurde primär zu einem Gespräch mit sich selbst, was es ja auch in Wirklichkeit nur war, und der Laie war jetzt der von Gott Auserwählte. Das Gottesgnadentum galt für alle Menschen, nicht nur für den Monarchen. Diesem wurde allmählich in England und Frankreich die Legislative und das Recht auf Steuererhebung aus der Hand genommen. Das Äußerliche, das religiöse Brimborium wurde sekundär, die protestantischen Kirchen waren bewußt schlicht gehalten. Nur in einer auf den Wellen der Gesellschaft schwimmenden, hermetisch abgesicherten Kugel der Religion findet in Deutschland also die Aufhebung des Verhälnisses zwischen dem Laiensklaven und dem Herrenpriester satt, mit fatalen gesellschaftlichen Konsequenzen. Hinzu kommen zwei geschichtliche Schickslasschläge, von denen sich das deutsche Volk bis heute nicht erholt hat: Mit der Niederlage der Bauern im deutschen Bauernkrieg bricht 1525 eine demokratisch begründete Weltoffenheit ab, der deutsche Philister zieht sich auf das reine Gebiet der Theorie zurück und gräbt sich ein in eine Welt voller Bücher und Spekulationen. Die verheerenden Folgen des 30jährigen Krieges tun ein Übriges hinzu. In der Geschichte der deutschen Philosophie ergibt sich daraus im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten eine Entwicklung in absteigender Linie, eine Tendenz zur unpolitischen Innerlichkeit. Trotz der deutschen Misere behauptet Leibniz trotzig, dass wir in der besten aller Welten leben würden, aber seine genialen dialektischen Gedanken sind völlig eingehüllt in einer metaphysischen Kugel und man erstaunt über seine Fähigkeit, eingenebelt in einem Himmel voller metaphysischer Wolken tiefe dialektische Gedanken zu entwickeln, die bei ihm aber nur zur Lobpreisung Gotte entwickelt werden. Gott kann gar nicht der Baumeister einer schlechten Welt sein. Kant ringt sich trotz seiner gebrochenen Anthropologie, der Mensch sei ein Thier, und trotz seines Agnostizismus‘ bis zur Möglichkeit eines ‚Ewigen Friedens‘ in der menschlichen Gattung durch, ohne aber je über die beste aller Welten ein positives Wort zu verlieren. Hegel ist ein Denker, der in vielem die letzte Konsequenz zieht: die Philosophie hat sich von der Welt abzuwenden. Da der Philosophie der Weg zur Welt letztendlich verbaut ist, sieht Hegel ihren Kern in der Erkenntnis Gottes. Durch den  philosophisch in seiner Totalität erkannten und nur durch die Philosophie total erkennbaren  Gott, in diesem Punkt sichert Hegel der Philosophie ein Exklusivrecht zu,  ist die Philosophie durch die Offenbarung Gottes in ihrer tiefen Ruhe eingesunken, ein Ende, das dem Ende der Weltgeschichte gleichzusetzen ist, denn sie hatte die totale Selbsterkenntnis Gottes durch die Philosophie Hegels zum Inhalt. Die Philosophie Hegels bildet den Schlußstein der Weltgeschichte. In seiner „Philosophie der Religion“ gelingt es Hegel, die Quintessenz der deutschen Philosophie, in der sich die deutsche Geschichte widerspiegelt und die noch nicht von der internationalen technisch-industriellen Revolution erschüttert worden war,  prägnant darzustellen: die Philosophie sei “ … ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbare praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, von Hermann Glockner, Band 16, Stuttgart Bad Canstatt 1965, Friedrich Fromann Verlag,356).
Die technisch-industrielle Revolution hatte die Intimität zwischen Beten und Arbeiten aufgesprengt und zwang die Gesellschaftswissenschaftler, sich auf den realen Verlauf der Weltgeschichte ökonomisch und politisch einzulassen. Die politische Ökonomie trat an die Stelle von ‚Ora et Labora‘. Der Marxismus spiegelt die Essenz dieser atemberaubenden technischen Revolution und die durch sie bewirkte Erschütterung aller Lebensbereiche richtig wider. Im Gegensatz zum Idealismus muss man sich nun dem Weltgeschehen zuwenden. Der junge Marx räsonniert: „Zweierlei Facta lassen sich nicht abläugnen. Einmal die Religion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das Hauptinteresse des jetzigen Deutschland bilden. An diese, wie sie auch sind, ist anzuknüpfen … “ (Karl Marx: Arnold Ruge, Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1843, in: Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin,1982,487). Aber dieses Anknüpfen ist spezifischer Art: durch die Avantgardetheorie einer kommunistischen Partei von Marx und Engels und durch die von Lenin festgestellte Seelenverwandtschaft zwischen der rückständigen deutschen und russischen Geschichte der Volksunterdrückung schlängelt sich ein Hegelscher Gedanke, einer mit Vorbehaltscharakter, hindurch: noch Lenin, und das ist in der Charkterisierung des Bolschewismus oft übersehen worden, schottet seine Kaderpartei in gewisser Weise von den Volksmassen ab, die mit ihnen nicht völlig verschmelzen darf, sondern nur „bis zu einem gewissen Grade“. (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975567). Stalin wird dann von einem Schwertträgerorden sprechen, dessen Mitglieder aus besonderem Material geformt sind.
Näher betrachtet stellt aber der Protestantismus nur ein Aufguss der Philosphie des Nominalismus dar, der nach Marx der erste Ausdruck des Materialismus war. Der Nominalismus billigte den Allgemeinbegriffen keine Realexistenz mehr zu, sondern nur den konkret einzelnen Dingen: Universalia sunt nomina post rem. Die Abwertung des Allgemeinen untergrub die Macht der allein seligmachenden katholischen Kirche. Der einzelne Mensch wurde in den Mittelpunkt gerückt wie die Sonne im Universum. Der einzelne Mensch war Gott näher als die Kirchengemeinde oder näher als die allgemeine Kirche. Die Mystik des 16. Jahrhunderts war dezidiert antihierarchisch ausgerichtet. Wilhelm von Ockham, der Vertreter des Spätnominalismus, trat bereits für die Trennung von Kirche und Staat, Glauben und Vernunft ein, was für die Ideologiekritik ein wichtiger Schritt ist. Die von der Religion abgelöste Politik steht von allen ideologischen Überbaugebilden der Produktionsbasis noch am nächsten. Der englische Philosoph Francis Bacon forderte im 16. Jahrhundert eine Neuordnung der Wissenschaften. Diese Forderung drückte aus, dass die alten feudalen Mächte sich einer aufstrebenden Bourgeoisie gegenüber sahen, die die Welt gegen sie verändern wollte. Gegen die Scholastik forderte Bacon die Hinwendung der Wissenschaftler „zu den Dingen selbst“. Und von diesen war induktiv zu immer allgemeineren Begriffen zu steigen. Der Blick wendete sich vom Himmel zur Natur, die die Wissenschaftler laut Bacon zu zerschneiden hätten. Die bürgerliche Aufklärung entmythologisierte von Profitsucht getrieben die Natur vollends. Es kann nicht geleugnet werden, dass der absolute Idealismus Hegels durch seinen Versuch, Wissen und Glauben zu synthetisieren, hinter Bacons und Wilhelm von Ockhams Forderung einer Tennung von Staat und Kirche zurückfällt. Und hinter sich selbst.
Denn der junge Hegel hatte im Tübinger Stift noch zusammen mit Hölderlin und Schelling den Staat als das Monster schlechthin satanisiert (für Kant waren es nur die stehenden Heere, die sich nicht mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinbaren lassen; nicht das Staatsganze): es gäbe keine Idee vom Staat, er sei etwas Mechanisches, wir müssen über den Staat hinaus. „Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln, und das soll er nicht, also soll er aufhören (kursiv von H.A.)“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, Theorie Werkausgabe Band I, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., 1972,234f. ). DER STAAT SOLL AUFHÖREN – das ist die wohl bemerkenswerteste Stelle im prämarxistichen Schriftgut, die die deutsche Sprache aufzuweisen hat und die die Frage aufwirft, ob Hegel, wäre er zeitnahe mit Ulrike Meinhof oder Andreas Baader zur Welt gekommen, nicht in Stuttgart-Stammheim ihr Zellennachbar gewesen wäre ? Es ist nun im philosophischen Werdegang Hegels zu verfolgen, dass er mit zunehmenden Alter immer mehr mit den Wölfen heult und in wissenschaftlicher Hinsicht immer unreifer wird. Seine Anpassung an die vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse setzte Sein und Sollen immer mehr kongruent, an Kants Moralphilosophie kritisiert er die „Ohnmacht des Sollens“ und am Ende war der preußische Staat, mit dem er sich identifizierte, für ihn der unantastbare Gang Gottes in der Welt, in dem die Weltgeschichte mit sich identisch geworden war. Philosophisch endet Hegel als Ideologe des preußischen Staats, den es heute nicht mehr gibt. Damit wäre er heute fast vergessen. Was aber seine Aktualität ausmacht, ist die Tatsache, dass er in seinem innersten Denken eine platte Identität von Sein und Sollen nie anerkannt hat, sondern dass sich für ihn eine Identität erst dialektisch nach einem Prozess der Negation der Negation ergibt. Damit bleibt dieser einstige Anarchist für das anarchistische Gedankengut des Marxismus, der ja im Ziel mit dem Anarchismus gar nicht auseinandergeht, fruchtbar. Normalerweise bleibt das Bewußtsein der Menschen hinter der Entwicklung der Produktivkräfte zurück, in Hegels Denken begegnet uns eine rückständige Philosophie, die auf Grund ihrer dialektischen Methode ihrer Zeit voraus war. Das schägt zu Buche der idealistischen Dialektik wie es zu Buche der materialistischen schlägt, dass durch sie in einer vom Warenfetisch verblendeten und pervertierten Gesellschaft dessen Geheimnis gelöst werden konnte. Die bürgerlichen Ökonomen hatten diese Methode nicht und kamen nicht dahinter, drangen nicht durch die Nebelerscheinungen zum Wesenskern.
Das anarchistische, staatsfeindliche Gedankengut des Marxismus, mit der Diktatur des Proletariats als „Halbstaat“, wird immer wieder von Volksfeinden zugeschüttet und Lenin verwandte in der Verbannung vor der Oktoberrevolution in der Schrift „Staat und Revolution“ seine ganze intellektuelle Kraft darauf, die wahre Marxsche Lehre vom Staat wiederherzustellen. Auch der junge Marx litt an der Wunde zwischen der erbärmlichen Wirklichkeit und dem „Sollenden“, wie einem Brief an seinem Vater vom 10. November 1837 zu entnehmen ist. Ein Jahr später erscheint ein Buch von Wilhelm Weitling mit dem Titel: Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein soll. Diese Differenz trieb die damaligen Kommunisten um und eine der intellektuellen Leistungen von Marx und Engels bestand darin, dass sie den Sozialismus von einer Utopie zu einer Wissenschaft umwandelten. Das war ein qualitativer Sprung in der Theoriegeschichte des Sozialismus. Nach diesem war wissenschaftlich unhaltbar, dem Kapitalismus entgegengesetzte und ihn ablösende Gesellschaftsmodelle zu erdichten. Der Gesellschaftswissenschaftler wurde Naturwissenschaftler, für den die Geburt der neuen Gesellschaft aus der alten  nunmehr ein naturgeschitlicher Prozess mit primär ökonomischen Gesetzescharakter ist. „Also kann die Wissenschaft von der Geschichte der Gesellschaft trotz aller Kompliziertheit der Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens zu einer genau so exakten Wissenschaft werden wie, sagen wir, die Biologie, zu einer Wissenschaft, die imstande ist, die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft in der Praxis auszunutzen“ (Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, in: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin, 1946,138). Perspektiven über die Entwicklung der Menschheit durften nicht mehr losgelöst von den proletarischen Massenbewegungen und unter Ignorierung ökonomisch bedingter gesellschaftlicher Gesetzmäßigkeiten gefasst werden. Das ist einer der Gründe für die brennende Aktualität des Marxismus, der immer von den Massenbewegungen lernt, besonders von den proletarischen (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,438). Der Clou ist nun, dass sich der Marxismus und Hegelianismus bei entgegengesetzten philosophischen Methoden, einer materialistsichen und einer idealistischen, in ihrer Polemik gegen ein ohnmächtiges Sollen wieder aufeinander zu bewegen.
Heinz Ahlreip

 

Hinweis auf eine Gefahr beim uz-Pressefest der DKP in Dortmund 2016

23. Juni 2016
Die letzten Ausgaben der uz enthielten Beilagen zum uz-Pressefest mit Hinweisen auf ein überschäumendes Musikangebot auf dieser Veranstaltung.  Das kann nicht unwidersprochen bleiben, besonders wenn man Lenin als Vorbild einer wissenschaftlich-revolutionären Lebensgestaltung ansieht. Lenin hielt die Musik stets auf Distanz, sie wirke auf die Nerven und beeinträchtige die revolutionäre Wachsamkeit. Für ihn besaß die proletarische Revolution, die tiefste Revolution in der Weltgeschichte,  einen zu hohen Schwierigkeitsgrad, um von ihr Entspannung im Irrationalen suchen zu dürfen. Gegenüber der Objektivität revolutionärer  Politik ist das Dionysische Hochverrat. Erst Generationen, denen die Entstehung der kapitalistischen Mehrwertrate nicht mehr ständig präsent zu sein braucht, mögen sich den Genüssen hingeben, denen der Leninsche Berufsrevolutionär sich entsagt. Entsagen muss, nicht so der Weltverbesserer, dem es nicht um die Gründung einer neuen Gesellschaft geht. Es versteht sich von selbst, dass eine Leninsche Revolution auch diesen narzistischen Philanthropen hinwegspült. Gorki hat die Szene festgehalten, in der der Pianist Isaay Dubrowen Lenin Beethovens Appassionata vorspielte: „Ich kenne nichts Schöneres als die Appassionata und könnte sie jeden Tag hören. Eine wunderbare, nicht mehr menschliche Musik ! Ich denke immer mit vielleicht naiv kindlichem Stolz; daß Menschen solche Wunder schaffen können !“ Dann kniff er die Augen, lächelte und setzte unfroh hinzu: „Aber allzu oft kann ich Musik doch nicht hören. Sie wirkt auf die Nerven, man möchte lieber Dummheiten reden und Menschen den Kopf streicheln, die in einer schmutzigen Hölle leben und trotzdem solche Schönheit schaffen können. Aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln – die Hand wird einem sonst abgebissen. Schlagen muß man auf die Köpfe, unbarmherzig schlagen – obwohl wir im Ideal gegen jede Vergewaltigung der Menschen sind, Hm Hm – unser Amt ist höllisch schwer.“ Wie erbärmlich nimmt sich doch neben dieser Genialität die Anarchistin Emma Goldman aus, die zu vertreten pflegte: „Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht meine Revolution !“. In einer wirklich tiefen Revolution ist niemandem nach Singen und Tanzen zumute, denn sie ist ein schmerzvoller Bürgerkrieg der kolossalsten und schrecklichsten Art, und nur auf diesen haben wir uns unter Berücksichtigung und Auswertung aller heute gängigen Kriegstypen (insbesondere imperialistische und die der Land- und Stadtguerilla) zu konzentrieren. Wir müssen die Arbeiterinnen und Arbeiter, die armen Bäuerinnen und Bauern in Deutschland, in Europa und weltweit bewaffnen, auch ihre Werkzeuge sind bereits Waffen, und auf eine Serie von Bürgerkriegen der schrecklichsten Art, auf einen „brutalen Widerspruch“ (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,182) vorbereiten.
Vor fast 170 Jahren konnte Friedrich Engels in den ‚Grundsätzen des Kommunismus‘ noch schreiben, dass es das Wünschenswerteste sei, wenn die Aufhebung des Privateigentums auf friedlichem Wege möglich sei „und die Kommunisten wären bestimmt die letzten, die sich dagegen auflehnen würden“. (Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,372). Das wäre auch heute noch zu wünschen, aber der Imperialismus hat alles verändert. Waren für Marx England, die USA und Holland Länder, in denen im 19. Jahrhundert eine friedliche proletarische Revolution noch möglich war, so hat Lenins Imperialismusanalyse den Krieg und den reaktionären Staatsterror zum Wesenskern des Imperialismus geschlagen, in dem Ausnahmen von einer gewaltsamen Revolution nicht mehr möglich sind. Stalin spricht vom Gesetz der gewaltsamen Revolution des Proletariats und vom Gesetz der Zertrümmerung der bürgerlichen Staatsmaschine als unumgängliche Gesetze der revolutionären Bewegung der imperialistischen Länder der Welt (Vergleiche Josef Stalin, Über die Grundlagen  des Leninismus, Werke Band 6, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,104). Schon nach diesem uns von Lenin und Stalin in die Hand gelegten Maßstab wird deutlich, dass die Rede von einer friedlichen deutschen Revolution 1989 nur leeres Geschwätz sein kann. 
Insbesondere hat das Jahr 1917 in Russland gezeigt, dass die Bourgeoisie sich noch einmal die Kommandomacht zurückeroberte, die bereits durch die Februarrevolution erheblich gebrochen worden war. Für drei Monate (von Anfang  März bis Ende Mai) gab es eine Doppelherrschaft, in der sich die Staatsmacht den Sowjets zuneigte, Russland als das freieste Land der Welt galt und eine friedliche Revolution im Bereich des Möglichen lag. Aber durch eine konterrevolutionäre Terrorwelle Anfang Juli 1917 kehrte sich die Lage um, die Sowjets wurden jetzt ein Anhängsel der (kleinbürgerlichen) Provisorischen Regierung zur Rettung der Revolution unter den Sozialrevolutionären Kerenski, dem Oberbefehlshaber der Armee, und Sawinkow. Lenin zog aus diesen historischen Ereignissen die richtige Schlußfolgerung: „Der friedliche Weg der Entwicklung ist unmöglich gemacht worden. Es beginnt ein nichtfriedlicher, äußerst schmerzvoller Weg“. (Lenin, Zu den Losungen, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,183). Das wurde vier Monate nach den Erschütterungen einer demokratischen Revolution geschrieben und noch heute träumen Revolutionsromantiker von einer friedlichen proletarischen Revolution, sogar ohne vorherige demokratische !!
Eugen Kogon, den die Nazis bis zu ihrem Ende ins KZ Buchenwald eingesperrt hatten, nannte Lenin einmal einen  ‚Mönch des Marxismus‘, ich halte das für eine gute Beobachtung. Wer die Menschheit vom Joch des Kapitals befreien will, für den kann es nur ein eindimensionales Leben geben, ein Leben, das oft ‚grau in grau‘ ist. Lieber einen kleinen harten Kern grauer Revolutionäre, die in der Revolution und nur in ihr aufblühen, als ein Gewimmele von Pseudomarxisten der buntscheckigsten Art oder ein Gewimmele von lumpenproletarischen Elementen, die sich auf Pressefesten gleich einem doppelten Rausch hingeben werden: Alkohol und Musik. Und wir wissen, dass „die Lumpen“ primär auf die Köpfe der Revolutionäre einschlagen.
„What is there to celebrate ?“ rief Angela Davis 1972 auf dem Campus der Berkeley-Universität während einer Protestveranstaltung gegen den Vietnamkrieg in Richtung eines lärmenden, von Musik umrahmten und also störenden Studentenfestes zu. „What is there to celebrate ?“. Wir sind noch nicht soweit, dass wir im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus die Zügel eventuell ganz leicht schleifen lassen können, wenn die konterrevolutionäre Gefahr so gut wie gebannt ist. Die politische Führung der DDR hatte mit der Zulassung irrationaler anglo-amerikanischer Popmusik, mit Udo Lindenberg, dessen „Musik“ (besser ist wohl: Geplärre) man im Vergleich zu Beethovens Appassionata wirklich nur als Dreck bewerten kann, auf die Gehirne der Jugend verheerend gewirkt. Wenn in den Köpfen junger Menschen Lennon wichtiger ist als Lenin – in der englischen Sprache klingen beide Namen fast gleich – so ist es um den Sozialismus bereits geschehen: die Zukunft gehört dem Kapitalismus. Das interessiert die heutigen Kulturbabaren nicht, die nur Geld hecken wollen, noch und noch. Heute ist dem Herrn Lindenberg die DKP wohl zu marginal, um nach einen ‚Sonderzug nach Dortmund‘ zu krächzen. Eines der fürchterlichsten Bücher der letzten 25 Jahre ist ein Buch von Lothar Bossle aus dem Jahr 1992: „Beethovens Sieg über Lenin“, im Creator-Verlag erschienen. Was würde ein solcher Sieg bedeuten ? Es würde den Triumph der bürgerlichen Revolution über die proletarische bedeuten, den Sieg von 1789 über 1917, den Sieg des Geldsacks über den Malocher. In der chinesischen Kulturrevolution hatte es aus guten Gründen eine ‚Anti-Konfuzius / Anti-Beethoven Kampagne‘ gegeben.
Auch auf den Neujahrsempfängen der DKP in Hannover wurde in den letzten Jahren gesündigt noch und noch. Eine musikalische Darbietung nach der anderen und der Platz für den wissenschaftlichen Sozialismus tendierte auf Null. Cromwell gab seinen antiroyalistischen Elitesoldaten, den furchterregenden ‚Ironsides‘ (die eisernen Häute), eine klugen Befehl: Nicht Wirts- und Theaterhäuser aufzusuchen, sondern täglich in der Bibel zu lesen. Das Kapital von Karl Marx ist die Bibel der Arbeiterklasse. Das Studium von, sagen wir zehn bis fünfzehn Seiten, ist wertvoller als die ganzen Musikdarbietungen auf einem Pressefest. Ist überhaupt ein Kapital-Studienkreis auf dem Pressefest in Dortmund vorgesehen ? Im Programm des Festes findet man nichts !
Ich schrieb, dass die politische Rolle der DKP heute marginal zu nennen ist. Das hat mehrere Gründe, objektive und subjektive. Ein Thema für sich, das hier nicht zu erschöpfen ist. Aber sicherlich spielt die fehlende demokratische Tradition in Deutschland eine gewichtige Rolle, die Niederlage der fortschrittlichen Kräfte im deutschen Bauernkrieg, die Tatsache, dass die Deutschen alle europäischen Konterrevolutionen mitgemacht haben, aber keine einzige Revolution, die Feigheit der deutschen Bourgeoisie, das Verpennen der Kehre von 1956 durch damals führende Kommunisten, so dass Crutschow immer noch als Kommunist gehandelt wurde … usw. usf. … Wären nur die Frühschriften von Marx bis 1844 überliefert, so könnte man leicht ableiten, der Kommunismus sei bei ihm aus Hass gegen den deutschen Spießer und Philister entwickelt worden. An Ruge schreibt er im Mai 1843: „Es lohnt sich, diesen Herrn der Welt zu studieren“ (Karl Marx an Ruge, Köln, im Mai 1843, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,338). Die großen objektiven Tragödien der deutschen Geschichte, die sehr tief im Fleisch sitzen, lasten wie ein Alp auf den Gehirnen und haben ein Gewicht, das man nicht einfach so zur Seite räumen kann. Aber auch auf der subjektiven Seite sieht es nicht gerade rosig aus. ‚Viele Deutsche gehen an innerer Haltlosigkeit zugrunde‘, hatte Friedrich Engels in seiner „Geschichte des Bundes der Kommunisten“ von 1885 festgestellt. (Vergleiche Friedrich Engels, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975, 209). Aber an diesem subjektiven Faktor kann man arbeiten, hier läßt sich etwas leichter bewegen als auf der schwerfälligen objektiven Seite, die nicht von Revolutionären allein zu bewegen ist.  Die Frage, ob die Irrationalität der Musik, der Alkoholkonsum und, zur Vervollständigung der heiligen Trinität, die religiös bedingte Verstümmelung des Menschen seine Haltlosigkeit festigen, beantwortet sich mit ihrer Stellung. In einer russischen Biographie über Felix Edmundowitsch Dzierschinskij steht der Satz: Er arbeitete zwanzig Stunden am Tag, Nachtruhe gönnte er sich kaum, es kam vor, dass man ihn zum Essen zwingen musste. Das man ihn zum Essen zwingen musste – da müssen wir hin !
Heinz Ahlreip

Skizze der Entwicklung von der Febuarrevolution zur Oktoberrevolution 1917 in Russland

21. Juni 2016

Die Oktoberrevolution ist als eine Revolution in aufsteigender Linie zu begreifen, als eine sich seit dem 27. Februar 1917, der ihre Keime enthielt, ständig radikalisierende, die schwere Prüfungen für die Bolschewiki bereit hielt: Von dem Ersetzungsversuch des Zaren Nikolaus, der mit einem Separatfrieden mit Deutschland liebäugelte, durch seinen Bruder Michail, der aber auf den Thron verzichtete, der Absolutismus fiel für Rosa Luxemburg „wie ein abgestorbenes Organ, das nur angerührt zu werden brauchte, um dahin zu fallen“. 1., aber selbst diesem faulen Organ reichte die Finanzbourgeoisie eben noch die Hand, denn sie wollte den ihr mehr zugeneigten Bruder des abgedankten Zaren einerseits als Vogelscheuche gegen die rote Gefahr auf den Thron hieven; andererseits hatte sie bisher sehr gut von zaristischen Regierungsaufträgen gelebt. Darin liegt das ganze politische Geheimnis der monarchistisch ausgerichteten Kadetten. Dann die demokratische Republik, als „das fertige, innerlich reife Produkt gleich des ersten Ansturms der Revolution“ 2., womit für die Menschewiki und für Kautsky (Demokratie, nicht Sozialismus, bzw. Sozialismus erst nach Erringung der Mehrheit im bürgerlichen Parlament durch die Mehrheit proletarischer Bevölkerung) die Revolution beendet war. Das war eine kleine Revolution, anders stand es in den Aprilthesen von Lenin, nach denen die Revolution eben erst begonnen hatte und die über die Diktatur des Proletariats eine große werden sollte. Seine Anhänger dieser Diktatur spielen noch eine periphere Rolle, der kleinbürgerliche Taumel hat fast alle erfasst und öffentliche Redner der Bolschewiki werden von der Menge mitunter in Stücke gerissen. Sie stellen sich die Revolution als ein reziprokes Doppelspiel von Fortschritt und Rückschritt so vor, dass sie zunächst in Russland ausbricht, fortgeschrittene Länder in Westeuropa entzündet, die dann die rückständige Revolution des rückständigen Russland unterstützen werden. Das war eine Zukunftsmusik, die nie gespielt wurde.

Die Kettenreaktion an Revolutionen und sozialen Umgestaltungen, die Lenin als Ergebnis des ersten Weltkrieges erwartete, vollzog sich am Ende des zweiten auf andere Art, eben nicht revolutionär, sondern durch die Okkupation durch die Rote Armee. Um den Zusammenbruch des osteuropäischen Sowjetismus zu begreifen, muss man zumindest bis auf diese Wurzel zurückgehen. Hitler, der nach eigener Aussage in seinem Leben immer va banque gespielt hatte, und sein Gefolge erwiesen sich als die größten Beschleuniger der Geschichte im 20. Jahrhundert. Es war nicht die Sowjetunion aus ihrer eigenen sozialistischen Substanz heraus, die die rote Fahne ausbreitete, sondern der Feind. Das konnte nur auf barbarische Art geschehen.

Es gilt zu beachten, dass im Hintergrund der staatliche Verwaltungsapparat von der Februarrevolution nicht angetastet worden war, er stellt die Plattform für konterrevolutionäre Wühlarbeit. Die Februarrevolution ist kurzlebig und hat kaum Auswirkungen auf das Voranbringen der internationalen Revolution. Alle großen Länder Europas hatten die bürgerliche Revolution bereits hinter sich. So können wir der Feruarrevolution keine weltgeschichtliche Bedeutung mehr beimessen, denn in ihrem Aufflackern zeichnen sich keine Konturen eines Neuen ab, das die Völker tief tangiert und in ihrer Substanz aufwühlt. Auch die Oktoberrevolution wird zunächst kaum bemerkt und vollzieht sich theatralisch, aber die Sowjets erwecken die Neugierde und die Revolutionäre fühlen sich von ihnen angezogen wie Bienen vom Duft der Blüte. Sowjets der Soldaten, der Bauern und der Arbeiter verbunden mit der Emanzipation der Frau, wenn das nicht gewichtig ist ?! Die Oktoberrevolution ist perspektivisch ausgerichtet und wirkt auf lange Sicht. Sie strahlt in alle Himmelsrichtungen aus (u.a. Räte in Indien und China), baut die Brücke zwischen den Völkern des Westens und des Ostens und verbreitet, was tiefe Revolutionen auszeichnet: den Schrecken. Sie war nach ihrem eigenen Konzept auf Weltrevolution aus und damit der Idee nach weltgeschichtlich, wenn sie auch in der Praxis nach 1945 mehr realsozialistisch vor sich herdümpelte. So wurde mehr die Voraussicht Hegels bestätigt als das Vermächtnis von Marx und Engels erfüllt: Hegel bemerkt in seiner ‚Philosophie der Weltgeschichte‘, dass sich das Slawentum noch nicht erhoben habe, dass es aber unausbleiblich sein wird, dass sein schwerer Schatten eines Tages auf Europa lasten werde. Dieser schwere Schatten reichte bis Torgau an der Elbe und im Schattenreich der Geheimdienste noch weiter.

War der rote Oktober nach marxistischem  Selbstverständnis eine proletarische Revolution, so musste auf einem ihrer Banner der Schlusssatz aus dem Kommunistischen Manifest als Parole stehen: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt Euch !‘. Marx ist durch diesen Satz berühmt geworden, nicht durch den von ihm entdeckten tendenziellen Fall der Profitrate. Die Kommunistische Partei der Bolschewiki konnte selbstredend nur eine international ausgerichtete sein, nach dem Sturz der russischen Bourgeoisie richtete sie sich sofort auf den Sturz der Weltbourgeoisie aus. Die nationale Orientierung schlug um in die internationale Ausrichtung, so etwa 1920, als Lenin über Warschau nach Europa durchbrechen wollte.

In einem Punkt erwies sich die Rückständigkeit Russlands als ein großes Plus: Während in Westeuropa die Bourgeoisie der Hegemon der Bauernbefreiung war, war es in Russland das Proletariat, so dass die Bolschewiki, nach Lenin ein „Tropfen im Ozean“, sich politisch halten konnten, wenn sie zu den Bauern die richtigen Beziehungen herstellen. Gelingt dies der Partei des Proletariats, so kann das Proletariat herrschende Klasse werden und bleiben, auch wenn es im bäuerlichen Volk eine Minderheit bleibt. Das westeuropäischen Denken war sehr geprägt nach der historischen Tatsache, dass in diesem Teil des Kontinents die Bourgeoisie der Hegemon der Bauernbefreiung gewesen war und es sich nicht vergegenwärtigen konnte, dass Bauern Arbeiter unterstützen. „Im Westen ist eine Theorie im Umlauf, nach der die Arbeiter die Macht nur in dem Lande ergreifen und behaupten können, in dem sie die Mehrheit bilden, oder wo auf jeden Fall die in der Industrie beschäftigte Bevölkerung die Mehrheit bildet. Aus diesem Grunde stellen denn auch die Herren Kautsky die ‚Rechtmäßigkeit‘ der proletarischen Revolution in Rußland , wo das Proletariat eine Minderheit bildet, in Abrede“. 3. Die Revolution von 1789 war eine bäuerliche, die als Sieger die ländliche und vor allem die städtische Bourgeoisie hervorgebracht hatte. Es dauerte fünfzig Jahre, ehe sich im Juni 1848 in einer bürgerlichen Revolution das Proletariat regte. 1917 sind nur noch neun Monate erforderlich, um von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution zu „springen“.

Naheliegend ist ja nun, dass sich die Minderheit der Proletarier in Bauern verwandele, aber der Bolschewismus geht genau in die andere Richtung. Kautsky käme wohl auf die Idee, auch hier undemokratisches Verhalten auszumachen. Noch ein zweites Plus, das sich aus der Rückständigkeit Russlands ergab, muss zumindest angedacht werden: Gegen den westeuropäischen Hochmut, das zaristische Russland habe sich nicht durch eine Periode der Aufklärung Licht gegeben, ist einzuwenden, dass dadurch die bürgerlichen politischen Nettigkeiten wie Gewaltenteilung und Parlamentarismus keine festen Wurzeln gefasst hatten. Die Zerschlagung des Parlamentarismus war für die Bolschewiki in Petrograd ein Kinderspiel und kaum ein Russe schickte der Gewaltennteilung und dem Parlament eine Träne nach.

Auf Grund der immensen konterrevolutionären Verstrickungen der russischen Bourgoisie lernten die Bauern sozusagen in einem achtmonatigen Schnellkurs, dass diese ihnen keinen Boden und ihren Söhnen in der Armee keinen Frieden geben wollte. Hier bot sich Lenin mit seinen Bolschewiki an und der Personenkult um seine Person ergab sich aus einer Art Übertragung der bäuerlichen Zarenverehung auf ‚Väterchen Lenin‘. Der Zar war eine Unperson geworden und Stalin beerbte Lenin. Jedes Ticken des Sekundenzeigers läuft synchron zu einer noch nie dagewesenen Situation in der Weltgeschichte, aber die Oktoberrevolution gab ihr ein ganz neues Gesicht: Hatten sich bisher Philosophen, Staatsmänner und Feldherren quasi arbeitsteilig über die Völker geäußert, so äußerten sich jetzt diese selbst massiv welthistorisch. Politische Herrschaft insgesamt hatte ein Leck bekommen, Gaul – Geschichte, du hinkst.

Die Bolschewiki stellen im Petrograder Sowjet gerade ein Zehntel der Mitglieder und erhalten fünfzehn Prozent der Stimmen, im Oktober werden es siebzig sein. Der bürgerlichen Regierung steht zunächst der Fürst Lwow vor, ihm folgt der Sozialrevolutionär (bis März 1917 Trudowik) und Armeeoberbefehlshaber Kerenski. Erst eine labile Periode politischer Krisen, des Lavierens zwischen den Klassen (das künstliche Gebilde des Bonapartismus mit seinem Spitzelsystem, Sammeln von Material über Lenin -„nimmt deutsches Geld“-, Sondervollmachten der Minister gegen die „Anarchie“, konterrevolutionäre Terrorwelle Anfang Juli 1917 (man spricht von der Julikrise), in der die Sowjets entmachtet werden und sich eine Tendenz zur Militärdiktatur auftut, die bürgerlichen Zivilregierungen begreifen sich fortan als Kriegskabinette), das Lavieren zwischen Revolution und Konterrevolution, zwischen Sowjets und Duma, eine Periode, in der folgerichtig die Minister wie die Puppen purzeln 4., Koalitionskombinaionen auf Koalitionskombinationen, Einmischung verschiedenster Imperialisten (der englische Botschafter Buchanan sucht den Kontakt zu Generälen, die Träger des Georg- Kreuzes sind). Einmischung neuerdings auch der USA, denen der erste Weltkrieg die Tür nach Europa öffnet, um dort als Kreditgeber auch für die russische ‚Provisorische Regierung‘ (Fünf-Milliarden-Staatsanleihe), aufzutreten, und internationaler Bankiers in die inneren Angelegenheiten Russlands, Druck auf die Provisorische Regierung zur Rettung der Revolution, die Sozialisten zu entfernen.

Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, diese Paktiererpartein, halten die rote Fahne hin, damit sie konterrevolutionäre Machenschaften verdeckt. Die Politik des Paktierens  über eine sogenannte ‚Kontaktkommission‘ stellt den Hauptinhalt der Periode zwischen den beiden Revolutionen dar. Ende der Doppelherrschaft 5., die vor kurzem noch mächtigeren Sowjets werden Anhängsel der Provisorischen Regierung. Der passive Imperialismus der russischen Bourgeoisie verwandelt sich ab dem 4. Juli in einen aktiven (Brusilow-Offensive, für die auch die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre agitiert hatten, gleichwohl in der russischen Militärtradition gerade das Gegenteil, die Defensive die starke Seite war). Lenin spricht vom Umschlag des friedlichen Weges der Revolution in einen äußerst schmerzvollen, davon, dass die erste Phase der Revolution mit einem Misserfolg für die Revolutionäre endete, Stalin vom trüben Zwielicht der Konterrevolution und von einer „ziemlich gründlichen Konterrevolution“. Die Kerenski-Periode ist gekennzeichnet durch den politischen Bankrott der Kleinbürger und durch den massenhaften Zusammenschluß zwischen dem städtischen Proletariat und den armen Bauern, in ihr werden die Weichen gestellt, die die Entwicklung auf die Oktoberrevolution lenken. Die Konterrevolution hat etwas Gutes, die fast schon politisch toten Sowjets blühen durch den Kornilowputsch Ende August wieder auf, die Geschichtswissenschaft sollte ihn nicht nur rein negativ beurteilen, zumal durch ihn die Arbeiter wieder Waffen in die Hand berkamen und der Oktober nicht mehr weit war.   Fest steht, die Eroberung der politischen Macht ist nur noch per Gewalt, durch einen bewaffneten Aufstand möglich. Das Kleinbürgertum, diese schwankende Klasse par excellence, verliert seine Einheit, differenziert sich insbesondere im Dorf, in dem sich erhebliche Teile der Mittelbauern vom Kulak abwenden. Ausschlaggebend ist, dass folglich die Sozialrevolutionäre und Menschewiki ihre Mehrheit sowohl im Petersburger als auch im Moskauer Sowjet zugunsten der Bolschewiki verlieren, die Revolution des Jahres 1917 ist unmittelbar an die Notwendigkeit sozialistischer Umgestaltungen herangekommen. Die russische Bourgeoisie wird von einem Fieber erfasst und verlangt nach einem putschenden General, der sie rettet. Es teilt sich eins in zwei: die Revolution stellt nur noch die Alternative in den Raum: Militärdiktatur oder bolschewistische Diktatur (Volksrepublik, Volksarmee). Zu verweisen ist auf Zeitungsartikel von Stalin innerhalb eines Monats: Mit „Zwei Wege“ ist ein Artikel von Stalin im ‚Proletari‘ vom 15. August überschrieben. In ihm ist der Satz zu lesen: „Einen dritten Weg gibt es nicht“. Zehn Tage später ein Artikel von ihm im „Rabotschi“ mit dem Titel „Entweder – oder“, am 16. September im „Rabotschi Putj“ sodann der Artikel „Zwei Linien“. Entweder eine Diktatur der Bourgeoisie mit der Tendenz einer das Volk politisch entmündigenden Militärdiktatur oder eine offen vor den Augen des Volkes sich entwickelnde Diktatur des Proletariats ohne Gewalt gegen die Massen, die nur hart und grausam gegen die Reichen und Mächtigen ist. Die Bürgerlichen rufen vom 12. bis 14. Oktober einen schwarzen Kongress in Moskau unter dem Vorsitz von Rodsjanko zwecks Bekämpfung des Bolschewismus ein, die dem Aufstand entgegen fiebernden Roten einen Allrussischen Sowjetkongress zwecks Förderung der Revolution. Auf Demonstrationen in Petrograd und Moskau hörte man sowohl die ‚Marseillaise‘ als auch die ‚Internationale‘, (wie Marat muss sich auch Lenin verstecken), bis zum Ende der Alleinherrschaft der revolutionärsten Partei. Als auf der Sitzung des I. Gesamtrussischen Sowjetkongresses der Arbeiter- und Soldatendeputierten der menschewistische Minister Zereteli am 4. Juni 1917 in seiner Rede die Behauptung aufstellt, in Russland gäbe es keine politische Partei, die sich entschließen würde, die gesamte Staatsmacht zu übernehmen, gibt es einen Zwischenruf, dass die Bolschewiki jeden Augenblick bereit seien, diese zu übernehmen. Man lacht über dieses kategorische Ja ! Der Zwischenrufer war Lenin, für den eine politische Partei, die nicht danach strebt, die Macht zu erobern, keine Existenzberechtigung hatte, “ … und in jeder Hinsicht ein klägliches Nichts wäre, wenn sie, ist einmal die Möglichkeit der Machtübernahme gegeben, auf die Macht verzichten wollte“. 6. Die sich anbahnende Oktoberrevolution hatte ihren Mann bereits gefunden. Dann, fügen wir hinzu, am Ende der Revolution ein Personenkult Lenin-Stalin. Der Personenkult ist auch deshalb so übel, weil er den Kreis vom Zarenkult bis zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei zu schließen scheint. Auf alle Fälle hatte sich ein anderer Kreis geschlossen. In der ‚Iswestija Nr. 147 kommt ein Soldat zu Wort, der die Brusilow-Offensive überlebt hatte: „Man hat uns unter dem Zaren verraten und verkauft, man hat uns auch jetzt verraten und verkauft, und man bestraft uns noch dafür“. Es springt in die Augen, „daß der heutige Bourgeois sich für den rechtmäßigen Nachfolger des ehemaligen Feudalherren ansieht“ 7.

Aus dieser hier vorgelegten Skizze des Revolutionsjahres 1917 geht bereits hervor, wie verfehlt Bucharins Revolutionskonzept für dieses Jahr war: aus einer Bauernrevolution der ersten Phase („wilde“ Landnahme ab Februar) entwickelt sich als zweite eine proletarische Revolution, unterstützt von Westeuropa, ohne Beteiligung der Bauern, die den Boden bekommen haben und zufriedengestellt sind. 8. Also bereits 1917 zeichnet sich eine interessante Linie ab, die nach 1925 immer mehr in dem Mittelpunkt der bolschewistischen Politik rücken wird: Während Bucharin auf westliche Unterstützung vertraut, kommt Stalin u.a. auf Grund des Verhaltens von Buchanan und der Fünf-Milliarden-Staatsanleihe auf dem US-amerikanischen Markt zu einer entgegengesetzten Auffassung: „Es ist doch unbestreitbar: Der Westen bringt nicht so sehr Sozialismus und Befreiung nach Rußland als vielmehr Versklavung und Konterrevolution“. 9. Ganz handfest wurde das durch den Überfall der Wehrmacht am 22. Juni 1941. War Russland im 19. Jahrhundert der Gendarm der europäischen Reaktion, so hatte bereits die Revolution von 1905 zutiefst angedeutet, was die Oktoberrevolution vollführte. Sie warf den historischen Würfel der Konterrevolution in eine andere Richtung, er fiel im 20. Jahrhundert auf Westeuropa, insbesondere auf Italien, Deutschland und Spanien. Mit dem Zerfall des Warschauer Paktes noch nicht zufrieden, schmieden heute NATO-Aggressoren die Ketten um die Hälse der Völker Osteuropas, um sie als Kreaturen der USA abzuführen und für immer zu missbrauchen.

1. Rosa Luxemburg, Rede zum Programm gehalten auf dem Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) vom 29. bis 31. Dezember 1918 zu Berlin, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Sponatneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,166

2.  a.a.O.,167. Gemeint ist die Februarrevolution. Für Stalin war der Zarismus „die Konzentration der ins Quadrat erhobenen negativen Seiten des Imperialismus“. (Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Werke Band 6, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,67). Das Russland von 1917 war in seinen Augen das Land mit den konzentriertesten Widersprüchen des Imperialismus, zugleich das Land, in dem die Kräfte vorhanden waren, diese revolutionär zu lösen. Die Oktoberrevolution war somit unvermeidbar.

3. Josef Stalin, Die Perspektiven, Verlag Roter Morgen, Dortmuns, 176,105 

4. Vergleiche Josef Stalin, Reden auf der außerordentlichen Konferenz der Petrograder Organisation, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,105

5. Siehe Lenin, Zu den Losungen, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,181

6. Lenin, Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten ?, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,398

7. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,321

8. Vergleiche Josef Stalin, Reden auf dem VI. Parteitag der SDAPR (B), Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmud, 1976,169

9. Josef Stalin, Die amerikanischen Milliarden, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund 1976,220

Heinz Ahlreip


 

 

 

Die verfehlte Kritik Rosa Luxemburgs an der russischen Oktoberrevolution

19. Juni 2016

Rosa Luxemburg setzte sich leidenschaftlich mit der Oktoberrevolution in einem Text ‚Die russische Revolution‘ auseinander, der ohne ausreichendes Quellenmaterial 1918 im Gefängnis geschrieben worden war. Zu ihren Lebzeiten wurde er nicht veröffentlicht, erst 1922 von Paul Levi und 1928 vollständig von Felix Weil. Clara Zetkin hat uns überliefert, dass Rosa Luxemburg selbst nach der Haftentlassung auf Distanz zu ihrem Text gegangen war, der m.E. in seiner Substanz, der Oktober habe weder Demokratie noch Sozialismus hervorgebracht, sondern deren Zerrbilder, misslungen ist, gleichwohl in einer Auseinandersetzung mit der Oktoberrevolution nicht übergangen werden darf, denn er strahlt eine gewisse Originalität aus, wirft essentielle Probleme dieser Revolution auf und sei es auch nur, um die Geistesverfassung von Rosa Luxemburg zur Zeit der Textabfassung zu untersuchen. Keinesfalls stellt aber dieser Text das „theoretische Vermächtnis“ dieser Revolutionärin dar, wie ihn  Susanne Hillmann bewertet.  (Vergleiche Susanne Hillman, Zum Verständnis der Texte, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,238f.). 

So kehrt sie zum Beispiel den allerorts zu hörenden Vorwurf, Russland sei zu einer sozialistischen Revolution noch nicht reif genug gewesen, um: der Krieg und die Revolution habe die Unreife des deutschen Proletariats erwiesen. Aber: ‚Bloß Nicht !‘ ruft sie aus, als Lenin die Oktoberrevolution als eine Art Muster für alle Länder hinstellen will. Erwägenswert vor allem auch ihr Gedanke, dass nicht der erste imperialistische Krieg die Oktoberrevolution ausgelöst habe, sondern dass dieser die ab 1912 wieder virulenter werdende russische Revolution unterbrochen habe. Ein Text von Rosa Luxemburg zur Oktoberevolution gehört trotz seiner Fehler nicht zur Sekundärliteratur. Die Schuld an den, wie sie es nennt, „Schiefheiten“ dieser Revolution gibt Rosa Luxemburg interessanterweise primär dem deutschen Proletariat. Es hätte in der geschichtlichen Prüfung durch den imperialistischen Krieg so schmählich versagt und ihm seien alle weltweiten Rückschläge der sozialistischen Emanzipation anzulasten, aber nicht nur ihm allein: auch das internationale Proletariat habe die Revolution verraten. Die ‚gebrochene‘ Revolution in Russland sei Ausdruck des Bankrotts des internationalen Sozialismus in diesem Weltkrieg, aber die notwendig unvollkommene Revolution Lenins sei „eine Ehrenrettung des internationalen Sozialismus“. Diese Auffassung lässt sie in schroffen Gegensatz zu Karl Kautsky treten, aber trotz aller Polemik gegen ihn geht sie mit ihm auch in einigen wesentlichen Punkten wie Demokratie und Duma, Wahlen und Pressefreiheit, kongruent. Wie er kritisiert sie deren Auseinanderjagung durch die Bolschewiki. Mit Trotzki stimmt sie gegen Lenin und Stalin darin überein, dass sich eine sozialistische Gesellschaftsordnung nur international durchführen lasse. „In Rußland konnte das Problem nur gestellt werden. Es konnte nicht in Rußland gelöst werden“ (Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,193). Immer wieder kreisen die Gedanken Luxemburgs hasserfüllt um das Versagen des deutschen Proletariats in der Frage der Kriegskredite, dessen sozialdemokratische Partei Lenin noch als mustergültig betrachtet hatte. Dieser Hass kommt besonders in ihrer ‚Rede zum Programm‘, gehalten auf dem Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund), der vom 29. bis 31. Dezember 1918 in Berlin stattfand, zum Ausdruck: „ … daß die deutschen Gewerkschaftsführer und die deutschen Sozialdemokraten die infamsten und größten Halunken, die in der Welt gelebt haben, sind … (folglich) gehören diese Leute ins Zuchthaus“. Jede klassenbewusste Arbeiterin und jeder klassenbewusste Arbeiter sollte sich diese Worte ausdrucken und an die Innenseite ihrer / seiner Wohnungstür kleben, so dass sie / er bei jedem Verlassen der Wohnung sich diese Worte einprägen kann. Trotz der für Luxemburg elementaren Widersprüche des roten Oktobers begreift sie die Revolution richtig als eine in aufsteigender Linie, als eine sich ständig radikalisierende, von der Ersetzung des Zaren Nikolaus durch seinen Bruder Michail, der auf den Thron verzichtet, der Absolutismus fiel für Luxemburg „wie ein abgestorbenes Organ, das nur angerührt zu werden brauchte, um dahin zu fallen“ (a.a.O.,166) dann die demokratische Republik, als „das fertige, innerlich reife Produkt gleich des ersten Ansturms der Revolution“ (a.a.O.,167), womit für die Menschewiki und für Kautsky (Demokratie, nicht Sozialismus, bzw. Sozialismus erst nach Erringung der Mehrheit im bürgerlichen Parlament) die Revolution beendet war, dann Lwow, Kerenski, eins teilte sich in zwei: die Revolution stellte nur noch die Alternative: Militärdiktatur oder bolschewistische Herrschaft, wie Marat musste sich auch Lenin verstecken, bis zum Ende der Alleinherrschaft der revolutionärsten Partei. 1. Für Luxemburg trieben nur die Bolschewiki eine wirklich sozialistische Politik. Der Friedens- und der Landhunger der Bauern sprengte den bürgerlichen Rahmen der Revolution, die Liberalen wollten den imperialistischen Krieg fortsetzen und den Bauern kein Land geben, die Einberufung der Konstituante, die diese Fragen erörtern sollte, wurde immer wieder verschoben. Aber jetzt kommt die Übereinstimmung mit Kautsky: wie dieser verurteilt auch sie die zersplitternde ‚wilde Landnahme‘ der Bauern als kontraproduktiv zum großraumwirtschaftlichen Konzept des Sozialismus. Das war ohne Zweifel eine „Schiefheit“, denn die Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie, „Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land“ war bereits eine Forderung (die neunte von zehn) im Kommunistischen Manifest. Die kleine Scholle aber festigte den Kleinbauern und das Dorf, stärkte vor allem die Kulaken, wirkte also nach der entgegengesetzten Richtung. Die Übereinstimmung mit Kautsky ist wortwörtlich: Beide sprechen von einem Rückfall der russischen Landwirtschaft in die Zeit der ägyptischen Pharaonen. Die russische Revolution habe laut Luxemburg den Bauern borniert, er horte Lebensmittel und boykottiere die Stadt für Wuchergeschäfte, „genau wie die preußischen Junker“ (a.a.O.,174).  Dieses Zitat macht deutlich, dass Rosa Luxemburg in ihrer Kritik die Bolschewiki keineswegs schonte. In Schutz nehmen muss man aber Lenin, wenn sie ihm eine Revolutionsmacherei andichtet. Napoleons Siegeszug durch Europa hätte auf dem Scholleneigentum des französischen Kleinbauern, dieses Revolutionsgewinnlers, gegeründet, vielleicht wollte Lenin mit den anarchistischen Kleinbauern ähnliche Triumphe feiern ? Das ist ganz abwegig, keiner wusste besser, dass man Revolutionen nicht machen kann, die Bolschewiki mussten einfach auf einer übermächtigen Welle mit schwimmen, wollten sie nicht untergehen. Das hatte dazu geführt, dass der Vorsprung der russischen Jakobiner vor den russischen Girondisten hauchdünn war. Einen analogen Fehler wie in der Landwirtschaft hatten die Bolschewiki für Rosa Luxemburg in der Nationalitätenfrage begangen, in der sie den Nationalitäten das Recht der staatlichen Lostrennung von Russland gaben. Auch hier wieder nur Zersplitterung ! In beiden Fällen gewannen die Bolschewiki keine Sympathien. Der Bauer wurde Preuße und die ukrainische Rada ließ 1918 österreichische und deutsche Truppen einmarschieren. Nicht der proletarischen Weltrevolution neigte man sich zu, sondern dem Imperialismus. „Es ist das fatale Los des Sozialismus, daß er in diesem Weltkrieg dazu ausersehen war, ideologische Vorwände für die konterrevolutionäre Politik zu liefern“ (a.a.O.,179f.). Die vehementeste Kritik am Leninismus übt die Revolutionärin wohl an der Ausgestaltung der Demokratie, wie sie sich im Jahr 1917 ergab. Sie nennt die Auflösung der Duma durch die Leninisten „verblüffend“, obwohl spätestens seit den Aprilthesen Lenins Absicht ganz deutlich war: den Parlamentarismus in Russland zu zerschlagen und ihn durch einen Räte“staat“ nach dem Vorbild der Pariser Commune zu ersetzen. Die Auflösung konnte also nicht überraschend kommen, sondern lag im Konzept. Rosa Luxemburg denkt in dieser Frage genau so undialektisch wie Karl Kautsky. Die Diktatur des Proletariats bedeutet eine Diktatur gegen die Reichen und eine Demokratie für die Armen, Demokratie und Diktatur sind nicht schematisch zu trennen, denn es gibt keine Demokratie als Nichtdiktatur. Auch Demokratie beinhaltet staatliche Gewalt und in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution gehen die Begriffe ineinander über. Völlig verfehlt ist der Vorwurf von Luxemburg, Lenin stelle genau wie Kautsky die Diktatur der Demokratie entgegen. Hier kommt einiges durcheinander. Man muss beachten, dass gerade die härteste Diktatur gegen die ehemaligen Ausbeuter das höchste Maß an Demokratie für die Volksmassen bedeutet. Dass diese ein Recht haben, Konterrevolutionäre zu bestrafen, das scheinen sowohl Rosa Luxemburg als auch Karl Kautsky übersehen zu haben. Bei Rosa Luxemburg wird das fast noch deutlicher als bei dem geschickt schreibenden Kautsky: „Sowohl Sowjets als Rückgrat wie Konstituante und allgemeines Wahlrecht“ (a.a.O.,185). Das ist eben falsch, die revolutionäre Entwicklung war bereits über die Phase der Doppelherrschaft hinausgegangen, eine Revolution in aufsteigender Linie, die Luxemburg ja bescheinigt, muss sich in ihrer Radikalität auf eine Einparteienherrschaft und auf die Ausrottung der Konstituante bei Strafe des Untergangs konzentrieren. In der Anfang 1921 geschriebene Broschüre von Lenin „Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Trotzkis und Bucharins“ finden sich brillante Überlegungen zur Dialektik – und siehe da: „Sowohl das eine als auch das andere“, „einerseits-anderseits“ – … Das ist eben Eklektizismus. Die Dialektik erheischt die allseitige Berücksichtigung der Wechselbeziehungen in ihrer konkreten Entwicklung …“ (Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Trotzkis und Bucharins, Werke Band 32, Dietz Verlag Berlin, 1960,81f.). Wie konnte Rosa Luxemburg in ihrer kargen Gefängniszelle die Wechselbeziehungen der russischen Revolution in ihrer konkreten Entwicklung allseitig berücksichtigen ? Es bekümmert schon, wenn man verfolgen muss, wie so viele, die sich für dialektische Materialisten halten, auf Rosa Luxemburgs literarisches Talent, das sie mit Trotzki teilt, hereinfallen, ohne hinter die Fassade zu blicken. Sie irrt wie Kautsky, wenn sie Lenin unterjubelt, für ihn sei der sozialistische Staat nur der auf den Kopf gestellte kapitalistische Staat. Ein flüchtiges Durchblättern von Lenins „Staat und Revolution“ genügt hier zur Widerlegung, man wird sofort fündig, etwa: er spricht vom „Übergangsstaat, der „kein Staat im eigentlichen Sinne mehr“ ist, die Unterdrückung der Minderheit der Kapitalisten ist eine „so verhältnismäßig leichte, einfache und natürliche Sache … die Notwendigkeit einer besonderen Maschine zur Unterdrückung beginnt zu schwinden … Die Ausbeuter sind natürlich nicht imstande, das Volk niederzuhalten ohne eine sehr komplizierte Maschine zur Erfüllung dieser Aufgabe, das Volk aber vermag die Ausbeuter mit einer sehr einfachen ‚Maschine‘, ja nahezu ohne ‚Maschine‘, ohne einen besonderen Apparat niederzuhalten, durch die einfache Organisation der bewaffneten Massen (in der Art der Arbeiter- und Soldatendeputierten, sei vorgreifend bemerkt).“ (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,477). Und so weiter und so fort. Auch hier liegt bei Rosa Luxemburg wiederum ein Mangel an dialektischer Sensibilität vor. Ich möchte die Leserin / den Leser auch noch darauf hinweisen, dass Lenin hier, also vor der Oktoberrevolution, bereits von Sowjets spricht als eine Form des Halbstaats, der absterben muss. Und weiter: an dieses Absterben des Halbstaates ist das ‚Einschlafen der Demokratie‘, ein Ausdruck von Engels, geknüpft. Wenn man dieses ‚Einschlafen der Demokratie‘ nicht versteht, das nur durch die Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei, nach der Zerschlagung des Parlaments möglich ist, gerät man in die Irre, wie Luxemburg, sie deutet die bolschewistische Diktatur als Abschaffung der Demokratie und gibt ein beredtes Zeugnis ab, wie auch bei einer Revolutionärin das Bewusstsein hinter der tatsächlichen politisch-historischen Entwicklung zurück bleiben kann. Direkt urbürgerlich ist das Denken von ihr und von Kautsky, wenn wir zu den Wurzeln des Konflikts zwischen Arbeiterdemokratie und Nationalversammlung zurückgehen, die bis zur französischen Revolution zurückreichen. Gleich zu Beginn des Revolutionssturms verbot die französische Bourgeoisie den Arbeiterinnen und Arbeitern, sich zu versammeln. Sie gab das Fortschrittliche als reaktionär aus: Eine Assoziation der produktiven Klasse sei ein Rückfall in die durch die französische Konstitution abgeschaffte Korporation. Und im Grunde bewegen sich Rosa Luxemburg und Karl Kautsky immer noch auf dem Level von Le Chapelier, dem Inspirator des arbeiterfeindlichen Gesetzes, das seinen Namen trägt, denn die Dialektik erheischt den Umschlag der Gegensätze ineinander. Warum solle die produktive Klasse nach ihrer Machteroberung nicht das Recht haben, Koalitionen unter den unproduktiven Klassen zu verbieten ? Warum sollte sie nicht das Recht haben, den Schmarotzern das Wahlrecht zu entziehen ? Worauf Lenin besonderen Wert legt, die einfache Organisation der bewaffneten Massen, das ist weder von Karl Kautsky noch von Rosa Luxemburg verstanden worden. Die Volksbewaffnung ist aber der elementare Boden der proletarischen Demokratie. Und die proletarische Revolution ist eben die Organisation der bewaffneten Massen in Aktion gegen die Minderheit der Ausbeuter, über die sich Millionen Speerspitzen sammeln müssen. Die Organisation der bewaffneten Massen ist eine in einer Revolution notwendige Schreckensherrschaft und Rosa Luxemburg hat Unrecht, wenn sie eine Schreckensherrschaft als demoralisierend ausgibt, gerade durch sie blühen Millionen und Abermillionen bisher Geknechteter auf und kommen zum Bewusstsein ihrer Würde. Blauäugig dahin geschrieben ist Rosa Luxemburgs berühmter Satz: „Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden“ (Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, hamburg, 1970,186). Ihn finden ‚Akademiker‘ sympathisch, die sich nicht in die proletarische Revolution hineindenken können; diese ist ein Bürgerkrieg der kolossalsten und schrecklichsten Art mit Millionen und Abermillionen Toten, in dem es primär nicht auf das alternative Denken ankommt, sondern darauf, die Todesquote unter den Kämpfern in der Tradition der Pariser Commune so niedrig wie möglich zu halten, die unter den Konterrevolutionären so hoch wie möglich zu steigern. Der Revolution im Weg stehen die Akademiker, die von Rosa, von der lieben Rosa, von der lieben Mutter Rosa schwärmen bis zum jüngsten Tag.

1. Dann, fügen wir hinzu, Personenkult Lenin-Stalin. Der Personenkult ist deshalb so übel, weil er den Kreis vom Zarenkult bis zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei zu schließen scheint.

Heinz Ahlreip

Merkwürdigkeiten der Oktoberrevolution

17. Juni 2016

Es bleiben spezifische Merkwürdigkeiten der so überaus klippenreich und widersprüchlich verlaufenden, aus einer Doppelherrschaft resultierenden Oktoberrevolution, deren Existenz oft an einem seidenen Faden hing. Erstens: Sie brach aus in einem Land, in dem das Proletariat eine kleine Minderheit im Volk (mit einer hohen Analphabetenquote) war, woraus sich Lenins große Sorge um eine Spaltung im Proletariat oder um eine zwischen der Partei und der Masse des Proletariats ergab. Zweitens: Sie konnte sich nur halten durch eine Politik der richtigen Beziehungen zur Bauernschaft, was zur Folge hatte, dass das dem Sozialismus kontraproduktive kleinbäuerliche Agrarprogramm der Sozialrevolutionäre mit Punkt und Komma übernommen wurde und nur so die Brücke zwischen Stadt und Dorf einstweilen hergestellt werden konnte, die tragfähige homogene Basis der Revolution. Irgendwie hat diese gehalten (Dieses ‚irgendwie‘ muss untersucht werden), denn die zersplitternde ‚wilde Landnahme‘ der Bauern war kontraproduktiv zum großraumwirtschaftlichen Konzept des Sozialismus. Das war ohne Zweifel eine „Schiefheit“, denn die Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie, „Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land“ war bereits eine Forderung (die neunte von zehn) im Kommunistischen Manifest. Die kleine Scholle aber festigte zunächst den Kleinbauern und das Dorf, stärkte vor allem die Kulaken, wirkte also nach der entgegengesetzten Richtung. Die Kulaken waren sogar bis 1928 gesetzlich in ihrer Existenz geschützt. Aber die Basis hat besonders nach der Kollektivierung 1929, nach der Liquidierung der Kulaken als Klasse, gehalten, auch als die Wehrmacht 1941 einmarschiert war, nur hin- und wieder wurden den deutschen Unholden Brot und Salz gerreicht. Drittens hing ihr Überleben in einem Bauernland von einer richtigen Beziehung der kleinen roten Partei zu den sechs Millionen Mitgliedern der Gewerkschaft (Stand 1920) als einer Schule des Kommunismus ab, Lenin hatte gute Gründe, Trotzkis Konzept eines Durchrüttelns der Gewerkschaft von oben brüsk zurückzuweisen (er sei gegenüber Tomski, dem Führer der Gewerkschaft, „zutiefst im Unrecht“). Die Befolgung des trotzkistischen Säuberungskonzepts hätte nach Lenins Dafürhalten die Sowjetmacht zu Fall gebracht. Lenin sprach von seiner kleinen roten Partei als von einem Tropfen im Ozean. Warum erhielt sie sich fast 60 Jahre (von 1898 – Gründung der SDAPR in Minsk, die sich 1903 in London in Bolschewiki und Menschewiki spaltete – bis 1953/56, danach Mißbrauch des Namens durch die Revisionisten) ? Weil sie bis 1953/56 als einzige Partei konsequent die sozialen Interessen des Proletariats vertrat. Das machte sie gefährlich, deshalb wurde sie selbst noch von Kerenski verfolgt. Viertens blieb der bürgerliche Feind, dessen Ideologie viel älter ist als die sozialistische, mächtiger, besonders durch Geldbesitz, internationale Beziehungen und militärischem Wissen, und fünftens, dazu im Widerspruch stehend, erließen die Bolschewiki ein Aufnahmestopp für ihren Tropfen, für ihre Partei. ‚Lieber weniger, aber besser‘, so lautete die Überschrift eines Artikels von Lenin Anfang März 1923. Gerade dieser letzte Punkt macht deutlich, dass es sich bei der Oktoberrevolution nicht um eine in sich gebrochene Revolution gehandelt hat, wie die Menschewiken und Kautskyaner gleich nach dem Ausbruch der Revolution behaupteten. Diesen Herrschaften schmeckte gar nicht, dass Lenin sogleich erfolgreich eine Einparteienherrschaft anstrebte. Nur die Strasse des Marxismus führt zum Kommunismus, die Revisonisten stehen auf den Strassenbrücken und werfen wie die Hooligans schwere Gegenstände auf die Fahrbahn. Sie konnten auch nicht das Kind dieser Merkwürdigkeiten begreifen. Das Kind dieser Merkwürdigkeiten war 1921 die NEP, die ein bewußter vorübergehender Rückzug des Sozialismus vor dem Kapitalismus war. Wie hatte doch Rosa Luxemburg 1918 im Gefängnis über die bolschewistischen Oktoberrevolutionäre geschrieben ? „Sie sollen nicht Wunder wirken wollen“. Aber immerhin: Sie können mit Hutten ausrufen: ‚Ich hab’s gewagt !‘ (Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,192). Die größte Merkwürdigkeit der Oktoberrevolution bleibt aber die, dass die ach so fortschrittlichen Marxisten aus Westeuropa deren Ausbruch als unzeitgemäß denunzierten, sie selbst aber unter wesentlich fortgeschritteneren Bedingungen nichts zustande brachten, was man in der Weltgeschichte der Oktoberrevolution analog stellen könnte. Sie hatten überlesen, was Marx im Vorwort zur ‚Kritk der politischen Ökonomie‘ geschrieben hatte: „Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind“. Das gilt auch für den Oktober 1917.

Heinz Ahlreip


Lenin Trotzki Stalin

9. Juni 2016

Die Verteidigung der Oktoberrevolution, insbesondere ihrer militanten Seite, gegen pseudowissenschaftliche Angriffe des Zentristen Kautsky trieb Trotzki in den Extremismus der Militarisierung der Arbeit, den Lenin noch als bürokratische Projektmacherei korrigieren konnte. Wir wissen, dass der freie Arbeiter im Imperialismus eine Fiktion ist, dass der einzelne Arbeiter zwar dem einzelnen sogenannten Arbeitgeber entlaufen kann, nicht aber der Kapitalistenklasse. Doch hören wir Trotzki selbst: „Unsere wirtschaftlichen und zusammen mit ihnen auch unsere gewerkschaftlichen Produktionsorganisationen haben das Recht, von ihren Mitgliedern all die Selbstverleugnung und Disziplin zu verlangen, die bisher nur die Armee gefordert hat … Der Arbeiterstaat hält sich für berechtigt, jeden Arbeiter auf den Platz zustellen, wo seine Arbeit notwendig ist … Die Arbeiterklasse muß unter der Leitung ihres Vortrupps sich selbst auf den Grundlagen des Sozialismus neu erziehen“. (Leo Trotzki, Terrorismus und Kommunismus, (Anti-Kautsky), Verlag Olle & Wolter, Prinkipo Edition, Berlin, o.J.,117ff.). Lenin wies Trotzkis Gleichstellung der industriellen Produktion mit einer militärischen Front zurück und bezeichnete sie als einen elementaren Fehler. („Sonderbar, daß eine so elementare Frage, die zum Abc gehört, erneut behandelt werden muß“ (Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Trotzkis und Bucharins, Werke Band 32, Dietz Verlag Berlin, 1960,73). Er pochte auf das Primat der Politik, dass die Gewerkschaft eine ‚Schule des Kommunismus‘ sei, und diesen schlichten Sachverhalt hatte Trotzki übersehen.

 Durch das Attentat der linken Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan am 30. August 1918 begann der allmähliche körperliche und seelische Verfall Lenins, der sechs Jahre später nach mehreren Schlaganfällen an den Folgen des Attentates am 21. Januar 1924 starb. Es gab nun keine dominierende Korrekturhand der Oktoberrevolution mehr, wie sie meisterhaft, Nachhilfe in Sachen Dialektik erteilend, in der Anfang Januar 1921 geschriebenen Broschüre „Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Trotzkis und Bucharins“ zum Vorschein kam, u.a. mit dem Vorwurf an beide, „Thesen zu schreiben, ohne die Tatsachen studiert zu haben“ (Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Trotzkis und Bucharins, Werke Band 32, Dietz Verlag Berlin, 1960,79), sondern fünf Jahre Diadochenkämpfe mit bizarren Verläufen. Ausgerechnet der Mann, der die besten Karten in der Hand hielt, war am Ende der Verlierer, wurde im Februar 1929 aus der Sowjetunion ausgewiesen und starb am 21. August 1940 ebenfalls durch ein Attentat (mit einem Eispickel) in Mexiko. Den Befehl zur Ermordung Trotzkis soll Stalin gegeben haben, bewiesen ist das bis heute nicht. Neuere Untersuchungen (B. Bland) verweisen auf Spuren, die zum FBI und seiner Kooperation mit trotzkistischen Gegnern Trotzkis in den USA führen, da Trotzki im Falle eines militärischen Überfalls durch Nazideutschland  die Trotzkisten  gegen den trotzkistischen Mainstream zum gemeinsamen Kampf gegen die Wehrmacht aufrufen wollte.

Zur historischen Einordnung Trotzkis ist unbedingt eine erhellende Überlegung von Marx aus dem 18. Brumaire des Louis Bonaparte über den Unterschied zwischen bürgerlichen und proletarischen Revolutionen heranzuziehen: „Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht….“ (Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1960,116).  Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefasst … hier wäre Trotzki aufgeblüht und zum Leitstern am revolutionären Firmament geworden, die qualvolle proletarische Zickzackrevolution lag seiner temperamentvollen Mentalität nicht. Trotz seiner intellektuellen Brillanz erlitt er Schiffbruch. Es setzte sich ein Mann durch, der in der ersten Liste der Volkskommissare noch an letzte Stelle stand und von dem seine Tochter sagte, er hatte die riesige Geduld der armen Leute. Damit war Stalin für eine proletarische Revolution geeicht. (Wie in Deutschland die graue Maus Walter Ulbricht). In der ersten Phase der Oktoberrevolution ist sein Name mit der Entrussifizierung des riesigen Gebietes verbunden, also mit der Gleichberechtigung der Nationen, die wieder in ihrer Muttersprache die Zungen bewegen können. Das trägt nicht unerheblich zur Popularität des Mannes bei, den die Völker später liebevoll ‚Väterchen‘ nennen werden. Kein Bolschewik hatte nach der Oktoberrevolution eine größere Breitenwirkung erreicht. Zwar stellt jede Revolution, die einen Fortschritt in der Emanzipation der Menschheit darstellt, schwierigere Aufgaben als die vorhergehende, engere, aber sie vereinfacht auch gesellschaftliche Zusammenhänge, vereinheitlicht, schafft Privilegien ab und kehrt mit einem eisernen Besen. Beides, das Komplexe und das Einfache, das sich durchdringt, muss der Revolutionär beherrschen, will er den Puls der Völker fühlen. 1928 wird Stalin in der ‚Prawda‘ zum ersten Mal ‚Führer‘ genannt. Ab 1929 hielt er das Steuer des Schiffes der Revolution fest in seiner Hand und führte es durch das verheerende ‚Kap Horn des zweiten Weltkrieges‘. „Da vorn liegt Kap Horn und nun heißt es auf Gott vertrauen …“, sagen die Seeleute bangend zu sich, die zum ersten Mal die riskante Umschiffung Südamerikas wagen müssen. Das Steuerrad ließ Stalin erst in seiner Todesstunde los, sein Schatten fällt auf die Weltpolitik bis in unsere Tage. Als Stalin im Moskauer ‚Haus der Gewerkschaft‘ aufgebahrt war, erwies sich der Trupnaja-Platz als zu klein für die fünf Millionen Menschen, die von ihm Abschied nehmen wollten. Über 1. 500 wurden, wie der Zeuge Georges Bortoli berichtet, an Hauswänden und Laternenpfählen zu Tode gequetscht.

Heinz Ahlreip

Zur Dialektik der proletarischen Revolution in der Kontroverse Kautsky-Lenin anläßlich der Oktoberrevolution

6. Juni 2016

Kautsky setzt sich mit der Oktoberrevolution u. a. in zwei 1919 in sozialistischen Kreisen viel beachteten Broschüren auseinander, die einmal schwerpunktmäßig den Vorwurf erhebt, die Bolschewiki hätten durch Auflösung der Duma, des Wahlverbotes für ehemalige kapitalistische Ausbeuter und durch die Pressezensur die Demokratie verletzt, zum anderen, die Revolution in eine blutig-terroristische Phase geführt, die unnötig gewesen wäre. Die erste Broschüre trägt demgemäß auch den Titel „Die Diktatur“, die zweite demgemäß auch den Titel: „Terrorismus und Kommunismus“. Beinhaltete die erste Broschüre ein Konzept eines merkwürdigen Gemisches aus einem Räte- und einem parlamentarischen Sozialismus, so nimmt Kautsky in der zweiten Broschüre eine sophistische Trennung des Terrors der französischen Revolution von 1789 vor, um zu zeigen, dass eine proletarische Revolution ohne Terror auskommen könne. Kautsky unterscheidet zwischen einem rohen wilden Terrorismus des Pöbels und einem kultivierten und planvollen Terrorismus der führenden Jakobiner. Die Exzesse entsprangen den rohesten Teilen der Bevölkerung, „das Schreckensregiment wurde getragen durch höchst kultivierte, von den humansten Empfindungen erfüllte Menschen“ (Karl Kautsky, Terrorismus und Kommunismus, Ein Beitrag zur Naturgeschichte der Revolution, Verlag Neues Vaterland, Berlin, 1919,95). Diese Differenzierung des Terrors dient Kautsky zur Beweisführung, dass in der bürgerlichen Revolution der Terror unvermeidbar war, wobei nicht beachtet wird, dass sich der jakonistische Terror sowohl gegen die führenden Vertreter der alten feudalen Mächte als auch gegen die führenden Vertreter der unteren politisch linksorientierten Volksklassen richtete, der Terror also synchron gegen die alten Feinde als auch disparat immanent unter revolutionären Kräften selbst zur Anwendung kam. War nach Kautsky im Vorfeld der bürgerlichen Revolution eine Kultivierung der revolutionären Kräfte nicht möglich, der Feudalismus läßt Menschen nur verroht zurück, so doch im Vorfeld der proletarischen. Und nun soll nach ihm gerade der Marxismus als wissenschaftlicher Sozialismus dafür gesorgt haben, dass eine proletarische Revolution ohne Gewalt, Terror und Bürgerkrieg auskomme. Der Kampf zwinge zum Studium der ökonomischen Verhältnisse und dieses Studium zur Einsicht, dass sich das Proletariat immer nur politisch-revolutionäre Aufgaben stellen kann, die es im Rahmen des Gegeben schrittweise auch lösen kann. Im Originaltext: “ … zunächst nur soviel an Sozialismus durchzuführen, als unter den gegebenen Verhältnissen möglich war … Die Durchführung des Sozialismus konnte nach dieser Auffassung nicht das Werk eines Handstreichs sein; sie wurde das Ergebnis eines längeren historischen Prozesses“ (a.a.O.,100). Man muss vor diesem Satz verweilen unter Berücksichtigung, dass er sich gegen die Bolschewiki richtet und dass das Wort ‚Handstreich‘ auf ihren angeblichen ‚Staatsstreich‘ im Oktober 1917 hinweist. Wären sie gemäß der marxistischen Lehre vorgegangen, Kautsky verwendet hier das Wort ’sachkundig‘, wären sie nicht in eine verzweifelte Situation hineingeraten, „die sie wider den Geist des Proletariats und des Sozialismus zu blutigem Massenterror zwang“ (a.a.O.).

Die Periode zwischen der Pariser Kommune 1871 bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 war in Westeuropa primär eine relativ friedliche Periode und Kautsky stellt richtig fest, dass die Gedanken der Revolution, des Terrors und des revolutionären Bürgerkrieges aus den Köpfen der Arbeiter verschwunden war. Die Bewilligung der Kriegskrdite durch die sozialchauvinistischen Sozialdemokraten zeigte das offen. Zudem sei zu dieser Zeit die Demokratie aus einem Kampfobjekt zu einer festen (kursiv/H.A.) Basis des politischen Lebens geworden (a.a.O.). Das ist aber falsch, weil nicht dialektisch durchdacht. Es gibt Demokratie und Demokratie. Die bürgerliche Demokratie, die einst fortschrittlich gegen den Feudalismus aufgetreten war, und nur die scheint Kautsky zu kennen, war in der Tat veraltet, eine feste Basis des politischen Lebens geworden, war in sich gesättigt, keines historischen Fortschritts mehr möglich, aber die proletarische Demokratie, die sich gegen die Bourgeoisie richtet und deshalb nicht auf den Parlamentarismus rekurrieren kann, sondern ihn zerschlagen muss,  war noch jung, lebendig wie der Frühling mit dem substantiellen Gehalt des ‚Einschlafens der Demokratie‘ (Engels). Ich glaube, das Dargelegte ist schon ausreichend, um aufzuzeigen, dass Kautsky die ‚Aprilthesen‘ von Lenin ebenso abgelehnt hätte wie Plechanow, der sie als ‚Fieberphantasie‘ verspottet hatte. Es ist der Nachweis zu führen, dass Kautsky nach der Oktoberrevolution weder ein Demokrat noch ein Dialektiker war und also auch kein Revolutionär mehr sein konnte. Das ist nicht schwer, denn schon allein die Wortwahl Kautskys verrät sein Einschwenken auf eine kleinbürgerliche Kritik an der Oktoberrevolution. Er will die Revolution nüchtern („sachkundig“) und sachte angehen, realistisch, ohne zu bedenken, dass jede effektive Revolution im Sinne eines historischen Fortschritts einen Überschuss an Radikalität haben muss, der solange durchhalten muss, bis der Durchbruch unwidderruflich gelungen ist. Gerade dieser überschäumende Radikalismus ist in der Regel militant und kann nur militant terroristisch und diktatorisch auftreten. „Ohne Vorbereitung der Diktatur kann man kein wirklicher Revolutionär sein“ (Lenin, Geschichtliche zur Frage der Diktatur (Notizen), in: Lenin, Gegen den rechten und linken Opportunismus und den Trotzkismus, Progress Verlag Moskau, 1974, 465). Gerade die revolutionär-demokratische Diktatur lehnt aber Kautsky ab und versteift sich auf einen Demokratiefetisch, den Engels in einem Brief an Bebel vom 11. Dezember 1884 nach einer erfolgreichen proletarischen Revolution hat kommen sehen: “ … daß die reine Demokratie im Moment der Revolution als letzter Rettungsanker der ganzen bürgerlichen und selbst der feudalen Wirtschaft momentan Bedeutung bekommen kann …“. War Kautskys Broschüre eine Kritik von rechts, so der Kronstädter Matrosenaufstand im März 1921 eine von links, auch die Matrosen forderten freie Wahlen, dazu noch Sowjets ohne Bolschewiki.

Der Hauptmangel Kautskys besteht in der Ersetzung der Dialektik durch den Eklektizismus. Die Dialektik einer Revolution zeitigt mitunter grelle Resultate, ein Dialektiker spürt der tief innerlichen und  ruhelosen Dialektik der Geschichte nach, die auf der Oberfläche nicht zu sehen ist und sprach nicht Lenin von phantastischen Zickzackbewegungen der Geschichte ? Die Revolution ist listig insgesamt, wie das Meer, es ist ruhig und bedächtig und kann durch einen herannahenden Sturm plötzlich hochgepeitscht werden. Wer behauptet, dass der Kommunismus in Deutschland auch in 10, 15 Jahren keine Chance hätte, ist eben auf das gerade vorherrschende ‚Biedermännische‘ verengt. Kautsky würde heute so reden. Das ‚Biedermännische‘ stumpft ab und erfasst nicht die ersten Wellen einer revolutionären Krise. Im Jahr 1906 hatte Lenin eine Kontroverse mit R. Blank über die Notwendigkeit einer Diktatur in der Revolution (von 1905), die dieser ablehnte. Lenin sprach von den „vernünftigen“ Sozialisten im Gegensatz zum „Wahnwitz“ der Bolschewiki (Vergleiche a.a.O.,469). Folgt man den eingetretenen Pfaden der bürgerlichen Publizistik und den Massenmedien, so ist der Kommunismus heute in Deutschland, ja weltweit eine periphere, äußerst periphere Angelegenheit. Und er wird es für die heutigen Evolutionisten bleiben. Aber weder geht es in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft noch in der der Natur evolutionistisch zu, deren Entwicklungskonzeptionen sind  „tot,farblos, trocken“ (Lenin). Nur das dialektische Prozessdenken genügt wissenschaftlichen Ansprüchen: nur es „liefert den Schlüssel  zu den ‚Sprüngen‘, zum ‚Abbrechen der Allmählichkeit‘, zum ‚Umschlagen in das Gegenteil‘, zum Vergehen des Alten und des Entstehen des Neuen“. (Lenin, Zur Frage der Dialektik, in: Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Reclam Verlag, Leipzig, 1986,44).

Welche Argumente trägt der ‚Biedermann‘ Kautsky nun vor, um nachzuweisen, dass wir über die historische Phase der Notwendigkeit der Anwendung von Terror während der Revolution hinaus sind ? Engels hatte ja durch seinen Aufenthalt in Manchester 1842 Eindrücke gewonnen, die ihn vom blutigsten Krieg zwischen den Armen und den Reichen sprechen ließ. Das industrielle Proletariat habe sich über das blutrünstige Niveau des Lumpenproletariats erhoben, der Marxismus sei entwickelt worden und die – wohlgemerkt bürgerlich-parlamentarische – Demokratie sei in sich gefestigt. (Vergleiche Karl Kautsky, Terrorismus und Kommunismus, Ein Beitrag zur Naturgeschichte der Revolution, Verlag Neues Vaterland, Berlin, 1919,100).  Und zwischen den schlimmen Befürchtungen von Engels und 1917 hatte Kautsky nun eine geschichtliche Entwicklung zur Humanität herausgelesen, nur die von Frankreich ausgehende allgemeine Wehrpflicht mit der ihr immanenten Verrohung habe da erheblich gestört. Bereits die Pariser Kommune sei positiv mild verlaufen und ein Jahr später habe Marx für die USA, England und Holland friedliche Revolutionen in Aussicht gestellt. Vor dem ersten Weltkrieg hätte dann eine soziale Lage vorgelegen, die die sofortige sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft für die Arbeiter nicht zu einer Frage von Leben und Tod gemacht hätte. Man gewinnt den Eindruck, als habe sich Kautsky ein friedliches Hineinwachsen der proletarischen Revolution in die bürgerliche gewünscht sowie Bucharin sich ein Hineinwachsen der Kulaken in den Sozialismus wünschte. „Ohne Anwendung von Gewalt gegen die Gewalttäter, in deren Händen sich die Waffen und Machtorgane befinden, kann das Volk nicht von den Gewalttätern befreit werden“. (Lenin, Geschichtliches zur Frage der Diktatur (Notizen), in: Lenin, Gegen den rechten und linken Opportunismus und den Trotzkismus, Progress Verlag Moskau, 1974,473). Hegel spricht in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes vom „ruhigern Bette des gesunden Menschenverstandes“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1980,47).  Es ist darauf zu insistieren dass in einer Revolution das Gebilde der neuen Welt , Hegel sagt, „in einemmahle“ hervorbricht, wie ein Blitz aufblendet. (Vergleiche a.a.O.,15).  Wie ein Blitz schlugen die Aprilthesen in den russischen Boden ein. Nach landläufiger marxistisch-zentristsicher Auffassung lagen diese außerhalb der Schulbücher und nun verkehrte sich alles: statt auf die Entwicklung der ökonomischen Gesetzmäßigkeit zu setzen, machten sich die Bolschewiki abhängig von der Massenpsyche und waren gezwungen, die Marxsche Denkweise über Bord zu werfen. (Vergleiche Karl Kautsky, Terrorismus und Kommunismus, Ein Beitrag zur Naturgeschichte der Revolution, Verlag Neues Vaterland, Berlin, 1919,110). Hier gipfelt die Polemik Kautskys zugleich mit dem Tadel, die Bolschewiki hätten durch die Auflösung der Armee der deutschen Offiziersclique Vorteile verschafft, zum Ausbruch der deutschen Novemberrevolution 1918 hätten sie keinen Beitrag geleistet. Soweit ist Rosa Luxemburg in ihrer Kritik an der Lenin‘ schen Oktoberrevolution nicht gegangen, sie hat nicht wie Kautsky den Bolschewisten einen Taschenspielertrick vorgeworfen bezüglich der Frage der Diktatur. Scheinheilig fragt Kautsky, was gibt es für einen Sinn und Fortschritt, wenn statt der zaristischen Knute nun die Fabrikdisziplin von einzelnen bolschewistischen Betriebsleitern eingepeitscht wird ? Man durchdenke diese Frage und man wird auf einen qualitativen Unterschied stoßen. Auf das Lebensprinzip der alten Welt mit Geld: ‚Jeder für sich, Gott für uns alle‘ und auf das Lebensprinzip der neuen Welt: ‚Alle für einen und einer für alle‘. Ging es im Zarismus und Kapitalismus um Kapitalakkumulation, so im Sozialismus in eine Zukunft, in der das Geld einer Welt von gestern angehört.

Heinz Ahlreip

.

Die Formen der Beziehungen unter den Menschen haben sich geändert

21. Mai 2016

Lenin wies uns den Weg: ‚Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes‘. Michail P. Gerasimow, ein Künstler des ‚Proletkultes‘, schrieb: ‚Das Herz in der Brust eines Bauern … eine elektrische Birne‘. So plump dieses Bild ist, so hölzern es klingt, richtig ist, dass durch eine Revolution alles pervertiert wird. Das zunächst an den französischen Arzt und mechanischen Materialisten La Mettrie erinnernde Bild verweist auf die Schwierigkeit des Revolutionärs, dass er sozusagen die Natur des Menschen austauschen muss, um aus dem verdorbenen Alltagsmenschen einen neuen Menschen zu formen, der jenseits steht. Der Revolutionär muss dem Menschen die ihm eigenen Kräfte rauben, um ihm fremde zu geben. Rousseau sah dies im ‚Gesellschaftsvertrag‘ als Aufgabe des Gesetzgebers an: aus einem natürlichen autonomen Anarchisten macht er einen Staatsbürger, einen künstlichen Menschen. „Mit einem Wort, es ist nötig, dass er dem Menschen die ihm eigenen Kräfte raubt, um ihm fremde zu geben, von denen er nur mit Hilfe anderer Gebrauch machen kann“. (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 2011,45). An die Stelle des Herzens setzt der revolutionäre Gesetzgeber eine Glühbirne ein, der Affe hat jetzt einen Personalausweis.

Das Kriterium einer erfolgreichen Revolution ist die fundamentale Veränderung der Beziehungen der Menschen untereinander.  „Die Stadt und alle Menschen waren wie ausgewechselt“, schrieb der Schriftsteller Konstantin Paukowskij in seiner 1955 erschienenen Autobiografie ‚Erzählung vom Leben‘ anläßlich der russischen Februarrevolution von 1917. Solange die Familie, der Staat und das Privateigentum existieren, also das, was Marx und Engels in der ‚Deutschen Ideologie‘ als „die ganze alte Scheiße“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,35) bezeichnet hatten, und sie hatten verdammt Recht damit, solange kann kein Mensch auf der Erde frei sein. Die französische Revolution änderte an den Ketten der Sklaverei nichts, aber sie brachte den utopischen Sozialisten Charles Fourier hervor, der alle drei ‚heiligen‘ Säulen des bürgerlichen Gefängnisses theoretisch angriff. Während die bürgerlichen Wissenschaftler den Visionär Fourier als Spinner, wie Eugen Dühring gar als ‚Idioten‘ zu marginalisieren versuchten, stellte Engels ihn als Dialektiker auf eine Stufe mit Hegel. Heute klingt es auf Grund der ständigen Höherentwicklung des Kommunikationsnetzes und der Lernmittel und entsprechend geänderter Lernmethoden nicht mehr so bizarr, dass die Revolution einen höherentwickelten „Neuen Menschen“ hervorbringen wird, so dass es auf der Erde 37 Millionen Dichter wie Homer, 37 Millionen Mathematiker wie Newton und 37 Millionen Autoren wie Molière geben kann. Was Fourier für die Gegenwart und Zukunft Aktualität verleiht, sind seine Konzepte kollektiver industrieller und landwirtschaftlicher Arbeits- und Wohnformen, in denen eine Kultivierung der zwischenmenschlichen Sexualität eingeschlossen ist.

Erst die bolschewistische Oktoberrevolution als Weiterentwicklung der Pariser Commune, schuf in einer in der Weltgeschichte bisher einmaligen Aufbruchstimmung die Besen, um den ganzen bürgerlich-mittelalterlichen Dreck beiseite zu fegen. Die Produktionsmittel in der Industrie wurden vergesellschaftet, die Arbeit wurde wissenschaftlich organisiert und der bürgerliche Parlamentarismus wurde zerschlagen. Von gleicher Wichtigkeit war eine Kulturrevolution, deren Ansatz 1918 die Einführung einer Einheitsarbeitsschule für Kinder ab acht Jahren bildete. Sie war eine Schule ohne ‚Büffeln‘, denn in ihr waren Strafen, Prüfungen und Hausaufgaben abgeschafft. (Die Überlegung drängt sich auf, ob nicht bereits hier der Grundstein gelegt worden war für den Sieg der Roten Armee über die Wehrmacht, deren Offiziere in wilhelminisch-weimarischen Zuchtanstalten dressiert worden waren, allzeit bereit, auch den idiotischsten Befehl Hitlers auszuführen). Auf dem ersten Allrussischen Arbeiterinnen- und Bäuerinnenkongress im November 1918 entwarf Aleksandra Kollontaj den kühnen Plan, den familiären Haushalt zu zerschlagen und die private Kinderbetreuung abzuschaffen. Das Ehegesetz war vereinfacht worden und Paare konnten sich per Postkarte scheiden lassen, was natürlich die Trennung von Staat und Kirche zur Voraussetzung hatte (Vergleiche Carmen Scheide, Veränderungen von Lebenswelten – Hoffnungen, Enttäuschungen, in: Heiko Haumann (Herausgeber), Die Russische Revolution 1917, Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien, 2007,124f.). Der gleiche Lohn für die Frau für gleiche Arbeit war zur Selbstverständlichkeit geworden. Heute ist das nicht mehr der Fall, im Gegenteil, die Frau ist wieder eine Ware, die an westeuropäische Bordelle verhökert wird. Carmen Scheide, die 2002 eine Dissertation mit dem Titel: „Kinder Küche Kommunismus, Das Wechselverhältnis zwischen Alltagsleben und Politik am Beispiel Moskauer Arbeiterinnen während der NEP 1921 bis 1930“ vorgelegt hat, weist im Zusammenhang mit den Bestrebungen, den Gegensatz zwischen Stadt und Land in der Sowjetunion aufzuheben, auf interessante Konzepte hin: Die Pläne reichten von einer vollständigen Urbanisierung des Landes bin hin zur völligen Auflösung aller Städte und Dörfer. Stattdessen sollten Wohneinheiten dezentral in einem fortlaufenden Park angelegt werden (Vergleiche a.a.O.,128).  In den städtebaulichen Konzepten war der Gedanke fest verankert, dass Wohnkomplexe durch Grünanlagen vor den Nebenwirkungen der Industriekomplexe zu schützen sind. Leonid M. Sabsovic hatte ein Stadtkonzept mit Wohnkombinaten vorgelegt, das eine Existenz einer bürgerlichen Familie bereits ausgeschlossen hatte. Jeder Person stand ein Zimmer mit gleicher Möblierung zur Verfügung und Kinder sollten ausschließlich von staatlichen Pädagogen in besonderen ‚Kinderhäusern‘ erzogen werden. Man denkt unwillkürlich an Fouriers ‚Phalanstères‘.

Die Oktoberrevolution beinhaltete einerseits die Auflösung der starren Geschlechtertrennung, der ‚Neue Mensch‘ wurde als ein doppelgeschlechtliches Wesen vorgestellt, andererseits brachte sie eine neue Raumorientierung. Es wäre verkürzt, die bolschewistische Revolution ausschließlich als eine global-terristische zu begreifen, es wurde wörtlich genommen, dass Karl Marx die Pariser Communardinnen und Communarden von 1871 als „Himmelsstürmer“ bezeichnet hatte.  Romane wie Bogdanows „Der rote Stern“ und Ciolkowskys „Außerhalb der Erde“ deuten darauf hin, dass eine Affinität zwischen Revolution und Weltraumforschung bestand, Ciolkowsky avancierte bald zum „Vater der sowjetischen Raumfahrt“, nachdem Lenin ihm 1921 wegen besonderer Verdienste als Gelehrter und Erfinder eine Pension auf Lebenszeit zuerkannte (Vergleiche Michael Hagemeister und Julia Richers, Utopien der Revolution: Von der Erschaffung des Neuen Menschen zur Erobrung des Weltraums, in: Heiko Haumann (Herausgeber), Die Russische Revolution 1917, Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien, 2007,140). Während die klassische bürgerliche Revolution aus Frankreich sich durch den Russlandfeldzug Napoleons 1812 in den Weiten Russlands verlief, war die proletarische Revolution durch die Weltraumflüge Gagarins (1961) und Tereschkowas (1963) in den Weiten des Universums bahnbrechend.

Heinz Ahlreip

Gehören der Islam und das Christentum zu Deutschland ?

20. Mai 2016

Im finsteren Mittelalter, als die Philosophie als Vertreterin der Wissenschaft die Magd der Theologie, des Glaubens war, wurden Frauen als Hexen verbrannt und fürchterliche Religionskriege geführt. Sekten wie die im Namen der handwerktreibenden städtischen Bevölkerung gegen den Feudalismus auftretenden Albigenser wurden ab 1209 in einem fürchterlichen Kreuzzug, zu dem Papst Innocenz III. aufgerufen hatte, dezimiert und Ketzer mit damals fortschrittlichem Gedankengut wurden als Abweichler verfolgt, oft getötet. Der fortschrittliche Wissenschaftler Bruno, der das Kopernikanische Weltbild vertrat, wurde am 16. Februar 1600 zu Rom auf Geheiß der Inquisition verbrannt, 1633 hatte Galilei dieser famosen Institution Rede und Antwort zu stehen. Er widerrief, während die Lektüre der ungeheuer wertvollen, philosophisch ungeheuer reichhaltigen Werke Brunos, der nicht widerrief, noch heute Katholiken verboten ist. Das Aufkommen der urban ausgerichteten Albigenser kündigte an, dass eine neue Klasse auf den Schauplatz der Geschichte getreten war, die Bourgeoisie, die ideologisch gegen den Katholizismus, der eine ideologische Stütze des Feudaladels war, auftreten musste und dies damals nur in Gestalt der protestantischen Ketzerei tun konnte. Luther warf 1517 der ganzen katholischen Theologie den Fehdehandschuh hin und die von den Feudalherren geknechteten Bauern interpretierten die von Luther übersetzte Bibel auf ihre Art: ‚Als Adam grub und Eva spann, wo blieb denn da der Edelmann ?‘ Von allen Klassen, die damals gegen den Feudaladel aufstanden, waren die Bauern die fortschrittlichsten und vor allem die einzigsten, die wirklich mit der Waffe in der Hand Geschichte geschrieben haben, das feige Bourgeoispack in den Städten ließ sie im Stich. Aber wie reagierte der große Reformator Dr. Martin Luther, den Müntzer ‚Doktor Lügner‘ nannte, auf den Krieg der Bauern gegen ihre Blutsauger ? Der Reformator ergriff sofort Partei, indem er die aufrührerischen Bauern für vogelfrei erklärte und öffentlich aufrief, man solle sie totschlagen, sobald man ihrer habhaft werde („Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“). Dass die Bauern den ‚Zehnten‘ abschaffen wollten, widersprach seiner Intention, alle Laien in Pfaffen zu verwandeln. 1. Der ganze perverse mittelalterliche Dreck in Deutschland, Marx spricht von „Menschenkehricht“ 2., wird im kommenden Jahr die 500. Wiederkehr des Lutherischen Thesenanschlags an die Schlosskirche zu Wittenberg gedenken und den Mann feiern, der zum Massenmord am deutschen Volk aufgerufen hat. Ich weise in diesem Zusammenhang schon heute auf die sehr tiefe und treffende Bemerkung von Friedrich Engels hin, dass die lutherische Reformation Deutschland zugrunde gerichtet hat. 3. Die Reformation in Deutschland konnte keine entscheidende Bresche in den historisch überholten Feudalismus schlagen, erst die französische bürgerliche Aufklärung, die radikalste in Europa, vermochte dies. Sie brachte der damaligen Menschheit wirklich Licht und ging gegen alles mittelalterliche Gerümpel bis zur Verkündung des Atheismus vor. Keinem ideologischen Vertreter der bürgerlichen Aufklärung, weder Voltaire noch Diderot, weder Holbach noch d‘ Alembert wäre jemals der Satz über die Lippen gekommen: ‚Der Islam gehört zu Frankreich‘. Im Gegenteil, Voltaire fand für die Gefahr, die von der Aggressivität des Islams ausgeht, in seiner von Goethe ins Deutsche übersetzten Tragödie ‚Le Fanatisme ou Mahomet le Prophète‘ ‚ deutliche Worte. Als dieses glänzende Werk 1993 in Genf aufgeführt werden sollte, intervenierten Grüne (wen wundert’s !?) und Islamisten gegen diese Aufführung. Der grüne Kulturminister des Kantons Genf, Alain Vaissade, entblödete sich als erster mit der Behauptung, Voltaire verletze religiöse Gefühle. 4. Gibt es einen besseren Beleg für den fortschrittlichen Charakter der französischen Aufklärung als die Tatsache, dass im Vorbereitungsjahr zu Voltaires 300. Geburtstag, mittelalterliche Dunkelmänner auf den Plan treten, um wie im Mittelalter die Aufführung eines Theaterstücks zu verbieten ? Das war ein Angriff auf die französische bürgerliche Aufklärung, die es als einzige geschafft hatte, sich ganz aus der christlichen Bevormundung zu befreien und die Wissenschaft an die erste Stelle zu setzen. Und eine klassisch zu nennende Aufklärung hatte ein klassisch zu nennende Revolution im Gefolge, hatte diese ‚Revolution sondergleichen‘ (Lenin) ideologisch vorbereitet. Und worin symbolisierte sich die bürgerliche Revolution, die einzig wirkliche in Europa ? Der Maler der Revolution, David, präsentierte uns eine „Marianne“ auf seinem großen Gemälde ‚Die Freiheit führt das Volk‘, barbusig, als Ausdruck der Befreiung von inhumanen Zwängen, die Renaissance des Matriarchats andeutend.  (Und hatte nicht Rousseau im Gesellschaftsvertrag geschrieben, dass der freie Mann es liebt, nackt zu kämpfen ?). So stehen sich zwei Frauenbilder, ja zwei Menschenbilder gegenüber: die barbusige Marianne und die Allah folgenden Frauen, die ihren ganzen Körper so verhüllen müssen, dass man, so der Sinn des Korans,  keine weiblichen Konturen mehr erblicken kann. Hier kann es keinen gemeinsamen Nenner geben. Wir brauchen uns den Anblick dieser islamischen Nonnenkluft, dieser Vogelscheuche im Weichbild der Metropolen Europas nicht bieten  lassen. Schleudern wir diesen ganzen perversen militant auftretenden mittelalterlichen Dreck dorthin, wo er hergekommen ist, an die Ziegenberge Anatoliens und an die des Hindukusch ! Das sind wir dem Toleranzgedanken der europäischen Aufklärung schuldig.

Die Reaktion ist heute bereits so dreist geworden, dass sie nicht nur gegen die marxistisch-leninistische Aufklärung angeht, sondern auch noch gegen die veraltete bürgerliche. Ihre eigene Klassenlage zwingt sie dazu. Marx hatte als ein Ergebnis der Pariser Commune früher als andere gesehen, daß der heutige Bourgeois sich für den rechtmäßigen Nachfolger des ehemaligen Feudalherren ansieht“. 5. Das eröffnet dem Mullah mehrere Optionen: Während sich auf Paris, auf die Stadt der Aufklärung, der Wissenschaft, der Revolution, des ’savoir vivre‘, der Commune sein ganzer Hass richtet und er sich mit dem Herzog von Braunschweig, Bismarck und Hitler einig ist, diese Stadt, 1793 bereits von den Girondisten, 1871 von den Krautjunkern (décapiter et décapitaliser) angefeindet, auslöschen zu müssen, verfährt er gegenüber dem bigotten Deutschland, dieser laut Heinrich Heine „frommen Kinderstube“, anders. Für dieses Land besteht keine akute Terrorbedrohung. Hier wird auf eine andere Karte gesetzt: Der Mullah hofft durch einen islamisch-christlichen Dialog im Trüben zu fischen, sozusagen fifty-fifty zu machen und der Esel Wulff hat ihm bereits die Hand dazu gereicht. ‚Aufgeklärte Menschen‘ säuseln uns ins Ohr, man müsse zwischen radikalem und richtigem Islam differenzieren. Nun, jedem Moslem obliegt es, dreimal in seinem Leben eine Wallfahrt zur heiligen Stätte Mekka zu unternehmen, dort kann man Kieselsteine auf drei monumentale Pfeiler werfen, die den Teufel verkörpern. Und was passiert regelmäßig anläßlich dieser Haddsch ? Tausende werden zu Tode getrampelt, Hunderte bleiben vermisst ! Ist das richtig ?

Der Kampf gegen jeden Dogmatismus, sei es ein islamischer, sei es ein christlicher, tut besonders in Deutschland not. Luther hatte das  deutsche Volk zu sehr versaut, so dass es für lange Zeit keine wissenschaftliche Luft mehr atmen konnte. Immanuel Kant, der führende Kopf der bürgerlichen Aufklärung in Deutschland,  trat als Zwitter (als Materialist und als Idealist) auf und dieses Zwitterhafte zwischen Wissen und Glauben durchzieht die ganze deutsche Geistesgeschichte bis zur ‚Deutschen Ideolgie‘ von Marx und Engels, dem Werk, mit dem, die Halbheiten Feuerbachs überwindend, endlich auch in Deutschland der Durchbruch zu einer wissenschaftlichen Weltanschauung gelang. Kant hatte aus seiner theoretischen (erkenntnistheoretischen) Philosophie einen objektiven Gottesglauben verbannt, ihn aber in seiner Moralphilosophie wieder zurückgeholt: dass ein Mensch der Folter widersteht, sei ein Phänomen, das einer wissenschaftlichen Weltdeutung entzogen sei und also auf ein höheres Wesen zumindest hinweise. Hegel, der 1802 eine seiner Frühschriften den Titel ‚Wissen und Glauben‘ gab, die Hoffnungen erwecken konnte, dieser Autor werde sich vielleicht zu einer rein wissenschaftlichen Weltsicht emporarbeiten können, wollte dann jedoch nicht nur die Wissenschaft mit dem christlichen Glauben vereinen, sondern ging in einer Rezension zu Solgers nachgelassenen Schriften so weit, als alleinigen Endzweck der Philosophie die Erkenntnis Gottes zu behaupten, und das angesichts des Aufblühens der Naturwissenschaften. In seiner Antrittsvorlesung an der Berliner Universität fällt der auffällige Satz: „Ich habe mein Leben der Wissenschaft geweiht„.  Ein wirklich aufgeklärter Mensch kann hier nur das Wort ‚gewidmet‘ verwenden. Friedrich Engels bemerkte zu Hegel, dass er ein Deutscher war und ihm ein Stück Philisterzopfs hinten hing, den deutschen Philister sei er nie ganz losgeworden. 6.  In Deutschland steht also eine wirklich wissenschaftlich-atheistische Weltanschauung auf sehr dünnen Beinen und der Satz ‚Der Islam gehört zu Deutschland‘ macht sie nicht dicker. Der Islam gehört zu Deutschland, wenn man die Aufklärung aus der europäischen Geschichte streicht, wenn man davon ausgeht, Europa sei noch nicht aufgeklärt. Der Pfaffe hätt es gern. Die Ideologen in Deutschland, die sich zum Mittelalter bekennen und orientieren, unternehmen natürlich alle Anstrengungen, der Wissenschaft in Deutschland selbst die dünnen Beine noch wegzuschlagen. Denn eine neue Klasse ist auf den Schauplatz der Geschichte getreten und die Angst vor dem roten Proletariat jagt die bürgerlichen Ideologen zu allen finsteren Mitteln, sei es das Christentum, sei es der Islam, Hauptsache religiöser Fusel, damit der Lohnsklave nicht die Dialektik seiner Ausbeutung verfolgen kann. Heute ist die Bourgeoisie nicht mehr fortschrittlich, die deutsche ist es ohnehin nie gewesen, und kann es auch nicht mehr sein. Sie sammelt heute alle ideologischen Waffen gegen fortschrittliche Arbeiterinnen und Arbeiter, ja gegen fortschrittliche Menschen überhaupt. Sie verkommt zu einem Rauschgiftdealer, dem es egal ist, womit er ‚cash‘ macht, ob mit christlichem Opium oder ob mit islamischem Heroin. Wir müssen uns im Klaren sein, dass dieser Dealer kein Tabu kennt. Er reißt den Armen in Deutschland, den Arbeitslosen und den Hartz-IV-Empfängern das letzte Stück Brot aus dem Mund, nur um sich auf einer Islamkonferenz herumzutreiben, auf der der Bau von Moscheen und die Errichtung von Lehrstühlen für islamische Religion beschlossen wird. So hängt das zusammen.

Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, im 21. Jahrhundert sei die Souveränität einer wissenschaftlichen Weltanschauung gesichert, da doch die Ausbeutung durch Lohnarbeit in einer warenproduzierenden Gesellschaft die soziale und primäre Wurzel der Religion ist und nicht so sehr die Unwissenheit. Hochgebildete Menschen fallen auf den religiösen Plunder rein. Am sogenannten ‚Heiligen Abend‘ treffen blökende Schafenherden in den Kirchenschiffen auf ihre Hirten. Im Kern glauben diese Schafe trotz aller Aufklärung und all ihrem Fachwissen noch immer an die unbefleckte Empfängnis Marias und legen ein beredtes Zeugnis ab, dass das Bewußtsein in sich erstarren und hinter der technischen Entwicklung zurückbleiben kann. Wir dürfen nie außer Acht lassen, dass in Deutschland und in anderen Ländern, die unter dem Titel ‚bürgerliche Republik‘ firmieren, das Mittelalter regelmäßig seine von der Verfassung geschützten infantil-perversen Orgien feiern kann. In diesem Zusammenhang gibt uns Friedrich Engels einen interessanten Hinweis: Selbst die materialistischsten Naturforscher der Darwinschen Schule hätten sich noch keine klare Vorstellung über die Entstehung des Menschen machen können, weil sie noch zu sehr unter dem Einfluss einer idealistischen Ideologie gestanden hätten, die ihnen nicht die Bedeutung der menschlichen Arbeit im Entstehungsprozess des Menschen erkennen ließ. 7. Es ist eben sehr schwierig, für  Naturwissenschaftler, die an irgendeiner Universität in irgendeinem Seminar irgendein paar Brocken Philosophie aufgeschnappt haben, sich ein wirklich materialistisch-dialektisches Weltbild, also auch ein atheistisches Weltbild zu erarbeiten. Man nehme nur den Physiker Max Planck, den Vater der Quantentheorie. Er hatte jahrzehntelang gegen idealistische Anschauungen in der Physik gekämpft, um im Alter von 75 Jahren umzufallen. Auf einmal faselte dieser Nobelpreisträger wie ein Primaner, dass ein idealer Geist alle „physikalischen Vorgänge des heutigen Tages allerorten bis ins kleinste durchschaut“ 8. Mit einem jederzeit alles sehenden Gott haben Eltern und Lehrer kleine Kinder in Schrecken gesetzt, um sie innerlich zur Normeinhaltung anzustacheln, wenn sie außer ihrer Aufsicht standen. Und jetzt steht ein Nobelpreisträger vor uns ! Die meisten bürgerlichen Wissenschaftler fallen früher oder später um, deshalb ist ja so wichtig und notwendig, das bürgerliche Bildungsprivileg zu brechen, um Jugendlichen proletarischer und kleinbäuerlicher Provenienz ein Universitätsstudium zu ermöglichen.

1. Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,386

2. Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,359

3.Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,305

4. Tribune de Genève, 28. September 1993

5. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,321

6. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosphie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,269

7. Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379

8. Scientia, Jahrgang I / 3, 1933,162 f.

 

 

 

 

 

 


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.