Rousseau Hegel Marx und die Theorie menschlicher Befreiung

16. August 2017

 

Es ist bekannt, dass und wie Rousseau Philosoph und Anarchist wurde. Als er auf dem Weg von Paris nach Vincennes im ‚Mercure de France‘ 1749 die diesjährige Preisfrage der Akademie zu Dijon las: Haben Künste und Wissenschaften zum Fortschritt der menschlichen Kultur beigetragen ?, geriet er in eine folgenschwere Metanoia und erkannte plötzlich, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass es nur die Institutionen sind, die ihn verderben. Rousseau sah ein anderes Universum und wurde ein anderer Mensch.

Es ist bekannt, dass der an Depressionen leidende Hegel die ‚Phänomenologie des Geistes‘ am Rande des Wahnsinns geschrieben hat, sein Jugendfreund Hölderlin ist wahnsinnig geworden. Hegel sieht die Heraufkunft der Neuen Welt unter dem Signum des Blitzes. Schon vor der ‚Phänomenologie‘ hatte Hegel in der Differenzschrift den markanten Satz geprägt: ‚Je besser die Methode, desto greller die Resultate‘. Die Dialektik ist tief innerlich, vor allem ruhelos.

Auch Marx hat in seinem ersten Semester in Berlin eine Metanoia, er schildert sie unverkennbar. Nach dem gescheiterten Projekt ‚Kleanthes oder vom Ausgangspunkt und notwendigen Fortgang der Philosophie“, die Arbeit ist nicht erhalten geblieben, gesteht er: „Vor Ärger konnte ich einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten an der Spree schmutzigem Wasser, „das Seelen wäscht und Tee verdünnt“, umher … und wollte jeden Eckensteher umarmen“. 1. Ich bitte Sie, der größte Sohn des deutschen Volkes 2. konnte einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten umher.

Das sind Geständnisse aus erster Hand, keine Augenzeugenberichte, die ja auch gar nicht berichten könnten, Marx habe einige Tage gar nichts gedacht. Marx wurde krank. Ein Arzt riet ihm, aufs Land nach Stralow zu ziehen. „Wiederhergestellt, verbrannte ich alle Gedichte und Anlagen zu Novellen etc. in dem Wahn, ich könne ganz davon ablassen …“. 3. Und dann in dem Brief die folgenschwere Mitteilung: „Während meines Unwohlseins hatte ich Hegel von Anfang bis Ende samt den meisten seiner Schüler, kennengelernt“. 4. Gegen Ende des Briefes hebt Marx noch einmal die vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung seines Gemütes 22. hervor.

Das sind die inneren und äußeren, leider wenig bekannten Umstände, in denen Marx Hegelianer wurde. Aber wenig später werden Gedanken bei ihm rege, ob nicht der Idealismus, ob nicht insbesondere die Symbiose des Idealismus mit dem Christentum und seiner unbefleckten Empfängnis der Wahn schlechthin sei. Das nimmt den noch nicht festgeformten Marx, wie ihn die Propaganda nicht weitergibt, mit. Zeitzeugen, seine Tochter und Ruge, teilen uns übereinstimmend mit, dass Marx ein besessen lesendes Arbeitstier war. Es ist aufschlussreich, was Ruge Feuerbach in einem Brief mitteilte: „Marx … liest sehr viel; er arbeitet mit ungemeiner Intensität .., aber er vollendet nichts, er bricht überall ab und stürzt sich immer von neuem in ein endloses Büchermeer“. 5. Diese Bemerkungen von Ruge treffen zu auf die geniale Kritik des Hegelschen Staatsrecht, sie bleibt unvollendet. Ist die Hektik ein Preis subjektiver Genialität oder Ausdruck des objektiven Zwanges der bürgerlichen Produktionsweise, sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse im Zuge der technisch-industriellen Revolution fortwährend zu revolutionieren, ohne den Menschen selbst als frei gestalten zu können ?

Ich tendiere zum letzteren. Durch Hegel erlas er sich, wie schwer, wie gewaltsam und unentrinnbar die Kette gesellschaftlicher Objekivität ist, ein Gewaltzusammenhang, der da die Menschen einrahmt und auf sie einschlägt, so dass sich ihnen die Möglichkeit gar nicht eröffnen kann, andere Menschen zu werden und  andere Universen zu sehen. Im Gegenteil: Der Arbeiter ist eine Ware und die Arbeiter stellen die Mehrheit des Volkes, das verstümmelte Milieu, dem wir alle leben. Die Rechnung der reichen Kapitalisten, die Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, zu schinden, um in Saus und Braus zu leben, geht nicht auf.  Statt ein anderer Mensch wird der Arbeiter ein „bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird … Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn bar ausgezahlt erhält, so fallen die andern Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher usw.“. 6. Es sieht also zunächst nicht so aus, als sei hier eine emanzipative Kehrtwendung zu erwarten. Dass sie historisch notwendig sei, dieser Nachweis wird zur Lebensaufgabe von Marx. Die gigantische Objektivität, die im Vollzug der technisch-industriellen Revolution liegt, enthält in sich die Potenz, aus Objekten Subjekte zu machen. Die Ketten der Sklaverei von 1789 hatte Marat in der französischen Revolution deutlich genug gesehen und noch einen subjektiven Ansatz zur Befreiungslösung angeboten, Fourier sah das Allheilmittel in der Auflösung der bürgerlichen Familie; die industrielle Großraumproduktion, das Gegenteil des Idiotismus des Landlebens, entwertet alle subjektiven Ansätze in der Emanzipationstheorie und lehrt dem genauen Prozessbeobachter die Macht des Kollektiven, in ihm liege nun der Zauberschlüssel, der das Tor zu subjektiven Freiheit des je Einzelnen aufschließt. Die Menschen können ohne kollektive Befreiung nicht freie Subjekte werden. In der bürgerlichen Freiheitsideologie werden die Subjekte dagegen frei nur gegen das Kollektiv, als einzelne, als bezugslose Monaden. Das ist auch ganz stimmig und trifft zu auf die Eigner von Produktions- und Lebensmitteln, für die die Masse nur ein Ausbeutungsobjekt ist. Alle bürgerlichen Befreiungstheorien sind Ideologie, in der Humanismus nur auf dem Papier bleiben kann.

1. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9

2. Vergleiche die Broschüre „Karl Marx, Der größte Sohn des deutschen Volkes, Vorbild und Ratgeber eines jeden deutschen Patrioten“, Kongress Verlag Berlin, 1953

3. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9

4. a.a.O.,10

5. Arnold Ruge, Briefwechsel und Tagebuchblätter 1825 bis 1880, hrsg. von Paul Nerrlich, 2 Bände, Berlin, 1886, Band 1,343   

6. Karl Marx /  Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlg Berlin, 1960,468f. 

 

 

Helmut Kohl – der ‚Kanzler der Einheit‘

12. August 2017

Ich schreibe diesen Artikel bewusst am 13. August, am 56. Jahrestag des Berliner Mauerbaus. Am 16. Juni 2017  ließ die Partei DIE LINKE zum Ableben von Helmut Kohl verlauten, mit ihm verliere Deutschland eine prägende Persönlichkeit. Träfe das zu, so wäre das schlimm für das deutsche Volk, man muss sich von solch einem Konterrevolutionär nicht prägen lassen, sondern man muss solche Type weit von sich spucken. Kohl wurde 1930 geboren und trat mit 16 Jahren, also 1946, in die Partei Adenauers ein. Bekanntlich wies Adenauer 1952 die Stalin-Note zurück, Kohl hätte als Mann der Einheit des deutsche Volkes sofort aus dieser spalterischen Verräterpartei am deutschen Volk austreten müssen, aber dieser  Konterrevolutionär war insgesamt 71 Jahre, bis zu seinem Tod, Mitglied der Partei, die die Spaltung Deutschlands zu verantworten hat. Gerhard Schiller hat in seinem Aufsatz ‚Gedanken über und um Kohl‘ betont, dass die Wiedervereinigung Kohl nur zugefallen sei (Vergleiche Gerhard Schiller, Gedanken über und um Kohl, in: offensiv, Nummer 4 / 2017,25).  Das ist richtig, deshalb gilt: Josef Stalin – ein Freund des deutschen Volkes / Helmut Kohl – ein Feind des deutschen Volkes.

Können wir denn überhaupt von einer deutschen Einheit sprechen, wenn zur Einheit einer Nation auch die territoriale Souveränität gehört ? Noch immer gibt es auf dem Territorium des deutschen Volkes imperialistische Militärbasen, auf denen jeden Morgen ausländische Fahnen hochgezogen werden. Die bürgerliche Kompradorenregierung steht aus Angst vor einer Volksbewaffnung unter proletarischer Führung vor allem unter dem us-amerikanischen Militärstiefel, den sie  begierig leckt. Sie macht sich vor aufgeklärten und fortschrittlichen Menschen lächerlich, wenn sie das Wort von der deutschen Einheit in dem Mund nimmt.

Die Bourgeoisie hat zwar stets die grossen Wörter ‚Einheit des Volkes‘ und ‚Einheit der Nation‘ in den Mund genommen, aber schon während der französischen Revolution verbot die französische Bourgeoisie der Arbeiterklasse Frankreichs durch ein Dekret vom 14. Juni 1791, sich zu vereinigen, spaltete also das Volk. Selbst die Jakobiner, die das Land ein Jahr lang, vom Juni 1793 bis Juni 1794, regierten, ließen dieses Dekret unangetastet und traten die Rechte der Mehrheit des französischen Volkes mit Füßen. (Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,769f.). Die französische Revolution von 1789 wird von interessierten Kreisen gern als eine große Revolution verbreitet, aber wir müssen bedenken, dass es in ihr gerade nicht zur Zerschlagung des Staatsapparates der absoluten Monarchie gekommen war, sondern zu seiner Weiterentwicklung und Vollendung durch Napoleon. Die Dialektik der Geschichte des klassischen bürgerlichen Staatsapparates verlief gerade so, dass die Bourgeoisie das Instrument, das zur halbherzigen Befreiung vom Feudalismus diente, umschlug in einen Repressionsapparat des Kapitals gegen die Arbeit. Die Herrschaft der Bourgeoisie bedeutet Volksausplünderung, die schon der bürgerliche Aufklärer, der nicht gerade arme Voltaire als die wahre Staatskunst des Bourgeois denunzierte. Die Kunst der Politik bestand für Voltaire darin, das Geld aus der Tasche von Leuten einer Klasse in die Taschen von Leuten einer anderen Klasse zu bewegen. Das fand auch unter Helmut Kohl in unverschämter Weise statt. Marx hatte schon 1844 im ‚Elend der Philosophie‘ die wechselseitige Bedingtheit von Reichtum und Armut als Fundamentalkonstellation der bürgerlichen Gesellschaft herausgearbeitet. Deshalb  können nur  proletarische Revolutionäre die großen Einiger der Völker sein, die nach Einheit, Frieden und Beseitigung von Klassenunterschieden streben.

Nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 kam es in der Generallinie zur Verwässerung, ja zur Fälschung dialektischen Denkens, was zur Folge hatte, dass die Revisionisten auf den revolutionären Klassenkampf verzichteten und den nationalrevolutionären Gedanken von der Einheit der Nation preisgaben. In Berlin wurde 1961 eine Mauer errichtet, im gleichen Jahr, als man in Moskau Stalin, der der  Garant der deutschen Einheit gewesen war, aus dem Lenin-Mausoleum entfernte. Ich erinnere mich noch an einen Vortrag des DDR-Chefphilosophen Manfred Buhr im Jahr 1982 im Leibniz-Saal der niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover. In der dem Vortrag folgenden Diskussion belog er dreist die Anwesenden mit der Aussage, dass für Lenin die Einheit der Gegensätze absolut, der Kampf der Gegensätze nur relativ sei. Genau umgekehrt verhält es sich. Aber diese Vertauschung war notwendig, um die friedliche Koexistenz zu rechtfertigen. Es gibt keine Dialektik der Welt, die die Errichtung des Reiterdenkmals Friedrichs des sogenannten Großen vor der Humboldt-Universität mit Blick auf das damals abgeriegelte Brandenburger Tor zusammenbringen kann mit dem von Chrutschow und seinen DDR-Ablegern proklamierten Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus, insbesondere, wenn man sich vor Augen hält, was Marx und Engels über das reaktionäre Preußentum geschrieben haben. Es stehen einem nicht nur die Haare zu Berge, sie fallen aus.

Dem deutschen Volk steht also der große Befreiungskrieg noch bevor, in dem die ausländischen NATO-Militärbasen durch die Wucht eines Volkskrieges zermalmt werden. Natürlich haben proletarische Revolutionäre ihren Schwerpunkt auf den Verfolg der Dialektik von Lohnarbeit und Kapital zu  setzen, um den geeigneten Augenblick zu erfassen, in dem diese unter der Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates gesprengt werden kann. Für die Vorbereitung der großen Volkserhebung gegen den Imperialismus sind die militärtehoretischen Schriften von Engels, Lenin, Stalin, Mao und Giap kein Schnee von gestern. Stalin wies uns nach dem zweiten Weltkrieg darauf hin, dass man heute nicht mehr bei Clausewitz in die Schule gehen könne. Was noch, allerdings sehr bedingt, von Interesse ist, das sind die Schriften von Gneisenau und Scharnhorst zur Kleinkriegführung. Ein großer Befreiungskrieg schließt eine Guerillakriegführung unbedingt ein. Es versteht sich von selbst, dass das höhere Offizierskorps der Bundeswehr, das durch Belecken imperialistischer Militärstiefel schon ganz wunde Zungen bekommen hat, weder für den großen noch für den kleinen Verwendung finden kann, ohnehin wird man es in den Kasernen  der Imperialisten wiederfinden.

Anmerkungen zur ‚Schizophrenie in der Bundestagswahl 2017‘

6. August 2017

Alle bisher in der Geschichte der Religion und Philosophie vorgebrachten Beweise für das Dasein Gottes sind für Marx ebensosehr  Beweise für sein Nichtdasein, also für den Atheismus. Die Beweise widerlegen sich selbst, sie müssten, und hier belegt bereits der junge Marx in seinen Anmerkungen zur Doktordissertation aus dem Jahr 1841 seine in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht tiefe Einsicht in den Zusammenhang zwischen einer verkehrten Welt, einer verkehrt eingerichteten Welt und einer religiösen Verkehrung, (sprich: Perversion), umgekehrt lauten. Die Religion ist der himmlische Widerschein, Reflex einer verkehrten Welt, keine Erfindung von Priestern. Vielmehr gilt es, von der Erde, von der Natur ausgehend, den Zusammenhang aufzuzeigen zwischen einer unvernünftigen Welt und unvernünftigen Religionen. Den weltlichen Perversionen entspricht die religiöse Perversion. „Weil eine unvernünftige Welt ist, ist Gott“ (Karl Marx, Anmerkungen zur Doktordissertation, Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,373). Die Existenz der Religion verweist auf eine gedoppelte Perversion. Das Verkehrte ergänzt sich verkehrt. Die Religion ist Ausdruck des Perversen schlechthin, der verkehrten Welt des Geldes, auch Ausdruck einer perversen Weltverdopplung.   Die perverse Religion ist zugleich auch Ausdruck und Protestation gegen eine perverse Welt. Alle philosophisch-theologischen Beweise  eines überirdischen Wesens enthalten den Verweis auf den wechselseitigen Verweis einer perversen Verdopplung in zwei Reiche. Bernard Delfgaauw hat in seinem kleinen Buch über den jungen Marx das Wort ‚Entdoppelung‘ ins Spiel gebracht, programmatisch ginge es dem jungen Marx um eine ‚Entdoppelung der Wirklichkeit‘. (Vergleiche Bernard Delfgaauw, Der junge Marx,Manz Verlag München, 1962,37). Nach seinem ersten Semester schreibt der Student Marx in einem Brief vom 10. November 1837 aus Berlin  an seinen Vater: „Hatten die Götter früher über der Erde gewohnt, so waren sie jetzt das Zentrum derselben“ (Karl Marx, Brief an den Vater vom 10. November 1837, in Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960, 8).  Ganz offensichtlich ein Zwischenstadium, es galt nun die Götter im Zentrum der Erde zu vernichten.

So können zum Beispiel sich auf ein religiöses Fundament beziehende politische Parteien gar kein Interesse an einer sozial befriedeten Gesellschaft Gleicher, an einer Demokratie, haben, sie müssen die in Klassen gespaltene Gesellschaft aufrecht erhalten, denn die Qual der Ausgebeuteten ist zugleich ihr Lebenselexier. Die Aufrechterhaltung der Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche koppelt die Armen auf der Suche nach einem Ausweg aus der sozialen Misere immer auch schafsköpfig an eine jenseitige Lösung. Die ausgebeuteten Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter dürfen nicht mit der Wissenschaft ihrer Befreiung in Berührung kommen, die mit der Kritik der Religion anhebt, denn „die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“ (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,378). Der Kommunismus beginnt sogleich mit dem Atheismus. Die sich in einer Sackgasse befindliche niedergedrückte Kreatur kann als niedergedrückte nicht anders als hoffen, dereinst zu einem selbstbewusstem Wesen, gegebenenfalls im Jenseits, erlöst zu werden, das heißt im Himmel ein Leben zu führen, wie ein Reicher es ihm hier bereits auf Erden vorgelebt hat. Das Bildungssystem der spätkapitalistischen Gesellschaft hält zu diesem das Lebensglück vertagenden Versäumnis an. Religiös bedingte Barmherzigkeit wird hier und da gewährt, ein ordentliches, warmes Essen einmal im Jahr am sogenannten Heiligen Abend, ein Wintermantel gegen die Eiseskälte,Winterwagen, Tafeln, Suppenküchen, Klosterspeisung,  Marx und Engels sprechen im ‚Kommunistischen Manifest‘ vom pfäffischen Sozialismus, aber in ihrem politisch-sozialen Kern schützen die das Volk mit der Religion verdummenden Politiker  die Reichen und Mächtigen und sind hart und grausam gegen die Kleinen und Schwachen. Immer wieder muss die spätkapitalistische Gesellschaft ihre Maske der Humanität fallen lassen, damit ihre terroristische Visage zum Vorschein komme. Diese Politiker sind falsche Menschen, Heuchler durch und durch. Marx gibt uns diesbezüglich in seinen Anmerkungen zur Doktordissertation einen bemerkenswerten Hinweis zum Verhältnis von fortschrittlichen gesellschaftlichen Kräften (die aus Linkshegelianern bestehende liberale Partei) und reaktionären (die religiös-dogmatische Partei der Rechtshegelianer). „Die erste aber ist sich … des Prinzips im allgemeinen bewußt und ihres Zweckes. In der zweiten erscheint die Verkehrtheit, sozusagen die Verrücktheit, als solche. (Karl Marx, Anmerkungen zur Doktordissertation, Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,331). Die Heuchler spiegeln ihre Seele in der Reinheit des himmlischen Lichtes, während sie ihre Exkremente auf die von den Kapitalisten ausgebeuteten Völker fallen lassen. Denn ihr Reich ist ja nicht von dieser Welt. Auch wenn es verrückt ist, so ist es  in bürgerlichen Wahlsystemen gang und gäbe, Parteien zur Wahl zuzulassen, die im Kern auf einem anderen Planeten im Jenseits wohnen. Eine dem gesellschaftlichen Fortschritt dienende Demokratie beginnt mit dem Verbot von sich auf  religiöse Fundamente beziehenden „politischen“Parteien.

Wie man Marx und Engels nicht interpretieren sollte

21. Juli 2017

„Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen“. (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,391). Proletariat und Philosophie sind aufeinander angewiesen, um sich wechselseitig aufzuheben. War für den jungen Marx Anfang 1844 noch die Philosophie die Schlüsselwissenschaft, so wird das in Kürze für ihn die politische Ökonomie werden, in ihr liegt für ihn die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Verbindung von Gedankenblitz und Naivität kann leicht dazu führen, das deutsche Volk als ein geniales zu deuten, denn dem Genialischen hängt immer auch ein Quäntchen Naivität, ein ‚Michel‘ an. Das Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED hatte im Vorwort zur deutschen Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels geschrieben, dass beide in allen Etappen ihres kämpferischen Lebens sich besonders Deutschland und der deutschen Arbeiterbewegung verbunden gefühlt hätten. „Wahrhaft patriotisches Denken und Handeln erfüllte das Leben dieser größten deutschen Wissenschaftler und Revolutionäre. (Vergleiche Vorwort zur deutschen Ausgabe vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,XV). Man beachte, dass das 1957 geschrieben worden ist, zwölf Jahre, nachdem das deutsche Spießbürgertum Deutschland über alles, über alles auf der Welt gestellt hatte und ein Jahr nach dem XX. Parteitag. Das im Vorwort Stehende ist sachlich falsch. Abgesehen davon, dass es niemals im Interesse einer internationalen Emanzipationsbewegung stehen kann, ein Land, ein Volk besonders hervorzuheben,  Engels betont dies in seiner Einleitung zum ‚Deutschen Bauernkrieg‘, so waren für den jungen Marx Anfang 1844 die Deutschen, und zwar alle, nicht nur bestimmte Klassen, noch keine Menschen. Das ist aber kein wahrhaft patriotisches Denken. Marx und Engels gossen ihren proletarischen Klassenhass gleich tonnenweise auf das deutsche Spießbürgertum und man braucht seine Nase nicht wirklich tief in die Werke von Marx und Engels gesteckt zu haben, um zu bemerken, dass sie drei sogenannte historische Persönlichkeiten des deutschen Volkes besonders hassten: Luther, Friedrich der sogenannte Große und Bismarck. Alle drei wurden aber in der DDR nach und nach aufgewertet, und eines Tages  prangte das Reiterstandbild von Friedrich wieder vor der Humboldt-Universität. Besser hätten es die ‚deutschen wahren Sozialisten‘ auch nicht machen können. Die Frage ist berechtigt, worin in diesem Akt die Weiterentwicklung des Sozialismus zum Kommunismus bestehen sollte ? Bei Büchner war es Ausdruck eines Geschichtsfatalismus, dass sein Revolutionsdrama ‚Dantons Tod‘ mit dem Ausruf endete: ‚Es lebe der König !‘ Friedrich kommt bei Marx und Engels ganz schlecht weg, Engels bezeichnet ihn als Teiler Deutschlands im Bunde mit dem Ausland, kurz: Als Volksfeind ! „Je vais, je crois, jouer votre jeu; si les as me viennent, nous partageront“: (Ich glaube, ich werde euer Spiel spielen, bekomme ich die Asse, so teilen wir) – das waren Friedrichs Abschiedsworte an den französischen Gesandten (Beaurau), als er in seinen ersten Krieg zog“. (Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,418f.) Selbst wenn man sich mit der sehr fragwürdigen Auffassung von Alexis de Tocqueville anfreundet, dass Friedrich als Vorläufer der französischen Revolution zu betrachten sei, ja bereits als deren „Agent“, so bleibt die Frage,  ob das bereits hinreichend ist, ihn in einer Hauptstadt einer Arbeiter- und Bauernrepublik zu huldigen. (Vergleiche Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, rororo Klassiker, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1969,15). 

Im gleichen Vorwort wird der Gedanke vorgetragen, dass der Marxismus-Leninismus die tiefste Sehnsucht des deutschen Volkes „nach einem glücklichen Leben in einem einheitlichen, friedliebenden und demokratischen Deutschland, in dem die Werktätigen die Macht in den Händen halten“ (a.a.O.,XVIII), verkörpert. Wenn die Werktätigen die Macht in Händen halten, dann beginnt aber nach Engels die Demokratie einzuschlafen und nach Lenin abzusterben, was letztendlich auf das Gleiche hinauskommt. Dass der Kerngehalt der sozialistischen Demokratie ihre Selbstaufhebung beinhaltet, daran scheiterten die Revisionisten und Opportunisten, Lenin gibt uns in seinem ‚Staat und Revolution‘ eine Reihe von Beispielen. Dort kann man auch nachlesen, dass Demokratie und Staat noch immer aufeinander verweisen, folglich  hatten der Opportunismus und Revisionismus auch gegenüber dem Anarchismus, der in der Frage des Zieles mit dem Marxismus übereinstimmt, eine schiefe Position bezogen. „Man könnte wetten, daß von 10 000 Menschen, die vom „Absterben des Staates“ gelesen oder gehört haben, 9 990 überhaupt nicht wissen, oder sich nicht entsinnen, daß Engels seine Schlußfolgerungen aus diesem Satz nicht nur gegen die Anarchisten richtete. Und von den übrigen zehn Menschen  wissen neun sicherlich nicht, was der ‚freie Volksstaat‘ ist und warum in dem Angriff auf diese Losung ein Angriff auf die Opportunisten steckt. So wird Geschichte geschrieben ! So wird die große revolutionäre Lehre unmerklich dem herrschenden Spießbürgertum angepaßt“. Als Chrutschow 1956 den Marxismus-Leninismus mit den Losungen vom ‚freien Volksstaat‘ und  von der ‚Partei des ganzen Volkes‘ förmlich entmannte, wäre es da nicht Pflicht der Marxisten-Leninsten in der SED gewesen, diese Losungen anzugreifen ?

 

Liu Xiaobo – Zum Tode eines edlen Menschen

16. Juli 2017

Am 14. Juli 2017, am 228. Jahrestag des Sturms auf die Bastille, flossen in den bürgerlichen Massenmedien breite Krokodilstränen. In der fernen chinesichen Stadt Shenyang war am Vortag im Alter von 61 Jahren der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo an einem Krebsleiden gestorben, den die bürgerliche Journaille stets als edlen Menschen hervorgehoben hatte. Schauen wir uns diesen edlen Menschen einmal näher an. Als Maßstab der Beurteilung können wir nur die Frage zulassen, ob sein ganzer Lebenswandel den Idealen der Revolution entsprach oder nicht ? Positiv sieht ihn Angela Merkel, sie würdigte ihn als „mutigen Kämpfer für Bürgerrechte“, die ‚Süddeutsche Zeitung sprach von „Chinas großem Menschenrechtler“.  Ich werde zu einer entgegengesetzten Beurteilung kommen.

Liu wurde am 28. Dezember 1955 als Sohn eines Professors für chinesische Sprache geboren und zeigte schon in der Schule schöne Neigungen zu den schönen Künsten. Er studierte Literaturwissenschaften, auch in den USA, als sich im Frühjahr 1989 in Peking auf dem ‚Platz des Himmlischen Friedens‘ Studentendemonstrationen in Gang setzten.  Liu stieg in den USA ins nächste Flugzeug nach Peking, um nichts zu verpassen. Diese Studentenunruhen sind natürlich nicht vom Himmel gefallen. Nach der Großen Proletarischen Kulturrevolution verfiel die Kommunistische Partei Chinas in schwere revisionistische Fehler, indem sie auf der Linie Tengs korrupten und geldbesessenen Karrieristen den Druck wegnahm, damit diese sich bereichern konnten. Unter diesen mischte Liu als Theoretiker, denen Krümel abgegeben wurden, kräftig mit. Das ging soweit, dass er 2008 mit einigen Spießgesellen (eine Schickeria aus Künstlern, Schriftstellern, Publizisten und Anwälten) eine ‚Charta O8‘ veröffentlichte, in der ein Mehrparteiensystem und Privatisierungen gefordert wurde.

Das war natürlich ein Angriff auf den Marxismus-Leninismus, konterrevolutionäre Forderungen, denn im bunten Spektrum der Parteien können kapitalistische Parasiten gut gedeihen. Hierzulande kommt man sich mächtig fortschrittlich vor, wenn man die Parole ‚Bunt statt braun‘ auftsellt, man übersieht aber all zu leicht, dass kapitalistische Parasiten heute so geschickt sind, außer rot jede beliebige Farbe anzunehmen, auch eine LINKS-rosarote, um die rote besser bekämpfen zu können. Beim Lesen der Charta O8, die sich stark an die tschechische ‚Charta 77‘ unter Federführung von Václav Havel anlehnte, atmet man Modergeruch, denn die ‚belebende Seele der Dialektik von Revolution und Konterrevolution‘ ist in ihr nicht vorhanden. Liu nannte Havel seinen „spirituellen Vater“, über Mao aber sagte er, dieser sei  ein Teufel in Menschengestalt  – eine Ehre übrigens, denn schon der Bauernfeind Martin Luther, der im deutschen Bauernkrieg zum Massenmord am deutschen Volk aufgerufen hatte,  nannte Thomas Müntzer den „Teufel von Allstedt“.  Es passt zu dem Nietzscheaner Liu auch die folgende Äußerung über Mao: Keiner habe die Chinesen so verstanden, wie Mao, „daher sei zuvor niemand in der Lage gewesen, das Volk so zu verdummen wie er“ (Jens Christoph Damm, Liu Xiaobo Ein moderner Ikonoklast in der Tradition des vierten Mai, Magisterarbeit im Fachbereich Sinologie, Universität Trier, Seite 23, siehe: google: damm ikonoklast liu xiaobo. (Ein Ikonoklast zerstört die Bilder der eigenen Religion). Auch Rosa Luxemburg begriff zu Beginn der russischen Oktoberrevolution die Dialektik von Revolution und Konterrevolution nicht sofort und forderte (wie die Chartisten von 2008) gegen die Leninisten eine Presse- und Versammlungsfreiheit für Russland. Später korrigierte sie diese Fehler und setzte durch, dass der im Frauengefängnis Breslau geschriebene Text mit starken anti-bolschewistischen Untertönen zu ihren Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde.

Liu wurde wegen der Charta zu elf Jahren Haft verurteilt. In einer für seinen Gerichtsprozess vorbereiteten Rede hatte er den Satz hineingeschrieben, dass er in einem Land leben möchte, wo alle (!) politischen Ansichten unter der Sonne ausgebreitet werden dürfen. Das kommt davon, wenn man sich der Belletristik zuwendet, ohne dass die Kardinalbücher des Marxismus-Lenismus daneben  liegen und wenn man ohne die Dialektik politisch-historischer Prozesse im Kopf zu haben durch die Gegend geistert. Vor allem aber meinte er die Gedanken Friedrich Nietzsches, den manche Rechte  für einen Philosophen halten. Liu trat vor Gericht als Ökonom des Reformismus auf. „Schritt für Schritt, friedlich, geregelt, kontrollierbar und Interaktion zwischen Von-unten-nach-oben und Von-oben-nach-unten sind für mich die Schlüsselbegriffe für politische Reformen in China, denn auf diese Weise erzielt man mit den geringsten Kosten den größten Effekt“ (Mark Siemons, Der große Einsame, Aus dem intellektuellen Rauhbein wurde ein Kämpfer für ein demokratisches, nichtzynisches China: Zum Tod des Nobelpreisträgers Liu Xiaobo, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Juli 2017, Seite 11). Das ist ein Musterbeispiel für Anti-Dialektik. Der Dialektik ist das Blitzartige immanent, Lenins Aprilthesen waren Gedankenblitze, die der junge Marx Anfang 1844 für den naiven Volksboden Deutschlands vergebens herbeigesehnt hatte.

Ich habe eben aus einem Nachruf der FAZ zitiert, in dem klipp und klar die Sätze zu lesen sind: „Sein Vorbild war Nietzsche, dessen Mut zum Selberleben im Angesicht unausweichlicher Tragödien er seinen Studenten anempfahl. Die üblichen politischen Streitthemen langweilten ihn dagegen. ‚Wer sich auf einen trivialen Kampf einlässt, wird selbst trivial‘, schrieb er 1983“. Eben eben, die schönen Künste, neben denen der Klassenkampf natürlich trivial ist. Und weiter: „Rationalität und Ordnung , Ruhe und Ausgeglichenheit müssen die Regeln unseres Kampfes für Demokratie sein“ (a.a.O.). Hier kommt nun schon einiges zusammen: Ein Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse stellt am Tag der Bastille kritiklos Nietzsche als Vorbild hin ! Ganz offensichtlich spekuliert man hier auf die Unwissenheit der Leser. Nehmen wir zur Kenntnis, wie der grundlegende Theoretiker der bürgerlichen Demokratie den Kampf und Einsatz für sie gestaltet wissen wollte: „In dieser Verfassung muß der Bürger … jeden Tag im Grunde seines Herzens wiederholen, was ein tugendhafter Woiwode im polnischen Landtag gesagt hat: Malo periculosam libertatem quam quietum servitium“. (Ich ziehe eine gefährdete Freiheit einer ruhigen Knechtschaft vor)“ (Jean Jacques Rousseau, Von der Demokratie, in: Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 1968,72). Hier haben wir einen wirklich ‚mutigen Kämpfer für Bürgerrechte‘ vor uns.

Nietzsches Mut zum Selberleben endete kläglich. Als habe Karl Marx Anfang der 40er Jahre diesen Typ vorausgesehen, als er von „Exkrementenphilosophen“ sprach. (Vergleiche Karl Marx, Anmerkungen zur Doktordissertation, Marx Engels Werke, Ergänzungsband Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin,1974,331). Die letzten neun Jahre seines Lebens vermelden die Krankenakten der Psychatrie, dass Nietzsche weder Stuhl noch Urin an sich halten konnte. „Schmiert oft mit Kot“, „Ißt Kot“ (Vergleiche Wilhelm Lange-Eichbaum, Nietzsche als psychiatrisches Problem, Hamburg, 1945,4).  Was für ein edler Mensch. Der Arzt Möbius warnte die Leser Nietzsches: ‚Seid mißtrauisch, denn dieser Mann ist ein Gehirnkranker‘. Wir sehen an dieser Stelle, wo die Bourgeoisie, die 1789 vorgab, durch eine Revolution alle Menschen zu Brüdern zu fügen, gelandet ist. Wie sieht er aus, Nietzsches Kampf für Demokratie ? Der deutsche Philosophieprofessor Karl Löwith bezeichnete Nietzsche als ‚umgekehrten Rousseau‘. (Vergleiche Karl Löwith, Von Hegel zu Nietzsche, Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1964,281). In der Tat: Hatte Rousseau die Herrschaftssysteme seiner Zeit  kritisiert, da in ihnen die Regierten Tiere und die Regierenden Menschen oder die Regierten Menschen und die Regierenden Götter seien, so kehrt Nietzsche das um, er bejaht diesen von Rousseau verachteten Zustand: Die Demokratie wird die Menschen zu Herdentieren verkleinern, damit die Herrenmenschen erscheinen. Diese Herrenmenschen werden den Herdenmenschen der Demokratie ein Ziel ihres Daseins geben. Mit den Herdentieren entstehen die Führertiere, die ersteren bilden die leicht dressierbare große Masse der Mittelmäßigkeit, die letzteren die Ausnahmen. Die Demokratie erzeugt eine gefügige Masse in der Hand der ‚großen Politik‘. So hätte es Angela Merkel auf dem G-20-Gipfel in Hamburg wohl gern gehabt. Nietzsche forderte, dass die neuen Herren der Erde den ungläubig gewordenen Massen Gott ersetzen sollen. Die Arbeitermassen werden unter der Führung der Herrenmenschen soldatisch diszipliniert und ausführen, was man ihnen befiehlt (Vergleiche a.a.O.,282f.). Wer wirft denn da mit Molotowcocktails ? Endlich, am Jahrestag des Sturms auf die Bastille ist es geschafft, die bürgerliche Revolution ist mit Liu und Nietzsche endlich auch noch abgewürgt. Es gelte, hatte Liu nach seiner Haftentlassung geschrieben, die in der kommunistischen Kultur tief verankerte ‚Obsession mit der Revolution‘ loszuwerden (Vergleiche FAZ, a.a.O.). Allerdings famose ‚mutige Kämpfer für Bürgerrechte‘, die da Merkel, Tillerson, Trump und das norwegische Nobelkomitee ausgesucht haben.

Natürlich ging und geht es den Imperialisten nicht um Liu. Mit der Marionette Liu hatten die Imperialisten versucht, an die von der chinesischen Arbeiterklasse geschaffenen Reichtümer heranzukommen. Das steckt hinter dem mutigen Kampf für Demokratie, den die US-Marionette Merkel der Marionatte Liu attestiert. Marionetten können Marionetten nicht als Marionetten erkennen, in der Politik sind die Menschen immer Opfer von Betrug und Selbstbetrug. (Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,8). Liu war eine Edelmarionette, die 2010 ganz bewusst vom Nobelpreiskomittee in Oslo unter Vorsitz des Sozialdemokraten Jagland den Friedensnobelpreis zugedacht bekommen hatte. Es war der erste Nobelpreis  für  einen  Chinesen. Weltweit täuschten damals die sich in den Händen der Kapitalisten befindlichen Massenmedien die Öffentlichkeit: der Friedensengel wurde für 1,3 Milliarden Chinesen und für den Rest der Welt als Vorbild für gewaltfreies demokratisches Verhalten dargestellt, die Peitsche Nietzsches war nicht zu sehen. Übersehen wurde auch, dass derjenige, der sich für Demokratie einsetzt, sich auch für Gewalt einsetzt. Denn „Demokratie ist eine Staatsform, einer der Spielarten des Staates“ (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1960,486). Landläufig wird Demokratie so erklärt, dass sich in ihr die Minderheit der Mehrheit zu beugen hätte. „Demokratie ist NICHT (kursiv von Lenin) identisch mit Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit. Demokratie ist ein die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit anerkennender STAAT (kursiv von Lenin), d.h. eine Organisation zur systematischen GEWALTANWENDUNG (kursiv von Lenin) einer Klasse gegen die andere, eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen“ (a.a.O., 469). Der Friedensnobelpreis wurde also einem Sträfling zugesprochen, der sich für die systematische Gewaltanwendung eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen ausgesprochen hatte. Das Nobelpreiskomittee hat noch nie geprüft, ob es sich um eine Unterdrückerdemokratie der reichen Minderheit gegen die Volksmassen oder um eine Demokratie in Gestalt der Diktatur des Proletariats gegen reiche Volksfeinde handelt, deren Beschneidung ihrer demokratischen Rechte durchaus zulässig ist.


 


Der junge Marx 1843/44 und Frau Sahra Wagenknecht 2017

16. Juli 2017

Karl Marx hat seinen schwierigsten Text im Sommer 1843 geschrieben, als 25jähriger. In diesem Zeitraum nahm er in Kreuznach und dann in Paris eine  von Arnold Ruge initiierte sehr gründliche Auseinandersetzung mit Hegels Staatstheorie vor, die „Kritik des Hegelschen Staatsrechts“, auch betitelt: „Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ (Karl Marx, Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960, 203ff.). In seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Hegelschen Rechtsphilosophie ist er zu der Erkenntnis gekommen, dass jeder Philosoph in der bürgerlichen Gesellschaft, der unterstellt, dass Menschen ohne Staat nicht lebensfähig seien und dementsprechend eine ideale Staatsform konstruiert, an immanenten Widersprüchen der  bürgerlichen Gesellschaft notwendig scheitern muss und Hegel sowieso, da er als Idealist die Wirklichkeit nicht richtig widerspiegelt. Marx steht in der Kritik des Hegelschen Staatsrechts vor der Tür der Anarchie, die aber noch geschlossen bleibt. Sie öffnet sich einen Spalt einige Wochen später: „Erst wenn der wirklich individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine ‚forces propres‘ als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht“. (Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960, 370). Hier zeichnen sich erste Umrisse eines Subbotniks ab: kollektives Arbeiten mit Gattungsbewusstsein, zudem unentgeldlich. In der ‚Judenfrage‘ heißt es, dass das Geld ein dem Menschen fremdes Wesen ist, das er anbetet. Marx braucht nun die Tür nur noch aufzustoßen und er tut dies knapp ein halbes Jahr später, am 7. August 1844: „Die Existenz des Staats und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennlich“. (Karl Marx,  Kritische Randglossen zu dem Artikel ‚Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen‘, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,401f.). Unter dem Pseudonym ‚Ein Preuße‘ verbirgt sich der bereits oben genannte idealistische Linkshegelianer Arnold Ruge. 

Frau Sahra Wagenknecht hat ihre Magisterarbeit über den jungen Marx und seine Hegelkritik geschrieben. Hegel zeichnete sich ja im negativen Sinn dadurch aus, dass er seinen preußisch-monarchistischen Staat seiner Zeit, unter dem er selbst lebte, zum  Musterstaat schlechthin verfälschte. Marx sparte nicht mit drastischen Worten: „Hier wird … der ‚obrigkeitliche‘ Sinn Hegels wirklich ekelhaft. (Karl Marx, Kritik des Hegelschen Staatsrechts, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,330). Die von Marx schriftlich fixierte Erkenntnis, dass die Existenz des Staates und die Existenz der Sklaverei unzertrennlich sind, kann Frau Sahra Wagenknecht bei ihren Studien zur Magisterarbeit nicht entgangen sein. Es fragt sich nur, ob sie diese Erkenntnis in ihrem klugen Köpfchen überhaupt durchdacht hat, wenn als Fazit eines Interviews mit ihr zu lesen ist, dass sich DIE LINKE für ein  gerechtes Steuersystem einsetze (Vergleiche clara, Das Magazin der Fraktion DIE LINKE im Bundestag, Nr. 44, 2017, S. 8). Eine gerechte Steuer ist ein ähnlicher Unsinn wie ein gerechter Lohn.

Jeder Staat kann nur auf einer Überschussproduktion, in der die Sklaven das tätige Element sind,  basieren, auf einem Überschuss, den sich eine unproduktive, parasitäre Schicht von sogenannten staatlichen Funktionsträgern aneignet. Die periodisch wiederkehrenden Diätenerhöhungen der Parlamentarier der Landesparlamente und des Bundestages übersteigen in der Regel stets die gesamte Durchschnittsrente einer Arbeiterin. Es kann in der bürgerlichen Gesellschaft kein gerechtes Steuersystem geben, denn jedes Steuersystem zementiert die der bürgerlichen Gesellschaft immanent einsitzende Sklaverei, hier und heute spezifisch die Lohnsklaverei.  Das Sklaventum der bürgerlichen Gesellschaft ist das Naturfundament, worauf der moderne Staat basiert. (Vergleiche Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel ‚Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen, MEGA I,2, Dietz Verlag Berlin, 1982, 456).

In der Antike war die Sklaverei allerdings ein Fortschritt, sie erst machte die Arbeitsteilung zwischen Ackerbau und Industrie auf größerem Maßstab möglich, auf der die Blüte Griechenlands unter dem „Demokraten“ Perikles beruhte, eine Staatssklaverei aber 2017, hundert Jahre nach der Oktoberrevolution, als Ergebnis ‚linker Politik‘ im BRD-Sklavenstaat auszugeben, das ist allerdings starker Tobak. Hier wird Frau Sahra Wagenknecht wirklich ekelhaft. Die deutsche Klassenkampfgeschichte hat die eigenartige Wendung genommen, das heute gerade die Partei ‚Die LINKE‘ das Sklaventum der bürgerlichen Gesellschaft gegen das deutsche Volk verteidigt und den Fortschritt des Kampfes hemmt.

Die Hegelsche Aufhebung des Widerspruchs zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen im bzw. durch den Staat  ist unzulänglich, diese Aufhebung hebt nicht wirklich auf, man muss darüber hinauskommen, und das geschieht dadurch, dass Marx eine Klasse in der bürgerlichen Gesellschaft eruiert, die ihr nicht zugehört und die Hegel als Pöbel ohne staatsbildende Kraft und ohne politische Substanz abtat, der im praktischen Sinne von der bürgerlichen Gesellschaft aus auch nicht geholfen werden kann, wohl aber im theoretischen durch Bourgeoisideologen, „welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,472),  die eine Klasse ausbilden, die dann durch ihre parteipolitisch gesteuerte Selbstbefreiungsbewegung gegen das Privateigentum an den Produktionsmitteln das weltgeschichtliche Werk der Aufhebung aktiv-aktionistisch betreibt. Ein Teil der Bourgeoisideologen geht zum Proletariat über und richtet es despotisch-destruktiv auf das Privateigentum an den Produktionsmitteln aus, lehrt es, diesen Punkt besonders wie einen Augapfel zu hüten. Die Konterrevolution setzt alles daran, dass dieser Blick getrübt wird, zum Beispiel durch eine Lehre von der proletarischen Denkweise. Im Gegensatz zu Hegel, für den der Pöbel nicht wusste, was er wollte, vermitteln die Marxisten dem Proletariat den wissenschaftlichen Sozialismus, damit die Arbeiterinnen und Arbeiter ihren Klassenkampf auf wissenschaftlicher Grundlage führen können, mit einem klaren Feindbild, mit einem gesunden Klassenhass und mit einer ständigen fanatischen Gewalt- und Vernichtungsbereitschaft dem bürgerlichen Staat gegenüber. Erst im ‚Elend der Philosophie‘, am Ende dieses Werkes von 1844, wird Marx perspektivisch von einem schrecklichen Bürgerkrieg zwischen Lohnarbeit und Kapital ausgehen. Damit sind auch seine Illusionen von 1843 überwunden, durch demokratische Wahlen allein Klassenwidersprüche aufzuheben, durch Wahlen allein die bürgerliche Gesellschaft aufzulösen. 1917 erfolgte die Auflösung der russischen bürgerlichen Gesellschaft nicht allein durch Wahlen und Mehrheitsverhältnisse, sondern primär durch einen relativ unblutig verlaufenden bewaffneten Aufstand mit sechs Toten. War die Rolle der Bolschewiki in den aus der Februarrevolution geborenen Sowjets noch sehr marginal, so genügten ihnen knapp acht Monate, um sich zeitgemäß zu machen.

Im Zuge der Spaltung der modernen bürgerlichen Gesellschaft in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehenden Klassen, Bourgeoisie und Proletariat, ist es im Überschlag zu einer links-emanzipativen (Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao) und rechts-terroristischen Strömung (Hegel und seine Epigonen) im Bereich der politischen Klassenkämpfe gekommen, die rechte Linie will den Staatsterror forcieren (à la Fussfesseln für Menschen, die dem Sklavenstaat BRD kritisch gegenüberstehen – ein Vorhaben de Maizières); die linke Freiheit und Anarchie, die die marxistische Strömung durch ihr Gegenteil, durch die Diktatur des Proletariats erreichen will. Seit dem Aufstand der Seidenweber 1831 in Lyon stehen sich bis heute proletarische Freiheitskämpfer/innen und Staatsterrorist/innen gegenüber. Babeuf hatte um 1795 im Zuge der bürgerlichen Revolution in Frankreich nur erst eine Verschwörung für einen rohen Gleichheitskommunismus angezettelt, die als solche scheitern musste. Seine Hinrichtung erfolgte Ende Mai 1796. Nicht umsonst hatten Marx und Engels notiert, dass sich das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft nicht erheben, sich nicht aufrichten kann, „ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,473). Dass also auch ein gerechtes Steuersystem in die Luft gesprengt werden muss.  Während sich die rechte Repression in einen faschistischen und liberalen Flügel, der im Imperialismus immer mehr zurückgedrängt wird, spaltete, so die linke in einen revisionistischen und einen revolutionären. Der Imperialismus brachte diese Physiognomien ab 1900 ganz deutlich zum Vorschein. Ganz deutlich ist auch, auf welcher Seite der Barrikade sich Frau Sahra Wagenknecht postiert hat und man kann ihr nur nachrufen, was ein Franzose bei einer projektierten Hundesteuer ausrief: Arme Hunde ! Man will euch wie Menschen behandeln !


 

Zur Lage der Textilarbeiterinnen in Indien und Bangladesch Eine Veranstaltung der verdi

9. Juli 2017

Am 23. Juni 2017 fand im Verdi-Gewerkschaftshaus in Hannover  eine sehr informative Veranstaltung zur Lage der Textilarbeiterinnen in Indien und Bangladesch statt. Die Besucher der Veranstaltung erhielten Informationen aus erster Hand und konnten nach den Vorträgen durch Fragen ihr erworbenes Wissen noch vertiefen. Eingeladen hatte die Gewerkschaft u.a.: Faru Dithhi Bhattacharya, tie Asien Koordinatorin; Frau Prathibha Ramanath, Vorsitzende der Garment and Textile Workers Union in Bangalore; Herr Amirul Haque Amin, Vorsitzender der National Garment Worker Federation aus Bangladesch und Frau Taslima, Betriebsgewerkschafterin aus Bangladesch, Mitglied der NGWF (National Garment Workers Federation) und Näherin. Ihr wurde wegen gewerkschaftlicher Betätigung gekündigt und sie schlägt sich mit Minijobs auf Tagelöhnerbasis und Unterstützung durch die Gewerkschaft mehr schlecht als recht über die Runden.

Frau Ramanath begann die Vortragsreihe mit einer Schilderung der Lage der Textilarbeiterinnen in Indien.  Sowohl in Indien als auch in Bangladash beträgt der Anteil der Frauen in der Textilindustrie 85 %, von denen fast alle als Näherinnen ihrem Brot nachgehen. Ihr monatlicher Verdienst liegt in Indien bei umgerechnet 104 € und es ist nicht möglich, davon ein zufriedenstellendes Leben zu bestreiten, zumal sie ohne Kündigungsschutz ihre Haut zu Markte tragen. Noch schlimmer ist die konkrete Situation am Arbeitsplatz. Die Sicherheitsbestimmungen in den Farbrikhallen werden nicht eingehalten, trotz der erheblichen Zahl der Arbeitsunfälle, die oft ihre Ursache in der Ermüdung haben. Denn acht Stunden reichen nicht aus, die Produktionsvorgaben zu erfüllen und eine enorme Arbeitshetze stresst die Gesundheit der Frauen. Beleidigungen und sexuelle Belästigungen sind an der Tagesordnung. Welchen Wert die Frauen in der indischen Kastengesellschaft haben wird schon allein dadurch deutlich, dass fünfzehn Prozent Männer in der Textilbranche es wagen, Mitarbeiterinnen, die   85 Prozent der Belegschaft stellen, sexuell zu belästigen. Die Frauen in Indien sind die Untersten der Unteren, aber es sind genau die Frauen, zu denen Lenin uns den Weg wies. (Vergleiche Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,117). Lenin wird bestätigt.  2002 fingen die Textilarbeiterinnen in Indien an, sich zu organisieren, 2006 gründeten sie eine Gewerkschaft, die natürlich zunächst als erstes und wichtigstes Interesse die Erhöhung der Löhne in den Vordergrund stellen musste. Seit 2010 finden in Indien Tarifverhandlungen zwischen Textilarbeiterinnen und ihren Blutsaugern statt und das war für Indien etwas völlig Neues, 2014 konnten hier erste Erfolge verzeichnet werden, aber immer ist noch kein Lohn erreicht, von dem man leben kann. Millionen Menschen führen täglich weltweit einen Kampf mit der Not des Lebens, vor dem der Spießer den Blick abwendet und zur Fernbedienung greift.

Über die Lage in Bangladesch berichtete der Vorsitzende der Textilgewerkschaft Herr Amin: In „seinem“ Land gibt es zirka 5. 000 Textilfabriken, in denen 4,2 Millionen Menschen tätig sind. 82 % der hergestellten Textilien gehen in den Export. In der Regel arbeiten die Frauen zwölf bis vierzehn Stunden am Tag, aber nur acht bezahlt. Die Frauen arbeiten achtzehn Tage ununterbrochen und erhalten dann einen freien, bezahlten Tag. Natürlich haben Fabrikdirektoren mit einer solchen ‚humanistischen Ausrichtung‘ keinen einzigen Gedanken an eine Kinderbetreuung in ihren Fabriken verschwendet. „Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dieses fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an“. (Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,375).

Die Kinder werden von den Großeltern in den Dörfern aufgezogen, ihre Mütter leben in den Städten, genauer um ihnen herum in den Slumvierteln, in denen sich acht bis zehn Frauen ein Zimmer teilen. Dort herrschen Zustände, wie sie Friedrich Engels 1844 in Manchester vorfand und wie sie heute in der BRD auf dem dark-market vorliegen. Die Mütter sehen ihre Kinder in der Regel nur einmal im Monat. Ungenügend, nicht mangelhaft, den Schulnoten nach, ist die medizinische Betreuung der Frauen und der Schwangeren insbesondere. Die privaten Geburtszentren in den Städten sind viel zu teuer und so müssen die Frauen zur Niederkunft aufs Land gehen. Immer wieder kommt es vor, dass entkräftete Frauen bei der Geburt sterben.   Im Durchschnitt verdient eine Textilarbeiterin in Bangladash umgerechnet 58 € im Monat. Die Unternehmer treten die Gesetze mit Füßen und haben dabei die Sicherheit, von der Regierung gedeckt zu werden. Bei den sogenannten Arbeitgebern kursieren schwarze Listen über Sklavinnen, die es gewagt hatten, humanistische Gedanken wenn auch nur ansatzweise in die Tat umzusetzen. Bei einer Suche nach einem Arbeitsplatz in Vollzeit sind sie dann chancenlos. Bei sich anbahnenden Unruhen in den Fabrikkomplexen heuern die Fabrikherren Schlägertrupps aus Kleinkriminellen an, wie es in kapitalistischen Ländern üblich ist. Die Blutsauger züchten sich eine faschistische Reservearmee heran zur Unterstützung ihrer Parasitenpolizei und Parasitenarmee.  Humanismus ist insbesondere seit dem Aufkommen des Kapitalismus in der Arbeitswelt ein Fremdwort geworden, weder in Bangladash noch in der BRD sind menschliche Verhältnisse in der Arbeitswelt zu entdecken, man nehme auch die schärfste Lupe in die Hand. Marx und Engels sprachen von einer Fabrikdespotie, die um so kleinlicher, gehässiger, erbitternder ist, „je offener sie den Erwerb als ihren Zweck proklamiert“. (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistsichen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,469). Unbegründete Entlassungen gibt es in Bangladesch oft, auch regelrechte Massenentlassungen. Der Arbeitsprozess wird zu einem Martyrium, das Lenin wie folgt empfand: der Kapitalismus fügt den einfachen arbeitenden Menschen täglich und stündlich tausendmal mehr der entsetzlichsten Leiden und unmenschlichsten Qualen zu als irgendwelche außergewöhnlichen Ereignisse wie Kriege, Erdbeben usw. (Vergleiche Lenin, Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion, in: Lenin, Marx-Engels-Marxismus, Dietz Verlag Berlin, 1959,261).

Immer wieder gibt es schreckliche Brandkatastrophen in den rapide aufgebauten Textilfabriken mit Hunderten von Toten, im April 2013 stürzte in Sabhar, etwa 25 km nordwestlich von Dhaka, ein Hochaus ein, in dem Textikfabriken untergebracht waren. 1135 Menschen starben unter den Trümmern. Der Unfall gilt als der schwerste Fabrikunfall in der Geschichte des Landes. Das Rana Plaza gehört dem Politiker Rana.  Am Vortag, dem 23. April, waren in dem Gebäude Risse festgestellt worden und der Zutritt war von der Baupolizei verboten worden, dennoch waren mehr als 3.000 Menschen im Gebäude, größtenteils Textilarbeiterinnen. Sie waren von den Fabrikdirektoren gezwungen worden, ihre Arbeit trotzdem aufzunehmen. Hier kommt schlagend zum Ausdruck, dass das Prinzip des Kapitalismus die Menschenverachtung ist. Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu, die Verwirklichung der Arbeit hat  die Entwirklichung der Arbeiter und Arbeiterinnen zur Folge. Eine Handvoll Politiker und eine Handvoll  Millionäre zerstören  nicht nur das Lebensglück von Millionen und Abermillionen Menschen, sondern das Leben selbst. Auch in der BRD herrschen noch Zustände wie in Bangladesch, H & M hat drei linken Betriebsräten die Kündigung ins Haus geschickt, worauf die Firma einen Protestbrief der Textilgewerkschaft aus Bangladesch erhielt. Das ist eine ganz wichtige Aktion, denn im Hintergrund der Millionen Kulis und ihres bürokratisch-unproduktiven Abschaums in den sogenannten armen Ländern (diese Länder sind nicht arm, es ist die kapitalistische Ausbeutung, die die Masse des Volkes arm hält) stehen die Textilmillionäre in den G-20 Ländern, diese streichen den Hauptmehrwert ein und sind auch verantwortlich für die Hölle auf Erden in den sogenannten Entwicklungsländern. In der Tat entwickeln sich diese Ländern, aber anders als die Massenmedien es darstellen, die Hölle wird für die dort lebenden Völker immer heißer. Anders kann es auch gar nicht sein, denn Lohnarbeit und Kapital sind verdammt, sich mehr und mehr zu polarisieren. Der Gewerkschaftsführer Amin verbreitete in Hannover noch Illusionen in eine nicht vorhandene Humanität der Ausbeuter, diese müssten doch endlich einsehen, dass ein Profitverzicht, also gerechtere Löhne allen zugute käme. Gerechtere und/oder gerechte Löhne gibt es nicht. Das größte Problem sei die Erreichung einen Lohnes, von dem man leben könne. Wie kann man so ein Entgegenkommen von Ausbeutern erwarten, die den Mutterschutz mit Füßen treten, die ihre Arbeiterinnen so sehr unter Druck setzen, dass ihre Schwangerschaften mit dem Risiko der Sterblichkeit sowohl der Mütter als auch der Kinder verbunden sind, die Überstunden nicht bezahlen, nach fünf Jahren keine Zuschläge auf den Lohn geben, obwohl das Gesetz diese vorschreibt und die die Zahlung von Feiertagsboni verweigern ? Denn die Boni werden woanders gebraucht, in Hamburg, Berlin, Frankfurt, München, kurz – überall dort, wo die kapitalistischen Hauptmagnaten sitzen. Sie werden gebraucht für die Manager von Hennes & Mauritz, Lidl, Adidas, Wal-Mart, Tesco, Primark und Zara … Sie werden gebraucht für die Bestechung der Sozialdemokraten, der Partei der Linken u.s.w. In Sabhar finden 1135 Fabrikarbeiterinnen den Flammentod und in Hamburg beim G-20 Gipfel bieten die kapitalistischen Brandstifter über 20 000 Polizisten auf, die die Luxuslimousinen der kapitalistischen Parasiten vor dem Abfackeln schützen sollen. Das waren in Hamburg keine Polizisten des deutschen Volkes, sondern Polizisten des Kapitals, Polizisten in Knechtsdiensten der kapitalistischen Klasse, deren Knüppel sich gegen Millionen und Abermillionen ausgebeutete Menschen auf der ganzen Welt, gegen die Völker der Welt richten. In Hamburg trafen sich die gleiche Geldgier, die gleichen Sittenstrolche, die gleichen Rüpel, permanent die Menchenrechte mit Füßen tretend wie in Indien und Bangladesch, nur auf einer höheren Stufenleiter, und ließen sich von Hooligans in Uniform vor dem Volkszorn schützen. Besonders widerwärtig auch die Kriecherei vor einem Polit-Stümper aus den USA, die Feigheit vor einem Mann, der ein Schandfleck der ganzen Menschheit ist. Die Arbeiterklasse kann keine Schlägertrupps anheuern und sie hat dies auch gar nicht nötig. Sie muss sich nur bewaffnen gegen ihre Blutsauger und diesen den Polizei- und Armeeknüppel in einem kolossalen Bürgerkrieg aus der Hand schlagen. In einem großen Umerziehungsprozess werden die arbeitenden Menschen den Bütteln klarmachen, dass man der Menschheit einen wirklichen  Dienst erweist, wenn ihre Hände Maschinen bedienen oder Briefe, Päckchen und Pakete verteilen, als einer Minderheit des Volkes das Terrain für eine hemmungslose Bereicherungssucht mit Waffengewalt abzusichern.

Von einem T-Shirt, das in der BRD für fünf Euro verkauft wird, erhält die produktive Klasse der Näherinnen in Bangladesch drei Cent. Wohin wandern die 4,97 € ? Man rechne das auf 5 000 T-Shirts hoch. Schon stehen sich 150 € zu 24 850 € gegenüber. So sollen nach Auffassung der Bourgeoisie alle Menschen Brüder werden. Der Gipfel der G-20-Extremisten ist in Hamburg zusammengekommen, um unter den Klängen von Beethovens Neunter dieses Verhältnis noch mehr zu Ungunsten der Arbeiterinnen zu wenden.  Einem politischen Analphabeten, einem Polittrampel wie Trump, dessen Beitrag zur Völkerverbrüderung die Errichtung einer Mauer an der Grenze zu Mexiko ist, Beethovens Neunte vorzuspielen, beweist ungefähr so viel Fingerspitzengefühl, das ein Deutschlehrer hätte, der  einem Analphabeten zur Erlernung des Alphabets als Einstiegsbuch die Hegelsche Begriffslogik vorlegen würde.

Am 14. Juni 2017 erschien im Wirtschaftsteil der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ ein interessanter Artikel. Nüchtern stellte das Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse fest: „Die Reichen werden immer reicher“. (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Juni 2017, Seite 27). Der Artikel nimmt Bezug auf die alljährlich erscheinende Studie der BCG (Boston Consulting Group), die sich darauf spezialisiert hat, weltweit die Millionärsentwicklung zu beobachten. In dieser Studie ‚Global Wealth 2017‘ wird hervorgehoben, dass die Zahl der Millionäre besonders schnell im Raum Asien-Pazifik wachse, vor allem aber sagt die Gruppe voraus, dass im Jahr 2021 die 50-%-Schallmauer durchbrochen sein wird. In diesem Jahr wird es den Millionären der Welt, zur Zeit 17,9 Millionen, zum ersten Mal gelingen, über 50 % des Weltvermögens an sich zu raffen. Millionen und Abermillionen Kinder werden bis dahin weltweit an Hunger gestorben sein. So wird in der bürgerlichen Welt brüderlich geteilt. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass das Eigentum in wenigen Händen konzentriert wird (Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,467). Die Tendenz ist natürlich steigend und es muss notwendig zu einem ‚point of return‘ kommen, um zu verhindern, dass die Weltbevölkerung auf 18 Millionen Millionäre schrumpft, die sich dann als kleiner Rest der Weltpopulation gegenseitig zerfleischen werden. Je ein Kapitalist schlägt viele tot und die Millionäre werden sich ganze Armeen Arbeitsroboter und  Kampfroboter zulegen.  Es muss notwendig zu weltweiten, aber nicht gleichzeitigen  Ausbrüchen von Volkserhebungen und Volksbewaffnungen kommen, in denen die Schlägertrupps des Herrn Rana und die Hamburger Polizei, die Schulter an Schulter mit ihm steht und die für diese Zwergmissgeburt junge, politisch wache Menschen hierzulande kriminalisiert und die die Millionäre schützt, untergehen werden. Der G-20-Gipfel in Hamburg bestätigt die Erkenntnis von Karl Marx aus dem Jahr 1871, dass die bürgerliche Polizei ein Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit ist. (Vergleiche Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Werke,, Progress Verlag Moskau, 1975,300). Wenn es stimmt, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, und es stimmt, so stellt sich zwangsläufig die Frage, wie asozial müssen Menschen sein, die im politischen Führungszeugnis der kapitalistischen Polizei keinen Eintrag haben ? Diese sind wertlose Menschen, ungeeignet für die Zukunft der Menschheit, Versager durch und durch, verhängnisvolle Kreaturen, das Glück der Völker aufhaltend. Die politischen Handlanger der Millionäre, die der Welt von gestern angehören, wollen Dateien über Linke anlegen. Die Blutspuren, die diese Millionäre in ihrem Ausbeutungsfeldzügen global hinterlassen, haben sich tief in die Gehirne der Völker  eingebrannt. Von jedem Blutsauger existieren weltweit gleich mehrere Tausend Dateien, eingebrandt in die Gehirne der Lohnsklavinnen und Lohnsklaven, gespeichert für viele Generationen, dem Tage entgegenfiebernd, an dem sie durch Zeuginnen und Zeugen den Revolutionsgerichten übergeben werden.



Der Denkweiseschwindel der wurzellosen MLPD

23. Mai 2017

Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen“, hatte Engels am 13. Februar 1851 an Marx geschrieben, „das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor“. Zu dieser Fundamentalbestimmung von Engels gerät Leo Trotzki in Widerspruch: „Unmittelbare Ursachen der Revolutionsereignisse sind Veränderungen im Bewusstsein der kämpfenden Klassen“. (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,219). Auch Mao Tse tung sieht in seiner Schrift ‚Über den Widerspruch‘ das Verhältnis von Basis und Überbau eher trotzkistisch denn mit den Augen von Engels. Eine Denkweise, ob kleinbürgerlich, ob proletarisch, geht unter in der materiellen Gewalt der Notwendigkeit. In der Arbeitsteilung zwischen Hand- und Kopfarbeit lag die Verführung, das Tun der Menschen aus ihrer Denkweise, statt aus ihren Bedürfnissen zu erklären (Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379).  Es war diese materielle Gewalt in Form von Massendemonstrationen während der Moskauer Prozesse, die im 20. Jahrhundert selbst den ‚Liebling der Partei‘ vor Gericht brachte. Wir sehen hieran auch, wie sehr die revolutionären Prozesse 1917 und ff. von einer elitären Minderheit von Intellektuellen noch idealistisch gedeutet werden mussten.

Es gibt auch heute noch diese elitäre Minderheit, die sich unbeachtet aller Revolutionsphysik an dem Schnuller der proletarischen Denkweise festgebissen hat, Intellektuelle, deren geistige Kraft nicht ausreicht, sich aus idealistischer Befangenheit zu lösen. Warum ? Das menschliche Denken hat nun mal die Eigenschaft,  sich  auf einer gewissen Entwicklungsstufe von  der wirklichen Welt zu trennen, um sich dann nicht mehr auf seine Basis zurückzubesinnen, im Gegenteil, um aus der Trennung eine Selbständigkeit gegenüber der Wirklichkeit zu behaupten. (Vergleiche Friedrich Engels, Anti-Dühring, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,36). So hat dann die MLPD ein ganzes System der Lehre von der Denkweise entwickelt, dass der kapitalistischen Gesellschaft aufgepropft werden soll, wie es für Utopisten üblich ist: die Lösung gesellschaftlicher Widersprüche soll im menschlichen Kopf, im richtigen, sprich: im proletarischen Denken erzeugbar sein.  Der Kommunismus ergäbe sich dann daraus, dass alle Mitglieder der Gesellschaft von Stefan Engel abgerichtete Vögel in ihrem Kopf herumflattern haben, die ihnen von morgens bis abends, vom Aufwachen bis zum Schlafengehen die proletarische Melodey vortrillern. Das deutsche Volk tut gut daran, der MLPD einen Vogel zu zeigen. Es ist bereits ausgeschlossen, dass das deutsche Volk auf den Denkweiseschwindel der MLPD hereinfällt und zwar auf Grund seiner ganzen vielfältigen materiellen Tätigkeiten. „Aber gerade die Veränderung der Natur durch den Menschen, nicht die Natur als solche allein, ist die wesentlichste und nächste Grundlage des menschlichen Denkens, und im Verhältnis, wie der Mensch die Natur verändern lernte, in dem Verhältnis wuchs seine Intelligenz“. (Friedrich Engels, Dialektik der Natur, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,498). Mit der Denkweiselehre hat sich die Partei in eine Sackgasse verrannt. Bis heute bleibt sie der internationalen Arbeiterbewegung den Nachweis schuldig, wie die Denkweise des Proletariats mit dem Fortschritt der Technik zusammenhängt ? Darüber gibt es kein Material und logischerweise kann es auch keines geben. „Die Technologie enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozess seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen“. (Karl Marx, Das Kapital, Ausgewählte Schriften, Band 2,550). Die MLPD steht mit ihrer Denkweise ohne Quellen da bzw. aus der Denkweiselehre entquillt nichts Wissenschaftliches, eine Folge, die sich aus dem auf einen Denkweiseschwindel umfrisierten Marxismus ergeben. Lenin schreibt über die vormarschen Materialisten, dass diese nicht nachforschten, wodurch die ideellen Motive der Menschen hervorgerufen werden, dass diese nicht die objektive Gesetzmäßigkeit in der Entwicklung des Systems der gesellschaftlichen Verhältnisse erfassten und dass diese nicht die Wurzeln dieser Verhältnisse im Entwicklungsgrad der materiellen Produktion erblickten (Vergleiche Lenin, Karl Marx, in: Lenin, Marx-Engels-Marxismus, Dietz Verlag Berlin, 1960,17f.).  Der Entwicklungsgrad der materiellen Produktion ist entscheidend, auch in der Erklärung des Aufkommens einer Arbeiteraristokratie in der SU nach Stalins Tod, die Wurzeln zur Erklärung der Restauration des Kapitalismus in der SU können nur in der Ökonomie liegen. Wer heute der Arbeiterklasse die  Kinderklapper der Denkweise in die Hand drückt, um zum Beispiel den Restaurationsprozess in der SU aufzuzeigen, macht sich lächerlich.  Die MLPD kann also nicht im Proletariat Fuß fassen, sondern nur bei Intellektualisierten, bei Arbeitsscheuen, die in einer kleinbürgerlichen Atmosphäre groß geworden sind bis zur mittleren Reife, gerade unreif genug, auf der einen Seite die Natur zu sehen und getrennt davon auf der anderen das Denken. So konnte die Lehre von der Denkweise in ordinären Zeiten bei ihnen greifen. Für die MLPD ist die proletarische Revolution kein reines Naturphänomen wie für Engels, sondern ein Denkweisephänomen wie für Engel. Uns wird von dieser sich marxistisch und leninistisch nennenden Partei  nicht eine Revolutionsphysik dargeboten, sondern eine völlig in sich verbiesterte Revolutionsmetaphysik. Liegen zwischen beiden, zwischen Engels und Engel, nicht Lichtjahre ?

Der junge Marx hatte um den Jahreswechsel 1843/44 herum geschrieben, dass es nicht genüge, dass der Gedanke zur Wirklichkeit, die Wirklichkeit müsse sich auch zum Gedanken drängen. Nachdem die MLPD den Marxismus weiterentwickelt hat, müssten wir heute sagen: Es genügt nicht, dass die proletarische Denkweise zur Wirklichkeit drängt, die Wirklichkeit müsse sich auch zur proletarischen Denkweise drängen. Man stelle sich das einmal vor ! Dass die proletarische Denkweise zur falsch ausgelegten Wirklichkeit drängt, sprich: zur politischen Macht, das hat die MLPD durch die Überschätzung der in Deutschland schon lange vorliegenden und auch zur Zeit objektiv sehr dürftigen revolutionären Situation schon oft bewiesen, sie kompensiert das aber dadurch, dass sie auf den Spuren Tetzels wandert und wahre Orgien von Spendenkampagnen nach dem Motto ins Leben ruft: Wenn die Euromünze  in den Sammeldosen der MLPD klingt, eine kleinbürgerliche Seele in den Himmel der proletarischen Denkweise springt. Und das ist auch im wesentlichen unter der proletarische Denkweise zu verstehen. Irgendeinen Wert für den wissenschaftlichen Sozialismus, gar für seine Weiterentwicklung hat der Ausdruck ‚proletarische Denkweise‘ nicht und kann er auch nicht haben.

In der uns umgebenden Natur, in der uns durch die menschliche Arbeit entstandenen, uns umgebenden Welt wirken dialektische Gesetze, alle Prozesse der Natur, der Gesellschaft und des menschlichen Denkens bewegen sich in der Form dieser Gesetze und es ist die Aufgabe des wissenschaftlichen Sozialismus, durch alle Zufälligkeiten, durch all den von den Massenmedien angerichteten Wirrwarr hindurch diese Gesetze herauszukristallisieren, sie den Volksmassen zu vermitteln, diesen gemäß ihnen Anleitungen zum Handeln zu geben und zukünftige Entwicklungskonturen zu eruieren. Die Aufgabe des wissenschaftlichen Sozialismus ist von dem großen Dialektiker Hegel bereits idealistisch vorformuliert worden: Für ihn war es die Philosophie, die das Wissen des Substantiellen ihrer Zeit erfasst, eine Denkweise war für ihn  etwas Subjektives und Leeres. Engels bezeichnet die materialistische Dialektik als Marxens und seine schärfste Waffe, durch die wir zu den Triebkräften der Triebkräfte der Geschichte gelangen (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960, 293 und 298).

Die MLPD hat diese Waffe in den Staub geworfen und an ihrer statt die Kinderklapper der Lehre bzw. Leere von der Denkweise ergriffen. Mit dieser kann man sich natürlich nicht auf die Höhe des wissenschaftlichen Sozialismus erheben, sondern steht dem im eigenen Land stehenden Hauptfeind infantil und hilflos gegenüber. Die Mitglieder der MLPD werden niemals wie Fische im Wasser des Volkes schwimmen, das sie sich mit der ‚Lehre von der Denkweise‘ selbst das Wasser abgraben.

Die Lehre von der Denkweise ist überhaupt Nonsens. Wissenschaftlicher Sozialismus und Arbeiterbewegung resultieren nicht auseinander, sondern laufen zunächst nebeneinander, der Träger der Wissenschaft ist nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz. Jeder ABC-Schüler des Marxismus-Leninismus weiß, dass das sozialistische Bewußtsein etwas in den Klassenkampf von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes ist. Diese Wirklichkeit hatte Kautsky  richtig widergespiegelt und Lenin erkennt das ausdrücklich in seiner Schrift ‚Was tun ?‘ an (Vergleiche Lenin, Was tun ?, Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin, 1960,395). Die Lehre von der proletarischen Denkweise ist ein Armutszeugnis, das belegt, was herauskommt, wenn proletarische Kümmerlinge unter sich bleiben. „Gottlos ist nicht der, der mit den Göttern der Menge aufräumt, sondern der, welcher die Vorstellungen der Menge den Göttern andichtet“ (Epikur). Und gerade das macht die MLPD, sie dichtet ihre Vorstellungen von der Denkweise, vom auf dem Kopf stehenden Denken  den „Göttern“ des Marxismus als Weiterentwicklung derer Lehre an. An die Denweiseschwindler sind die Worte des jungen Marx aus seiner Doktordissertation zu richten: Es tauchen untergeordnete, quengelnde und individualitätslose Gestaltungen auf, die sich hinter der Riesengestalt der Dialektik stellen, „aber bald bemerkt man den Esel unter der Löwenhaut, die weinerliche Stimme eines Mannequin von heute und gestern greint komisch kontrastierend hervor … es ist, als wenn ein Stummer sich durch ein Sprachrohr von enormer Größe zu Stimme verhelfen wollte – oder aber mit doppelter Brille bewaffnet, steht irgendein Liliputaner auf einem Minimum vom posterius des Riesen, verkündet der Welt nun ganz verwundert, welche überraschend neue Aussicht von seinem punctum visus aus die Lehre von der Denkweise darbiete … So entstehen  Haar-, Nägel-, Zehen-, Exkrementenphilosophen und andere, die einen noch schlimmern Posten im mythischen Weltmenschen des Swedenborg zu repräsentieren haben“.  (Karl Marx, Anmerkungen zur Doktordissertation, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,331).


 

 

Revolutionen im Kollektiv darstellen

17. Mai 2017

REVOLUTIONEN IM KOLLEKTIV DARSTELLEN
„ … die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern …“. 1. 
Es ist ganz offensichtlich widersinnig, dass ein Fachmann, etwa ein Historiker, ein Buch über eine Revolution für Fachmänner, etwa für Historiker schreibt, Expertenkollektive müssen Bücher über eine Revolution für Völker schreiben, für wen denn sonst ? Schon von ihrer Komplexität her erheischt die Darstellung einer Revolution ein Kollektiv von Experten auf Fachgebieten, die von der Außenpolitik bis zum Zentralismus reichen. Überhaupt ist die Wissenschaft in ihrem Kern kollektivistisch angelegt, es ist nur ein spezifischer Idiotismus der bürgerlichen Gesellschaft, der das nicht permanent präsent werden lässt. Wer sich mit dem Individualitätsprinzip  der bürgerlichen Gesellschaft abfindet, muss selbst an einem gewissen Grad an Idiotismus leiden. „Es ist mir immer idiotisch vorgekommen“, schrieb van Gogh an seinen Bruder, „daß Maler für sich allein leben“. Die Dominanz der bürgerlichen Gesellschaft über frühere gesellschaftliche Formationen hat keinesfalls abgebrochen, dass auch Idioten an die Spitze von Staaten treten können. Die bürgerliche Revolution wollte das vereiteln, sprengte aber die Menschen als egoistische Monaden aus den Feudalverbänden heraus. Jetzt war der Weg frei für ein Klima wie es für Misstrauensgesellschaften, für das Gewimmele von Privatproduzenten charakteristisch ist.  Im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb tut jeder so, als ob er ein Napoleon wäre. Das ist sehr fraglich, nur eins ist sicher, früher oder später ereilt dem Individualwissenschaftler sein Waterloo, das unvermeidbar ist, wenn sich ein Einzelwissenschaftler der Weltgeschichte ausliefert. Hegel hatte sich als einzelner der Weltphilosophie ausgeliefert und versuchte sich an der Aufgabe, die Geschichte der Menschheit durch alle scheinbaren Zufälligkeiten hindurch als Entwicklungsprozess der Menschheit selbst darzustellen. Nach Engels erlitt er gerade hierin sein Waterloo, denn er wollte eine Aufgabe lösen, die kein einzelner Mensch je wird lösen können. 2.
Napoleon hatte während der Schlacht mit den Mameluken beobachtet, dass seine Kavallerie die glänzendsten Einzelreiter der Mameluken, die jedem französischen Einzelreiter haushoch überlegen waren, durch Kollektivität in disziplinierter Form unterlegen machte. Gesamtkraft erzeugt eine zusätzliche, neue Kraftpotenz, was Marx im Kapital am Beispiel der Kooperation bewies. Friedrich Engels machte die Arbeiterklasse im Anti-Dühring darauf aufmerksam, dass Einzeldenker ohne Ausnahme mehr Patzer als wissenschaftlich Wertvolles zu Tage zu bringen.  Die Weltgeschichte und ihre Revolutionen sind ein Komplex von Prozessen und in einer tiefgehenden Revolution verdichten diese sich ineinander noch mehr. Neben dem Zusammenlegen der Puzzlesteine der Fakten ist der Historiker ein Entwirrer sich überlappender Stränge im klassischen analytischen Sinn, (er fügt zusammen und) er legt auseinander. In der Wiedergabe geschichtlicher Prozesse liegt somit ein Moment der Ideologie, denn sie lassen sich nicht ‚eins zu eins‘ abbilden, da das Abbilden selbst ein Prozess, mithin historisch ist.
Der marxistische Erkenntnisgewinn gegenüber den bürgerlichen Ökonomen bestand darin, dort ein Verhältnis von Menschen zu sehen, wo jene ein Verhältnis von Dingen sahen (Austausch von Ware gegen Ware).  Das Abbilden der Geschichte kann nur selbst geschichtlich sein, so dass sich ‚eins in zwei‘ geteilt hat. So ist die Geschichte Objekt und Subjekt in einem und zur Praxis des marxistischen Historikers gehört es, selbst Subjekt der Geschichte zu werden. In seinem Hauptwerk „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ schrieb der Philosoph Helmuth Plessner 1928, dass der Geist in einer „Wir-Sphäre“ angesiedelt sei. Geist habe der Mensch nicht in der Weise, wie er einen eigenen Körper habe. Kann ein in den Gesellschaftswissenschaften wirkender Mensch einen Gedanken als seinen ureigensten behaupten ? Um zu ganz großen und tiefen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Kollektiv zu gelangen, muss die bürgerliche Gesellschaft überwunden werden, in der sich über den Markt nur eine Pseudokollektivität herstellen läßt. Der bürgerliche Wissenschaftsbetrieb spiegelt nur den Sachverhalt der ökonomischen Basis des Kapitalismus wider: Die Tatsache, dass die Ware Produkt unabhängig betriebener, in Konkurrenz stehender Privatarbeit ist, spiegelt sich bereits im Schulbetrieb der bürgerlichen Gesellschaft wider, in der junge Menschen nach dem Motto: ‚Jeder für sich, Gott für uns alle‘ deformiert werden zu asozialen Individuen. „Es heißt noch immer: der Mensch denkt und Gott (das heißt die Fremdherrschaft der kapitalistischen Produktionsweise) lenkt“. 3.
Selbst einem höchstentwickelten Expertenkollektiv kann es nicht gelingen, eine Revolution wirklich erschöpfend darzustellen, zumal die komplexen Prozesse der Oktoberrevolution, deren Originalität  darin besteht, zum ersten Mal eine erfolgreiche Revolution der ungeheuren Mehrheit der großen Masse der Besitz- und Namenlosen über die Minderheit kapitalistischer Ausbeuter und menschewistischer Kriegstreiber gewesen zu sein, mit der Intention, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen für immer zu beenden und diese nicht, wie es außer der Pariser Commune fast immer der Fall war, zu verewigen. „In allen Revolutionen war der Wille der Mehrheit der Arbeiter und Bauern, d.h. ohne Zweifel der Wille der Mehrheit der Bevölkerung, für die Demokratie, und dennoch endete die überwiegende Mehrzahl aller Revolutionen mit einer Niederlage der Demokratie“. 4. Was war zum Beispiel die Folge der niedergeschlagenen bürgerlichen Revolution von 1905 im zaristischen Russland ? Nun, zur Lösung der Bauernprobleme wurde ein ‚Zentralkomitee für landwirtschaftliche Angelegenheiten‘ gegründet – und wieviel Bauern nahmen an diesem offiziellen Komitee teil ? Es waren gerade mal zwei Prozent. So verhöhnen reiche Ausbeuter unterkonsumierende Ausgebeutete. 
Selbst der Cambridgeprofessors Edward Hallett Carr muss eingestehen, dass die Oktoberrevolution der Ausgangspunkt tiefgreifenderer und nachhaltigerer Auswirkungen in der ganzen Welt war als irgendein anderes Ereignis der neueren Zeit. 5. Eine Revolution kann sich nicht halten, wenn die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht ihre aktuelle Notwendigkeit erkannt hat. Diese zeitlose Wahrheit hatte Lenin in die Köpfe der Bolschewiki eingehämmert. Carr, dem man nicht gerade Sympathien für den Leninismus nachsagen kann, verortet also die Oktoberrevolution zum Epizentrum der neueren Geschichte, was auch insofern stimmig ist, als der Zusammenbruch der Sowjetunion nicht gleich das Ende der weltgeschichtlichen Wirkung des Leninismus bedeutete und bedeutet, im Gegenteil, Volksfeinde schütten Kübel voller Verleumdungen über Lenins Haupt – die ‚einfachen Leute‘ stehen auch heute „trotz alledem“ noch Schlange vor seinem Mausoleum. Warum ? Sie spüren, dass hier ein Licht in der Finsternis des imperialistischen Terrors flackert.
1. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,80
2. Vergleiche Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,23. Das Epochale an Hegels System war, dass er eine Aufgabe falsch löste, die er richtig gestellt hatte.
3. a.a.O.,295
4. Lenin, Aus dem Tagebuch eines Publizisten, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,299
5. Vergleiche Edward Hallet Carr, Die Russische Revolution, Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 1977,182

Das bürgerliche TV-„Kulturprogramm“ am 1. Mai 2017

1. Mai 2017

Friedrich Engels bemerkt in seiner Einleitung zum deutschen Bauernkrieg, dass die Arbeiterklasse den Kampf gegen ihren Hauptfeind, gegen die Bourgeoisie, nicht nur ökonomisch und politisch, sondern auch ideologisch führen muss. Dass auch der ideologische Kampf notwendig ist, und zwar bitter notwendig ist für den kulturellen Fortschritt des deutschen Volkes, wird sofort deutlich, wenn wir einmal die Fernsehprogramme der deutschsprachigen Fernsehsender am 1. Mai Revue passieren lassen. Suchen wir zunächst Sendungen heraus, die sich mit der Arbeiterbewegung, der alltäglichen Arbeitswelt von Millionen Menschen und der sozialen Lage des deutschen Volkes beschäftigen. Man sollte annehmen, dass es etliche Programmbeiträge zu diesen Themen geben sollte. Weit gefehlt ! Insgesamt gab es am 1. Mai zwanzig Minuten, die sich mit dem Tag der Arbeit befassten: eine fünfminütige Ansprache des Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes auf dem ARD-Kanal und auf dem Kanal des Bayrischen Rundfunks eine 15minütige Sendung mit dem Titel: ‚Der 1. Mai in Bayern‘, in der es um eine Rente ging, die zum Leben reicht, um ein Arbeitszeitgesetz in der Gastronomie, um einen Dorfladenboom (was das mit dem ersten Mai zu tun hat, ist noch sehr die Frage) und um das Aufrichten eines Maibaumes. Das alles in 15 Minuten, aber immerhin ein ganz kleiner Lichtblick von einem Sender, den man ansonsten zu den reaktionärsten  des deutschen Fernsehens zu rechnen hat … Doch selbst hier kommt es sogleich zu einer Trübung. In München gab es zwei berühmte Landauers, Kurt und Gustav, der erste stand an der Wiege des FC Bayern München, der zweite war Aktivist der Münchener Räterepublik. Über wen wurde eine Sendung am 1. Mai ausgestrahlt ? Und wer war erst am 2. Mai um O uhr 15 an der Reihe ?

20 Minuten von 24 Stunden, das heißt, das bürgerliche Fernsehen hat für die Arbeit des Volkes, für die Arbeiterklasse des Landes, für die Werktätigen, die unser aller Leben, die das Leben des Volkes erhalten und  sichern, im Verhältnis umgerechnet einen Teil übrig, während 71 Teile für die bürgerliche Kulturbarbarei verschwendet wurden. Rechnet man zwanzig Minuten als eine Einheit, so ergeben sich am Tag 72 Einheiten. Marx und Engels schrieben im Kommunistischen Manifest, dass in der bürgerlichen Gesellschaft das Kapital selbständig und persönlich, das tätige Individuum aber unselbständig und unpersönlich ist. Die Kulturschande, die das deutsche Fernsehen am ersten Mai 2017 für die hart erarbeiteten Gebühren ins Haus liefern, bestätigen leider aufs glänzendste die Worte von Marx und Engels aus dem Jahr 1848.

Durch die Massenmedien wären wir heute rein technisch in der Lage, die gesamte Bevölkerung eines Landes zu einer wissenschaftlichen Hochblüte zu führen, wie sie einmalig in der Weltgeschichte dastehen würde. Jede Bürgerin und jeder Bürger könnte zu einer Wissenschaftlerin, zu einem Wissenschaftler gebildet werden, alle könnten Fremdsprachen lernen und sich auf allen Gebieten der Wissenschaft weiterbilden, sei es auf gesellschaftswissenschaftlichen und / oder auf naturwissenschaftlich-mathematischen. Vor allem aber sollte das Verantwortungsbewußtsein vorhanden sein, die mehr als sieben Millionen Analphabeten, die es in der Bundesrepublik gibt (auf der Insel Kuba O) über Bildmedien zu unterrichten, die Schüler könnten dabei anonym bleiben, damit dieser Schandfleck endlich verschwindet und Deutschland die Schwelle zu einem zivilisierten Land überschreiten kann. Stattdessen: Nobody ist der Größte, Bloggerin kocht Kochbuchklassiker aus den 50er Jahren nach, FBI-Agent jagt einen Bankräuber verkleidet als stabile überdrehte Südstaatendame … Rosamunde Pilcher, Uta Danella … Kitsch reiht sich an Kitsch, eine einzige Volksverdummung, eine einzige ekelerregende Sudelei.

Die Bourgeoisie hat sich aus einer Klasse, die mit der Aufklärung ein klassenbedingtes wissenschaftliches Licht in die Welt gebracht hatte, gewandelt in eine imperialistische, die nicht Freiheit, sondern eine terroristische Weltherrschaft anstrebt, die aus einer einst fortschrittlichen Klasse der Geschichte eine stinkende, faulende und parasitäre geworden ist, der es beliebt, ein Volk von politischen Analphabeten und geistig verstümmelten Menschen heranzuzüchten, um das ganze Land mit ihrer infantilen Kulturbarbarei zu überziehen. Deshalb kann man ja den eigenen Maßstab an die Bourgeoisie anlegen, deshalb rief Engels der Arbeiterklasse zu: Nehmt die Bourgeoisie beim Wort ! Die fortschrittliche Arbeiterklasse kann heute mit ruhiger Hand der Bourgeoisie ins Stammbuch schreiben: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft, lass nur in Blend- und Zauberwerken, Dich von dem Lügengeist bestärken, so hab ich Dich schon unbedingt …“ (Goethe / Faust). Man wird zustimmen, eine derart dekadente Klasse der Gesellschaft ist dem Untergang geweiht. Es kann ihr kein anderes historisches Schicksal winken. Die Geschichte lehrt, dass das Verfaulte, Kranke, fast schon Abgestorbene nicht von selbst fällt, die neue Klasse, der die Zukunft gehört, muss die alte abstoßen. Wie die junge Bourgeoisie den ganzen alten feudalen modrigen politischen Plunder abwarf, so muss heute das Proletariat den ganzen alten bürgerlichen Politplunder (Parlamentarismus, stehendes Heer, Polizei …) abwerfen.