Über den wissenschaftlichen Charakter des Marxismus

von Heinz Ahlreip

Die Konstellation der wissenschaftlichen Erkenntnis als eine der Widerspiegelung und Reflexivität zwischen Erkenntnissubjekt und Erkenntnisgegenstand erfährt wissenschaftsgeschichtlich eine Neubegründung durch Descartes, der das aus der Antike stammende passiv-hinnehmende Vernehmen der ewigen kosmischen Ordnung aufbrach, insofern die Körperwelt in „res cogitans“ (denkende Körper) und „res extensa“ (ausgedehnte Körper) unterschieden wurde. Es liegt auf der Hand, daß sich die wissenschaftliche Erkenntnistheorie fortan um die Frage der Identität in dieser neuen Konstellation bewegte. Ohne identität wären wahre und unwahre Aussagen nicht zu unterscheiden.

Daß diese Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand wissenschaftlich, also die wissenschaftliche Wahrheit sei, wurde von den verschiedenen philosophischen Schulen mehr oder weniger postuliert, aber natürlich nur assertorisch, daher der Streit unter den Schulen. Der Marxismus allein behauptet, daß erst durch die revolutionäre Weltveränderung die richtige Übereinstimmungserkenntnis von Subjekt und Objekt herzustellen sei, zugleich gibt diese revolutionäre Veränderung die Begründung, daß außer dem bewußten Vortrupp der revolutionären Arbeiterklasse als Partei alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft ideologisch befangen sind und ein notwendig falsches Bewußtsein haben. Ohne kommunistische Partei als Kampfstab kann man nicht die bürgerlichen Klassen und ihr konterrevolutionäres Bewußtsein liquidieren. In den Streit der bürgerlichen Politparteien untereinander und gegen die KP sind die verschiedenen philosophischen Schulen involviert.

Der entscheidende Ausbruch aus der inzestuösen Reflexivität der Wissenschaft in ihrer immanenten Verharrung gelingt in den Feuerbachthesen. Diese stellen insofern ein einzigartiges Dokument der Revolution der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte dar, als Marx die wissenschaftliche Tätigkeit im Materialismus nicht nur mit der revolutionären Tätigkeit verbindet, sondern jene dieser subordiniert. Revolutionäre Praxis bringt dann Forschersubjekt und Forschungsobjekt in eine stimmige Widerspiegelungsrelation, wenn die Welt: Natur Geschichte Gesellschaft Denken ein Komplex von Prozessen ist. Welt als Komplex fertiger Dinge erübrigt revolutionäre Praxis. Weltinterpretation als Prozeß treibt hingegen über sich selbst als bloß Interpretatorisches hinaus.

Prozesse entwickeln sich gemäß einer ihnen immanenten Gesetzmäßigkeit, in der Übergänge von einer Prozessformation in eine andere in einem einheitlichen Zusammenhang abfolgen. Damit ist für den praktisch politisch tätigen Revolutionär der Forschungsgegenstand vorgegeben: um die Geburt der neuen, höheren Formation zum Ausbruch zu verhelfen, studiert er die spezifische Form der Formationsübergänge. Marx läßt im Nachwort zur 2. Auflage des Kapitals nicht von ungefähr den Petersburger Professor I.I. Kaufmann über die Dialektik zu Wort kommen, war Marx doch der Auffassung, daß es sich um eine treffende Darstellung handelt: „Für Marx ist nur eins wichtig: das Gesetz der Phänomene zu finden, mit deren Untersuchung er sich beschäftigt. Und ihm ist nur das Gesetz wichtig, das sie beherrscht, soweit sie eine fertige Form haben und in einem Zusammenhang stehen, wie er in einer gegebenen Zeitperiode beobachtet wird. Für ihn ist noch vor allem wichtig das Gesetz ihrer Veränderung, ihrer Entwicklung, d.h. der Übergang aus einer Form in die andere.“ 1.)

Genau angegeben werden kann nun der fundamentale Unterschied zur idealistischen Dialektik, die Hegel als eine des Geistes entwickelt. Für den Idealisten vollziehen sich Übergänge von einer Gestalt des Geistes zu einer anderen so, daß dem Philosophen nur das bloße Zusehen bei der Gestaltenabfolge bleibt: „Der Übergang nemlich, vom ersten Gegenstande und dem Wissen desselben, zu dem anderen Gegenstand an dem man sagt, daß die Erfahrung gemacht worden sey, wurde so angegeben, daß das Wissen vom ersten Gegenstande…der zweyte Gegenstand selbst werden soll…In jener Ansicht zeigt sich der neue Gegenstand als geworden durch eine Umkehrung des Bewußtseyns selbst. Diese Betrachtung der Sache ist unsere Zuthat, wodurch sich die Reihe der Erfahrungen des Bewußtseyns zum wissenschaftlichen Gange erhebt und welche nicht für das Bewußtseyn ist, das wir betrachten.“ 2.) Dieses bloße Betrachten des Welt-Geist-Prozesses führt bei Hegel zu recht zahmen politischen Ambitionen, die Konsequenz der Marxschen Dialektik ist der Berufsrevolutionär im Dienste der Arbeiter, das dem Weltgeist verschlossen gebliebene Rätsel seiner Substanz, weil in der Theorie als Widerspiegelung der Übergangsdialektik aus dieser die revolutionäre Strategie und Taktik abgeleitet wird, die dann wiederum die Art und Weise der revolutionären Tätigkeit vorschreibt. Da alle essentiellen Übergänge in Gestalt einer gewaltsamen Revolution stattfinden, befähigt eine tiefe wissenschaftliche Durchdringung der Gesetze der Übergangsprozesse den Revolutionär, die Belastung der revolutionären Anstrengung für die bisher unterdrückten Klassen abzukürzen. Marx pflegte zu sagen:“…die Geburtswehen abzukürzen…“ 3. Und umgekehrt: das opportunistische Versagen der sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale, die widerstandslos in den Sozialchauvinismus umfielen, führte zu den extremen Verheerungen des ersten Weltkrieges, der sich durch die Politik des Burgfriedens imperialistisch entfesselt entfalten konnte.

Im Zusammenhang des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus legten Marx und Engels die revolutionäre Haupttätigkeit auf den Aufbau einer politischen Kampfpartei, obwohl die durch diese Partei angestrebte kollektive Form der gesellschaftlichen Organisation der Produktion ohne Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft die Existenz politischer Parteien obsolet macht. Im Zuge einer zunehemenden Kollektivierung der Produktion erfolgt deshalb die Selbstnegierung der revolutionären Kampfpartei, die diese Kollektivität historisch durchzusetzen hatte. Der in Ausbeuterordnungen vorliegende Mangel an innerer und äußerer Naturbehrrschung spiegelt sich unter anderem auch in der Pluralität verschiedener politischer Parteien wider. Die ideologische Akzeptanz einer Parteienpluralität durch das Proletariat käme einer Verewigung seiner kapitalistischen Knechtschaft gleich.

Die Analyse des Übergangsprozesses legt die Konfliktdialektik zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen frei, die die zwischen revolution und Konterrevolution einschließt. Das Epochemachende der Marxschen Forschungen lag neben der Entdeckung des Mehrwerts in dem Resultat, die ideologischen Überbauformen auf ihre ökonomische Basis zurückführen zu können. Von hier an datieren die Gesellschaftswissenschaften als exakte Disziplinen. „In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten.“ 4. Gelingt es nicht,  die Gesellschaftswissenschaften als Naturwissenschaft zu beherrschen, verbleibt man im Wirrwarr der ideologischen Formen- daher der ökonomisch gesteuerte Interessenkrakeel der Parteien in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Dialektik zwischen der Partei der Arbeiterklasse und den bürgerlichen Parteien ist nur der Reflex der Dialektik von Revolution und Konterrevolution, in der sich zugleich der Charakter der Gesellschaftswissenschaft als exakte Wissenschaft entscheidet. Revolutionäre Praxis ALLEIN sichert, daß die Dialektik von Revolution und Konterrevolution im Bewußtsein der Revolutionäre nicht ideologisch verzerrt wird. Damit ist die Trennungslinie zwischen Wissenschaft und Ideologie markiert.

Ohne revolutionäre Praxis wird Dialektik als Prozesswissenschaft das Sich-Selbst-Erfassen der Gesetzmäßigkeit der Prozesse in immanenter Selbstreflexivität dialektisch widergespiegelter dialektischer Gesetze. Geschichte ist dann Prozess der Selbsterkenntnis ihrer Gesetze, daher fallen für Hegel das Ende der Philosophie als dialektischer Prozesswissenschaft mit dem Ende der Geschichte zusammen. Durch die revolutionäre Praxis hingegen fallen revolutionäre Veränderung der Umstände und Selbstveränderung des Revolutionärs zusammen: „Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ 5.  Sehr folgerichtig verrennt sich dagegen Hegel in eine Sackgasse der Distanzierung von allem Weltlichen und in das inzestuöse Zuhausesein der Philosophie in seiner spekulativen Religionsphilosophie: Philosophie sei „…ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie.“ 6. Ganz in diesem Sinne ist die Bemerkung von Josef Dietzgen dem Älteren zu verstehen, daß die Philosophen überwiegend diplomierte Lakaien der Pfafferei sind.

Für den Idealismus war es nicht möglich, Gesellschaftswissenschaft als Naturwissenschaft zu entwickeln, da für ihn die Natur lediglich das Anders-Sein des Geistes war.  Im historischen-dialektischen Materialismus hingegen sind Existenz und Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften an Existenz und Entwicklung von Klassengesellschaften und den ihnen immanenten entfremdeten Beziehungen unter den Menschen gebunden. Klassengesellschaften bedürfen Gesellschaftswissenschaften wie Gesellschaften ohne Klassen nur noch Naturwissenschaften. Wird bei zunehmender Kollektivierung der Produktion die revolutionäre Kampfpartei aufgehoben, so wissenschaftsgeschichtlich der Marxismus selbst als die letzte mögliche Gesellschaftswissenschaft in Klassengesellschaften. „Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen. Die Naturwissenschaft wird später ebensowohl die Wissenschaft von dem Menschen wie die Wissenschaft von dem Menschen die Naturwissenschaft unter sich subsumieren: es wird eine Wissenschaft sein.“ 7. Dagegen steht die Bestimmung dieses Verhältnisses im Philosophischen Wörterbuch der DDR Stichwort: Wissenschaft „…daß die Verwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft keine Angelegenheit der Naturwissenschaft allein ist, sondern im Zusammenwirken von Naturwissenschaft und Gesellschaftswissenschaft erfolgt.“8. Ein Zusammenwirken kann es im Kommunismus nicht geben, denn die geschichtliche Natur und die natürliche Geschichte sind in eins. So ist der Kommunismus im übrigen auch eine Gesellschaft frei von Marxisten. Endgültig Aufschluß über die Dialektik von Natur und Gesellschaft gibt die Analyse der Ware, durch die zugleich erläutert werden kann, warum die bürgerliche Gesellschaft für Marx nur ein Spezialfall der Dialektik ist. Die bürgerliche Ökonomie hat zwar Epoche gemacht mit der Entdeckung, dass die Arbeitsprodukte als Werte bloß sachliche Ausdrücke der in ihrer Produktion verausgabten menschlichen Arbeit sind, löst aber nicht das Geheimnis des Fetischcharakters der Ware. Die bürgerliche Gesellschaft erscheint den in der Befangenheit der Warenproduktion verhafteten Gesellschaftswissenschaftlern  als ebenso endgültig, „als daß die wissenschaftliche Zersetzung der Luft in ihre Elemente die Luftform als eine physikalische Körperform fortbestehn läßt.“ 9. Damit wäre die bürgerliche warenproduzierende Gesellschaft und auch die gesellschaftswissenschaftlich im Sinne der Bürgerlichkeit und Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft tätigen Menschen auf ewig als bürgerliche verankert, wenigstens solange, als die warenproduzierenden und gesellschaftswissenschaftlich tätigen Menschen dazu die Luft zum Atmen brauchen.  Die revolutionäre Aufhebung der kapitalistischen Ausbeutung und der menschlichen Arbeistkraft als Ware setzt die bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften, für die die bürgerliche Gesellschaft kein Spezialfall der Dialektik ist und sein darf, an die frische Luft. Ist aber die bürgerliche Gesellschaft kein Spezialfall der Dialektik, so resultiert aus dieser ideologischen Befangenheit typisch stagnatives Denken, Marx veranschaulicht das an der Gleichgültigkeit der politischen Ökonomie an der Wertform, selbst bei ihren besten Repräsentanten Adam Smith und David Ricardo, nachdem der Inhalt der Form annähernd erkannt worden war. Die Wertform des Arbeitsprodukts ist die allgemeinste Form der bürgerlichen Produktionsweise und verwandelt sich auf Grund ihrer Allgemeinstheit unter der Hand zur ewigen „Naturform gesellschaftlicher Produktion“. 10. Eine besondere historisch vorübergehende Produktionsform wird eine endgültige. 11. So galt den Ökonomen des klassischen Kapitalismus die freie Konkurrenz als Naturgesetz dieser Produktionsweise, Marx aber wies schon im dritten Band des Kapitals eine gewisse Tendenz zum Monopol nach: mit den Banken sei „die Form einer allgemeinen Buchführung und Verteilung der Produktionsmittel auf gesellschaftlicher Stufenleiter gegeben, aber auch nur die Form“.  12.

Der wissenschaftliche Charakter des Marxismus liegt in seiner in revolutionärer Praxis entwickelten Methodik der prozessualen Abbildung der Entwicklungsgesetze der Natur und der Gesellschaft im menschlichen Denken, um die revolutionäre Selbstveränderung historisch-politisch handelnder Subjekte in dialektischer Reziprozität zur objektiven Entwicklung zu gestalten, also bei gleichzeitiger Umgestaltung der objektiven Wirklichkeit von Klassengesellschaft, bis die Reziprozität historisch-politisch handelnder Subjekte als Revolutionäre nicht mehr bedarf. Im Gegensatz zur idealistischen Dialektik mit ihren als Quelle von Ideologiegehalten wirkenden Leitmotiven: Identität-Finalismus-Teleologie begreift materialistische Dialektik wissenschaftlich-revolutionäre Tätigkeit als ein Kettenglied in der sich ständig entwickelnden Materie. Hegel offenbart alles: „Das Ziel aber ist dem Wissen ebenso notwendig als die Reihe des Fortgangs gesteckt; es ist da wo es nicht mehr über sich selbst hinaus zu gehen nötig  hat, wo es sich selbst findet und der Begriff dem Gegenstande, der Gegenstand dem Begriffe entspricht.“ 13. Alle Ideologiemomente der idealistischen Dialektik sind in diesem Satz Hegels versammelt, insofern in der absoluten Identität der am Anfang des Weltgeistprozesses mit „gesteckte“ Zweck abschlußhaft sich eingeholt hat. Weltgeschichte wird ideologisch und dient klassenspezifischen Herrschaftsinteressen, die von der sich historisch durchsetzenden kollektiven Produktionsweise überholt sind. „In ihrer mystifizierten Form ward die Dialektik deutsche Mode, weil sie das Bestehende zu verklären schien. In ihrer rationellen Gestalt ist sie dem Bürgertum und seinen doktrinären Wortführern ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffasst, sich durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.“ 14. Das die materialistische Dialektik kritisch anwendende revolutionäre Subjekt ist dabei selbst nur ein sich aufhebendes Moment in der sich ins Unendliche fortsetzenden produktiven  Tätigkeit der Menschen, deshalb formulierte Marx den Kommunismus nicht als Ziel der Weltgeschichte. „Der Kommunismus ist die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft, aber der Kommunismus ist nicht als solcher das Ziel der menschlichen Entwicklung, die Gestalt der menschlichen Gesellschaft.“ 15. Der revolutionäre Wissenschaftler hebt sich in der dialektischen Erfahrung objektiver Gesetzmäßigkeit auf. „Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt.“ 16.

Das Abbilden der Entwicklungsgesetze  der Natur und der menschlichen Gesellschaft im menschlichen Denken ist philosophie- und wissenschaftsgeschichtlich insofern widersprüchlich, als es von spezifisch widersprüchlichen Klassenkonstellationen bedingt ist, die den Nachweis ermöglichen, daß der wissenschaftliche Konflikt ein Reflex der Dialektik von Revolution und Konterrevolution ist.  Der dialektischen Abbildung als dialektischer Prozess steht die ideologische entgegen, die den lebendigen Weltprozess unter die Kategorie der Ewigkeit auf eine zeitlich befristete Klassenherrschaft deformativ fixiert. Aus der Fixierung von Prozessualität ergibt sich die ideologische Weltinterpretation als verzerrte Realität, in der sich Klassenherrschaft als unabänderlich ergibt. In der Vereinnahmung einer historisch, also nur für einen bestimmten Zeitraum tätigen und gültigen Prozesskonstellation als ewige, spiegelt sich die prätendierte Allmacht einer bestimmten Eigentumsform über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Negierung von Weltprozess überhaupt. 17. Marx und Engels haben dargelegt, daß adialektische Denkblockaden eigentumsbedingt sind: „Die interessierte Vorstellung, worin ihre eure Produktions- und Eigentumsverhältnisse aus geschichtlichen, in dem Lauf der Produktion vorübergehenden Verhältnissen in ewige Natur- und Vernunftgesetze verwandelt, teilt ihr mit allen untergegangenen herrschenden Klassen. Was ihr für das antike Eigentum, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum.“18.  DER KERN DER MARXISTISCHEN WELTVERÄNDERUNG IST DIE REVOLUTIONÄRE VERÄNDERUNG DER BÜRGERLICHEN EIGENTUMSVERHÄLTNISSE.

1. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,25

2. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes,  Einleitung, Meiner Verlag, Hamburg 1980, 60f.

3. Karl Marx, Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals, MEW 23,16. Stalin betont in seinem Artikel „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei“ aus dem Jahre 1905 zwar, dass die Arbeiterklasse auch ohne die Wissenschaft vom Sozialismus zu diesem gelangen wird, aber dieser Weg wird wesentlich härter und qualvoller sein. Lenin, auf den sich Stalin in seinem Werk bezog, hatte mit seinem Werk „Was tun ?“ alle rein öconomistischen apolitischen und tradeunionistischen Spontanansätze in der Arbeiterbewegung widerlegt. „Es galt vor aller Welt den Gedanken auszusprechen, dass die spontane Arbeiterbewegung ohne den Sozialismus ein Umherirren im Dunkeln ist – von dem, auch wenn es irgendeinmal zum Ziele führt, doch niemand weiß, wann und um den Preis welcher Qualen – dass das sozialistische Bewußtsein folglich für die Arbeiterbewegung von sehr großer Bedeutung ist.“ (Josef Stalin, Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei“, Stalin Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1950,80). Ohne den wissenschaftlichen Sozialismus käme die Arbeiterbewegung nicht vom Fleck, verbleibe im Rahmen des Kapitalismus, sei ein „Umherirren um das Privateigentum“. (a.a.O.,83). Im Juni 1917 schrieb Lenin anläßlich der Brusilow Offensive, dass der Übergang der Macht an das revolutionäre Proletariat, das von der armen Bauernschaft unterstützt wird, der Übergang zum revolutionären Kampf für den Frieden in den sichersten und schmerzlosesten Formen ist, die die Menschheit je gekannt hat. (Vergleiche Lenin, Erster Allrussischer Kongress der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten 3. bis 24. Juni (16. bis 7. Juli) 1917, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin 1956,163).

4. Karl Marx, Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13,9

5. Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3,6

6. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, von Hermann Glockner, Band 16, Stuttgart Bad Canstatt 1965, Friedrich Fromann Vlg., 356 Ganz in der abendländisch platonischen Tradition stehend: die Weisen distanzieren sich von den Staatsgeschäften, da sie sehen, wie die Leute im Dauerregen durchnäßt werden, dem Rat der Weisen aber nicht folgen, unter die Dächer zu gehen, so bleiben die Weisen gleich ganz unter den Dächern und lassen sich nicht herab durch fruchtloses Apellieren an die Vernunft selbst naß zu werden.

7. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband I,544

8.Manfred Buhr, Georg Klaus: Philosophisches Wörterbuch, VEB Vlg. Enzyklopädie, Leipzig, Stichwort: Wissenschaft, 1965, 615 f.

9. Karl Marx, Das Kapital, Marx Engels Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1975,88

10.a.a.O.,95

11.a.a.O.,88

12.Karl Marx, Das Kapital, Band III, Berlin 1959,655

13. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Einleitung, Meiner Vlg. Hamburg, 1980,57

14.Karl Marx, Das Kapital, MEW 23, 27f.

15. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband I, 546

16.Karl Marx an Arnold Ruge, Kreuznach im September 1843, MEW 1,346

17.Vgl. Karl Marx, Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals, MEW 23, 16: „…daß die jetzige Gesellschaft kein fertiger Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist.“ An diesen fertigen Kristall klammert sich die Ideologie der Gegenrevolution, Nietzsche sprach schon in der „Fröhlichen Wissenschaft“ vom nichtgewordenen Kreislauf der Geschichte. Alles Werden sei nur innerhalb dieses Kreislaufs. Nach seiner Proklamation des Sieges des Seins über das Werden bezichtigt er alle Denker, die die Geschichte als einen ständig Neues produzierenden Prozess abbilden, der Theologie. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist für Nietzsche noch die mildeste Form der Grausamkeit des Lebens.

18. Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4,478. Engels weist bei der Behandlung der spezifisch kapitalistischen Wohnungsfrage durch den bürgerlichen Sozialismus darauf hin, daß dieser die Lösung dieser Frage durch die völlige Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft tabuisieren muss. „Er DARF (kursiv von Engels) sich die Wohnungsnot nicht aus den Verhältnissen erklären.“ (Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage, in: Marx Engels Werke Band IV, Dietz Verlag Berlin, 1920,220).

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