IST DER MARXISMUS ZEITLICH BEGRENZT ?

In ihrem Leitartikel der Märzausgabe der Roten Fahne 2008: „Zum 125. Todestag von Karl Marx“  fällt der verfängliche Satz: „Wer den Marxismus Leninismus als eine zeitgemäß begrenzte  Lehre betrachtet, hat den Marxismus Leninismus nicht begriffen.“  Es wird wohl Bezug genommen auf Auffassungen, daß der Marxismus Leninismus etwas Historisches und mit dem Zusammenbruch der Folgestaaten aus der Oktoberrevolution beerdigt worden sei. Hier sagt die Rote Fahne ganz richtig, daß diese Ansicht angesichts der immer krasser werdenden Widersprüche zwischen Lohnarbeit und Kapital illusorisch sei. Aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung hält heute die Bourgeoisie natürlich die asozialen und verkommenen Elemente hoch, die schon von vornherein die Arbeiter/innen um ihre Revolution betrügen wollen. Zugleich hätte aber unterstrichen werden müssen, daß es in der Tat ein Wesenskern des Marxismus Leninismus ist, daß dieser zeitgemäß begrenzt ist, daß er etwas historisch Vorübergehendes ist: Klassengesellschaften bedürfen Gesellschaftswissenschaften wie Gesellschaften ohne Klassen nur noch Naturwissenschaften. Wird bei zunehmender Kollektivierung der Produktion die revolutionäre Kampfpartei, die diese Kollektivierung historisch durchzusetzen hatte, aufgehoben, so wissenschaftsgeschichtlich der Marxismus Leninismus selbst als die letzte mögliche Gesellschaftswissenschaft in Klassengesellschaften. Die Dialektik der Geschichte macht vor dem Marxismus nicht Halt, wenn dieser als Anleitung zum Handeln, zum Sturz und zur Niederhaltung der Bourgeoisie betrachtet wird. Der Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital ist das Lebenselement des Marxismus, die Aufhebung dieses Gegensatzes sein „Todesurteil“. In dieser Beziehung schreibt Friedrich Engels Aufschlußreiches in seiner Kritik an der Dühringschen Pauschalisierung der menschlichen Moral, diese stehe nach dem Professor über der Geschichte und den heutigen Unterschieden der Völkerbeschaffenheit. „Aber über die Klassenmoral sind wir noch nicht hinaus. Eine über den Klassengegensätzen und über der Erinnerung an sie stehende, wirklich menschliche Moral wird erst möglich auf einer Gesellschaftsstufe, die den Klassengegensatz nicht nur überwunden, sondern auch für die Praxis des Lebens vergessen hat.“ 1. Der Klassengegensatz ist in der Lebenspraxis vergessen, nicht aber der Marxismus. Wer den Marxismus als zeitgemäß unbegrenzt ausgibt, schwimmt der nicht im Fahrwasser von Dühring ? Man mag einwenden: Stalin habe einmal gesagt, man könne den Marxismus Leninismus nicht vernichten, wer den Marxismus Leninismus vernichten will, müsse das Proletariat vernichten. Das war aber gegen die Ausbeuter gerichtet, die um Ausbeuter zu bleiben, das Proletariat gar nicht vernichten können. Die die Werte schaffenden Menschen kann man nicht vernichten. Aber wenn die Werktätigen die Ausbeuter vernichten, „vernichten“ sie zugleich den Marxismus Leninismus, der eindeutig der Periode der Klassengesellschaften und Klassenkämpfe zuzuordnen ist. Er wird historisch. Warum die Anführungszeichen ? Wird der Marxismus vergessen ? Nein, denn für alle Generationen im Kommunismus wird seine Vorgeschichte von Interesse sein, Engels sagt sogar: „von höchstem Interesse“, weil dieser Geschichtsabschnitt „…die Grundlage aller spätern höhern Entwicklung bildet, weil es die Herausbildung des Menschen aus dem Tierreich zum Ausgangspunkt, und zum Inhalt die Überwindung von solchen Schwierigkeiten hat, wie sie sich den zukünftigen assoziierten Menschen nie wieder entgegenstellen werden.“ 2.

Schauen wir uns einmal um und betrachten diejenigen, die sich als zeitlich nicht begrenzt betrachten. Als zeitlich nicht begrenzt betrachten sich natürlich die kapitalistischen Blutsauger, sie wollen ihr schmutziges Saugen am arbeitenden Menschen historisch verewigen, ewig existieren soll auch das Ausbeutungssystem BRD (Deutschland, Deutschland über alles, über alles auf der Welt, wohl auch über die Weltgeschichte…da wird das Lächerliche offenbar) mit seinen politischen und verwaltungstechnischen Anhängseln: SPD, FDP, CDU, NPD (1000 Jahre), Grüne…u.s.w., Bundeswehr, Polizei…u.s.w. In diesen staatstragenden Köpfen kommt es zwangsläufig zur Ausbreitung der metaphysischen Denkweise, die Kapitalisten haben Angst  vor der proletarischen Revolution, vor dem gesellschaftlichen Fortschritt, wollen und können die Geschichte nicht prozeßhaft weiterdenken. Da aber der Fortschritt  der Dialektik zwischen Produktivkräften und Produktionsmitteln unaufhaltsam ist, muss bürgerliche Ideologie die Massen durch Würfelverdrehung täuschen: metaphysisches Denken wird der Arbeiterklasse untergejubelt: Der Kommunismus will die Weltherrschaft, das Kapital macht frei (auf diesen Kern reduziert sich sozialdemokratische Ideolgie). Richtig ist: der Kommunismus beinhaltet eine Welt ohne Herrschaft, die Kapitalisten und ihre sozialdemokratischen Lakaien greifen bei einer ernsthaften Gefahr für den Systembestand zur faschistischen Diktatur. Wer also den Marxismus Leninsmus als zeitlich nicht begrenzt begreift, schreibt kapitalistische Herrschaft fest. Eine einfache Rückbesinnung auf den Satz des von Lenin sehr geschätzten antiken Philosophen Heraklit: „Alles fließt“ ist geeignet, den Marxismus nicht zum Fetischpopanz erstarren zu lassen. Wie vorsichtig man sein muss mit Ewigkeitspauschalisierungen zeigt eine Passage aus der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki): „Der gesamte Warenumsatz war in der Hand des Staates und der Genossenschaften zusammengefasst. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen war für immer beseitigt“. 3.

1. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Dietz Verlag Berlin 1972,106f.

2.a.a.O.,129f.

3. Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin 1946,414f.

Von Heinz Ahlreip

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