Gesine Schwans „persönlich-maßvolle“ Beziehung zu Karl Marx

Die Kandidatur von Gesine Schwan zum Amt der Bundespräsidentin sollte Anlaß genug sein, ihre vor 35 Jahren erschienene Habilitation über „Die Gesellschaftskritik von Karl Marx, Politökonomische und philosophische Voraussetzungen“ (1.) genauer unter die Lupe zu nehmen. Da es sich um eine komplexe Habilitationsthematik handelt, bitte ich Leser/innen vorweg um Verständnis für (zuviel?) Zitiererei. Ein Schwerpunkt der Habilitation von Gesine Schwan ist das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie.

Sie rechtfertigt eine weitere „philosophische“ Schrift zum Marxismus mit dem Hinweis auf die zunehmende Komplexität hochindustrieller Gesellschaften, in denen viele Beziehungen in die Brüche gingen, so dass viele, vorwiegend junge Menschen bei Marx Ordnung im Chaos suchten. (2.) Na ja !! Als Ergebnis einer chaotischen Ehescheidung greifen beide hinterher zum „Kapital“ !?

Der Marxismus entwickelt bekanntlich die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats von der Lohnarbeit und vom Kapital, wie denn auch diese Dialektik durch alle oberflächlich komplizierten Chaosgebilde der spätkapitalistischen Gesellschaft hindurch als roter Faden im Auge zu behalten ist (3.) Für Lenin war der Marxismus „….die allerrevolutionärste Doktrin der Welt.“ (4.)

Das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie ist seit der Spätschrift von Friedrich Engels: „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ (1888) geklärt: „Die Frage des Verhältnisses des Denkens zum Sein, des Geistes zur Natur, die höchste Frage der gesamten Philosophie hat also, nicht minder als alle Religion, ihre Wurzel in den bornierten und unwissenden Vorstellungen des Wildheitszustandes.“ (5.) Der Marxismus, führt Engels weiter aus, „…entschloß sich, die wirkliche Welt- Natur und Geschichte- so aufzufassen, wie sie sich selbst einem jeden gibt, der ohne vorgefaßte idealistische Schrullen an sie herantritt; man entschloß sich, jede idealistische Schrulle unbarmherzig zum Opfer zu bringen, die sich mit den in iihren eignen Zusammenhang, und in keinem phantastischen, aufgefaßten Tatsachen nicht in Einklang bringen ließ. Und weiter heißt Materialismus überhaupt nichts.“ (6.) Auf diese Schlüsselschrift, die vor Lenins Empiriokritizismus das durchdachteste philosophische Werk des Marxismus ist, geht Gesine Schwan nicht ein einziges mal (!) ein ! Dafür aber um so mehr und um so ausführlicher auf einen unausgereiften Text des jungen Marx, den dieser vom April bis August 1844 im Pariser Exil schrieb und der jahrzehntelang im Berliner Archiv der SPD lagerte.

Erst 1932 erschienen erstmals vollständig in deutscher Sprache die Pariser Manuskripte des jungen, 26jährigen Marx, denen man den Titel: „Ökonomisch Philosophische Manuskripte“ gab. Diese nicht zur Veröffentlichung, sondern zur Selbstverständigung, zudem fragmentarischen Manuskripte (7.) trugen noch einen geringen idealistischen und einen grösseren anthropologischen Charakter. Und es konnte nicht ausbleiben; gerade auf diese beiden Schwachstellen des Werkes stürzten sich die Revisionisten wie eine lechzende Meute, allen voran Herbert Marcuse. (8.) Nun sei Marx doch überwiegend ein Philosoph gewesen (9.), seine Theorie habe eine durchgehende philosophische Basis, ja eine Korrektur am späten Engels sei notwendig, Marx habe „…die innere Verbundenheit der revolutionären Theorie mit der Philosophie Hegels in aller Deutlichkeit ausgesprochen. “ (10.) Vergessen offensichtlich Marxens präzise Aussage im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, dass seine dialektische Methode „…der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil…“ (11.) sei. Die idealistische Dialektik Hegels ist nach Engels „unbrauchbar“ (12.), denn politisch lief sie bei Hegel auf eine ständische Monarchie hinaus, diese Dialektik kann die Arbeiterklasse in der Tat nicht gebrauchen. Und Gesine Schwan, die sich offen zur „philosophischen“, fast möchte man sagen hegelschen Tradition im (!) Marxismus bekennt (13.), radikalisiert Marcuse noch weiter nach rechts, geht noch weiter in die alte philosophische Wildnis zurück. „Marcuse…räumt immerhin ein, dass die Philosophie mit dem Aufweis der Möglichkeit der Entfremdung aus dem Wesen des Menschen ihre Grenze erreicht habe und das Aufzeigen des realen Ursprungs der Entfremdung Sache der ökonomisch-historischen Analyse sei. Ich kann ihm darin nicht zustimmen.“ (14.) Da Marx die Entfremdung intransingent aufheben will, deren Ursache der Philosoph Marx wie alle anderen Philosophen nie richtig geklärt habe, falle seine Theorie der Unglaubwürdigkeit anheim. (15.) Was Gesine Schwan auf keinen Fall möchte, ist eine radikale Weltveränderung der kapitalistsichen Ausbeuterordnung und so beschäftigt sie sich vornehm philosophisch mit dem Marxismus, sie schreibt ihren philosophsichen Unsinn hinter das Marx´sche Original, um den Marxismus förmlich zu entmannen. Oder, wenn man will: den Marxismus zu entwaffnen. Friedrich Engels bezeichnete gerade die materialistische Dialektik „…als unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe…“ (16.) , denn nur sie erfasst die schroffen Wendungen und Sprünge, Blitze in der Geschichte. Die Aprilthesen von Lenin waren 1917 gerade so ein Gedankenblitz, der die neue Welt mit einem Male hinstellte.  (Weshalb sie der alte materialistische Gelehrte G.W. Plechanow, der die Oktoberrevolution nicht verstand, als „Fieberphantasie“ abtat). Von solchen Fieberphantasien ist auch Frau Schwan weit entfernt: „Aber wir können den bedeutenden Hinweis aufgreifen, mit dem Marx auf Zusammenhänge zwischen der Arbeitswelt und den übrigen Daseinsweisen des Menschen zeigt. Diese Zusammenhänge…zu orten, wäre ein wichtiges Feld für die Wissenschaft, die sich in den Dienst einer praktsichen Politik stellt mit dem Ziel der schrittweisen Befreiung des Menschen von allen Unterordnungen, die er nicht selbstbewußt eingeht….“ (17.) Der Schlußsatz ihrer Habilitation kann nunmehr kaum noch überraschen: „Wer den Wert der Marxschen Theorie nicht daran mißt, ob sie als Heilslehre in ihren Jüngern innere Sicherheit, Selbstbestätigung und Überlegenheitsbewußtsein zu nähren vermag, sondern daran, welchen Beitrag sie für die Lösung der sozialen Probleme der konkreten Menschen hier und jetzt leistet, der wird zu dem Schluß kommen: Karl Marx-aber mit Maßen.“ (18.)

Hier ist nun jegliche Dialektik, egal ob materialistisch oder idealistisch, über Bord geworfen worden. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel packen. (19.)

Sollte Frau Schwan Bundespräsidentin werden, darf man gespannt sein auf ihren Beitrag zur schrittweisen Verbesserung der komplexen hochindustriellen Gesellschaft, zur schrittweisen Befreiung des Menschen von allen Unterordnungen, Schon ihre Kandidatur widerspricht dem, denn zur radikalen Befreiung des Menschen gehört die Überwindung des Staates, konkret: die Axt an die Wurzel der bürgerlichen Staatsmaschinerie legen, sie aber strebt ja gerade den allerhöchsten Repräsentanzposten der Diktatur der Bourgoisie an.

1. Gesine Schwan: Die Gesellschaftskritik von Karl Marx, Politökonomische und philosophische Voraussetzungen, Kohlhammer Vlg. 1975

2.a.a.O.,7

3. Vgl. auch: W.I. Lenin: Staat und Revolution: „Auf die Frage, warum besondere über die Gesellschaft gestellte und sich ihr entfremdende Formationen bewaffneter Menschen (Polizei, stehendes Heer) nötig geworden seien, ist der westeuropäische und russische Philister geneigt, mit ein paar bei Spencer und Michailowski entlehnten Phrasen zu antworten, auf die Komplizierung des öffentlichen Lebens, die Differenzierung der Funktionen u. dgl. m. hinzuweisen. Ein solcher Hinweis hat den Anschein der „Wissenschaftlichkeit“ und schläfert den Spießbürger vortrefflich ein. da er das Wichtigste und Grundlegende vertuscht: die Spaltung der Gesellschaft in einander unversöhnlich feindliche Klassen. (W.I. Lenin: Ausgewählte Werke, Progress Vlg. Moskau 1971, 292)

4.W.I. Lenin: Über den Partisanenkrieg, LW 11,210

5.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,275

6.a.a.O.,292

7. In der Vorbemerkung zu „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ gibt uns Friedrich Engels einen interessanten Hinweis zum Umgang mit marxistischen Frühschriften, selbst das Feuerbach-Kapitel aus der „Deutschen Ideologie“ von 1845 sei für seine Schrift über Feuerbach 1888 unbrauchbar gewesen, über 40 Jahre muß er auch feststellen, dass die „Deutsche Ideologie“ zeige, „…wie unvollständig unsere damaligen Kenntnisse der ökonomischen Geschichte damals noch waren.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach, a.a.O.,264) Bürgerliche und kleinbürgerliche Intellektuelle haben die Neigung, alle Werke großer Denker zu Klassikern zu machen,  eben weil sie Geistesschaffende sind (der Geist in sich selbst verliebt), sie gehen nicht vom Aspekt der Verwertbarkeit für die rauhe proletarische Revolution aus. Vom letzteren aber allein kann die Weiterentwicklung der Theorie ausgehen, denn man kann den Marxismus nicht weiterentwickeln, wenn man nicht die Revolution der Arbeiter und Bauern vorbereitet und umgekehrt.

8.Frei nach dem Sinnspruch des Blaise Pascal aus seinen Pensées: Der Philosophie spotten, das heißt wahrhaft philosophieren. (Blaise Pascal: Grösse und Elend des Menschen, Klett Vlg. Stuttgart 1947,52) Karl Korsch vertrat zum Beispiel die Auffassung, Marx sei in seinem Spätwerk immer philosophischer geworden. Die für bürgerliche Ideologie charakteristische Trennung von Theorie und Praxis habe Marx aufgehoben, das Bürgertum wollte die separierte Wirklichkeit nach Ideen verbessern. (siehe: Karl Korsch: Marxismus und Philosophie, Frankfurt Wien 1966,151 f.)

9.Siehe auch: Erich Fromm: Das Menschenbild bei Marx, Frankfurt/M. 1963. Neuerdings auch wieder Barbara Zehnpfennig: Einleitung zu Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Felix Meiner Vlg. Hamburg 2005. Die Manuskripte hätten für Marx einen bestimmenden Einfluß auf sein Gesamtwerk ähnlich wie Platons Frühdialoge und Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ für deren Gesamtwerk. (a.a.O., VIII f.) Die Reaktion verwässert gern den Marxismus philosophisch. So kommt der Jesuit Pater Calvez nach seinem Studium des Kapitals zu der Einsicht, diese ökonomische Theorie sei eine ganz und gar von Philosophie durchdrungene. (Vergleiche Jean-Yves Calvez SJ., Karl Marx. Darstellung und Kritik seines Denkens, Olten und Freiburg/Br. 1964,280).

10. Herbert Marcuse: Neue Quellen zur Grundlegung des Historischen Materialismus, Interpretation der neuveröffentlichten Texte von Marx, in: Die Gesellschaft, Jg. 9, 1932,174. Vergleiche dagegen Heinrich Heine: „Unsere philosophische Revolution ist beendet. Hegel hat ihren großen Kreis geschlossen.“ (Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland). Engels weist darauf hin: „Was aber weder dieRegierungen noch die Liberalen sahen, das sah bereits 1833 wenigstens ein Mann, und der hieß allerdings Heinrich Heine.“ (Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach…a.a.O.,265) Knapp 100 Jahre später hat Marcuse das noch nicht gesehen.

11.Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,27

12.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach…a.a.O.,292

13.Schwan,a.a.O.,10

14.Schwan,a.a.O.,145

15.Vgl. a.a.O.

16.Friedrich Engels, a.a.O.,293

17.Schwan, a.a.O.,134

18.Schwan, a.a.O.,135. Gesine Schwan erinnert mich an Joan Robinson, die die Marxschen Theoreme mit exakteren und verfeinerten Methoden moderner Analyse neu überprüfen wollte, um die schwachen von  den starken Seiten seiner Theorie zu trennen. Zu einem Ergebnis kam sie zum Beispiel beim Wertgesetz, das sie in den Bereich der Metaphysik ansiedelt. (Vergleiche Joan Robinson, An Essay on Marxian Economics, London (2. Auflage) 1947, Seite V f. und: Doktrinen der Wirtschaftswissenschaft, München 1965,50. Vergleiche auch: Ernst Theodor Mohl, Anmerkungen zur Marxrezeption, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, edition suhrkamp 226, 1967, 18).

19.Karl Marx, Zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie / Einleitung, MEW 1,385

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