Mit Ritterlichkeit aus der Finanzkrise

„Selbstdisziplin, Gerechtigkeitssinn, Ehrlichkeit, Fairness, Ritterlichkeit, Maßhalten, Gemeinsinn, Achtung vor der Menschenwürde des anderen, feste sittliche Normen – das alles sind Dinge, die die Menschen bereits mitbringen müssen, wenn sie auf den Markt gehen und sich im Wettbewerb miteinander messen.“ (1.) Wenn man diese Zeilen liest, reibt man sich verwundert die Augen. Wir wissen um die Realität im Kapitalismus, die arbeitenden Menschen werden „fair“ ausgebeutet, aber auch die Kapitalisten expropriieren sich untereinander, Marx hat das in die kurze Formel gefasst: „Je ein Kapitalist schlägt viele tot.“ (2.) U.a. Ritterlichkeit also, Gerechtigkeitssinn…u.s.w….mit diesen allerliebsten Tugenden will der Innenminister Wolfgang Schäuble den Ausweg aus der Finanzkrise finden, gerade auf gebildete Menschen, auf Professoren, die an das Verantwortungsgefühl der Bankdirektoren appellieren und deren raffgierigen Machenschaften dadurch verdunkeln, auf Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Joseph Schumpeter und Ludwig Erhard (Maßhalten) beruft er sich in seinem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. August 2009 in der Serie: Die Zukunft des Kapitalismus (Beitrag No 20), Titel: Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin. In diesem Aufsatz versteht sich Schäuble als eine Art Über-Ingenieur am kapitalistischen Finanzgetriebe (3.) , denn für ihn ist es in der Geschichte der BRD die erste Wirtschaftskrise, die die kapitalistische Wirtschaftsordnung nach 1945 in Frage stellt. Offensichtlich hat er aus dieser Krise nichts gelernt, denn er spricht sich eindeutig für den Eigennutz, allerdings nunmehr gebremste, sprich: gesunde Gier der Kapitalisten aus. „Der Hauptstock deutscher Moral und Ehrlichkeit, nicht nur der Individuen, sondern auch der Klassen, bildet vielmehr jener bescheidene Egoismus, welcher seine Beschränktheit geltend macht und gegen sich geltend machen läßt.“  (4.) Im übrigen: man kann keine Krise mit den Mitteln lösen, die zu ihr hingeführt haben, denn es irrt der Mensch so lang er strebt.  Wird die Gier gebremst, so wird nur die nächste Krise später eintreten. Ohne Eigennutz ginge es nicht ? Hätte Schäuble Recht, wäre der Kapitalismus für alle Ewigkeit festgeschrieben. Und doch gibt es ein für alle Zeit unvergängliches Kleinod der Weltgeschichte, ich meine die russischen Subbotniks während der Oktoberrevolution, an denen auch Lenin mitarbeitend teilnahm und bei denen der Eigennutz an letzter Stelle stand. (5.) Ohnehin sollte ein Christ wie Schäuble mehr zu den Subbotniks neigen, denn auch dem Christentum ist Eigennutz im tiefsten Kern wesensfremd. Die Subbotniks bleiben für immer in den Herzen aller ehrlichen, arbeitenden Menschen eingebrannt, die wegwollen vom primitiv-tierischen Eigennutzdenken und staatsfreie kollektive Wirtschaftsformen anstreben. Schäuble dagegen ruft den Staat an: „Der Staat ist in der Verantwortung, als Hüter und Gestalter unserer Wirtschaftsordnung Schlußfolgerungen zu ziehen, wie wir durch mäßigende Vorkehrungen künftigen Übertreibungen vorbeugen können…Wir müssen dafür sorgen, daß Krisen am Markt nicht systembedrohend für den Markt, Staat und Gesellschaft werden können“ (6.). Der die Ökonomie gestaltende Staat ?…das schlägt nun allerdings der modernen Gesellschaftswissenschaft mitten ins Gesicht. (7.) Wie gestaltet denn dieser Staat, in dem Schäuble Innenminister ist ? Auf unverschämte Weise hat die Regierung, die angeblich gegenüber ALG-II-Empfängern und Rentnern so sehr in Geldnot war, maroden Banken Milliarden an Kapitalhilfen und Garantien hinterhergeworfen ! Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin breiter Volksmassen ! Illusionär ist auch seine Idee, auf einen Berufsethos der Bankiers zu hoffen, statt des Bankers sei wieder der Bankier gefragt. Ob Bankier oder Banker, beide scheren sich nicht im geringsten um bürgerliche Moral, sondern ziehen, wie Lenin es formulierte, in der Phase des Imperialismus dem Ochsen gleich zweimal das Fell über die Ohren, sie sind doppelt so schlimm wie die klassischen Kapitalisten. Das entspringt aber keinesfalls ihrem bösen Willen, sondern wird von den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der imperialistischen Phase des Kapitalismus diktiert. Angesichts der Armut des Volkes ist also nicht das Berufsethos des Bankiers, es sind vielmehr Expropriationen der Banken gefragt. Ebenso illusionär ist sein Aufruf nach einer neuen „Kultur der Mäßigung und Verantwortung“. (8.) Wir müssen an dieser Stelle auch den Horizont Wolfgang Schäubles erweitern: der Ingenieur müht sich an einem Finanzgetriebe ab mit der Intention, dieses in Zukunft krisenfrei zu machen. Aber die nächste Krise ist doch unvermeidbar. „Man baut einen Damm auf der einen Seite, und irgendwann kommt das Wasser von der anderen Seite.“ (9.) Engels hat den Rhythmus der kapitalistischen Wirtschaft in folgende Worte gekleidet: „…Bankrott folgt auf Bankrott…bis Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt sich die Gangart, fällt in Trab, der industrielle Trab geht über in Galopp,und dieser steigert sich wieder zur zügellosen Karriere einer vollständigen industriellen, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen Steeple-chase (Hindernisrennen/H.A.), um endlich nach den halsbrechendsten Sprüngen wieder anzulangen- im Graben des Krachs. Und so immer von neuem.“ (10.) Selbst wenn man also mit Ritterlichkeit aus der Finanzkrise gelangen sollte, mit christdemokratischen „Maß und Mitte…Vermeidung von Übertreibungen und die Besinnung auf das bonum commune unserer Republik…“ (11.) , die nächste Krise kommt bestimmt. Es werden immer viel gelehrte Worte gebraucht, man wirft mit Fremdwörtern um sich, dem Volk unverständlich, durchleuchtet man den Artikel von Schäuble aber genauer, so ergibt sich, dass er sich als ein Pol Pot des Steinzeitkapitalismus erweist. Aus der kapitalistischen Krisenwirtschaft gibt es keinen anderen Ausweg als die proletarische Revolution, und dann kann auf die Fahne geschrieben werden: Die Kommune siegt über den Eigennutz. Schon in seiner Dissertation: „Differenz der demokritischen und epikureischen Philosophie“ entwickelte Karl Marx interessante Gedanken über die abstrakte Einzelheit: „Die abstrakte Einzelheit ist die Freiheit vom Dasein, nicht die Freiheit im Dasein. Sie vermag nicht im Licht des Daseins zu leuchten.“ 12. Die Verfechter von Subjektivität schreiben die Fremdbestimmung des Subjektes fest. So hat uns der Aufsatz von Schäuble keine Erleuchtung gebracht.

Es bleibt jetzt nur noch, auf die Ritterlichkeit Schäubles selbst zu sprechen zu kommen. Ist es ritterlich, von einem Waffenhändler (!) Schreiber, gegen den jetzt Ermitllungsverfahren der Staatsanwalt Augsburg laufen, nach einem Sponsorenessen der CDU 100 000 DM als Spende anzunehmen, die dann in keinem Rechenschaftsbericht auftauchen ? Ich glaube, wenn einer Anspruch auf Ritterlichkeit erheben kann, so ist es Friedrich Engels. (13.)

1.) Zitiert nach: „Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin“ von Wolfgang Schäuble, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. August 2009, 29. Dieser Satz stammt von Wilhelm Röpke, es genügen ein paar Angaben zu seiner Person: geboren 1899 in Schwarmstedt bei Hannover, gestorben 1966 in Genf. Hauptvertreter des Neoliberalismus und Begründer der „sozialen“ Marktwirtschaft, die landläufig mit dem Namen Ludwig Erhard in Verbindung gebracht wird. Der Sohn eines Landarztes war strikt gegen jede Form des Kollektivismus, hatte also volksfeindliche Ambitionen und so verwundert es nicht, daß er eine Gatprofessur bei der Rockefeller Stiftung in den USA innehatte.

2.Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,790

3.“Allerdings dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, daß es mit ein paar Justierungen an den Stellschrauben der Finanzmarktregulierung getan sein wird.“ Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. August 2009, 29

4.Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie/Einleitung, MEW 1, Dietz Vlg. Berlin 1957, 389

5.Streng genommen muß auch noch der Urkommunismus genannt werden, der persönlche Anreiz und das Eigennutzdenken  konnten erst auftreten, nachdem ein Überschuß über das Lebensnotwendigste produziert werden konnte, erst ab hier datiert auch ein Staat. (Siehe W.I. Lenin: Über den Staat – Vorlesung an der Swerdlow Universität, in: Ausgewählte Werke, Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1970,296). Aber seitdem wir die Produktion bei Vergesellschaftung der Produktionsmittel ins Unendliche vermehren können, ist dieser traditionelle, für Klassengesellschaften charakteristische persönliche Anreiz obsolet. „Erst die durch die große Industrie erreichte ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, die Arbeit auf alle Gesellschaftsglieder ohne Ausnahme zu verteilen und dadurch die Arbeitszeit eines jeden so zu beschränken, daß für alle hinreichend freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft – theoretischen wie praktischen – zu beteiligen. Erst jetzt also ist jede herrschende und ausbeutende Klasse überflüssig, ja ein Hindernis der gesellschaftlichen Entwicklung geworden.“ (Friedrich Engels, Anti-Dühring, in: Marx Engels: Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972, 201) Das Kontinuum der primitiven Privataneigung ließe nach dem Ausgang aus dem Urkommunismus nur eine terroristische Geschichtsauffassung zu, dies um so mehr nach dem I. und II. Weltkrieg, man begreift daher sofort die weltgeschichtliche Bedeutung der Oktoberrevolution und der Subbotniks. Die Subbotniks, das war der Urkommunismus, nunmehr auf der Stufe der Zivilisation. Es gibt eine Alternative zur kapitalistischen Kriegsbarbarei.

6.)Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. August 2009, 29

7.) Der seit der Renaissance einsetzende Ablösungsprozess von mittelalterlichen Weltbildern und die Dominanzverschiebung zu einer neuen Herrin, von der Religion zur Poltik, mit einer neuen Selbstbestimmung der ganzen menschlichen Daseinsweise wird von Rousseau während seines Venedigaufenthalts 1743 prägnant erfasst. Er erkannte, daß in Zukunft das Schicksal der Menschheit von der Politik bestimmt wird, wie bisher von Religion und Metaphysik. Es ist deshalb nur folgerichtig, daß Marat die Wissenschaft von der Politik für die wichtigste hielt, für Napoleon war die Politik eine unentrinnbare Schicksalsmacht. Die seit dem Aufkommen der großen Industrie einsetzende Arbeiterbewegung intendiert die völlige Selbsterschöpfung der Politik durch die völlige Durchpolitisierung aller auf der ökonomischen Struktur beruhenden gesellschaftlichen Lebensbereiche. Engels schrieb, daß er in Manchester mit der Nase auf die Tatsache gestoßen wurde, daß nicht der Staat die Ökonomie bestimmt, sondern umgekehrt. Schäuble scheint hier ganz Christ zu sein. Wie der Mensch, der durch den religiösen Fusel der Pfaffen sich selbst ganz verloren hat, sich nicht mehr um seine eigene Achse dreht,   in einer Lebenskrise Gott anruft, so ruft der Innenminister in einer Finanzkrise den Staat an. Ja den Staat und immer wieder den Staat, den Staat: er fällt auf einen Schein rein, auf den auch schon Hegel hereingefallen ist, der Staat bestimme die Gesellschaft. „Wie beim einzelnen Menschen alle Triebkräfte seiner Handlungen durch seinen Kopf hindurchgehen, sich in Beweggründe seines Willens verwandeln müssen, um ihn zum Handeln zu bringen, so müssen auch alle Bedürfnisse der bürgerliche Gesellschaft- gleichviel, welche Klasse grade herrscht – durch den Staatswilen hindurchgehn, um allgemeine Geltung in Form von Gesetzen zu erhalten…daß in der modernen Geschichte der Staatswille im großen und ganzen bestimmt wird durch die wechselnden Bedürfnisse der bürgerlichen Gesellschaft, durch die Übermacht dieser oder jener Klasse, in letzter Instanz durch die Entwicklung der Produktivkräfte und der Austauschverhältnisse.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,300).

8.) Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, a.a.O.,31

9.) So Bundesbankpräsident Axel Weber auf einen Symposion  des Kieler Instituts für Weltwirtschaft auf Schloß Plön am 12.9. 2009, siehe: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.9. 2009,12: In einer Welt voller Unsicherheit. Thomas Morus sprach weise Worte, auch für Herrn Schäuble, dass ein Gesellschaftskörper nicht geheilt werden kann, „…solange jeder sein persönliches Eigentum besitzt. Während man nämlich auf der einen Seite zu heilen versucht, verschlimmert man die Wunde auf der anderen.“ (Thomas Morus, Utopia, ,in: Der utopische Staat, Rowohlt Verlag Hamburg, 2008,45)

10.)Friedrich Engels: Anti-Dühring, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972, 302 f.

11.)Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. August 2009, 31

12.)Karl Marx, Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie nebst einem Anhange (Dissertation), in: Marx Engels Werke Ergänzungsband Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1974, 294

13.) „Produziert mit Bewußtsein, als Menschen, nicht als zersplitterte Atome ohne Gattungsbewußtsein…“ (Friedrich Engels, Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie, MEW 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,515) Zwei hochkarätige bürgerliche Ökonomen haben bei einem Symposion des Kieler Instituts für Weltwirtschaft am 12.9. 2009 ihr neues Buch vorgestellt: „Animal Spirits“. George Akerlof von der Berkeley Universität ist Nobelpreisträger und Robert Shiller lehrt Ökonomie an  der Yale Universität. Bereits John Maynard Keynes hatte diese Animal Spirits als Triebkraft der Wirtschaft bezeichnet. Der Mensch sei letztendlich kein rationales Wesen, Animal Spirits heißt wörtlich übersetzt: Tierische Geister. Hier haben wir das Niveau der bürgerlichen Ökonomie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. (siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.9. 2009, 12: In einer Welt voller Unsicherheit). Obwohl schon René Descartes, der Vater des Rationalismus, im 17. Jahrhundert philosophisch argumentativ nachwies, dass die Sonne uns durch die Sinne kleiner erscheine als die Erde, nach mathematischer Berechnung aber größer sein müsse, wir also rationale Wesen sind. Gleichwohl spiegelt die Theorie Keynes etwas richtig wider: unter kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen ist nur das Tierische das Menschliche und das Menschliche das Tierische. Die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit durch ihre Arbeitskreativität kommt für die Masse der Proletarier nicht über das Tierische hinaus. Bei Marx heißt es wörtlich: „Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.“ (Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Die entfremdete Arbeit , 1844, in: Marx Engels Werke Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Vlg. Berlin 1974, 515)

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