„Liebling der Partei“ Anmerkungen zu Bucharin und Steigerwald

„Das Schlimme aber ist,  daß Bucharin nicht an Bescheidenheit leidet. Das Schlimme ist, daß er nicht nur nicht an Bescheidenheit leidet, sondern sich sogar unterfängt, unseren Lehrer Lenin in einer ganzen Reihe von Fragen zu belehren…“ Stalin: Über die rechte Abweichung in der KPdSU (B) Stalin Werke Band 12, Dietz Verlag Berlin, 1954, 62

Es steht außer Zweifel, daß in Lenins sog. Testament Bucharin als „Liebling der Partei“ bezeichnet wurde, als eine hervorragende Kraft, als ein überaus wertvoller und bedeutender Theoretiker der Partei, alles sehr positive Einschätzungen, wenn aber die materialistische Dialektik die Seele des Marxismus ist, so befindet sich im Testament ein Teufelsfuß: „…er (Bucharin) hat die Dialektik nie studiert und, ich glaube, nie vollständig begriffen.“ (Lenin: Brief an den Parteitag 24.12.1924, LW 36, 579. Auf den „Liebling“ spielt Stalin in seiner Rede über die rechte Abweichung in der KPdSU (B) an, wenn er ausführt: „Im Altertum sagte man von dem Philosophen Plato: wir lieben Plato, die Wahrheit aber noch mehr. Dasselbe könnte man auch von Bucharin sagen: Wir lieben Bucharin, aber die Wahrheit, aber die Partei, aber die Komintern lieben wir noch mehr.“ Stalin Werke Band 12, Über die rechte Abweichung in der KPdSU (B), 21).  Es muß der Naivität Bucharins zugeschrieben werden, nicht gemerkt zu haben, welche für ihn gefährliche Brisanz in dieser Aussage steckte. Ohne die materialistische Dialektik begriffen zu haben, gerät man leicht auf Abwege: so erschienen Mitte der 30er Jahre in der Emigrantenzeitschrift „The New Leader“ ein „Brief eines alten Bolschewisten“, in dem der Altbolschewik mit den bisherigen sog. stalinistischen „Schauprozessen“ abrechnete. Herausgegeben wurde diese Zeitschrift von dem Menschewisten Levitas, der stellvertretender Bürgermeister von Wladiwostok war und 1923 vor dem Bolschewismus in die USA floh, der Autor des Briefes war Bucharin.

Vor seinem Prozess schrieb der Lehrersohn Bucharin am 12. Dezember 1937 einen Brief an Stalin, in dem er bat „…mich für x Jahre nach Amerika auszuweisen. Die Argumente, die dafür sprechen , sind: Ich würde eine Kampagne zu den Prozessen und einen gnadenlosen Kampf gegen Trotzki führen, ich würde bedeutende Schichten der schwankenden Intelligenz für uns gewinnen, ich würde taktisch der Anti-Trotzki sein und würde die Sache mit großen Elan und direkt mit Enthusiasmus betreiben: man könnte einen qualifizierten Tschekisten mit mir mitschicken und als zusätzliche Garantie meine Frau für ein halbes Jahr hier festhalten, bis ich in der Praxis bewiesen habe, wie es mir gelingt, Trotzki & Co in die Fresse zu hauen usw…“ Im gleichen Brief: „…ich habe gelernt, Dich mit Vernunft zu schätzen und zu lieben.“ Kann man denn Liebe lernen ? (http://www.stalinwerke.de/mp/mp/bucharinbrief.html).

Am 30.5.2005 erschien im Dietz Verlag Berlin ein interessantes, 480 Seiten starkes Buch von Nikolai Bucharin: „Philosophische Arabesken“, interessant insofern, als es die Schriften  enthält, die Bucharin in seiner Untersuchungshaft vor seinem Prozess in Moskau geschrieben hat. Die bürgerlichen Ideologen haben Greuelmärchen über Folterungen im Gefängnis Lubjanka erfunden, das Buch selbst gibt in seinen Anmerkungen Aufschluß darüber, daß die Gefängnisbibliothek erstklassig ausgestattet war, auch durfte Bucharins Frau Bücher aus seiner Privatbibliothek mitbringen, besonders die über die Ideologie des deutschen Faschismus, die Bucharin 1936 in Berlin gekauft hatte. Vor allem aber gibt das Buch Auskunft über die intellektuelle Degenerierung Bucharins, Sätze wie: „Doch eine Religion ist gut, wenn sie eine materialistische ist ! Die Eschatologie ist gut, wenn der Sozialismus schon Tatsache ist ! Der Messianismus (als Utopie verstanden) ist gut, wenn er Hunderte Millionen in seinen Bann zieht und – die Hauptsache – siegt ! Und wie er siegt !“ Sätze, in denen man den wissenschaftlichen Sozialismus auch mit der Lupe nicht findet, eine wirre Vermengung religiöser Fundamentalsehnsüchte, und das nach der Schrift von Friedrich Engels: „Die Umwandlung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft.“ ! (1.)  Inwiefern Theodor Bergmann in einer Art Einleitung (Zur vorliegenden Edition der „Philosophischen Arabesken“ von Nikolai Bucharin) darin eine Weiterentwicklung des Marxismus erblickt, bleibt sein Geheimnis und ihm überlassen, das von ihm dem Prozess gegen Bucharin zugeschriebene Kafkaeske ist wohl eher in der geistigen Verwirrung Bucharins zu verorten. Sehr aufschlußreich für den intellektuellen Verfall Bucharins sind die Mitteilungen seines Schülers, des Wirtschaftswissenschaftlers Alexander Eichenwald 2., der Bucharin im Gefängnis besuchte. Eichenwald war sehr erstaunt, als Bucharin ihm die Hauptkontur seines neusten Buchprojekts skizzierte: er wolle ein Buch über die menschliche Natur und den Wert des Lebens schreiben. Und da soll man nicht erstaunt sein, zumal schon der gute alte Professor Eugen Dühring  der Arbeiterklasse 1865 das Buch „Der Werth des Lebens“ offerierte. „Zu seiner noch größeren Verwunderung aber, habe er erfahren müssen, daß Bucharin mit Eifer bemüht war, ihn von seiner neuen wissenschaftlichen Aufgabe zu überzeugen. Alle Ideologie, Ökonomie und Politik seien zu vergessen. Es komme darauf an,den Sinn und den Wert des menschlichen Lebens zu ergründen.“ 3.  Am Ende des intellektuellen Lebenswegs von Bucharin steht ganz wie in Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“  die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens. 4. Eine recht interessante Weiterentwicklung des Marxismus !! Am Ende vergisst Bucharin Ideologie, Ökonomie und Politik ! Er hat zu einem subjektivistischen Ansatz gefunden und bestätigt ganz Lenins Aussage, dass er die Dialektik nicht begriffen habe. Die Gesellschaft entwickelt sich bekanntlich nach den drei dialektischen Grundgesetzen: Einheit und Kampf der Gegensätze (Bourgeoisie/Proletariat), Umschlag von Quantität in Qualität, Abbrechen der Allmählichkeit, revolutionäre Sprünge und Negation der Negation (staatenlose Urgesellschaft, Gesellschaften, die auf verschiedenen Formen des Privateigentums an Produktionsmitteln beruhen und Sozialismus/Kommunismus) Bei der adialektischen Betrachtungsweise der Bewegung “ bleibt die Selbstbewegung, ihre treibende Kraft, ihre Quelle, ihr Motiv im Dunkel (oder diese Quelle wird nach außen verlegt – Gott, Subjekt etc.)“  5.Legt nicht Bucharin die treibende Kraft ins Subjekt, wenn er sich am Ende einer anthropologischen Fragestellung zuwendet ? Das ist ganz die Fragestellung, die Kant der Philosophie aufgegeben hat: Was ist der Mensch ?, die gleiche Fragestellung, mit der sich auch die Generalsekretärin der SPD, Andrea Nahles, in ihrem Buch: „Andrea Nahles Frau gläubig links“ 6. fast manisch befasst. Und so hat er am Ende seines letzten Aufsatzes  „Lenin als Philosoph“ die wohl richtige Ahnung gehabt, Stalin als den Lenin seiner Zeit einzusetzen: „Lenins Genius ist von uns gegangen. Die Epoche aber bringt die Menschen hervor,  die sie braucht. Der neue Gang der Geschichte hat Stalin auf seinen Platz gestellt, der in das Zentrum seines Denkens und Handelns die nächste Etappe der Geschichte gerückt hat, in der der Sozialismus unter seiner Führung für immer gesiegt hat.“ 7. Der Leser entscheide selbst, in wessen Kopf und in wessen Händen die sozialistische Gesellschaft der Sowjetunion besser aufgehoben war: in einem Kopf, der Ideologie, Ökonomie und Politik vergessen wollte oder in einem Kopf, der sich immer bescheiden als Schüler Lenins bezeichnete. Die Sache liegt doch klar auf der Hand. Heute ist es aber gerade ein ganzer mit guten finanziellen Mitteln ausgestatteter Schwarm kleinbürgerlicher, linkstuender Intellektueller, die den Buchmarkt vollstopfen mit schmutzig entnervenden Ergüssen, wie problematisch doch die ganzen Verhältnisse zwischen Trotzkismus und Bucharinismus seien und die alle darauf hinauslaufen, die Geheimrede Crutschows zu bestätigen. Klar haben diese Kreise Probleme mit Stalin und der Diktatur des Proletariats und es ist ihr Bestreben, die linke Diskussion zu dominieren. Am Ende stehen keine harten Klassenkämpfer, sondern verunsicherte Wackelkandidaten…für wen soll  man sich denn nun entscheiden, der Marxismus ist ja so pluralistisch auslegbar. Die kleinbürgerlichen Intellektuellen müssen nun einmal alles widersprüchlich machen und wähnen sich dann in der Tradition der großen Dialektiker. Sie irren sich. Engels bezeichnete bekanntlich die primär von Marx entwickelte  materialistische Dialektik als „…unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe…“ 8. , die Lenin vertiefte. Vergleicht man die Darstellung dieser fundamentalen methodologischen Frage zwichen Bucharin und Stalin, so ist der Gegensatz ein diametral entgegengesetzter. In Bucharins Schrift „Lenin als Marxist“ lesen wir: „Verstehen wir aber unter Marxismus nicht die Summe von Ideen, wie sie bei Marx vorlag, sondern dieses Instrument, diese Methodologie, die  dem Marxismus zugrunde liegt, so begreift es sich von selbst, dass der Leninismus keineswegs etwas darstellt, was die Methodologie der Marxschen Lehren modifizieren oder revidieren würde. Im Gegenteil, in diesem Sinne ist der Leninismus die vollständige Rückkehr zu dem Marxismus, wie er von Marx und Engels selbst formuliert worden ist.“ 9.Dagegen entwickelt Stalin in seinen Vorlesungen an der Swerdlow Universität : „Über die Grundlagen des Leninismus“, dass die Methode Lenins keine „einfache Wiederherstellung dessen ist, was uns Marx gegeben hat. In Wirklichkeit ist die Methode Lenins nicht nur die Wiederherstellung, sondern auch die Konkretisierung und Fortentwicklung der kritischen revolutionären Methode von Marx, seiner materialistsichen Dialektik.“10.

Ein fundamentales Kapitel in den „Arabesken“ ist zweifellos das “ Über die Dialektik Hegels und die Dialektik von Marx“, das aber im Grunde primär nur ein, in Zügen gelungenes Referat der Hegelschen Logik darstellt mit einer stiefmütterlichen Behandlung von Marx am Ende. Was hätte näher gelegen, als beide Dialektiken ineinander zu spiegeln, die Dialektik der objektiven idealistischen Interpretation der Weltentwicklung,  bei der dem Philosophen nur das bloße Zusehen bleibt und die der revolutionären Weltveränderung durch den proletarischen Revolutionär. Der Idealist Hegel fixiert seine Dialektik in der konstitutionellen Monarchie Preußens und liefert damit eine ideologische Weltinterpretation, opfert die dynamische Entwicklungstotalität einer unabänderlichen geschichtsfinalen Klassenherrschaft. Am Ende des mißglückten Vergleichs, besser: der unterlassenen Kontrastierung, denn Marx sagt, seine Methode sei der Hegelschen direkt entgegengesetzt,  streift Bucharin Momente seiner Vision des Kommunismus: „Die Ethik wächst hinüber in eine eigentümliche Ästhetik, und die „Pflicht“ verwandelt sich in einen einfachen Instinkt, in den wunderbaren Reflex eines normalen Menschen.“ 11.) Mit einem rätselhaften Hinüberwachsen von Ethik in Ästhetik dürften sich Generationen von Philosophen und Kunstwissenschaftlern beschäftigen, wenn denn Bucharin Gewicht für die kommunistische Weltbewegung hätte, in wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht besteht der fundamentale Unterschied zwischen der bürgerlichen und der kommunistischen  Gesellschaft darin, dass es in letzterer keine Gesellschaftswissenschaften mehr zu lehren gibt, da deren Bedingung, die Klassenspaltung, überwunden ist. Das stellt natürlich eine Umkehrung des Hegelschen Idealismus dar, für den die Natur, von der  Idee entfremdet, nur ein Leichnam des Verstandes war.  Bucharin hat diese Umkehrung in ihrem vollen Umfang nicht begriffen und gerade dieser Verhegelung Bucharins ist es auch geschuldet, dass er in seinem Artikel: „Über Wissenschaft und Philosophie“  zu einer falschen Positionierung der Philosophie sowohl zu den Natur- als auch zu den Gesellschaftswissenschaften kommt. Für Hegel war die Philosophie die über alle anderen Wissenschaften schwebende und diese erst im Gesamtprozess des Weltgeistes  richtig deutende Königin 12., eine analoge Aufgabe weist Bucharin der Philosophie des historischen Materialismus zu, sie habe die empirischen Einzelerkenntnisse „…in ein geordnetes Ganzes zusammenzufassen, sich zum Allgemeinen hin zu bewegen, zum Universum mit seinen universellen  Zusammenhängen, Verhältnissen und Gesetzen. Das aber bedeutet sich auf die Philosophie in ihrer modernen und höchsten Form, sich auf die Philosophie des dialektischen Materialismus hin zu bewegen. Sie ist keine Einzelwissenschaft „an sich“. Sie deckt die allgemeinsten, universellen und tiefsten Gesetze und Zusammenhänge auf und formuliert sie, dabei in ihrer Wechselbeziehung mit dem Besonderen und dem Einzelnen.“ 13. Eine Formulierung, die die typische Hegelsche Triade wiedergibt. Aber es ist nicht mit der Ersetzung der idealistischen Himmelsstürmerei durch die materialistische getan,  vielmehr hat die Entwicklung der Wissenschaften selbst den Nachweis erbracht, dass sie keiner  behütende Philosphie mehr über sich bedürfen. Ganz nüchtern hat Friedrich Engels im „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“  entwickelt, dass die Wissenschaften die notwendigen Zusammenhänge immanent sowohl in ihren eigenen Disziplinen als auch interdisziplinär selbst herstellen können, also ganz irdisch bleiben und zur Herstellung des Gesamtzusammenhangs philosophieabstinent bleiben können. Jeder Versuch einer Wiederbelebung von Natur- und Gesellschaftsphilosophien „…wäre ein Rückschritt.“14. Die markanteste Stelle von Engels zum Bedeutungswandel der Philosophie findet sich in der Spätschrift: „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“: „Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen – die formelle Logik und die Dialektik. Alles andere geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.“ 15. Im dialektischen Materialismus sind nämlich Existenz und Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften an Existenz und Entwicklung von Klassengesellschaften und den ihnen immanenten entfremdeten Beziehungen unter den Menschen gebunden. Klassengesellschaften bedürfen Gesellschaftswissenschaften wie Gesellschaften ohne Klassen nur noch Naturwissenschaften. Wird bei zunehmender Kollektivierung der Produktion die revolutionäre Kampfpartei aufgehoben, so wissenschaftsgeschichtlich der Marxismus selbst als die letzte mögliche Gesellschaftsswissenschaft in Klassengesellschaften. „Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen. Die Naturwissenschaft wird später ebensowohl die Wissenschaft von dem Menschen wie die Wisenschaft von dem Menschen die Naturwissenschaft unter sich subsumieren: es wird eine Wissenschaft sein.“ 16. Dem stand eine Dualisierung der Wissenschaft selbst noch im Kommunismus im Wörterbuch der DDR Stichwort: Wissenschaft entgegen: „…daß die Verwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft keine Angelegenheit der Naturwissenschaft allein ist, sondern im Zusammenwirken von Naturwissenschaft und Gesellschaftswissenschaft erfolgt.“ 17.

Im Gefängnis verfasste er 1938 auch eine Art Abschiedsbrief, der an die künftige Generation führender Parteifunktionäre gerichtet war, und in dem er seine Unschuld beteuerte. Führende Funktionäre würden ihn eines Tages rehabilitieren. Für einen Marxisten fürwahr ein merkwürdiger Aufruf. Bekanntlich wurde Bucharin im Namen des Volkes verurteilt, nur das Volk spricht dann auch eine Rehabilitierung aus. Die Rehabilitierung des Volksfeindes Bucharin im Februar 1988 durch… wen wohl ?… durch den Sozialdemokraten Gorbatschow ist daher juristisch nichtig, sie ist gegenstandslos. Volksfeinde können keine Volksfeinde rehabilitieren. Alle „Humanisten“, die gegen Stalin aufstehen, sollten bedenken, dass in der Periode des Brester Friedens 1918 zum Beispiel Bucharin, als er die Mehrheit im Moskauer Gebietsbüro der KP hatte, zusammen mit den „linken“ Kommunisten, die eine abenteuerliche Politik der Fortsetzung des Krieges gegen deutsche imperialistische Truppen mit unterlegegen Kräften verfochten, die Unterordnung unter das ZK, das sich mit Lenin für den Brester Frieden ausgesprochen hatte, zu verweigern. Er versuchte mit linken Sozialrevolutionären einen Block zu bilden. Im April 1929 führte Stalin in seiner Rede auf dem Plenum des ZK und der KPdSU (B) aus, was Bucharin mit den linken Sozialrevolutionären ausgemacht hat, ist uns leider noch unbekannt. 18. Erst der Moskauer Prozess gegen Bucharin, gegen den Block der Rechten und Trotzkisten, deckte auf, dass Bucharin Lenin  ermorden wollte.

Betrachten wir kurz Bucharin als Ökonomen: Aufschlußreich sind die Randnotizen, die Lenin an seinem Buch: „Ökonomik der Transformationsperiode“ vornahm, Bucharin schrieb: „…sobald wir eine organisierte gesellschaftliche Wirtschaft betrachten, verschwinden alle grundlegenden „Probleme“ der politischen Ökonomie: Die Probleme des Werts,des Preises, des Profits usw…Auf diese Weise bedeutet das Ende der kapitalistischen Warenproduktion auch das Ende der politischen Ökonomie“ 19. Das ist sehr lassellanistisch, Lenin bemerkte deshalb auch: „Falsch. Sogar im reinen Kommunismus zumindest das Verhältnis  Iv + m zu IIc ? Und die Akkumulation ?“ 20.

In der Zeitschrift „Marxistische Blätter“ vom 10.11. 2007 hat Dr. h.c. Robert Steigerwald einen Aufsatz über Stalin verfasst, dessen Überschrift ein Satz aus einem Brief Bucharins  an Stalin bildet: „Koba (Untergrundname von Stalin), wozu brauchst Du meinen Tod ? “ Er kommt zu dem Schluß, daß die Greuel des Stalinismus gezeigt hätten, dass Kommunisten das Räte- bzw. das Sowjetsystem aufzugeben und stattdessen eine auf Gewaltenteilung basierende Republik anzustreben hätten. Das geht natürlich weiter als die Forderung der Kronstädter Matrosen: Sowjets ohne Bolschewiki, der Gedanke der Diktatur des Proletariats soll fallengelassen werden. Steigerwald geht an die Frage der Demokratie und Diktatur pauschal ran, während Lenin uns gerade lehrte, dass die Diktatur des Proletariats ein Höchstmaß an Diktatur GEGEN die alten Ausbeuter und ein Höchstmaß an Demokratie FÜR die bisher unterdrückten Volksmassen bedeutet. Demokratie charakterisiert nur eine der möglichen Herrschaftsformen in Klassengesellschaften. Weder sind die gesellschaftlichen Beziehungskomplexe in Geschlechtsverbänden vor dem aus der Überschußproduktion resultierenden Aufkommen des Staates als demokratisch zu bezeichnen, als habe es jemals so etwas wie eine Urdemokratie gegeben, noch die im Kommunismus, wo die Aufhebung des Staates auch die Aufhebung der Demokratie bedeutet. Eingehendere Analyse würde verdeutlichen, daß Demokratie heute überhaupt das letzte politische Modewort ist, in das sich konterrevolutionäres Gedankengut flüchtet und konserviert. Heute wollen alle Demokraten sein und alle wollen den Marxisten den Boden entziehen, notfalls durch Verbot ihrer Partei, wenn diese mit ihrer Dialektik von Revolution und Konterrevolution ankommen. Revolution und Konterrevolution ! was soll denn das ? Leben wir denn nicht in der allerdemokratischten Republik ?! Aber aus dieser Dialektik heraus hat Engels Bebel einen interessanten Hinweis gegeben: „…solange das Proletariat den Staat noch gebraucht, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf zu bestehen.“ (21.) Steigerwald meint, eine antikapitalistische Herrschaftsform müsse  sich in der Form einer demokratischen Republik gestalten, wie sie der späte Engels konzipierte. Aber in diesem Konzept ist ganz gewiß die Gewalt enthalten (Niederhaltung der Gegner).Steigerwald wörtlich: „Es ist auch zu bedenken, daß ein neuer Anlauf zum Sozialismus bei uns nur möglich sein dürfte, wenn breitere Massen des Volkes diesen Anlauf bewirken, und eine solche Volksbewegung wird durchaus nicht homogen in sozialer, politischer und weltanschaulicher Hinsicht sein. Das aber hätte Konsequenzen für eine sich aus solch einer Bewegung ergebende Staatsmacht. Es sind Koalitionsregierungen und politisch-parlamentarische Fraktionen möglich 22., das also wäre der Staatstypus der demokratischen Republik, ganz so, wie ihn der späte Engels einmal meinte. (google: bucharin steigerwald „Koba, wozu brauchst Du meinen Tod ? Bucharin an Stalin (Linksnet). Der späte Engels ? Der späte Engels hat viel geschrieben. Die Staatsfrage ist stets eine entscheidende Frage, hier muss dem Leser unbedingt durch Stellenangabe die Möglichkeit der Überprüfung gegeben werden. Engels unterstrich immer wieder, daß „…in der demokratischen Republik der Staat Staat bleibt…“ (23.), so Lenin. Hier haben wir mit bewundernswerter Klarheit eine Ausführung , als habe Lenin den Mißbrauch mit den wohlklingenden Worten Demokratie und Republik vorausgesehen. Das alles ist Sozialdemokratismus, der sich links gibt, aber es ist gerade der linke Sozialdemokratismus, der „linke“ Flügel, „…der mit „linken“ Phrasen spielt, mit ihrer Hilfe die Arbeiter geschickt betrügt und dadurch den Prozeß der Abkehr der Arbeitermassen von der Sozialdemokratie hemmt. (24.)

Im Zuge der Perestroika war Steigerwald 1989 der Auffassung, Kommunisten müssen umdenken (25.), hier haben wir Früchte dieses Umdenkens, allerdings feine Früchtchen. Kommunisten müssen nicht umdenken, sondern den Marxismus Leninismus weiterdenken, weiterentwickeln. Man kann die Revolution der Arbeiter und Bauern nicht vorbereiten, wenn man nicht den Marxismus Leninismus weiterentwickelt, und ungekehrt: man kann den Marxismus Leninismus nicht weiterentwickeln, wenn man nicht die Revolution der Arbeiter und Bauern vorbereitet. Es gibt gewisse unerschütterliche Fundamente des Marxismus Leninismus, die Gültigkeit haben solange es Klassen und Klassenkampf gibt, es gibt aber keine ewigen Fundamente, im Kommunismus stirbt mit dem Staat auch der Marxismus ab, eine Anleitung zum revolutionären Handeln gegen das Kapital erübrigt sich mit dessen Aufhebung. Die Dialektik anerkennt nichts Ewiges außer den ins Unendliche gehenden dialektischen Prozess. In Lenins Staat und Revolution gibt es ein ganzes Kapitel mit  Erläuterungen von Friedrich Engels zur Pariser Kommune (Kapitel IV), in dem Lenin mehrmals betont, daß für Engels demokratische Republik „….in keiner Weise die Herrschaft des Kapitals und somit die Unterdrückung der Massen und den Klassenkampf beseitigt.“ (26.) Wir müssen auch Lenin in der Frage  der gewaltsamen Revolution und der Diktatur treu bleiben: die Massen für einen neuen Aufschwung  des Sozialismus systematisch zur gewaltsamen Revolution erziehen (27.), Abschaffung der parlamentarischen Republik 28.), Aufbau einer Diktatur, die an keinerlei Gesetz gebunden ist und sich unmittelbar auf Gewalt stützt, d.h.: es muß einen Freiraum für eine außerordentliche Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution geben. (29.)Das Proletariat darf seine Macht mit niemandem teilen (30.)…u.s.w.u.s.f.Das alles hat Lenin in den Schriften „Staat und Revolution“ und über den Renegaten Kautsky dargelegt,d.h. liest man die Passagen von Steigerwald, so kann man gar nicht soviel rote Tinte nachfüllen, wie man Anstreichungen machen muß.  Warum ? Weil Steigerwald den einfachen Gedanken verwirft , den Lenin formulierte: Vernichtung der Bourgeoisie (31.), der Kommunismus in Deutschland und weltweit hängt entschieden von der Lösung dieser Frage ab. Jede ernsthafte gesellschaftswissenschaftliche Analyse bestätigt doch diesen Gedanken, die Diktatur der Bourgeoisie verstopft alle lebenswichtigen Poren des Volkes.Wie Kautsky mag es auch Steigerwald auf die englische Geschichte einzugehen, er stellt Vergleiche Stalins mit Oliver Cromwell an, wobei er sich auf die Stalin Biografie des Trotzkisten Isaac Deutscher bezieht. Das mag als intellektuelle Spielerei passieren, was bringt es uns an Erkenntnisfortschritt, wenn man bedenkt, dass die Soldaten Cromwells sich als Gotteskrieger verstanden und angehalten waren, täglich in der Bibel zu lesen. Dr. h.c. Robert Steigerwald ist Ehrenvorsitzender der Marx Engels Stiftung zu Wuppertal.

1. Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken Dialektische Skizzen, Karl Dietz Verlag Berlin 2005,15

2.A. Orguzow: Der unbekannte N.I. Bucharin. Woprossy filosofii 6/1993,3f.

3.Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken Dialektische Skizzen, Karl Dietz Verlag Berlin 2005,432f.

4.Während seines Schlusswortes vor dem Moskauer Tribunal verhielt sich Bucharin auffallend erregt gegen den Vorwurf, er sei dem Karamasowtum verfallen.(siehe: Dieter Uhlig, Wladislaw Hedeler: Die „Arabesken“ Nikolai Iwanowitsch Bucharins in ihrer Zeit, in: Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken, Karl Dietz Verlag Berlin 2005, 433)

5.Lenin: Zur Frage der Dialektik, Lenin Werke Band 38, 338f.

6.Andrea Nahles: Frau gläubig links, Pattloch Verlag 2009

7.Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken, Karl Dietz Verlag Berlin 2005,387

8.Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. MEW 21, Dietz Verlag Berlin 1975,293

9.zit in: Die Sowjetphilosophie, Wendigkeit und Bestimtheit, Dokumente, herausgegeben und eingeleitet von Wilhelm Goerdt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1967,258

10.J.W. Stalin, Über die Grundlagen des Leninsmus, in Stalin Werke Band 6, Dietz Verlag Berlin 1952, 78

11.a.a.O.,337

12.Aristoteles hielt alle anderen Wissenschaften für nützlicher als die Philosophie, aber keine sei vortrefflicher.

13.Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken Dialektische Skizzen, Karl Dietz Verlag Berlin 2005,351. Ähnlich wie Bucharin geht Lukács fehl. Gerade die Aussage von Engels im Anti-Dühring, dass die Einheit der Welt in ihrer Materialität besteht, mißdeutet er dahin, dass die Einzelwissenschaften versuchen, diese Einheit mit immer größerer Annäherung widerzuspiegeln und gedanklich zu erfassen, der Philosophie aber die Aufgabe meistert, die Prinzipien und Gesetze der Erkenntnisse der Einzelwissenschaften zusammenzufassen. (Vergleiche Georg Lukács, Die Zerstörung der Vernunft, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1984,255).

14.Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, Dietz Verlag Berlin 1975,295. Ganz prägnant zu dieser Thematik ist eine Ausführung von Friedrich Engels in seinem Spätwerk: „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“: „Was von der ganzen bisherigen Philosophie…noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen – die formelle Logik und die Dialektik. Alles andere geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.“ (Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, Progress Verlag Moskau, 1075,433).

15. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, Progress Verlag Moskau,1975,433

16.Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband I,544

17.Manfred Buhr, Georg Klaus: Philosophisches Wörterbuch, VEB Verlag Enzyklopädie, Leipzig, Stichwort: Wissenschaft, 1965,615f.

18. Stalin, Über die rechte Abweichung in der KPdSU (B), Stalin Werke Band 12, Dietz Verlag Berlin 1959,89.  Auch wußte Bucharin von der Plattform des von Rjutin und Kajurow geleiteten konterrevolutionären „Bundes der Marxisten-Leninisten“, verschwieg dies aber vor der Partei. (Vergleiche Schauprozesse unter Stalin, 1932 bis 1952. Zustandekommen, Hintergründe, Opfer. Mit einem Vorwort von Horst Schützler, Dietz Verlag Berlin 1990,30).

19. Nikolaij Bucharin, „Ökonomik der Transformationsperiode“, Berlin 1990,17

20.a.a.O.

21. Engels an Bebel, 18./28.3.1872

22. Zu parlamentarischen Fraktionen sagt Stalin im Zusammenhang mit den pseudosozialistischen Parteien der II. Internationalen: „Statt einer revolutionären Politik – welkes Philistertum und „nüchterne“ Politkasterei, parlamentarische Diplomatie und parlamentarische Kombinationen.“ (J.W. Stalin, Grundlagen des Leninismus, in: Stalin Werke Band 6, Dietz Verlag Berlin,1952,72) Eine Kritik, die ganz gewiß auch auf Kamenew zutrifft, der sich als Vorsitzender des Exekutivkomittees des allrussischen Sowjetkongresses im Oktober/November 1917 für eine Koalitionsregierung mehrerer sozialistischer Parteien aussprach. Die Anhänger eines politischen Pluralismus lassen nicht gerade einen Tiefgang in der marxistischen Analyse bürgerlicher Klassengesellschaften und der Wechselbeziehungen dieser Klassen erkennen. Hat die Arbeiterklasse die Macht, so müssen alle bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien, die das Rad der Geschichte zum Kapitalismus und zum Mittelalter zurückdrehen wollen, unterdrückt werden. Maxim Gorki berichtet, dass der Revisionist Kamenew nicht nur Intellektuelle und Anarchisten, sondern sogar Mitglieder der Kadettenpartei vor dem Zugriff der Tschecka rettete. (Siehe: Jürg Ulrich: Kamenev: Der gemäßigte Bolschewik Das kollektive Denken im Umfeld Lenins, VSA Verlag Hamburg 2006,129)

23.Lenin: Staat und Revolution, in: Lenin Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau 1971,346

24.J.W.Stalin, Über die rechte Abweichung in der KPdSU (B) , in: Stalin Werke Band 12, Dietz Verlag Berlin 1954, 19. ricalb hat mich in einem Kommentar auf die Bedeutung dieses Werkes in der Bucharinfrage aufmerksam gemacht, wofür ich ricalb sehr danke. In der Tat enthält es eine wahre Stoffülle zum rechten Opportunismus und ist eine wahre Fundgrube zu Fehler Bucharins. Es zeigt deutlich, wie differenziert Stalin Abweichungen anaylisiert.

25.Siehe: Die Kommunisten müssen umdenken: Die Perestroika und Wir, Menschheits- und Klassenfragen, Verlag Edition Marxistsiche Blätter, 1989.

26. Lenin: Staat und Revolution, in: Lenin Ausgewählte Werke, Progress Vlg Moskau, 1971, 341

27.a.a.O, 301

28. In Lenins „Staat und Revolution“ gibt es ein ganzes Kapitel: Aufhebung des Parlamentarismus. (a.a.O.,320 – 325) Der bürgerliche französische Philosoph Alain Badiou spricht von einem Capitalparlamentarismus.

29. So verlangte zum Beispiel das ZK der Menschewiki 1918: „Aufhebung der außerordentlichen Organe für Polizeirepressalien und der außerordentlichen Tribunale sowie „Einstellung  des politischen und wirtschaftlichen Terrors.“ (Siehe: J.W.Stalin, Die Logik der Dinge, Stalin Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin 1951, 123)

30.a.a.O., 304

31.a.a.O.,312

von Heinz Ahlreip

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13 Antworten to “„Liebling der Partei“ Anmerkungen zu Bucharin und Steigerwald”

  1. Stalinblog » Blog Archive » „Liebling der Partei“ Anmerkungen zu Bucharin Says:

    […] Ein Verweis auf rostige Laterne. […]

  2. www roulette Says:

    Ich merke gerade das ich diesen Blog deutlich öfter lesen sollte- da kommt man echt auf Ideen.

  3. roulette money Says:

    Lustig, ich hätte garnicht gedacht das das *wirklich* so funktioniert. Komische Welt.

  4. schnell geld Says:

    Super Artikel, jetzt muss ich nur noch jemanden finden der Ahnung davon hat und mir das ganze nochmal im Detail erklären kann.

  5. udet Says:

    moin,

    zum thema bucharin sollte man (frau) unbedingt stalin werke band 12 (dietz verlag 1954) „Über DIE RECHTE ABWEICHUNG IN DER KPDSU“ lesen.

    RotFront

  6. Kappeler Says:

    … alles wortreich. Wenn aber von diesen Worten, oder ihrem Gegenteil, der Weg zu einem Gewehrlauf führt, der deren Träger hinrichtet, dann ist das alles eben doch nichts.

  7. Rudolf Hilferding Says:

    Bucharins Weg war der richtige.

    Während der NEP 1921-1928 wuchs die Sowjetische Wirtschaft so sehr, dass sie 1928 das Niveau von 1913 erreicht hatte, und das angesichts der territorialen Verluste! Niemand hungerte 1928, das Land hätte sich bis 1941 von selbst industrialistert. Bucharins Weg war offenkundig erfolgreich! Was dann kam, wissen wir alle.

    Der Aufbau des Sozialismus kam verfrüht: Lenin selbst betonte stets, das Russland kein spätkapitalistisches Land war, sondern ein überwiegend frühkapitalistisches. Die Revolution im Februar 1917 war eine bürgerliche und 9 Monate bürgerliche Epoche reichen nach Marx eben nicht. Daher musste zunächst eine kapitalistische Phase durchlaufen werden, jedenfalls in homöopathischen Dosen. Auch Lenin war 1922 bereit, die NEP zur Dauereinrichtung zu machen.

    Stattdessen ging man vom Feudalismus in den Staatssozialismus über, ohne dass der Geistige Überbau, den Marxisten zu oft ignorieren, hinterher kam: Der real existierende Sozialismus weist daher stark feudalistische Züge auf, der Kolchos war für den Vorsitzenden eine Art Lehnsgut, die Partei neuen Typs eine Weiterentwicklung des geistlichen Ritterordens und der „Demokratische Zentralismus“ die Fortentwicklung des Absolutistischen Polizeistaates. Nicht umsonst war Iwan Grosny Stalins persönliches Vorbild. Das liegt daran, dass die Revolution zu früh kam. Die NEP wäre der einzige Weg gewesen, trotzdem zur Sozialistischen Gesellschaft zu gelangen.

    NEP bis 1941, keine Bevölkerungsverluste aufgrund von Raskulatschiwanije und Tschistki, Frunse und Tuchatschewskij an der Spitze der Roten Armee, da wären Wehrmacht und SS gar nicht bis Moskau, Leningrad und Stalingrad gekommen!

    Wenn Du meinst, dass Stalins Verbrechen bürgerliche Hetzpropaganda seien, dann lies` Dir mal die Rede von Genosse Chrustschow zum XX Parteitag der KPdSU durch. Oder sieh` Dir einfach die offiziellen bevölkerungsstatistiken der UdSSR von 1927 bis 1939 an, da wirst Du eine Delle von mehr als 10.000.000 feststellen, auch schon vor dem Krieg. Das entspricht auch Stalins eigenen Schätzungen.

    Nach dem XX Parteitag bestand eine zweite Chance, den Sozialismus aufzubauen. Die wurde spätestens 1964 durch ideologische Engstirnigkeit vertan.

    Rudolf Hilferding, Wien

    • dierostigelaterne Says:

      Am 3. April 1964 erschien in der New York Times ein Artikel mit der Überschrift: „Der Moskauer Gulaschkommunismus“. Aus diesem sei zitiert: „Nikolai Bucharin, der sowjetische Theoretiker, welcher im Jahr 1920 die russischen Bauern aufrief, sich zu breichern, indem sie die Poduktion für die Stadtarbeiter erhöhten, hätte die heutige Linie Crutschows akzeptiert. Die französischen und deutschen Sozialdemokraten am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts hätten diese Linie gebilligt, weil sie in der Vergangenheit als ihre erste Aufgabe die Erzeugung von möglichst viel Gütern für die Arbeiter betrachteten, anstatt sich mit der Frage des Sturzes der bestehenden Institutionen durch eine Revolution beschäftigten“. Crutschow aber verstieß gegen die Leninsche Theorie vom Primat der Politik über die Wirtschaft, ein Verstoß, den Lenin Leuten zusprach, die das ABC des Marxismus vergessen haben. (Vergleiche: Wie Crutschov Stalin verleumdet, Tirana 1964, Artikel der Zeitschrift „Zeri i Poppulit“ vom 12. 13. und 14. Juni 1964, Seite 69 und 41). Da die nicht gerade arbeiterfeundliche New York Times Bucharin hervorhebt, sei an ein Satz August Bebels erinnert: Wenn deine Feinde dich loben, kannst Du sicher sein, einen Fehler gemacht zu haben.

  8. Heiner Mueller Says:

    Echte nett, da bringen sich die Kommunisten gegenseitig um. Da freut sich die Bourgeosie. Hätten die ermordeten UdSSR-Kommunisten in England oder USA gelebt, da hätten sie überlebt.

    • dierostigelaterne Says:

      hallo Heiner Mueller
      ist das alles, was sie dazu zu sagen haben. Sie müssen mit Fakten belegen, dass Bucharin unschuldig war. Es ist zu bedenken, dass Engels die bürgerliche Revolution in Frankreich als Kinderspiel im Vergleich zur kommenden proletarischen bezeichnete. Terror und Todesstrafe sind nun einmal in einer Revolution unvermeidbare Übel.

  9. ottomar Says:

    Im Gegensatz zu Stalin war Lenin niemals ein Befürworter von
    einem Terror der sich gegen die eigenen Anhänger richtete!!

    Wie ist es möglich das dem stalinistischen Terror aufrechte,ich
    betone nochmals, aufrechte Kommunisten zum Opfer gefallen
    sind??
    Von solchen Methoden steht weder bei Marx,Engels noch
    bei Lenin etwas!!

    Chrustschow wurde ja auch nicht ermordet.

    Die Diktatur des Proletariats muß nicht zwangsweise Tot und Terror
    beinhalten,dies zu denken ist schon mal grundverkehrt.
    Stalins praxis ist aber eine bequeme Art sich selbst (nämlich Stalin) vor unbequemer Kritik zu schützen. Motto: Ich bin der Grösste,mir kann Keiner!
    Terror gegen eigene Genossen die andere Meinungen vertreten
    ist ja wohl als abartig zu bezeichnen.

    Wie will man da eine offene Diskussion über Wege und Möglichkeiten der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft
    führen wenn man gleichzeitig quasi mit dem Tode bedroht wird??
    Das ist die alles entscheidente Frage!!!

    So etwas musste ja scheitern!
    Mit Terror gegen die eigenen Mitglieder,wird alles ,aber auch alles abgewürgt und jede Entwicklung verhindert.
    Was ja letztendlich auch eingetreten ist. Stagnation.

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