Archive for November 2009

Ostexperte Leonhard Der Umgang mit Marx Engels Lenin Stalin am Beispiel des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion

28. November 2009

2008 belegte bei einer Meinungsumfrage des staatlichen Fernsehens „Rossija“ über die bedeutendste Persönlichkeit Rußlands Josef Stalin den ersten Platz. U.a. dieses Umfrageergebnis war der Anlaß für Wolfgang Leonhard, der letzte Überlebende der Gruppe Ulbricht, der am 12. März 1949 als Lehrer an der SED Parteihochschule Karl Marx in Kleinmachnow aus dem Neuen Deutschland über Belgrad in das Deutschland der BILD Zeitung floh, sein vor dem Stalinismus warnendes Buch „Anmerkungen zu Stalin“ 1. zu verfassen. Mit großer Sorge registriert Leonhard eine zunehmende Verherrlichung Stalins in Rußland und gegen diese Tendenz will er aufklären über das Wesen des Stalinismus.

Auf diese Aufklärung fällt aber gleich am Anfang des Buches ein trüber Schatten und der Autor bringt sich selbst um seine Seriosität, wenn er allen Ernstes behauptet, Stalin sei während der Oktoberrevolution „abgetaucht“ 2. Zwar relativiert der Marxismus, für den die Volksmassen Geschichte machen,  die Bedeutung sog. großer historischer Persönlichkeiten, vor allem aber basiert er auf unumstößliche historische Tatsachen, und da sollte man es dem Leser, der aufgeklärt werden soll, nicht vorenthalten, dass Stalin sowohl bei der Sitzung des ZK, in der über den Aufstand abgestimmt  wurde, nicht nur anwesend war, sondern auch in das politische Zentrum zur Leitung des Aufstandes gewählt wurde. Darüber hinaus wurde Stalin auch in das praktische Zentrum zur organisatorischen Leitung des Aufstandes gewählt, nicht aber Trotzki, kurz: in allen wichtigen Zentren zum bewaffneten Aufstand war Stalin vertreten, und keiner der Genossen, auch Lenin nicht, soll  die Fahnenflucht bemerkt haben ? Übrigens behauptet eine solche Ungeheuerlichkeit nicht einmal Trotzki. Aber sehen wir weiter, wie Leonhard in einer inhaltlich ideologischen Fragestellung vorgeht ?

„Immerhin waren der Internationalismus und mit ihm die Weltrevolution wesentliche Prinzipien der Revolutionslehre von Marx und Engels gewesen. Doch schon mit seiner Doktrin vom „Sozialismus in einem Land“ hatte sich Stalin davon gelöst.“ 3.  So wird Geschichte konstruiert, so wird der qualitative Unterschied zwischen dem klassichen Kapitalismus und dem Imperialismus beiseite geschoben. Bekanntlich kam Lenin auf Grund seiner Imperialismusanalyse zu dem Ergebnis, dass auf Grund der Ungleichmäßigkeit der politischen und ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus nach 1900 der Aufbau des Sozialismus durchaus in einem Land möglich ist. 4. Lenin und Stalin wußten, dass das, wenn man so will, eine Abänderung der klassischen marxistischen Lehre von der internationalen proletarischen Revolution ist. Lenin mußte seine neue Theorie u.a. gegen Trotzki verteidigen und die richtige Darstellung hätte herausstreichen müssen, dass Stalin diesen antitrotzkistischen Kampf fortsetzte.

Aus dieser prinzipiell falschen Darstellung, der „Doktrin“  : Sozialismus in einem Land, folgen nun nach Leonhard alle weiteren Abweichungen vom Marxismus , die er bei Stalin bemerkt haben will. So auch Stalins neue Theorie des Kampfes zweier Systeme. Auch hier ist wieder der Versuch allzu deutlich, Stalins Kopf von dem Lenins  zu trennen. Bekanntlich war sich schon Lenin bewußt, dass die Sowjetunion auf unabsehbare Zeit das einzige Sowjetland bleiben und dass es folglich zu einem Kampf auf Leben und Tod zwischen der Sowjetunion und dem Weltkapitalismus kommen könnte.

Auch sind natürlich Stalins Konzept einer Planwirtschaft und sein Kampf gegen die Gleichmacherei nichts originär Stalinistisches, sondern darüber hat schon der klassische Marxismus Nötiges  gesagt: Mit der „…Behandlung der heutigen Produktivkräfte nach ihrer endlich erkannten Natur tritt an die Stelle der gesellschaftlichen Produktionsanarchie eine gesellschaftlich-planmäßige Regelung der Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie jedes einzelnen.“ 5. Und zur Gleichmacherei schreibt der gleiche Engels: „Die Vorstellung der sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der Gleichheit ist eine einseitige französische Vorstellung, anlehnend an das alte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, eine Vorstellung, die als Entwicklungsstufe ihrer Zeit und ihres Ortes berechtigt war, die aber, wie alle Einseitigkeiten der früheren sozialistischen Schulen, jetzt überwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den Köpfen anrichten und präzisere Darstellungsweisen der Sache gefunden sind.“ 6. Es gibt einfach kein „Marx´sches Gleichheitsideal“ , wie Leonhard behauptet.  7.

Ganz von Sinnen zu sein scheint Leonhard, wenn er Stalin die Thorie unterjubelt, für ihn bleibe der Staat im Kommunismus bestehen.8. Hier hätte der Leser doch allzu gern einmal die Angabe  überprüft, doch diese fundamentale Aussage Leonhards bleibt ohne Beleg. 9.Offensichtlich geht er davon aus , dass er den Leser nach 110 Seiten genug genasweist hat, damit er auch diese Ungeheuerlichkeit passieren läßt. Und so einmal neugierig gemacht, fragt man sich natürlich, wie denn dieser kommunistische  Staat aussehen soll ?

Wenn ein Student, sagen wir, der Soziologie, nach dem dritten Semester eine derartige Arbeit abgibt, so ist das zwar traurig, aber bei entsprechenden Korrekturen kann man noch Hoffnung haben, wenn aber ein Gelehrter, der seit 60 Jahren Kommunismusforschung im Westen betreibt, in Oxford, und an der Columbia University in New York und zudem über zwanzig Jahre als Professor für Geschichte des Kommunismus an der Yale Universität vorlas,  dermaßen publiziert, so ist doch zu fragen, wer ihm die Brille bezahlt, dass er den Marxismus Leninismus dermaßen schief liest.

1. Wolfgang Leonhard, Anmerkungen zu Stalin, Rowohlt Verlag 2009,187 Seiten

2. a.a.O.,48

3.a.a.O.,88

4. Siehe Lenins Schriften: „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“ aus dem Jahr 1915. LW 18,399 und : „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution“ aus dem Jahr 1916, LW 23,74

5.Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Ausgewählte Schriften Band 2, Dietz Verlag Berlin 1953,138

6.Friedrich Engels, Brief an Bebel, London 18. – 28. März 1875, a.a.O.,34

7. Siehe hierzu auch: Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, a.a.O.,16 f.

8. Wolfgang Leonhard, Anmerkungen zu Stalin, Rowohlt Verlag 2009,110

9.Was Leonhard selbst anführt, eine Rede Stalins auf dem 14. Parteitag 1930 (siehe S.99), widerlegt ihn, nicht Stalin: „Wir sind für das Absterben des Staates. Wir sind jedoch gleichzeitig für die Verstärkung der Diktatur des Proletariats, der stärksten und mächtigsten Staatsmacht, die jemals bestanden hat. Höchste Entwicklung der Staatsmacht zur Vorbereitung der Bedingungen für das Absterben der Staatsmacht – so lautet die marxistische Formel. Ist das widerspruchsvoll ? Ja. es ist widerspruchsvoll. Aber dieser Widerspruch ist dem Leben eigen, und er widerspiegelt vollständig die Marx´sche Dialektik.“ Es ist ein einfaches Bild aus den Kindheitstagen der neuzeitlichen Dialektik: nach der Knospe die Blüte, nach der Blüte die Frucht…und das Absterben. (Siehe Hegel: Phänomenologie des Geistes, Vorrede, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1980,10) Also Aufhebung des Staates durch seine Totalisierung, durch sein Aufblühen  hindurch.

Heinz Ahlreip, November 2009

FÜHRT DIE LEHRE VON DER DENKWEISE DIE ARBEITER ZUM KOMMUNISMUS ? Kritik an der MLPD

15. November 2009

„wie die Lebensweise der Menschen,so ist ihre Denkweise.“ (1.)

In der Roten Fahne, dem Organ der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), wurde in der Nr. 47/1991 eine aufschlußreiche Kontroverse geführt: ist zur Erklärung der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion die Produktionsweise ausschlaggebend oder die kleinbürgerliche Denkweise einer entarteten Machtelite ? Die Rote Fahne stellte die These auf, daß die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion ihren Ausgang im Überbau genommen hätte. Es folgte eine über mehrere Jahre in Briefen geführte Kontroverse mit Klaus Arnecke und Anette Roth, die sich immer tiefer in den Irrweg der Lehre von der Denkweise verstrickten. Auf den Vorschlag vom 13. Januar 1993, die Kontroverse zu einer Broschüre zusammenzufasssen und sie der Arbeiterklasse als Richterin vorzulegen wurde nicht reagiert. Inzwischen verbohrte und verbiesterte sich die Führung der MLPD immer mehr in die Lehre von der Denkweise, die Mitläufer zogen mit. Die Herausgabe dieser Broschüre war längst überfällig. Und diesmal wurde reagiert ! Aber auf welche Art und Weise ? Parteiausschluss durch Entzug des Parteibuches scheint das letzte Auskunftsmittel der Partei des weisen Denkers  zu sein gegen Mitglieder, die ihre Fähigkeit zum kritischen Denken im marxistischen Sinne noch nicht eingebüßt haben. Die Parteioberen treten auf nicht nur als Ankläger und Richter ohne Urteilsbegründung: Parteiausschluß innerhalb von 24 Stunden. Ohnehin hätte die Anklageschrift im vorliegenden Fall nur in einer inhaltlichen Widerlegung dieser Broschüre liegen können. Die Partei hütete sich davor – eine Widerlegung dieser Broschüre wäre einer Widerlegung des Marxismus – Leninismus gleichgekommen. So wurde lediglich gefordert: „Das Papier muß vom Tisch !“ Es ist das alte Lied: Auch der Papst forderte bereits: Die Lehre Galileo Gallileis müsse vom Tisch. Soviel hat diese kleine Broschüre immerhin bewirkt: Über den Weg des formalen Parteiausschlusses werden Mitglieder aus der Marxistischen Leninistischen Partei ausgeschlossen wegen: Verteidigung des Marxismus-Leninismus.

Seit einigen Jahren tritt in der Theoriegeschichte des Marxismus eine merkwürdige Erscheinung auf: eine Partei läßt die Grundlagen des Marxismus bestehen, es habe aber eine „Verschiebung“ stattgefunden, die nur sie bemerkt habe: die Marxisten-Leninisten hätten bisher nicht die Bedeutung der Denkweise im Klassenkampf erkannt. Die Bedeutung der Denkweise sei in die Theorie und Praxis der Befreiung des Weltproletariats einzuführen, weil sich die soziale Zusammensetzumg der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 verändert habe (2.), ja zu einer ganzen Lehre von der Denkweise, zu einer neuen Theorie ist dies alles ausgearbeitet worden und es versteht sich fast von selbst, daß zum Beispiel der Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Gesellschaftssysteme zurückzuführen sei auf eine kleinbürgerliche Denkweise von Revisionisten. Diese weltgeschichtliche Bedeutung soll also die westdeutsche Studentenschaft nach 1945 gehabt haben.

In der Tat ist aber die Lehre von der Denkweise keine Weiternetwicklung der marxistischen Theorie, sondern eine ziemlich lokal-bornierte Angelegenheit, die sich wohl nur im theorielastigen, zurückgebliebenen Deutschland bilden konnte, dem träumerischen und duseligen deutschen Volk sagte schon immer mehr die Flucht in das Denken zu, statt die harte Wirklichkeit konkret zu analysieren (3.) Eine rühmliche Ausnahme bildeten Marx und Engels, die in der „Deutschen Ideologie“ diesen Sachverhalt genau beschrieben. Ändere ich meine Denkweise, so ändert das an der Wirklichkeit nichts, ich sehe diese nur anders. Die ganze Geschichte der Philosophie ist ein fortlaufender Beweis, daß die Denker die Wirklichkeit stets anders dachten, einschließlich der Linkshegelianer, an deren Kritik Marx und Engels den historischen Materialismus entwickelten. „Diese Forderung, das Bewußtsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. es vermittelst einer anderen Interpretation anzuerkennen. (4.) Die MLPD ist die konservativste Partei in Deutschland. (5.) Bevor das menschliche Bewußtsein essentiell wurde in der Geschichte, gab es Essentielleres: elementare menschliche Bedürfnisse (6.)  und die daraus entspringenden  neuen Bedürfnisse, Familie und Zusammenwirken mehrere Produzenten. „Jetzt erst, nachdem wir bereits vier Momente, vier Seiten der ursprünglichen geschichtlichen Verhältnisse betrachtet haben, finden wir, daß der Mensch auch „Bewußtsein“ hat.“  (7.)

Die entscheidende Aussage betreffs der Bedeutung der Denkweise im historischen Materialismus stammt von Karl Marx im 18. Brumaire. „Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum …kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden.“ (8.) Schon auf den ersten Blick wird klar, daß für Marx die materialistisch abgeleitete Denkweise von Individuen und Klassen lediglich Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung ist, er wehr sich ja gerade ganz entschiden dagegen, Denkweisen als eigentlichen Bestimmungsgrund und Ausgangspunkt des politisch-historischen Handelns zu nehmen, als habe er das Aufkommen pseudowissenschaftlicher Denkweisetheoretiker erahnt. Die Denkweise wird von Marx im Reich der Einbildung verortet, eine Theorie, die die Denkweise zur „….entscheidenden Triebkraft des gesellschaftlichen Fortschritts“ hochstilisiert (9.), steht von vornherein dem Marx´schen Wissenschaftsbegriff diametral entgegen. Um wissenschaftlichen Marxismus und Einbildung dennoch irgendwie zusammenzubringen wird von Annette Roth (MLPD) gegen Marx ein Zitat von Engels (10.) bemüht (11.). „Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des menschlichen Lebens. Mehr haben weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das darin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenem Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus…üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente…“ (12.) Was leitet Frau Roth daraus ab ? „Diese Wechselwirkung gilt auch im Sozialismus. Es hängt entscheidend von der vorherrschenden Denkweise ab, ob die Entwicklung im Sozialismus vorwärts schreitet zur klassenlosen Gesellschaft im Kommunismus oder ob sie zurückfällt zur Restauration des Kapitalismus.“ (13.) Es steht natürlich jedem frei, sich mit dem Marxismus zu befassen, nur zu den Schlußfolgerungen aus dieser Beschäftigung, zu den Früchten sozusagen, möchten wir doch noch ein Wörtchen mitreden. Engels legt die Wechselwirkung zwischen Basis und Überbau in der Tat so dar, daß man sie wissenschaftlich-materialistisch und argumentativ verwenden kann, Basis und Überbau sind nicht gleichwertige Elemente (14.), schon gar nicht hat der Überbau das Übergewicht, so daß es entscheidend von der Denkweise abhinge, welchen Inhalt, welche Richtung eine gesellschaftliche Bewegung nimmt, sondern letztinstanzlich setzt sich durch die Wechselwirkung als Notwendiges die ökonomische Bewegung durch (15.). Engels äußert sich ganz deutlich, nach materialistischer Anschauung der Geschichte sind „….die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen…“ (16.), sondern immer in der Ökonomie. Es gehört zu den Grundaussagen des Marxismus, daß der Überbau eindeutig von der Basis her bestimmt wird, der Kommunismus ist ja gerade eine Gesellschaft ganz ohne Überbau, die „Basis“ reduziert auf die gesellschaftlich notwendige Arbeit. Wäre nun die Denkweise im Überbau ausschlaggebend, so wäre die kommunistische Revolution ganz zwecklos, weil sich der Überbau ja wechselseitig mit der Basis entwickelte, es gibt immer Basis, aber – und etwas anderes hat die Konterrevolution nie behauptet – es gibt auch immer (!) Überbau (17.)  Zur Täuschung der Arbeiter wird natürlich der Überbau, dessen Träger die unproduktive Klasse darstellt, als ausschlaggebend, als für die Existenz der ganzen Gesellschaft lebensnotwendig suggeriert, aber schon die Oktoberrevolution hat gezeigt, daß es ein Vorurteil ist, zu behaupten, die Ausgebeuteten können nicht ohne Ausbeuter leben. Wie sehr der Überbau etwas von der Basis Abgeleitetes ist wird deutlich im Kommunistischen Manifest, wo es heißt, daß sich das Proletariat nicht aufrichten kann, „…ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird. (18.)

Also eins von beiden: entweder: Die ökonomischen Bedingungen sind schließlich die entscheidenden (Engels) , oder: die Entwicklung zum Kommunismus hängt entscheidend von der Denkweise ab (Annette Roth) – und so zeigt sich die Lehre von der Denkweise genau auf der Schnittstelle zwischen Revolution und Konterrevolution liegend. Nach Engels bestimmen die verschiedenen Momente des Überbaus die Form der geschichtlichen Kämpfe, also im Mittelalter alles zum Beispiel im religiösen Gewand – Thomas Müntzer wollte einen Bauernsozialismus, mit dem Schwert in der einen, mit der Bibel in der anderen Hand, im Vormärz war die intellektuelle Atmossphäre in Deutschland so stark philosophisch geprägt, daß sich die 48er Revolution in philosophischen Formen ankündigte -, aber wenn die Entwicklung vom Sozialismus zum Kommunismus nun ebenfalls entscheidend von der Denkweise abhängig gemacht wird, handelt es sich bei der Konstellation Sozialismus – Kommunismus um eine Frage der Form oder des Inhalts ? Oder bei der Rückverwandlung des sowjetischen Sozialismus in einen Kapitalismus ?

Der Grundtenor der MLPD-Darstellung lautet: im Gegensatz zur chinesischen Kulturrevolution habe unter Stalin die Kontrolle der Administration mit ihrer Tendenz zur kleinbürgerlichen Denkweise nicht durch die Mobilisierung der Massen, sondern zunehmend durch die politische Geheimpolizei stattgefunden. Dadurch sei die kleinbürgerliche Denkweise gegenüber der proletarischen dominant geworden und hier liege der Schlüssel für die Restauration. Aber ist denn nicht klar, daß, selbst wenn die Lehre von der Denkweise ein Körnchen wissenschaftlicher Wahrheit enthalten würde, es für den historischen Materialisten völlig unmöglich ist, die Ursache für einen ökonomischen Formationswechsel im Überbau zu suchen, und daß es zweitens für den dialektischen Materialisten darauf ankommt, in einem Transformationsprozess die dialektischen Grundgesetze herauszukristallisieren, also: Einheit und Kampf der Gegensätze, hier zwischen Marxisten und Revisionisten, die beide unter dem Banner der proletarischen Revolution kämpfen, wobei aber letztere im Kapitalismus gegen die proletarische Revolution, im Sozialismus für den Kapitalismus kämpfen, zweitens Umschlag von Quantität in Qualität, hier: wie und wann war der Restaurationsprozess quantitativ so stark, daß ein Umschlag gegen den Sozialismus erfolgen konnte und schließlich das dritte Grundgesetz der Dialektik, Negation der Negation, hier: die Oktoberrevolution 1917 liquidierte den Kapitalismus (über den Umweg der NEP), die Konterrevolution liquidierte den Leninschen Sozialismus, war der aus dieser zweiten Negation entstandene Kapitalismus der klassische oder welche spezifischen Eigentümlichkeiten trug er gegenüber dem westlichen etc. ? Zudem muß man beachten, daß alle drei dialektischen Grundgesetze sich prozessual wechselseitig durchdringen, was natürlich die Darstellung ungemein schwieriger macht. Willi Dickhut hat ein dickes Buch über die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion geschrieben, aber die drei dialektischen Grundgesetze findet man darin nicht. Es stellt sich also die Frage: sieht er sie Welt als ein Komplex von Prozessen oder als ein Komplex fertiger Dinge ? Die Lehre von der Denkweise ist gerade so ein fertiges Ding, ein Deus ex machina, es  tauchen zwangsläufig die Fragen auf: war zuerst die Bürokratie oder war zuerst die kleinbürgerliche Denkweise da ? (19.) Waren zuerst die Revisionisten oder waren zuerst die Tendenzen zum Kapitalismus da ? Fragen dieser Art ergeben sich zwangsläufig in der metaphysischen Denkweise, die aus der Arbeitsteilung von Hand- und Kopfarbeit resultiert. Die marxistisch geschulten Arbeiter/innen wissen nur zu genau, daß der Denkweiseschwindel nur in einer Partei verfangen konnte, in der die Kopfarbeiter dominieren. (20.) Alle Ideolgie läuft auf Versklavungsideolgie hinaus. Und es hilft nichts, sich bei klassenbewußten Arbeitern dadurch anzubiedern, daß man sich völlig mit der Arbeiterklasse verschmelzen möchte, denn erstens ist dies wiederum unmarxistisch – wovon weiter unten – und zweitens erkennen die klassenbewußten Arbeiter auch die noch so geschickt getarnten Unterdrückungsinstrumente gegen sie selbst. Es liegt in der Konsequenz der Denkweiseapostel, daß sie von den drei Kampfformen des Proletariats: ökonomisch, politisch, ideologisch, den ideologischen Kampf als führenden Faktor bezeichnen (21.). Zwar darf der ideologische Kampf nicht vernachlässigt werden, aber von einer führenden Rolle weiß der Marxismus nichts. (22.) Das sind eben diese modernen Zusätze, die die Weiterentwicklung des Marxismus ausmachen sollen.

Eine weitere Weiterentwicklung soll sein, dass  es vor allem darauf ankomme, sich mit dem Proletariat zu verschmelzen. „Die Führer der kleinbürgerlichen ML-Bewegung waren unfähig, sich tatsächlich tief mit dem Proletariat zu verbinden, von ihm zu lernen, sich mit ihm zu verschmelzen und eine proletarische Denkweise anzunehmen.“ (23.) Hier liegt nun wiederum eine Preisgabe des Marxismus vor. Das Proletariat wird als Fetischpopanz mißbraucht, ungeachtet der Tatsache, daß zum Beispiel während der Pariser Kommune ein Teil der Arbeiter mit den Versaillern ging- als ob das Heilmittel in der Arbeiterklasse zu suchen sei, als ob die Arbeiterklasse von sich aus eine proletarische Denkweise (das ist richtiger formuliert: die dialektisch-materialistische Weltanschauung) entwickeln kann. In wissenschaftlicher Hinsicht bleibt sie ganz auf dem Niveau der Kleinbourgeoisie, deren hervorstechender Theoretiker Proudhon von Marx wie folgt charakterisiert wird. Er begreift nicht „…die gegenwärtigen sozialen Zustände in ihrer Verkettung (engrenement)…“ (24.) Wie Proudhon begreifen auch die Arbeiter selbst ihre eigenen sozialen Zustände nicht in ihrer Verkettung. In wissenschaftlicher Hinsicht ist der Marxismus kein Ergebnis der Arbeiterbewegung, so daß ein Verschmelzenmit dem Proletariat einer Preisgabe der Wissenschaft gleichkäme. Von den drei Bestandteilen des Marxismus sind sogar zwei bürgerlicher Provenienz: die klassische deutsche Philosophie und die englische politische Ökonomie. Und es wäre gerade Ausdruck einer „kleinbürgerlichen Denkweise“, künstliche Schranken zwischen sogenannter bürgerlicher und sogenannter proletarischer Denkweise zu errichten. „Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz…Das sozialistsiche Bewußtsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandens.“ (25.) Lenin bezeichnete diese Worte Kautskys als sehr treffend und wertvoll, denn Lenin setzte alles daran, die Arbeiterklasse mit der Wissenschaft zu verbinden, nicht aber die Wissenschaft in der Arbeiterklasse vor die Hunde gehen zu lassen, sich mit der Arbeiterklasse zu verschmelzen und eine proletarische Denkweise anzunehmen. Die Avantgarde darf sich eben nur bis zu einem gewissen Grade mit der Arbeiterklasse verschmelzen. (26.) Den gleichen Fehler begeht auch Georg Lukács in seiner Schrift über Lenin, Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken: er spricht von einem „restlosen Aufgehen im Leben der leidenden und kämpfenden Massen.“ (27.) Als ob die Arbeiterklasse von der Durchdringung der Gesellschaft durch den Warenfetischismus ausgenommen wäre. Warum ist es Marx gelungen, in einer völlig vom Warenfetischismus durchdrungenen Gesellschaft eine wissenschaftliche Durchdringung dieses Phänomens darzustellen ? Warum fällt der Marxismus nicht selbst unter die Fetisch- „Wissenschaften ? Es ist ihm dies nur gelungen durch die Entwicklung der materialistischen Dialektik, nicht zufällig läßt Marx im „Kapital“, das das Geheimnis des Fetischcharakters der Ware lüftet, seine dialektische Methode von dem russischen Ökonomen Illarion Ignatjewitsch Kaufmann (1848 – 1916) erläutern, und in dieser Erläuterung führt Kaufmann aus, daß Marx die gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozess betrachtet „…den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewußtsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewußtsein und Absichten bestimmen…Wenn das bewußte Element in der Kulturgeschichte eine so untergeordnete Rolle spielt, dann versteht es sich von selbst, daß die Kritik, deren Kritik die Kultur selbst ist, weniger als irgend etwas anderes, irgendeine Form oder irgendein Resultat des Bewußtseins zur Grundlage haben kann, das heißt, nicht die Idee, sondern nur die äußere Erscheinung kann ihr als Ausgangspunkt dienen.“ (28.) Marx widerspricht dieser Darlegung keineswegs, sondern fällt das Urteil, daß Kaufmann eine treffende Charkterisierung seiner materialistischen Dialektik gelungen sei. Nun ist klar, daß die Denkweise der Arbeiter keine herausragende Rolle in der Geschichte spielen kann, denn die Menschen machen Geschichte aus dem Bestreben heraus, ihre Bedürfnisse zu befriedigen (29.) Die Lehre von der Denkweise ist keine Weiterentwicklung der Lehre von Marx, sondern führt die Arbeiterklasse in eine Sackgasse. Sie ist lediglich ein Schnuller, aus dem unsere Denkweise-oberlehrer beständig ihr abartig-apartes Avantgardebewußtsein saugen. Für die Geschichte ist es indeß ganz unerheblich, ob ein MLPD-Mitglied tief in sein Innerstes eindringt und nach den Linien seiner kleinbürgerlichen oder proletarischen Denkweise forscht und sich abends fragt:habe ich heute gegen die proletarische Denkweise gesündigt- die Geschichte hat sie freigesprochen: sie dürfen sündigen, soviel sie wollen. Denn: „Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum, dem sie durch Tradition und Erziehung zufließen, kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden. (30.) Abgesehen davon, daß diese Darstellung von Marx eine Art Quintessenz des Zusammenhangs der Grundkategorien Eigentum und Ideologie enthält, wird auch noch die Denkweise ganz in die Sphäre des negativ Illusionären gerückt, Klassen und Individuen unterliegen einer Täuschung, wenn sie meinen, ihre Denkweise bestimme ihr Handeln, unterliegen einer Täuschung, wenn sie meinen, entscheidend für richtig politisch-geschichtliches Handeln sei ihre Denkweise. Die Lehre von der Denkweise vertreten, heißt gerade Illusionen in der Arbeiterklasse zu verbreiten, heißt gerade die ganze marxistische Aufklärungsarbeit auszulöschen. Offensichtlich fragen sich die Ideologen der MLPD, was geht im Kopf der gewerkschaftlich organisierten und der unorganisierten Werktätigen, was im Kopf ihrer Parteimitglieder vor. Nun, was im Kopf ihrer eigenen Mitglieder vor sich geht, das zu erforschen bleibt diesen Ideologen vorbehalten. Zur Kopfarbeit der Werktätigen hat sich schon Marx in seiner ersten Schlüsselschrift des historischen Materialismus, im „Elend der Philosophie“ dahingehend eingelassen: „Aber in dem Maße, wie die Geschichte vorschreitet und mit ihr der Kampf des Proletariats sich deutlicher abzeichnet, haben sie nicht mehr nötig, die Wissenschaft in ihrem Kopfe zu suchen; sie haben nur sich Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen abspielt, und sich zum Organ desselben zu machen.“ 31.

Es führt kein Weg, keine Verschiebung in der sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 an der Aussage im Kommunistischen Manifest von 1848 vorbei: “ Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände. In allen diesen Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor.! (32.) Der Kern der marxistischen Weltveränderung ist die revolutionäre Liquidierung des bürgerlichen Eigentums. Die gegenmarxistische Lehr von der Denkweise resultiert aus der Veränderung der sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945, immer mehr Kleinbürger fanden den Weg in die Universitäten. Es konnte nicht ausbleiben: die Lehre von der Denkweise ist gerade Ausdruck dieser Verschiebung.

1. Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, Volks Verlag Singen, 1949,32

2.Im Revolutionären Weg, dem theoretischen Organ der MLPD, wird im Ergänzungsband 1/94 – Konspekt zur Frage der Denkweise im Revolutionären Weg 1 bis 15 – in der Einleitung angeführt. „Die Grundlage des Marxismus-Leninismus bleibt, heite ist aber eine Verschiebung eingetreten. Der entscheidende Faktor im Parteiaufbau ist die Denkweise.“ (Gesprächsnotiz von Willi Dickhut vom 6.5.92). Auf Seite 81 wird dann näher auf diese Verschiebung eingegangen: „Die Studenten der früheren Jahrzehnte kamen im wesentlichen aus Kreisen der Großbürger, Großagrarier und höheren Beamten. Nach dem II. Weltkrieg verschob sich das Schwergewicht der sozialen Herkunft mehr und mehr auf mittel- und kleinbürgerliche Schichten.“ Wie diese Verschiebung mit der Denkweise zusammenhängt wird in dem Band nicht erläutert.

3. Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie, MEW 3,13

4.a.a.O.,20

5. Vgl. a.a.O.

6. „Zum Leben aber gehört vor Allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einges Andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbedingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich und stündlich erfüllt werden muß, um die Menschen nur am Leben zu erhalten…Das Erste also bei aller geschichtlichen Auffassung ist, daß man diese Grundtatsache in ihrer ganzen Bedeutung und ihrer ganzen Ausdehnung beobachtet und zu ihrem Recht kommen läßt. Dies haben die Deutschen bekanntlich nie getan, daher nie eine IRDISCHE  (kursiv von Marx und Engels) Basis für die Geschichte und folglich keinen Historiker gehabt.“ (a.a.O.,28) Durch die Verstrickung in die Lehre von der Denkweise ist es dahin gekommen, dass die MLPD keinen Historiker, keinen Gesellschaftswissenschaftler hat. Diese Partei, sollte sie sich vom Denkweiseschwindel, von Deutscher Ideologie  je frei machen, muss dann wieder ganz von vorn anfangen, beim ABC des Marxismus in der „Deutschen Ideologie“.

7.a.a.O.,30

8. Karl Marx, Der XVIII: Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, 139

9.Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5. 1995                  Es ist schnell hingeschrieben: Die Denkweise entscheidet den Charakter der Gesellschaft, aber statt MLPD-Broschüren wiederzukäuen sollte Frau Roth sich lieber einmal folgende Passage aus dem „Elend der Philosophie“ durch ihren Denkweisekopf gehen lassen: „Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften…Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“ (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, MEW 4,130). In einer anderen Passage führt Marx aus, daß die Theoretiker des Proletariats. je mehr es sich entwickelt, es nicht mehr nötig haben „…die Wissenschaft in ihrem Kopf zu suchen…“ (MEW 4,143). Das wurde 1847 geschrieben. Seitdem hat sich das Proletariat mehr und mehr entwickelt, nur die MLPD fängt wieder mit „Kopfarbeit“ an. Sie ist die konservativste Partei in Deutschland.

10. In der Tat wird vom späten Engels eine Korrektur am Marxismus der „Deutschen Ideologie“ vorgenommen, aber es ist aufschlußreich, diese Korrektur genau zu studieren, sie zu durchdenken, denn keineswegs wird in die grundsätzliche Dialektik zwischen Basis und Überbau so gravierend eingegriffen, daß es entscheidend von der Denkweise abhinge, in welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickelt: „…wir alle haben zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc. zustande kommen. Das hat dann den Gegnern willkommnen Anlaß zu Mißverständnissen resp. Entstellungen gegeben…Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom sogenannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewußtsein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt, sonst wäre es eben kein ideologischer Prozeß. Er imaginiert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozeß ist, leitet er seinen Inhalt wie seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinem eigenem oder den seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbesehen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und zwar ist ihm dies selbstverständlich, da ihm alles handeln, weil durchs Denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint.“ (Engels an Franz Mehring vom 14. Juli 1893, in: Briefe über den historischen Materialismus 1890 – 1895, Dietz Verlag 1979,63f). Die Lehre von der Denkweise ist ein Musterbeispiel kleinbürgerlicher Verstrickung in Ideologie, in seiner ideologischen Verblendung hält der deutsche Kleinbürger die Denkweise für entscheidend ohne das Denken auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung zu untersuchen. Da also aus dem Marxismus für eine Lehre von der Denkweise nichts zu holen ist, muß der umgekehrte Weg beschritten werde: sie muß ihm untergejubelt bzw. in ihn hineinprojiziert werden. Der ganze „Revolutionäre Weg- Ergänzungsband 1/94“ stellt diesen krampfhaften und peinlichen Versuch dar.

11.Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995

12.Engels an Joseph Bloch 21.9.1890, in: Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 – 1895), Dietz Verlag Berlin,1979,28

13. Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995

14.Vgl. Engels an Conrad Schmidt 27.10.1890: in diesem Brief spricht Engels zum Verhältnis von Basis und Überbau von einer „….Wechselwirkung zweier ungleicher Kräfte…“, in: Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 – 1895), Dietz Verlag Berlin, 1979,35

15. Vgl. Engels an Joseph Bloch 21.9.1890,29

16.Friedrich Engels: Anti-Dühring, MEW 20,24

17. Es ist vielleicht mehr als nur eine Entgleisung, wenn die MLPD beschwörend formuliert: “ Proletraische Denkweise…als nie endender, fortlaufender Prozeß…“ (Revolutionärer Weg Ergänzungsband 1/94 Konspekt zur Frage der Denkweise im Revolutionären Weg 1 – 15, 1994, 208) Die elementare Quintessenz des Marxismus ist gerade der geschichtswissenschaftliche Nachweis, daß das Proletariat nicht ewig existiert hat und nicht ewig existieren wird. Proklamiert man die proletarische Denkweise als ewigen Prozess, so zeigt sich darin gerade eine erzmetaphysische „kleinbürgerliche Denkweise“, eine Spur des historischen Materialismus findet man auch mit der Lupe nicht. Auch die Parole der MLPD „Neue Politiker braucht das Land“ ist mit dem wissenschaftlichen Sozialismus unvereinbar. Die Arbeiter/innen sollen in Blindheit der bürgerlich demokratischen Republik vertrauen. „Die demokratische Republik ist die denkbar beste politische Hülle des Kapitalismus, und daher begründet das Kapital, nachdem es…von dieser besten Hülle Besitz ergriffen hat, seine Macht derart zuverlässig, derart sicher, daß kein Wechsel weder der Personen noch der Institutionen noch der Parteien der bürgerlich-demokratischen Republik, diese Macht erschüttern kann.“  (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag  1960,405) Das allgemeine Stimmrecht ist nach Engels ein Werkzeug der Bourgeoisherrschaft und was schlußfolgert er aus dieser Werkzeugfunktion ? Dass es lediglich ein Gradmesser der Reife des Proletariats sein kann. Mehr kann und wird es nie sein im heutigen Staat (Vgl.a.a.O.) Über diesen Sachverhalt verbreitet die MLPD Illusionen, zwar muss man sich an den Wahlen beteiligen, aber gewiss nicht mit dem Spruch: Neue Poltiker braucht das Land. „Die kleinbürgerlichen Demokraten vom Schlage unserer  Sozialrevolutionäre und Menschewiki sowie ihre leiblichen Brüder, alle Sozialchauvinisten und Opportunisten Westeuropas, erwarten eben vom allgemeinen Stimmrecht „mehr“.  Sie sind in dem falschen Gedanken befangen und suggerieren ihn dem Volke, daß allgemeine Stimmrecht sei „im heutigen Staat“ imstande, den Willen der Mehrheit der Werktätigen wirklich zum Ausdruck zu bringen und seine Realisierung zu sichern.“ (a.a.O., 406) Natürlich brauchen die Werktäigen keine neuen oder alten Politikaster. Die Parole „Neue Politiker braucht das Land“ könnte von jeder bürgerlichen, von jeder faschistischen Partei  ebensogut stammen oder übernommen werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang die unter Berufung auf Friedrich Engels Schrift: „Über den Ursprung der Familie, des Staates und des Privateigentums“ von Lenin vorgenommene Kritik an Kautsky: Engels schrieb: Das allgemeine Stimmrecht ist der Gradmesser der Reife der Arbeiterklasse. MEHR KANN UND WIRD ES NIE SEIN IM HEUTIGEN STAAT. (kursiv von Lenin). (Vergleiche: Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, in: Lenin Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1959,242) Kautsky hebe nur den ersten, für die Bourgeoisie annehmbaren Satz hervor und verschweige den zweiten. Mehr wird es nicht sein. Das Land braucht keine neuen Politiker, sondern eine Organisation von Berufsrevolutionären, die Deutschland aus den Angeln heben.

18.Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Parte, MEW 4,473

19. Nach dem Tenor der Denkweiseideologie wird wohl von der Präexistenz der kleinbürgerlichen Denkweise bei den Ideologen ausgegangen. Man kann natürlich alles Mögliche der Geschichte unterjubeln, es bleibt aber zum Beispiel die Frage offen, wie konnte die Minderheit des Kleinbürgertums seine Denkweise ausreichend zur Machtübernahme  der ganzen Sowjetgesellschaft entfalten ? Willi Dickhut und die MLPD teilen den Irrtum aller Philosophen und Ideologen, die eine Denkweise, die ein Produkt des Klassenkampfes ist, zur Grundlage desselben machen. Marx und Engels kritisierten die Linkshegelianer ja gerade deshalb, weil sie Veränderungen von Bewußtseinsverhältnissen für revolutionsinitiierend hielten, und jetzt kommt Dickhut daher und kehrt das Ganze um in restaurationsinitiierend. Beide ideologischen Richtungen schieben die Einbildung unter,  durch eine Änderung der Denkweise, durch eine andere Interpretation der sie umgebenden Welt diese zugleich auch damit zu verändern. Als gäbe es keine elfte Feuerbachthese.

20. In seiner Schrift „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ von 1876, die ursprünglich den Titel „Über die drei Grundformen der Knechtschaft“ tragen sollte, erklärt Engels sowohl die Herkunft der Kopfdominanz als auch ihre idealistische Falschheit. Die Elemente des Überbaus stellten sich zunächst nur als Produkte des Kopfes dar und schienen die Gesellschaft zu beherrschen, dagegen traten die bescheideneren Erzeugnisse der Hand in den Hintergrund. Der Kopf schien alles zu regeln und produzierte so auch den Idealismus. „…die Menschen gewöhnten sich daran, ihr Tun aus ihrem Denken zu erklären statt aus ihren Bedürfnissen…“ (Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Moskau 1975,379) Man darf darauf gespannt sein, ob überhaupt und wenn ja wann bei der MLPD die Entwöhnungskur beginnt.

21. Programm der Marxistisch-Leninistischen Partei, Entwurf, Januar 1999, Verlag Neuer Weg, Essen, 31

22.Vgl. Friedrich Engels: Der Bauernkrieg in Deutschland, Vorbemerkung zur dritten Auflage 1875, MEW 7,541

23.Stefan Engel: Die Maotsetungideen und die Lehre von der Denkweise, Beiträge zur Theorie und Praxis der internationalen Revolution Nr. 4, Verlag Neuer Weg, 1993,28

24. Marx an Annenkow, MEW 4,547

25.Kautsky, in: Die Neue Zeit 1901 – 1902, siehe LW 5,395

26. Vgl. Lenin, Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971,567. Aber natürlich ist der Lernprozess zwischen Avantgarde und Masse nicht einseitig. Für Lenin denken die berufsrevolutionäre keineswegs für alle, nimmt die Menge keineswegs keinen Anteil an der Bewegung. Vgl. Lenin: Was tun ? LW 5,482. Und nach einer sozialistischen Revolution, die den bürgerlichen Ideologen die Mittel wegnimmt. ihr konterrevolutionäres Gift unter die Werktätigen zu mischen, kann dieser wechselseitiger Lernprozess wesentlich besser gedeihen.

27. Georg Lukács, Lenin, Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken, Luchterhand Verlag  1969,32

28. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,26

29. „Das Scheitern der Utopisten, darunter der Volkstümler, Anarchisten, Sozialrevolutionäre, erklärt sich unter anderem dadurch, daß sie die primäre Rolle der Bedingungen des materiellen Lebens der Gesellschaft nicht anerkannten und – in Idealismus verfallend – ihre praktische Tätigkeit nicht auf der Grundlage der Bedürfnisse der Entwicklung des materiellen Lebens der Gesellschaft aufbauten…“ (Josef Stalin: Über dialektischen und historischen Materialismus, Volks- Verlag Singen (Hohentwiel), 1946,23. Ein interessanter Hinweis zum Scheitern der MLPD. Kleinbürgerliche Ideologen sind unfähig, die primäre Rolle der Bedingungen des materiellen Lebens anzuerkennen, kleinbürgerliche Politiker sind unfähig, ihre praktische Tätigkeit auf der Grundlage der Bedürfnisse des materiellen Lebens aufzubauen.  Haben sich diese Herrschaften je mit der Aussage von Marx aus seinem Werk „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“ auseinandergesetzt ?: „Eine Klasse, worin sich die revolutionären Interessen der Gesellschaft concentriren, sobald sie sich erhoben hat, findet unmittelbar in ihrer eigenen Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären Thätigkeit, Feinde niederzuschlagen, durch das Bedürfniß des Kampfes gegebene Maaßregeln zu ergreifen; die Consequenzen ihrer eigenen Thaten treiben sie weiter. Sie stellt keine theoretischen Untersuchungen über ihre eigene Aufgabe an.“ (Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin 1977,126) Hören wir auch auf Engels: „…Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten der Entwicklung des Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor.“ (Engels an Marx, 13.2.1851). In dieser Aussage von Engels über den allgemeinen Charakter einer Revolution sucht man vergeblich die Bemerkung, daß es entscheidend von der Denkweise abhänge, welche Entwicklung eine Gesellschaft nimmt. Aber natürlich ist es schwierig für Leute, die sich ganz auf die Denkweise versteift haben, zu begreifen, was Engels mit der materiellen Gewalt der Notwendigkeit gemeint haben könnte. Ein Ergebnis der proletarischen Revolution ist die im Verlauf der Zertrümmerung der bürgerlichen Zustände entstehende Diktatur des Proletariats und selbst nach ihrer Errichtung und der mit ihr verbundenen umerzieherischen Aufgaben bleibt die Denkweise etwas Sekundäres. Wie äußert sich Lenin zur Überwindung der kleinbürgerlichen Vorurteile des Proletariats ? Es überwindet diese nicht durch die proletarische Denkweise, sondern „in langwierigen und schweren Massenkämpfen gegen den Masseneinfluß des Kleinbürgertums“. (Lenin, zitiert in Stalin, Grundlagen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin 1952, 100). Künstliche Heranzüchtung einer proletarischen Denkweise oder schwere Massenkämpfe gegen kleinbürgterlichen Masseneinfluß – hier trennt sich die idealistische Spreu vom kommunistischen Weizen.

30. Karl Marx, Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8,139

31. Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Marx Engels Ausgewählte Werke Band I, Dietz Verlag Berlin,1974,302

32.Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4,493

Hans Göke/Heinz Ahlreip

Wissenschaftsgeschichtliche Reflexionen zum Kommunismus

12. November 2009

Hätten die Philosophen vom Fach sich intensiver mit den Ausführungen von Friedrich Engels über die Triebkräfte der philosophischen Entwicklung auseinandergesetzt, wäre so mancher Irrweg erspart geblieben.  „Die Philosophen wurden aber…von Descartes bis Hegel und von Hobbes bis Feuerbach keineswegs, wie sie glaubten, allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorangetrieben. Im Gegenteil, was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie.“ 1. Diesen Gedankengang von Engels fortsetzend spricht sich Lenin 1922 in den Anfängen der Sowjetmacht dafür aus, dass für die kommunistischen Materialisten das Bündnis mit den Vertretern der modernen Naturwissenschaft wichtiger sei als das mit der modernen Geisteswissenschaft. 2.

In der Tat, durchleuchten wir einmal den Zusammenhang der bürgerlichen sozial- und  geisteswissenschaftlichen Disziplinen mit ihren materiellen Voraussetzungen in der spätkapitalistischen bürgerlichen Gesellschaft, so hat die Ökonomie ihre Bedingung in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, des Arbeiters und der Arbeiterinnen durch den Kapitalisten, die Wissenschaft von der Politik in der Unterdrückung der Werktätigen durch das Kapital, hier lohnabhängige Sklaven und Untermenschen, dort kapitalistische Herrenmenschen, die die Befehlsgewalt über die bis in den kleinsten menschlichen Knochen entfremdete Arbeit haben, womit wir bei der Soziologie angelangt sind, die sich erübrigen würde, gäbe es keine entfremdeten gesellschaftlichen Beziehungen mehr.

Und der Pfaffe segnet diese ganze Sklaverei als heilige Weltordnung ein. Gerade am Beispiel der Religionswissenschaften und dann auch der Philosophie, dieser angeblichen Krone wissenschaftlicher Schöpfungen 3. wird der Bedeutungswandel des geisteswissenschaftlichen Überbaus deutlich. Hand in Hand mit der Emanzipation der Völker geht der Niedergang der Geisteswissenschaften, der Abbau des Überbaus einher. Verfolgen wir kurz die Hauptzüge des Zerfalls: Die einst mächtigste geisteswissenschaftliche Disziplin, die Gebieterin der Philosophie war, hat sich zu einer immer rascher verschwindenden Spur verflogen. In der Theorie jedenfalls, in der Praxis haben die Pfaffen, solange es Kapitalismus gibt, überall ihr Händchen im Spiel, besonders in den Schulen besteht mittelalterliche Verdunklungsgefahr (was ja selbst nach den Gesetzen der BRD ein Haftgrund ist), in der Tat ist es kriminell, den Pfaffen Zutritt zu staatlichen Schulen zu gewähren, die im Kapitalismus einzig den bürgerlichen Wissenschaften dienen sollten, aber das ist ja die Crux, das blutsaugende Bürgertum kommt ohne die Verdummung der Volksmassen nicht aus. 4. Nach der russischen Februarrevolution 1917 suchte es zum Beispiel nach der Abdankung des Zaren Nikolaus Kontakt zu seinem Bruder Michail, um diesen als eine Art Vogelscheuche gegen die rote Flut aufzubauen, um reaktionäre Elemente zu binden. Heute beim Bürgertum revolutionäres Potential zu suchen käme einem Unterfangen gleich, bei einem Bordellwirt edle Charkterzüge zu entdecken. Als Ergebnis der 48er Revolution stellte bereits Friedrich Engels fest: „An die Massen zu appellieren hatte das Bürgertum 1848 verlernt; es fürchtete sie noch mehr als den Absolutismus. „5.

Der seit der Renaissance einsetzende Ablösungsprozess von mittelalterlichen Weltbildern und die Dominanzverschiebung zu einer neuen Herrin, zur Politik, mit einer neuen Selbstbestimmung der ganzen menschlichen Daseinsweise wird von Rousseau während seines Venedigaufenthaltes 1743 prägnant erfasst. Er erkannte, daß in Zukunft das Schicksal der Menschheit von der Politik bestimmt wird, wie bisher von Religion und Metaphysik. Es ist deshalb nur folgerichtig, daß Marat die Wissenschaft von der Politik für die wichtigste hielt, für Napoleon war die Politik eine unentrinnbare Schicksalsmacht. Aber während die Politik in ihrer bürgerlichen Sattheit noch schwelgt, höre auf den Gleichschritt der proletarischen Bataillone. Die seit dem Aufkommen der großen Industrie einsetzende Arbeiterbewegung intendiert die völlige Selbsterschöpfung der Politik durch die völlige Durchpolitisierung aller auf der ökonomischen Struktur beruhenden gesellschaftlichen Lebensbereiche. Die Dominanzverschiebung zur letzthin ohne politisch-juristischen Überbau am effektivsten sich steigernde materielle gesellschaftliche Produktion wird von Friedrich Engels durch seinen ersten Manchesteraufenthalt (1842 – 1844) mit großem Weitblick erahnt. Wurde durch Engels Politik endlich als etwas Ableitbares begriffen 6., so blieb ihr im proletarischen Emanzipationsprozess nur noch eine Sekundanzfunktion. „Die Revolution überhaupt, der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse ist ein politischer Akt. Ohne Revolution aber kann sich der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg.“ 7. Auf dieses Fortschleudern der Politik kommt alles an. Im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus wird vielleicht die Humanmedizin die Sonne sein, um die die anderen Naturwissenschaften  kreisen , auch die Stellung von Musik und Kunst wird eine andere sein. Herrschaft über Menschen und politische Gesellschaftswissenschaften verhalten sich ebenso reziprok wie Anarchie und nur noch benötigter Naturwissenschaften. Erst hier wirklicher Freiraum und disponible time für Kunst und Musik.8. Bereits der erste große deutsche Theoretiker des Frühsozialismus, Wilhelm Weitling, sah für die Medizin in einer vom Geld befreiten Gesellschaft eine große Zukunft voraus, er setzte in seinem Zukunftsentwurf in den „Garantien der Harmonie und der Freiheit“ die philosophische Heilkunde an erster Stelle. Die größten Philosophen werden zugleich Ärzte und Sittenlehrer sein und Krankheiten werden immer mehr auf ein Minimum reduziert werden. Schon René Descartes, der Begründer der neuzeitlichen Philosophie, räumte der Medizin einen ganz hervorragenden Platz ein: „Denn selbst der Geist hängt so stark von der Leibesbeschaffenheit und der Anordnung der Organe des Körpers ab, daß, wenn es möglich ist, irgendein Mittel zu finden, das die Menschen allgemein weiser und befähigter macht, als sie es bis jetzt gewesen sind, dieses Mittel, wie ich glaube, in der Medizin zu suchen ist“. 9. Im der Staatsutopie von Morus „Vom besten Zustand des Staates und über die neue Insel Utopia“ ist die höchste Tugend die Wohltätigkeit, um „den Kummer der Mitmenschen zu lindern“.

In sexualwissenschaftlicher  Hinsicht hat sich gezeigt, daß im bürgerlichen Rahmen nur Pseudosexrevolutionen möglich sind, Heinrich Heines Gedanken von der „Emanzipation des Fleisches“, von der „Demokratie der Götter“ (die nicht arbeiten),  bleiben eine Utopie, aneinandergekettet sind Zinsertrag des Geldes und Fortpflanzungssexualität, Sklavennachwuchs und Altersvorsorge. Die Ehe ist eine besitzindividualistische Herrschaftsbeziehung. Ihre Wurzeln haben sich als historisch übermächtig erwiesen gegenüber den Versuchen am Ende der 60er Jahren, Kommunen zu gründen. In der Prostituion ist jene Sexualität gerade ausgeblendet, dafür herrscht nackte bare Zahlung. Gegenläufig nimmt im Sozialismus/Kommunismus die Bedeutung der Fortpflanzungssexualität ab, je mehr die Produktion ins Unendliche vermehrt werden kann. Wenn es denn zutrifft, was Hagen Koch und Peter Joachim Lapp in ihrem Buch: „Die Garde des Erich Mielke“ 10. darstellen, dass aus dem Wachregiment Feliks Dzierzynski Soldaten entfernt wurden, denen Homosexualität nachweisbar war, so wirft dies kein gutes Licht auf die DDR, das ist ohne Zweifel eine Diskriminierung und  Menschenrechtsverletzung. Erstens tappen diese ja viel weniger in eine Honigfalle (so bezeichnet man weibliche Lockvögel von feindlichen Geheimdiensten) und zweitens hätte das selbst Friedrich der sog. Große, der noch heute auf Beschluß der SED (!)  (wieder) als Reiterstandbild Unter den Linden prangt, ganz anders gesehen. Man mag dem aufgeklärten Monarchen historisch progressive Züge beilegen, ( lieber 3 x mit der Lupe hinsehen 11.), aber die sexuelle Orientierung ist ein elemantares Menschenrecht unabhängig von jeder historischen Konjunktur. Innermarxistisch ist das Gewichtigste die Forderung Marxens in den Feuerbachthesen, die Ehe zu vernichten. Bereits der utopische Sozialist Fourier wußte: „Die Zivilisation bewirkt, dass der Mensch in ewigem Kriegszustand mit seinesgleichen lebt und jede Familie der geheime Feind aller anderen Familien ist.“ 12.

Wie sollen auch Menschen heute frei sein, wenn sie in den nationalen Erziehungsanstalten von bürgerlichen Lehrern seelisch verkrüppelt werden: der Prolet soll nicht genießen, er ist zum Schuften da…und die leibfeindliche Tradition zählt in Jahrtausenden, lange vor dem Aufkommen des modernen Industrieproletariats. Für unsere europäische Tradition ist ausschlaggebend die Verdammung des antiken atheistischen und die weltlichen Freuden gutheißenden Philosophen Epikur durch den Kirchenvater Augustinus: Epikur sei ein zerrütteter Philosoph, dagegen kontrastiert Karl Marx, der Epikur den einzigen Heiligen im Kalender der Philosophen nannte. Für Feuerbach war die Geschlechtsliebe die höchste Form der Ausübung (s)einer neuen Religion. 13. Im Kapitalismus bleibt der Sexualkundeunterricht hinter der französischen Aufklärung zurück: „…als sei es eine Schande, Vergnügen zu empfinden und für sein Glück geschaffen zu sein.“ 14. Deutlich wird die Dekadenz des Bürgertums, das es selbst Gedankengut, das es einmal  gegen den Feudaladel gerichtet hat, heute als Herrschaftsbedrohung empfinden muss. 82 Jahre hat es zum Beispiel in der Entwicklung der französischen Bourgeosie gedauert, bis ein Umschlag von Quantität in Qualität erfolgte. Die Pariser Commune hat endgültig bestätigt, dass die Bourgeoisie aus einer fortschrittlichen Klasse zur Repräsentantin des Ancien Régimes geworden ist. 15. Es muß Ernst gemacht werden mit dem Gedanken, dass der Mensch für sein Glück geschaffen ist.

1. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, 277. Es blieb dem im Katholizismus wurzelnden Philosophen Martin Heidegger vorbehalten,  göttlichen Romantizismus gegen die moderne Wissenschaft und Technik vorzutragen, 1949/50 im „Bremer Club“ und auf der Bühler Höhe vor führenden deutschen Industriellen: die „Raserei der modernen Techik“ führe zur Selbstzerstörung des Menschen.

2. Vgl. Lenin, Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus, Ausgewählte Werke, Progress Vlg. Moskau 1971,728 f. In dieser Schrift auch der fundamentale Hinweis, daß Revolutionäre nicht allein eine Revolution durchführen können, daher die Bündnissuche.(a.a.O.,724)

3.Die „Königin“ Philosophie ist vom Wertverfall der Geisteswissenschaften natürlich nicht ausgeschlossen, sie ist mittlerweile eine fast verstorbene Wissenschaft, Engels gab ihr Nutzen einzig auf dem Gebiet der formalen Logik und selbstredend der Dialektik. Die Philosophie sei aus Natur und Geschichte vertrieben, statt Zusammenhänge im Kopf auszudenken, komme es darauf an, sie in den Tatsachen zu entdecken. (Vgl. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,306). Die kommunistische Gesellschaft wird keine philosophierende (oder: eine nicht so sehr philosophierende) Gesellschaft , sondern eine frei bewußt kollektiv produzierende sein. Was wir an künstlerischen, musikalischen und philosophischen Früchten in ihr zu erwarten haben, ist aus dem heutigen Sumpf der spätbürgerlichen Dekadenz heraus noch nicht auszumalen. Der Bedeutungswandel der Philosophie im Marxismus wird im Kontrast zur damals progressiven französischen Aufklärung deutlich: Fontenelle schwärmte von einer „Republik der Philosophen“ als staatlichem Ideal der Identität von Obrigkeit und Volk. Dieses Denken gehört mittlerweile der alten Weltordnung an, von einer Obrigkeit weiß die Kommunistin/der Kommunist nur insofern, als sie/ er sie abschaffen will, die kommunistische Gesellschaft ist keine Republik der Philosophen. Denn nach Marx ist bereits für Feuerbach Philosophie „…eine Form der Daseinsweise der Entfremdung…“ (Karl Marx: Ökonomisch Philosophische Manuskripte, MEGA I,2 Dietz Verlag Berlin, 1982,400)

4.In den Schulen wird gegen den wissenschaftlichen Sozialismus gehetzt, der Aberglaube soll in den jungen Köpfen spuken. Anders kann es im kapitalistischen System gar nicht sein, der Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital wird als felsenfester Kristall der Weltgeschichte dargestellt. Die Lehrer stehen unter dem Einfluß der asozialen Kapitalisten, so dass die Schüler systematisch vom Allgemeinwohl abgelenkt werden  und die Vorurteile der Reichen verinnerlichen sollen.  So schon bei Morelly: „Ein ganzes Volk ist oft bestimmt, einige Sterbliche auf Kosten seiner Ruhe und seines Glücks zu beglücken. Man begünstigt alle Meinungen, alle Irrtümer, die es in dieser Herabwürdigung halten.“ (zit. in: Richard Saage: Politische Utopien der Neuzeit, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1991,84). Die Kommunisten entreißen die Erziehung dem Einfluß der herrschenden Klasse. (Vgl. Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1983, 65).  „Natürlich vermittelte die ganze alte Schule, die durch und durch vom Klassengeist durchtränkt war, nur den Kindern der Bourgeoisie Kenntnisse. Jedes ihrer Worte war im Interesse der Bourgeoisie gefälscht. In diesen Schulen wurde die junge Generation der Arbeiter und Bauern nicht so sehr erzogen als vielmehr im Interesse eben dieser Bourgeoisie abgerichtet. Das Ziel ihrer Erziehung war, für die Bourgeosie brauchbare Diener heranzubilden, die ihr Profit bringen konnten , zugleich aber ihre Ruhe und Müßiggang nicht störten.“ (Lenin, Die Aufgabe der Jugendverbände, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971,669). Sekundiert wird die geistige Verführung Minderjähriger in den Schulen durch die bürgerlich monopolisierten Massenmedien.

5.Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, MEW 21,431

6. In Manchester erkent er auch, dass sich die Arbeiterklasse nur SELBST befreien kann.

7.Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, MEW 1, 409. In der Wirtschaftskommune von Eugen Dühring muss ein fundamentaler Fehler vorliegen, denn in seinem Entwurf einer zukünftigen glücklichen Gesellschaft wird neben der medizinischen Fakultät auch die juristische aufblühen. (Vergleiche Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,300).

8. Einer der merkwürdigsten „wissenschaftsgeschichtlichen“ Einwände gab es gegen die öconomische Lehre von Karl Marx in einer deutsch-amerikanischen Zeitung. Marxens Ansicht, daß die Produktionsweise des materiellen Lebens den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt bedinge, sei stimmig für die heutige kapitalistische  Gesellschaft, im Mittelalter aber hätte der Katholizismus und in Athen und Rom die Politik geherrscht. Als ob Katholizismus und Politik schon jemals irgendjemand ernährt hätten.

9. René Descartes, Discours de la Méthode, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2011,109

10. Hagen Koch/ Peter Joachim Lapp: Die Garde des Erich Mielke, Helios Verlag 2008,122

11. Friedrich der II. kommt bei Marx und Engels ganz schlecht weg, Engels bezeichnet ihn als Teiler Deutschlands im Bunde mit dem Ausland, kurz; als Volksfeind. „Je vais, je crois, jouer votre jeu; si les as me viennent, nous partageron“ (ich glaube, ich werde euer Spiel spielen; bekomme ich die Asse, so teilen wir)- das waren Friedrichs Abschiedsworte an den französischen Gesandten (Beaurau), als er in seinen ersten Krieg zog.“ (Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, MEW 21,418f.) Selbst wenn man sich mit der Auffassung von Alexis de Tocqueville anfreundet, dass Friedrich der Große als Vorläufer der französischen Revolution zu betrachten sei, ja bereits als deren „Agent“, so bleibt zu fragen, ob das bereits hinreichend ist, ihn in einer Arbeiter- und Bauernrepublik zu huldigen. (Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, rororo Klassiker Rowohlt Verlag Hamburg 1969,15)

12.Charles Fourier, Der Philosoph der Kleinanzeige, semele verlag berlin, 2006, 100

13. Vgl. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,283.So auch Fourier: Die Befriedigung der Lust sei der wahre Gottesdienst. (Vgl. Charles Fourier, Der Philosoph der Kleinanzeige, semele verlag berlin, 2006, 171)

14. La Mettrie, Der Mensch eine Maschine, Reclam 2007,50

15. Vergleiche Karl Marx, der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,321

Mit dem kategorischen Imperativ aus der Finanzkrise

1. November 2009

Die internationale Finanzkrise trifft vor allem die Ärmsten der Armen, die Zahl der Unterernährten wächst rapide an. Auf 1,2 Milliarden Menschen – so hoch wie noch nie – schätzt die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO/Uno) die Hungernden. Die bis in die 90er Jahre zu beobachtende positive Entwicklung ist in ihr Gegenteil umgeschlagen (im Zeitraum 2004 – 2006 waren „nur“ 873 Millionen zu verzeichnen). Der emeritierte Professor für Philosophie, Jürgen Mittelstraß hat sich so seine Gedanken über die Ursachen der Finanzkrise gemacht und gibt bescheiden zu, daß wir diese noch nicht vollständig überblicken.  Ein Arzt wäre nun vorsichtig mit der Therapie, nicht so ein Freigeist der bürgerlichen Intelligentsia, die vornehmlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung plaziert, siehe den Aufsatz: Wirtschaft und Ethos. (1.) vom 9. Oktober 2009.  Ethik muss wieder ein Bestandteil der ökonomischen Ausbildung werden, Geld sei nicht alles, Geld sei nicht der einzige Wert. Eine Besinnung auf den kategorischen Imperativ von Kant tue not: „Handele so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Damit „…wären wir auf den höchsten Höhen der Philosophie angelangt…“ (2.), zugegeben, zu verlockend muss es auch sein, im Zeitalter der universalen Globalisierung mit einer universalen Ethik anzurücken und mit dieser kapitalistischen Blutsaugern ins Gewissen zu reden, aber auch dieses wieder bescheiden, Mittelstraß sagt selbst, dass es mit der Wirksamkeit des Imperativs schlecht bestellt sei, wenn die Schadensverursacher aus dem Management der Banken im Grunde Schadensersatzboni in schwindelerregender Höhe verlangen. Das aber ist die bittere Realität im Imperialismus, dass diejenigen, die Millionen Menschen zum Hungerdasein verurteilen, für diese „Glanztat“ noch Millionen verlangen. Hier sind nun allerdings nicht die höchsten Höhen der Philosophie gefragt, man würde den Freunden der Weisheit auch zuviel Schmutz antun, sondern gefragt sind Millionen Waffen für die Hungernden, damit sie sich mit der Waffe in der Hand ihr täglich Brot von den Reichen holen.  Dieses Managergesindel ist wohl das allerletzte, was bei seinen gierigen Machenschaften beständig den kategorischen Imperativ im Kopf hat, es ist deshalb auch nicht nachvollziehbar, wenn Professor Mittelstraß einerseits den kategorischen Imperativ auf den heiligen Berg der Philosophie hebt, zugleich sich aber dennoch für Boni ausspricht: „Dabei sind Bonuszahlungen, recht verstanden, etwas Gutes, ein leistungsförderndes Stimulans.“ (3.) Recht verstanden- heißt hier: der Manager, der im Bildungsurlaub ein Seminar über Kants Kritik der praktischen Vernunft belegt. Kant hätte sich mehrmals im Grabe umgedreht, den Imperativ in die Nähe der volksfeindlichen Blutsauger zu bringen. Diese stehen außerhalb jeglicher Norm und Zivilisation, sie stehen gerade außerhalb des kategorischen Imperativs, da sie ständig gegen ihn handeln, die hungernde Menschheit und eine gerechte Weltordnung schert sie einen Dreck. „…daß es gerade die Kapitalisten sind, die Anarchie und Krieg in die menschliche Gesellschaft hineintragen.“ (4.) Friedrich Engels hat uns in seiner Krtik Ludwig Feuerbachs gezeigt, daß dieser in  seiner Moralphilosophie den gleichen Fehler macht wie Kant: „Es geht der Feuerbachschen Moraltheorie wie allen ihren Vorgängerinnen. Sie ist auf alle Zeiten, alle Völker, alle Zustände  zugeschnitten, und eben deswegen ist sie nie und nirgends anwendbar und bleibt der wirklichen Welt gegenüber ebenso ohnmächtig wie Kants kategorischer Imperativ. “ (5.) In der Tat, nur 6 Tage, nachdem Mittelstraß seinen Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlich hat, meldet der Finanzmarkt: Wall Street auf dem Weg zu neuen Rekordboni. „Eine konkrete Beschränkung der Bonuszahlungen seitens des amerikanischen Gestzgebers ist trotz aller Kritik nicht vorgesehen.“ (6.)Und in London ? Hoffnung für die Luxusboutiquen: Die Boni sollen wieder üppiger fließen. Die Regierung appelliert an Moral und Anstand, macht also denselben Fehler wie Mittelstraß. Und last not least gibt die anglikanische Kirche den Hedge-Fonds ihren Segen…und beklagt sich ! Aber worüber ? …daß die Regulierung der Hedge-Fonds zu weit gehe !! In einem Protestschreiben an den parlamentarischen Ausschuss für EU-Angelegenheiten des britischen Parlaments beschwert sich die Kirche über die Pläne der EU-Kommission zur Regulierung von Hedge Fonds, Zitat daraus: „Die Maximierung der Erträge auf unsere Investments gehört zu unserer Mission…“ (7.)Professor Mittelstraß muß einsehen, dass es völlig zwecklos ist, selbst dem Erzbischof von Canterbury mit kantischer Moralphilosophie beizukommen, er kennt seinen handfesten wertvollen Gott ganz genau.

Im Kommunistischen Manifest schrieben Marx und Engels, dass die Bourgeoisie einem Hexenmeister gleiche, der die von ihm heraufbeschworenen Kräfte nicht mehr bannen könne. Die Illusion der Philosophen zu diesem Hexenmeister besteht darin, dass sie ihr Denken für richtig halten und alles besser sei, wenn sich die Welt nur nach diesem philosophisch richtigen Denken richten würde. Nackte Realität ist aber weltweit, dass sich die imperialistischen Monopolisten nicht um bürgerliche Moral scheren, sondern wie Lenin es im „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus “ formulierte, dem Ochsen das Fell gleich zweimal über die Ohren ziehen. Bürgerlichen Ideologen ist auch immer eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit eigen. So wünschte sich Wolfgang Schäuble in seinem Beitrag zur Serie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Die Zukunft des Kapitalismus“  (8.) den Bankier zurück anstelle des Bankers, Mittelstraß den langfristig denkenden Unternehmer statt des auf den schnellen Euro erpichten Managers und der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaft, der Ökonom Edmund S. Phelps vertritt die Auffassung, es „…müsste eine neue Klasse von Banken gegründet werden…“, allerdings im gleichen Atemzug: „…wir müssen zurückkehren zu altmodischen Banken…“ (9.) , man kann das kurz zusammenfassen zur Sehnsucht nach der klassischen sozialen Marktwirtschaft, als der Mann mit der Zigarre noch Wirtschaftsminister war. Diese Zeit aber kann nicht wiederkommen,  am Horizont zeichnet sich vielmehr ein ganz anderes Bild ab: die Arbeiterklasse muss dieses ganze Bankengeflecht in Schutt und Asche legen, angefangen in der Bankenmetropole Frankfurt, aus dieser Stadt steigt ein Pesthauch auf und legt sich lähmend über die ganze Republik. Bankier hin, langfristig denkender Unternehmer her, die imperialistische Ökonomie läßt sich nicht zurückdrehen, sie steuert auf den Sozialismus zu, in dem dann ebenfalls wehleidige Klagen der Bourgeoisie über die Rückkehr des Bankers und  Managers laut werden mögen, die gute alte kapitalistische Zeit !

1. Jürgen Mittelstraß, Wirtschaft und Ethos, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Ordnung der Wirtschaft, 9.10. 2009, 12

2.a.a.O.

3.a.a.O.

4.Lenin, Briefe aus der Ferne, LW 23, 326. Schon im „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ verwies Lenin auf die besondere Spezies „bürgerliche Wissenschaftler“ , die an das Verantwortungsgefühl der Bankdirektoren appellieren (Vergleiche: Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Lenin Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,230), dadurch aber im Grunde nur die Ausbeutung der Massen vertuschen.

5.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, 289

6.Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2009,23

7.Frankfurter Allgemeine Zeitung 8. 10.2009,19

8.Wolfgang Schäuble, Ohne Maß ist die Freiheit der Ruin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.8.2009, 29 und 31.

9.“Es müßte eine neue Klasse von Banken gegründet werden.“ Interview mit Edmund S. Phelps, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.11.2009,16