Archive for Dezember 2009

Marx auf Abwegen

31. Dezember 2009

Es gab eine Zeit in Deutschland, in der die Bibel sozial in Aktion trat, namentlich durch Thomas Müntzer. Im Bauernkrieg wandten sich die aufbegehrenden rebellischen bäuerlichen Bundschuhhaufen an und gegen die Obrigkeit: „Als Adam grub und Eva spann, wo blieb denn da der Edelmann ?“ War dies extrem nach rückwärts gewandt – und doch mit einem  urchristlichen anarchistischen Impuls – so wurde aber auch die Abschaffung des Zehnten verlangt. Das war – nach Friedrich Engels – die „Anticipation des Kommunismus durch die Phantasie“ (1.), wie er überhaupt des weiteren „merkwürdige Berührungspunkte“ zwischen Urchristentum und moderner Arbeiterbewegung feststellte.

Ich gedenke heute über einen Artikel von Reinhard Marx in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.12. 2009 zu schreiben, und doch war diese Rückerinnerung an ein Ereignis vor fast einem halben Jahrtausend notwendig, denn Reinhard Marx ist derzeitiger Erzbischof von München und Freising und die FAZ, das Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, hat diesem Vertreter des Mittelalters, der katholischen Reaktion eine ganze Seite eingeräumt, auf der er über die katholische Soziallehre als Kompass aus der Finanzkrise doziert. Nanu – könnte man sagen, an der Börse soll doch der schnelle Euro gemacht werden, und doch braucht die Börse Dunkelmänner, denn ohne Verdummung des arbeitenden Volkes läßt sich nun mal kein schneller Euro machen. Marx tritt auf als Vertreter des Papstes, der seine Glanzzeit im Feudalismus hatte, insofern sind wir mit dem deutschen Bauernkrieg erst mal auf gleicher Augenhöhe. Er nimmt Bezug  besonders auf die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ des Papstes Leo XIII. von 1891.

Es kann nicht ausbleiben, dass der Kapitalismus von zyklischen Krisen heimgesucht wird und es kann auch nicht ausbleiben, dass in diesen allerlei Quacksalber, Krisenkapitäne mit Kompass und Krisenlöser auftreten, die diese Krise noch ausschlachten und ihre Allheilmittel anpreisen (2.) Schauen wir heute, wie uns der Erzbischof aus der Krise führen will.  Zunächst doziert er über das Positive einer Krise, als sei er vom Kranken, Gebrechlichen fasziniert. „Das geflügelte englische Wort „You must not waste a crisis“ deutet auf die produktive Chance der Krise hin.“ (3.) Krisen werden wir nicht verhindern können, diesen Satz mag man einem Kirchenmann verzeihen, die Aufgabe der politischen Ökonomie ist es gerade, die Ursachen der kapitalistischen Krisen aufzuzeigen und die Mittel ihrer Überwindung, (das hat dann allerdings ein anderer Marx getan). „Die Krise ist ein produktiver Zustand…“(4.), mit diesem Satz beginnt (Reinhard) Marx und sie sei ja auch nicht zu einer Katastrophe geworden, denn nur rund ein Viertel der Haushalte in Deutschland spürt die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Das heißt doch aber nicht, dass die Krise für 75 % positive Auswirkungen hat. Im Gegenteil, global betrachtet hatte doch eine Kettenreaktion von Insolvenzen Millionen Menschen außer Lohn und Brot gesetzt, die nun unproduktiv dahinvegetieren. Der Erzbischof muß selbst zugeben, dass die Krise stets die Schwachen und Armen am stärksten trifft und er will ihnen mit dem „Licht“ (!!) der katholischen Soziallehre helfen. Ein Licht käme demnach aus dem Mittelalter auf uns zu, vergessen wir indeß nicht den Hinweis von Lenin, dass die Religion eine Art geistiger Fusel ist.(5.)  Und Engels verortet Religion in den „bornierten und unwissenden Vorstellungen des Wildheitszustandes.“ (6.) Der Marxismus Leninismus verwirft ja die Priestertrugstheorie, die von den französischen Aufklärern verwandt wurde und die in Friedrich dem II. von Preußen einen Anhänger fand,nach der der Pfaffe naive unschuldige Menschen manipuliert, nein, es sind die Ausbeutungsverhältnisse, die diesen Fusel produzieren und der Konsumenten wie Prediger gleichermaßen benebelt. Oder ist es sonst zu verstehen, dass der Wunsch des Bischofs, dass es nicht um Märkte, sondern um Menschen gehe, gerade in der Sozialen Marktwirtschaft in Erfüllung gehen soll, dass diese auf moralischen Entscheidungen fusse, dass ihr moralische Maßstäbe zugrunde liegen. (7.) Eine striktere moralische Einhaltung der Regeln dieser Wirtschaftsordnung dämpfe zukünftige Krisen. Da muss der Bischof aber einen großen Schluck Fusel zu sich genommen haben, denn gerade das Jahr 2009 hat doch demonstriert, wie sehr der Mensch in der Sozialen Marktwirtschaft im Mittelpunkt steht, die nach Marxens Meinung auch die Schwächeren beteiligt: eine Altenpflegerin wurde entlassen, weil sie sechs übrig gebliebene Maultaschen aus der Heimverpflegung mitgenommen hatte, bei Arbeitsgerichten sind anhängig Kündigungen wegen einer Frikadelle, Brotaufstrich, das Aufladen eines Handys sowie zwei Pfandbons im Wert von 1,30 €.(8.) Thomas Müntzer hielt zu Beginn des Bauernkrieges eine Predigt im Schloß zu Allstedt:“Die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei seien die Fürsten und Herren; sie nehmen alle Kreaturen zum Eigentum,die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden. Und dann predigen sie gar noch den Armen das Gebot: Du sollst nicht stehlen, sie selber aber nehmen wo sie´s finden, schinden und schaben den Bauern und den Handwerker; wo aber dieser am Allergeringsten sich vergreife, so müsse er hängen, und zu dem Allen sage dann der Doktor Lügner Amen.“ (9.) Mit dem Doktor Lügner ist Martin Luther gemeint, aber sagt nicht auch Reinhard Marx zu dem Allen Amen, was die Soziale Marktwirtschaft an Menschen verstümmelt ? Abgesehen davon, dass die Sätze Müntzers, wiedergegeben aus der Schrift von Friedrich Engels über den deutschen Bauernkrieg, belegen, wie wichtig und aktuell das Studium dieser Schrift von Engels ist, ist doch deutlich, wie sehr das ganze offizielle Deutschland noch im Mittelalterlichen steckt, dass das deutsche Bürgertum vor der selbständigen Regung der Arbeiter und Bauern mehr Furcht hat als vor jeder beliebigen feudalen Reaktion. Das Bürgertum mit seinen Juristen, dem Klerus, der Bürokratie, den Bankiers und den an ihren Fäden hängenden Politikern, das sogenannte offizielle Deutschland…repräsentieren diese Elemente nicht alles  das, was in Deutschland abgestorben ist ?  „Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt. Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.“ (10.) Nach Reinhard Marx hatte der Staat in der Finanzkrise gar keine andere Chance, als die großen Banken zu retten. Ein anderer Marx forderte im Kommunistischen Manifest: „Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.“ (11.) Reinhard Marx wurde 1953 als Sohn eines Schlossermeisters geboren, stammt also auch nicht gerade aus Kreisen der Hochfinanz, und es ist betrüblich, wie er so auf Abwege kommen konnte. Einen Weg aus der Krise kann er im Grunde nicht aufzeigen, viele gestelzte Worte, aber mit Gedankengut aus dem Feudalismus ist man ja auch auf dem Holzweg. Viele hochtrabende Sätze über Moral, Verantwortung, Haftung, Wechselspiel zwischen Freiheit und Ordnung…usw…usf. Aber einen Lösungsweg ? Rien ! (12.)

1. Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, MEGA I,10 Dietz Verlag Berlin, 1977,382. „Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung Aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit wurde verlangt.“ (a.a.O.,432).

2.Im Kommunistischen Manifest heißt es: „Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse , die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Verhältnisse nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor.“ Marx Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 19f.

3. Reinhard Marx, Die Soziallehre als Kompass, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12. 2009,12

4.a.a.O.

5. „Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenanlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen…“ Lenin, Sozialismus und Religion, in: Ausgewählte Werke Band II, Dierz Verlag Berlin 1980,200.

6. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, Dietz Verlag Berlin 1975, 275

7. Charles Fourier schreibt über den ach so sozialen Handel: “ Ich war im Katechismus unterrichtet und man hatte mir gepredigt, nicht zu lügen, Dann nahmen sie mich in das Geschäft, um mich in die noble Kunst des Betrugs und die noble Kunst des Verkaufs einzuweisen.“ (Charles Fourier, Ewiger Hass dem Handel, in: Charles Fourier, Der Philosoph der Kleinanzeige, Semele Verlag Berlin, 2006,51f. Ein biblischer Deckmantel über einen Wirtschaftsmarkt ist widersinnig. Moralphilosophie und Moraltheologie gleiten an jeder Marktwirtschaft ab, sei diese nun sozial oder asozial. Asoziale Marktwirtschaft ist viel treffender.

8.siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.12.2009,12: BAG verteidigt Kündigung wegen Bagatellen. Nach Aussage der Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts Ingrid Schmidt in der Süddeutschen Zeitung „…gibt es keine Bagatellen…“. Eine diensteifrige Juristin im Dienste des Kapitals. Kann noch befördert werden. Man denkt unwillkürlich an Rousseaus Gedanken, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass es nur die Institutionen sind, die ihn verderben. Vor Freislers Volksgerichtshof gab es auch keine Bagatellen, ein Witz über Hitler konnte tötlich sein, besser: war ein Todesurteil.

9.Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkreig, MEGA I,10, Dietz Verlag Berlin 1977,390. So auch noch der Gedankengang bei James Baldwin: „Wir wissen, dass Wasser und Luft der gesamten Menschheit gehören, nicht nur den Industriellen.“ (James Baldwin: Offener Brief an meine Schwester Angela Davis (1970) in: absolute Black Beats, orange press Freiburg 2003,122f.

10. Marx Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 29f.

11.a.aO.,50. In den Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland hieß es in der Neuen Rheinischen Zeitung: „An die Stelle aller Privatbanken tritt eine Staatsbank, deren Papier gesetzlichen Kurs hat. Diese Maßregel macht es möglich, das Kreditwesen im Interesse des ganzen Volkes zu regeln, und untergräbt damit die Herrschaft der großen Geldmänner.“ (zit. in: Karl Marx, Einleitung und Auswahl von Franz Borkenau, Fischer Taschenbuch 1973,117

12. Dazu stellt ein Leserbrief in der FAZ vom 5.1.2010 von Peter Weber aus St.Leon- Rot (Titel: Eine Soziallehre ohne konkrete Vorschläge)  fest, dass der Artikel vom Bischof auf den ersten Blick kreative Denkansätze enthalte, dass er es dann aber versäume, die Soziallehre als Kompass darzustellen. „…oder liegt es an der fehlenden  Substanz derselben, praktische Fragen des Lebens beantworten zu können ?“ (FAZ 5.1.2010, 6) Ich kann dieser Frage nur zustimmen, der Bischof gibt ja keinerlei konkrete Angaben über den substantiellen Inhalt der Lehre, wie will er sie dann als Kompass aus der Krise anwenden ?

Heinz Ahlreip, geschrieben in der Sylvesternacht 2009

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Pipes Kommunismusbuch

22. Dezember 2009

Der Zusammenbruch der sich auf den Moskauer Leninismus beziehenden sozialpolitischen Gesellschaftssysteme, der, läßt man einmal das revolutionäre Albanien, das sich ja von ihm abgewandt hatte,  außen vor, 1991 abgeschlossen war, hat nicht nur sozial und weltpolitisch verheerende Auswirkungen gehabt, sondern auch ideologisch. Man war auf einmal zurückgeworfen auf das Gedankengut der bürgerlichen Aufklärung, die genuin mit dem radikalen Zweifel Descartes anhob. Dahin hat es diese bürgerliche Aufklärung gebracht, dass an allem zu zweifeln ist, nur nicht an der Fehlerhaftigkeit des egoistischen Menschen und dass er folglich zum Kommunismus nicht tauge, da der Egoismus eine anthropologische Konstante sei.  Diese konterrevolutionäre Doktrin steht eisern. Inzwischen aber hat sich gezeigt, dass die Verelendung der Weltbevölkerung trotz des Sturzes der kommunistischen Tyranneien zugenommen hat, daß der Imperialismus drauf und dran ist, die ganze Welt in einen einzigen blutigen Klumpen zu verwandeln (1.) und dass nur ausgenommen dumme und ausgenommen dreiste Menschen damals von blühenden Landschaften phantasieren konnten. Wer den Imperialismus mit einem menschlichen Anlitz maskiert, ist ein schäbiger Volksbetrüger und gehört versetzt, sagen wir, unter die Känguruhs nach Australien. Wenn also Professor Pipes 2001 eine Generalabrechnung mit dem Kommunismus vorlegt, so kann man sagen,das Buch kommt 10 Jahre zu spät (2.) In der Euphorie des die Kommune wie die Pest hassenden Bürgertums wäre es um die Jahreswende 1991/1992 noch verständlich gewesen. Es war immerhin der führende Kopfjäger der Roten Armee Fraktion, der Ex-BKA Chef Horst Herold, der 2000 zu der Einsicht kam, dass das Scheitern des Kommunismus Probleme hinterlassen habe, die zu seinem Entstehen geführt hätten. (3.) Pipes ist in der angelsächsischen Tradition ein Vertreter des common sense, des gesunden Menschenverstandes, und wir finden durch seine Kommunismuswiderlegung eine vortreffliche Bestätigung der Worte von Friedrich Engel, dass der gesunde Menschenverstand, „…ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände  ist, er  ganz wunderbare Abenteuer erlebt, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt…“(4.) Pipes bezeichnet Stalin als schizophren, wir werden am Ende der Buchbesprechung sehen, auf wen dies wirklich zutrifft.

Es ist wohl auch der angelsächsischen Tradition geschuldet, dass  Pipes eine recht bizarre, umständliche geistesgeschichtliche Ableitung des Marxismus offeriert, phantasiereich, aber undiszipliniert: der Marxismus gehe zurück auf Plato, Locke und Helvetius. Das klingt gelehrt, der Kern der Sache ist aber ein anderer: Im Selbstverständnis des Marxismus und auch objektiv richtig sind drei Quellen zu nennen: die klassische deutsche Philosophie, der französische radikale Sozialismus und die bürgerliche englische politische Ökonomie, die alle von Marx kritisch überwunden wurden. (5.) Pipes gleitet hier ab, weil er die Methode der immanenten Kritik mißachtet: sich in den Kreis der Stärke der Logik des Gegners zu stellen und diesen von innen heraus zu destruieren. Auf Lenins Schrift: „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marximus“ geht Pipes nicht ein, das wäre aber die Bedingung gewesen, um die klassische deutsche Philosophie, den französischen Sozialismus und die englische politische Ökonomie durch Platonismus, Lockeanismus und durch die französische Aufklärung in Gestalt von Helvetius zu ersetzen. Vor allem der Materialist Helvetius hat es ihm angetan, ja er zeichnet ihn sogar als einen Vater der Oktoberrevolution: „In gewisser Hinsicht stellte der von Lenin im November 1917 in Russland errichtete kommunistische Staat ein grandioses Experiment in Sachen öffentliche Erziehung dar, das auf der Grundlage des von Helvetius entwickelten Modells versuchte, einen vollkommen neuen, von allen Übeln einschließlich dem vom Besitzstreben freien Menschen zu erschaffen.“ (6.) Also eine Art „Besserungstyrannei“.

Es ist beliebt, die Thematik des Kommunismus mit allgemeinen Reflexionen über die Gleichheit aller Menschen einzuleiten. Pipes deutet den Kommunismus Marx Engelscher Prägung als Schreckensszenario der Gleichheit aus, ohne aber überhaupt näher auf die Dialektik zwischen bürgerlicher und proletarischer Gleichheit einzugehen. (Dass die Aristokratie den Gleichheitsgedanken verwirft, versteht sich ja von selbst). Die französische Egalite von 1789 beinhaltete die politische Gleichheit in Form der Abschaffung von Klassenprivilegien, jedoch nicht die Abschaffung der Klassen selbst. Für den Bourgeois bedeutet letztere Abschaffung natürlich eine Gesellschaft der Uniformität, was sie mitnichten ist. Der Verdienst der materialistischen Dialektiker Marx und Engels besteht gerade darin, die ideologisch ins Überzeitliche verzeichnete Kategorie der Gleichheit klassenmäßig konkretisiert zu haben. Es ist bürgerliches Vorurteil, Gleichheit als ewige Wahrheit zu betrachten, selbst heute noch manchmal religiös verzerrt (vor Gott sind alle Menschen gleich und Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit). Marx wies im „Kapital“ darauf hin, dass das bürgerliche Vorurteil sich erst recht in einer warenproduzierenden Gesellschaft verfestigt. „Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und die gleiche Gültigkeit aller Arbeit, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesellschaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, also auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist.“ (7.) Nichts einfacher als die bornierte bürgerliche Gleichheitsideologie dem Kommunismus unterzuschieben. Indem aber die proletarische Revolution der menschlichen Arbeitskraft den Warencharakter nimmt, fällt auch der ganze bürgerliche Gleichheitsschwindel in sich zusammen.

Da Pipes aber in seinem ganzen Buch die Themen nur oberflächlich streift, kommt er auch zu einer völlig abwegigen Deutung des Kommunismus als religiöses Phänomen: „Die emotionale Wirkung dieser Lehre gleicht der von Religionen, insofern sie ihren Anhängern die unerschütterliche Überzeugung verleiht, dass, gleichgültig, wie viele Rückschläge sie auch erleiden, ihre Sache am Ende triumphieren muss.“ (8.) Das kann man natürlich schreiben, wenn man Marx die Feuerbach´sche Religionskritik unterschiebt. „Der Begriff der Verdinglichung bezeichnet die Vergegenständlichung (Konkretisierung) eines Abstraktums. Laut Ludwig Feuerbach nannte Marx als Beispiel dafür die Neigung des Menschen, alles, was er als gut und erstrebenswert erachtet, auf ein (nach Marx´ Auffassung) nicht existentes Wesen zu projizieren, dass er als „Gott“ bezeichnet.“ (9.) So sah es Feuerbach, Feuerbach hat bekanntlich seine Religionskritik nicht Karl Marx übereignet. Karl Marx hat in seinen Feuerbachthesen vielmehr kritisiert, das Feuerbach vom Abstraktum Mensch ausgeht und nicht zu den gesellschaftlichen Wurzeln des religiösen Übels durchdringt. Laut Karl Marx muss man die gesellschaftlichen Bedingungen verändern, aus denen Religionen gestiftet und produziert werden, gleich welche -ismen diese haben. „Feuerbach sieht daher nicht, daß das religiöse Gemüt selbst ein gesellschaftliches Produkt ist und daß das abstrakte Individuum, das er anaylisiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angehört.“ (10.)

Pipes gleitet auch am zweiten Kapitel seines Buches ab, in dem er den Leninismus abhandelt. Er beginnt mit einem zaristischen Ansatz und fängt die Hinleitung zum Leninsmus mit Peter dem Großen an, was originell erscheinen kann, gelänge der Übergang in die Thorie des Leninsmus. Aber von diesem zaristischen Ansatz kann Pipes sich nicht lösen, er verbleibt in einer längst überholten Geschichtsauffassung, dass große Männer Geschichte betreiben. So ist es nur folgerichtig, dass er die Theorie Lenins durch dessen Biografie ersetzt und der Leser nichts über den wissenschaftlichen Gehalt des Leninismus erfährt, die in ihm enthaltene Imperialismusanalyse, der Leninismus als Marxismus in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution, die Theorie des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande, die Lenin und Stalin gegen Trotzki durchsetzten. Im April 1924 hielt Josef Stalin Vorlesungen an der Swerdlow Universität über die Grundlagen des Leninismus, die auch als Broschüre, auch in englischer Sprache erschienen.(11.) In diesen Vorlesungen wird das Wesen des Leninismus in hervorragender Weise dargelegt. Auch hier geht Pipes nicht auf das Wesen der Sache ein, erwähnt diese Schrift nicht einmal, seine Widerlegung des Leninismus rutscht deshalb ins Lächerliche ab und läuft darauf hinaus, dass Lenin halt ein böser Mensch war.(12.) Das sind die Gelehrten, die nur über den Sachen sind, weil sie nicht in den Sachen sind. Folgt man der Geschichtsauffassung des reaktionären preußischen Historikers Treitschke, dass Männer Weltgeschichte machen, bleiben Überzeichnungen nicht aus, die bis ins Karikaturhafte gehen können. Das Lieblingswort Pipes ist in dieser Beziehung: inszenieren. Nicht nur soll Lenin den russichen Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen inszeniert haben(13.),  sondern er wollte auch einen Zweiten Weltkrieg anzetteln (14.). Es gehört zur Seriosität eines Historikers, objektive Tatsachen zu berücksichtigen, Klassen, Massen, einzelne Personen bewirken nichts. (15.) Das Ziel der arbeitenden Menschheit, der Weltgeschichte, des proletarischen Endkampfes liegt nach der Heroentheorie nicht an ihrem Ende, sondern in ihren Genies. Der Personenkult ist genuin volks- und massenfeindlich, als wäre das geniale Gehirn Lenins der Scheitelpunkt der kommunistischen Weltbewegung. Lenin wies  darauf hin, uns zu hüten, Revolution mit großen Buchstaben zu schreiben, in der Dialektik zwischen Kollektivität und historischer Persönlichkeit dominiert das Kollektiv.

Aber es geht noch flacher. In der wohl traurigsten Stelle des Buches geht Pipes auf das Verhältnis der Industriearbeiter zum Bauerntum ein, dass die Marxisten „das Bauerntum als eine kleinbürgerliche Klasse und somit als einen eingeschworenen Feind der Industriearbeiter“  betrachteten, „ungeachtet des Umstands, dass die Mehrheit der russischen Industriearbeiter aus Dörfern stammte und dorthin auch enge Beziehungen unterhielt.“ (16.) Bekanntlich zersetzte sich das „Bauerntum“ in Klein- und Mittelbauern und in Kulaken, die richtigen Beziehungen zu diesen drei Bauernklassen bezeichnete Lenin wiederholt als die Schlüsselfrage der Diktatur des Proletariats, wobei die freundschaftlichen Beziehungen zu den Kleinbauern der entscheidende Schlüssel war. Man kann zu Lenin weltanschaulich und menschlich stehen, wie man will, aber man wird anerkennen müssen, dass er eine Präzision in der Analyse der Klassen einer gegeben Gesellschaft an den Tag legte, die an Schärfe ihresgleichen sucht. Allein die quantitative Relation zwischen der relativ kleinen Schar der Industriearbeiter und den zahlenmäßig alles dominierenden Bauern hätte eine derartig martialische Politik ins Selbstmörderische getrieben. Hätten die Bolschewiki das Bauerntum wirklich als eingeschworenen Feind der Industriearbeiter betrachtet und behandelt, so stünde heute nach 85 Jahren kein Lenin Mausoleum mehr, wäre Stalin nicht über 30 Jahre Generalsekretär der KPdSU gewesen (17.) Die Völker sind nicht so dumm, wie Pipes meint. Der Sieg des Sozialismus im Großen Vaterländischen Krieg war gerade deshalb möglich, weil das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern in der Roten Armee hielt.Warum ist zum Beispiel Fidel Castro ein halbes Jahrhundert anerkannter Führer der kubanischen Revolution ? Ein Volk läßt sich nicht ein halbes Jahrhundert lang betrügen ! Pipes hätte besser daran getan, sich vor der Niederschrift seines Buches einmal mit dem Begriff der Bauernschläue zu befassen. Dann wäre ihm folgende Peinlichkeit nicht unterlaufen: „Die Kollektivierung bedeutete für die Bauern einen Rückfall noch hinter den Status, den sie vor 1861 als Leibeigene innegehabt hatten.“ (18.) Vielleicht dachten die Nazis so und waren sich daher eines weiteren Bltzkriegsieges sicher.

Das Scheitern des sowjetischen Kommunismus, das im Grunde ein Scheitern des Revisionismus war, erklärt uns Pipes auf eine wirklich „originelle“ (19.) Art: „Der Niedergang des Systems setzte ein, als sich Stalins Nachfolger nach seinem Tod für Stabilität entschieden und die Bürger nicht länger die Notwendigkeit der ihnen abverlangten Opfer einsahen.“ (20.) Hier kommt das In-Szene-Setzen, das Inszenieren von Geschichte wieder ins Spiel: also im Gegnsatz zu Lenin und Stalin waren deren Nachfolger nicht mehr auf das Inszenieren von Geschichtskrisen aus, die allein Bürger duckmäuserisch hält. So entstand eine Atmosphäre der Apathie, in der am Ende selbst die sowjetische Elite den Zusammenbruch relativ gleichgültig hinnahm. „Der Kommunismus in Rußland hatte sich selbst verzehrt.“ (21.) Ein fürwahr vortrefflicher Satz ! (22.) Wenn man von dem Ausgangspunkt der Sowjetunion ausgeht, an dem Lenin die Sowjets als Keimformen des Absterbens jedes Staates bezeichnete, so ist vielmehr zu fragen, wie konnte es zu der Fehlentwicklung kommen, dass heute eine Diktatur der Sowjet-KGB-Mafia in Rußland existiert. Durch die Auflösung der Maschinen-Traktor-Stationen 1958 wurden ungeheure Mengen von Produktionsinstrumenten der Landwirtschaft in die Bahn der Warenzirkulation geworfen und diese Erweiterung des Wirkungsbereichs der Warenzirkulation ging bis zu dem Punkt, an dem ein Umschlag von Quantität in Qualität erfolgte- für das Proletariat in negativer, für die Bourgeoisie in positiver Hinsicht, insofern durch diese ökonomische Verschiebung das Wertgesetz auch wieder Regulator der Produktion wurde. Durch Überhandnehmen der Warenzirkulation aus der Kurve zum Kommunismus geschleudert, nahm die Lokomotive einen Kurs in Richtung Konsumismus, an dessen Ende sich die Staatsstreichgewinnler an ihren Gulaschhäppchen übergeben mußten.

1. „Das Geschäft mit dem Krieg kennt keine Krise“ lautet der Titel eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11.12.2009, S.19. Ein neues Wettrüsten hat das Waffengeschäft zu einem gewaltigen Wachstumsmarkt gemacht in einer gewaltigen globalen Rüstungsspirale. „Nach Berechnungen des Internationalen Instituts für Friedensforschung in Stockholm (Sipri) sind die Militärausgaben auf der Welt seit Ende der neunziger jahre um etwa 90 % gestiegen. Die Welt hat in einem seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gekannten Maß aufgerüstet…“ Dabei ist die deutsche Industrie nach den USA und Rußland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt, 70 % der deutschen Rüstungsproduktion gehen ins Ausland. Was sind denn das für interessante Früchte einer sog. „friedlichen Revolution“ ? Der ehemalige Offizier der US Marine, Christopher A. Preble bezeichnet in seinem Buch: „The Power Problem“ (Cornell University Press, Ithaca New York 2009,212 S.) die gegenwärtige us-amerikanische Militärstrategie als  größenwahnsinnig, die die Welt unsicher mache. Die US-Militärmaschine sei so gigantisch, dass nach immer neuen Kriegen gesucht werden muss. Washington könne heute wohl mehrere Kriege unterschiedlicher Intensität gleichzeitig führen. (siehe: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.1.2010,6)

2. In deutscher Sprache erschien es erst 2003 im Berliner Taschenbuch Verlag (Verlagsgruppe Random House). Pipes (geboren am 11. Juli 1923 in Cieszyn/Polen als Sohn eines Unternehmers) lehrte 46 Jahre an der Harvard Universität ( von 1950 bis 1996) und war an ihr von 1968 bis 1973 Direktor des Zentrums für russische Studien. Während des Kalten Krieges stand er einem Gremium von auswärtigen Experten namens Team B vor, das die strategischen Ziele und Kapazitäten der Sowjetunion für die CIA eruierte.

3.Vgl. Horst Herold, Die Lehren aus dem Terror, Süddeutsche Zeitung Nr 116, 30./31. Mai 2009, Seite 9

4. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Marx Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Dietz Verlag Berlin, 1953, 120

5. Siehe: Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, LW 18,576ff.

6. Richard Pipes, Kommunismus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,21

7. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23, 74

8. Richard Pipes, Kommunsimus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,24. Man findet ein Seitenstück dazu bei bei Alexis de Tocqueville: Die französische Revolution ist selbst eine Art neue Religion geworden, die „…gleich dem Islam , die ganze Erde mit ihren Soldaten, ihren Aposteln und ihren Märtyrern überschwemmt hat.“( Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, Kapitel: Die französische Revolution war eine politische Revolution, die in der Art religiöser Revolutionen verlief, in: rororo klassiker, Rowohlt Verlag Hamburg, 1969, 24) Indeß kam es doch auf ihrem Höhepunkt 1793/94 zu einer heftigen Entchristianisierungsbewegung.

9.a.a.O.,31

10.Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3,7

11.J,W,Stalin, Über die Grundlagen des Leninmus, in: Stalin: Fragen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin 1951, 9ff.

12.1926 wurde noch eine wichtige Schrift von Stalin verfasst: Zu den Fragen des Leninismus, in: Stalin: Fragen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin 1951,134f.

13. Richard Pipes, Kommunismus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,65

14.a.aO.,79

15. Vgl. Lenin; Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, LW 24,47

16. Richard Pipes, Kommunismus, Berliner Taschenbuch Verlag 2003,71f.

17. Stalins Leichnam wurde nicht 1956 aus dem Leninmausoleum entfernt (siehe Pipes,114),  sondern erst 1961. Das ist ja gerade das Nachdenkenswerte, dass die Revisonisten aus Angst vor einem Volksaufstand Lenin noch 5 Jahre neben einem vom XX. Parteitag ausgewiesenen Verbrecher liegen ließen. Auch Pipes sieht Stalin gerne so, zum Beispiel als Mörder Kirows:“1934 fiel ein prominenter Bolschewik, der Sekretär der Leningrader Parteiorganisation Sergej Kirow, einem Attentat zum Opfer; obwohl die Umstände des Attentats niemals ganz geklärt wurden, deuten etliche Indizien auf Stalin als Drahtzieher des Mordes hin.“ (a.a.O.,93) Entweder, Herr Professor, nenen sie diese Indizien oder sie schweigen. Natürlich malt er die auf die Ermordung Kirows folgenden Säuberungen in den dunkelsten Farben, sieht sich aber immerhin zu der Angabe gezwungen, dass nur 1,4 % der Bevölkerung im Gulagsystem inhaftiert waren. Auch führt er, was für einen us-amerikanischen Professor lobenswert ist, richtig aus, dass die Sowjetunion die Hauptlast des Zweiten Weltkrieges zur Niederringung der Nazibarbaren zu tragen hatte. „Allein bei der Schlacht um Kiew im Sommer 1941 verloren 616 000 russische Soldaten ihr Leben, und die Offensive im Don-Becken zwei Jahre später forderte in den Reihen der Roten Armee 661 000 Opfer. Ausländische Wissenschaftler veranschlagen die sowjetischen Gesamtverluste im Zweiten Weltkrieg auf zwanzig Millionen Menschenleben…über das Dreifache der Verluste der Wehrmacht an der Ostfront (2,6 Millionen) . Von den rund fünf Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, starben zwischen 1,9 und 3,6 Millionen an Unterernährung, in Gaskammern oder bei Erschießungen.“ (a.a.O.,112f.) Zahlen, die den Kapitalismus anklagen, nicht den Kommunismus.

18.a.a.O.,91

19. Die Krisentheorie, dass autoritäre Regime Krisen zu ihrer Aufrechterhaltung benötigen, wird vertreten von Michail Heller und Aleksandr Nekrich: Utopia in Power: The History of the Sovjet Union from 1917 to the Present, New York 1986,201. Hier ist nun allerdings schon der Titel falsch, denn die Sowjetunion wurde erst 1922 gegründet.

20. Richard Pipes, Kommunismus, Berliner Tasenbuch Verlag 2003,86

21.a.a.O.,126. Wer hatte mit dem Zusammenbruch, mit dem Fall der Berliner Mauer zu diesem Zeitpunkt gerechnet ? Nicht einmal bei den gesellschaftswissenschaftlichen Experten war ein Hauch von Ahnung vorhanden. Dieser Zusammenbruch ist das am schwersten Fassbare im 20. Jahrhundert.

22.Eine kleine, aber nicht unwesentliche Unachtsamkeit unterläuft Pipes, wenn er doziert, daß die Sowjetunion für die Ewigkeit errichtet worden sei (a.a.O.,126). Lenin bezeichnete die Sowjets als Vorboten des Absterbens jedes Staates. (Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution,LW 24,72) Es scheint sich zu rächen, dass Pipes nach eigener Aussage in seiner Jugend nicht über die Sowjetunion nachgedacht hat. Die Sowjetunion ist nach der Pariser Kommune, die nach den Worten von Friedrich Engels schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr war, der zweite Staat, der mit der Intention seiner Aufhebung im Kommunismus gegründet wurde.

Aus der Tätigkeit des Volkskommissars Feliks Dzierzynski

1. Dezember 2009

Zwischen 1921 und 1924 gab es auf dem Gebiet der russischen Sowjets grosse Transportprobleme, Lenins Partei stellte den Genossen  Dzierzynski an die Spitze des Volkskommissariats für Verkehrswesen.

Abgesehen davon, daß es 1921 in weiten Gebieten eine Mißernte und eine Brennstoffkrise gab, Loks wurden mit Torf geheizt, und der technische Standard selbstredend sehr niedrig war, hatte der Bürgerkrieg zirka 80 Prozent des Eisenbahnnetzes zerstört, galt es, 4000 Eisenbahnbrücken, 59 Prozent der Loks und 23 Prozent der Waggons instand zu setzen. Der Vorsitzende der staatlichen Plankommission, Gleb M. Krshishanowski (1872 – 1959) sprach von „…regelrechten Friedhöfen zerstörter Waggons und Loks“. 1. Der Güterumschlag betrug 1920 nur 27,8 Prozent gegenüber 1913, es wurden nur 61 Loks und 129 Waggons gebaut. Die Handelsflotte war zu 82 Prozent zerstört. In dieser Situation ernannte das ZK der Kommunistischen Partei Felix Dzierzynski (1877 – 1926) zum Volkskommissar für Verkehrswesen.

Der erste Schritt zur Lösung der gigantischen Aufgabe bestand in der Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter/innen. Im Gouvernement Moskau wurde Dzierzynski Vorsitzender der Kommission zu Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter/innen.  Zunächst mußte genügend Wohnraum geschaffen werden. Aus den Kommunehäusern (Arbeiterwohnheime) wurden alle Bewohner exmittiert, die keine körperliche Arbeit leisteten. Sodann wurden alle Moskauer Lagerräume inspiziert, um alle nichterfaßten Besitzwerte zu beschlagnahmen und an die Arbeiter/innen zu verteilen. Während der Tätigkeit Dzierzynskis wurde die Lebensmittelversorgung der Arbeiter/innen des Verkehrswesens verbessert. Trotz großer Schwierigkeiten konnte das Plenum des ZK der Kommunistischen Partei im September 1923 die Löhne der Eisenbahner/innen erhöhen. In den besonders harten Wintermonaten 1922 fand man Dzierzynski in Sibirien. Der Volkskommissar verfügte u.a. , den Eisenbahnern unterwegs eine warme Mahlzeit zu verabreichen. Gleichzeitig mit ihm traf eine große Sendung von Winteruniformen in Sibirien ein, und persönlich bestellte er in Moskau Filzstiefel, Halbpelze, Mützen und Fausthandschuhe. Ohne diese sozialen Verbesserungen war an eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität nicht zu denken.

Während seiner Zeit in Moskau konnte man jeden Nachmittag von 3 bis 4 Uhr in die Sprechstunden des Volkskommissars kommen. Wir erinnern uns an die Perestroikazeit, in der uns hochtrabende Reden über allerlei Demokratismen, Transparenz, Demokratisierung der Strukturen etc gehalten wurden, nur gab es weder Volkskommissare noch Sprechstunden. An das arbeitende Volk haben die Perestroikaspitzbuben als allerletztes gedacht. Hingegen war die persönliche Beteiligung des Kommissars Dzierzynski an den Subbotniks (freiwillige Arbeitseinsätze) selbstverständlich. Er war viel unterwegs, zog es vor, sich an Ort und Stelle ein Bild zu machen. Eisenbahner, Seeleute, Hafenarbeiter, Verkehrskader waren in den nächsten Jahren seine Gesprächspartner. Dabei legte er die Überzeugungsmethode zugrunde. Einer der Leiter des Südbezirks schrieb später, wie Dzierzynski „…in seinem Eisenbahnwaggon die führenden Funktionäre zusammenrief und ihnen eine ganze Nacht lang Argumente darlegte, warum er das System der Verwaltung von Land-  und Wasserstraßen verändert wissen wollte.“ 2. Unnachsichtig kämpfte er gegen jede Erscheinungsform des Bürokratismus. Wohl oder übel mußte das Volkskommissariat abspecken – der Stellenplan des Verkehrswesens wurde von 1 725 000 im April auf 760 000 im Juni 1923 gekürzt. Breits im Dezember 1921 sprach Lenin auf dem IX. Sowjetkongreß davon, daß in diesem Jahre organisatorische Verbesserungen auf dem Gebiet des Verkehrswesens zweiffelos erreicht worden seien. Die Mängel im Verkehrswesen wurden durch die Kritk-Selbstkritik-Methode bekämpft, Fehler wurden nicht vertuscht. „Je klarer und je rascher wir alle unsere Mängel, die größten Versäumnisse und die Auswirkungen einer falschen Wirtsvhaftsführung erkennen, desto schneller werden wir sie beseitigen und positive Ergebnisse in unserer Arbeit erzielen können.“ 3.

Aller Tätigkeit wurde der internationale Klassenkampf zugrundegelegt. „Es gibt keine einzige Wirtschaftsfrage, die außerhalb der weltweiten Perspektive des Klassenkampfes gelöst werden kann.“4. Ohne kollektive Anstrengung (wie etwa bei den Subbotniks) hätte die junge Sowjetunion die gigantischen Probleme nach ihrer Geburt nie in den Griff bekommen. So wurden zum Beispiel 1921 bei der Petrograder Eisenbahn 1470 Subbotniks veranstaltet, an denen 175 000 Arbeiter/innen teilnahmen. Damals setzte die Sowjetunion nicht auf eine Handvoll internationaler Experten, wie zur Zeit der Perestroika, sondern auf kollektives Denken und Handeln ihrer Völker. Dzierzynski wußte, daß „…das kollektive Denken und Wollen, das kollektive Schöpfertum der Arbeiter selbst…zu einem neuen Faktor beispiellosen, gigantischen Wachstums von Industrie und Verkehrswesen werden“5. kann. Und so wurde selbst ein auf den ersten Blick von der Politik so entlegenes Gebiet wie das Verkehrswesen zu einer Kernfrage der Diktatur des Proletariats, des Zusammenwachsens von Arbeit in der Industrie und Arbeit auf dem Lande. „Der Kampf um die Erhöhung der Rentabilität des Verkehrswesens, um seine Arbeit ohne Defizitist…ein Kampf…um die Festigung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft…“ 6. Schon damals versuchten die Trotzkisten dieses Bündnis zu verhindern. Georgi Pjatakow (1890 – 1937) forderte wiederholt die Beteiligung ausländischen Kapitals im sowjetischen Verkehrswesen. Unter anderem wollte er die Waggonreparaturwerkstätten deutschen Firmen in Konzession geben. Diese zwielichtigen Vorschläge fanden im Volkskommissariat für Verkehrswesen kein Echo. „Jene Herren, die uns empfehlen, das ausländische Kapital an unseren Eisenbahnen zu beteiligen, haben in ihren tiefsten Innern nicht die Interessen der ökonomischen Entwicklung des Landes im Auge, sondern politische Interessen, die wir zurückweisen müssen.“ 7. Das sowjetische Verkehrssystem wurde weder dem ausländischen Kapital noch gemischten Gesellschaften ausgeliefert. Nicht ohne Stolz auf die geleistete Arbeit aller Werktätigen im Verkehrswesen konnte Dzierzynski 1924 verkünden: „Denkt daran, wie uns die ausländischen Wissenschaftler für die Eisenbahn prophezeiten, daß wir im März zugrunde gehen werden. Jetzt kommen sie alle an und können sich nicht genug darüber auslassen, wie in Rußland das Verkehrswesen in Gang gekommen ist. Die ausländischen Propheten fassen es nicht, was kollektiver Wille heißt, was es bedeutet, die eigenen Stellen behaupten zu wollen.“ 8.

Ich will den Leser nicht mit statistischen Erfolgsmeldungen überschütten, nur so viel: Wurden die Kosten im Verkehrswesen Ende 1922 noch zu vierzig Prozent durch Stützungen abgedeckt, so konnte im Wirtschaftsjahr 1923/24 auf sie verzichtet werden. Das Verkehrswesen war für den Staat in nur drei Jahren zu einem gewinnbringenden Wirtschaftszweig geworden. Im Oktober 1923 gab es eine Reserve von zirka 3 000 betriebsfähigen Loks.

Auf dem VI. Unionskongreß der Gewerkschaft der Schiffahrtsarbeiter/innen im Januar 1924 konnte Dzierzynski die Bilanz ziehen, daß der Seetransport seine Hauptaufgabe – den Getreideexport – 1923 erfolgreich gelöst hatte. Im gleichen Monat fand die XIII. Parteikonferenz der Kommunistischen Partei statt. Eine ihrer Resolutionen lautete:  „Das Verkehrswesen befindet sich in einer solchen Verfassung, daß es ohne besondere Schwierigkeiten allen Forderungen der Volkswirtschaft gerecht zu werden vermag.“ 9.

Der Marxismus relativiert die Bedeutung der großen historischen Persönlichkeiten, Volkskommissare haben revolutionäre Durchsetzungkraft durch die Beachtung des Prinzips der Kollektivität, der Überzeugung, der Mitarbeit an den Subbotniks, Dzierzynski ist ein Musterbeispiel hierfür.

1. Siehe G.M. Krshishanowski, Ausgewählte Schriften, Moskau 1957,425, russ.- Der sowjetische Transport 1917 – 1927, Moskau 1927, 229,russ.

2.Feliks Dzierzynski, Biografie, Dietz Verlag Berlin 1981, (Übersetzung aus dem Russischen, verfasst von einem Autorenkollektiv),327

3. Offizieller Teil des Boten des Verkehrswesenss, Nr. 342 vom 22.12.1923

4. siehe ZSAdO Leningrads, Fonds 98, Liste 1, Akte 2, Blatt 8; Fonds 1000, Liste 5, Akte 22, Blatt 1, in: Feliks Dzierzynski, Biografie, Dietz Verlag Berlin 1981, 333

5.siehe ZSAdO, Fonds 5474, Liste 5, Akte 447, Blatt 1, in Feliks Dzierzynski Biografie, Dietz Verlag 1981,351

6. Feliks Dzierzynski, Ausgewählte Werke Band 1,424

7.zit. in: Zofia Dzierzynska: jahr großer Kämpfe, Militärverlag DDR 1977,366 f.

8.Torgowo – Promyschlennaja Gaseta (Handels – und Industriezeitung), 20. Juli 1924

9. Die KpdSU in Resolutionen, Bd. II, 519