Marx auf Abwegen

Es gab eine Zeit in Deutschland, in der die Bibel sozial in Aktion trat, namentlich durch Thomas Müntzer. Im Bauernkrieg wandten sich die aufbegehrenden rebellischen bäuerlichen Bundschuhhaufen an und gegen die Obrigkeit: „Als Adam grub und Eva spann, wo blieb denn da der Edelmann ?“ War dies extrem nach rückwärts gewandt – und doch mit einem  urchristlichen anarchistischen Impuls – so wurde aber auch die Abschaffung des Zehnten verlangt. Das war – nach Friedrich Engels – die „Anticipation des Kommunismus durch die Phantasie“ (1.), wie er überhaupt des weiteren „merkwürdige Berührungspunkte“ zwischen Urchristentum und moderner Arbeiterbewegung feststellte.

Ich gedenke heute über einen Artikel von Reinhard Marx in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.12. 2009 zu schreiben, und doch war diese Rückerinnerung an ein Ereignis vor fast einem halben Jahrtausend notwendig, denn Reinhard Marx ist derzeitiger Erzbischof von München und Freising und die FAZ, das Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, hat diesem Vertreter des Mittelalters, der katholischen Reaktion eine ganze Seite eingeräumt, auf der er über die katholische Soziallehre als Kompass aus der Finanzkrise doziert. Nanu – könnte man sagen, an der Börse soll doch der schnelle Euro gemacht werden, und doch braucht die Börse Dunkelmänner, denn ohne Verdummung des arbeitenden Volkes läßt sich nun mal kein schneller Euro machen. Marx tritt auf als Vertreter des Papstes, der seine Glanzzeit im Feudalismus hatte, insofern sind wir mit dem deutschen Bauernkrieg erst mal auf gleicher Augenhöhe. Er nimmt Bezug  besonders auf die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ des Papstes Leo XIII. von 1891.

Es kann nicht ausbleiben, dass der Kapitalismus von zyklischen Krisen heimgesucht wird und es kann auch nicht ausbleiben, dass in diesen allerlei Quacksalber, Krisenkapitäne mit Kompass und Krisenlöser auftreten, die diese Krise noch ausschlachten und ihre Allheilmittel anpreisen (2.) Schauen wir heute, wie uns der Erzbischof aus der Krise führen will.  Zunächst doziert er über das Positive einer Krise, als sei er vom Kranken, Gebrechlichen fasziniert. „Das geflügelte englische Wort „You must not waste a crisis“ deutet auf die produktive Chance der Krise hin.“ (3.) Krisen werden wir nicht verhindern können, diesen Satz mag man einem Kirchenmann verzeihen, die Aufgabe der politischen Ökonomie ist es gerade, die Ursachen der kapitalistischen Krisen aufzuzeigen und die Mittel ihrer Überwindung, (das hat dann allerdings ein anderer Marx getan). „Die Krise ist ein produktiver Zustand…“(4.), mit diesem Satz beginnt (Reinhard) Marx und sie sei ja auch nicht zu einer Katastrophe geworden, denn nur rund ein Viertel der Haushalte in Deutschland spürt die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Das heißt doch aber nicht, dass die Krise für 75 % positive Auswirkungen hat. Im Gegenteil, global betrachtet hatte doch eine Kettenreaktion von Insolvenzen Millionen Menschen außer Lohn und Brot gesetzt, die nun unproduktiv dahinvegetieren. Der Erzbischof muß selbst zugeben, dass die Krise stets die Schwachen und Armen am stärksten trifft und er will ihnen mit dem „Licht“ (!!) der katholischen Soziallehre helfen. Ein Licht käme demnach aus dem Mittelalter auf uns zu, vergessen wir indeß nicht den Hinweis von Lenin, dass die Religion eine Art geistiger Fusel ist.(5.)  Und Engels verortet Religion in den „bornierten und unwissenden Vorstellungen des Wildheitszustandes.“ (6.) Der Marxismus Leninismus verwirft ja die Priestertrugstheorie, die von den französischen Aufklärern verwandt wurde und die in Friedrich dem II. von Preußen einen Anhänger fand,nach der der Pfaffe naive unschuldige Menschen manipuliert, nein, es sind die Ausbeutungsverhältnisse, die diesen Fusel produzieren und der Konsumenten wie Prediger gleichermaßen benebelt. Oder ist es sonst zu verstehen, dass der Wunsch des Bischofs, dass es nicht um Märkte, sondern um Menschen gehe, gerade in der Sozialen Marktwirtschaft in Erfüllung gehen soll, dass diese auf moralischen Entscheidungen fusse, dass ihr moralische Maßstäbe zugrunde liegen. (7.) Eine striktere moralische Einhaltung der Regeln dieser Wirtschaftsordnung dämpfe zukünftige Krisen. Da muss der Bischof aber einen großen Schluck Fusel zu sich genommen haben, denn gerade das Jahr 2009 hat doch demonstriert, wie sehr der Mensch in der Sozialen Marktwirtschaft im Mittelpunkt steht, die nach Marxens Meinung auch die Schwächeren beteiligt: eine Altenpflegerin wurde entlassen, weil sie sechs übrig gebliebene Maultaschen aus der Heimverpflegung mitgenommen hatte, bei Arbeitsgerichten sind anhängig Kündigungen wegen einer Frikadelle, Brotaufstrich, das Aufladen eines Handys sowie zwei Pfandbons im Wert von 1,30 €.(8.) Thomas Müntzer hielt zu Beginn des Bauernkrieges eine Predigt im Schloß zu Allstedt:“Die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei seien die Fürsten und Herren; sie nehmen alle Kreaturen zum Eigentum,die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden. Und dann predigen sie gar noch den Armen das Gebot: Du sollst nicht stehlen, sie selber aber nehmen wo sie´s finden, schinden und schaben den Bauern und den Handwerker; wo aber dieser am Allergeringsten sich vergreife, so müsse er hängen, und zu dem Allen sage dann der Doktor Lügner Amen.“ (9.) Mit dem Doktor Lügner ist Martin Luther gemeint, aber sagt nicht auch Reinhard Marx zu dem Allen Amen, was die Soziale Marktwirtschaft an Menschen verstümmelt ? Abgesehen davon, dass die Sätze Müntzers, wiedergegeben aus der Schrift von Friedrich Engels über den deutschen Bauernkrieg, belegen, wie wichtig und aktuell das Studium dieser Schrift von Engels ist, ist doch deutlich, wie sehr das ganze offizielle Deutschland noch im Mittelalterlichen steckt, dass das deutsche Bürgertum vor der selbständigen Regung der Arbeiter und Bauern mehr Furcht hat als vor jeder beliebigen feudalen Reaktion. Das Bürgertum mit seinen Juristen, dem Klerus, der Bürokratie, den Bankiers und den an ihren Fäden hängenden Politikern, das sogenannte offizielle Deutschland…repräsentieren diese Elemente nicht alles  das, was in Deutschland abgestorben ist ?  „Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt. Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.“ (10.) Nach Reinhard Marx hatte der Staat in der Finanzkrise gar keine andere Chance, als die großen Banken zu retten. Ein anderer Marx forderte im Kommunistischen Manifest: „Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.“ (11.) Reinhard Marx wurde 1953 als Sohn eines Schlossermeisters geboren, stammt also auch nicht gerade aus Kreisen der Hochfinanz, und es ist betrüblich, wie er so auf Abwege kommen konnte. Einen Weg aus der Krise kann er im Grunde nicht aufzeigen, viele gestelzte Worte, aber mit Gedankengut aus dem Feudalismus ist man ja auch auf dem Holzweg. Viele hochtrabende Sätze über Moral, Verantwortung, Haftung, Wechselspiel zwischen Freiheit und Ordnung…usw…usf. Aber einen Lösungsweg ? Rien ! (12.)

1. Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, MEGA I,10 Dietz Verlag Berlin, 1977,382. „Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung Aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit wurde verlangt.“ (a.a.O.,432).

2.Im Kommunistischen Manifest heißt es: „Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse , die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Verhältnisse nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor.“ Marx Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 19f.

3. Reinhard Marx, Die Soziallehre als Kompass, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12. 2009,12

4.a.a.O.

5. „Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenanlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen…“ Lenin, Sozialismus und Religion, in: Ausgewählte Werke Band II, Dierz Verlag Berlin 1980,200.

6. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, Dietz Verlag Berlin 1975, 275

7. Charles Fourier schreibt über den ach so sozialen Handel: “ Ich war im Katechismus unterrichtet und man hatte mir gepredigt, nicht zu lügen, Dann nahmen sie mich in das Geschäft, um mich in die noble Kunst des Betrugs und die noble Kunst des Verkaufs einzuweisen.“ (Charles Fourier, Ewiger Hass dem Handel, in: Charles Fourier, Der Philosoph der Kleinanzeige, Semele Verlag Berlin, 2006,51f. Ein biblischer Deckmantel über einen Wirtschaftsmarkt ist widersinnig. Moralphilosophie und Moraltheologie gleiten an jeder Marktwirtschaft ab, sei diese nun sozial oder asozial. Asoziale Marktwirtschaft ist viel treffender.

8.siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.12.2009,12: BAG verteidigt Kündigung wegen Bagatellen. Nach Aussage der Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts Ingrid Schmidt in der Süddeutschen Zeitung „…gibt es keine Bagatellen…“. Eine diensteifrige Juristin im Dienste des Kapitals. Kann noch befördert werden. Man denkt unwillkürlich an Rousseaus Gedanken, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass es nur die Institutionen sind, die ihn verderben. Vor Freislers Volksgerichtshof gab es auch keine Bagatellen, ein Witz über Hitler konnte tötlich sein, besser: war ein Todesurteil.

9.Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkreig, MEGA I,10, Dietz Verlag Berlin 1977,390. So auch noch der Gedankengang bei James Baldwin: „Wir wissen, dass Wasser und Luft der gesamten Menschheit gehören, nicht nur den Industriellen.“ (James Baldwin: Offener Brief an meine Schwester Angela Davis (1970) in: absolute Black Beats, orange press Freiburg 2003,122f.

10. Marx Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 29f.

11.a.aO.,50. In den Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland hieß es in der Neuen Rheinischen Zeitung: „An die Stelle aller Privatbanken tritt eine Staatsbank, deren Papier gesetzlichen Kurs hat. Diese Maßregel macht es möglich, das Kreditwesen im Interesse des ganzen Volkes zu regeln, und untergräbt damit die Herrschaft der großen Geldmänner.“ (zit. in: Karl Marx, Einleitung und Auswahl von Franz Borkenau, Fischer Taschenbuch 1973,117

12. Dazu stellt ein Leserbrief in der FAZ vom 5.1.2010 von Peter Weber aus St.Leon- Rot (Titel: Eine Soziallehre ohne konkrete Vorschläge)  fest, dass der Artikel vom Bischof auf den ersten Blick kreative Denkansätze enthalte, dass er es dann aber versäume, die Soziallehre als Kompass darzustellen. „…oder liegt es an der fehlenden  Substanz derselben, praktische Fragen des Lebens beantworten zu können ?“ (FAZ 5.1.2010, 6) Ich kann dieser Frage nur zustimmen, der Bischof gibt ja keinerlei konkrete Angaben über den substantiellen Inhalt der Lehre, wie will er sie dann als Kompass aus der Krise anwenden ?

Heinz Ahlreip, geschrieben in der Sylvesternacht 2009

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