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Die Instrumentalisierung eines „edlen Menschen“ Der Fall Liu Xiaobo

12. Oktober 2010

Um Mißverständnissen vorzubeugen, ich will mit diesem Artikel keinesfalls die KPCh in Schutz nehmen. Die chinesische Arbeiterklasse bekommt sehr wenig ab von den Reichtümern, die sie schafft, und die sich eine hinter der Maske der „Modernisierung“  1. und „ökonomischen Effizienz“ 2.  verbergende konterrevolutionäre neureiche Parteimafia  an sich reißt. Man kann es auch als Frage formulieren: Was zum Beispiel bekommt die alle Werte schaffende chinesische Arbeiterklasse ab ? Es sei nur auf die Selbstmordwelle unter jungen Arbeitern beim weltweit größten, für Apple, Nokia und HP produzierenden Elektronikhersteller Foxconn hingewiesen. Sie resultierte aus Hungerlöhnen, Erschöpfung durch Überstunden und gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen.  Nach ihr wurde die Zahl der Überstunden auf achtzig gesenkt, die erlaubte Höchstzahl liegt bei 36. Als ersten Schritt zur Vorbereitung einer zweiten Kulturrevolution muss die Arbeiterklasse eine Verkürzung des Arbeistages erkämpfen, damit sie  mehr Zeit hat sich politisch revolutionär zu entwickeln. Zudem muss sie und  ihre Söhne und Töchter,  in der immer noch Volksbefeiungsarmee heißenden Miliz Waffenkenntnisse erwerben und alles Militärische gut erlernen lassen.  Die chinesische Fehlentwicklung nach der Kulturrevolution zeigt, dass diese a) historisch richtig und notwendig war und b) dass sie noch nicht ausreichend, noch nicht tief genug war, das bürgerliche Unkraut sitzt sehr fest, der Boden muss gründlicher umgepflügt werden. Was soll man von einem Sozialismus halten, in dem eine Bevölkerungspolitik a la Malthus praktiziert wird und auf eine möglichst geringe Fortpflanzung des Proletariats gedrängt wird, während Marx und Engels es als eine primäre Aufgabe sahen, dass im Sozialismus die Produktivkräfte möglichst rasch vermehr werden müssen. Mir geht es aber heute vor allem darum, aufzuzeigen, daß Imperialisten mit der Marionette Liu versuchen, ebenfalls an die von der chinesischen Arbeiterklasse geschaffenen Reichtümer heranzukommen.

Der Imperialismus, der in sogenannten Krisenregionen einen Teil seiner Mordmaschinen, seine Kriegsungeheuer laufen läßt und weltweit seine anderen in Stellung hat oder bringt, hat in einem chinesischen Gefängnis (3.) einen edlen Menschen entdeckt, der vom Nobelpreiskomittee in Oslo unter Vorsitz des Sozialdemokraten Jagland den Friedensnobelpreis zugedacht bekommen hat. Es ist der erste Nobelpreis  für  einen  Chinesen.  Dass es unter Leitung eines Sozialdemokraten, also eines gemäßigten Faschisten tagte, ist schon sehr aufschlußreich. Weltweit täuschen die sich in den Händen der Kapitalisten befindlichen Massenmedien die Öffentlichkeit: dass der Friedensengel für 1,3 Milliarden Chinesen und für den Rest der Welt als Vorbild für gewaltfreies demokratisches Verhalten dargestellt wird, hat nur einen Haken: wer sich für Demokratie einsetzt, setzt sich für Gewalt ein. Denn „Demokratie ist eine Staatsform, einer der Spielarten des Staates. “ 4.. Landläufig wird Demokratie so erklärt, dass sich in ihr die Minderheit der Mehrheit zu beugen hätte. „Demokratie ist NICHT (kursiv von Lenin) identisch mit Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit. Demokratie ist ein die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit anerkennender STAAT (kursiv von Lenin), d.h. eine Organisation zur systematischen GEWALTANWENDUNG (kursiv von Lenin) einer Klasse gegen die andere, eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen.“ 5. Wie mit Walechsa und Obama, so wird auch dieses Jahr friedensfeindliche Politik mit dem Vermächtnis Alfred Nobels betrieben. Der Friedensnobelpreis wird einem Sträfling zugesprochen, der sich für die systematische Gewaltanwendung eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen ausspricht. 6. Das Nobelpreiskomittee legt damit vor aller Welt dar, dass es weit entfernt ist von der Beherrschung der Dialektik von Revolution und Konterrevolution, dass es nicht prüft, ob es sich um eine Unterdrückerdemokratie der reichen Minderheit gegen die Volksmassen oder um eine Demokratie in Gestalt der Diktatur des Proletariats gegen reiche Volksfeinde handelt, deren Beschneidung ihrer demokratischen Rechte durchaus zulässig ist. Für die Vertreter dieser Diktatur, die den Völkern wirklich Frieden bringen,  ist allerdings ein Nobelpreis nicht drin, der Friedensnobelpreis, der im Gegensatz zu den anderen Nobelpreisen nicht in Stockholm, sondern in Oslo verliehen wird, ist eine durch und durch bürgerliche konterrevolutionäre Institution, die auch viel dazu beigetragen hat, dass jetzt im früheren Ostblock Politmafiosie regieren, die sich mit der kriminellen Mafia über Einflußsphären absprechen, letztere erpresst zum Beispiel Informationen „friedlich“ mit glühenden  Lötkolben.

Man lese alle Kommentare in den großen bürgerlichen Zeitungen über den Fall Liu Xiaobo nach,  die Worte Proletariat, Bauern, Bourgeoisie kommen darin nicht vor, ganz oberflächlich wird dem Leser das süße Bonbon Freiheit in den Mund geschoben. „Wie viel Demokratie verträgt China ?“ fragt zum Beispiel Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung: „Denn Freiheit ist keine westliche Erfindung. Freiheit ist eine universelle Idee. Und dieser Gedanke verbindet die freie Welt mit dem Dissidenten Liu Xiaobo.“7. Freie Welt ? Wie ist sie entstanden, diese Vorstellung: Freie Welt ?  Woran es der in der Warenproduktion befangenen bürgerlichen Journaille mangelt, das ist ein gründliches Studium der Dialektik: wie ist etwas entstanden, welche Hauptetappen der Entwicklung durchläuft es, wann beginnt die Phase des Absterbens ? „Die Sphäre der Zirkulation oder des Warenaustausches innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der Tat ein wahres Eden der Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham. “ 8. Bentham (1748 – 1832) war ein englischer Soziologe und Theoretiker des Utilitarismus, Marx nannte ihn im „Kapital“ ein „Genie in der bürgerlichen Dummheit“. 9. Und mit solchen Genies in der bürgerlichen Dummheit haben wir es auch mit den bürgerlichen Journalisten zu tun. Die „paradiesischen“ Parolen der französischen Revolution: Freiheit und Gleichheit sind in der bürgerlichen Gesellschaft leider an eine schwere Kette der Sklaverei gebunden: in einer warenproduzierenden Gesellschaft gehören die produzierenden Individuen einer Gesellschaftsformation an, „…worin der Produktionsprozess die Menschen, der Mensch noch nicht den Produktionsprozess bemeistert.“10. Und nur die Lohnsklaven können diese Ketten der Sklaverei sprengen, was den Untergang der bürgerlichen Gesellschaft, der sogenannten  „Freien Welt“  bedeutet.Es geht  im weltweiten proletarischen Klassenkampf um die volle Emanzipation der Arbeitskraft von ihrem Warencharakter.11. Dass der stark unter dem Einfluß des deutschen Philosophen Nietzsche stehende Irrationalist Liu in den Augen der KPCh ein Krimineller, ein „konterrevokutionärer Vorkämpfer für eine bürgerliche Republik“ ist, ist durchaus nachvollziehbar, seine in der Charta 08 aufgestellten Forderungen, die sich an die tschechische Charta 77 orientieren (folgerichtig bezeichnet er Vaclav Havel als seinen „spirituellen Vater“),  riechen allzu sehr nach bürgerlicher westlicher Dekadenz und Konterrevolution, und zwar so sehr, dass es auch der Schreiberling der Frankfurter Rundschau, Bernhard Bartsch, erfasst hat („Der Weg zu einem neuen politischen System ist lang und hart.“) 12., der uns Liu als einen aufrichtigen Intellektuellen und überzeugten Demokraten anschwatzen will. Da stehen sich zwei Welten aber konträr gegenüber: Gehst Du zum Weibe, vergiss die Peitsche nicht ! und der humanistische Gedanke von Charles Fourier, der unter den Sozialisten als erster aussprach, dass der Grad der menschlichen Emanzipation am Grad der Frauenemanzipation zu messen ist. Was mag denn das für ein neues politisches System sein ? Reden wir Klartext: „Die Formen der bürgerlichen Staaten sind außerordentlich mannigfaltig, ihr Wesen ist aber ein und dasselbe: Alle diese Staaten sind so oder so, aber in letzter Konsequenz unbedingt eine DIKTATUR DER BOURGEOISIE (kursiv von Lenin). Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus muß natürlich eine ungeheure Fülle und Mannigfaltigkeit der politischen Formen hervorbringen, aber das Wesentliche wird dabei unbedingt das EINE sein: DIE DIKTATUR DES PROLETARIATS (kursiv von Lenin). 13. Da haben wir den „spezifischen Pazifismus“ Liu Xiaobos, man muss sich entscheiden: welche Gewalt hätte man denn gern ?

1956 hat das deutsche Bürgertum durch sein ihm höriges Bundesverfassungsgericht ganz im Stile einer bürgerlichen Diktatur die KPD verboten, viele Genossen und Genossinnen hatten schwer unter den Verfolgungen durch die politische Polizei zu leiden und nach der Hitlerdiktatur, unter der 50 % der Mitglieder der KPD ermordet worden waren, gab es erneut durch das Bundesverfassungsgericht einen schweren Rückschlag für die demokratische Bewegung in Deutschland. Und doch sollten wir dem Gericht auf eine Art dankbar sein, es hat es uns vorgemacht: die Diktatur des Proletariats wird ebenfalls nicht zögern, nach und nach eine bürgerliche Partei nach der anderen als Schmarotzer am deutschen Volk zu verbieten, das nannte Marx eine Revolution in aufsteigender Linie (wobei das Radikale das Gemäßigte immer sichert und vorantreibt). Es liegt in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution, dass die bürgerliche Demokratie Werktätige unterdrückt, „…die proletarische Demokratie jedoch die Bourgeoisie wird unterdrücken müssen…“ 14. Jeder  revolutionäre gesellschaftliche Fortschritt auf höherer Entwicklungsstufe der Gesellschaft stellt eine radiakalere Negation des Alten, Überlieferten dar und die proletarische Revolution ist die tiefste Revolution in der Weltgeschichte, die die eigentümliche Dialektik aufweist, dass gerade die tiefste, vitalste  Revolution zum…Absterben(!!)  …führt, zum Absterben des Staates. Wo kämen wir denn auch wieder hin, wenn bürgerliche und kleinbürgerliche Parteien legal blieben ? Die alle, so oder so, zurückwollen zur Lohnsklaverei, zur Errichtung ihrer Diktatur der Bourgeoisie. Nein, das wollen wir nicht, wir wollen einen gesellschaftlichen Zustand erkämpfen, der ganz ohne Demokratie auskommt, dieser Spielart des Staates, ein Zustand, in dem die Demokratie einschläft 15. und die kommunistische Partei sich selbst auflöst.16. Die Charta 08 spricht sich aber gerade für ein Mehrparteiensystem aus, was hochgradig konterrevolutionär ist, hinter dem Modegeplapper des Pluralismus verbirgt sich doch nichts anderes als die Festschreibung von Klassengesellschaft. Demokratie (im bürgerlichen Sinn) ist heute das letzte politische Modewort, in das konterrevolutionäres Gedankgut hineinschlüpft und sich konserviert.

Es kommt im nächsten Jahr ein Buch auf uns zu, in dem viel von Demokratie, friedliche Reformen, Feindlosigkeit die Rede sein wird. Von chinesischer Geistesgeschichte werden wir darin nichts erfahren, denn die lehnt Liu radikal ab, stattdessen ein Konglomerat aus Gedankenfetzen Nietzsches, Lockes, Sartres, Hayeks und Friedmans. Man wittert ein Geschäft, der S. Fischer Verlag hat die Weltrechte an einer Ausgabe seiner Schriften erworben. Nach den Worten des Vorsitzenden Mao nun die Worte des Einsitzenden Liu, der Mao übrigens  einen Teufel in Menschengestalt nannte – eine Ehre übrigens, denn schon der Bauernfeind Martin Luther nannte Thomas Müntzer den „Teufel von Allstedt –  und „…dass niemand zuvor die Chinesen so verstanden habe wie Mao Zedong, daher sei zuvor niemand in der Lage gewesen, das Volk so zu verdummen wie er“.17. Ich glaube, erst im nächsten Jahr kommt richtige Volksverdummungsliteratur auf uns zu, verfasst von einem „Demokratieaktivisten“ 18.

1.In der Fieberhitze wird an die Gesundheit der Arbeiter/innen, an die technische Sicherheit als letztes gedacht, zum Beispiel gilt der chinesische Bergbau als der unsicherste der Welt, über 2000 Tote pro Jahr ist offizielle Angabe.

2. Die Entwicklung verläuft nach Teng Hsiao Ping: „…egal, welche Farbe die Katze hat, Hauptsache sie frißt…“.

3.Liu Xiaobo ist nach Carl von Ossietzky der zweite Nobelpreisträger, der diese Auszeichnung als Häftling bekommt.

4. Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1960,486

5.a.a.O.,469

6. Die taz liegt mit ihrer Überschrift: „Sanfter Vorkämpfer für Demokratie“ also völlig daneben. (Die Tageszzeitung 9./10. Oktober 2010,Seite 4) Nach der Arbeitermarseillaise wird das Menschenrecht erkämpft, und auch nicht „Schritt für Schritt“, wie eine Jutta Lietsch in ihrem Kommentar an Lius Konzept lobend erwähnt (Jutta Lietsch: Dämpfer für Chinas Regierung, Die Tageszeitung, 9./10. Oktober 2010, Seite 12), sondern durch einen Blitz, der“…in einemmahle das Gebilde der neuen Welt hinstellt.“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenolgie des Geistes, Meiner Verlag Hamburg 1980,15). Schleichend, nach und nach, Schritt für Schritt geht nur die Konterrevolution vor, denn sie will eine alte Welt: Gewaltenteilung, Religionsfreiheit, Föderalismus…darin ähneln sich die Charta 77 und die 19 Forderungen enthaltende Charta 08. Für wirkliche Revolutionäre gilt der Satz: die höchste Kunst ist der BEWAFFNETE Aufstand. Und vor so einem matten saft- und kraftlosen Prediger bekundete Bundespräsident Wulf größten Respekt. Engels sagte, dass gerade durch die gewaltsame Revolution ein ungeheurer politischer und moralischer Aufschwung des Volkes erfolge. „So geht der Friedensnobelpreis in diesem Jahr an einen Mann, der sich selbst nicht als Revolutionär versteht und stets für Gewaltlosigkeit eintritt. Er sei immer für eine schrittweise, friedliche, geordnete und kontrollierbare Reform von unten gewesen…“ (Till Fähnders, Ein versöhnlicher Kämpfer für die Freiheit, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. Oktober 2010, Seite 2) „Unser“ Bundespräsident hat vor so etwas größten Respekt, zur Täuschung der Massen, denn „unsere“ Bundeswehr nimmt doch aktiv an einem völkerrechtswidrigen Einsatz in Afghanistan teil. In der Kulturrevolution hätte man Liu als „versklavtes Subjekt“ behandelt. Es wäre auch etwas nicht in Ordnung in der sogenannten „Logik des Kapitals“, wenn ein militanter  Revolutionär, der für die Armen kämpft,  einen Preis bekommen würde. Der kinderlose Nobel hinterließ ein Vermögen von umgerechnet 3,5 Millionen Euro, Victor Hugo nannte ihn „Europas reichster Vagabund“.

7. „Heilige Staatsmacht“ von Stefan Kornelius, Süddeutsche Zeitung vom 9./10. Oktober 2010, Seite 4

8.Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,189. Die Parolen, die Liu hochhält und für die er den Friedensnobelpreis bekommen hat, entspringen aus der Warenproduktion, siehe hierzu insbesondere: R. Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen „Kapital“, Band I, Frankfurt am Main, 1968,212ff. Damit haben wir immer einen guten Probierstein für revolutionäre und konterrevolutionäre Parolen.

9.a.a.O.,895

10.a.a.O.,95

11. Vergleiche Friedrich Engels, Anti-Dühring, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin 1972,221

12.Bernhard Bartsch: Die Macht des Nobelpreises, Frankfurter Rundschau vom 9./10. Oktober 2010, Seite 11- Andrea Seibel bezeichnet Liu Xiaobo in ihrem Kommentar in der WELT als Leuchtturm in der Dunkelheit (Andrea Seibel, Der Freiheit eine Gasse, DIE WELT, 9.10.2010, Seite 1) ich möchte doch wohl eher von einem Leuchtturm des Mittelalters sprechen. Wie anders ist sein Satz zu deuten: das Internet, in dem er mittlerweile über 1 500 Artikel plaziert hat,  sei für China ein Geschenk Gottes ? Nominiert wurde er unter anderem vom Dalai Lama und von Bischof Tutu. „Liu, so sagt sein Freund, der Hauskirchen-Christ Yu Jie, lese in der Haft auch die Bibel und bewundere Martin Luther King, Nelson Mandela, Vaclav Havel und die Christen in der DDR. “ (Johnny Erling, Ein sanfter Sieger, DIE WELT, 9. Oktober 2010, Seite 3) Gleichwohl ist die Verurteilung zu 11 Jahren Gefängnis im Namen von 1,3 Milliarden bei nur 10 390 Unterschriften unter die Charta 08 entschieden zu hoch und gewiß kein Zeichen von Souveränität. Diese Fünkchen sind dann doch zu klein, um die große chinesische Steppe in Brand zu stecken. Seine Frau darf ihn einmal im Monat für eine Stunde besuchen, sie dürfen sich umarmen und eine Stunde lang an den Händen halten und miteinander sprechen. Zu erinnern sei hier an die Szene, die sich bei dem Besuch des Vaters von Holger Meins im Gefängnis abspielte, der Vater erzählt aus der Erinnerung: „Und mein Jung lag da…ich hatte da ja nun schon zwei, wie soll man sagen Bewacher, die einen beeinflußten: ich darf nicht sprechen, ich darf nur soweit absitzen, und ich saß dann da so ungefähr drei oder vier Minuten vor dem Bett ab. Und wie ich reinkam, ging ich natürlich gleich hin, und da wurde ich zurückgerissen, ich durfte ihn nicht drücken. (in: 20 Jahre Deutscher Herbst, taz  Journal; die RAF, der Staat und die Linke 1997,79). Wo ist der schäbige Lump, der sich nach dieser Szene für eine Weiterexistenz des Staates BRD ausspricht ? Die Bundesrepublik war, ist und bleibt das Land der faschistischen Barbarei, ist heute wieder das Kernland, ein hinter parlamentarischer Fassade verbrämter Faschismus.

13. Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1960, 425

14. Lenin, Die proletrische Revolution und der Renegat Kautsky, Lenin Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin 1959, 327

15.Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1960,409

16. „Erst in der kommunistischen Gesellschaft, wenn der Widerstand der Kapitalisten schon endgültig gebrochen ist, wenn die Kapitalisten verschwunden sind, wenn es keine Klassen (d.h. keinen Unterschied zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft in ihrem Verhältnis zu den gesellschaftlichen Produktionsmitteln) mehr gibt – erst dann „hört der Staat auf zu bestehen und es kann von Freiheit die Rede sein“. (Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, 476).

17. Jens Christoph Damm, Liu Xiaobo Ein moderner Ikonoklast in der Tradition des vierten Mai, Magisterarbeit im Fachbereich Sinologie, Universität Trier, Seite 23, siehe: google: damm ikonoklast liu xiaobo. (Ein Ikonoklast zerstört die Bilder der eigenen Religion).

18. So nennt ihn Bernhard Bartsch, in: Und über allem schwebt Liu Xiaobo, Debatte um Nobelpreis prägt auch ZK Tagung in China, in: Berliner Zeitung vom 18.10.2010, Seite 6

Heinz Ahlreip, Hannover, 19.10.2010

Die französische Revolution Über das Verhältnis von bürgerlicher und proletarischer Revolution

2. Oktober 2010

DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION

ÜBER DAS VERHÄLTNIS ZWISCHEN BÜRGERLICHER UND PROLETARISCHER REVOLUTION

Guerre aux palais, paix aux chaumières.

Krieg den Palästen, Friede den Hütten.

Die Große Französische Revolution weist sowohl einige Grundmuster von bürgerlichen Revolutionen überhaupt auf als auch spezifisch französische. Sie erfüllt zunächst das Kriterium, das Lenin an eine Revolution stellte: nach einer erfolgreichen Revolution müssen sich die Beziehungen unter den Menschen geändert haben. Der preußische Hauptmann Johann Wilhelm von Archenholtz besuchte 1779 Paris, bei einem weiteren Besuch zwölf Jahre später musste er feststellen, dass sich der Karakter der Franzosen ganz umgeschaffen habe. (1.) 1. Vergleiche Pierre Bertaux, Hölderlin und die französische Revolution, edition suhrkamp 344, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1969,25. Das bürgerliche Klassenherrschaft zum Ausdruck bringende bürgerliche Gesetzbuch trat als Regulativ gesellschaftlichen Handelns an die Stelle der alten Führungs- bzw. Unterdrückungseliten Klerus und Adel mit einem absolutistischen Monarchen an der Spitze, der über einen lettre de cachet willkürlich Verhaftungen von Untertanen durch Evokation anordnen konnte.(1.) Schon vor der Revolution, diese anbahnend, zeichnete sich ab, dass nicht länger die Sonntagspredigt der Pfaffen die Gemüter indoktrinierte (hier auf Erden jede Abscheulichkeit der Obrigkeit geduldig zu ertragen, dafür aber ein gutes Leben nach dem Tode mit den Engeln (2.) zu führen), sondern dass die Untertanen Ihrer Majestät sich zunehmend durch eine Flut von Aufklärungsbroschüren oft politischen und kirchenfeindlichen Inhalts bildeten. Broschüren waren billiger als Bücher, sie förderten „das daselbst immer schärfer ätzende Bedürfnis eines epikureisch kitzelnden Unterrichts“. (3.).  Die Beliebtheit der staatsphilosophisch utopischen Reiseromane nahm zu, man ging literarisch auf Reisen nach Übersee, kritisierte Institutionen in den fernsten Ländern, meinte aber immer Versailles. Die Faszination des Alternativen war subversiv: der gute frische unverbrauchte und naturverbundene Wilde, der morgens sein Bett verkauft, weil er gar nicht an die nächste Nacht denkt, gegen den Bürokraten des Absolutismus, der das Leben des Königs bis ins letzte Etikettenglied, sein eigenes Leben und das der königlichen Untertanen total verplant. Im „Supplément au Voyage de Bougainville“ kontrastiert Diderot ein verdorbenes Frankreich mit einem unschuldigen Tahiti. Nicht nur in diesen Romanen wurden insbesondere zwei Stände heftig angegriffen: der Juristenstand und der Klerus. Die Manipulierung der öffentlichen Meinung durch diesen wurde immer brüchiger. Und in der Tat hatte die Religionskritik der Aufklärung eine viel größere Bedeutung als es die Religionskritik bei der Vorbereitung einer sozialistischen Arbeiterrevolution hat. Denn der Absolutismus war immer religiös untermauert: ein Glaube (Katholizismus, also Verfolgung der Hugenotten), ein Gesetz, ein König. (Es ist bekannt, dass Lenin nach der Oktoberrevolution einen Hinweis von Friedrich Engels aufnahm, die Ende des 18. Jahrhunderts erschienene atheistische Literatur unter die Volksmassen zu bringen, weil er eine rein marxistische Aufklärung für nicht ausreichend hielt ebensowenig wie er die Aufklärung der Bauern durch die städtischen Arbeiter nur mit rein kommunistische Ideen allein befürwortete).  Bereits Descartes war überzeugt, bei der Erklärung der Funktionszusammenhänge der Materie ohne Mitwirkung einer qualitas occulta  (sprich: Seele) auszukommen, so dass er wenigstens den Organismus von Tieren einer biotechnischen Betrachtungsweise unterwarf und sie als Maschinen sah. An den Menschen wird sich La Mettrie in der Aufklärung wagen. Der Frühaufklärer Fontenelle griff den Aberglauben an, beschränkte sich aber vorsichtshalber auf den der Antike. Er sprach bereits von einer Pluralität der Welten und hielt die Erde nicht für den Mittelpunkt des Alls. Holbach hatte bereits Moral von jeglicher Religion getrennt, eine Verbindung mit dem Irrationalen könne Moral sogar zerstören. (4.). Voltaire schleuderte dem Klerus, insbesondere den für ihn eine Sekte von Fanatikern darstellenden Jesuiten den Ausruf entgegen: Ecrasez l´infame. (Zerdrückt die Infame), dazu gehören auch seine Spötteleien über die heilige Jungfrau von Orleans. Auffällig in Voltaires Philosophie der Geschichte (5.) ist zudem eine Verschiebung ihres Ursprungs: die Weltuhr fing in der nicht-christlichen Zivilisation Chinas an zu ticken, was den traditionellen Rahmen der biblischen Schöpfungsgeschichte sprengte. Tatsächich war es ein Grundzug im geschichtsphilosophischen Denken der Aufklärung, dass die Weisheit aus dem Osten kam, während Mao tse tung umgekehrt die unmarxistische These vertrat, dass die proletarische Revolution von Westen nach Osten gewandert sei. In seinem für Katharina II. von Russland verfassten „Essai historique sur la police de la France depuis son origine jusqu´à son extinction actuelle“ zeichnete Diderot den kontinuierlichen Abbau der politischen Freiheit der Franzosen durch die Monarchie seit dem Abwerfen des römischen Jochs nach. Montesquieu erklärte 1734 in seinen „Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence“ den Niedergang Roms rein historisch, ohne sich von Gott als einem Lenker der Geschichte aushelfen zu lassen. Voltaire und Montesquieu sind mit Einschränkungen der „parti des philosophes“ zuzurechen, den anderen theoretischen Pol der vorrevolutionären Klassenspaltung bildete die „parti dévot“. Beide Seiten, die freigeistige Salon- und die katholische Hofkultur,  hatten tiefere und flachere Denker, die „Theorien“ der Seichteren überkreuzten sich. Führte der jesuitische Konterrevolutionär Abbé Barruel die Revolution auf eine Verschwörung satanistischer Illuminaten zurück, immerhin gab es vor der Revolution cirka 700 Freimaurerlogen in Frankreich, so oberflächliche Aufklärer die Religion auf eine Verschwörung betrügerischer Priester. (6.) Tiefere Denker gingen auf gesellschaftliche Mißstände zurück, in denen religiöse Schizophrenie ihre Wurzeln schlagen konnte. Nach Helvétius strebt der Mensch nach Glück und sein Unglück brauche religiöse Kompensation. Und so wollte denn Marat, für den das Christentum die kriecherischste aller Religionen war,  schon 1777 in seinem Plan einer Criminalgesetzgebung den Diebstahl von Kirchengut nicht mit einer Todesstrafe ahnden, sondern stufte dieses auf normales Hausgut herab. (Aber noch 1781 wurde zu Amiens ein Dieb von Kirchengefäßen öffentlich verbrannt). In der Revolution ging Marat dann weiter: er forderte allerchristlichst die Verteilung des Grundbesitzes der Kirche an die Armen. Ist erst durch die aufklärerische Desakralisierung mittelalterlicher Werte der religiöse Spuk vertrieben – was bleibt ? Das Eigentum und die Brotfrage. In den Beschwerdeheften, die schon um 1486 nachweisbar sind, forderten die Bauern, dass der Zehnte nicht den Pfaffen, sondern der Dorfarmut zukommen soll.

An eine blutige Revolution hatte die große Mehrzahl der Aufklärer gar nicht gedacht, man hoffte auf einen einsichtsvollen Monarchen, so wie später im sozialistischen Revolutionskonzept der Frühkommunist Wilhelm Weitling von einem Umsturz durch einen Monarchen träumte. XXX Wilhelm Weitling, Garantien der Harmonie und Freiheit, Stuttgart 1974268. Wobei die Philosophen aber schon ihre vielleicht mehr als nur beratende Funktion haben wollten, aus der intellektuellen Gestik der Aufklärung heraus kristallisierte sich der Philosoph als Vorsitzender des Richterstuhls der Vernunft. Tatsächlich war Friedrich der Große, der drei Jahre vor Ausbruch der französischen Revolution starb,  so etwas wie ein Vorbild für den radikalen Atheisten La Mettrie, der an seinem Hofe ja auch das Amt eines Vorlesers bekleidete und für den utopischen Kommunisten Morelly, der ihm die Schrift: „Der Fürst, die Wonne des Herzens“ widmete. Die bekannte Zusammenarbeit zwischen Friedrich und dem Deisten Voltaire funktionierte phasenweise und es ist bezeichnend, dass die um die Jahrhundertmitte anonym erschienene militant radikale, gerade nicht auf einen einsichtsvollen Monarchen, sondern auf die Volksmassen setzende  Kampfschrift „Essai sur les préjugés“ sowohl von Friedrich als auch von dem Voltairianer Pierre Rousseau in seiner Zeitschrift „Journal encyclopédique“ wegen ihrer sowohl die geistliche als auch die weltliche Macht angreifenden Verwegenheit heftig kritisiert wurde. Aber Friedrich wollte sich letztendlich nur von der Sprachmusikalität Voltaires für eigene Verse einstimmen, Voltaire kam auch mit diplomatischen Absichten (und Spionageintentionen) nach Potsdam, was Friedrich störte. Auch die Beziehung zu La Mettrie war nicht harmonisch, sein „Discours de la bonheur“ war dann doch zu starker Tobak für das liberale Preußen, eigens wegen ihn erließ Friedrich das „Edikt wegen der wiederhergestellten Censur“. La Mettrie überlebte an diesem Hof nur als Unzurechnungsfähiger, als Idiot. So endete der Mann, der die Medizin von so vielen Hirngespinsten befreit hatte, dass zum Beispiel die menschliche Seele Gegenstand des Metaphysikers und nicht des Arztes und dass der Verbrecher kein kranker Mensch und „Gegenstand“ des Juristen sei.  Es kam in der Praxis allemal zum Bruch zwischen aufgeklärtem Geist und aufgeklärter Macht.  Voltaire befürwortete nur eine „Aufklärung von oben“, es galt, gebildete Monarchen zu überzeugen. In Italien war zum Beispiel Condillac als Erzieher des „Prinzen von Parma“ tätig, man versprach sich einiges von der Unterrichtung eines Enkels des französischen Königs.  Selbst Robespierre hielt zunächst die Monarchie für eine bessere Regierungsform als die Republik und auch Saint Just war am Beginn seiner politischen Karriere eher Anhänger Montesquieus denn Rousseaus und sprach  sich in seiner Schrift von 1791 „Esprit de la Revolution et de la Constitution de la France“ gegen Volksunruhen und Meuterei aus. Marat brachte 1785 seine Bewunderung für Montesquieus “ Vom Geist der Gesetze“ in einer „Eloge de Montesquieu“ zum Ausdruck, obwohl der sich gegen eine Steuerpflicht des Klerus ausgesprochen hatte,  und nahm 1788 in seiner Broschüre „Opfergabe ans Vaterland“ den König noch gegen, wie er es formulierte, „ministeriellen Despotismus“ in Schutz. Man lag fast auf der zahmen Linie d´Argensons, der die Monarchie durch demokratische Ergänzungen stützen wollte, und die französische Revolution machte an ihrem Anfang zunächst diesen Eindruck. Mit wenigen Ausnahmen illusionierten die aufgeklärtesten Menschen vor der Revolution in Thron und Altar, in die Kontinuität der Geschichte und konnten sich auch kein Bild vom Ablauf der Revolution machen, die dann die durch die Geschichte in ein bestimmtes Wechselverhältnis gestellten realen Klassen in Aktion zeigte. Marx sprach von einer Menge mittelmäßiger Köpfe, die im 18. Jahrhundert damit beschäftigt war, „die einzig richtige Formel zu finden, um die sozialen Stände, den Adel, den König, die Parlamente etc. ins Gleichgewicht zu bringen, und über Nacht war alles – König, Parlament und Adel – verschwunden. Das richtige Gleichgewicht in diesem Antagonismus war die Umwälzung aller gesellschaftlichen Beziehungen, die diesen Feudalgebilden und ihrem Antagonismus als Grundlage dienten.“ (7.). Jahrzehntelang hatte die absolute Monarchie die Balance zwischen Adel und Bourgeoisie gehalten, als diese kippte, kam es zur Revolution. Insgesamt muss die absolute Monarchie, die Adel und Bürgertum gegeneinander balancierte,  als Ausnahmeerscheinung der Geschichte gewertet werden. XXX Vergleiche Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin 1975,167 Das zu einigem Wohlstand gekommene Bürgertum fing an, sich Ämter zu kaufen und gewann allmählich immer mehr Einfluß im Staatsapparat. Es folgte darin ganz dem englischen Vorbild. Dass am Anfang im Mai 1789 die Einberufung der Generalstände, die 175 Jahre nicht getagt hatten, durch den König erfolgte, auf dass der Royalismus bei der sich nach einer Reihe fehlgeschlagener Finanzreformen abzeichnenden revolutionären Gärung mit dem dritten Stand zusammenarbeiten wollte, machte ihren Ausgang konservativer als es der Ausgang etwa der Glorious Revolution in England war. Gleichgewichtsformeln sind in der Geschichte immer zum Scheitern verurteilt, seien es die Gleichgewichtsillusionen nach dem Wiener Kongress, in der Ära Bismarck oder Gorbatschows Illusion eines Gleichgewichts der Vernunft zwischen den Blöcken. (8.) Halten kämpfende Klassen in der Geschichte ausnahmsweise mal ein gewisses Gleichgewicht, hat die Staatsgewalt als scheinbare Vermittlerin eine gewisse Selbständigkeit. (Wie zum Beispiel im letzten Jahrhundert das Kerenski Regime zur Zeit der unentschiedenen Doppelherrschaft nach der Februarrevolution in Russland). In diese Gleichgewichtsformel gehört auch die Theorie der Gewaltenteilung. Und im Himmel sorgte ein gütiger Gott für ausgleichende Gerechtigkeit: auf Voltaire geht der Satz zurück: Si Dieu n´existait pas, il faudrait l´inventer, dass man Gott erfinden müsse, wenn es ihn nicht gäbe (zur Betörung des Pöbels). So auch Bayle, der sofort den Gottesglauben lehren würde, wenn er nur 500 Bauern regieren sollte. (Siehe den Artikel „Atheismus“ im Philosophischen Wörterbuch). Wilhelm Weitling irrte sich, als er im „Evangelium des armen Sünders“ Voltaire für einen Verächter der Religion ausgab. XXX  Wilhelm Weitling, Das Evangelium des armen Sünders, in:  rororo Texte des Sozialismus und Anarchismus, rowohlt Verlag Hamburg, 1971,17. Für den englischen Deisten Bolingbroke war Religion notwendig zur Lenkung der Volksmassen. Intellektuelle irren sich, wenn sie meinen, die Gottesfrage nur abstrakt theoretisch erörtern zu müssen, in dieser Frage darf es keine Zugeständnisse an die im Hintergrund lauernden Pfaffen, an jegliche Religion geben, der Pfaffe präsentiert Gott als strafenden und belohnenden, um ganze Völker zu züchtigen. Bürgerliche Aufklärung ist nie ganz über die  pfäffische Verdummung hinausgekommen, wie sie denn auch im Gegensatz zum Marxismus keine direkte Anleitung zum revolutionären Handeln gab. Man sucht sie in der ganzen Enzyklopädie vergebens (9.), obwohl  ein von Voltaire 1765 geschriebener Satz vorliegt, dass der wahre Philosoph denkt, um zu verändern, er sich also nicht in bloßer Weltinterpretation erschöpft.  Erste Ansätze eines revolutionspolitischen Handlungskonzepts finden sich allenfalls im um 1750 aus gutem Grund anonym veröffentlichten „Essai sur les préjugés“ : die nur der Allgemeinheit dienenden und ausgesprochen politisch aktiven Philosophen verbrüdern sich mit dem ausgebeuteten Volk und klären als Avantgarde die Massen über ihre Größe, Stärke und Rechte auf. (10.). Der Feind war allgemein der Despotismus. Aber dieser Radikalismus blieb die Ausnahme. Aus dem Fehlen einer Anleitung zum revolutionären Handeln resultiert die oben bereits angegebene anfängliche Vertrauensseligkeit der Revolutionsmänner in die Reformierbarkeit alter Mächte, während der Marxismus durch die klare Feindbenennung die proletarischen Totengräber auf den Bürgerkrieg in seiner fürchterlichsten Form (11.) vorbereitet und Reformen immer nur als Nebenprodukt des Klassenkampfes einschätzt. Dagegen ist es bezeichnend, dass das imposanteste der von Rousseau geforderten Volksfeste in der Revolution das Fest eines Höchsten Wesens war ! Marat wurde nach seiner Ermordung ein Altar errichtet. In Deutschland war es der Mainzer Jakobiner Georg Forster, der in seinem Spätwerk bereits von „arbeitenden Klassen“ und vom „guten, redlichen Landmann“ sprach, der die Dinge praktisch anfasste und praktisch revolutionierte. Deutschland scheint auf grund seiner Reifeverzögerung das Land der Revolutionäre als Ausnahmeerscheinung zu sein, sei es nun der Jakobiner Forster oder der Bolschewik Liebknecht, der 1914 dem chauvinistischen Taumel widerstand wie Robespierre 1792. Auch aus einem trockenen und steinigen Unkrautfeld sprießen  hin und wieder einzigartig bildhübsche Blumen. Im Fall Liebknecht sehen wir, wie eine gesamte Partei ihre politischen und moralischen Grundsätze verrät und ihren einzigen Revolutionär ermordet. Ein Armutszeugnis, das einzig in der Weltgeschichte dasteht.

„Trotz des Halbdunkels, in dem die Nationen noch tappen, verkünden plötzliche Lichtstrahlen die Morgenröte und das Kommen des vollen Tages“. (Essai sur les préjugés).

Sowohl den Marxisten als auch den Enzyklopädisten ist Aufklärung gemeinsam, aber in der Organisationsfrage gehen sie auseinander. Die Marxisten klären die fortgeschrittenste Klasse im Kapitalismus auf, um dann gemäß der Devise: Studieren ! Propagieren ! Organisieren ! die Organisation des Proletariats durchzuführen. Die Aufklärer organisierten Wissenschaft. Die kritische Vernunft ist nun der Pumpschwengel, mit dem man das Wasser der Weisheit zu Tage fördern will. Man glaubte, in einem Zeitalter der sich vollendenden Vernunft zu leben. Jahrhundertelang von unhinterfragten Autoritäten fixierte „ewige“ Urteile und den Aberglauben analytisch als Vorurteile zu enthüllen, darin lag das Hauptaugenmerk der kopfgesteuerten Aufklärung (Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen). Aufklärung ist immer verwiesen auf Ursachenforschung, als 1666 unter Colbert die „Academie des Sciences“ gegründet wurde, schrieb Huygens im gleichen Jahr an Colbert, dass man von der Kenntnis der Wirkungen zu der der Ursachen fortschreiten müsse. In der 1743 anonym erschienenen (man vermutet als Autor Du Marsais), Fragment gebliebenen Schrift „Le philosophe“ zeichnet sich dieser gerade dadurch aus, dass er die innere intellektuelle Kraft hat, sich von anerzogenen Vorurteilen zu befreien und dadurch reifer als seine Mitmenschen wurde.  Nach dieser inneren Befreiung entfalteten die Philosophen  eine Enthüllungsliteratur als Waffe im Kampf gegen die Ideologen des Ancien Regimes, um ein auf einer Verfassung basierendes Rechtssystem durchzusetzen. Als eine der radikalsten Kampfschriften bis zur Jahrhundertmitte galt der militant politische „Essai sur les préjugés“, auch deshalb, weil in ihm den alten Mächten mit offener Gewaltanwendung gedroht wurde. Er konnte selbstredend nur anonym erscheinen, auch hinter dieser Kampfschrift wird Du Marsais vermutet. Im philosophischen Hintergrund stand Descartes radikaler Zweifel, mit dem er   immerhin in die Aufklärung hineinreichte: er ließ alles hinterfragen und alles erschüttern, was als gesichertes Wissen galt. Der Jakobiner Chénier wollte Descartes durch Überführung ins Pantheon ehren. Bekanntlich war auch Marxens Lebensmaxime, dass an allem zu zweifeln sei. Und dieser fruchtbare Zweifel stachelt jede progressive Enthüllungsliteratur an, die oft unbewußt das Geschäft der Umwertung aller Werte betreibt und die es wird geben müssen, solange die ideale Gesellschaft Utopie bleibt. Aber mit dem Aufkommen enthüllender, gesellschaftskritischer Literatur wird nur angezeigt, dass „sich innerhalb der alten Gesellschaft die Elemente einer neuen gebildet haben, dass mit der Auflösung der alten Lebensverhältnisse die Auflösung der alten Ideen gleichen Schritt hält… Als die christlichen Ideen im 18. Jahrhundert den Aufklärungsideen unterlagen, rang die feudale Gesellschaft ihren Todeskampf mit der damals revolutionären Bourgeoisie.“ (12.). Der radikale Zweifel zerstörte auch die Ehrfurcht vor dem Alter, das „préjugé de l`antiquité“. Die Aufklärung verbreitete einen Vernunft- und Zukunftsoptimismus, Voltaire schrieb an Helvétius, dass sehr gute Bücher Schlag auf Schlag erscheinen und sich das Licht allenthalben ausbreiten würde.  Sie  kämpfte  hartnäckig gegen die wahnhafte Befangenheit, unsere ungebildeten und unzivilisierten Vorfahren seien uns geistig überlegen. Alle Emanzipation hat sich mit dieser Täuschung durch die Erblast der Tradition auseinanderzusetzen, als vermehre das Alter die intellektuelle Qualität. Generationen haben die Werke der Klassiker geheiligt, und doch sind diese in einer bestimmten historischen Periode entstanden und nur aus dieser heraus auch zu verstehen. Der Geist macht diesen Kampf aber nicht mit sich alleine aus: „In der bürgerlichen Gesellschaft ist die lebendige Arbeit nur ein Mittel, die aufgehäufte Arbeit zu vermehren. In der kommunistischen Gesellschaft ist die aufgehäufte Arbeit nur ein Mittel, um den Lebensprozess der Arbeiter zu erweitern, zu bereichern, zu befördern. In der bürgerlichen Gesellschaft herrscht also die Vergangenheit über die Gegenwart, in der kommunistischen die Gegenwart über die Vergangenheit.“  (13.). Das Proletariat hat mit der von Marx entwickelten dialektischen Methode die mächtigste Waffe im Klassenkampf, sie ist auch eine Waffe zur Entlarvung konterrevolutionärer Ideologie, die geniun immer die Herrschaft des Menschen über den Menschen basierend auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zum Inhalt hat. Defizitär bleibt die Ideologie der Aufklärung durch einen Mangel an materialistischer Dialektik, sie konnte selbst nicht über die zu ihrem historischen Erscheinen unablässigen spezifischen gesellschaftlichen Bedürfnisse und sie bedingenden gesellschaftlichen Konstellationen reflektieren. Deshalb blieb Religion für Bayle eine Gewissenssache. Man sagt, auch im Sozialismus kann jeder nach seiner Facon selig werden, gewiß, aber im Kommunismus sind sämtliche gesellschaftlichen Bedingungen einer religiösen Praxis aufgehoben. Damit wäre Aufklärung, die als bürgerlich progressive auf halben Wege stehen blieb,  an ihr Ende gekommen.Sie mußte auf halben Wege stehenbleiben, weil die aufkommende kapitalistische Warenproduktion die zwischenmenschlichen Beziehungen in ein Dunkel tauchte, das aufzuhellen die Lichter von Paris zu schwach waren. Weder konnte die französische Aufklärung noch die französische Revolution das Geheimnisvolle des Arbeitsprodukts lüften, sobald es Warenform annimmt. Der bürgerlichen Aufklärung mußte dieser Schlußstein fehlen, in dem der Atheismus und Kommunismus verborgen sind: „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagsleben den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen“. 14. Sollte Marx hier Recht haben, so wäre der Marxismus der Wendepunkt der über sich selbst aufgeklärten und sich selbst aufhebenden materialistischen Aufklärung.

Kant forderte dem Absolutismus gegenüber ganz im Stile eines Philisters unbedingten Dienstgehorsam und ließ für aufgeklärte Menschen nur das eigenverständige Abfassen kritischer, sich an ein Weltpublikum richtender  Beschwerdeaufsätze über gesellschaftliche Übel abends nach Dienstschluß zu. Ist Aufklärung Ausgang des Menschen aus seiner  selbstverschuldeten Unmündigkeit, so mußte er individuell bildungsmäßig an sich arbeiten, von kollektiven Widerstandsformen wurde weitgehend abgesehen, zumal der Enzyklopädiemitarbeiter Helvétius den Grundgedanken vertrat, daß der Egoismus eine anthropologische Konstante und  an diesen das Privateigentum geschmiedet sei.  Kollektiv handelten die Aufklärer nur am wissenschaftlichen Projekt der Enzyklopädie, an der auch sechzehn Mitglieder der Zensurbehörde, des königlichen Buchhandelsbüros mitarbeiteten, einer Behörde, die am Anfang der Revolution geräuschlos einging.  Die Aufklärung, die also sehr zaghaft revolutionär stimulierte,  bildete die Vorstellung einer allmählichen Verbesserung gesellschaftlicher Zustände heraus (so sprach sich die französische Aufklärung durch Raynal, Mirabeau und Bernardin de Saint-Pierre  für eine allmähliche Abschaffung der Negersklaverei in den Kolonien aus (15.))  und die einer schrittweise reformierbaren konstitutionellen Monarchie als Staatsideal. Dieses erlebte dann allerdings in den Stürmen der Umwälzung sein  revolutionäres blaues Wunder. Die Einführung des von Fabre d´ Eglantine entworfenen, antichristlichen Revolutionskalenders am 24. Oktober 1792, der mit dem ersten Tag der Republik begann (22. September 1792) und keinen von Gott geheiligten Sonntag mehr kannte,  markierte mehr noch als das Dezimalsystem in aller Deutlichkeit den Bruch mit der Vergangenheit, den der Konventsabgeordnete Gilbert Romme mit dem Satz: „Unsere Zeit schlägt ein neues Buch der Geschichte auf “ prägnant punktierte. Fabre lebte noch vier Monate mit seinem neuen Kalender, die Guillotine wartete. Die Revolution überschlug sich, schuf etwas völlig Neues. „Die Theorie der Revolutionsregierung ist so neu wie die Revolution, die diese Regierungsform hervorgebracht hat. Vergeblich wäre es, diese Theorie in den Büchern jener politischen Schriftsteller zu suchen, die auch die Revolution nicht vorhergesehen haben.“ (16.). Das stimmt für die Zeit, die der Revolution unmittelbar voranging, übergreifender betrachtet pflegte die bürgerliche Revolution eine auf den ersten Blick recht bizarre Verherrlichung der antiken Demokratie, die eine für die Minderheit war und auf  Sklaverei beruhte. Durch Montesquieus Schrift „Über die Ursachen der Größe und des Verfalls der Römer“ begeisterte man sich für die römische republikanische Tugend. Das 1730 von Voltaire verfasste Drama „Brutus“ wurde häufig auf Pariser Bühnen gespielt, David malte diesen antiken Helden. Und Robespierre sah in Cato dem Älteren sein Vorbild. Wenn man näher hinschaut: Ordnet also der Marxismus selbst die klassische bürgerliche Revolution zu Recht als Minoritätsrevolution ein ? „Die Freiheit der kapitalistischen Gesellschaft bleibt immer ungefähr die gleiche, die sie in den antiken griechischen Republiken war: Freiheit für die Sklavenhalter.“ (17).

Merkwürdigerweise wurde die ideologische Befangenheit der Aufklärung in Reformkonzepten durch den radikalen kommunistischen Dorfpfarrer Meslier bloßgestellt, der der größte politische Schriftsteller der Aufklärung  vor 1789  war. Mit seinem Satz, dass man die Pfaffen an ihren eigenen Gedärmen aufhängen sollte, schwamm er gegen die Strömung und den guten Ton der bürgerlichen Aufklärung. Folglich stümperte Voltaire bei ihm halbherzig, als er 1762 die „Extraits des Sentiments de Jean Meslier“ herausgab, seine scharfen Zähne allerdings vorsorglich gezogen. Im gleichen Jahr erschienen der „Gesellschaftsvertrag“ und der „Emile“ von Rousseau, beide Bücher wurden auf der Treppe des Justizministeriums in Paris verbrannt. Noch schmerzlicher aber muß für Rousseau die sich wiederholende Verbrennung der Bücher in seiner Heimatstadt Genf gewesen sein, in die er flüchtete und die in ihrer politischen Struktur eines Stadtstaates eine Art Muster für seinen Gesellschaftsvertrag abgab.Von 1789 bis 1799 erlebte dann der Gesellschaftsvertrag insgesamt 32 Ausgaben. (17.). Ebenfalls verbrannt wurde La Mettries Buch „Naturgeschichte der Seele“, d´Alembert schrieb am 30. November 1770 lediglich einen Brief an Friedrich den Großen, in dem er den gleichen, den Kerngedanken la Mettries mitteilte, daß die Seele materieller Natur sei und dieser Brief wurde nicht verbrannt. Hexen Bücher und Feuer scheinen  für reaktionäre Kräfte eine faszinierende Assoziationskette zu bilden. Der promovierte Germanist Goebbels ließ am 10. Mai 1933 Bücher verbrennen, es folgten bald, wie von Heinrich Heine in seiner Tragödie „Almansor“ vorausgesagt, Menschen.Verbrennt die Konterrevolution erst Bücher, dann Menschen, so guillotiniert die Aufklärung  zunächst Vorurteile vor dem Richterstuhl der Vernunft und die Revolution dann vorurteilsbelassene Köpfe, aus deren tyrannischen Gehirnen nur gemeingefährliche Ausgeburten an Volksfeindschaft und Unterdrückung hervorgegangen wären.

Freilich blieb die bürgerliche  Aufklärung auf einen kleinen Kreis beschränkt, 80 % der Franzosen waren Bauern, nur wenige von ihnen des Lesens kundig, nur 16 %  aller Franzosen lebten in Städten. Besonders die katholischen Gegenden wiesen eine hohe Analphabetenquote auf. Mit Lesen allein ist es allerdings auch nicht getan. Wie weit wir heute in der Bundesrepublik hinter der Aufklärung zurück sind, wird  schon allein dadurch deutlich, dass es noch heute dem Klerus erlaubt ist, sich in Schulen an Minderjährige heranzumachen, um ihnen das Gift der Untertanenmentalität einzuträufeln. (Staatsautorität und Klerus arbeiten hier Hand in Hand, beide Linien treffen sich dann in den christlichen Kreuzen, die die Gerichtssäle der bürgerlichen Klassenjustiz „schmücken“, vor der die Untertanen buchstäblich zu Kreuze kriechen sollen). „Der Klerus darf natürlich, was Unterwürfigkeit anbelangt, nicht zurückstehen. Die Kanzeln hallen wider von Lehrsätzen über dienenden Gehorsam, und diese Maximen werden auch von den Gerichten eiligst übernommen“.  (18.). Die Aufklärung suchte in ihrem Studium der Geschichte vor allem nach antiautoritären, antikirchlichen und technischen Fortschrittsergebnissen in der Vergangenheit, um aus diesen Linien phantastische Zukunftsprojektionen mit sehr hoher Realisierungswahrscheinlichkeit zu entwerfen. „Wir leben in einer Zeitperiode, wo alles hinarbeitet auf bessere Tage“ , war von Hölderlin zu lesen. Beliebt war der Verweis auf die enormen Fortschritte in den Naturwissenschaften und ihrer alltäglichen praktischen Verwertung, warum sollte es dementsprechend keinen Fortschritt in den Wissenschaften der Regierung und damit einer praktizierbaren Humanisierung in den gesellschaftlichen Beziehungen geben ? Voltaire schrieb seinen „Essay über die Sitten und den Geist der Nationen“ (1756) unter dem Aspekt, Wissen und Fortschritt in der Menscheitsgeschichte zu eruieren. Ferguson schrieb mit seinem „Essay on the History of Civil Society“ 1767 eine Geschichte des gesellschaftlichen Fortschritts. Das biblische Motiv, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei, wurde naiv zum fundamentalen Bestandteil ihrer Weltanschauung säkularisiert, dass sich Naturprozesse ständig perfektibilieren und der Mensch deshalb eine immer größere Naturbeherrschung als deren Dirigent erlangen wird. Die Menschheit befinde sich in einem unaufhaltsamen Prozess ständiger Vervollkommnung.  In Condorcets „Esquisse d´un tableau historique des progrès de l´esprit humain“ (1794)  erfolgte dieser über neun Vernunftstufen. Für Lessing war die Geschichte die Realisierung eines göttlichen Erziehungsplanes, die Aufklärung wäre das dritte und letzte Testament. Die Aufklärung synchronisierte die Fortschrittsetappen in der Entwicklung der Zivilisation mit der biologischen Entwicklung des Menschen und kam zu dem Schluß, dass wir nicht zu ewigem Infantilismus verurteilt seien. Die Aufklärung ist die fortschreitende, immer mehr das Animalische überwindende Vermännlichung der Menschheit. Aber es ist ein Perfektibilismus ohne Abschluß, so daß seine Beurteilung immer nur intentional bleibt, der Abschluss des Vollkommenen wäre der Maßstab seines Gelingens. Allerdings, wie der freilich nur auf dem naturwissenschaftlichen Gebiet gegen den Strom schwimmende deutsche Aufklärer Kant in seiner „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ die Auflösung unseres Sonnensystems, so prognostizierte  der ihn hier komplementierende   utopische Sozialist Fourier, der in der gesellschaftlichen Entwicklung nicht nur eine einseitig aufwärtsstrebende, sondern auch immer eine absteigende Linie sah,  den künftigen Untergang der menschlichen Gesellschaft. Einen irreparablen Knacks bekam der Fortschrittsglaube der Aufklärung schon vorher durch Voltaires „Candide“, im 20. Kapitel sagt der nüchterne Martin, die Erde sei geschaffen worden, um uns rasend zu machen,  und durch Rousseaus negative Beantwortung der Preisfrage der Akademie zu Dijon für das Jahr 1750: „Hat das Wiederaufleben der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen ?“. Für La Mettrie war der Mensch vielleicht aufs Geratewohl auf einen Punkt der Erdoberfläche geworfen. (19.). Die Aufklärung hatte Gegengift in ihr selbst.

Obwohl sowohl die Aufklärung als auch die Guillotine die Aufmerksamkeit ganz auf den Kopf lenkten (Eine selbstdenkende Gesellschaft braucht kein Oberhaupt, selbstdenkende Bürger keinen Bürgermeister, die Konsequenz der Aufklärung, die sie freilich nie bis zu diesem Ende zog,  ist die Anarchie allseitig gebildeter Atheisten. Die Aufklärung schaut die Welt an als eine sich aus sich selbst bewegende.), ist gegenläufig eine enorme Zunahme der Bedeutung der Hand, Produkt und Organ der Arbeit, zu konstatieren, wie ja auch anthropologiegeschichtlich der sich wechselseitig befruchtende Parallelismus nach dem Darwinschen Gesetz der Korrelation des Wachstums beider Entwicklung bedingte. Bewußt wurde in der in Anlehnung an Chambers Zyklopädia entworfenen  Enzyklopädie ein Tabubruch begangen, als ihr Autorenkollektiv  in diesem Jahrhundertwerk neben den schönen Künsten, Metaphysik und Philosophie den Komplex der zeitgenössischen Handwerke vorstellte. Bereits Descartes hatte durch das Heraufkommen der neuzeitlichen Naturwissenschaften eine Zukunft gesehen, in der die Bauern bessere Wissenschaftler und Philosophen abgeben werden als die Scholastiker der Akademie, im Jahr des Bastillesturms schrieb Wieland in einem Aufsatz über sein Verhältnis zur Aufklärung, daß diese sich erst verwirkliche, wenn Schneider und Schuster philosophische Werke publizieren. Obwohl das enzyklopädische Projekt auf eine Totalität des Wissens abzielte, war dieses nicht als System konzipiert, alle großen Geister, die an der Enzyklopädie mitgewirkt hatten, waren systemfeindlich wie bereits Shaftesbury in England, Holbach ausgenommen. Es ging ihnen laut Diderot um „nützliche Künste“, von hier war es nur noch ein kleiner Schritt zur Frage nach den nützlichen Gesellschaftsmitgliedern, die Unproduktiven galten bald als Schmarotzer. Überall in Frankreich wurde auf den Bühnen die Rede des Helden in Beaumarchais` Hochzeit des Figaros mit spontanen Beifall bedacht, in der er ausführte: „Adel, Reichtümer, Ränge und Ämter ! Wie Euch das doch so hocherhaben und mächtig macht ! Und womit habt ihr das alles verdient ? Damit, daß Ihr gnädig zur Welt zu kommen geruhtet. Und das ist schon alles. Im übrigen seid Ihr ein gewöhnlicher Mensch, während ich, verdammt noch mal, in der namenlosen Menge verloren, all mein Wissen und Können einsetzen mußte, um zu überleben…“ Napoleon urteilte später  über den Figaro treffend: „C´est déjà la révolution en action“. Dem arbeitenden, nützlichen Menschen wurde gehuldigt, aber auf bürgerliche Art: die feudale Art der Arbeit stand nicht mehr im Einklang mit der Natur des jetzt dominierenden bürgerlichen Menschen, die industrielle Art ist jetzt natürlich wie die materielle Produktion selbst. Bürgerliche Produktion fixiert den ganzen Reichtum menschlicher Tätigkeiten überhaupt auf die eindimensionale Totalität der bürgerlichen Art der materiellen Produktion: der arbeitende Mensch sein Arbeitsleben lang ein einzelnes Rad in der Fabrikmaschinerie. So sterben die Menschen, ohne gelebt zu haben. Die ideologische Verheißung steht dazu in diametralem Kontrast: Wendet man den Gedanken der Nützlichkeit konsequent auf die Natur und die Gesellschaft an, können die mit Gattungsbewußtsein (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, NICHT Egoismus !!) handelnden Menschen kongenial nur die Naturbeherrschung als totale Verfügbarkeit und die Anarchie ohne jede Bürokratie anstreben. Um die Zeichen der neuen Zeit zu setzen, entrissen die Revolutionäre nach der Guillotinierung des Königs den minderjährigen Thronfolger im Gefängnis  seiner Mutter Marie Antoinette  und gaben ihn dem Schuhmacher Simon (20.) in die Lehre, damit er ein anständiges Handwerk erlerne, der Aristokratie war es traditionell untersagt, sich  überhaupt handwerklich zu betätigen. Das Leben einer der Nachfolger des Sonnenkönigs sollte sich ganz um die Sonne der Arbeit drehen. Während der Revolutionsperiode wurden pädagogische Konzepte entwickelt, asymmetrische Schulgärten und Werkstätten anzulegen, damit den jungen Republikanern auch praktisch-handwerkliche Fertigkeiten vermittelt werden konnten. Schwerpunkte lagen auf der Gymnastik, Botanik – insbesondere Heilpflanzen -, Wehrertüchtigung – insbesondere Schwimmen -, und Patriotismus, ein Drittel ihrer Ernten sollten kostenlos an die Armen verteilt werden. (21.). „Il faut cultiver notre jardin !“ so lautete ja schon der Schlußsatz in Voltaires „Candide“. Eine spartanische Linie, die man in der Literatur sowohl bei Rousseau als auch bei Marat (22.), auch in Schillers „Räuber“ entdeckt,  ist unverkennbar, aber zugleich wurde das Eigenrecht des Kindes betont, Kind zu sein und kein kleiner Erwachsener.  Brutus  und Marat waren nun beliebte Namen. Als Erwachsener sollte er aber wieder ein Kind des Vaterlandes sein am Tage des Ruhmes.  Egal ob ehelich oder unehelich geboren, das hat die Auklärung immerhin ins Bewußtsein gebracht. Ins Bewußtsein wohl nur, denn die Alltagspraxis für unehelich geborene Kinder sah weiterhin finster aus. Erst der Oktoberrevolution sollte hier dank Alexandra Kollontai der Durchbruch gelingen. (23.) Auch der Name Spartacus war natürlich sehr beliebt. Im Vorbeigehen bemerke ich, dass der Ordensname des Stifters  des 1776 in Ingolstadt gegründeten  Illuminatenordens, Adam Weishaupt, ebenfalls Spartacus war. Weishaupt war Professor für Kirchenrecht und Philosophie. Ich sagte: im Vorbeigehen, denn natürlich darf man die Bedeutung der Illuminaten nicht überschätzen. Revolutionen müsssen reifen, sie können nicht initiiert werden. „Man kann nur für die Revolution arbeiten“. (24.). Lenin war kein Blanquist.

Die bürgerliche Klasse, die ihre Geldherrschaft im Zuge der Verwandlung naturwüchsigen Kapitals in industrielles gegen das Grundeigentum – „historisch tritt das Kapital dem Grundeigentum überall zunächst in der Form des Geldes gegenüber“ (25.) – und gegen die mittelalterlichen Instanzen endgültig durchsetzen wollte und die Ablösung des durch die Vorherrschaft von Ackerbau und Naturalwirtschaft bestimmten Feudalismus bezweckte, war jedoch gezwungen, an die Massen zu appellieren und ihr spezifisch volksfeindliches Interesse als das des Volkes selbst, ja der ganzen leidenden Menschheit (26.), auszugeben. Damit aber bekam die Revolution einen Selbstlauf, den die bürgerliche Klasse nicht immer steuern konnte. Danton plädierte für einen in gesetzlichen Bahnen verlaufenden Terror, seien wir grausam, damit das Volk es nicht zu sein braucht, „…organisieren wir ein Tribunal – nicht gut, denn das ist unmöglich, aber so wenig schlecht als möglich…“ und es zeigte sich dann als so schlecht, daß der Schöpfer des Tribunals selbst dessen Opfer wurde. Völlig aus dem Ruder liefen 1792 die Septemberexzesse, als die Volksjustiz selbst bis in die Gefängnisse hinein gegen dort inhaftierte, auf ihren Prozess wartende Adelige und Kleriker wütete. Der dritte Stand, sagte Alexis de Tocqueville, hatte den Bauern Waffen in die Hand gegeben und dann bemerkt, dass er Leidenschaften weckte, „…von denen er nicht einmal eine Ahnung gehabt, die er ebensowenig zu zügeln als zu lenken vermochte, und deren Opfer er werden sollte…“ (27.). Tocqueville deutet die Revolution richtig als eine bürgerliche Bauernrrevolution, das war ihr Charakter, nicht mehr und nicht weniger. Und innerhalb dieses Charakters hat sie erreicht, was zu erreichen war. Zeitweise stand der Schrecken der bourgeoisen Canaille zu Gesicht. Es schlug dann die Stunde der über Volksfeinde summarisch richtenden Sondertribunale, die sich immer in Revolutionen herausbilden und auch Gemäßigte aburteilen. Das Unberechenbare in großen Revolutionen liegt im sprunghaften Anwachsen der Aktivität unterdrückter Massen, die für JEDE Revolutionsregierung gefährlich werden kann. (28.). In Revolutionen hat der Begriff „Volksfeind“ eine unberechenbar tödliche Suggestivkraft, er besitzt diese heimtückische Dialektik, die der Girondist Vergniaud in die Worte kleidete: Die Revolution ist wie Saturn, sie frißt ihre eigenen Kinder (und Vergniaud selbst am 31. Oktober 1793). Mit dem zweischneidigen Begriff des Volksfeindes nehmen mehr Blickkontakt mit den  Messern der Guillotine auf, als sie ahnen. Der dritte Stand forderte am Anfang der Revolution nach der Einberufung der Generalstände, daß nach Köpfen abgestimmt werden sollte, es blieb nicht bei Abstimmungen, es wurde geköpft. In dieser  radikalen Revolution kam es zu Phasen, in denen die Guillotine nicht nur auf den Place de la Revolution stand,  sondern mehrere zu verschiedenen Hinrichtunsstätten  durch Paris hin und her gefahren wurden und Fouquier Tinville, der öffentliche Ankläger des Revolutionstribunals, sich mit vier Stunden Schlaf begnügen mußte. Die Feinde der Jakobiner werden, wie es ihr Mitglied Garnier formulierte,  auf der Bühne der Guillotine erscheinen (sur le théatre de la guillotine). Die Guillotine galt als Sichel der Gleichheit und wurde bei jakobinistischen Aufmärschen durch die Axt symbolisiert. Daß die passive, pausierende  Guillotine verhüllt wurde, steigerte nur ihre düstere Faszination und Anziehungskraft.  Der kleine Terror, ebenfalls eine Notwendigkeit, ohne die keine große Revolution auskommt, richtete sich zu einem Teil auch gegen Vertreter der Großbourgeoisie. Ich spreche vom kleinen Terror, der 0,2 % der französischen Bevölkerung in der bürgerlichen Revolution durch Volksjustiz das Leben kostete, im Vergleich zu den Opfern der dynastischen Kriege um die Erbfolge eine sehr geringe Zahl. Ähnlich verhält es sich mit dem ach so schrecklichen „Terror“ der revolutionären Organe der Arbeiter- und Bauernmacht in der Sowjetunion, betrachtet man die Zahl der sogenannten Opfer in Relation zur Gesamtbevölkerung. Der jakobinistische Terror war nur eine für das Volk  heilsame Unterbrechung des Terrorismus des Ancien Regimes, wobei der Terror gegen die Parlamente noch der harmloseste war, die Guillotine korrigierte den perversen Terror, pervers insofern, als er destruktiv gegen das Volk und konstruktiv für seine Blutsauger war. Umgekehrter Terror machte aus diesem die vengeance populaire, in dem dem Terror grundsätzlich eigenen Destruktiven kommt es auf die Dialektik des Konstruktiven an, aus der heraus der Revolution ihre schöpferische Gestaltungskraft wächst, um zu explodieren. (29.). Mirabeau schrieb anläßlich des Bastillesturms: „Es sind nur wenige Ausschreitungen vorgekommen. Man vergleiche doch damit die Zahl der Unschuldigen, die den Mißgriffen und dem blutrünstigen Verfahren der Gerichtshöfe, der im Turm von Vincennes wie in den Kerkern der Bastille heimlich geübten Rachsucht der Minister zum Opfer fielen; man vergleiche diese Opfer mit den plötzlichen Wutausbrüchen der Menge und entscheide dann, auf welcher Seite die Barbarei herrscht ! ….Wenn der Zorn des Volkes schrecklich ist, so ist die Kaltblütigkeit des Despotismus abscheulich; seine planmäßige Grausamkeit stürzt oft an einem Tag weit mehr Menschen ins Unglück , als im Laufe von Jahren Volksaufständen zum Opfer fallen…Das Volk hat nur eine kleine Zahl derjenigen bestraft, die ihm die öffentliche Stimme als Urheber seiner Drangsale bezeichnete – wäre aber, fragen wir, nicht mehr Blut geflossen, wenn unsere Feinde triumphiert oder die Entscheidung sich verzögert hätte ?“ (30.). Wie im Bestrafungswesen die Guillotine eine immense Humanisierung brachte, unter den Ludwigen wurde noch gevierteilt, so sah auch Marat, der von sich selbst sagte, er könne kein Insekt leiden sehen,  im sogenannten Terror gegen reiche Volksfeinde Liebe zur unterdrückten Menschheit. „Und wo ist denn dieses so große Verbrechen, wenn man 500 Köpfe von Verbrechern gefordert hat, um 500 000 Unschuldige zu retten ? Ist diese Rechnung nicht schon ein Zug von Weisheit und Menschlichkeit ? “ (31.). Und selbst in den Septemberwirren kommt dieser Humanismus der Unterdrückten gegenüber der Barbarei der Unterdrücker zum Vorschein. Revolutionäre Volksmassen drangen in die Gefängnisse ein und töteten eidverweigernde Adelige, Priester und gegenrevolutionäre Offiziere,  die großen Kriminellen, verschonten aber die kleinen Delinquenten und Marat hatte ganz Recht, als er schrieb, dass der royalistische Despot diese Aufmerksamkeit nicht gehabt hätte. Er hatte ja schon in seinem „Plan einer Criminalgesetzgebung“ aus dem Jahre 1777 gefordert, den großen Verbrecher schwerer zu bestrafen als den Notdieb. Hébert glaubte, durch den Schock der Septemberereignisse seien die Revolutionäre für lange Zeit vor royalistischen Verschwörungen sicher. Auch für den deutschen Jakobiner Georg Forster, dem der eigene Vater den Strick gewünscht hatte,  stehen die Verursacher des französischen Bürgerkrieges fest, es sind die Anhänger des Ancien Regimes. „Wenn man einen König stundenlang von seinem Schloß auf seine Untertanen mit kaltem Blute schießen sieht, das ist nichts. Aber den Kopf eines Garde du Corps auf einer Picke vor einem König getragen – liebster Himmel, das ist unerhört barbarisch, das verdiente eine Konterrevolution“.  (32.).  Forster sah richtig, dass emanzipativer Terror und repressiver „himmelweit verschieden“ seien. Zudem hing dieser „kleine Terror“  aber auch spezifisch mit der äußeren militärischen Bedrohung durch royalistische Mächte zusammen, die zum Glück für die Revolution durch den polnischen Aufstand abgelenkt wurden. Als diese Bedrohung nach der für Frankreich erfolgreichen Schlacht von Fleurus, an der Saint Just teilnahm, 1794 (33.) weg war, sank der Stern Robespierres innerhalb eines Monats und  der revolutionäre Terror erlahmte. Nicht aber der Terror überhaupt, der terreur royale wütete besonders im Midi, auch dort drangen Royalisten in die Gefängnisse ein und lynchten inhaftierte Jakobiner.  Die bestimmte Negation ist in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution reziprok. Noel de Pointes sagte am 24. Dezember 1794, dass der Terror nur den Namen geändert habe und in andere Hände übergegangen sei. Er werde auf eine neue Art ausgeführt. Der Moniteur schrieb am 21. Juli 1795, daß unter dem Vorwand, Terroristen zu verfolgen, unbeteiligte Bürger ermordet wurden.  „La terreur contre le peuple est a l´ordre du jour“, war im Tribun du Peuple vom 24. April 1796 zu lesen. Royalistische Massacreurs verfolgten jetzt Republikaner. Systematisch unterschlägt die bürgerliche Geschichtsschreibung (siehe zum Beispiel Schulbücher), dass nach dem Sturz Robespierres ein wahre blutige Hetzjagd gegen Jakobiner, Terroristen genannt, einsetzte, gesteuert von sogenannten Jesus- und Sonnenvereinen. Jesuskleriker und Sonnenkönigskinder arbeiteten besonders im Süden Frankreichs weiterhin mörderisch Hand in Hand. (Herzjesusoldaten aus der Bretagne tauchen ein dreiviertel Jahrhundert später wieder auf im Vernichtungskrieg des französichen Bürgertums gegen die Pariser Commune). Bei der Thematisierung des Terrors der  Revolution werden die Greueltaten religiöser Terroristen nur allzu gerne verschwiegen. So findet in den Schulen der Republik nicht nur eine religiös motivierte geistige Verstümmelung der Jugend statt, sondern diese wird auch kriminalisiert: die emanzipative Gewalt der Volksmassen sei Terror, die weltgeschichtlichen Blutorgien der herrschenden raffgierigen Minderheiten, die die Völker zum gegenseitigen Niedermetzeln anstacheln, aber gottgewollt. „Bis wie lange noch wird man die Wut der Despoten Gerechtigkeit, und die Gerechtigkeit des Volkes Barbarei oder Empörung nennen ? Wie zärtlich man doch gegen die Unterdrücker, und wie unerbittlich man gegen die Unterdrückten ist !“ (34.) Marat sprach von falsch verstandener Menschlichkeit den Volksfeinden gegenüber und von Narretei, ihnen einen Prozess zu machen. „Er ist längst gemacht: Ihr habt sie mit den Waffen gegen das Vaterland in der Hand ergriffen, ihr habt die Soldaten umgebracht, warum solltet ihr ihre unvergleichlich schuldigeren Offiziere verschonen ? Die Dummheit bestand darin, auf die Einschläferer zu hören, die geraten haben, sie zu Kriegsgefangenen zu machen. Es sind Verbrecher, die man auf der Stelle hätte umbringen müssen, denn sie konnten nie irgendwie anders beurteilt werden…“ (35.).  So steht es nicht in den bürgerlichen Geschichtsbüchern in den Schulen der Republik, in denen den Kindern die Ketten der kapitalistischen Sklaverei angelegt werden. Schrieb Marat in den „Ketten der Sklaverei“: „Jedes Studium, das sich nicht auf die Menschenrechte, sondern auf fremde Gebiete bezieht, muß notwendigerweise die Freiheit aus den Augen verlieren.“ (36.), so muss der Satz heute lauten: Jedes Studium, das sich nicht auf den Marxismus Leninismus bezieht, muß notwendigerweise die perspektivische Freiheit des Lohnsklaven aus den Augen verlieren. Ich bezweifle sogar, dass die heutige Sozialpädagogik auf der Höhe folgenden  Niveaus steht: „Alles, was nicht mit der Natur übereinstimmt, hat seine Nachteile, und die bürgerliche Gesellschaft mehr als alles andere.“ (37.). Das wurde 1762 von Rousseau veröffentlicht und der Grundzuge der Zeit und die revolutionären Ereignisse legten Robespierre am 7. Mai 1794 in seiner „Rede über die Beziehungen zwischen den religiösen und moralischen Ideen und den Grundlagen der Republik und über die Nationalen Feiertage“ die Formulierung „die allgemeine Religion der Natur“ förmlich in den Mund. Georg Forster betrachtete die Revolution dann auch als ein Werk der Gerechtigkeit der Natur. XXX Vergleiche Pierre Bertaux, Hölderlin und die französische Revolution, edition suhrkamp 344, 1969,28  Der Naturbegriff stand im Abschirmdienst gegen die Metaphysik und weltimmanent gegen alles Anti-Bürgerliche, sei es aristokratisch, sei es  plebejisch. In ihm spiegelte sich bürgerliche Herrschaft exklusiv als weltgeschichtliche Kulmination, so dass diese Herrschaft sich als von jeder geschichtlichen Wechselhaftigkeit ausgenommen darstellen konnte. Marx nannte das Fiktion. ZU DER ANM hinzu: Die wohl tragischste Folge der aufklärerischen Naturverherrlichung ergab sich aus einer Frage des Freiherrm von Knigge: „Können die usurpirten Rechte des Adels, welche gegen die Ordnung der Natur sind, durch Verjährung geheiligt werden ?“ Der Lyriker Stäudlin veröffentlichte sie in seiner „Fortgesetzten Schubartschen Chronik“ und wurde durch die darufhin einsetzende Zensurverfolgungen im September 1796 zum Freitod im Rhein getrieben. Ist es doch gerade die Aufgabe der Sozialpädagogik, die bürgerliche Gesellschaft und sich selbst als unübersteigbar zu vermitteln. Die Überwindung des Gegensatzes zwischen arm und reich nicht durch die diesen Gegensatz lediglich konstatierenden Sozialpädagogik, sondern durch die Armen selbst, wäre ihr Ende. Die heutige Schule und Universität ist nicht herauszuhalten aus der weltbürgerlichen Verschwörung des Kapitals gegen die Arbeit.

Als eine Art Kursbuch des Jakobinismus gilt der Gesellschaftsvertrag von Rousseau, Robespierre versuchte sich streng nach diesem Buch zu richten und scheiterte damit (38.). Noch vor seiner Ankunft in Paris 1741 hatte Rousseau in einem Gedicht an Monsieur Bordes die Armen als die Tugendhaften bezeichnet, „…deren Armut ihnen die Tugend bewahrt.“ Robespierre machte ein ganzes politisches Programm des tugendhaften Schreckens daraus. Er betrachtete sich stets als Schüler Rousseaus und würdigte ihn am 7. Mai 1794 in einer großen Rede vor dem Nationalkonvent  als einen Vorläufer der Revolution. Der Rousseauismus ist utopisch und reaktionär zugleich. Zwar ist der Mensch für ihn von Natur aus gut und nur die Institutionen verderben ihn, folglich: nur ein perverser Mensch strebt danach, seine Mitmenschen zu regieren, gleichwohl findet sich im Gesellschaftsvertrag der doppelgesichtige Satz: „…manchmal muß man dem Volk die Dinge zeigen, wie sie sind, manchmal so, wie sie ihm erscheinen sollen…“ (39.).  Das Volk kann also sehr wohl getäuscht werden, und keiner betonte dies bedauernd häufiger als Marat, und am Ende des Gesellschaftsvertrages  wird sogar noch eigens eine Art Bürgerreligion aus der Taufe gehoben. Im Prozess gegen Marie Antoinette wurde die Doppelgesichtigkeit praktisch angewandt. (40.).  Die ehemals, nach der Hofetikette,  wichtigste Frau Frankreichs, die im Volksmund wegen ihrer Verschwendungssucht Madame Defizit genannt wurde, hatte ebenfalls die Guillotine zu besteigen, so wurde ihr sexueller Mißbrauch ihres eigenen minderjährigen Sohnes,des Dauphins, und Anleitung zur Onanie angedichtet (der Jakobiner Hébert trat hier als Zeuge vor das Revolutionstribunal und zitierte aus angeblichen Verhörprotokollen des Jungen). In diesem Fall sollte das Volk sehen, dass auch eine Frau als eine neue Agrippina, „…welche mit allen Verbrechen vertraut ist…“ (so der Ankläger Fouquier-Tinville) das Fallbeil verdient habe. In der Publikmachung der mechanischen Handbewegungen eines von seiner Mutter losgerissenen Dauphins, seiner Onanie, in der er durch seine Mutter Marie Antoinette eingewiesen worden sei, findet die Säkularisierungstendenz der Aufklärung ihren Abschluß. Dem Dauphin ging es um infantilen Lustgewinn, nicht um eine patriarchalische Thronfolge. Aufklärung hat sich nicht autoaggressiv als Dialektik der Aufklärung, Hegel und Hamman variierend, dass die Aufklärung über sich selbst nicht aufgeklärt sei, gegen sich selbst zu wenden, sondern ihre Gegner letztendlich der Schwachsinnigkeit zu überführen. Auf dem Gebiet der Sexualität, in  deren Befreiung alle gesund verlaufende Aufklärung mündet, ist dies durch Nachweis der Genesis der borniert-mittelalterlichen Leibfeindlichkeit zu demonstrieren. Der Kirchenvater Augustinus bekennt in seiner Autobiografie, dass er im Jahr 386 in einem Mailänder Garten göttliche, immer nur das eine wiederholende Knabenstimmen gehört habe: Nimm und lies (Tolle lege). Er ging ins Haus und schlug die Paulusbriefe auf: „… zieht den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste.“ Danach pflegte Augustinus keinen Beischlaf mehr, sondern. begann  fieberhaft schreibend mit der inhumanen Verteufelung der Sexualität. So hat  die Ausgeburt des Fieberwahns eines geisteskranken Klerikers Millionen und Abermillionen Menschen Jahrhunderte lang sexuell verkrüppelt, auch der Katholik und Jesuitenschüler Robespierre war nicht frei davon. Wie La Mettrie es richtig empfand: „…als sei es eine Schande, Vergnügen zu empfinden und zu seinem Glück geschaffen zu sein…“ (41.). 1750 veröffentlichte La Mettrie in Potsdam  sein Werk: „L´art de jouir ou l´école de la volupté“. (1751 auf deutsch in Braunschweig erschienen: Die Kunst, die Wollust zu empfinden). Vergessen wir nicht, dass mit der Rehabilitierung Epikurs in der Renaissance die Renaissance des Fleisches eingeschlossen ist.

Anders verhält es sich in einer Arbeiterrevolution, die Rousseausche Doppelgesichtigkeit fällt hinweg. (Es ist immer sinnvoll, das Wort Minister zu vermeiden und eine Regierung von VOLKSKOMMISSAREN zu bilden). Da eine Diskrepanz zwischen Volk und Regierung in einer sozialistischen Republik weitgehend nicht mehr vorliegt,  nach Lenins  „Staat und Revolution“ handelt es sich um einen Übergangsstaat, „kein Staat im eigentlichen Sinne mehr“ , kann diese auch ganz frei und offen die Protokolle der Revolutionstribunale veröffentlichen. So geschah es nach den sogenannten Moskauer Schauprozessen. Seit der Veröffentlichung der Protokolle der Moskauer Prozesse hat die internationale Konterrevolution nichts unversucht gelassen, dass die Volksmassen die Prozesse wieder nach der Sichtweise der Konterrevolution sehen sollen. Welch ein Unterschied in der Revolutionsgerichtsbarkeit: Während das jakobinistische Tribunal pädophile Unzucht andichtet, ist das bolschewistische so souverän, den Fehltritt Bucharins  (des Lieblings und Dauphins der KPdSU(B))  in Japan aus dem Jahre 1917 unerwähnt zu lassen: er hatte während eines Bordellbesuches sexuelle Beziehungen zu einer Minderjährigen, worauf in Japan die Todesstrafe stand. (42.) In der Zeit des Volksschädlings Gorbatschow setzte dann eine wahre Rehabilitierungswelle ein, ohne dass aber die Begründungen der Rehabilitierungen veröffentlicht wurden. Der deutsche Aufklärer Kant hatte in seiner Schrift „Zum Ewigen Frieden“  Recht, als er das Kriterium der uneingeschränkten Öffentlichkeit von Regierungssachen als notwendige Bedingung einer aufgeklärten Gesellschaft forderte. Auf dem politischen Parkett küßt heute jeder Volksfeind jeden Volksfeind, und in den Dunkelkammern der Geheimdienste werden Völkermorde vorbereitet.

Gegen die These, dass es nicht nur in der jakobinistischen Revolution, sondern auch in der  bolschewistischen zu Prozessmanipulierungen gekommen sei, die also Arbeiter und Bauern auf eine gleiche Stufe der Verlogenheit stellt wie profitsüchtige Bürger, sprechen einerseits die Liste der den Moskauer Prozessen beiwohnenden in- und ausländischen Beobachter, überwiegend Diplomaten und Juristen als auch deren Prozesseinschätzungen. Der us-amerikanische Botschafter Joseph Davies überzeugte Präsident Roosevelt von der Rechtmäßigkeit der Anklagen und erklärte in einer seiner Reden: „Es ist völlig klar, dass all diese Prozesse, Säuberungen und Hinrichtungen, die seinerzeit so rücksichtslos erschienen und die ganze Welt schockierten, Teil eines energischen Bemühens der Stalinschen Regierung waren, sich nicht nur von einem Staatsstreich von innen, sondern auch vor einem Angriff von außen zu schützen…Die Säuberungen schufen Ordnung im Lande und befreiten es von Verrat.“ 43. Es gab für Joseph Davies keinen Grund, als us amerikanischer Bürger einen Leninorden anzustreben. Wie Davies sah es auch der tschechoslowakische Botschafter Zdenek Fierlinger. Schon der erste Prozess gegen Sinowjew und Kamenew wurde von einer Delegation der hochangesehenen  Internationalen Juristenvereinigung sehr genau unter die Lupe genommen. Ihr gehörten unter anderem der britische Kronanwalt Denis Noel Pritt (gleichzeitig Mitglied des Unterhauses) an, Dudley Collard, Robert Lazarus und der us –  amerikanische Anwalt Joseph Edelman. Diese hochkarätige Delegation kam zu folgendem Ergebnis: „Wir halten die Behauptung, daß die Verhandlung verkürzt und ungesetzlich war, für völlig unbegründet…Wir erklären hiermit kategorisch, daß die Angeklagten völlig legal verurteilt wurden. Es wurde überzeugend bewiesen, dass zwischen ihnen und der Gestapo eine Verbindung bestand. SIE HATTEN DIE TODESSTRAFE VOLLAUF VERDIENT (Kursiv von Heinz Ahlreip)“. 44. Der Kronanwalt Pritt untermauerte diese klare Aussage noch durch ein privates Statement, das wohl auch den letzten Zweifel ausräumen dürfte: „Das erste, was mir als einem britischen Juristen auffiel, war das völlig freie und ungezwungene Verhalten der Angeklagten.  SIE HATTEN DIE TODESSTRAFE VOLLAUF VERDIENT (kursiv von Heinz Ahlreip); sie alle erhoben sich und sprachen, wenn sie es wünschten…Ich persönlich bin überzeugt davon, daß es nicht den geringsten Grund gibt, irgendeine Ungesetzlichkeit zu vermuten, was den Inhalt und die Form des Prozesses betrifft. Meiner Ansicht nach waren die gesamte Verhandlung und die Art des Umgangs mit den Angeklagten mustergültig für die ganze Welt in einem Fall, da den Angeklagten eine Verschwörung zur Ermordung führender Staatsmänner und zum Sturz der Regierung vorgeworfen wird, wessen die Angeklagten sich schuldig bekannten. Ich bin der Meinung, dass das Gericht jedes beliebigen Landes unter solchen Umständen die Todesstrafe verkündet und exekutiert hätte“. 45. Der weltweit anerkannte englische Historiker Sir Bernard Pares hielt den Verrat von Kamenew, Pjatakow, Radek und den anderen Angeklagten für eindeutig bewiesen, er hatte daran keinerlei Zweifel. Ein britisch sowjetischer Parlamentsausschuß hob in seinem Bericht über die Prozesse die „unstrittige Fundiertheit der Anklagen“ 46. hervor. Der Ausschußvorsitzende, der Labourabgeordnete Neil Maklin, hob besonders hervor, dass ihn „die Aufrichtigkeit der Geständnisse von seiten der Angeklagten beeindruckt habe.“ 47. Und selbst Churchill kam in seinen Memoiren zu einer bemerkenswerten Einschätzung: Die Säuberungen seien unerbittlich aber vielleicht nicht ganz unnütz gewesen und Wyschinski habe als staatlicher Ankläger brilliert. 48. Obendrein: auch die Internationale Liga für Menschenrechte ließ durch ihren Repräsentanten, durch den Anwalt Rosenmark, die Legalität der Prozesse verlauten. Damit jedoch nicht genug: der Schriftsteller Lion Feuchtwanger hatte den Prozess verfolgen können und konnte keinerlei Folterspuren bei den Angeklagten entdecken. Sein Buch über den Prozess wurde in der Sowjetunion in einer Auflage von 200 000 Exemplaren gedruckt. Mitte der vierziger Jahre erschien in den USA das Buch der beiden US Amerikaner Michael Sayers und Albert E. Kahn „The Great Conspiracy“, in dem die juristische Haltbarkeit der Anklagen nachgewiesen wurde. Ich glaube, diese Aufzählung sollte schon ausreichen, die Aufzählung der Liste der „westlichen“ Intellektuellen, die ebenfalls von der Korrektheit der Prozesse überzeugt waren, erspare ich mir deshalb an dieser Stelle.

Entscheidend für Ausbruch 49.) und Verlauf der französischen Revolution waren ohne Zweifel die asozial-perversen Eigentumsverhältnisse; dass eine verschwindend geringe von Steuerabgaben sogar noch befreite klerikal-adelige Schmarotzerkaste ohne Hemmnisse das französiche Volk blutsaugen konnte. Die Steuerbefreiung galt sowohl für den Geburts- als für den Amtsadel. Ungehört blieben die warenenden Worte des Marschalls Vauban und Boisguilleberts, die sich für eine gleiche und ausnahmslose Steuerpflicht ausgesprochen hatten. Hegel schrieb in der „Phänomenologie des Geistes“ über den schmarotzenden Adel den doppelsinnigen, Tod und Genuß verbindenden  Satz: er „nimmt sich das Leben, wie eine reife Frucht gepflückt wird, welche ebensosehr selbst entgegenkommt als sie genommen wird.“ (50.). Die Kirche war nicht nur die größte Grundeigentümerin, ein Fünftel des Bodens Frankreichs gehörte ihr, sondern erhielt den Zehnten von allen anderen Grundeigentümern, d.h. von deren Landarbeitern. Das absolutistische Frankreich erlaubte sich den Luxus, dass in seiner Armee das kleine adelige Offizierskorps mehr Sold (46 Millionen Livres) bekam als alle Mannschaften zusammen. (44 Millionen Livres).  Hatten unter dem Sonnenkönig auch Bürgerliche einen gewissen Zugang zu meistens niedrigen Offiziersstellen, so wurden in einem Edikt des Grafen Ségur vom 22. Mai 1781 die Stellenexclusivität des Adels festgelegt, und zwar war es sogar erforderlich, eine Reihe von vier adeligen Ahnen väterlicherseits nachzuweisen, was auch den Neuadel beiseite stellte. Dem deutschen Demokraten Konrad Engelbert Oelsner kann man nur zustimmen: „Ein Edelmann, der auf seine Ahnen strotzt, ist ein Kannibale, der sich mit der Anthropophagie seiner Vorfahren bläht“. (Siehe in: Pierre Bertaux, Hölderlin und die französische Revolution, edition suhrkamp 344, Frankfurt am Main, 1969,21). Nur zwölf Jahre später wird Marat den Ausschluß aller ehemaligen Adligen aus Armee und Verwaltung fordern. Die blühende Korruption im Gerichtswesen können wir sehr gut aus den Memoiren Beaumarchais von 1774 entnehmen. Die Steuerauspressung nahm horrende Züge an, es war üblich, dass Wein , der zum Beispiel vom Orleanais nach der Normandie transportiert wurde, sich um das 20 fache verteuerte. (51.). Auch dem Getreidehandel wurden im Innern Hindernisse über Hindernisse in den Weg gelegt, so dass sich die Bildung von Aufkaufgesellschaften, von Verschwörungen zur Herbeiführung von Hungersnöten (pacte de famine)  leicht bilden konnten. „An der Spitze dieser Verschwörer stand mitunter der Monarch und machte aus dem Kornwucher eine seiner besten Einnahmequellen. Dass ein solcher allerchristlichster König ebensowenig als seine Kompagnons , die beschnittenen und unbeschnittenen Kornjuden, etwas von der Freigebung des Getreidehandels wissen wollte, ist klar.“ (52.).  Eine merkwürdige Steuer war die gabelle: jede Person ab sieben Jahre mußte jährlich sieben Pfund Salz kaufen, das verzehrt werden musste und nicht zum Einsalzen verwendet werden durfte. Zugleich war kurz vor dem Ausbruch der Revolution ein besonders großer Preisanstieg bei den Grundnahrungsmitteln zu registrieren, bedingt durch eine von Dürre und Hagel verursachten Mißernte 1788.  Schon im November des gleichen Jahres griff Abbé Sieyès in seiner Broschüre „Essay über die Privilegien“ die Herrschaft von 200 000 Privilegierten über 25 Millionen Franzosen an. (53.).  Wie fruchtlos aber eine bürgerliche Revolution in dieser Beziehung ist, zeigen heute die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln in den „allerfreiesten“ bürgerlichen Republiken. In ausnahmslos allen bürgerlichen Republiken herrschen heute asozial-perverse Eigentumsverhältnisse, die verdammt nach dem revolutionären Vorabend dieser Ancien Regimes in spe riechen. Für Marx zeigte spätestens die barbarische Vernichtung der Pariser Commune  an, „daß der heutige Bourgeois sich für den rechtmäßigen Nachfolger des ehemaligen Feudalherren ansieht.“ (54.).  Und in der Tat: der Marxismus Leninismus hat, wie früher die bürgerliche Aufklärung das mittelalterliche Gedankengut zersetzte, theoretisch das Herrschaftsgeflecht der bürgerlich-sozialdemokratischen Ideologie zerpflückt, aber eine Arbeiterrevolution ist qualitativ von ganz anderem Kaliber (über die Diktatur des Proletariats Anarchie als Ziel) als eine bürgerliche Revolution (Wechsel in der Klassenherrschaft als Ziel). Die Revolution von 1789 hat denn auch sowohl nach Alexis de Tocqueville als auch nach Karl Marx die Staatsexekutive  perfektioniert, während eine proletarische Revolution diese gerade zerbrechen muß. (55.).  Die bürgerliche Revolution von 1789 setzte zum Beispiel nicht einmal das Wahlrecht für Frauen durch, Engels bemerkte einmal, alle Revolutionen des 18. Jahrhunderts waren halbe (56.), und die Frauen sind die Hälfte des Himmels. Im Vordergrund stand die Gleichberechtigung kapitalistischer Warenbesitzer untereinander, nicht aber die von Frauen und Männern. Nicht nur wird deshalb der militante Radikalismus (57.). der antigirondistisch ausgerichteten „Revolutionären Republikanerinnen“ vom Mai 1793, die Marat verherrlichten und ihre Kinder in dessen Geist erziehen wollten, bereits am 8. November 1793 durch den Berichterstatter des Komitees für allgemeine Sicherheit, Amar, gebrochen, sondern dieser schreibt ein Frauenbild des Mittelalters, in dem persönliche Abhängigkeitsverhältnisse dominierten, fest: „Fügen wir schließlich hinzu, daß die Frauen durch ihr Wesen zu einer Erregtheit disponiert sind, die sich für die öffentlichen Angelegenheiten als verderblich auswirken müßte, und daß die Staatsinteressen bald allem geopfert würden, was die Lebhaftigkeit der Leidenschaft an Verwirrung und Unordnung erzeugen kann.“ (58.), so daß Frauenvereinigungen daraufhin verboten wurden. Im Gesetz vom 24. Mai 1795 wird Frauen dann sogar verboten, an politischen Sitzungen überhaupt teilzunehmen.  In der Frage der Égalité für Frauen hatte der Rousseauismus bestimmenden Einfluß, Rousseau sah in seinem Erziehungsroman „Émile“ die Geschlechter ungleichwertig: Jungen sind sportlich, laut, aktiv; Mädchen sind mit Putz, Flitterkram, Spiegel und Puppen zufrieden. Folglich muß alle Erziehung der Frau auf die Männer bezogen sein. Man griff auch zu einer abenteuerlich biologischen Erklärung für die Ungleichheit der Geschlechter. Ausgangspunkt war die Problematik, wie monströse Mißbildungen der Natur zu erklären sind angesichts des aufklärerisch deistischen Ideals eines durchgängig rationalisierten Kosmos, der einem perfekt funktionierenden aufgezogenen Uhrwerk gleicht, das Gott als ein Gott der Vergangenheit, ohne Gegenwart und Zukunft, nur einmal aufzuziehen brauchte, das danach aber autonom war.  Ausgeburten  passten natürlich nicht in ein funktionsperfektionistisch  ausgerichtetes Weltbild.  Es gab kein System der Natur, es sei denn, man erklärte Monster naiv als notwendiges Gegenbild, um die Schönheit der Natur zu exponieren. Man erklärte  Embryos, die alle mal weiblich sind, selbst für monströs; damit stand das erwachsene schöne Geschlecht Monstern näher.  Condorcet erst wies mit seiner Abhandlung „Die Gewährung der vollen Staatsbürgerschaft an Frauen“ (1790) über den kleinbürgerlichen Jakobinismus hinaus, wurde aber nicht erhört, sondern wahrscheinlich von Häschern Robespierres vergiftet. (59.).  Wegen seiner eindeutig progressiven Haltung in der Frage der Frauengleichheit zählt Michelet diesen Girondisten zu einem Vorläufer des Sozialismus. Vor ihm hatte schon Graf Mirabeau belletristisch die Notwendigkeit der Frauenemanzipation mit Bibelstellen zu belegen versucht, in denen deutlich wurde, daß Jesus Frauen bevorzugt habe, die alten Kirchenväter auf ihren Konzilen also mit der Fragestellung völlig in die Irre gingen: ob die Frau überhaupt ein Mensch oder Blendwerk des Satans sei ?  Jesus hatte eine Mutter, aber keinen Vater ! Allein: der Bischof  Talleyrand hielt wenig von einer feministischen Bibelintrepretation und unterbreitete den Vorschlag, Mädchen bis zum achten Lebensjahr eine Grunderziehung zuzusichern, danach könnten sie häuslich werden. Die bürgerliche Revolution hatte also sehr schnell den Marsch der Pariser Markthallenweiber vom 2. Oktober 1789 nach Versailles vergessen, die kurzerhand aufbrachen, um zu verhindern, dass Paris vom Versailler Hof ausgehungert wurde und die die königliche Familie mit der Parole nach Paris brachten: „Wir bringen den Bäcker, die Bäckersfrau und den kleinen Bäckerjungen“. (60.). Diese  Markthallenweiber hatten den Nerv der Revolution getroffen: das Brot und die Verfassung, denn mit der königlichen Familie zog auch die Nationalversammlung von Versailles (das während der Revolution in „Berceau de la Liberté“ umgetauft wurde) in die revolutionäre Hauptstadt.  Das Volk braucht Brot, keinen Kuchen. St. Just sprach den Schlüsselsatz jeder sozialen Revolution aus:  Das Brot ist das Recht des Volkes (61.),  für Heinrich Heine das größte Wort, das in der französischen Revolution gesprochen wurde. Die Bourgeoisie brach es ständig: nach dem Tod Robespierres war die soziale Frage erst recht nicht gelöst worden, im Gegenteil, die Revolutionsgewinnler mit ihrer Middle of the Road Government (62.). breiteten ihren Luxus immer schamloser vor aller armen Welt aus. In Paris tauchten immer mehr  abgemagerte Gesichter auf,   Selbstmorde, das Umfallen vor Entkräftung auf offener Straße häuften sich und die Brot und Blut Assoziation machte die Runde: „Unter Robespierres Herrschaft floß Blut, und es fehlte nicht an Brot; heute fließt kein Blut mehr, und es fehlt an Brot, also müßte wieder Blut fließen, damit es Brot gibt !“ (63.).  An der sozialen Frage entzündeten sich die Forderungen der französischen Levellers unter Babeuf und sowohl der klägliche Germinalaufstand vom 1. April als auch der besser gelungene, dennoch erfolglose Prairialaufstand vom 20. Mai 1795 gegen die neureiche Geldaristokratie:  Brot und die Verfassung von 1793 waren die Forderungen in diesen Aufständen. (64.). Verfassungen mögen sich wandeln, die Revolution bleibt primär eine Brotfrage. Deshalb sind gerade Revolutionen am allerwenigsten aus dem Mentalen zu erklären, man muß sich von der Gewohnheit frei machen, als ob das Tun des Menschen aus seinem Kopf zu erklären sei, vielmehr ist es aus seinen Bedürfnissen zu erklären. (65.).  Lenin stieß in der Illegalität kurz vor der Oktoberrevolution auf den Klassenkampf des Brotes durch ein einfaches  Arbeiterehepaar, das ihn in einem abgelegenen Arbeitervorort Petrograds versteckt hielt: In einer kleinen Arbeiterwohnung wird das Mittagessen aufgetragen. „Die Hausfrau bringt das Brot. Der Hausherr sagt: Sehe einer an, was für ausgezeichnetes Brot. Sie wagen es jetzt wohl nicht, schlechtes Brot zu verkaufen. Wir haben schon gar nicht mehr geglaubt, daß in Petrograd gutes Brot geliefert werden könnte…An das Brot hatte ich, ein Mensch, der keine Not kannte, nicht gedacht. Das Brot stellte sich für mich irgendwie von selbst ein, als eine Art Nebenprodukt der schriftstellerischen Arbeit. Zur Grundlage des Ganzen, zum Klassenkampf ums Brot, dringt das Denken durch die politische Analyse auf einem ungewöhnlich komplizierten und verschlungenen Wege vor.“ (66.). Der Klassenkampf ums Brot ! — Die Grundlage des Ganzen ! „Wir brauchen Puder für unsere Perücken, deshalb haben so viele Arme kein Brot“, schrieb Rousseau in seiner letzten Antwort an Bordes.

„Wie hat sich in drei Tagen das Gesicht aller Dinge verändert !“ (Brief Camille Desmoulins an seinen Vater vom 16. Juli 1789 über die Erstürmung der Bastille).

Revolutionären Arbeitern und Arbeiterinnen drängen sich nur allzu leicht Assoziationen zu 1789 auf, aber zwischen der Arbeiter- und Bauernrevolution 1917 und der Bourgeoisrevolution 1789 gibt es einen dicken Trennungsstrich: schon Marx kritisierte die Pariser Kommunarden von 1871 ob Rückfälle in jakobinistisch-kleinbürgerliche Traditionen wie Lenin Rosa Luxemburg in der Junius Broschüre ob ihres Rückfalls in den kleinbürgerlichen französischen Patriotismus von 1793 kritisierte, mit dem sie den imperialistischen Krieg bekämpfen wollte. (67.).  Marxens Analyse der Klassenkämpfe in Frankreich führte dann auch zu der Einsicht: „Bürgerliche Revolutionen wie die des achtzehnten Jahrhunderts stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich. Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt zu sein, die Ekstase ist der Geist des Tages, aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft…Proletarische Revolutionen dagegen wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche… schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke…“ (68.).  Diese Ungeheuerlichkeit ist eine menschliche Gesellschaft. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ! Das Verhältnis des Marxismus zur bürgerlichen Revolution ergibt sich aus der Differenz zwischen menschlicher  und politischer  Revolution. 1789 litt an einer widersprüchlichen Beschränktheit, 1789 war lediglich eine politische Revolution, die die sozialen Probleme nicht gelöst hatte, sondern den Bourgeoisegoismus zelebrierte, ihr Widersinn lag darin, dass sie in den Menschenrechten diese Egoität proklamierte, als zur ihrer Rettung alles Private, aller  Egoismus hätte geopfert werden müssen. „Es ist schon rätselhaft, daß ein Volk, welches eben beginnt, sich zu befreien, alle Barrieren zwischen den verschiedenen Volksgliedern niederzureißen, ein politisches Gemeinwesen zu gründen, daß ein solches Volk die Berechtigung des egoistischen, vom Mitmenschen und vom Gemeinwesen abgesonderten Menschen feierlich proklamiert (Déclaration de 1791) , ja diese Proklamation in einem Augenblicke wiederholt, wo die heroischste Hingebung allein die Nation retten kann und daher gebieterisch verlangt wird, in einem Augenblicke, wo die Aufopferung aller Interessen der bürgerlichen Gesellschaft zur Tagesordnung erhoben und der Egoismus als ein Verbrechen bestraft werden muß. (Déclaration des droits de l´homme etc. de 1793). Noch rätselhafter wird diese Tatsache, wenn wir sehen, daß das Staatsbürgertum, das  POLITISCHE GEMEINWESEN  von den politischen Emanzipatoren  sogar zum bloßen MITTEL  für die Erhaltung dieser sogenannten Menschenrechte herabgesetzt, daß also der citoyen zum Diener des egoistischen homme erklärt, die Sphäre, in welcher der Mensch sich als Gemeinwesen verhält, unter die Sphäre, in welcher er sich als Teilwesen verhält, degradiert, endlich nicht der Mensch als citoyen, sondern der Mensch als bourgeois für den EIGENTLICHEN und WAHREN Menschen genommen wird.“ (69.).  Und dieser bourgeoise Mensch kommt weder als Bürger noch als Staatsbürger über seinen politischen Schatten hinaus und wird als Bourgeois in der Politik stets ein Opfer von Betrug und Selbstbetrug bleiben. (70.).  Bürgerliche Herrschaft verhüllt sich unter einer Pseudodemokratie, eine Pseudodemokratie kommt nicht zum Einschlafen ihrer selbst wie die lebendige Demokratie im Kommunismus. Ein Musterbeispiel für politischen Betrug und Selbstbetrug gibt St. Just, er, der so kaltblütig den Prozeß gegen Danton manipulierte, zeigte nach seiner Verurteilung zum Tode noch einmal auf die Tafel der Menschenrechte mit den Worten: „C´est pourtant moi qui a fait cela !“

Ohne Zweifel hatte die französische Revolution einen humanistischen Grundzug, sowohl in universeller Hinsicht als auch in sozialer: am 24. Mai 1790 erging die Friedenserklärung an die Völker der Welt ! Aller Welt wurde damit gezeigt, dass es die Intention der bürgerlichen Revolutionäre war,das theoretische Ideal der Aufklärung, eine in Harmonie lebende Menschheit,  zu realisieren. Die Aufklärer verstanden sich vorweg als Weltverbesserer. Schon der Frühaufklärer Fontenelle konnte sich die philosophische Forschung nach Wahrheit nur im Dienste der Menschheit vorstellen.  In der Aufklärungsliteratur findet man immer wieder einen Buhmann, der widerlegt werden mußte: es war dies Thomas Hobbes mit seiner Kernaussage, in der Gesellschaft herrsche ein Krieg aller gegen alle. Nur noch der Defensivkrieg galt für die fortschrittlichen Menschen im 18. Jahrhundert als sittlich gerechtfertigt. Rousseau richtete die entscheidende Spitze gegen Hobbes: gehören hundert Regenten dem Menschengeschlecht an oder gehört das Menschengeschlecht hundert Regenten ?  Hobbes neige zur  zweiten Ansicht.  (71.). Dann können aber auch die Völker in Kriegen der Regierung geopfert werden. Mit dem Abbé St. Pierre tauchte die Vision eines Ewigen Friedens auf und also die Hoffnung, dass man darüber hinauskomme, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. Und Robespierre, der anfangs noch patriotischer Monarchist war, und den der Historiker Mathiez später als Kommunisten bezeichnen wird, führte aus: „…daß es nicht nur ein Volk ist, für welches wir streiten, sondern das Weltall…“ Das Ziel sei, „…so viele Freunde (zu) haben, als diese Erde Bewohner zählt…“. (72.). Robespierre verstand diese Revolution als eine in das Weltall ausstrahlende, also auch als eine Weltrevolution. Eine Auffassung, die Hegel teilte: „Im Gedanken des Rechts ist…jetzt eine Verfassung errichtet worden, und auf diesem Grunde sollte nunmehr Alles basirt seyn. So lange die Sonne am Firmamente steht und die Planeten um sie herum kreisen, war das nicht gesehen worden“. (73.) Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg, obwohl er der französischen Revolution Impulse gab, hatte nicht diese weltallgewaltige Orientierung, sondern führte federführend durch General Washington im Gegenteil zur „splendid isolation“. Aber jenseits des Ärmelkanals lief eine andere Revolution nebenher mit ebenfalls universeller Ausstrahlung: die technisch industrielle Revolution in England und sie war vehementer als die kontinentalen Feldzüge Napoloeons, sie trug einen zwingenden Charakter. Der politische Erfolg geht über die Überzeugung seiner Mitmenschen und ist immer der Fragilität ausgesetzt, in der Ökonomie ist das anders: „Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente , durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation….Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehn wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden“. (74.) XXX ME Manif 4,1977,466 Jenseits des Rheins wiederum entwickelte Hegel aus der bürgerlichen politischen Weltrevolution, die er nach einer These von Joachim Ritter mit der englischen politischen Ökonomie als Reflex der industriellen Revolution zusammendachte (75.) XXX Siehe Joachim Ritter, Hegel und die französische Revolution, edition suhrkamp114,1965 seinen Weltgeist, der über alle besonderen Berechtigungen geht. (75.) CLOOTS in die Anmerkungen unter 75. Gab auch der amerikanische Unabhängigkeitskrieg Impulse für das revolutionäre Leben in Europa, auf dem Kontinent focussierte sich das revolutionäre Interesse um die Jahrhundertwende auf drei Länder: England, Frankreich und Deutschland. In England wurde industrialisiert, in Frankreich politisiert und in Deutschland theoretisiert.Europa war in Bewegung geraten, war ungemein innovativ. Um Hegels „Phänomenologie des Geistes“ (1806) kreisen wichtige technische Erfindungen, fast jedes Jahr eine neue. (76.) Innenseite Kladde Moses Heß hatte in einem Werk, dem er den bezeichnenden Titel: „Die europäische Triarchie“ gab, sehr historisch materialistisch gedacht, indem er England auf Grund seiner technisch industriellen Revolution als das für eine soziale Revolution reifste erklärte, die dann die deutsche Reformation und die französische Revolution vervollständigen würde. Dieses Motiv taucht im Marxismus Leninismus wieder auf als seine drei Quellen und drei Bestandteile. Aber die englische Arbeiterbewegung marschierte  nicht in eine proletarischenRevolution, sondern in den Opportunismus. Mit zunehmender Prosperität wurde es immer unwahrscheinlicher, dass eine proletarische Revolution im westeuropäischen Länderdreieck erfolgen würde, die Pariser Commune blieb ein Versuch und Lenin setzte dann zunächst große Hoffnungen auf die deutsche Sozialdemokratie und auf die deutsche Post, ehe er auf Grund seiner Imperialismusanalyse die marxistische internationale Revolutionskonzeption über den Haufen warf, so dass die russische Oktoberrevolution zwar als weltrevolutionäre gedacht, aber als eine der Form nach nationale in das leninistische Revolutionskonzept im Zeitalter des Imperialismus passte. Stalin hatte begriffen, wa es bedeutete, wenn Lenin von der Sowjetunion als von einer „belagerten Festung“ sprach. Eine Festung, in der auszuharren nach Trotzki sinnlos war. Und das Ende vom Lied ? Hatte nicht Napoleon am Ende seines Lebens Recht ?: „Cette vielle Europe m´ennuie“. Ein Gedanke, der für Rousseau und Gauguin nicht ohne weiteres abwegig war, erst recht nicht für Lenin, für den Europa vor Alter faulte. „Jene Zeiten, in denen die Sache der Demokratie und die Sache des Sozialismus nur mit Europa verknüpft war, sind unwiderruflich entschwunden“. (Lenin, Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1957,64).  Die geschichtliche Initiative ging an die USA zurück: „Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten von Amerika bedeutet Europa im ganzen genommen den ökonomischen Stillstand“. (a.a.O.). Ein Opfer während der französischen Revolution wurde der skurrile kosmopolitische Utopist Anacharsis Cloots (eigentlich Johann Baptist Hermann Maria Cloots). Er wurde am 24. Juni 1755 auf Schloß Gnadenthal bei Kleve geboren,  führte beim Föderationsfest in Paris eine burleske international gemischte Deputation des Menschengeschlechts an und schwärmte von einer zentralistischen Weltrepublik und obwohl er seinen Adelstitel abgelegt und für die Hinrichtung Ludwig XVI. „im Namen des Menschengeschlechts“ plädierte hatte, apostrophierte man ihn als „Preuße“, der „Weltrevolutionär“ Robespierre verdächtigte ihn der Spionage für den preußischen König, Reichtum und Herkunft taten ein übriges, er wurde am 23.März 1794 zusammen mit den Hébertisten guillotiniert.

So viele Freunde zu haben als diese Erde Bewohner zählt, das vernahmen auch die durch den Sturm auf die Bastille politisierten Schwarzen in den marginalen französischen Kolonien (der Westen von Santo Domingo, Guadeloupe, Martinique, Sancta Lucia, Tobago, Maskarenen mit der Ile de France (Mauritius), die Ile Bourbon (Réunion) sowie Handelsniederlassungen in Indien und an der Senegalküste). Obwohl  Informationen  zwischen Mutterland und Kolonien noch recht  langsam flossen, war es unvermeidbar, daß der Gedanke von der Gleichheit aller Menschen auch die Sklaven erreichte und als Plantagenbesitzer 1790 in Paris eine sich für die Beibehaltung der Negersklaverei aussprechende Zeitung unter dem Namen „Journal colonial“ herausgeben wollten, weigerten sich die Setzer bei Didot, sie zu drucken. 1788 wurde eine „Société des Noirs“ gegründet.Eine Zeitlang war es untersagt, dass sich in Frankreich Citoyens untereinander siezten, das „Du“ galt als ausgemacht.  Offiziere und Gemeine sind wie Brüder, ein Herz und eine Seele und essen in Wirtshäusern an einem Tisch miteinander (73.), beobachtete Georg Forster in Mainz. Schon im Begriff der Aufklärung liegt die Bezogenheit auf die ganze Menschheit, eine prozentuale Aufklärung bleibt prozentual dunkel. Der deutsche Aufklärer Christian Wolff sah sich als Lehrer des Menschengeschlechts (praeceptor generis humani). (74.) und Georg Forster sah die Revolution als erhabenen Plan in einer Erziehung des Menschengeschlechts. Die Armen, die an den Weltbürger Marat  schrieben, bezeichneten ihn nicht nur als Freund des französischen Volkes, sondern als Freund der leidenden Menschheit. (75.).  Achtzehn ausländische Persönlichkeiten erhielten während der Revolution die französischen Ehrenbürgerrechte, u.a. Schiller (76.), Campe, Klopstock, Pestalozzi, Thomas Paine und George Washington. Der amerikanische Gesandte Thomas Jefferson arbeitete an der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte mit. Ganz im sozialistischen Sinn forderte St. Just, der sich bereits als Berufsrevolutionär begriff und auf den der stolze Satz zurückgeht: „Ceux qui font les révolutions dans le monde, ceux qui veulent faire le bien, ne doivent dormir que dans le tombeau.“ (77.), daß es in einer Republik weder Arme noch Reiche geben dürfe.(78.).  (Weder Arme noch Reiche, und alle Republikaner einheitlich gekleidet, entweder Arbeiterkleidung oder  Soldatenuniform, was erst Maos Kulturrevolution als einer der merkwürdigsten Höhepunkte der Weltgeschichte mit blauen und grünen „Ameisen“ in die Praxis umsetzte. Es sollte totale Gleicheit und Gleichberechtigung gelten: in ökonomischer Hinsicht bedeutet Gleichheit, wie Engels im Anti Dühring ausführte, Aufhebung der Klassen, dass alle ein gleiches Verhältnis zu den Produktionsmitteln haben, in politischer Hinsicht bedeutet Gleichberechtigung, dass alle Staatsbürger die gleichen politischen Rechte haben. Seit der Frühaufklärer Fontenelle geschrieben hatte:  „Il n´ y aura ni nobles ni roturiers.“  (Es wird weder Adlige noch Nichtadlige geben) und damit die fortschrittliche bürgerliche Emanzipationsbewegung inspirierte, kämpften die bürgerlichen Jakobiner gegen die Stände, die proletarischen Jakobiner gegen die Klassen und Lenin wies uns daraufhin, dass sich im Kommunismus der Gegensatz zwischen Arbeiter und Bauern aufhebt. (79.).  In bürgerlichen Republiken besitzen eben nur der Theorie nach Bürger und Proleten die gleichen politischen Rechte, aber nur die Bürger besitzen die Produktionsmittel. Deshalb war es historisch so, dass die Forderung nach politischer Gleichberechtigung durchaus von einer bürgerlichen Revolution entwickelt und in ihrem Verlauf realisiert wurde, die Realisierung der sozialen Gleichheit aber nur einer proletarischen vorbehalten bleibt. (80.). Größe und Illusion des Jakobinismus fallen hier zusammen: dem Ideal stand die Realität entgegen und diese arbeitete daran, entgegen dem Wunsch St. Justs, die bürgerliche Gesellschaft in Lohnarbeit und Kapital zu polarisieren. „Die bürgerliche Revolution stand nur vor einer Aufgabe: alle Fesseln der früheren Gesellschaft hinwegzufegen, beiseite zu werfen, zu zerstören. Jede bürgerliche Revolution, die diese Aufgabe erfüllt, erfüllt alles, was von ihr verlangt wird: sie stärkt das Wachstum des Kapitalismus.“ (81.).  Dem Bürgertum fielen die Produktivkräfte zu, die sich unter dem Feudalismus entwickelt hatten.  Von diesem Augenblick an wird die „revolutionäre Klasse konservativ.“ (82.).  Eine Formulierung des jungen Marx im „Elend der Philosophie“, die im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich Dialektik auf engstem Sprachraum anzeigt. Es galt, die Freiheit der  Konkurrenz in der Gleichheit der Warenbesitzer durchzusetzen, eine ökonomische Formation mit einem eigentümlich gesellschaftlichen Charakter der Arbeit. Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn die Arbeitsprodukte nicht Waren wären, denen, wie Marx es herausfand und formulierte, der Fetischismus anklebt.  Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn er nicht zur Folge gehabt hätte, dass der Gegensatz zwischen arm und reich während und nach der bürgerlichen Revolution von 1789 nicht kleiner, sondern größer wurde. Schon während der bürgerlichen Revolution erkannten die Arbeiter – es waren immerhin zehntausend Arbeiter, die die Bastille gestürmt hatten – dass sich an Stelle der alten Adelsaristokratie eine neue Geldaristokratie gesetzt hatte und Marat hielt in seinem demokratischen Kampfblatt „Ami du Peuple“  ständig Anklage gegen diese Neureichen. Er druckte auch das „Bittgesuch von achtzehn Millionen Unglücklichen an die Abgeordneten der  Nationalversammlung“ ab, in der der Klassenwiderspruch und die enttäuschten Hoffnungen der Arbeiter über den Ozean der Revolution deutlich zum Ausdruck gebracht wurden: „Wenn die Dämme durchstochen sind, brausen die Meerwasser über den Abhang und stehen nicht still, bis hüben und drüben gleiches Wasser ist. Umsonst wollt ihr den Reformen das Ziel stecken, das euch beliebt. Wahrhaftig, die Gleichheit der Rechte führt zur Gleichheit der Lebensgenüsse und erst auf dieser Basis kann der Gedanke ausruhen“. (83.).   Die Gleichheit der Lebensgenüsse kann eine bürgerliche Revolution nicht herstellen, sondern nur eine auf dem Papier stehenden formaljuristische Gleichheit zwischen Hungrigen und Satten und so geht die durch Bedürfnisse verursachte Unruhe des Klassenkampfes und der aus ihm geborenen  sozialen Forderungen fort. Lange vor der bürgerlichen Revolution erkannte der kommunistische Dorfpfarrer Meslier, ein Ideologe der Dorfarmut, dass eine bürgerliche Revolution den Gegensatz zwischen arm und reich nicht auflösen wird. Das aus dem Rationalismus der Aufklärung geborene Ideal eines über Klassen und Privilegien sich erhebenden Rechts, das das harmonische Zusammenleben letzthin aller Weltbürger regelt, war in sich zusammengebrochen. Man ging in der Idee ( allgemeine menschliche Republik, ewiger Friede) über den bürgerlichen Horizont hinaus, und war doch umso mehr in ihm befangen. Die Revolutionäre  erkannten den bürgerlichen Charakter ihrer Aktionen nicht oder nur unklar. (84.). Endlich war es  Saint Simon, der dann auch 1802 in seinen „Genfer Briefen“ die französische Revolution als einen Klassenkampf zwischen Adel, Bürgertum und Besitzlosen auffasste. Statt rationaler Harmonie Polarisierung in arm und reich, Lohnarbeit und Kapital, in deren Natur es liegt, den Gegensatz auf die Spitze zu treiben. Auch die ersten deutschen Kommunisten machten diesbezüglich einen Lernprozeß durch: Nannten sie sich bei ihrer Gründung 1836 in Paris noch „Bund der Gerechten“, so wurde der Name später exakter gefasst zu „Bund der Kommunisten“. Karl Kautsky als historischer Materialist spricht dann auch in seiner Schrift: „Die Klassengegensätze im Zeitalter der französischen Revolution“ aus dem Jahre 1889 von dieser als von einer „Katastrophe“, der Idealist Hegel sah in ihr einen herrlichen Sonnenaufgang. Und war nicht die Zeit von 1789 bis 1871 eine besondere Epoche progressiv nationaler Kriege, die die Menschheit nach vorne gebracht hat ? Es bleibt merkwürdig für einen marxistischen Materialisten, das Wort „Katastrophe“ auf eine erfolgreiche Revolution anzuwenden, diese war sie doch eher für den unterlegenen Adel und Klerus, aber in dieser Drastik wohl auch eher nur für deren reaktionärsten erzkatholischen und royalistischen Elemente. Die weitere Entwicklung Kautskys bezüglich des Verständnisses insbesondere der Oktoberrevolution verlief dann allerdings katastrophal.

Das Feindbild in der französischen Revolution war irgendwie nicht fest umrissen. Was war der dritte Stand ? War der dritte Stand wirklich alles ? Er agierte gegen den Feudaladel…gewiß, Opposition eint, und nach unten gegen die Armen, aber die Feuerbrillanten überstrahlten sich in ihrer kurzlebigen Ekstase, es wurde querbeet guillotiniert. Dagegen ist das Feindbild in der proletarischen Revolution durch den Marxismus total: es ist die die Produktionsmittel besitzende Bourgeoisie und der Kulak in der Tatsache begründet, dass sich die ganze bürgerliche Gesellschaft immer mehr in zwei große feindliche Lager spaltet, „in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat“. (85.).  Diese für das letzte Gefecht ideale Polarität stellt gegenüber den zerklüffteten früheren Klassenkampfkonstellationen einen historischen Fortschritt dar, keineswegs ist der Fortschritt, wie es uns die Glasnostideologie weismachen wollte,  immer mit mehr Komplexität oder Pluralismus verbunden: „Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat“. (86.).  Ja die Hauptklassen des Entscheidungskampfes, in dem das Industrieproletariat eine Sonderrolle einnimmt, entwickeln sich synchron. Marx hat diesen Gleichklang in England an der Parallelentwicklung von Industrie und Arbeiterkoalitionen entdeckt: „…dass der Entwicklungsgrad der Koalitionen in einem Land genau den Rang bezeichnet, den dasselbe in der Hierarchie des Weltmarktes einnimmt. England, wo die Industrie am höchsten entwickelt ist, besitzt die umfangreichsten und bestorganisierten Koalitionen“. (87.).  Über den chinesischen Klassenkampf schrieb Lenin, das Wort Sun Yat Sens von den fünfzig Shanghais variierend, dass mit der Zahl der Shanghais auch das chinesische Proletariat wachsen wird. (88.). Das gilt aber nicht für ein synchrones Anwachsen des proletarischen Klassenbewußtseins, gerade die englische Entwicklung zeigt, dass die quantitative Entwicklung des Proletariats ergänzt werden muß durch ein von Kautsky deutlich hervorgehobenes Hineintragen sozialistischen Bewußtseins in den proletarischen Klassenkampf von außen, Bewußtsein entsteht aus ihm nicht urwüchsig automatisch. Gleichwohl stellt der Kampf  zwischen Proletariat und Bourgeoisie eine tiefere bzw. höhere Form des Klassenkampfes dar, mit der Vertiefung des Klassenkampfes geht einher eine tiefere Einsicht in sein Wesen und in seinem Verhältnis zur bürgerlichen Revolution. Die geschichtliche Bewegung geht jetzt „unter unseren Augen vor“, wie es im Manifest heißt. Zwischen bürgerlicher und proletarischer Revolution gibt es Gegensätzliches und Übereinstimmendes, beides ist im Satz des Manifestes enthalten: „Wie daher früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über…“ (89.). Es passiert das Gleiche und bei entsprechender historischer Verschiebung nicht das Gleiche.  War zu Lebzeiten von Marx und Engels die Polarität in England am weitesten entwickelt und hielt die Erinnerung an die 48er Kettenrevolution den Gedanken einer gewissen Gleichmäßigkeit der Entwicklung aufrecht und damit den einer möglichen Kettenreaktion von kontinentalen Umwälzungen, sollte das englische Proletariat das Signal geben (oder eine kontinentale Arbeiterklasse, wobei der Funke dann über den Ärmelkanal springen müßte), so stellte sich für die proletarische Revolution damit aber ein bei steigender Imperialisierung immer akuter werdendes anderes Problem, das der schroffen Ungleichmäßigkeit in der internationalen Entwicklung, die Lenin zu einer Theorie ausgestaltete und 1917 auszunutzen versuchte. Der Marxismus mußte sich von zwei Illusionen lösen: erstens: dass nach der Niederschlagung der 48er Revolution die nächste recht bald wieder ausbrechen würde; zweitens: dass diese immer flächendeckender werden muß gemäß dem Schlußsatz des Manifestes: Proletarier aller Länder vereinigt Euch ! Auch nach der Oktoberrevolution verlief die internationale Entwicklung anders als von den Bolschewiki erwartet: der Sozialismus reifte durch die aus der Niederlage Deutschlands im ersten imperialistischen Krieg resultierende Ausbeutung durch die Siegermächte nicht gleichmäßig in den fortgeschrittensten westlichen Ländern heran, was Lenins schon vor dem ersten Weltkrieg ausgearbeitete Theorie der Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande einmal mehr bestätigte, zumal jetzt sogar noch  die Widersprüche zwischen den kapitalistischen Staaten von der Sowjetunion ausgenutzt werden konnten. Die Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Land geht eben nicht auf Stalin, sondern auf Lenin zurück. Trotz der Illusionen blieb der Kerngehalt des Marxismus unangetastet: Die innere Entwicklung Russlands zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution bestätigte wiederum die von Marx und Engels im Manifest skizzierte Klassenpolarität, trotz eines zahlenmäßig schwachen Proletariats war es stark genug in der durch den Krieg ruinierten russischen Gesellschaft , so wurden nur 3 % der Roheisenproduktion der Vorkriegszeit erreicht XXXX Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin 1946,300, die Polarität des Klassenkampfes als objektive Gesetzmäßigkeit der Weltgeschichte zu behaupten. (90.).  Rief die Marseillaise noch die Kinder des Vaterlandes auf, so die Internationale die Völker der Welt. In allen sollte die gesellschaftliche Entwicklung soweit fortschreiten, dass alle Reste des Feudalismus zerstört und die Arbeiter es „nur noch mit einem einzigen Feind zu tun haben“. (91.).  Das kann nicht gleichzeitig erfolgen wie denn auch die Zerstörung der Feudalität eher das Werk der Oktober- denn der Februarrevolution war. Die Oktoberrevolution hatte zunächst bürgerlich demokratische Aufgaben, wie denn auch die Liqudierung der Romanow Dynastie ein bürgerlich jakobinistischer Akt war.  Den Vergleich mit der bolschewistischen Beseitigung mittelalterlichen Gerümpels kann natürlich keine andere bürgerliche Revolution standhalten. „Und wir können mit Recht darauf stolz sein, daß wir diese Säuberung viel entschiedener, rascher, kühner, erfolgreicher, viel umfassender und tiefgreifender vom Standpunkt der Einwirkung auf die Masse des Volkes, auf seine breite Masse, durchgeführt haben als die Große Französische Revolutuion vor mehr als 125 Jahren“. (92.) Einheitliches und Gegensätzliches läßt sich auch in der Frage der politischen Parteien in der Revolution feststellen: In der französischen Revolution gab es im strengen Sinn des Wortes keine politischen Parteien, keine Massenparteien und erst recht keine sozialistischen Massenparteien. Revolutionäre Kräfte organisierten sich zunächst in Salons bürgerlicher und adeliger Damen. Aus den Salons wuchsen dann politisch agierende, sich oft in Klöstern treffende Clubs, weiteres ließ die Produktivkraftentwicklung am Ausgang des 18. Jahrhunderts nicht zu. Von der politischen Atmosphärik her waren die lose organisierten Klubs mit hoher Fluktuation den Idealen der Freiheit und Brüderlichkeit näher als es eine zerklüfftete Parteienlandschaft mit fest umrissenen Konturen wäre. Aber die Geschichte muss diesen Weg durch die Massen mit parteilicher Physiognomie gehen. Vollends konträr steht der Marxismus zu den Minoritätsbewegungen, die die bürgerliche Revolution sukzessiv dominierten, mit der Idee eines Parteimonoliths. Die Parteiorganisation des Proletariats ist das alles Entscheidende: die Diktatur des Proletariats ist nur als Einparteiendiktatur möglich. Zwar heißt es im Manifest, dass die Kommunisten keine besondere Partei gegenüber den anderen Parteien seien, aber „sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“. (93.).  Und dieser Gang der proletarischen Revolution ist es eben, der die politische proletarische Partei als letzten Rest von Politik in der Weltgeschichte  absterben läßt. Waren die Revolutionäre am Ausgang des 18. Jahrhunderts noch nicht in der Lage, politische Massenparteien zu bilden,  so kristallisiert sich für proletarische Revolutionäre aus anfänglicher und historisch notwendiger Parteienpluralität in der Diktatur des Proletariats als letzter Form der politischen Herrschaft überhaupt eine Kaderpartei heraus als letzte überhaupt nur mögliche politische Kampfpartei, die mit dem Erlöschen des Klassenkampfes und der Realisierung der Ideale von Gleichheit und Brüderlichkeit selbst obsolet wird. Unter dem Deckmantel angeblich moderner Pluralität ist noch immer der in kapitalistischen Gesellschaften gang und gäbe Mord und Totschlag cachiert worden. Bunteste und unübersichtlichste Clubvielfalt in der bürgerlichen Revolution. „Noch nie sah die Welt so bunt aus“, ließ sich Hölderlin vernehmen. Aber eben auch ein politischer Hickhack, ein „Sumpf“, der dann doch an Thomas Hobbes „bellum omnium contra omnes“ erinnert, den man gerade überwinden zu wollen sich anstrengte oder vorgab, kontrastiert zum Ergebnis der kommunistischen Revolution als aufgelöstes Rätsel der Weltgeschichte: Kommunismus als Synthese aus apolitischer Urgesellschaft und politischer Klassenkampfgeschichte. Die sozialistische Gesellschaft wird zum Kommunismus hin immer homogener. XXX Vergleiche Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin 1946,296)  Seit 1789 werden wir als Frucht der Aufklärung von der Bestie der Egoität verfolgt, abstrakte Menschen treffen sich über Geld vermittelt und zersplittern wieder. Folgt man Marx, der in seinem Frühwerk „Zur Judenfrage“ die Explosion der bürgerlichen Gesellschaft aus der Feudalität heraus skizziert, so ist die 1789 geborene bürgerliche Gesellschaft in ihrer französischen Reinkultur die bisher zügelloseste in der Weltgeschichte. Hegel hatte völlig zutreffend als Kernproblem der französischen Revolution die Anarchie bestimmt, und zwar  „die die Anarchie zu constituieren strebende Anarchie“. (94.).  In der Judenfrage nun geht es Marx um die spezifische Perversion der bürgerlichen Revolutionstheorie und ihrer Praxis, dass der Citoyen zum Diener des Bourgeois herabgewürdigt wird, dass das politische Leben als Mittel die bürgerliche Gesellschaft zum Zweck hat. Hegels Gedanke aus seiner Philosophie der Weltgeschichte, dass beim Handeln der Individuen in der Weltgeschichte noch etwas anderes herauskommt als sie unmittelbar wissen und so unmittelbar wollen, trifft auch auf die angeblich aufgeklärten, in Wirklichkeit ideologisch befangenen  bürgerlichen Revolutionäre zu. Marx entlarvt die Theorie der bürgerlichen Gesellschaft als Ideologie, spiegelverkehrt widergespiegelt in den Köpfen der Revolutionäre: also die bürgerliche Gesellschaft als Zweck und die bürgerliche Revolution nur als Mittel, wie es tatsächlich ablief. Zweck und Mittel werden ideologisch vertauscht.  In ihrer Täuschung, die einigen ja den Kopf kostete, war die Revolution der höchste Zweck. Um die bürgerliche Revolution richtig widerzuspiegeln, müssen wir ihren Hervorgang aus der Feudalität faktentreu analysieren. Die Feudalität wurde durch die Trennung von Volksangelegenheiten und Staatsangelegenheiten charakterisiert, die Revolution hob diese Trennung auf, sie konstituierte den politischen Staat als allgemeine Angelegenheit. „Sie entfesselte den politischen Geist, der gleichsam in die verschiedenen Sackgassen der feudalen Gesellschaft zerteilt, zerlegt, zerlaufen war; sie sammelte ihn aus dieser Zerstreuung, sie befreite ihn von seiner Vermischung mit dem bürgerlichen Leben und konstituierte ihn als die Sphäre des Gemeinwesens, der allgemeinen Volksangelegenheiten in idealer Unabhängigkeit von jenen besonderen Elementen des bürgerlichen Lebens“. (95.).  Aber dieser Idealismus des Staates wurde gesprengt durch den Materialismus der bürgerlichen Gesellschaft, durch den sie sich von der Politik emanzipierte. Engels schrieb in einem Brief an Kautsky, dass nach dem Sturz Robespierres die „Bourgeoisorgie“ (96.)begann, eine Orgie hemmungs- und schamloser Bereicherung. Die bürgerliche Revolution gebar ihre wirklichen Kinder: fette häßliche Geldsäcke. Es war zwecklos, sich dieser Orgie entgegenzustemmen, wie Babeuf es versuchte, sie mußte sich in Europa austoben und selbst Moskau in Brand stecken.

Die bürgerliche Revolution von 1789 weist zwei entgegengesetzte Brennpunkte auf, betrachtet man sie unter dem Aspekt der Dialektik von Revolution und Konterrevolution. In ihrer fortschrittlichsten Phase, unter der Jakobinerdiktatur, kam es zur politischen Hegemonie des Vorproletariats über die Großbourgeoisie wie sonst nirgends in einer bürgerlichen Revolution, die deshalb auch zu Recht die klassische genannt wird. Aber sie schuf im Grunde keine revolutionären Organe, die ihre revolutionäre Vitalität zu dauerhaften Resultaten geführt hätte; eine großbourgeoise Verschwörung führte am 9. Thermidor (27. Juli) 1794 zum Sturz Robespierres mit einer schamlosen Bereicherungsorgie vor den Augen der armen Bauern und Plebejer im Gefolge. Im Gegenteil: in der Frage der institutionellen Repression vervollkommnete sie sogar noch, wie Alexis de Tocqueville und Karl Marx übereinstimmend feststellten, den bereits im Absolutismus angelegten zentralisierten Staats- und Machtapparat, völlig die Worte Rousseaus vergessend, dass die Institutionen den Menschen verderben. Aber die Hochphase der Revolution von 1789, die die bürgerlichen Historiker in aristokratischer Manier als terroristische mißdeuten, war im Grunde eine der seltenen Unterbrechungen des Terrors von oben, stellte die Weichen für eine Entwicklung, die über 1848 im Jahre 1871 in die Pariser Kommune mündete. Wie sehr Rousseau Recht hatte, zeigen sowohl die Junischlächtereien 1848 als auch die Maischlächtereien 1871 am Pariser Proletariat. Im Gegensatz zur bürgerlichen Revolution, die durch die Aufklärung vorbereitet wurde, war die Kommunerevolution spontan entstanden und konnte die politische Hegemonie nur acht Wochen halten. Das Proletariat war auf seine Revolution nicht vorbereitet. Ihr großer Verdienst bestand darin, durch die Ersetzung des stehenden Heeres und der Polizei durch die allgmeine Volksbewaffnung die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates als historisch unvermeidbar zur Befreiung der Arbeit vom Kapital auf die Tagesordnung gesetzt zu haben. Auf Grund dieser historischen Erfahrung hielten es Marx und Engels für notwendig, das Kommunistische Manifest an einer Stelle essentiell zu ändern. „Namentlich hat die Kommune den Beweis geliefert, daß die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann.“ (97.).  Es ist durchaus zulässig, die Pariser Kommune als ein Mittelglied zwischen 1789 und 1917 zu betrachten. Aber zwischen 1871 und 1917 fällt noch das Jahr 1905, das Jahr der ersten russischen Revolution im zwanzigsten Jahrhundert und die Lenin als Generalprobe der Oktoberrevolution (98.) hoch einschätzte. Denn in dieser Revolution bildeten sich sogenannte RÄTE (Sowjets) heraus, die Lenin als Keimformen des Absterbens jedes Staates bezeichnete (99.), so daß nicht erst die Revolution im Oktober 1917, sondern bereits die von 1905 einer klassisch bürgerlichen, die die Vervollkommnung des Staatsapparates betreibt, antipodisch entgegensteht. Die russische Doppelrevolution, in sich die Negation der Negation enthaltend, wies zudem die Eigentümlichkeit auf, dass es in der Phase zwischen Februar und Oktober auch wieder zur Herausbildung von Sowjets kam, in denen die Menschewiki zusehends an Einfluß verloren, so daß die revolutionäre Woge der mehrheitlich bolschewistischen Sowjets die Februarrevolution hinwegspülte. Makrohistorisch leuchten die Jahreszahlen 1789 (Deklaration der Rechte des Menschen und des Bürgers, in der das Privateigentum für heilig und unverletzlich erklärt wurde) und 1917 (Deklaration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes, auf der Basis der Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln) aus dem unendlichen Strom der Weltgeschichte hervor, aber in mikrohistorischer Sicht haben sowohl die Pariser Kommune als auch die russiche Revolution von 1905 der Befreiung des Weltproletariats viel gegeben.

Nun dürfte klar sein, warum man mit den Mitteln von 1789 der heutigen Kapitalistenklasse nicht beikommen kann.(100.). Große Streiks, besonders politische, hat es in der bürgerlichen Revolution nicht gegeben. „Ende des 18. Jahrhunderts zeigte uns der Klassenkampf, wie er zu einem politischen Kampf wird, wie er wirklich „gesamtnationale“ Formen annimmt. Seidem hat sich der Entwicklungsstand sowohl des Kapitalismus als auch des Proletariats gewaltig verändert“. (101.).  Gleichwohl aber hat die französische Revolution „…Ideen hervorgetrieben, welche über die Ideen des ganzen alten Weltzustandes hinausführen. Die revolutionäre Bewegung, welche 1789…begann…hatte die kommunistische Idee hervorgetrieben…Diese Idee, konsequent ausgearbeitet, ist die Idee des neuen Weltzustandes“. (102.).  Durch die kommunistische Idee, aber eben nur Idee, zudem eine periphere, kann man denn auch diese Revolution eine klassisch bürgerliche nennen, die 100 Jahre früher stattfindende englische Revolution war dagegegen schwächlich. Schwächlich im Vergleich zur französischen a posteriori, denn es sei nur auf die Englandschwärmerei des 36jährigen Voltaire hingewiesen. (1734 wurden die „Philosophischen Briefe“ illegal veröffentlicht). Die Englandschwärmerei war nicht unbegründet, insbesondere Lockes Sensualismus hatte einen bedeutsamen  Einfluß auf die materialistische und atheistische Strömumg in der französischen Aufklärungsphilosophie. Der Ideologe der Gegenrevolution, Edmund Burke, wußte um die Radikalität dieser Revolution, für ihn war sie eine „Pflanzschule künftiger Revolutionen“, während die 88er Revolution in England die „Mutter einer festen Staatsverfassung“  war. (103.).  Diese kommunistische Idee wurde von Marx, Engels, Lenin und Stalin konsequnet ausgearbeitet: Über die Diktatur des Proletariats zur realen historischen Erfüllung dessen, was in der bürgerlichen Revolution nur eine Idee ihrer sozialistisch-anarchistischen Strömung war und die an den Horizont der Weltgeschichte den Schriftzug malte: Die Revolution wird nur vollendet durch das vollständige Glück der Menschheit. (104.).  Lenin träumte vom Einschlafen der Demokratie im Kommunismus. Eine Welt ohne Herrschaft. Auf diese Strömung darf am 14. Juli ein Glas Rotwein erhoben werden. (105.).

1.Ein Magistrat bezeichnete diesen Umstand folgendermaßen: „Der ordentliche Richter ist an feste Regeln gebunden, die ihn nötigen, etwas dem Gesetz Zuwiderlaufendes zu reprimieren; der (königliche/Zusatz Heinz Ahlreip) Rat aber kann jederzeit zu einem nützlichen Zweck die Regeln umgehen.“ (Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, Rowohlt Verlag 1969, 56). Und Tocqueville gibt zugleich ein Beispiel für einen nützlichen Zweck: Ein Aufseher im Dienste des  Brücken- und Straßenbauamtes, der die Fronarbeit  beaufsichtigt, hat ohne Zweifel einen Bauern mißhandelt, aber dessen Klage muss evoziert werden, da Prozesse dieser Art die Arbeiten stören.(a.a.0.,58). Gegen Ende der Regierungszeit Ludwig XIV. begann mehr und merhr die Einführung von Arbeitsdiensten, anfangs insbesondere im Straßenbau, später wurden die Armen der Dorfgemeinden auch zu anderen öffentlichen Arbeiten herangezogen. „Überall also wiederholte sich diesselbe Erscheinung: je größer die Erleichterung der Vermögenden, desto schwerer der Druck auf die Unvermögenden. Nimmt man hinzu, daß die Regierung sich systematisch jedes Wohlwollens für die ländliche Bevölkerung entschlug und immer nur auf deren Kosten den unruhigen Arbeiterbevölkerungen der Städte billiges Brot zu verschaffen trachtete, dass Binnenzölle und Ausfuhrverbote den Absatz des Getreides erschwerten oder vernichteten, so begreift sich, wie der Bauer Lust und Trieb zur Bebauung seines Stücklein Landes mehr und mehr verlieren mußte und ein ungeheures Gesindel von Wilddieben, Schmugglern, Landstreichern und Bettlern aufkam, dessen man sich dann ab und zu durch willkürliche Masseneinsperrungen zu entledigen suchte, vom Ackerboden dagegen allmählich immer weitere Strecken wüste blieben. In den gesegnetsteten Weingegenden lagen Tausende von Morgen Landes unbestellt, weil der Anbau die Arbeit nicht lohnte. Auf den vierten Teil des pflugfähigen Bodens wurde 1750 dieser wüst liegend geschätzt, auf neun Millionen Hektaren im Jahre 1790“. ( Th. Flate, Hans Prutz: Die Französische Revolution, mit authentischer Illustration, 162 Abbildungen im Text, Tafeln und Karten, Emil Vollmar Verlag, o.J.,13). D´Argenson war einer der ersten, die sich gegen die Fronarbeit aussprachen. In seinen „Gedanken über den Neubau des Staates“ unterbreitete er dem Kardinal Fleury durchdachte Reformvorschläge, um eine drohende Revolution zu verhindern.

2.Im Zuge der Säkularisierung der Aufklärung lag die Tendenz der radikalen bürgerlichen Revolutionäre, die Gedoppeltheit der Welt in eine dies- und jenseitige aufzuheben. Im Johannesevangelium (8,23) war die Trennung biblisch festgeschrieben: „Ihr seid von unten her, ich bin von oben her, ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.“ (Im konfuzianischen Religionsraum wurden die chinesischen Kaiser als Söhne des Himmels angesehen).  Die Guillotinierung des 1774 gekrönten Königs, der in der Revolution die Rolle eines Gilles-César spielte (Gilles ist der naive und brave Clown in der comedia dell´arte) und den Friedrich Engels einen seiner Nichtigkeit halbbewußten Trottel nannte, wurde daraus zwangsläufig, Ludwig der XVI. stand in einer quasi theokratischen Tradition: L´ État c´ est moi, sanktioniert durch Gott. Das Theokratische kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass die Adeligen unter der absoluten Monarchie entmachteter war als die Klerikalen,  von den ersteren durften sich zehn  nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis des Königs zur Beratung ihrer Angelegenheiten versammeln. Der Atheist Baron Holbach hatte schon vor der Revolution einen  Monarchen als feindlichen Soldaten bestimmt, wenn dieser „die Grenzen übertritt, welche ihm der Wunsch des Volkes vorschreibt.“ (Holbach, Politique naturelle ou discours sur les vrais principes  du gouvernement). Und es konnte nicht der Wunsch des Volkes sein, daß sein König außer Landes geht und gestützt auf Waffengewalt fremdländischer Tyrannen zurückkommt. St. Just sprach aus, was in der revolutionären Luft lag: der König mußte von der Republik  getötet werden –  als König, kalt und platt, Robespierre fügte hinzu: ohne Rachsucht.  Der Tod des Königs war die Geburt eines neuen Staates –  ohne katholischen Heiligenschein. Aufschlußreich ist die Reaktion Papst Pius VI. (am 17.6.1793): „O glorreicher Tag für Ludwig, dem Gott die Kraft gab, Verfolgung und Martyrium geduldig zu durchleiden. Voller Vertrauen wissen wir, daß er die zerbrechliche Krone der königlichen Herrschaft und die Vergänglichkeit der weltlichen Lilien gegen die Lilienkrone der Ewigkeit eingetauscht hat, die Engel ihm wanden.“ (Acta quibus ecclesiae catholicae catamitatibus in Gallia consultum est, Rom 1871, Bd.2,34). Die Ungleichheit unter den Menschen korrespondiert mit einer gespaltenen Welt, Emanzipation ist die Rückführung der menschlichen Verhältnisse  auf den Menschen selbst (Vergleiche Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,370) und seine erdbezogene Weltimmanenz. („Es gibt keinen wahren Reichtum außer dem Menschen und der Erde. Der Mensch ist wertlos ohne die Erde und die Erde wertlos ohne den Menschen.“ Denis Diderot, Philosophische Schriften, Berlin 1961, Band I,286). Dies kommt vor allem auch der Medizin zugute, es unterbleiben, im zähen Kampf gegen abergläubische Doctores , übernatürliche Erklärungsversuche für Krankheiten. Die Ursachen sind nicht in übernatürlichen Kräften zu suchen, sondern im Inneren des Menschen und seiner Umgebung. Schon La Mettrie kämpfte gegen den Animismus, seine 1745 unter einem Pseudonym veröffentlichte „Naturgeschichte der Seele“ wurde ein Jahr später auf Parlamentsbeschluß öffentlich verbrannt, es durfte noch keine Naturgeschichte der Seele geben. Robespierre mußte als junger Rechtsanwalt einen Kollegen aus St. Omer verteidigen, weil dieser einen Blitzableiter an seinem Haus angebracht hatte. War diese Erfindung Benjamin Franklins, der im Alter von 28 Jahren den Blitz als elektrische Erscheinung auffasste, in Paris schon nutzbringend angewandt worden, so argwöhnte man in der Provinz, der Advokat aus St. Omer wolle damit Nachbarshäuser niederbrennen.  Für tiefer denkende Menschen wurden atheistische Konsequenzen unvermeidbar: sie zog unter anderen der Arzt La Mettrie, ist der mechanische Materialismus bei den führenden Philosophen gerade das letzte Wort der Wissenschaft und wird in diesem Sinne gefragt: wie funktioniert der menschliche Körper ? So gemäß dem mechanischen Materialismus wie eine Maschine. Die Maschine als ein Mensch. Wir sind heute darüber hinaus, aber der mechanische Materialismus hatte durchaus seine historische Berechtigung, kein Geringerer als  der dialektische Materialist Friedrich Engels betonte dies.  (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,294f.) Die Aufklärer wollten klare und deutliche Erkenntnisse, die die Kriterien der Wissenschaftlichkeit erfüllten, die Descartes mit seiner geometrischen Methode vorgegeben hatte. Das Verhältnis der französischen Aufklärung zum Cartesianismus war ambivalent, weil seine Zweisubstanzenlehre der Intention entgegenstand, alles innerweltlich, sich aus sich selbst bewegend, zu klären und zu deuten. La Mettrie radikalisierte Descartes Tiermaschine (bete machine) zur Menschenmaschine, in diesem Augenblick erfolgte die Wendung gegen Descartes, es war ein abgestufter materialistischer atheistischer Doppelschock: „Ziehen wir also die kühne Schlußfolgerung, dass der Mensch eine Maschine ist, und dass es im ganzen Universum nur eine einzigige Substanz – in unterschiedlicher Gestalt – gibt“. (Julien Offray de la Mattrie, Die Maschine Mensch,Felix Meiner Verlag Hamburg, 1990, 137).  Die mechanische Untersuchungs- und Denkmethode war vorherrschend, aber es war keineswegs so, daß man eine gerade Trennungslinie zwischen mechanischen und keimhaft dialektischen Materialismus ziehen konnte. Wenn La Mettrie in seinem Werk  „Der Mensch als Pflanze“ den Satz aufstellt: „Die Wurzel strebt nach unten der Stängel nach oben“, so ist das eine dialektische Perle. (Julien Offray de La Mettrie, Der Mensch als Pflanze, edition weimar 2008,19). Der Wachstumsprozess ist das Auseinander seiner selbst.  Vervollständigen wir: Der Prozess ist das wechselseitige Ineinander und Auseinander seiner selbst. Die Werke La Mettries wurden gleich nach ihrem Erscheinen verbrannt, vielleicht war das gut so, er hätte  nur Perlen vor die Säue geworfen. Erst der Idealist Hegel läßt dem Materialisten La Mettrie in seiner Geschichte der Philosophie philosophische Gerechtigkeit widerfahren. Mit aller Wucht aber pocht die dialektische Methode an die Grenzen des Mechanizismus: etwa wenn Diderot den Umschlag von träger Kraft in aktive von einem bestimmten Organisationsgrad der Materie abhängig macht  (in „D´Alemberts Traum“) und aus seinen Naturbeobachtungen die Selbstbewegung der Materie mit direkt atheistischen Konsequenzen ableitet. Dem naturwissenschaftlich begründeten Atheismus und Materialismus als Konsequenz der Produktivkraftentwicklung, die die Ideologie der bürgerlichen Aufklärung widerspiegelte, gelang der Durchbruch nur in gewissen Zügen. Wie unzulänglich die bürgerliche Ideologie in diesem Sinne noch  war, wird dadurch deutlich, dass sie versucht, den christlichen Gott mimetisch durch den Glauben an ein Höchstes Wesen zu ersetzen. In der alten Weltanschauung lag eine doppelte Welt vor, in der neuen ihre weltimmanente Selbstbewegung. Kant drückt  die Gedoppeltheit der feudalen Welt zu ihrer Sanktionierung mit den Worten aus: „Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss. Religion durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich, und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.“ (Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, A XII) Die Vernunft kritisiert öffentlich wie die Guillotine öffentlich enthauptet. Dem Sog in die Öffentlichkeit korrespondiert die Rückführung des Menschen auf ihn selbst, die Privatsphäre manifestiere den Riß zwischen Mensch und Welt, der durch den Menschen noch einmal hindurchgehe. Das Abwerfen des Privaten, das Einssein aller Individuen als Volksmasse besteht für Rousseau in der permanenten Versammlung des Volkes auf dem Marktplatz als Urdemokratie, während der es keine Regierung, keinen Riß gibt. Die Permanenz der Distrikte in Paris, die im Thermidor aufgelöst wurden,  kam dem noch am nächsten. Gerade im Untergehen in den Volksmassen erfolgt das Beisichsein des autonomen Individuums. (Rousseau wurde zu einem diametral entgegengesetzten Leben gezwungen: „Später haben mich dann die Menschen in die Einsamkeit gezwungen, damit ich dort elend zugrunde ginge. Doch sie täuschten sich: eben indem sie mich isolierten, haben sie mehr für mein Glück getan, als ich es selbst vermocht hätte.“ (Jean Jacques Rousseau, Träumereien eines einsamen Spaziergängers, Reclam Verlag Stuttgart 2003,41)). Thematisierte Voltaire schwerpunktmäßig den brennenden, gegen jeglichen Rationalismus gerichteten Widerspruch zwischen Bibelwort und Christentat als institutionalisierte Kirche, so sieht Rousseau im christlichen Glauben zersetzendes Gift für die politische Einheit des republikanischen  Körpers, denn das wahre Vaterland des in sich gespaltenen Christen ist nicht von dieser Welt. An seiner Stelle setzte Rousseau ein rein bürgerliches Glaubensbekenntnis als Gesinnung des Miteinander. In der Tat wird das Problem eines gespaltenen und letztendlichen religiösen Menschen im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft nicht gelöst. Die Religion ist verwurzelt als ehedem. Zwar wurde eine Diesseits Jenseits Metaphysik zumindest philosophisch durch den französischen Materialismus überwunden, aber durch die Dominanz der Warenproduktion erhalten die Arbeitsprodukte eine von ihrer gesellschaftlichen Realität getrennte phantastische Gestalt. Deshalb bleibt die Religion fundamental für die bürgerliche Gesellschaft, hinter dem Rücken der Intention, die Religion aufzuheben, kontinuierte sie wider Willen umso fester, weil der Fetischismus den Arbeitsprodukten anklebt und an diesem die Religion. „Jesus Christus ist der Freihandel – der Freihandel ist Jesus Christus !“ (Vergleiche Karl Marx, Rede über die Frage des Freihandels, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin 1977,447).  Die bürgerliche Gesellschaft ist die religiöseste Gesellschaft überhaupt. „Für eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches Produktionsverhältnis darin besteht, sich zu ihren Produkten als Waren, also als Werten, zu verhalten und in dieser sachlichen Form ihre Privatarbeiten aufeinander  zu beziehen als gleiche menschliche Arbeit, ist das Christentum mit seinem Kultus des abstrakten Menschen,namentlich in seiner bürgerlichen Entwicklung, dem Protestantismus, Deismus usw., die entsprechende Religionsform…Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen“. (Karl Marx, Das Kapital, Marx Engels Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin,1984,94). Friedrich der Große pflegte zu sagen, von allen Jesuiten sind die protestantischen die schlimmsten.

3. Georg Forster, Parisische Umrisse, in: Georg Forster, Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit und andere Schriften, sammlung insel 20, Frankfurt am Main, 1966,95. Forster, der im Alter von 17 Jahren mit James Cook die Welt umsegelte, besaß tiefe Einsichten in die Wesenszüge der französischen Revolution, insbesondere hatte er die bereits von Rousseau (am Ende des Zweiten Buches des Gesellschaftsvertrages) erahnte steigende Bedeutung der öffentlichen Meinung erfasst. Für Forster war sie Werkzeug und Seele der Revolution, sie verurteilt noch schneller als das Revolutionstribunal (Vergleiche a.a.O.,111).  Er irrte, dass es Robespierre gelingen würde, „das Agiotage zu töten“ (a.a.O.,104), aus allen französischen Bürgern Citoyens zu machen, wir werden sehen, dass umgekehrt der Citoyen zum Diener des Bourgeois herabgewürdigt wird.

4. Holbach, Système social ou principes naturels de la morale et de la politique. Avec un examen de l` influence du gouvernement sur les moers. Par l`Auteur du Système de la Nature, Londres 1773, I, S. 36

5. Siehe: Voltaire: Essai sur les Moeurs et l´Esprit des Nations (1756). Das kirchlich-katholische Christentum steht disparat zur göttlichen und menschlichen Vernunft: „Diese Größe der Päpste und ihre noch unzähligemal weitergetriebenen Ansprüche  sind der Politik und der Vernunft ebensowenig gemäß als dem Worte Gottes, weil sie Europa zerrüttet und binnen siebenhundert Jahren ganze Ströme Blut fließen gemacht haben.“ (Voltaire, Die Rechte der Menschen und die Anmaßungen der Päpste, in: Republikanische Ideen Schriften 2, Syndikat Verlag 1979, 292). Während für die bürgerliche Aufklärung die materialistische Religionskritik noch eine zentrale Bedeutung hatte, rückt diese für die Arbeiterbewegung an eine sekundäre Position, ja eine Überbetonung atheistischer Propaganda lenke sogar vom Hauptkampf gegen den  Kapitalismus  ab. So hatte sich zum Beispiel die deutsche Sozialdemokratie für eine Zulassung und freie Betätigung der Jesuiten ausgesprochen. Die Religion ist eine Privatsache dem Staat, nicht der Partei gegenüber. Der dialektische Materialismus verbindet den Kampf gegen die Religion mit der gesellschaftlichen Praxis des Klassenkampfes und daraus ergibt sich eben die Unterordnung des antireligiösen Kampfes unter dem Kampf für den Sozialismus. Der Klassenkampf erziehe besser zum Atheismus als die sich stets gleichbleibende atheistische Propaganda. Lenin erläutert das am Beispiel des Streiks, bei dem man eine Spaltung in atheistische und gläubige Streikende verhindern muß. Atheistische Propaganda kann hier sogar schädlich sein. (Siehe: Lenin, Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion, in: Marx-Engels-Marxismus, Grundsätzliches aus Schriften und Reden, Dietz Verlag Berlin, 1967,257ff.) Stalin folgte dieser leninistischen Linie, als er nach dem Überfall durch die deutsche Wehrmacht die Geschlossenheit der russischen Völker zentrale Bedeutung bekam und die atheistische Propaganda verstummte. Stattdessen wurde eine begrenzte Druckerlaubnis für die Bibel erteilt. (Vergleiche: Arkadi Waksberg, Gnadenlos Andrei Wyschinski – der Handlanger Stalins, Gustav Lübbe Verlag Bergisch Gladbach 1991, 330). Wir sehen also: Der bürgerliche Aufklärer Voltaire kämpfte gegen die Jesuiten und sah in ihnen zu Recht unter den Bedingungen des Feudalismus eine Sekte von Fanatikern, die deutsche Sozialdemokratie wird von Lenin gelobt, die Jesuiten zuzulassen und sich für ihre freie Betätigung einzusetzen. Es liegt die Negation der Negation, wenn man so will, die proletarische Negation der bürgerlichen Negation vor. Widerspricht diese Darlegung nicht der materialistischen Geschichtsauffassung, nach der die Abfolge der Revolutionen in der Geschichte eine immer radikalere Negation der vorhergehenden Gesellschaftsformationen darstellen? Keineswegs, denn die schöpferische Kraft des Klassenkampfes beinhaltet eine viel radikalere Negation als bloße atheistische Propaganda. Die radikalere Negation ist bedingt dadurch, dass jede neue Klasse auf einer breiteren Basis zur Macht  gelangt als die bisher herrschenden und dass später der Gegensatz zwischen den vorwärtstreibenden revolutionären Klassen gegen die nun herrschende Klasse tiefer wird als in vorangegangenen Revolutionen. (Siehe: Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,48) Dort auch der Gedankengang, dass durch den Sieg der französischen Bourgeoisie über die Aristokratie viele Proletarier sich über das Proletariat erheben konnten, „aber nur, insofern sie Bourgeois wurden.“  (a.a.O.). Diese proletarische Erhebung über das Proletariat blieb aber immer Ausnahme.

6. „Damals wußte jeder Vernünftige und Unterrichtete hier, dass die Revolution in Frankreich nicht das Werk einer usurpierenden Kabale, sondern des allgemeinen Volkssinnes sei…“ (Georg Forster, Revolutionsbriefe, Brief vom 21. Oktober 1792, Malik Verlag 1925,26f.). In Deutschland hatte Professor Reimarus 1765 die Auferstehung Christi als Betrug der Jünger dargestellt. Es war ihm aber zu riskant, die Schrift „Apologie oder die Schtzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ zu veröffentlichen. (Vergleiche Werner Schneiders, Das Zeitalter der Aufklärung, Beck Verlag München, 2008,98). Es darf nicht übersehen werden, dass es auch gegenaufklärerische Bünde gab, zum Beispiel die Gold- und Rosenkreuzer. Diese abergläubigen Menschen erklärten Revolutionen abergläubig, Engels spricht davon, dass die Zeiten jenes Aberglaubens längst vorbei sind, der Revolutionen auf die Bösartigkeit einer Handvoll Agitatoren zurückführte. „Alle Welt weiß heutzutage, dass jeder revolutionären Erschütterung ein gesellschaftliches Bedürfnis zugrunde liegen muss, dessen Befriedigung durch überlebte Einrichtungen verhindert wird.“ E 1851 ME 8,5

7. Karl Marx an P. W. Annenkow, Brief vom 28. Dezember 1846 aus Brüssel, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,556

8. In der sozialistischen Theoriegeschichte trat Professor Eugen Dühring mit einer Gleichgewichtstheorie  in seinem Buch „Der Werth des Lebens“ (Breslau 1865) auf. Engels muß das Gleichgewicht seines guten Willens verloren haben, als er gegen Dühring schrieb: „…unbedingtes Gleichgewicht gibt es nicht. Die einzelne Bewegung strebt dem Gleichgewicht zu, die Gesamtbewegung hebt das Gleichgewicht wieder auf.“ (Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin 1965,58). In der Sowjetunion vertrat zur Zeit der Industrialisierungsdebatte A. Bogdanov die Idee des Gleichgewichts in naturgeschichtlichen Prozessen, die er in seinem Werk „Die Tektologie“ als „das Wesen der materialistischen marxistischen Auffassung der Dialektik“ bezeichnete. Was damals gegen diese These eingewendet wurde, ist nachzulesen in N. Karews Aufsatz „Die Theorie des Gleichgewichts und der Marxismus“: „…daß alle jetzt in der Welt existierenden Unterschiede nichts Gegebenes sind, sondern etwas, was früher nicht existierte – das entstanden ist und ein Produkt der Geschichte darstellt. Und es ist deshalb vollkommen natürlich, daß die Folgerung aus der Gleichgewichtstheorie die Anerkennung einer allmählichen Neutralisierung der Gegensätze der Welt und auf diese Weise ein allmähliches Absterben des Universums in einem gewissen absoluten Gleichgewichtssystem sein muß“. 13. (N. Karew, Die Theorie des Gleichgewichts und der Marxismus, in: Die Sowjetphilosophie, herausgegeben von W. Goerdt, Darmstadt 1967,143). Die Neutralisierung der Gegensätze der Welt ist eine von Karew richtig gedeutete fatale Konsequenz der nach Absterben riechenden Gleichgewichtstheorie.

9. Dafür liest man erstaunlich Rückständiges in dem Enzyklopädieartikel „Colonies“: „Es liegt in der Natur der Sache, die Erzeugnisse des Ackerbaus und des Gewerbes in den Kolonien auf diese oder jene Dinge zu beschränken, je nach den Erfordernissen des Mutterlandes…Wenn eine Kolonie eigenen Außenhandel treibt oder fremde Waren verbraucht, ist das Diebstahl am Mutterland…“ Die progressive Bedeutung der Enzyklopädie war also nur bedingt. Noch schlimmer sah es mit Rückständigkeit in Deutschlans aus, die Aufklärung war hier sogar stark religiös verseucht, der Konflikt zwischen Vernunft und Offenbarung, in Frankreich in Schärfe ausgetragen, wurde beiderseits verabscheut. Deshalb bricht in Deutschland alles ab: beim ersten deutschen Aufklärer Thomasius schägt Vernunftoptimismus in Vernunftpessimismus um, beim Verfasser des Anti-Machiavell Philanthropie in Misanthropie. Hegel polemisiert gegen die den Menschen angeblich geistig arm machende Aufklärung, weil er Vernunft und Glauben spekulativ in eins setzen will. Am Ende der Aufklärung spricht den Geist nur wesenlose Wirklichkeit und von ihm verlassene Endlichkeit an. (Vergleiche Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Akademieausgabe, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1980,310). Deshalb ist die Einschätzung des Hegelschen Denkens in den Großen Sowjetenzyklopädien der Stalinzeit richtig, es sei ein reaktionäres Philosophieren gegen die französische Revolution.

10. Vergleiche Werner Krauss, Studien zur deutschen und französischen Aufklärung, Rütten & Loening Verlag Berlin, 1963,279f. Hamann aber sah in den Aufklärern nur neue Vormünder.

11. Karl Marx, Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, I. Die Juniniederlage 1848, in: MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin, 1977,138. Natürlich setzt sich sowohl eine bürgerliche als auch eine proletarische Revolution ohne eine revolutionäre Anleitung zum Handeln durch, die von Marx und seinen genuinen Nachfolgern ausgearbeitete aber verkürzt die Qualen der Herausbildung der sozialistischen Gesellschaft aus der alten kapitalistischen.

12. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,480

13. a.a.O.,476

14. Karl Marx, Das Kapital Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1984,94

15.Vergleiche Jean Bruhat, Maximilien Robespierre und die Kolonialprobleme, in: Maximilien Robespierre 1758 – 1794, herausgegeben von Walter Markow, Rütten & Loening Verlag Berlin 1961,69

16. Rede Robespierres vom 25. Dezember 1793, in: Maximilien Robespierre 1758 – 1794, herausgegeben von Walter Markow, Rütten & Loening Verlag Berlin 1961,54. In Georg Forsters Revolutionsbriefen stehen die Sätze: „Es ist eine der entscheidenden Weltepochen, in welcher wir leben. Seit der Erscheinung des Christentums hat die Geschichte nichts Ähnliches aufzuweisen. Dem Enthusiasmus der Freiheitseiferer kann nichts widerstehen…“ (Georg Forster, Revolutionsbriefe, Brief vom 21. November 1792, Malik Verlag, 1925,36). Auch für Ferdinand Lassalle bringt die Revolution ein ganz neues Prinzip zur Welt, egal, ob die Gewalt die Geburtshelferin einer neuen Gesellschaft ist oder nicht. „Revolution heißt Umwälzung, und eine Revolution ist somit stets dann eingetreten, wenn, gleichviel ob mit oder ohne Gewalt – auf die Mittel kommt es dabei gar nicht an -, ein GANZ NEUES PRINZIP (kursiv von Ferdinand Lassalle) an die Stelle des bestehenden Zustandes gesetzt wird.“ (Ferdinand Lassalle, Die Wissenschaft und die Arbeiter, in: Ferdinand Lassalle, Reden und Schriften. Aus der Arbeiteragitation 1862 – 1864, München 1970,163).

17. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,474

18. Vergleiche Ernst Schulin, Die französische Revolution, Beck Verlag München 1989,171. Anders als für seine Zeitgenossen und robespierristischen Jünger war für Rousseau das „Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars“ das Buch mit der größten revolutuionären Sprengkraft, das „irgendwann bei den Menschen,wenn sie wieder zu Verstand und Redlichkeit zurückgefunden haben, eine große geistige Umwälzung bewirken könnte.“ (Jean Jacques Rousseau, Träumereien eines einsamen Spaziergängers, Reclam Verlag Stuttgart, 2003,45).

19. Jean Paul Marat, Die Ketten der Sklaverei, Andreas Achenbach Verlag, Gießen Lollum, 1975,170

20. Vergleiche Julien Offray de la Metrrie, Die Maschine Mensch, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1990,85. „Wir wissen nichts, meine liebe Sophie, wir sehen nichts: wir sind ein Trupp von Blinden, in diesem riesigen Weltall ins Abenteuer geworfen“ (Jean Jacques Rousseau, Dritter Brief an Sophie d´Houdetot, in: Jean Jacques Rousseau, Ich sah eine andere Welt, Philosophische Briefe, herausgegeben von Henning Ritter, Carl Hanser Verlag, München 2012,45.

21. Der Schuster Simon saß mit im Todeskarren, der am 28. Juli 1794 Robespierre und seine Anhänger zur Guillotine brachte.

22.Lecreulx: Mémoire sur les projets d´instruction publique présentés aux deux Législatures; ders.: Mémoire sur l´établissement d´une École des Arts et des Sciences dans la Ville de Nancy pour y completter l´instruction publique, Nancy 1793,A.N.,F17 1009C – 2290,in: Hans-Christian und Elke Harten, Die Versöhnung mit der Natur, Gärten, Freiheitsbäume, republikanische Wälder, heilige Berge und Tugendparks in der Französischen Revolution, Rowohlt Verlag Hamburg, 1989,85ff.  In den sozialpädagogischen Konzepten der Jakobiner finden sich recht reife Keime einer polytechnischen Ausbildung. Nach der Oktoberrevolution wird Lenin die kommunistische Jugend auf die Gefahr einseitigen Bücherwissens hin- und anweisen, dass sie sich im hungernden Rußland an der Arbeit in den Gemüsegärten am Stadtrand der großen Städte beteiliege. (Vergleiche Lenin, Die Aufgaben der Jugendverbände, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1959,287). Der Zug zur Urbanisierung ist nicht durchgängig, schon Rousseau sehnte sich danach, ein einfacher Bauer in der Provinz zu sein und wurde erst durch die Preisfrage der Akademie zu Dijon, nicht wissend wie,  aus der Ordnung der Dinge herausgerissen. Sein erfolgreichster Roman „Julie ou la Nouvelle Héloise“ spielt auf dem Land. Ganz deutlich wird die Ablehnung des urban Weichlichen auch bei Marat: die Freiheit sei nicht für die Städter geschaffen, „…die in der Furcht, der Täuschung, der Falschheit, der Lüge erzogen wurden, die sich genährt haben von Geschmeidigkeit, Intrige, Schmeichelei, Geiz, Betrug: die nur durch Gaunereien und Erpressungen existieren, die sich nur nach Vergnügungen, Titeln, Auszeichnungen sehnen und immer bereit sind, sich für Gold zu verkaufen.“  (Jean Paul Marat, Ich bin das Auge des Volkes, Wagenbach Verlag Berlin, 1987,112). Diese Gedankengänge ähneln in der Tat denen Rousseaus: „Bevölkert das Staatsgebiet gleichmäßig, verbreitet überall gleiches Recht…Denkt daran, daß die Mauern in den Städten nur aus den Trümmern der Bauernhäuser errichtet werden. Bei jedem Palais, das in der Hauptstadt erbaut wird, glaube ich die Häuser eines ganzen Landstrichs verfallen zu sehen“. (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart 1975,100). Auch Friedrich Engels schwebte eine Auflösung der großen Städte vor und eine gleichmäßige Verteilung der Bevölkerung über die Landfläche, es ist daher zu fragen, ob das als Steinzeitkommunismus verschriene Regime der Khmer Rouge unter Pol Pot wirklich eine extreme Abweichung vom Kommunismus darstellte ? Überhaupt findet sich in den hinterasiatischen Revolutionen im letzten Jahrhundert viel Rousseauismus, auch in der chinesischen Kulturrevolution war eine Hauptlinie die Aversion gegen alles Urbane, die maoistische Jugend wurde nach getaner Säuberungsarbeit in den Städten in Landkommunen verschickt. Von seiner sozialen Klassenkonstellation her ist der chinesische Kulturboden nicht unbedingt geeignet, marxistische Früchte höher zu kultivieren. Es ist kein Zufall, daß in Frankreich, im Mutterland des kleinbürgerlichen Sozialismus, der Maoismus zuerst und am grellsten 68er-Mode wurde. In Frankreich wurde schon im 19. Jahrhundert der Kapitalismus kleinbäuerlicherseits kritisiert, es ergab sich ein kleinbürgerlicher Sozialismus wie später im Bauernland Russland der „Sozialismus“ der  Volkstümlerrichtung. Der Maoismus setzte diese Tradition im 20. Jahrhundert fort, Mao ist ein Musterbeispiel: er war subjektiver Sozialist.  Lenin schrieb über den subjektiven Sozialisten Sun Yat Sen und dessen Agrarprogramm: „Die Ironie der Geschichte besteht darin, daß die Volkstümlerrichtung im Namen des „Kampfes gegen den Kapitalismus“ in der Landwirtschaft ein Agrarprogramm vertritt, dessen volle Verwirklichung die SCHNELLSTE (kursiv von Lenin) Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft bedeuten würde.“ (Lenin, Demokratie und Volkstümlerrichtung in China, Werke Band 18, Dietz Verlag Berlin,1962,157). Lenin wies nach, dass die chinesischen Demokraten den Sozialismus Europas in eine reaktionäre Theorie verwandelt haben. Und diese Ironie der Geschichte scheint sich heute in China mutadis mutandis zu wiederholen: nach dem Maoismus wird im Namen des Kampfes gegen den Kapitalismus die schnellste Entwicklung des Kapitalismus vorangetrieben. Die heutigen chinesischen Kommunisten haben den Marxismus Europas in eine reaktionäre Theorie verwandelt. Ende der 60er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts war der kleinbürgerliche Mob weltweit angesteckt und fasziniert von den Mao Tse tung Ideen.

23. „Um die Spartaner zu unterwerfen, zwang der Feldherr  Philopemon sie dazu, die harte Erziehungsmethode, die sie für ihre Kinder anwendeten, aufzugeben.“ (Jean Paul Marat, Die Ketten der Sklaverei, Andreas Achenbach Verlag, Gießen Lollar, 1. Auflage 1975,42). In diesem Frühwerk Marats erfolgt häufig die Warnung vor der Gefahr der Verweichlichung durch die von den Fürsten geförderte Vergnügungssucht. Possen, Bälle und Theater führen zu den Ketten der Sklaverei. Gehen wir noch ein wenig weiter in die Geschichte zurück: Cromwell wußte, warum er seinen Gotteskriegern Theaterbesuche untersagte, sie aber auf tägliche Bibellektüre verpflichtete.

24. „Die oberflächlichste Bekanntschaft mit der Gesetzgebung der bürgerlichen Länder über Ehe, Scheidung und uneheliche Kinder wie auch mit der wahren Lage der Dinge in dieser Hinsicht zeigt jedem, der sich für diese Frage interessiert, daß sich die moderne bürgerliche Demokratie selbst in den demokratischsten bürgerlichen Republiken in dieser Beziehung gerade als Fürsprecherin der Leibeigenschaft gegenüber der Frau und den unehelichen Kindern erweist.“ (Lenin, Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus, Werke Band 33, Dietz Verlag Berlin 1962,222).

25. Lenin, IV. Konferenz der Gewerkschaften und der Betriebskomittees Moskaus, Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin 1962,481

25. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Marx Engels Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972,223. In England, das ökonomisch weiter entwickelt war, sprach man bereits von der „kommerziellen Gesellschaft“, die erste europäische Börse wurde allerdings 1609 in Amsterdam gegründet. Das war der erste Tempel, in dem man den neuen Gott, das Geld, anbetete. (Simmel wies in seiner „Philosophie des Geldes“ (1900) auf die Konkurrenzrelation Geld Gott hin). In den Köpfen der damaligen Ideologen mußte sich aus der Aufhebung der Leibeigenschaft, der Misere des Mittelalters, unter dem neuen Gott die allgemeine Wohlfahrt ergeben, anders konnten sie gar nicht denken.

26. Wer Menschheit sagt, will betrügen. Ein Satz, der auf Carl Schmitt zurückgeht. In der Tat konzentrierten sich die Klassiker des Marxismus auf das Proletariat: „kraft seiner ökonomischen Rolle in der Großproduktion“ (Lenin, Staat und Revolution; LW 25, 416). Das Proletariat nimmt in der bürgerlichen Gesellschaft eine „Sonderstellung“ ein. (Vergleiche Lenin, Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin 1961,337 ). Erst Gorbatschows Perestroika kam wieder mit dem Humanismusschwindel, die russische und internationale Bourgeoisie griff begierig zu. Indeß begeht Carl Schmitt selbst den faux pas, mit dem Begriff  „Menschheit“ ideologisierend zu blenden. Gegenüber der Irregularität des revolutionären Partisanen  hebt er sehr lobend hervor, dass durch Napoleon und dem Wiener Kongress der europäischen Menschheit etwas Seltenes gelungen sei: „…der Verzicht auf die Kriminalisierung des Kriegsgegners, also die Relativierung der Feindschaft, die Verneinung der absoluten Feindschaft. Es ist wirklich etwas Seltenes, ja unwahrscheinlich Humanes, Menschen dahin zu bringen, daß die auf eine Diskriminierung und Diffamierung ihrer Feinde verzichten. ( Carl Schmitt, Theorie des Partisanen, Duncker & Humblot Verlag Berlin, 2006,92). Aber was Carl Schmitt mit der europäischen Menschheit zudeckt, das sind die imperialistischen Kriege rivalisierender europäischer Bourgeoisien mit Dutzenden und aber Dutzenden Millionen toten Arbeitern und Bauern, von der Kriminalisierung der Kommunistischen Parteien schon gar nicht zu reden.  Im Hintergrund des bürgerlichen Allgemeinheitsschwindels steht die Umwandlung der mittelalterlichen Besonderheit der Arbeit, ihrer Naturalform, in ihre in der kapitalistischen Warenproduktion vorliegende Allgemeinheit. In der Ware als Wertding (nicht als nützliches Ding) liegt in ihrem gesellschaftlichen Charakter, dass die  zu ihrer Herstellung unabhängige Privatarbeit, im Austausch gegen andere Privatarbeit  auf gleiche menschliche Arbeit reduziert wird und sich auf diese und als diese verallgemeinert. Durch Privatarbeit hervorgebrachte Produkte nehmen die Form des Wertcharakters der Arbeitsprodukte an. (Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Marx Engels Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1972,88).

27. Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, rororo Klassiker, Rowohlt Verlag Hamburg, 1969,120. Nach Engels hatten die besitzlosen Massen die bürgerliche Revolution, „selbst GEGEN (kursiv von Friedrich Engels) das Bürgertum“ (Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, Karl Marx und Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,421)  zum Sieg geführt. Im Grunde zählt für Engels die französische Revolution zu den Minoritätsrevolutionen und innerhalb derselben siegte dann wiederum nur eine Minorität, die besitzende Bourgeosie, die das industrielle Kapital vertrat, an das das Handelskapital den Vorrang abgetreten hatte. Die Herrschaft der Bourgeoisie als Gesamtklasse war nur kurz. (Friedrich Engels, Einleitung zur englischen Ausgabe (1892) der „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, Werke Band 22,Dietz Verlag Berlin, 307). Hinzu kam eine weitere Spaltung selbst innerhalb der siegreichen Minorität in einen radikalen und gemäßigten Flügel, wobei die Radikalen des Bergs die gemäßigten girondistischen Errungenschaften sicherten. (Friedrich Engels, Einleitung [ zu Karl Marx´“Klassenkämpfe in Frankreich 1848 – 1850“ (1895)] Werke Band 22,Dietz Verlag Berlin ,513f.). Habt ihr eine Revolution ohne Revolution gewollt ? fragte Robespierre die Gemäßigten und Marat schrieb im „Ami du Peuple“ (27. August 1791), dass unsere Revolution einer Kristallisation gleiche, „…die durch heftige Stöße gestört wird; erst bewegen sich alle in der Flüssigkeit verstreuten Kristalle, fliehen sich und mischen sich ohne Ordnung ; dann bewegen sie sich weniger lebhaft, nähern sich allmählich einander, und sie nehmen schließlich ihre erste Kombination wieder an und verbinden sich eng.“ (Jean Paul Marat, ich bin das Auge des Volkes, Wagenbach Verlag Berlin 1987,112f.).  Die erste Kombination eng – das ist der Alptraum jedes Revolutionärs.  Lenin begriff als erster, dass aus der russischen Februarrevolution als Negation der Selbstherrschaft eine zweite folgen konnte und musste. Insofern bergen wirklich effektiv umwälzende Revolutionen  die Hegelsche Negation der Negation in sich. Die Negation der Negation wäre das Gegenbild zu Marats  enggefrorener Kristallisation. (Vergleiche Slavoj Zizek, Die Revolution steht bevor, Dreizehn Versuche über Lenin, edition suhrkamp 2298, Erste Auflage 2002,12). Das Enggefrorene wies im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts lediglich eine Nuancierung auf, auf die Bischof Tayllerand hinwies, als er 1797 aus Amerika zurückkam: die Damen des Hofes sind verschwunden, sie sind abgelöst worden von den Damen der Neureichen.

28. In den unberechenbaren Massenbewegungen lag eine spezifische Schwierigkeit Robespierres, der den Gesellschaftsvertrag Rousseaus aus der Theorie in die Praxis umsetzen wollte. Wie konnten Massen, die diesen Vertrag nicht kannten, sich nach ihm richten ? „Robespierre bangt vor dem ungebändigten, obgleich von Aufopferung und Begeisterung durchglühten Wirrsal der widerspenstigen „direkten“ sansculottischen Demokratie, die sich ihm als Schwächung jeder abgestimmten und regelhaften Anstrengung zur Herbeiführung des gemeinsamen Sieges darstellt; er setzt das Prinzip einer vollendeten revolutionären Tastatur dawider, vermeintlich übercartesianische clarté der Staatsräson gegen die unfaßbare und unberechenbare Eruption großartiger, doch zügelloser Massenkräfte.“ (Walter Markow, Robespierristen und Jacquesroutins, in; Robespierre, herausgegeben von Walter Markow, Rütten & Loening Berlin 1961,169).

29. Die Thermidorianer hatten eine Scheu gegen alles Explosive und nivellierten den Terror zunächst auf Null, indem sie konstruktiv jakobinistischen  und destruktiv royalistischen Terror als ausschließlich destruktiv gleichsetzten. „Terrorisme et royalisme, ces deux monstres“. Aber was in ihrem Kampf gegen Links und gegen Rechts zusammenfallen sollte, fiel auseinander, was wunder, wenn man Konstruktives und Destruktives in letzteres ins Nichts sinken lassen will. Der Terreur – so de Lezay, habe in achtzehn Monaten die Gewohnheiten einiger Jahrhunderte verändert, „mit einem Schlage alte Institutionen abgeschafft und neue an ihre Stelle gesetzt. „Sa violence en fit un peuple neuf.“ (Handbuch politisch sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680 bis 1820, herausgegeben von Rolf Reichardt und Eberhard Schmitt in Verbindung mit Gerd van den Heuvel und Anette Höfer, Oldenbourg Verlag München, 1985,130). Meinte Benjamin Constant noch gegen de Lezay polemisieren zu müssen, der Terror sei schädlich und ohne Nutzen gewesen, so war Napoleon pragmatischer. In seinen auf Sankt Helena geschriebenen Memoiren sah er im Terror ein notwendiges Mittel einer erfolgreichen Revolution. (Napoleon, Mémorial de Saint-Hélène, edition Comte de la Cases, 9 Bände, Paris 1823, Band 6,94). Auf die Dialektik zwischen destruktiven und konstruktiven Potentials in bürgerlichen und proletarischen Revolutionen ist hier einzugehen: in bürgerlichen Revolutionen fällt die destruktive Aufgabe der Masse des Plebs zu, während die konstruktive Aufgabe des Aufbaus der bürgerlichen Wirtschaftsordnung einer Minderheit der Großbourgeoisie vorbehalten bleibt, wobei der Widerstand der Arbeiter und armen Bauern gegen diese Ausbeuterordnung auf Grund ihrer Zersplitterung gering war. Die grundlegende organisierende Kraft war der elementar in Breite und Tiefe wachsende nationale und internationale Markt. (Vergleiche: Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht,  Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau 1971, 440). In proletarischen Revolutionen muß gerade die Gesamtheit der Ausgebeuteten nach der Zerstörung der alten Ordnung den Aufbau der Vergesellschaftung der Produktion über die Rechnungsführung und Kontrolle bewerkstelligen. (Vergleiche a.a.O.,440f.), wobei Lenin mehr noch der jungen Generation diese kreative Aufgabe zuweist als der in der kapitalistischen Gesellschaft (v)erzogenen. (Vergleiche: Lenin, Die Aufgaben der Jugendverbände, in: Lenin, Marx Engels Marxismus, Dietz Verlag Berlin,1959,495).

30. Lettres du Comte de Mirabeau, 17. Juli 1789, zitiert in: Die Weltbühne, von Ossietzky Verlag Berlin, Nummer 3, 1946,80. Saint Simon wurde noch der Prozess gemacht, weil er der Meinung war, daß „der Verlust, den Frankreich durch den plötzlichen Tod von tausend seiner höchsten Beamten oder der Mitglieder der königlichen Familie erleiden würde, unendlich geringer wäre als derjenige, welcher durch den Tod  der tausend besten Arbeiter entstünde.“ (Lenin, Ein Ausspruch Saint Simons, Lenin Werke Band  39, Dietz Verlag Berlin,1965,654). Und der bürgerliche Demokrat Jacoby vertrat, daß die Gründung eines einzigen Arbeitervereins von größerer historischer Bedeutung sei als die Schlacht bei Sadowa. (Vergleiche Lenin, Die Grosse Initiative, Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau, 1975,533). Das bösartige Spiel, das der Spießer mit dem Terror treibt, obgleich er selbst dessen Spielball ist, den Terror nach unten für gottgewollt und normal zu betrachten, aber zu erschauern, wenn ein Bajonett einen Königskopf kitzelt, wird auch deutlich in einem Brief von Lenin an Gorki vom 15. September 1922 (und insofern zieht sich ein roter Faden von Marat zu Lenin): Der Schriftsteller Wladimir Korolenko ist ein erbärmlicher Spießer, gefangen in bourgeoisen Vorurteilen ! Für Herrschaften wie ihn sind zehn Millionen Tote im imperialistischen Krieg eine fördernswerte Sache…während der Tod von Hunterttausenden in einem GERECHTEN (kursiv von Lenin) Bürgerkrieg gegen die Landbesitzer und Kapitalisten sie oh ! und ah ! schreien und hysterisch werden läßt.“ Es ist die Hysterie der Sklavenseele, die Angst vor der Freiheit hat. Soll das Volk der Regierung geopfert werden oder die Regierung dem Volk ? So hatte schon Rousseau 1762 im Gesellschaftsvertrag die Dialektik von Revolution und Konterrevolution thematisiert. (Vergleiche Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Stuttgart 1975,66). Der Nerobefehl Hitlers, das gesamte deutsche Volk für immer aus der Geschichte auszulöschen, markiert in einmaliger Deutlichkeit den perversen menschenverachtenden Gehalt jeglicher Konterrevolution. Hitler wollte mehrere europäische Großstädte dem Erdboden gleichmachen: Moskau, Leningrad und Paris. Er hatte, was Paris betrifft einen Vorläufer: im Manifest des Herzogs von Braunschweig vom Juli 1792 heißt es, dass seine Truppen „Paris einer militärischen Exekution und einem gänzlichen Ruine preisgegeben“ werde, sollte der königlichen Familie ein Haar gekrümmt werden. Das Perverse, Kranke, Überlebte, Spießbürgerliche, Absterbende, Gestrige, Mittelalterliche  will in seiner infantilen Hilflosigkeit alle und alles in den Abgrund mitreißen. Der Spießer opfert lieber seinen Nachbarn  als einen fernen Führer. Dagegen will der revolutionäre Terror einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaft als humanistische (Über-) Lebensperspektive durchsetzen: deshalb muß der revolutionäre Terror auf die Tagesordnung gesetzt werden. Es war der Priester Royer aus dem Departement Seine et Loire, der diese Perspektive konsequent artikulierte: „Was Marat sagte, war ausgezeichnet, aber niemand hörte auf ihn. Auch heute hört man nicht auf diejenigen, die das Richtige sagen. Muß man denn erst tot sein, um verstanden zu werden und recht zu bekommen ? Wenn es so ist, dann muß die eine Hälfte Frankreichs sterben, damit die andere Hälfte gerettet werde ! SETZT DEN SCHRECKEN AUF DIE TAGESORDNUNG ! Er ist das einzige Mittel, das Volk aufzuwecken und es zu zwingen, sich selbst zu retten.“ (Louis Jacob, Robespierre und der Hébertismus, in: Maximilien Robespierre, herausgegeben von Walter Markow, Rütten & Loening,Berlin 1961,184).

31. Jean Paul Marat, Journal de la République francaise Nummer 98 vom 14. Januar 1793, in: Jean Paul Marat, Ich bin das Auge des Volkes, Ein Portrait in Reden und Schriften, Herausgegeben von Aglaia I. Hartig, Wagenbach Verlag Berlin, 1987,71. Das Auge des Volkes erblickt in ihm eine große Leidensfähigkeit, ehe es Rache nimmt. „Und diese Rache ist in ihrem Prinzip stets gerecht, auch wenn sie in ihren Auswirkungen nicht immer weise ist…“ (Jean Paul Marat, Ami du Peuple, Nummer 34/35 vom 10. und 11. November 1789, in: Jean Paul Marat, Ich bin das Auge des Volkes, Ein Portrait in Reden und Schriften, Herausgegeben von Aglaia I. Hartig, Wagenbach Verlag Berlin, 1987,83). Neben einer zu großen Vertrauensseligkeit ihren Oberhäuptern gegenüber, an denen die Völker leiden, handeln sie auch nicht immer weise in kritischen Situationen. Aber für Marat liegt gleichwohl einzig in den Volksaufständen die Weisheit der Revolution, allein für das Jahr 1789 zählt er drei auf, die den Despotismus verhinderten. Volksaufstände sind es auch, die die Nationalversammlung effektiv aktiviert zum Erlassen guter Gesetze. Am 21. Oktober 1789 verhängte die Nationalversammlung das Kriegsrecht gegen Volksaufläufe.

32. Georg Forster, Revolutionsbriefe, Brief vom 25. Juli 1791, Malik Verlag, 1925,14. In jeder Revolution werden Fehler und Dummheiten gemacht. Aber wodurch werden sie verursacht ? Aufschlußreich ist ein Brief Georg Forsters an seinen Schwiegervater Heyne in Göttingen vom 12. Juli 1791: „Man hat die Menschen als freie, unmündige Wesen lehren, erziehen, zu reifen Wesen bilden wollen, und man hat sie schändlich gemißbraucht, sie dumm und blind zu machen gesucht…Ist es ein Wunder, dass die Ausbrüche des endlich erwachten Gefühls nun nicht ganz rein und ungemischt sein können ? Für meinen Teil kann ich nicht aufhören zu bewundern und in das äußerste Staunen zu geraten, dass soviel Mäßigung, so viel reine, echte Tugend, nämlich politische Tugend, noch in einem Volke möglich ist, welches Jahrhunderte lang unter den elendsten Despoten und unter einem so ganz aller intellektuellen Vorzüge und jedes inneren Wertes beraubten tieg herabgesunkenen Adels seufzte….Kein Fehler, kein Irrtum, kein Mißbrauch ist, dessen die Nationalversammlung ist, dessen die Nationalversammlung beschuldigt werden kann, wovon nicht der Fluch auf den vorhergehenden Despotismus zurückfällt“.  Eine Seelenverwandtschaft mit Lenin ist unverkennbar: „Die werktätigen Klassen, die jahrhundertelang unterdrückt und durch Mißhandlungen einegschüchtert wurden, die man in den Schraubstock der Not, der Unwissenheit und der Verwilderung  gezwängt hatte, sie vermögen nicht, eine Revolution fehlerlos durchzuführen“. (Lenin, Brief an die amerikanischen Arbeiter vom 20. August 1918, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin 1956,212). In dem gleichen Brief auch: „Sollte UNSER (kursiv von Lenin) Krieg, der Krieg der Unterdrückten und Ausgebeuteten, in allen Ländern eine halbe oder eine ganze Million Opfer kosten, so wird die Bourgeoisie sagen, die Opfer des Weltkrieges seien berechtigt, die des Bürgerkrieges aber verbrecherisch“. (a.a.O.,211). Waren die Kämpfer um Pol Pot wirklich die blutrünstigen Monster, als die sie die käufliche bürgerliche Presse darstellt ? Bereits unter dem General Lon Nol wurde im Namen des kambodschanischen und internatioanlen Bürgertums gefoltert.

33. Damals sprach ganz Europa vom militärischen Heldenmut der Sansculottenkrieger, dessen Wurzel im freien bäuerlichen Bodenbesitz lag. Sowohl der kriegerische Enthusiasmus als auch der Napoleonkult hatten die Parzellierung des Bodens zur Quelle, die gegenüber späteren proletarischen Revolutionen allerdings ein reaktionäres Moment, gerade auch im Bonapartismus,  darstellt.  (Schon während der amerikanischen Revolution wurde der Besitz der Englandtreuen konfisziert und in kleine Parzellen aufgeteilt). Die Offiziere der europäischen Reaktion hatten etwas Traumatisches im Hinterkopf: die Niederlage der finanz- und truppenpotenten Engländer im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Der von der Insel Korsika stammende nach innen  eher konterrevolutionäre Militärdiktator Napoleon, der nicht nur die permanente Revolution durch den permanenten Krieg ablöste, sondern den national defensiven gegen monarchistische Truppen durch den imperialistischen ausweitete, der zumindestens außerhalb der Grenzen Frankreichs durch Zerstörung feudaler Gebilde revolutionär wirkte, zugleich aber wiederum nationale Kriege gegen sich provozierte, eine Dialektik, die Lenin in der Junius Broschüre herausgearbeitet hat (siehe: Lenin, Über die Junius Broschüre, Lenin Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,314), konnte dies ausbeuten. Schon Rousseau hatte 1762 im Gesellschaftsvertrag „…eine gewisse Vorahnung, dass diese kleine Insel Europa eines Tages in Staunen versetzen wird.“ (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart 1975,56). Die Soldaten Napoleons, die die bürgerliche Emanzipation, das Erwachsenwerden des Bürgertums  repräsentierten,  begriffen sich in ihrer Marseillaise gerade nur als Kinder des Vaterlandes. Wann fiel ihnen die revolutionäre Trikolore aus der Hand ? Am 15. Dezember 1799 durch die Proklamation der Konsuln über die Beendigung der Revolution ? 1812 zwischen der Beresina und den Njemen, als die Militärpolizei nicht mehr einschritt, als die Soldaten der Grande Armee die Fahnen verbrannten, um sich zu wärmen ? Oder war 1815  dann nicht nur das Waterloo Napoleons, sondern zunächst das der Revolution, zunächst der Sieg der europäischen Monarchien über sie ? Aber eben nur zunächst. Es ist äußerst schwierig, Anfang und Ende einer Revolution zu bestimmen. Einigen wir uns darauf, daß die Grenzen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Natur bewegliche sind. Die Wahrheit als Prozess ist immer ihre Totalität in ihrer wechselseitigen Durchdringung ihrer Momente, aber der Widerspiegelungsprozess des konkreten Entwicklungsprozesses kann nur die Grundzüge des Prozesses wiedergeben, niemals den Prozess in seiner Totalität selbst. Welcher Historiker kann eine Revolution in ihrer ganzen totalen Komplexität darstellen ? Der berühmte Satz Hegels: „Das Wahre ist das Ganze“ ist meines Erachtens richtig und falsch: das Wahre ist das Ganze, wenn es sich aufeinander zubewegt, ohne sich je zu erreichen. Am Ende dieser Anmerkung noch eine Ergänzung zu ihrem Anfang: die oben anläßlich der Jakobinerrevolution gegebene Kontur über das Wechselverhältnis zwischen Massenenthusiasmus, militärischer Potenz und revolutionärer Umwälzung an der ökonomischen Basis zeichnet Lenin kurz vor der Oktoberrevolution exakt nach bei seinen skizzenhaft verfassten Vorschlägen, wie man die durch den ersten imperialistischen Krieg verursachte Zerrüttung der russischen Wirtschaft überwinden kann. In Analogie zur Jakobinerdiktatur 1792/93  sieht er die Lösung nur in einem konsequenten und schonungslosen Übergang zur höheren Produktionsweise des Sozialismus, die allein einen für Russland so nötigen Enthusiasmus der Massen erwecken kann. (Vergleiche Lenin, Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, Werke Band 25, Dietz Verlag, 1960,372f.)

34. Maximilian Robespierre, Über die Prinzipiem der politischen Moral, Reden der französischen Revolution, dtv Text-bibliothek, München, 1974,349. Marat grübelte schon 1774  in den „Ketten der Sklaverei“  darüber nach, wie es zur Perversion kommt, dass wir große Verbrecher bewundern und kleine verachten. ( Vergleiche Jean Paul Marat, Die Ketten der Sklaverei, Andreas Achenbach Verlag, Gießen Lollum, 1975,112).

35. Jean Paul Marat, Rede des Volksfreundes, gehalten am 25. September auf der Tribüne des Nationalkonvents, in: „Ami du Peuple“ Nummer 680 vom 19. August 1792, in: Jean Paul Marat, Ich bin das Auge des Volkes, Ein Portrait in Reden und Schriften, Herausgegeben von Aglaia I. Hartig, Wagenbach Verlag Berlin, 1987,129

36. Jean Paul Marat, Die Ketten der Sklaverei, Verlag Andreas Achenbach, Gießen Lollar, 1. Auflage, 1975,72

37. Jean Jacuques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart, 1975, 105. Dass sein Projekt einer gesellschaftsvertraglichen Regelung der bürgerlichen Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist,  hatte Rousseau bitter am Ende seines Lebens in seinen Träumereien eines einsamen Spaziergängers ausgedrückt: „Früher, als die Menschen noch meine Brüder waren, machte ich Pläne für die irdische Seligkeit“.  (Jean Jacques Rousseau, Träumereien eines einsamen Spaziergängers, Reclam Verlag Stuttgart 2003,124).

38. Während für Robespierre Rousseau der göttliche Mensch war, kommt Marat ihm wohl in der Art der Selbstbespiegelung nahe. Wie es beim späten  Rousseau der Fall war, dreht es sich in den Schriften Marats auch oft nur um seine Person. Verwiesen sei auf ein von ihm selbst angestellten Vergleich mit Rousseau: die politisch Maßgebenden hätten ihn als zanksüchtigen Verrückten dargestellt, wie damals die philosophisch Maßgebenden, die Enzyklopädisten, Rousseau. (Vergleiche: Neue Marschrichtung des Autors, Flugschrift nach Grab, Die französische Revolution, München 1973, in: Jean Paul Marat, Ich bin das Auge des Volkes, ein Portrait in Reden und Schriften, Herausgegeben von Aglaia I. Hartig, Wagenbach Verlag Berlin, 1987,126). Dass im Nützlichkeitsdenken der Aufklärung das Nüchterne liegt, hatte Rousseau gespürt, er war ein Virtuose des Paradoxen, ein Querdenker auch gegen die Aufklärung, der Kant aus dem Rhythmus brachte, er, der Außenseiter, steuerte aus dem Hintergrund mehr als die Pariser Hautevolee der Philosophie. Wer die Aufklärung seiner Mitmenschen beabsichtigt, positioniert sich außenseitig. Rousseau sah die Widersprüche seines Zeitalters als Quelle eigener Zerrissenheit, das Botanisieren und die Einsamkeit waren seine Heilmittel. Sein Glück in der  Einsamkeit stand wieder einmal quer zur Auffassung der Fortschrittsgläubigen, dass der Mensch das geselligste aller Tiere sei.

39. Jean Jacques Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag 1975,42. Marat vermutete vom ersten Tag der Revolution an, dass man dem Volk die Dinge nicht so zeigt, wie sie sind. Gegen von ihm vermutete Verschwörungsserien kristallisierte sich sein Ausspruch heraus: „Ich bin das Auge des Volkes.“ Auf Anregung d´Alemberts ließ Friedrich der Große im Jahr 1778 die Preisaufgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften ausschreiben: Est-il utile au Peuple d´etre trompé, soit qu´on l´induise dans de nouvelles erreurs, ou qu´on l´entretienne dans celles où il est ? Weder haben die konterrevolutionären Hitlerfaschisten das deutsche Volk zwölf Jahre lang betrogen, was ein immens betriebener Propagandaaufwand nahelegen könnte, sondern der deutsche Faschismus war vielmehr eine  viehische Instinkte mobilisierende Massenbewegung, wobei die Ich-Schwäche des ohne Führung lebensunfähigen deutschen Spießers hinzukam, noch hat der Sozialrevolutionär Fidel Castro das cubanische Volk irregeführt, sondern der Castrismus hat derart tiefe soziale Wurzeln, daß er sich über ein halbes Jahrhundert auf eine Massenbasis stützen konnte und noch heute stützt. In Anspielung auf die Preisfrage Friedrichs´ führt Hegel aus: „Wenn die allgemeine Frage aufgestellt worden ist; ob es erlaubt sey, ein Volk zu täuschen, so müßte in der That die Antwort seyn, daß die Frage nichts tauge; weil es unmöglich ist, hierin ein Volk zu täuschen. – Meßing statt Golds, nachgemachte Wechsel statt ächter mögen wohl einzeln verkauft, eine verlorne Schlacht als eine gewonnene Mehrern aufgehefftet, und sonstige Lügen über sinnliche Dinge und einzelne Begebenheiten auf eine Zeitlang glaubhaft gemacht werden; aber in dem Wissen von dem Wesen, worin das Bewußtsein die unmittelbare Gewißheit seiner selbst hat, fällt der Gedanke der Täuschung ganz hinweg“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Akademieausgabe, Felix Meiner Verlag Hamburg 1988,299).

40. Es gab nicht nur im Prozess gegen Marie Antoinette Manipulierungen, einige Scheinprozesse sind nachweisbar, „denen andere Tatsachen zum Grunde lagen als die offiziell vorgebrachten.“ (Friedrich Engels, Die Antwerpner Todesurteile, Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin, 1975,379).

41. La Mettrie, Der Mensch eine Maschine, Reclam 2007,50. Augustinus gab seiner Autobiografie den Titel: „Bekenntnisse“, Rousseau nahm für seine diesen bewußt in Anspruch, denn beide begingen Böses mit auffälliger Straftatgleichheit, (einen Diebstahl einem unschuldigen Menschen zuzuschieben) und beide wurden durch ein Erweckungserlebnis ein anderer Mensch.

42.Vielleicht schenkte der japanische Geheimdienst Bucharin für Gegenleistungen das Leben, siehe: Nikolai Bucharin: Revisionist, Renegat, Verräter. Schriftenreihe der KPD Heft 71/ I, Berlin 2001,22

43. Arkadi Waksberg, Gnadenlos Andrei Wyschinski – der Handlanger Stalins, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1991,469

44. a.a.O.,164

45.a.a.O.,165

46.a.a.O.

47.a.a.O.

48. Vergleiche a.a.O., 165 f.

49. Die Hoffnung Georg Forsters, dass wir es bald erleben werden, dass die Nation Besitzer alles Reichtums in Frankreich sein wird, realisierte sich nicht. (Vergleiche Georg Forster, Revolutionsbriefe, Brief vom 15. November 1793, Malik Verlag,1925,56).

50. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Akademieausgabe, Felix Meiner Verlag Hamburg 1980,199. Als Napoleon auf Elba vernahm, dass der Wiener Kongress lediglich tanzte, sah er sich gezwungen, wieder die Würfel des todbringenden Krieges über Europa zu werfen.

51. Louis Blanc, Histoire de la Révolution, III. Band, 3. Kapitel (Seite 156 in der Brüsseler Ausgabe von 1847). „…und niemals unternahm ein Fürst das Geringste, um das Volk aus dieser Erniedrigung herauszuführen.“ (Jean Paul Marat, Die Ketten der Sklaverei, Andreas Achenbach Verlag, Gießen Lollar, 1. Auflage 1975,72).

52. Karl Kautsky, Die Klassengegensätze im Zeitalter der Französischen Revolution, Dietz Verlag Berlin, 1923,39

53. Der dritte Stand sei nichts und könnte alles sein. (Ähnliches wird Lenin später sagen: zersplittert ist die Arbeiterklasse nichts, organisiert ist sie alles). Dass der dritte Stand nichts, der Adel alles sei, galt nur in politischer Hinsicht, ökonomisch strukturell war er unter dem Feudalismus eine Potenz und längst die wichtigste Klasse der Gesellschaft geworden, die am meisten unter dem feudal mittelalterlichen Überbau litt.  So hatte sich im 18. Jahrhundert ja nicht nur die bürgerliche Aufklärung entwickelt, sondern ebensosehr die bürgerliche politische Ökonomie als Kind der Manufakturperiode. „Ludwig XV., der letzte absolute König und der Repräsentant des Verfalls des französischen Königtums, hatte einen Leibarzt, der der erste Ökonom Frankreichs war. Dieser Arzt, dieser Ökonom, repräsentierte den bevorstehenden und sichern Triumph der französischen Bourgeoisie. Der Arzt Quesnay hat die politische Ökonomie zu einer Wissenschaft gemacht…“ (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,125). Diese Ökonomie mußte nach der Aufklärung eine humanistische Larve anlegen. (Vergleiche Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Marx Engels Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,503f.). Im Gegensatz zur bürgerlichen Revolution, die schon sehr entwickelte kapitalistische Produktionsformen zum Durchbruch verhilft, findet die proletarische sozialistische so gut wie nicht vor.

54. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, Marx Engels Ausgewählte Werke, Band IV, Dietz Verlag Berlin, 1972,99. Das Denkmotiv des Abbe Sièyes taucht – mutatis mutandis – in der Epoche des Imperialismus wieder bei Lenin auf, während des ersten Weltkrieges schrieb er: „In Deutschland ist man dazu gekommen, von einer Stelle aus das Wirtschaftsleben von 66 Millionen Menschen zu leiten, von einer Stelle aus die Volkswirtschaft von 66 Millionen Menschen zu organisieren, die größten Opfer der übergroßen Mehrheit des Volkes aufzuerlegen, und das zu dem Zweck, damit die oberen 30 000 Milliarden Kriegsgewinne einstecken und damit Millionen zum Nutzen dieser noblen Edelsten und Besten der Nation abgeschlachtet werden.“ (Lenin, Prinzipielles zur Militärfrage, Dietz Verlag Berlin, 1957,157). Lenin bestätigt auch die Feststellung von Marx, dass sich der Bourgeois für den rechtmäßigen Nachfolger des Feudalherren hält, in einer  kurz vor der Oktoberrevolution verfassten Schrift führt er aus, dass sich die Bourgeoisie von dem Grundsatz leiten läßt: „après nous le déluge – nach uns die Sintflut !“, ein Ausspruch, der auf Ludwig XV. zurückgeht. (Vergleiche Lenin, Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,366).

55. Alle bürgerlichen Revolutionen vervollkommneten die Staatsmaschinerie, „man muß sie aber zerschlagen, zerbrechen.“ (Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1962,418).  Das ist nach Lenin das Fundamentale der marxistischen Staatslehre. (ebenda).

56. Vergleiche Friedrich Engels: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, MEW 1,500. Das wurde 1844 geschrieben, ein Jahr später, bezeichnete er zusammen mit Marx in der „Deutschen Ideolgie“ alle vorkommunistischen Revolutionen als bornierte. (Vergleiche Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin 1969,68).

57. Vehement forderten radikale Republikanerinnen wie zum Beispiel Pauline Léon und Théroigne de Méricourt die Aufstellung von Amazonenarmeen, war doch mit dem Waffenrecht das Wahlrecht gegeben. Diesen progressiven Frauen ging es um das Aufbrechen des traditionellen patriarchalischen Vorurteils, dass der Mann Staatsmann und die Frau Hausfrau sei. Noch mehr wurden diese Fixierungen in der Pariser Kommune zerbrochen: „Es war ein bürgerlicher Beobachter der Kommune, der im Mai 1871 in einer englischen Zeitung schrieb: Wenn die französische Nation nur aus Frauen bestände, was wäre das für eine schreckliche Nation.“ (Lenin, Das Militärprogramm der proletarischen Revolution, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin 1957,77).

58. Paul Noack, Olympe de Gouges, dtv Biographie, München August 1992,139. Selbst Chaumette, der Leiter der Pariser Commune, sprach von perversen Mannweibern, die gegen die natürliche geschlechtliche Arbeitsteilung verstoßen, nur die Frau hat Milch in den Brüsten und damit sei ihr als „Göttin des häuslichen Bereichs“ (Susanne Petersen, Marktweiber und Amazonen, Frauen in der Französischen Revolution, Köln,1987,227f.) der Platz der Kindererziehung zugewiesen. Wir haben hier ein Beispiel historischer Dialektik, wie sich selbst bei revolutionären Männern altes Gedankengut im neuen republikanisch politischen Gleichheitsdenken konserviert: Gleichheit nur unter Brüdern, nicht mit Schwestern. Diese Verkürzung ergibt die dunkle Seite des Jakobinismus. Die Frauenrechtlerin Théroigne de Méricourt wurde 1793 von männlichen und weiblichen Anhängern der Bergpartei öffentlich entkleidet und gezüchtigt. Dass Frauen geschlagen wurden, insbesondere von  ihren Ehemännern, war an der Tagesordnung. Vor allem deshalb drangen Frauen auf eine Neufassung des Scheidungsrechts, die dem Anspruch auf Egalité zwischen „schwachem“ und „starkem“ Geschlecht gerecht hätte werden müssen. Während aber der Ehebruch durch die Frau sofort zur Scheidung hinreichte, war diese für die Frau erst möglich, wenn der Mann seine Geliebte mit in den Haushalt brachte und damit die  „Göttin des häuslichen Bereichs“ verletzte ! Erst die industrielle Revolution wirbelte die mittelalterliche Arbeitsteilung durcheinander.

59. Fourier, ein utopischer Sozialist, verband die Höhe der menschlichen Emanzipation mit der der Frauen.

60. Die Einmischungen des Merkantilisten Colbert in die Wirtschaft machten ein Aufblähen der Bürokratie notwendig, so daß der Pariser Louvre als zentrale königliche Verwaltungsstelle  bald zu eng wurde. In Versailles gab es nur ein kleines Jagdschloß, bald wurde dort ein großes Palais errichtet und 1682 erfolgte die Übersiedlung des Hofes. 107 Jahre dauerte der Aufenthalt der Dynastie und ihrer Schranzen in Versailles.

61. In der Revolutionsgeschichte von Thiers heißt es präziser: „Das Brot, das der Reiche gibt, ist bitter: Es kompromittiert die Freiheit. Das Brot gehört in einem klug verfassten Staat von Rechts wegen dem Volk.“ Eine zu lange Auslassung, um Flügel zu bekommen.

62. Die traurige politische Wirklichkeit zur Zeit der Thermidorianer wird schon allein daraus ersichtlich, daß 1795 nur 20 %  von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten. „In einem gut geführten Staat eilt jeder zu den Versammlungen; unter einer schlechten Regierung möchte niemand auch nur einen Schritt dorthin tun…“ (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart 1975,102).

63. Albert Soboul, Die Große Französische Revolution, athenäum Verlag, 1988,411

64. Nach der Niederschlagung des Brotaufstandes wüteten Militärgerichte: 36 Todesurteile, in Paris gab es 1 200 Verhaftungen, in ganz Frankreich mehrere Zehntausend. Babeuf ging in den Untergrund, seine Verschwörung im Mai (Floréal) 1796 aber zerschlagen, (wobei Carnot sich hervorgetan haben soll). Ein Jahr später wurde Babeuf und einige seiner Anhänger hingerichtet.

65. Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, Marx Engels Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau 1975, 379. „Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor“. (Brief von Friedrich Engels an Karl Marx vom 13. Februar 1851). Schon Georg Forster schrieb am 1. Brumaire im zweiten Jahr der Republik aus Paris, dass die bewegende Kraft der Revolution nichts rein Intellektuelles, nichts reinVernünftiges sei, „…sie ist die rohe Kraft der Menge.“ (Georg Forster, Parisische Umrisse, in: Georg Forster, Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit und andere Schriften, sammlung insel 20, Frankfurt am Main, 1966,88).

66. Lenin, Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten ? Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin1961,104. Im Lied „Brot & Rosen“ heißt es: „Zu Ende sei, dass kleine Leute schuften für die Großen ! Her mit dem ganzen Leben: Brot und Rosen“.

67. Vergleiche: Lenin, Über die Junius Broschüre, Lenin Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,321f.

68. Karl Marx: Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, Ausgewählte Werke Bd. 1, Dietz Vlg. Berlin 1971,229. Engels weist auf das kluge Verhalten des Pariser Proletariats im August und September 1847 hin, als die Bourgeoisie den Druckereiarbeitern das Jahrestreffen mit einem Verbot belegte. Der provozierte Aufstand blieb aus. Man ertrug lieber eine schändliche Behandlung als einen hoffnungslosen Aufstand zu wagen. „Was für einen enormen Fortschritt bedeutet doch diese Selbstbeherrschung gerade bei den Arbeitern von Paris, die selten auf die Straße gegangen sind, ohne alles, was ihnen in den Weg kam, kurz und klein zu schlagen, denen Aufstände zur Gewohnheit geworden sind und die in eine Revolution genauso fröhlich wie in eine Weinschenke marschieren. Aber wenn man daraus die Schlußfolgerung ziehen würde , daß das revolutionäre Feuer des Volkes im Verlöschen ist, wäre man im Irrtum“. (Friedrich Engels, Die Reformbewegung in Frankreich, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,405). Es war übrigens auch Friedrich Engels, der Proudhon vorwarf, bürgerliche und proletarische Revolutionen durcheinanderzuwerfen. (Vergleiche Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Band IV, Dietz Verlag Berlin, 1972,262). Die Frage, ob neben den drei von Lenin kanonisierten Quellen des Marxismus: deutsche Philosophie, englische politische Ökonomie und französischer Sozialismus (Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin 1962,4)  auch die klassische bürgerliche Bastillerevolution dazuzurechnen ist, ist zu verneinen. Nur am Anfang, als Junghegelianer, orientierte Marx sich an der jakobinistischen Trikolore: Ruge schreibt in einem Brief an Stahr vom 8. September 1841: „Ich habe es jetzt schlimm,  denn B. Bauer und Karl Marx und Christiansen und Feuerbach werden oder haben schon die Montagne proklamiert…“ (Arnold Ruge, Briefwechsel und Tagebuchblätter aus den Jahren 1825 bis 1880, Berlin 1886 Band I,23). Nach eingehenden Studien über die Revolution, die in Bad Kreuznach beginnen,  geht Marx auf Distanz zur bürgerlichen Revolution mit ihren sogenannten Menschenrechten , weil diese eine bloß politische, den egoistischen Menschen hervorbringende war, keine menschlich kommunistische. „Nur bei einer Ordnung der Dinge, wo es keine Klassen und keinen Klassengegensatz gibt, werden die gesellschaftlichen Evolutionen aufhören, politische Revolutionen zu sein.“, schreibt Karl Marx im „Elend der Philosophie“. (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,182). In diesem Werk unterscheidet Karl Marx zwei Phasen der bürgerlichen Revolution: die Phase ihrer Klassenkonstituierung von der Stadtgemeinde an unter dem Feudalismus und der absoluten Monarchie, die die längere und anstrengendere war, und die Phase , „wo sie bereits als Klasse konstituiert, die Feudalherrschaft und die Monarchie umstürzte, um die Gesellschaft in eine Bourgeoisgesellschaft zu gestalten“ (a.a.O.,181). Im Vergleich zur ersten Phase ist die zweite wohl von der Hitze der  „kurzlebige Ekstase“ durchdrungen, wie es Marx im Achtzehnten Brumaire ausdrückte. Eine gewisse Phasenparallelität zieht er zur aufkommenden proletarischen Revolution:  wie das Bürgertum mit partiellen Koalitionen gegen die Feudalherren begann, so koaliert sich auch das aufkommende und anwachsende Proletariat gegen seine Bourgeoisherren. (a.a.O.).

69. Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,366. Alle Wörter in Großbuchstaben kursiv von Marx.

70. Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin 1962,8

71. Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart 1975,7

72. Robespierre: Über die politische Lage der Republik, 17.11.1793, in der gleichen Rede auch: „Die französische Revolution hat in der ganzen Welt eine Erschütterung verursacht.“, in: Reden der französischen Revolution, dtv text-bibliothek München 1974,323 und 319. Joachim Heinrich Campe schrieb in seinen Briefen aus Paris: „Welch ein Beispiel für das ganze übrige Europa und für alle, ihrer menschlichen Rechte…beraubte Menschen in allen fünf Welttheilen.“ ( Joachim Heinrich Campe, Briefe aus Paris, zur Zeit der Revolution geschrieben. Mit Erläuterungen, Dokumenten und einem Nachwort von Hans-Wolf Jäger, Hildesheim 1977, 30). Rebmann sprach von der größten „Begebenheit aller Jahrhunderte.  Siehe Pierre Bertaux, Hölderlin und die französische Revolution, edition suhrkamp 344, Frankfurt am Main 1969,23  Reinhard schrieb am 21. November 1791 an Schiller: „Ich sah in französischen Revolution nicht die Angelegenheit einer Nation…, sondern einen Riesenschritt in Fortgängen des menschlichen Geistes überhaupt und eine glückliche Aussicht auf die Veredelung des ganzen Schicksals der Menschheit“. (a.a.O.,33). Freiherr von Knigge sah in der Revolution die wichtigste Begebenheit der ganzen Menschheit. (vergleiche a.a.O.,38).   In der Tat hatte die Ausbildung des Handels zum Welthandel im 18. Jahrhundert – der holländische Ökonom Pinto sagt ausdrücklich: „Le commerce fait la marotte du siècle“ (Der Handel ist das Steckenpferd des Jahrhunderts) –  die Kontinente untereinander verbunden, verbunden allerdings auch mit Handel von Sklaven und Sklavinnen.

73. Vergleiche Georg Forster, Revolutionsbriefe, Brief vom 22. Oktober 1792, Malik Verlag 1925,28

74. Vergleiche Werner Schneiders, Das Zeitalter der Aufklärung, Beck Verlag München 2008,95

75. Siehe: Drageon aus le Mans Sektion Bon Conseil: An den Volksfreund Marat, Journal de la Republique francaise Nummer 96 vom 12. Januar 1793, in: Jean Paul Marat, Ich bin das Auge des Volkes, Ein Portrait in Reden und Schriften, Herausgegeben von Aglaia I. Hartig, Wagenbach Verlag Berlin, 1987,148.

76. Schillers republikanisches Schauspiel „Die Räuber“ wurde unter dem Titel „Robert, chef des brigands“ in Paris zum größten Theatererfolg der Revolutionszeit, nachdem es am 10. März 1792 im „Theatre du Marais“ zum ersten Mal gespielt wurde. In einem Dekret des Konvents vom 2. August 1793 wurde angeordnet, daß der „Tell“ einmal in der Woche in Paris zu spielen sei. Über das Milieu Tells findet sich allerdings sehr Kritisches in der Engelsschen Schrift „Der Schweizer Bürgerkrieg“. Es waren die Urenkel Tells, die die Bastille verteidigten, die überhaupt bei der Serie konterrevolutionärer Schandtaten dabei waren. (Vergleiche Friedrich Engels, Der Schweizer Bürgerkrieg, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977, 395 f.)

77. „Wer in der Welt der Revolution dient,wer das Gute tun will, darf erst im Grabe schlafen.“ (in: Französische Reden von 1789 bis zur Gegenwart, Edition Langewiesche-Brandt,o.J.,55).

78. So sahen die Gesetze vom Windmond des Jahres II vor, das Vermögen der verdächtigen Konterrevolutionäre unter die armen Städter und Bauern zu verteilen. Auf dem Lande gab es im Hochsommer 1789 einen großen Bauernaufstand, ab dann schwelte der Bauernkrieg vor sich hin. Eine große Jacquerie im Juli reichte hin, die Konterrevolution niederzuhalten. „…und was den Reichtum angeht, daß kein Bürger derart vermögend sei, sich einen anderen kaufen zu können und keiner so arm, daß er gezwungen wäre, sich zu verkaufen…“ (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Stuttgart 1975,57).  Die Aufklärung schnitt die Eigentumsfrage an, stellte die Frage der Volkssouveränität, ging gegen religiöse Bevormundung und hielt nur noch Defensivkriege für sittlich gerechtfertigt. Die Fragen der Volkssouveränität und der Religion waren aneinandergekoppelt, sie sollten sich nach Rousseau gegenseitig als Werkzeug dienen (a.a.O.,47),je weniger der Monarch von oben als Abglanz des Göttlichen auf Erden galt, desto mehr schob sich die Volkssouveränität von unten unter die Regierung. Im Johannes Evangelium (8,23) steht über Jesus der Satz geschrieben: Ihr seid von unten her, ich aber bin von oben her. – Ein Satz, den alle Monarchen wiederholten, weil auch sie so dachten und denken mussten, ein Satz, der die Widerwärtigkeit der Monarchie ausmacht. „Die Könige sind von Gott gesandt, und in dieser Eigenschaft bringen sie den Abglanz des Göttlichen auf die Erde“, ließ Jakob I. nach der Aufdeckung der Pulververschwörung dem englischen Parlament wissen. (Vergleiche: Jean Paul Marat, Die Ketten der Sklaverei, Andreas Achenbach Verlag, Gießen Lollum, 1975,144).

79. Lenin, Die Aufgaben der Jugendverbände, Lenin Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin,1959,282

80. Siehe Lenins Polemik gegen den liberalen Professor Tugan Baranowski in: Ein liberaler Professor über die Gleichheit, Lenin Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin 1961,137ff.

81. Lenin, Referat über Krieg und Frieden, Lenin Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin 1961,75. Der Kapitalismus wurde aus der feudalen Bodenhaftigkeit gesprengt und machte die Individuen  unabhängig voneinander, was im Katalog der bürgerlichen Rechte als Freiheit erscheint. Es ging um eine Dominanzverschiebung von der naturwüchsigen Herrschaft zu der der akkumulierten Arbeit, des Kapitals. (siehe Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie, Naturwüchsige und zivilisierte Produktionsinstrumente und Eigentumsformen, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,65). „In der Vorstellung sind daher die Individuen freier als früher, weil ihnen ihre Lebensbedingungen zufällig sind; in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert.“ (a.a.O.,76). Nach marxistischer Geschichtsdeutung bildete die Revolution in Frankreich nach der deutschen Reformation und der englischen Glorious Revolution 1688/89 die dritte Phase in der Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft, eine Revolution, die bereits ohne religiösen Mantel auskam. Für Engels ist  die franzöische Revolution ein schlagendes Beispiel, dass die ökonomische Entwicklung sich Bahn bricht. (Vergleiche: Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972,202). Und auf die die großen Züge historischer Ereignisse determinierende ökonomische Struktur einer Gesellschaftsformation, die die Klassenkonstellationen prägt, sind hyperkomplexe Gebilde wie Revolutionen auch zurückzuführen, selbst Kollektive hochkarätiger Historiker können sie nicht in ihrer Totalität erfassen. Vor Marx war Geschichte ein Sammelsurium und Hegel hatte in seiner Philosophie der Weltgeschichte immerhin eine gewisse Vorahnung, blieb aber einem mittelalterlichem Weltbild verhaftet: Weltgeschichte als Gotteswerk. Wissenschaftliche Darstellungen von Revolutionen, letztere ihrer Natur gemäß komplex und hitzig, sind daher schwierig. „Meine Vorstellungen hängen alle zusammen, aber ich kann sie nicht alle auf einmal vorbringen“, hatte Rousseau im Gesellschaftsvertrag geschrieben (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart 1975,38), und Camille Desmoulins schrieb an seinen Vater über seine Rede, die den Sturm auf die Bastille auslöste: „Ich erstickte fast vor der Menge Gedanken, die auf mich einstürmten, ich sprach ohne Ordnung…“ Sowohl Essays als auch wissenschaftliche Abhandlungen haben interessengeleitete Inhalte, aber der Essay scheint mir, was die Form betrifft, der Authentizität von Revolutionen näher zu kommen. Es ist das Schicksal von Revolutionären, besonders vor dem Ausbruch der Revolution, gegen den Strom zu schwimmen. Deshalb haben wir ihre harte Komplexität vor uns. Gebiert „gegen den Strom schwimmen“ Dialektik ? Insofern tun sich Relationen auf: wie ist die zwischen der bürgerlichen Revolution und der idealistischen Dialektik der klassischen deutschen Philosophie ? Wie die zwischen etabliertem Bürgertum und gegen den Strom der Zeit schwimmenden proletarischen Revolutionären und ihrer Beziehung zu der sich im proletarischen Emanzipationsprozess herausbildenden materialistischen Dialektik  zu der von Marx und Engels und anderer Materialismen ? Ist die dialektische Erkenntnis nur begriffliches Abbild realdialektischer Prozesse, konnten die revolutionären Prozesse in Frankreich noch keinen wissenschaftlichen Sozialismus hervorbringen,  die realen Geschichtsprozesse wurden undeutlich widergespiegelt, mit Altem, Mittelalterlichem behaftet, Idealismus, Produktivkräfte und Erkenntniskräfte reichten noch nicht aus, ein aufgeklärtes wissenschaftliches Weltbild zu erarbeiten. Oben wurde ja geschrieben, dass sich die bürgerliche Aufklärung von mittelalterlichem Ballast nie ganz freigemacht hatte.  Ich habe an der Universität Hannover im Historischen Seminar einen Professor erlebt, der ein Seminar über die Oktoberrevolution mit statistischem Material eröffnete. Nichts war falscher, hätte er wenigstens die „Internationale“ absingen lassen. Der Mathematikprofessor Tschiang Kai Tscheck unterlag einem Poeten aus Hunan. Revolutionen haben einen Genius und dieser erstickt schon unter den Rastern, die in universitären akademischen Ghettos konstruiert werden. Es gibt ohne Ästhetik keinen Fortschritt in der Revolutionswissenschaft. Der Jakobiner Forster wandte sich an seinem Lebensende der Phantasie und der Kunst zu.

82. Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Marx Engels Ausgewählte Werke Band I, Dietz Verlag Berlin,1974, 300

83. Wilhelm Blos, Die Französische Revolution, Volksthümliche Darstellung der Ereignisse und Zustände in Frankreich von 1789 bis 1804, Dietz Verlag Berlin, 1988,219

84. Vergleiche Lenin, Zur Einschätzung der russischen Revolution, Werke Band 15, Dietz Verlag 1962,40

85. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,463

86. a.a.O.

87. Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977, 180

88. Lenin, Demokratie und Volkstümerideologie in China, Werke Band 18, Dietz Verlag Berlin 1952,158

89. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,471

90. Das Defizit der faschistischen „Lebensraum im Osten Ideologie“ bestand in einer Unterschätzung der proletarisch industriellen Basis der Sowjetunuion, die zwar immer auch noch ein Bauernland war, in der bäuerlichen Dorfkommune aber gerade nicht die Quelle ihrer Revolution besaß. Die deutsche Wochenschau in den Kinos sprach von Horden aus den Steppen Innerasiens. Lenin hatte alle kleinbäuerlichen und kleinbürgerlichen Theoretiker widerlegt, die einen nichteuropäischen Weg Russlands zum Sozialismus befürworteten. Auch der junge Stalin wandte sich im Januar 1906 nach den gescheiterten Dezemberaufständen in Moskau und St. Petersburg gegen pessimistische Stimmen, die Basis und Initiative eines gegen die Autokratie erfolgreichen Umschwungs ins Dorf verlegen wollten. Vom Dorf käme keine Rettung. (Vergleiche Josef Stalin, Zwei Schlachten, Dietz Verlag Berlin, 1950,178).

91. Karl Marx, Rede über die Frage des Freihandels gehalten am 9. Januar 1848 in der Demokratischen Gesellschaft zu Brüssel, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,449

92. Lenin, Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution, Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau 1971, 708

93. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,474

94. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Akademieausgabe Felix Meiner Verlag Hamburg 1980, 322. Literarisch gelingt es Georg Büchner, den Widerspruch zwischen Revolution und Anarchie prägnant zu fassen, es sei aus seinem Drama „Dantons Tod“ zitiert: „Robespierre: In Namen des Gesetzes ! Erster Bürger: Was ist das Gesetz ? Robespierre: Der Wille des Volks. Erster Bürger: Wir sind das Volk, und wir wollen, daß kein Gesetz sei; ergo ist dieser Wille das Gesetz, ergo im Namen des Gesetzes gibt`s kein Gesetz mehr, ergo totgeschlagen“. (Georg Büchner, Dantons Tod, in: Büchner, Ein Lesebuch für unsere Zeit, Thüringer Volksverlag Weimar 1954,111). Im Namen des Gesetzes gibt`s kein Gesetz mehr ! da haben wir die Dialektik der Revolution.

95. Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band1, Dietz Verlag Berlin, 1957,368. Die Inspiration dieser Ausführungen mag in Hegels Phänomenologie liegen, Hegel beschreibt diesen Prozess wie folgt: „Denn indem in Wahrheit das Bewußtseyn allein das Element ist, worinn die geistigen Wesen oder Mächte ihre Substanz haben, so ist ihr ganzes System, das sich durch die Theilung in Massen organisierte zusammengefallen, nachdem das einzelne Bewußtseyn den Gegenstand so erfaßt, das er kein anderes Wesen habe, als das Selbstbewußtseyn selbst, oder daß er absolut der Begriff ist“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Akademieausgabe, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1980,317). So hat Hegel die Ablösung des Privilegiensystems durch das Recht des Individuums auf seinen (idealistischen)  Begriff gebracht. Das Menschenrecht in seiner bürgerlichen Fassung  ist der absolut der Begriff seiende Gegenstand. Marx spricht von sogenannten Menschenrechten, keines geht über den egoistischen Menschen hinaus. (Vergleiche Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,366).

96. Friedrich Engels an Karl Kautsky, Marx Engels Werke Band 37, Dietz Verlag Berlin 1965,156

97. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Vorwort zur zweiten deutschen Ausgabe von 1872, Dietz Verlag Berlin 1983,12

98. Vergleiche Lenin, Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin 1959,92

99. Vergleiche Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin 1959,27

100. Eine bürgerliche Revolution stärkt das Wachstum des Kapitalismus, man kontrastiere diese Feststellung Lenins mit der Aussage Hegels über die französische   Revolution, dass in ihr sich der Mensch auf den Kopf gestellt habe, und es wird deutlich, wie eminent wichtig es in der Wissenschaftsgeschichte war, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen.  Geschichte ereignet sich hegelianisch nur in der spekulativen Einbildung. Die französische Revolution stellt im Grunde den Übergang von der direkten landwirtschaftlichen Leibeigenschaftssklaverei zur indirekten industriellen Lohnarbeitssklaverei dar. Erkannte Saint Simon in seinen Genfer Briefen 1802 die Revolution bereits als Klassenkampf, verfiel Proudhon noch 1847 in seiner Philosophie des Elends auf die Illusion, diese wurde sowohl für die industrielle als für die politische Freiheit gemacht. Er werde nie mit einem Gegner disputieren, der den freiwilligen Irrtum von fünfundzwanzig Millionen Menschen im Prinzip aufstellt. (Vergleiche Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,160). Für die Physiokraten  lag die Quelle allen Reichtums noch in der Landwirtschaft, und so sahen es auch die Bauernsoldaten in ihren Jacquerien. Wir erfuhren oben, dass nur 16 Prozent der Franzosen noch zur Zeit der Revolution in den Städten lebten. Neben der bäuerlichen Bedrohung tauchte nun allmählich ein viel mächtigerer Feind des Bürgertums auf, das deshalb die industrielle Sklaverei  gleich am Anfang seiner Emanzipation spitzfinderisch durch Dekret vom 14. Juni 1791 festschrieb: Arbeiterkoalitionen seien eine Verletzung der Menschenrechte und eine Wiederbelebung mittelalterlicher Zünfte. (La Loi Le Chapelier). Dieses Gesetz blieb selbst in der Hochphase des plebejischen Terrors in Kraft. Nur Marat protestierte gegen dieses Gesetz im Namen der Bürger, nicht der Arbeiter: „Sie wollten nur die Bürger vereinzeln und sie hindern, sich gemeinsam mit den öffentlichen Angelegenheiten zu befassen. Auf diese Weise wurde mit Hilfe einiger grober Spitzfindigkeiten und unter Mißbrauch einiger Worte die Nation von ihren niederträchtigen Vertretern ihrer Rechte beraubt…“ (Jean Paul Marat, Protest gegen das Gesetz Le Chapelier, Ami du Peuple, Nummer 493 vom 18. Juni 1791, in: Jean Paul Marat, Ich bin das Auge des Volkes, Ein Portrait in Reden und Schriften, Herausgegeben von Aglia I. Hartig, Wagenbach Verlag Berlin, 1987,108). Eine Leserzuschrift an Marats Zeitung enthielt dann auch die Zeilen, dass die Klasse der Armen zur Schande der Republik völlig mißachtet wird,denen es an allem fehlt und die von der Natur verbraucht sind. (Vergleiche: Drageon aus Le Mans Sektion Bon Conseil, An Marat, den Volksfreund. in: Journal de la Republique francaise Nummer 96 vom 12. Januar 1793,in: Jean Paul Marat, Ich bin das Auge des Volkes, Ein Portrait in Reden und Schriften, Herausgegeben von Aglaia I. Hartig, Wagenbach Verlag Berlin, 1987,148f.).

101. Lenin, Über die liberale und marxistische Auffassung vom Klassenkampf Notiz, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin 1962,108

102. Karl Marx, Die Heilige Familie, Marx Engels Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1972,126

103. Vergleiche Ernst Schulin, Die französische Revolution, Beck Verlag München 1989,250. Hegel bemerkt in seiner „Philosophie der Geschichte“, dass die Revolution „nichts Festes von Organisation“ aufkommen läßt.

104. Pierre Manuel, einer der Führer der aufständischen Pariser Kommune, forderte nach dem Sturz der Monarchie die Abgeordneten des neugewählten Konvents auf, „eine Versammlung von Philosophen zu bilden, beschäftigt mit der Vorbereitung des Glücks der Menschheit.“ (Vergleiche: Wolfgang Kruse, Die Französische Revolution, Schöningh Verlag, Paderborn, München, Wien, Zürich, 2005,7). Als aber die heraufziehende thermidorianische Konterrevolution nach der Guillotinierung Robespierres dieses Glück verdunkelte und es fast unsichtbar in weite Ferne verrückte, was waren die Konsequenzen ? Die Aufklärung hatte das Salz der Erde dumm gemacht ! Den Pariser Verlagen drohte der Ruin, insbesondere, wenn sie ihren Schwerpunkt auf die (philosophischen moralischen) Wissenschaften gelegt hatten: „Nicht wissenschaftlich technischer Fortschritt, Persönlichkeitsbildung und politische Ausbildung rückten zunehmend in den Mittelpunkt des Publikumsinteresses, sondern Skandale, Unterhaltungsliteratur und andere „niedere“ Publikationen. Die Nachfrage des Publikums richtete sich vor allem auf Journale, Pamphlete und bald auch auf volkstümliche Geschichten, während wissenschaftliche und philosophische Werke zu Ladenhütern wurden. “ (Wolfgang Kruse, Die Französische Revolution, Schöningh Verlag 2005,91).  Als ob sich ein Kreis schlösse. Wie hatte doch Marx geschrieben ? Bürgerliche Revolutionen des achtzehnten Jahrhunderts sind kurzlebig ekstatisch, nach dem raschen Höhepunkt wird die Gesellschaft von einem langen Katzenjammer erfasst. Europa scheint heute von Wladiwostok bis zur Straße von Gibraltar ganz unter dem Schatten seiner Aufklärung zu darben: es gibt Dinge außerhalb des Menschen zum Konsumieren. Und dieses treibt sich fort. In den Ladenhütern steckt die Zukunft. Heinrich Heine sprach die prophetischen Worte: Wer Bücher verbrennt, wird bald auch Menschen verbrennen. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurden die Werke von Marx, Engels und Lenin tonnenweise auf Müllhalden geworfen und im August 1992 erntete man Progromnächte in Rostock Lichtenhagen ! Wer die Wissenschaft verachtet, wird tierischer als jedes Tier.

105.Endlich war es Babeuf, der der Demokratie Fleisch und Blut gab. Unter dem Deckmantel der Demokratie finde die Ausplünderung der Volksmehrheit durch eine Schmarotzerminderheit statt, Demokratie aber bedeute Glück und Wohlstand für alle (Le bonheur commun). In: Das Manifest der Plebejer vom 30.11.1795, es erschien in Babeufs Zeitschrift: Der Volkstribun Nr. 35. Dieser Gedanke wurde im Marxismus entideologisiert, die „Demokratie ist…eine Spielart des Staates. Folglich ist sie, wie jeder Staat, eine organisierte, systematische Gewaltanwendung gegenüber Menschen.“ (Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1975,486). Mögen bürgerliche Ideologen 1789 als systematische Gewaltanwendung gegenüber Menschen feiern und die französische Reaktion dies durch den alljährlichen Aufmarsch der Fremdenlegion am 14. Juli vorführen, Engels und Lenin waren weiter, sie sprachen vom Einschlafen der Demokratie im Kommunismus.(a.a.O.,409).