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Revolution und Philosophie Zum Studium der Philosophie

24. November 2010

Eine Einführung von Heinz Ahlreip

„…daß nicht die Kritik, sondern die Revolution die treibende Kraft der Geschichte auch der Religion, Philosophie und sonstigen Theorie ist.“ 1.

Die Bestimmung dessen, was unter Philosophie zu verstehen sei, kann aus mindestens zwei Positionen vorgenommen werden: aus der ihr gegenüberstehenden oder aus ihrer Mitte selbst. Interpretiert sich Philosophie in ihrem Selbstbezug als eine von gesellschaftlichen Prozessen unabhängige Wissenschaft 2. , sieht sie als in sich verstiegene die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Rechtfertigung nicht mehr ein. Diese Philosophen könnte man, Heraklit variierend,  anwesend abwesende Luxusgeschöpfe nennen. Symptomatisch  könnte dafür Wilhelm Dilthey stehen. 3. Eine ihrer gesellschaftlichen Bedeutung bewußte Philosophie dagegen weiß um die Alternative einer aufklärerischen Funktion oder einer mystifizierenden Verschleierung realer Herrschaftsverhältnisse.

Die subversive  Philosophie der französischen Aufklärung als Gipfelpunkt der progressiven Entwicklung  bürgerlich atheistischen Denkens 4.  gegen mittelalterliches Dunkelmännertum und gegen von diesen geprägten Vorurteilen, kulturgeschichtlich ist vielleicht „Vorurteile“ der Gegenbegriff zu „Aufklärung“,  die sich als deren Kritik begreift, stellte sich zunehmend bewußter in den Dienst ihres gesellschaftlichen Trägers, der bürgerlichen Klasse, und da diese eine aufsteigende war, bewußt oder unbewußt in den der Revolution im Namen der ganzen leidenden Menschheit. Denn in deren Namen und mit dem Versprechen ihrer Emanzipation trat die Bourgeoisie großmäulig an. Das Ziel sei, „so viele Freunde (zu) haben, als diese Erde Bewohner zählt.“ 5. Diesen Kuß der ganzen Welt. Robespierre, Schiller und Beethoven beflügelte der gleiche Gedanke: Alle Menschen werden Brüder, was die Mode streng geteilt.

Hingegen muss eine Legitimationswissenschaft von bürgerlicher Herrschaft, die immer gegen  Anarchie und Freiheit gerichtet ist, vor allem bestrebt sein, Revolution in den Dienst der Philosophie zu stellen, wie dies im von Hegel vollendeten deutschen Idealismus geschah. Stand in Frankreich die Philosophie im Dienste der bürgerlichen Revolution, so stand diese in Deutschland als einem zur Umwälzung noch unreifen Land im Dienst eines Denkens, das zur gesellschaftlichen Praxis eine vornehm theoretische Distanz wahrte. 6. Erhob Hegel nach einer Bemerkung von Habermas die Revolution zum Prinzip seiner Philosophie, um aber Revolution als solche zu überwinden, so rückte die marxistsiche Theorie diese spekulative Verdrehung wieder zurecht, indem sie die Realisierung der Philosophie in der proletarischen Revolution als wechselseitigen Aufhebungsprozess proklamierte. Schon früh, Anfang 1844, weist Marx in der Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie/Einleitung auf die sich bedingenden Einseitigkeiten sowohl der Links- als auch der Rechtshegelianer hin: erstere wollten die Philosophie aufheben, ohne sie zu verwirklichen, letztere wollten sie verwirklichen, ohne sie aufzuheben. 7. Philosophie ist seitdem nur noch als Hilfswissenschaft der revolutionären Arbeiterklasse legitimiert zur Selbstvergewisserung ihrer intransingenten Rolle, deren Wurzel letztinstanzlich nur die Ökonomie aufzeigen kann. Der Schlüssel zur Charakterisierung historischer Epochen und unserer Gegenwart liegt nicht in der Philosophie, die aus der Natur und Geschichte amputiert worden war. Ich sage ausdrücklich: amputiert, um die Drastik anzugeben, mit der sich diese wissenschaftliche Revolution vollzog und die bereits in der 11. Feuerbachthese genial aufblitzte. Philosophie verharrt beim Personenkult, der sich in Hegels Vorstellung vom Ende der Weltgeschichte manifestiert. 8. In Hegels Denken sei diese durch Auflösung aller Widersprüche zum Ende gekommen. Dagegen sieht Engels den Kommunismus als kollektivistische Aufhebung des singulären Denkers. „Sind alle Widersprüche ein für allemal beseitigt, so sind wir bei der sogenannten absoluten Wahrheit angelangt, die Weltgeschichte ist zu Ende, und doch soll sie fortgehn, obwohl ihr nichts mehr zu tun übrigbleibt – also ein neuer unlösbarer Widerspruch. Sobald wir einaml eingesehen haben…, dass die so gestellte Aufgabe der Philosophie weiter nichts heißt als die Aufgabe, dass ein einzelner Philosoph das leisten soll, was nur die gesamte Menschheit in ihrer fortschreitenden Entwicklung leisten kann – sobald wir das eingeshen haben, ist es auch am Ende mit der ganzen Philosophie im bisherigen Sinn des Worts.“ 9. Engels plädiert hier nicht für eine Neubegründung einer irgendwie gearteten Philosophie im Marxismus, dagegen steht die „Deutsche Ideologie“ mit der  Eindeutigkeit eines Todesurteils. So hebt der Kommunismus Hegel auf. Analog zur Aufklärung, deren Schlüsselbuch die „Kritik der reinen Vernunft“ ist, in der Kant gegen das Ausrutschen in Metaphysik einen bereits von Descartes angestrebten sicheren Gang der Wissenschaft und den religiösen Glauben als rein Subjektives  durchsetzen wollte, wollten Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie“, die das Schlüsselbuch des Historischen Materialismus ist, in Anknüpfung an den französischen und Feuerbachischen Materialismus und der radikalen Überwindung dieser einseitigen Materialismen nicht nur mit jedem „linken“  Idealismus brechen, sondern durch die Revolutionierung der Wirklichkeit im Einklang mit und im Kampf gegen die einseitig kapitalistische  Entwicklung der Großen Industrie Geschichte in Weltgeschichte verwandeln und deren unvermeidliche Finalentwicklung zur befreiten Lohnarbeit aufzeigen. Die Aufklärung plädierte für einen wissenschaftlichen friedlich gestimmten Menschen, der Marxismus für einen sich qua Wissenschaft und revolutionärer Gewalt von der Kapitalherrschaft selbst befreienden. Diesem Sozialismus bleibt die massenaufklärerische Gebärde immanent als Entlarvung von Konterrevolutionären. Lenin muss primär als Revolutionär, aber dann auch als Aufklärer der Arbeiterklasse, also unter Bruch mit dem kantischen klassenneutralen Kosmopolitismus, gelesen werden. Er hat den Werktätigen der ganzen Welt die Augen geöffnet, um sie zum revolutionären Handeln gegen unproduktive, überflüssige Klassen anzuleiten, während im vormarxistischen Sozialimus die Heilung von Ausbeutung von den unproduktiven, sogenannten „Gebildeten“ erwartet wurde. Im Leninschen Konzept vom Berufsrevolutionär finden wir eine deutlich ausgesprochene Arbeitsteilung im Emanzipationsprozess als letzten Nachklang, dass die Bourgeoisie dem Proletariat eigene Bildungselemente zuführt. 10. , „…und namentlich ein Teil der Bourgeoisideologen, welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben.“ 11. (Dem bürgerlichen Aufklärer lag aber niemals an der Überwindung der Teilung von körperlicher und geistiger Arbeit). Herausragende Mitglieder der bürgerlichen Intelligenz geben die proletarische Ideologie an geistig hervorragenden Arbeitern weiter, proletarische Ideologie und Arbeiterbewegung entstehen, wie Kautsky zu sagen pflegte, „nebeneinander, nicht auseinander, und unter verschiedenen Voraussetzungen.“ 12. Je mehr die proletarische Emanzipation voranschreitet, die Bourgeoisie in den Hintergrund gedrängt wird, desto mehr muss die revolutionäre Wachsamkeit erhöht werden, bis proletarische Ideologie als Anleitung zur völligen Vernichtung der Bourgeoisie nach dieser erfolgter sich erübrigt. Die Arbeiterbewegung ist keine Bewegung um einer Bewegung, um ihrer selbst willen, wie Bernstein es einzureden versuchte, sondern hat ein Endziel, an dem  Arbeiterbewegung und Befreiungsideologie sich wechselseitig aufheben.  Der Marxismus ist überhaupt die letztmögliche Gesellschaftswissenschaft in einer sich in Klassenkämpfen zerfleischenden Gesellschaft.

Philosophie steht danach in der Zerreißprobe,  durch Marx und Engels in der Deutschen Ideologie  als entfremdetes Bewußtsein entlarvt worden zu sein und heute als  „verstorbene Philosophie“ 13.  noch im Wissenschaftsbetrieb fortzuexistieren. Und wir wären bei der Weisheit Pascals, wahrhaft philosophieren heißt über es zu spotten. Die Klage, die Hegel über seine zeitgenössische Philosophie erhob, dass es nie ärger um sie gestanden habe, mag zwar heute auch auf das gegenwärtige philosophische Treiben passen, dies unter anderem aber auch deshalb, weil es noch immer geblendet vom Schein der Königin der Wissenschaften eine zu hohe Meinung von sich selbst hat und den Verwesungsprozess des absoluten Geistes unter dem Unwetter der Gesellschaftskritik nach Feuerbach ignoriert. Mit der Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit verlor aber die Philosophie ihre Selbständigkeit.14. Zu Recht kann hier die Frage aufgeworfen werden, warum man sich noch länger mit dieser Wissenschaft befassen sollte ? Man könnte das verwirrende Labyrinth verschiedenster Denkrichtungen, in dem man sich bewegen lernen müßte, als müßige Spielerei der Gedanken auf die Seite stellen. In diesem Knäuel hilft die von Engels formulierte Grundfrage der Philosophie nicht nur aus der Verwirrung heraus, in die man als philosophischer Laie gerät – aber wer ist auf dem Gebiet der Philosophie, in diesem Gewebe der Penelope, kein Laie ?, vielleicht aus diesem Grund bezeichnete Marx am Anfang der Schrift „Das Elend der Philosophie“ die Primadonna dieses Gewerbes und Gewebes – Hegel – als schlichten Philosophen ?  – sondern macht auch wieder den Zweck einer Auseinandersetzung mit Philosophie plausibel. „Die große Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein…Was ist das Ursprüngliche, der Geist oder die Materie ? Je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde, spalteten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen…bildeten das Lager des Idealismus. Die anderen, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehörten zu den verschiedensten Schulen des Materialismus.“15. Kritische Vorbehalte gegenüber dem Idealismus können die Fähigkeit bestärken, sich aus vorhandenen Reflexionsgittern, hinter denen sich die verschiedensten Denkrichtungen selbst gefangen halten, auch wieder zu lösen. Bekanntlich ist Philosophie eine Form gesellschaftlichen Bewußtseins, die dem Überbau angehört. Die Entfremdung, die in Philosophie und Religion mehr als in Politik ihre klarsten Ausdrücke gewinnt, konnte erst dann als eine historische Kategorie begriffen werden, nachdem man ihre Bedingungen in den ökonomischen Verhältnissen aufzeigen konnte. Einher ging die Perspektive, mit der Aufhebung der kapitalistischen Form dieser Verhältnisse werde auch die Entfremdung überwunden.Indeß ist dies nicht zugesichert, ein oft überlesener Hinweis von Lenin 16. , der verhindert hätte, dass aus „Wissenschaftlern“ Gläubige werden.

Der Streit zwischen Kantianern und Hegelianern hat heute jeglichen Reiz eingebüßt, die Konflikte zwischen Sozialisten und Konservativen verlieren an Farbe, weil der weltgeschichtliche Wendepunkt im Oktober 1917 den Horizont eröffnete, daß der Mensch seine politisch-philosophisch-religiöse Schlangenhaut abwerfen könne und ein natürliches Individuum in der menschlichen Gesellschaft als Aufhebung der kommunistischen werde. Diese Perspektive war vom Standpunkt des alten Materialismus nicht aufzeigbar. „Der Standpunkt des alten Materialismus ist die bürgerliche Gesellschaft, der Standpunkt des neuen die menschliche Gesellschaft oder die vergesellschaftete Menschheit.“ 17.  Die in aufsteigender Linie verlaufende Ablösung der verschiedenen ideologischen Formen: Philosophie emanzipierte sich aus religiöser Bevormundung, Politik hatte die Souveränität der Philosophie zu Recht nie ganz anerkannt – diese Ablösungsprozesse können zur Einsicht verhelfen, dass zunächst jede Theorie an das vorhandene Gedankenmaterial anknüpfen muss. „Als bestimmtes Gebiet der Arbeitsteilung hat die Philosophie jeder Epoche ein bestimmtes Gedankenmaterial zur Voraussetzung, das ihr von den Vorgängern überliefert worden und wovon sie ausgeht.“ 18.  So kann jeder Denker seine Originalität nur in der ablösenden Kritik seiner Ausgangsbedingungen entwickeln. Nur Weniges reizt den kriminalistischen Sinn der Biographen großer Denker mehr als dieser Bruch mit dem noch fremddeterminierten Ausgangsdenken, aus dem sich erst eine eigene philosophische Position entwickelte. Die jeweils besten Schüler erkennt man an der treffsichersten Ermordung ihrer Väter 19. : Hegel gewann seine spekulative Dialektik durch die Überwindung seines jugendlichen Kantianismus. Eine Tötungsabsicht an Hegel lag bei Feuerbach vor, aber es ist der Fall eines gescheiterten Mordes. „Rückwärts stimme ich den Materialisten zu, aber nicht vorwärts“, pflegte er zu sagen. Marx war anfangs ein begeisterter Feuerbachianer, bis in der 11. Feuerbachthese der für die europäische Philosophietradition entscheidende Bruch vollzogen wurde: statt bloßer Weltinterpretation, bei der Reflexion bisher verweilte, komme es auf Umwälzung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse an, weil es sich für den praktischen Materialismus darum handelt, die Dinge praktisch anzufassen. Darin liegt, dass in der Regel nur der praktisch tätige Revolutionär im Dienst der praktisch produktiv tätigen Arbeiterklasse als Mitglied ihrer Partei die Wirklichkeit richtig widerspiegeln kann, kommunistisches Bewußtsein ist aber nicht exclusiv. 20. Marx tötete Hegel nicht allein, sondern es bedurfte der Sekundanz von Friedrich Engels. Aber Hegels Leiche wurde nicht in einen Teich geworfen, sondern beide haben Hegels Leiche zeitlebens mit sich rumgeschleppt.  Friedrich Engels hat einen weiteren „Vatermord“ begangen. Hören wir den Vater: „… vor Jahren schickte mir ein Handlungsbeflissener namens Engels aus Barmen Briefe über das Wuppertal. Ich korrigierte sie, strich die Persönlichkeiten, die zu grell waren, und druckte sie ab. Seither schickte er manches, das ich regelmäßig umarbeiten mußte. Plötzlich verbat er sich diese Korrekturen, studierte Hegel … und ging zu anderen Organen über … So sind die Neulinge fast alle. Uns verdanken sie, daß sie denken und schreiben können, und ihre erste Tat ist geistiger Vatermord“. 21.

Auch Nietzsches bekannter Ausspruch: „Früher verehrte ich die Philosophen !“ gehört hierher, ebenso der Schritt, den Regis Debray, ein Freund Fidel Castros,  vollzog, als er seine Professur für Philosophie in Havanna aufgab, um sich den Guerilleros Guevaras in den bolivianischen Wäldern anzuschließen. 22. Diese Absetzbewegungen deuten auf den Sinn von Philosophie hin, Anregungen zur produktiven Weiterbildung der in ihr dargelegten Stoffülle, also ihrer selbst und damit gleichzeitig auch des über ihr Reflektierenden zu geben. Diese offen angelegte Interpretation der gesellschaftlichen Bedeutung der Philosophie gibt den Raum frei zur, wenngleich mühseligen Erarbeitung neuer Dimensionen und weist als erfolgreiches Studium der Philosophie nicht so sehr die Beherrschung verschiedener Philosophien und detaillierte Kenntnis ihrer Geschichte aus, sondern die Überwindung der Stufe  bloßen Erlernens und das heißt bloßen Imitierens. Erst dann erweist sich die Geschichte der Philosophie als etwas anderes denn Aneinanderreihung von Epigonen zu sein. Diese Ablösung von vorgegebener Philosophie ist bei der hegelschen nun besonders schwierig, Marx und Engels schrieben in der „Heiligen Familie“, selbst die Linkshegelianer wären nie aus dem Käfig der Hegelschen Anschauungsweise herausgekommen.  23. Hegel hatte sich ja entschieden gegen das intellektuelle Elitedenken Schellings ausgesprochen und an Stelle der intellektuellen Anschauung eine Konzeption entworfen, die die Erreichung der Einsicht in die Wissenschaft als absolutes Wissen, als das Wahre in der Form des Wahren, für jeden möglich machen will, diese Aufgabe wurde speziell der Phänomenologie des Geistes zugewiesen, die jedes verständig denkende Bewußtsein bis zur absoluten Einsicht führen soll. „Die verständige Form der Wissenschaft ist der Allen dargebotene und für alle gleichgemachte Weg zu ihr, und durch den Verstand zum vernünftigen Wissen zu gelangen, ist die gerechte Forderung des Bewußtseins, das zur Wissenschaft hinzutritt, denn der Verstand ist das Denken, das reine Ich überhaupt, und das Verständige ist das schon Bekannte und das gemeinschaftliche der Wissenschaft und des unwissenschaftlichen Bewußtseins, wodurch dieses unmittelbar in jene einzutreten vermag.“ 24. Schwerer als die Introduktion in Hegel ist, worauf Karl Löwith aufmerksam gemacht hat, die Distanzierung von ihm. Man muß sich in Hegel hineindenken, ohne in seinen Bann zu geraten. Marx begegnete dieser Gefahr, ja im „Kapital“ war er so sicher, daß er mit spezifishen Formulierungen des „schlichten Philosophen“, so nannte Marx ihn am Anfang des Elends der Philosophie, kokettierte. Dieser Schwierigkeit könnte man ausweichen und stattdessen Thomas Paine folgen, der zugab: ich las wenig Bücher und dachte mehr für mich selbst. Paine aber vertraute dem gesunden Menschenverstand, den die hegelsche Vernunft aufheben wollte. Der geschichtlich interessierte, weltoffene und mit einem enzyklopädischen Wissen ausgerüstete Hegel, ein Polyhistor wie vielleicht vor ihm nur Aristoteles und Leibniz, richtete sich auf die Totaltransparenz der Welt, auf absolutes, nur der Vernunft zugängliches Wissen, das den ganzen Reichtum der absoluten Idee tragen konnte. „Der Verstand bestimmt und hält die Bestimmungen fest, die Vernunft ist negativ und dialektisch, weil sie die Bestimmungen des Verstandes in nichts auflöst, sie ist positiv, weil sie das Allgemeine erzeugt und das Besondere darin begreift.“ 25. In der Berliner Antrittsvorlesung „Anrede an meine Zuhörer“ aus dem Jahr 1818 drückt Hegel die ganze Tiefe und Intensität seines Bemühens aus, die die Hegelepigonen in eine Art Abhängigkeitssucht 26.  in die  „idealistische Superstruktur“ 27. trieb: „Ich hoffe, es wird mir gelingen, ihr Vertrauen zu verdienen und zu gewinnen. Zunächst aber darf ich nichts in Anspruch nehmen, als daß sie vor allem Vertrauen zu der Wissenschaft und Vertrauen zu sich selbst mitbringen. Der Mut der Wahrheit, der Glaube an die Macht des Geistes ist die erste Bedingung der Philosophie. Der Mensch, da er Geist ist, darf und soll sich selbst des Höchsten würdig achten, von der Größe und Macht seines Geistes kann er nicht groß genug denken. Und mit diesem Glauben wird nichts so spröde und hart sein, das sich ihm nicht eröffnete. Das zuerst verborgene und verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft, die dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte, es muß sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse geben.“ 28.  Indem Hegel von der Größe und Macht des Geistes schwärmt, steht er in der großen Tradition des von Descartes begründeten Rationalismus. Auch das Vertrauen zur Wissenschaft und zu sich selbst wird beschworen vor dem Hintergrund der Autonomie des je individuellen Selbstbewußtseins, eine ebenfalls von Descartes begründete Autonomie, sein „Ich denke“ ist nicht nur idealistisch betrachtet Bedingung physischer Existenz, sondern auch Ausgangspunkt einer Emanzipation  des seiner selbst bewußten Selbstbewußtseins (cogito me cogitare), das zu allem, was gelten soll, seine Zustimmung geben muß. Diese cartesianische Selbstbewußtseinsautarkie widerstand ja nicht nur dem radikalen Zweifel, sondern war selbst erst dessen Produkt. Dieser zersetzende Zweifel ist Grundbedingung genuinen Philosophierens und begegnet dem Dogmatismus. Bekanntlich lautete die philosophische Maxime von Marx: „An allem ist zu zweifeln.“  29.  Zweifel hegte er nicht nur am Primat des Weltgeistes, der nach Hegels Intention als Grundlage allem  Materiellen vorstehen sollte, sondern auch an der von ihm beschworenen Herrlichkeit der Philosophie, die Marx zusammen mit Engels als Ideologie entlarvte, die sich speziell in Deutschland zu so einer hohen Blüte ausbilden konnte, dem Land, in dem wir im Luftreich des Traumes die Herrschaft ganz unbestritten besitzen. (Heinrich Heine). Philosophie ist vor allem deshalb Ideologie, weil sie die Erzeugung der Ideen nicht als unmittelbar verflochten mit der materiellen Tätigkeit der ihr Leben produzierenden Menschen sieht. Es könnte demnach zu ihrer Auflösung angesetzt werden, die Einsicht muß gewonnen bleiben, daß das Bewußtsein nur bewußtes Sein ist, eine Einsicht, die Grundbedingung jeglicher Ideologiekritik ist. Denn in der Ideologie stellen die Denker die wirklichen Verhältnisse wie in der camera obscura auf den Kopf. Die Antike konnte nicht von der Politik und das Mittelalter nicht vom Katholizismus leben, sagt Marx in der 23. Anmerkung im Kapital. 30. In der Vorrede zur Phänomenologie hat Hegel richtig gesehen, daß sich für das natürliche Bewußtsein die Philosohie tatsächlich als verdreht vorstellt, nur wollte er das Individuum zur Philosohie bekehren und nicht deren Heiligenschein den ihrer Macht bewußt werdenden Völkern opfern. „Wenn der Standpunkt des Bewußtseins, von gegenständlichen Dingen im Gegensatze gegen sich selbst und von sich selbst im Gegensatze gegen sie zu wissen, der Wissenschaft als das Andre – das, worin es sich bei sich selbst weiß, vielmehr als Verlust des Geistes gilt -, so ist ihm dagegen das Element der Wissenschaft eine jenseitige Ferne, worin es nicht mehr sich selbst besitzt, jeder von diesen beiden Teilen scheint für den anderen das Verkehrte der Wahrheit zu sein. Daß das natürliche Bewußtsein sich der Wissenschaft unmittelbar anvertraut, ist ein Versuch,  den es, es weiß nicht von was angezogen macht, auch einmal auf dem Kopfe zu gehen, der Zwang, diese ungewohnte Stellung anzunehmen und sich in ihr zu bewegen, ist eine so unvorbereitete als unnötig erscheinende Gewalt, die ihm so unvorbereitete als unnötig erscheinende Gewalt, die ihm angemutet wird sich anzutun.“ – Die Wissenschaft sei an ihr selbst, was sie will, im Verhältnisse zum unmittelbaren Selbstbewußtsein stellt sie sich als ein Verkehrtes gegen dieses dar, oder weil dasselbe in der Gewißheit seiner selbst das Prinzip seiner Wirklichkeit hat , trägt sie, indem es für sich außer ihr ist, die Form der Unwirklichkeit. Sie hat darum solches Element mit ihr zu vereinigen oder vielmehr zu zeigen, daß und wie es ihr selbst angehört. Als solcher Wirklichkeit entbehrend, ist sie nur der Inhalt, als das Ansich, der Zweck, der erst noch ein Innres, nicht als Geist, nur erst geistige Substanz ist. Dies Ansich hat sich zu äußern und für sich selbst zu werden, dies heißt nichts anderes als: dasselbe hat das Selbstbewußtsein als eins mit sich zu setzen.“ 31. In der Deutschen Ideologie wollten Marx und Engels in direkter Entgegensetzung zum hegelschen Idealismus nicht vom Himmel auf die Erde, sondern umgekehrt von der Erde zum Himmel steigen, nicht von den Einbildungen der Menschen ausgehen, sondern vom wirklichen materiellen Lebensprozess.  Sind diese Einbildungen, wie sie nachweisen, nur „Reflexe und Echos“ wirklicher Lebensprozesse, so verlieren sie ihre vorgegebene Selbständigkeit. „Nicht das Bewußtsein des Menschen bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein.“ 32. Hiervon ausgehend wird im Marxismus besonders Wert auf das Studium der Geschichte der tätigen Lebensprozesse gelegt, „…dieses fortwährende sinnliche Arbeiten und Schaffen…“ 33.  und die Geschichte der Ideen als eine davon abzuleitente begriffen. Studiert man die Geschichte der  „Großen Industrie“ , und im Grunde hat Marx im Kapital weitgehend nichts anderes getan, setzt man exakt dort an, wo der Idealismus endet. Feuerbachs Philosophieren ist grenzwertig, er geht soweit wie ein Philosoph überhaupt gehen kann. 34. Im Kapital geht es Marx um die „Logik der Sache“ WARE GELD KAPITAL und ihre Fetischformen, Hegel ging es immer nur um die „Sache der Logik“ SEIN WESEN BEGRIFF in idealistischer Fetischform. Entdeckte jener die Bewegungsgesetze der menschlichen Gesellschaf , so dieser den sich als Begriff erfassenden Begriff. In der hegelschen Philosophie aber wird der Idealismus selbst schon transzendiert, wenn auch die reine Spekulation den weltanschaulichen Durchbruch verhinderte. Immerhin hat Hegel im Gegensatz zu Kant eine geschichtliche und gesellschaftliche Thematik in die Entwicklung des erkennenden Bewußtseins  aufgenommen, aber diese diente eben nur zur Bestätigung der Phrase vom absoluten Geist. Diese Phrasen aber sollen aufhören und wirkliches Wissen an ihre Stelle treten. Damit kommen wir zum Ausgangspunkt zurück: die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium. In seiner „Rede an meine Zuhörer“ hat Hegel den ergriffen Lauschenden mit heiligem Ernst angemahnt: „Ich habe mein Leben der Wissenschaft geweiht !“  – der Weltgeist war in der Stille der Berliner Universität  zu sich selbst gekommen. Heute ist eine akademische Hingabe nicht mehr ausreichend.  Die Völker der Erde sind aufgestanden und streben ihrem Glück zu, die „Große Unruhe“ hat den Weltgeist aus der Heimat seiner Innerlichkeit  herausgerissen. Wir stehen in einer entscheidenden Phase der Weltgeschichte und sind in einem Aufbruch begriffen, in dem die Geschichte einen Ruck getan, einen gewaltigen Sprung: alle bisherigen Vorstellungen sind in sich zusammengesunken wie Traumbilder im Augenblick des Erwachens . Licht, Sonne, Aufklärung in die Herzen und Hirne der arbeitenden Völker. 35.Wir haben uns nicht nur der Wissenschaft hinzugeben, wir haben unser Leben der Revolution Lenins zu weihen. Vornehm verinnerlichte Intellektuelle mögen das orthodox heißen.36.


1. Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,38

2. Eine von gesellschaftlichen Prozessen unabhängige Philosophie ist unmöglich, denn alles die Wirklichkeit Transzendierende bleibt auf diese zurückverwiesen. Engels mußte gegenüber dem mathematischen Apriorismus Dührings den unentrinnbaren Wirklichkeitsbezug der Mathematik nachweisen. Sie ist wie alle anderen Wissenschaften aus den Bedürfnissen der Menschen hervorgegangen. (Vergleiche Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972, 46). Auf Wirkliches zurückverwiesen bleiben wir selbst im Traum, dessen Bilder sich nur „nach dem Muster wahrer Dinge“ (Rene Descartes, Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1993,17) abmalen können. Und wie für Aristoteles Staunen am Anfang des Philosophierens stand, so für Descartes Zweifeln und Träumen. Die Arbeitsteilung zwischen körperliche  und geistige Arbeit verführt letztere immer wieder zum Träumen, das gerechtfertigt ist, wenn es zur Überwindung der Teilung mithilft. Der Utopismus war in der Arbeiterbewegung im Stadium ihrer Unreife unausbleiblich, der Zweifel am Arbeiter- und Bauernparadies allemal. Dieses ist nicht zugesichert. (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1060, 483f.) Das Träumen im revolutionären Sinne ist demnach stimulierend und unausbleiblich, auch Lenin träumte davon, dass aus den russischen Arbeitern „Bebels emporsteigen …Das ist es, vowon wir träumen müssen !“ (Lenin, Was tun ? Brennende Fragen unserer Bewegung, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1955,529). „Träume solcher Art gibt es leider in unserer Bewegung allzuwenig. Und schuld daran sind hauptsächlich diejenigen, die sich damit brüsten, wie nüchtern sie seien und wie „nahe“ sie dem „Konkreten“ stünden…(a.a.O.,530).

3. Wilhelm Dilthey, Das Erlebnis und die Dichtung, Leipzig und Berlin, 1919.

4. Schon im 17. Jahrhundert verbreitete Pierre Bayle (1647 bis 1706) in seinem Commentaire philosophique(1686 bis 1687), dass es tugendhafte Atheisten gibt. Die vorrevolutionäre Klassenspaltung zeichnete sich auch auf dem Gebiet der Theorie ab, insofern sich zwei Parteien befehdeten: die „parti des philosophes“ und die „parti dévot“.

5.Robespierre: Über die politische Lage der Republik 17.11.1793, in: Reden der französischen Revolution, dtv text-bibliothek, München 1974,323. Den Gegensatz zwischen arm und reich nutzten die Ideologen der Bourgeoisie im Vorfeld der Revolution aus, diese als Vertreterin der ganzen leidenden Menschheit hinzustellen.

6. Ohne revolutionäre Praxis wird Dialektik als Prozesswissenschaft das Sich-Selbst-Erfassen der Gesetzmäßigkeit der Prozesse in immanenter Selbstreflexivität dialektisch widergespiegelter  dialektischer Gesetze. Geschichte ist dann Prozess der Selbsterkenntnis ihrer Gesetze, daher fallen für Hegel das Ende der Philosophie als dialektischer Prozesswissenschaft mit dem Ende der Geschichte zusammen. („So ist für Hegel alles, was geschehen ist und noch geschieht, genau das, was in seinem Denken vor sich geht. So ist die Philosophie der Geschichte nur mehr die Geschichte der Philosophie, seiner eigenen Philosophie“. Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Marx Engels Ausgewählte Werke Band I, Dietz Verlag Berlin, 1974,286). Durch die revolutionäre Praxis hingegen fallen revolutionäre Veränderung der Umstände und Selbstveränderung des Revolutionärs zusammen: „Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.“  (Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3,6). Sehr folgerichtig verrennt sich dagegen Hegel in eine Sackgasse der Distanzierung von allem Weltlichen und in das inzestuöse Zuhausesein der Philosophie in seiner spekulativen Religionsphilosophie: Philosophie sei „…ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie.“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, von Hermann Glockner, Band 16, Stuttgart Bad Canstatt 1965, Friedrich Fromann Verlag,356). Ganz in diesem Sinne ist die Bemerkung von Josef Dietzgen dem Älteren zu verstehen,daß die Philosophen überwiegend diplomierte Lakaien der Pfafferei seien.

7. Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie Einleitung, MEW 1, Dietz Verlag Berlin 1965,384

8. Hegel spricht von einer Gallerie der Großen Geister, von den Heroen der denkenden Vernunft. Deren geistiges Wirken hat aber weder den ersten noch den zweiten Weltkrieg verhindert. Schon Plato musste die bittere Wahrheit kosten, dass es zwecklos war, den Tyrannen Dionysius von Sizilien durch seine philosophischen Lehren zu bessern und die „während der langen Zeit tief eingedrungene Farbe der Tyrannei zu vertilgen.“ (Plutarch, Über Philosophen und Fürsten, in: Klassiker des Altertums, Erste Reihe, Ausgewählt und herausgegeben von Heinrich Conrad, Dreizehnter Band, Verlegt bei Georg Müller, München und Leipzig, 1911, 251). Plutarch aber verwirft das philosophische Ideal einer Fürstenerziehung keineswegs: „Ein Mensch, an dem die Lehren der Philosophie haften sollen, muss noch rein und unbefleckt sein.“ (a.a.O.). In der Tat haben Philosophen Fürstenkinder erzogen mit dem Vorsatz, durch „die Liebe zum Guten“ (a.a.O.,245) das Wohl eines ganzen Volkes zu befördern. Der staatsphilosophischen Tradition ging nicht auf, dass sie über den Ratschlägen zum besten Regieren der Völker ihren genuin volksfeindlichen Charakter offenbarte, insofern sie sich auf Herrschaft und ihren Verstrickungen eingelassen hatte. Die humanistische Hoffnung der Menschheit rührt eben nicht aus der platonisch christlichen Tradition her, die immer obrigkeitsstaatlich duckmäuserisch-inhuman orientiert war, sondern aus dem stolzen Satz Saint Justs, dass das Volk nur einen Feind habe und der sei seine eigene Regierung. Auch die Parole des Spartakisten: Der Hauptfeind steht im eigenen Land ! birgt in sich die Sprengkraft des Humanen.

9. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Marx Engels Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,270

10. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin, 1984,40

11.a.a.O.,29

12. Siehe Lenin, Was tun ? Brennende Fragen unserer Bewegung, Lenin Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin, 1955,394f. Hieran ist auch die Maotsetungidee zu messen, dass richtige Ideen aus dem Klassenkampf kommen, nach Kautsky und Lenin entwickelt sich aus diesem keine selbständige Ideologie, ist sozialistisches Bewußtsein nicht etwas aus dem proletarischen Klassenkampf Emporsteigendes. Sonst bliebe unerklärbar, dass eines der ökonomisch rückständigsten Länder Europas den Marxismus hervorbrachte. Das Deutsche Volk war vielmehr das theoretischte Volk Europas : „Ohne Vorausgang der deutschen Philosophie, namentlich Hegels, wäre der deutsche wissenschaftliche Sozialismus – der einzige wissenschftliche Sozialismus, der je existiert hat – nie zustande gekommen.“ (Friedrich Engels, Vorbemerkung zur Broschüre: Der deutsche Bauernkrieg, ).

13. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin 1972,34. Adorno gebrauchte den Ausdruck „ausgelaugte Philosophie“. (Theodor W. Adorno, Theorie der Halbbildung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Erste Auflage 2006, 9)

14. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideolgie, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1965,27

15. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, Dietz Verlag Berlin 1965,274

16. Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960, 483f.

17.Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3, Dietz Verlag Berlin 1965, 535

18.Friedrich Engels, Brief an Conrad Schmidt 1890, MEW 37, Dietz Verlag Berlin 1965,493

19. „Aristoteles hat gegen mich ausgeschlagen, wie es jungen Füllen gegen die eigene Mutter tun.“ (Plato), in: Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Felix Meiner Verlag Hamburg 1967, V Buch, Erstes Kapitel,241. 1848 notierte Kierkegaard in sein Tagebuch: „Der Jünger führt in einem gewissen Sinn eine verkrüppelte Existenz, solange der Meister mit ihm lebt. Der Jünger kann in einem gewissen Sinn nicht dazu gelangen, er selbst zu sein“.

20. Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin,1969,69

21. Brief von Karl Gutzkow an Professor Alexander Jung, in: Peter Demetz, Der junge Engels, in: Der Monat, Nr. 127, April 1959,51

22. 1967 gefaßt und nach Folterungen 1970 durch Intervention höchster Stellen aus der Haft entlassen, war er als Berater des französischen Präsidenten Mitterand  tätig.

23. Karl Marx / Friedrich Engels: Die Heilige Familie, trediton Verlag, Hamburg, o.J.,115

24.Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenolgie des Geistes, Ullstein Verlag Frankfurt am Main Berlin Wien 1973,19

25. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik, Theorie Werkausgabe Band 5, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1966,16

26. Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,19

27.a.a.O.,36

28. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Antrittsvorlesung Berlin 1818.

29. Es gibt sieben gute Gründe, Marxist zu sein. An allem ist zu zweifeln, alles fließt, es ist eine Unsicherheit in der Welt. Der Maßstab zur Beurteilung ist ein sich ständig wandelnder. Engels schreibt in einem sehr späten Werk, dass sich nach der 48er Revolution alle, einschließlich Marx, über die in Kürze zu erwartenden neuen Revolution geirrt hatten. Sie zögerte und zögerte sich hinaus, ähnlich wurden ja die Revolutionserwartungen der Bolschewiki nach 1917 enttäuscht. Ich für mich bin kein Marxist, pflegte Marx zu sagen und Lenin ging beim Studium der hegelschen Logik auf, dass seit einem halben Jahrhundert kein Marxist das „Kapital“ verstanden hätte. Kommt noch in dem bereits angesprochenen Spätwerk von Engels, der Einleitung zu den „Klassenkämpfen in Frankreich“  hinzu, dass Engels eine unauslöschliche Fehlerquelle im historischen Materialismus angibt: bei Beurteilung von Ereignissen aus der Tagesgeschichte „wird man nie imstande sein, bis auf die LETZTEN (kursiv von Friedrich Engels) ökonomischen Ursachen zurückzugehn.“ (Friedrich Engels, Einleitung zu: „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 185o von Karl Marx (1895)“, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975, 669). Und in seiner parteiprogrammatischen Schrift „Was tun ?“ weist Lenin schonungslos auf die Tatsache hin, daß das Unvermögen in der organisatorischen Arbeit auch denen eigen ist, „die von Anfang an fest auf dem Boden des revolutionären Marxismus standen.“ (Lenin, Was tun ? Brennende Fragen unserer Bewegung, Lenin Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin, 1955,460). Das sind die Voraussetzungen, um eine bürgerliche Welt aus den Angeln zu heben.

30. Karl Marx, Das Kapital, Marx Engels Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin,1972,96

31. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phönomenologie des Geistes, Ullstein Verlag Frankfurt am Main Berlin Wien, 1973,25f.

32. Karl Marx und Friedrich Engels, Die deutsche Ideolgie, MEW 3, Dietz Verlag Berlin 1965,27

33.a.a.O. Feuerbach kommt „nie dazu, die sinnliche Welt als die gesamte lebendige sinnliche Tätigkeit der sie ausmachenden Individuen aufzufassen“. (a.a.O.,45) Diesen großen Bogen musste also die hegelsche nachhegelsche linkshegelsche feuerbachische „sinnliche Gewißheit“ schlagen, um zu landen bei: die sinnliche Welt als die gesamte lebendige Tätigkeit der sie ausmachenden Individuen.

34. Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,42

35. Gebrochen werden soll mit der  Herrschaft der Vergangenheit über die Gegenwart, in der die sture Herr Knecht Konstellation konserviert wird qua Vermehrung der aufgehäuften Arbeit durch die lebendige. (Siehe Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin, 1984, 39f.)

36. Awilow sagte über Lenin, dass er „orthodox“ sei, für Lenin war das Orthodoxe aber etwas Lebendiges. (Vergleiche Lenin, Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland, Anhang II, in: Lenin Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1956,654)

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Scharnhorst, Clausewitz und die deutsche philosophische Militärtradition

14. November 2010

Lenin setzte sich mit dem Fundamentalwerk „Vom Kriege“ des preußischen Generalmajors und Kriegsphilosophen Carl von Clausewitz nur als Politiker, nicht als Militärfachmann auseinander, die Bezeichnung Militärexperte hat Lenin abgelehnt und sich während des Bürgerkriegs geäußert, dass es für ihn bereits zu spät sei, die Kriegskunst noch zu erlernen. 1. Lenin zollte dem Nichtmarxisten Clausewitz aber immer Anerkennung für dessen Erkenntnis des vielgestaltigen Wechselverhältnisses zwischen Krieg und Politik, dass die Politik den Krieg gebiert.

Stalin bezeichnete es in einem Brief an den Oberst Rasin als töricht, heute noch bei Clausewitz militärisch in die Schule gehen zu wollen, Deutschland habe im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege verloren und die deutsche Militärphilosophie habe ihre welthistorische Prüfung nicht bestanden.  Clausewitz 2. gehöre der Manufakturepoche an und seiner Theorie komme daher heute nur noch wenig Gewicht zu. (Engels assoziierte einmal die proletarische Revolution mit der Kriegführung, jene schaffe nicht die auf dem neusten Stand der Technik stehende Industrie ab, diese potenziere Massenhaftigkeit und Mobilität der Armee. 3.  Engels wies uns auch auf die enge Verflechtung zwischen Ökonomie und Militärwesen, öconomischer und militärischer Potenz hin: „Nichts ist abhängiger von öconomischen Vorbedingungen als gerade Armee und Flotte“ 4.). Überhaupt enthalte der Brief des Obersten und Professors an der Militärakademie an Stalin, in dem er um eine Einschätzung Clausewitzens bat, zuviel Philosophie.

„Zuviel Philosophie“ enthält auch der Aufsatz des Kapitäns zur See Prof. Dr. Wolfgang Scheler: „Clausewitz und das militärtheoretische Denken in der DDR“ 5. In diesem Aufsatz versucht Scheler eine Brücke zu schlagen zwischen der revisionistischen Clausewitzrezeption in der DDR und imperialistischen Militärkreisen in der BRD. Ausdrücklich bezieht sich Scheler auf die Clausewitzsche Auffassung, dass Erfahrung und Philosophie sich gegenseitige Bürgschaft leisten müssten. 6. Gelehrte vom Fach sind sich bis heute nicht einig, ob mehr die Hegelsche oder Fichtesche, also Idealismen , auch etwas kantische agnostische Philosophie auf Clausewitz eingewirkt habe, die marxistische Clauswitzkritik muss sich aber gerade gegen diese bürgerliche Philosophien und überhaupt  sehr wachsam gegen jede Aufwertung der Philosophie verhalten. In ihren jungen Jahren schrieben Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie“: „Die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium“ 7. und Engels wies folglich in einer Spätschrift von 1880 der Philosophie einen engen Rahmen zu, hatte sie von Natur und Geschichte amputiert:es bleibt der Philosophie nur noch die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen: „…die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.“  8.  Es ist daher gewagt, wenn Professor Scheler behauptet, die Verbindung von Philosophie und Erfahrung verhindere beim Soldaten den Verlust der Wirklichkeitsnähe. Philosophie kann auch zur Wirklichkeitsferne führen, was Marx und Engels an damals bekannten Linkshegelianern (Feuerbach, Stirner, Bruno Bauer…u.a.) bewiesen. Der/die  proletarische Klassenkämpfer/in muß vor allem  dialektisch denken können.  Ab 1980 sieht Scherer sicherlich zu Recht eine Aufwertung Clausewitzens in der NVA, die er positiv sieht ohne Sensibilität für die verhängnisvolle revisionistische Gefahr. „Clausewitz´ Theorie des Krieges und kriegswissenschaftliche Erkenntnismethode wurde zum Schlüssel für die Umwälzung, die sich in den achtziger Jahren im Denken über Krieg und Frieden, militärische Gewalt und Sicherheit in der DDR vollzog und schließlich auch die militärdoktrinären Auffassungen und das militärwissenschaftliche Lehrsystem erfassten. Weil der Zweck des geistigen Ringens immer der Lösung politisch hochbrisanter Sachfragen galt, blieb fast unbemerkt, wie das Clausewitzsche Denken wieder zu seinem Recht kam. Um so mehr wirkte Clausewitz nun aber in die Tiefe des öffentlichen Bewußtseins“. 9. Mit diesen Ausführungen wird –  nebenbei bemerkt – der revolutionären Wachsamkeit in der NVA kein gutes Zeugnis ausgestellt, denn es führt zu einer erstaunlichen Konsequenz: ein Royalist konzipert die proletarische Klassenkriegstheorie,  hier ein Royalist befangen in einem idealistischen und obrigkeistsstaatlichen Denkstil. Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, in welchem ideologischen Rahmen  die preußische Militärphilosophie ihre aparten Fäden nur spinnen konnte. Schon bei Scharnhorst, den Clausewitz als seinen geistigen Vater bezeichnete 10. , können wir eine Abneigung gegen revolutionäre Umwälzungen bemerken, er ist deshalb zu Recht auch lediglich als Reformer in die deutsche Militärgeschichte eingegangen. Zwar lagen nach  Scharnhorst die Ursachen für die teilweise deprimierenden Niederlagen der royalistischen Armeen gegen die französischen Revolutionsheere tief in den inneren Verhältnissen der Monarchien und ihrer veralteten Heeresverfassungen, aber er kritisierte das Alte „ohne einen wegwerfenden Blick“ 11. Es mag diese spezifisch deutsche, philosophisch versauerte Intellektualatmosphäre gewesen sein, die Clausewitz vom Krieg als von einem „Halbding“ sprechen lassen konnte, „ein Widerspruch in sich und nicht seiner eigenen, sondern der Logik der Politik folgt…“ 12. , was ja durchaus für eine bürgerliche Kriegstheorie ein fruchtbarer Keim sein kann, gerade der Kleinbürger liebt den Widerspruch, der aber für die proletarische Kriegstheorie nicht mehr als eine Anregung bleibt. Das Proletariat braucht den Krieg nicht als Halbding, sondern rüstet zum letzten totalen Gefecht, das in absoluter Vernichtungsfeindschaft gegen die Bourgeosie geführt wird und den Bürgerkrieg „in seiner fürchterlichsten Form“ 13. beinhaltet. Es geht um das Entscheidende, die Herausbildung der sich befreienden werktätigen Massen aus der kapitalistischen Barbarei, um die Überwindung der sich bisher in Klassenkämpfen bewegenden Weltgeschichte und damit auch jeglicher Politik, die immer Ausdruck von Herrschaft des Menschen über den Menschen, von Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist. Clausewitz stellte lediglich die Überlegung an, zu solchen Kriegen herunterszusteigen, „…die in einer bloßen Bedrohung des Gegners und in einem Subsidium des Unterhandelns bestehen…Die ganze Kriegskunst  verwandelt sich in bloße Vorsicht, und diese wird hauptsächlich darauf gerichtet sein, dass das schwankende Gleichgewicht nicht plötzlich zu unserem Nachteil umschlage und der halbe Krieg sich in einen ganzen verwandle“. 14. Hier liegt der dialektische Hase im Pfeffer, denn das plötzliche Umschlagen von Quantität in Qualität lehrte bereits Hegel, dessen Systemphilosophie zwar gegen die in Frankreich sieghafte bürgerliche Aufklärung die Metaphysik restaurierte, aber innerhalb dieser Restauration fruchtbare dialektische Gedanken darlegte. Und mit einer derartig von dialektischen Sprüngen gereinigten Theorie will Scheler durch Clausewitz eine Zukunftsperspektive für das wiedervereinigte Deutschland mit seiner imperialistischen Armee anvisieren. Und ein kleiner Steg ist ja auch gebaut worden: einige durch Clausewitz geläuterte reaktionäre Offiziere der NVA und der Stasi sind dann auch in Bundeswehr und Polizei integriert worden. Die Entwicklung verläuft indeß anders, denn die natürliche Geschichte und die geschichtliche Natur zeigen, dass die Dauer eines Gleichgewichts nur relativ ist und dieser Theorie, hinter der sich die Unterdrückung der Volksmassen verbirgt, den Todesstoß geben wird. Die obrigkeitsstaatliche Gesinnung von Clausewitz wird deutlich, wenn er von der „wunderlichen Dreifaltigkeit des Krieges“ spricht, in der dem Volk nur der „blinde Naturtrieb“ des Hasses und der Feindschaft bleibt, dem Feldherren und seinem Heer aber „Mut und Talent“ und der Regierung der Verstand der Politik. Staatsgebilde kommen offensichtlich ohne Hierarchiegebilde nicht aus und stehen dann immer in der Tradition von Platons Politeia 15., alle haben die Sklaverei zur Basis.  Ganz anders Lenin. In einer Periode des revolutionären Sprungs erwachen „… Millionen getretener Menschen zu Verstand und Vernunft…“ 16., legen also ihre Blindheit ab. Der sowjetische Militärexperte Maryganow entwickelte schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg  die These, dass die  Lehre von den moralischen Faktoren  Clausewitz nur entwickelt habe, um die Volksmassen zum Krieg für die verbrecherischen Ziele der preußischen Junker zu mobilisieren. 17. Engels bezeichnete die Volkserhebung gegen Napoleon lediglich als eine halbe Insurrektion, ist man sehr wohlwollend, so kann man Clausewitz eine Negation des feudalabsolutistischen Kriegswesens zubilligen, aber die Geschichte bleibt beim bürgerlichen Militärwesen nicht stehen, sondern entwickelt immer radikalere Negationen, man kann den Ruf „Zurück zu Clausewitz“ in gewisser Weise vergleichen mit dem revisionistischen Ruf auf dem Gebiet der Philosophie „Zurück zu Kant“. So hatte denn auch Clausewitz ab 1806 bei dem Kantianer Professor Kiesewetter philosophische Vorträge gehört.

Insbesondere war es ja der Volksschädling Gorbatschow, der sich den imperialistischen Aggressoren mit der Phrase vom „Gleichgewicht der Vernunft und des guten Willens“ 18. anbiederte, das es in Klassengesellschaften letztendlich nicht gibt, in denen ein „bald versteckter, bald offener Kampf“ 19. herrscht. Diese Phrase hätte auch Kant in Königsberg mit Wohlwollen aufgenommen, da die Vernunft „…vom Throne der höchsten moralisch gesetzgebenden  Gewalt herab den Krieg als Rechtsgang schlechterdings verdammt, den Friedenszustand dagegen zur unmittelbaren Pflicht macht.“ 20.  Die Idee des Gleichgewichts in naturgeschichtlichen Prozessen ist in der philosophischen Diskussion zur Zeit der Industrialisierungsdebatte von A. Bogdanow vertreten worden, der sie in seinem Werk „Die Tektologie“ als „…das Wesen der materialistischen marxistischen Auffassung der Dialektik …“ 21.  bezeichnete. Was damals gegen diese These eingewendet wurde, ist nachzulesen in N. Karews Aufsatz „Die Theorie des Gleichgewichts und der Marxismus“:“…daß alle jetzt in der Welt existierenden Unterschiede nichts Gegebenes sind, sondern etwas, was füher nicht existierte – das entstanden ist und ein Produkt der Geschichte darstellt. Und es ist deshalb vollkommen natürlich, dass die logische Folgerung aus der Gleichgewichtsheorie die Anerkennung einer allmählichen Neutralisierung der Gegensätze der Welt, und auf diese Weise ein allmähliches Absterben des Universums in einem gewissen absoluten Gleichgewichtssystem sein muß.“ 22.  Will man die geistesgeschichtliche Quelle dieses Gleichgewichtsdenkens in der sozialistischen Theoriegeschichte ausfindig machen, dieser Idee des Gleichgewichts, die, wie Volker Gebhardt bemerkt, „…im Umfeld des Wiener Kongresses  und dann wieder in der Ära Bismarcks in aller Munde“ 23.  war, so wird man auf ein Buch von Eugen Dühring stoßen, auf: „Der Werth des Lebens“, Breslau 1865. Engels muß das Gleichgewicht seines guten Willens verloren haben, als er gegen Dühring schrieb, „…unbedingtes Gleichgewicht gibt es nicht. Die einzelne Bewegung strebt dem Gleichgewicht zu, die Gesamtbewegung hebt das Gleichgewicht wieder auf“. 24.  Heute allerdings tanzt in ganz Europa der Wiener Kongress um das Goldene Eurokalb.

Am 12. November 2010 wäre Scharnhorst  225 Jahre alt geworden.  An diesem Tag war in seinem Geburtsort Bordenau,  ein feierliches Gelöbnis von Rekruten der zur Zeit in Afghanistan kriegerisch tätigen Bundeswehr vorgesehen, das auf Anweisung von Kriegsminister Guttenberg abgesagt wurde. Damit beweist diese Armee nicht gerade eine große Anhänglichkeit an das nach ihrem eigenen Selbstverständnis  leuchtende Vorbild und überließ das Terrain den antimilitaristischen Gegendemonstranten. Es zeigt sich, dass diese Armee keine Akzeptanz im Volk hat und dass sich diese unbeliebte Armee  lieber in die Kaserne zurückzieht.  In diesem Fall war es einerseits sogar angebracht, denn der Mißbrauch, den die Bundeswehr mit dem Namen Scharnhorst treiben wollte, lag auch ganz offensichtlich auf der Hand. Denn der im Geist der bürgerlichen Aufklärung von Graf Wilhelm erzogene Scharnhorst hielt nur noch Defensivkriege für sittlich gerechtfertigt. Der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr ist mit diesem Gedankengang unvereinbar. Man kann nicht wie Dr. Otto-Eberhard Zander, Autor des Buches „Bundeswehr und Nationale Volksarmee, Traditionen zweier deutscher Streitkräfte“ auf einer Abendveranstaltung im Hotel Courtyard in Hannover am 2. Dezember 2010 zum Thema: „Traditionsverständnis der Bundeswehr und der NVA Zwanzig Jahre Armee der Einheit“ mit dem Totschlagargument kommen: Die Zeiten ändern sich eben. Damit kann man natürlich Mord und Totschlag überall in der Welt und im ganzen Universum begründen. Nicht so stürmisch mit der Weltgeschichte. Wie man 1812 einen Defensivkrieg von einer militärischen Aggression unterscheiden konnte, so kann man das auch im Jahr 2010.  Die Zeiten haben sich allerdings  derart geändert, dass 1812 die Bourgeoisie sich noch auf einem aufsteigendem Ast befand und progressives Gedankengut vertrat, heute aber mit dem Satz „Die Zeiten ändern sich“ mehr als nur ihren ideologischen Niedergang dokumentiert.Wie reaktionär die Grundausrichtung dieser Armee ist, wird auch im Traditionserlass der Bundeswehr deutlich: sie orientiere sich „…nicht allein am Erfolg und an den Erfolgreichen, sondern auch am Leiden der Verfolgten und Gedemütigten.“ (siehe: google: Traditionserlaß der Bundeswehr) Das ist eine Lüge ! Die Bundeswehr steht bereit, im Falle von bewaffneten aufständischen Arbeitern und Arbeiterinnen sofort und bedingungslos gegen sie vorzugehen, während es gerade die Aufgabe einer Volksarmee ist, die Kleinen und Schwachen zu schützen und  hart und grausam gegen die Erfolgreichen und Mächtigen zu sein, damit es keine Gedemütigten mehr gibt. Gegen das vorgesehene Militärspektakel in Bordenau hatte der Arbeistkreis Regionalgeschichte aus Neustadt am Rübenberge ein Flugblatt verteilt, in dem das sogenannte öffentliche Gelöbnis als ein Initiationsritus bezeichnet wird, dessen Wurzeln im feudalstaatlichen Obrigkeitsstaat liegen. Aber man darf Scharnhorst nicht nur als Theoretiker eines rein defensiven Krieges gegen die Afghanistaneinsätze der Bundeswehr ins Feld führen, wer das tut, hält immer noch die Bundeswehr hoch, wenn sie denn rein defensiv ausgerichtet werden könnte, was aber für diese über die Grenzen Deutschlands hinausgehende imperialistische Aggressionsarmee auf Grund der öconomischen Ausgangbedingungen unmöglich ist. Man kann sich nicht für eine defensive Kriegführung aussprechen und nicht die Zerschlagung der Bundeswehr fordern, man kann sich nicht für eine defensive Kriegführung aussprechen und sich nicht gleichzeitig für die Volksbewaffnung aussprechen. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht: Das Essentielle ist, dass Scharnhorst ein Verfechter der allgemeine Wehrpflicht und damit der VOLKSBEWAFFNUNG war und nur über die Volksbewaffnung führt heute der Weg zum Sozailismus, der die Vernichtung der bürgerlichen Armee zur Voraussetzung hat. Und die Wurzeln einer progressiven deutschen Militärtradition gehen vom Bauernsohn Scharnhorst noch tiefer zu Thomas Müntzer: „Das Schwert ist das Recht der Gemeinde !“ Dieser Geist darf bis zum Kommunismus niemals aus dem deutschen Volk weichen, seine Aufgabe käme seiner Verewigung von  Knechtschaft unter Pflugscharen gleich. Es hängt alles davon ab, „OB DIE UNTERDRÜCKTE KLASSE WAFFEN BESITZT“ (kursiv von Lenin). 25.

1. J.W. Stalin, Antwortschreiben an Oberst Rasin, Stalin Werke Band 15, Dortmund 1979, 42. Der Brief des Oberst Rasin an Stalin ist datiert vom 30.1.1946 und wurde kaum drei Wochen später beantwortet und ein Jahr später im Parteiorgan „Bolschevik“ veröffentlicht. Obwohl Lenin sich im Gegensatz zu Friedrich Engels nicht für einen Militärfachmann hielt, befanden sich in seiner Kremlbibliothek cirka 174 Bücher genuin miltärwissenschaftlichen Inhalts.

2. Clausewitz entstammt einer Theologenfamilie.

3.Vergleiche Friedrich Engels, Bedingungen und Aussichten eines Krieges der Heiligen Allianz gegen ein revolutionäres Frankreich im Jahr 1852, MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin 1977,523.

4. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin 1972,184

5. siehe google: scheler clausewitz

6.Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Verlag des Ministeriums für nationale Verteidigung, Berlin, 1957,10

7. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969, 27

8. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Marx Engels, Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau,1975, 433

9. siehe: google: scheler clausewitz. Dort auf Seite 58

10. Zwischen beiden liegt eine Differenz von 25 Jahren. Schon bei Scharnhorst finden sich Vorstudien für eine umfassende Darstellung des Wesens des Krieges, die er 1812 in Breslau unter dem Titel: „Krieg und Kriegführung“ begann, die er aber auf Grund eines durch Kriegsverletzung bedingten Todes nicht ausführen konnte.

11. Friedrich Hossbach, Scharnhorst, Hölzner Verlag, Würzburg/Main,o.J., Seite 13. Ganz richtig hat deshalb Franz Mehring eine wichtige Nuancierung in die Beurteilung von Scharnhorst eingebracht: „Auf der anderen Seite können wir Scharnhorst auch nicht als Schwurzeugen für eine Miliz anrufen, wie wir sie fordern. Wir können wohl sagen, dass unsere Gedanken über Heeresverfassung eine folgerichtige Entwicklung der Gedanken sind, die sich Scharnhorst darüber machte, aber eine Miliz in unserem Sinne zu befürworten, lag ganz außerhalb seines Gesichtskreises.“ (Franz Mehring, Miliz und stehendes Heer, in. Zur Kriegsgeschichte und Militärfrage, Berlin 1967,233). Mehrings Kriegsschriftstellerei wird von einigen Autoren als Bindeglied zwischen Engels und Lenin gedeutet, so Clemente Ancona: Der Einfluß von Clausewitz´ „Vom Kriege“ auf das marxistische Denken von Marx bis Lenin, in: Günter Dill (Herausgeber): Clausewitz in Perspektive, Frankfurt am Main, Berlin, Wien, 1980, 571 und Dietmar Schössler: Carl von Clausewitz, Reinbek bei Hamburg,1991, 123f. (siehe: Olaf Rose: Carl von Clausewitz, Wirkungsgeschichte seines Werkes in Rußland und der Sowjetunion 1836 bis 1991, Oldenbourg Verlag 1995,92f.)

12. Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Verlag des Ministeriums für nationale Verteidigung, Berlin, 1957,727

13. Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich, in: MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin,1977,138

14. Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Verlag des Ministeriums für nationale Verteidigung, Berlin,1959,727

15. In der platonischen Staatskonstruktion bilden die Bauern und Handwerker die unterste Schicht, die  Mittelschicht die Wächter und Soldaten, an der Spitze stehen die Philosophenkönige als Staatslenker.

16. Lenin, Notizen über die Diktatur, Geschichtliches zur Frage der Diktatur (Notizen), in: Lenin, Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1987,726

17. Olaf Rose, Carl von Clausewitz, Wirkungsgeschichte seines Werkes in Rußland und der Sowjetunion 1836 bis 1995, Oldenbourg Verlag, 1995,209.

18. Antworten von Michail Gorbatschow auf Fragen der Zeitung „Washington Post“ und des Nachrichtenmagazins „Newsweek“ in: Neue Zeit Nummer 22, 1988,5

19. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin,1984,10

20. Immanuel Kant, Zum Ewigen Frieden, Akademie Ausgabe VIII, de Gruyter Verlag Berlin, 1968, 356

21. A. Bogdanov, Die Tektologie, Seite 511 (russisch).

22. N. Karew, Die Theorie des Gleichgewichts und der Marxismus, in: Die Sowjetphilosophie, herausgegeben von W. Goerdt, Darmstadt, 1967,143

23. Volker Gerhardt, Das Prinzip des Gleichgewichts, in: Pathos und Distanz, Reclam 1088,110

24. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Marx Engels Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960, 58

25. Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,463

Heinz Ahlreip, 12. November 2010, am 225. Geburtstag von Scharnhorst, mit einem Nachtrag vom 2.12.2010.