Wort über Lenin 1990

von Heinz Ahlreip, 1990

Am 20. April wäre der große Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin 120 Jahre alt geworden. Auf allen Kontinenten dachten die um ihre Befreiung kämpfenden Menschen an den Organisator und Führer der Oktoberrevolution. In Moskau selbst aber fand aus diesem Anlaß eine offizielle, man möchte sagen makabere Festveranstaltung der KPdSU statt, auf der Gorbatschow eine Rede hielt, die er „Wort über Lenin“ titulierte. Es sind auch nur Worte über Lenin herausgekommen.

Vor welcher Schwierigkeit stand Gorbatschow ?

In einer Zeit, da die sowjetische Wirtschaft den Kurs auf einen vollwertigen Markt steuert, da in Kürze damit gerechnet wird, Millionen Frauen und Männer mit ihren Arbeitsfertigkeiten und Fähigkeiten in die russischen Weiten gefegt zu sehen, die Verelendung der Massen fast zaristische Formen angenommen hat, Hungersnöte bereits an die Pforte klopfen und Panikkäufe die Gesellschaft an den Rand des Chaos bringen, in dieser Zeit mußte Generalsekretär Gorbatschow eine Rede über Lenin halten und den Genius der Oktoberrevolution mit seiner nur konterrevolutionären Leichengestank verbreitenden Perestroikaideologie in Verbindung bringen. Verbal ist dies recht einfach. Gorbatschows Wort über Lenin lautet: „Die Perestroika entdeckt uns den wahren Lenin.“ 1. Untersucht man aber die Schwerpunkte seiner Rede eingehender – die Frage der NEP, die Rolle der revolutionären Gewalt und die Bedeutung der demokratischen Massenmobilisierung – so zeigt sich, dass sich in allen diesen Punkten die Wege Michail Gorbatschows und die Wege Wladimir Iljitsch Lenins trennen.

Die NEP

Nachdem sich die Perestroika als letzter Eiterausfluß der bürgerlichen Restauration lähmend auf die russichen Völker niedergelassen hatte, konnte es nicht ausbleiben, dass sich bürgerliche und sozialdemokratische Ideologen mit wahrem Heißhunger auf die ganze Thematik der NEP stürzten. Hier hofften sie am einfachsten in den Leninismus einzudringen und mit einem „Wort über Lenin“ ihr Gedankengut in ihm zu verbreiten. In der NEP-Politik sieht ihr Ziehvater Gorbatschow einen realistischen Weg zu einer neuen Gesellschaft. „Deshalb haben wir vor allem die letzten Arbeiten Lenins herangezogen, als wir die Perestroika planten und einleiteten. Wir haben dort Zuversicht geschöpft, daß wir einen richtigen, wenn auch schwierigen Weg einschlagen.“ 2. Gleichwohl wird sich zeigen, daß die Verwesung des Leichnams schon so weit vorangeschritten ist, daß eine Distanzierung auch und selbst von der NEP nötig ist, verfolgt doch die Gorbatschowsche NEP einen ganz anderen Zweck als ihr klassisches „Vorbild“, er sagt selbst: wir schaffen jetzt einen vollwertigen Markt, denn dem Sozialismus ist der Markt „…nicht kontraindiziert . Denn der Sozialismus bedeutet Freiheit, lebendiges Schaffen des Volkes, soziale Gerechtigkeit und Geborgenheit, Wohlstand des Volkes. Somit verändern wir weitgehend unsere Vorstellungen von einer sozialistischen Gesellschaft und verstehen zunehmend das Wesen des Sozialismus.“ 3. Die Aufzählung schmeckt nicht schlecht, versuchen wir aber zunächst zu verstehen ! Nach diesen Ausführungen bedeutet Sozialismus zunehmende Herrschaft des Produkts über den Produzenten, sozialistische Gerechtigkeit, dass man teurer verkauft als man eingekauft hat und eine Volksmasse dem Elend preisgibt. Und das Wesen des Kapitalismus ? Es müßte demnach bedeuten: Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmittel vermittels „…despotischer Eingriffe in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse. “ 4. Um Marx, Engels und vor allem Lenin in Vorkämpfer für den Perestroikamarkt zu präparieren, greift das neue Denken neben der recht schmackhaften sozialdemokratischen Phrasenanhäufung noch zu einem anderen Winkelzug. Sowohl die NEP als auch die Perestroika seien eine „Revolution in der Revolution“. 5. Ohne Zweifel ein liebliches Wortgeklingel, ich möchte es ultrarevolutionär nennen. Was immer diese Gedankenverrenkung auch beinhalten soll – Sinn hätte dieser Ausdruck doch nur, um innerhalb eines revolutionären Prozesses eine über ihn hinausgreifende, höhere Stufe seiner selbst zu markieren. Bekanntlich bezeichnete Lenin die NEP aber, historisch gesehen, als einen Schritt zurück. „Ein Rückzug ist eine schwierige Sache, besonders für Revolutionäre, die anzugreifen gewohnt sind…“ 6. Mit der NEP, warnt Lenin, wachse die Gefahr der Konterrevolution. Um den Totalausverkauf des Sozialismus zu cachieren, und ein Totalausverkauf ist nach den Marktprinzipien nichts Außergewöhnliches, ist jetzt also ein Wort über Lenin gehalten und gedruckt worden. Das Wort muß offenbar eine magische Kraft haben, denn es verwandelt jeden Rückzug vor dem Weltkapitalismus nicht in eine nur einfache, sondern in eine sogar ins Quadrat erhobene Revolution. Was man mit Worten doch alles anstellen kann. Nach diesem Glockengeläute muß sich Gorbatschow allerdings mit der Auskunft beeilen: „Niemand hat natürlich die Absicht, die Aufgaben, die Lenin in seinen letzten Lebensjahren aufspürte und erblickte, auf die Perestroika zu übertragen, und seine Gedanken als direkte Anweisungen für uns zu betrachten.“ 7.

Indem die spezifische Eigenart der Gorbatschowschen Entdeckung des wahren Lenin darin besteht, die Gedanken des Revolutionärs nicht als direkte Anleitungen für unser Handeln aufzufassen, wird deutlich, daß sich die Wege Michail Gorbatschows und die Wege Wladimir Iljitsch in der Frage der NEP trennen. Die NEP im Original wurde initiert, um eine durch den ersten Weltkrieg und sich diesem anschließenden Bürgerkrieg Rot gegen Weiß völlig am Boden liegende Volkswirtschaft überhaupt erst wieder in Gang zu bringen, alle späteren Berufungen auf die NEP sind deshalb fragwürdig, auch Crutschow berief sich auf sie, aber die durch den zweiten Weltkrieg hart getroffene Volkswirtschaft regenerierte sich noch zu Lebzeiten Stalins in erstaunlichem Tempo. Die NEP diente sowohl Crutschow als auch Gorbatschow als Maske, um durch Berufung auf Lenin in der Theorie eine antileninistische Politik der Abkehr von kollektiven Arbeitsformen zu, wie man es nannte: „mehr Eigeninitiative“ in der Praxis durchzusetzen. Gegen „mehr Eigeninitiative“ ist nichts einzuwenden, wenn sie aufs Kollektiv und nicht auf die Egoität ausgerichtet ist.

Die revolutionäre Gewalt

Stets bezeugten Marx, Engels, Lenin und Stalin der revolutionären Gewaltanwendung aufbegehrender Massen hohen Respekt. (Marx nannte noch am Vorabend der Pariser Kommune einen bewaffneten Aufstand eine verzweifelte Torheit, als dieser aber ausbrach, war er sofort bereit, von den Massen zu lernen).  Dialektik galt ihnen immer als eine Methode der Konfliktaustragung durch die Extreme hindurch und nicht zur Rechtfertigung der Kooperation und der faulen Kompromisse mit dem Klassengegner. Aus Gorbatschows Mund hören wir daher zur Gewaltfrage Merkwürdiges. „Lenin bleibt uns als Beispiel eines Revolutionärs, der zu einem entschlossenen und unabänderlichen Schritt in der schwierigsten – wenn das Land vor einer Revolution steht und sie fürchtet, wenn gewaltige und mächtige Volkskräfte zum Ausbruch kommen, um die Geschichte mit ihrem Aufbauwerk zu bereichern. Aber sie können auch zu einer zerstörenden Elementarkraft werden“. 8. Furcht vor der Revolution ? Diese Formulierung darf nicht aus dem Munde eines Revolutionärs kommen, in einer proletarischen Revolution erheben sich gerade Millionen geknechteter und getretetener Menschen. Wie hat nun Lenin, der immer der urwüchsigen Primitivität der Volksmassen vertraute 9., wirklich das Verhältnis zwischen destruktiven und konstruktiven Kräften des Volkes gesehen ? Als Dialektiker hat er es glänzend verstanden, die anfängliche revolutionäre Destruktivität der emanzipativen Massenerhebungen mit der dann folgenden Konstruktivität eben dieser sich befreienden Volksmassen zu verbinden. Während jede wirkliche Revolution nur diese Reihenfolge unter unvermeidbaren Brüchen kennt, finden wir bei dem Marxisten in Potenz ein depotenzierendes „Aber“ – als ob man die Revolution mit ihren zerstörerischen Elementargewalten fürchten müsse ! – er sagt selbst, dass die Perestroika aufpassen müsse, nicht in revolutionären Sprüngen zu verfahren, „…die außerordentlich gefährlich sind“. 10. Und nun halte man es zusammen: das stolze Wort von der „Revolution in der Revolution“ und die philiströse Warnung vor den revolutionären Sprüngen – das sind die Komponenten, aus denen die Weiterentwicklung des Marxismus  in Gestalt des Neuen Denkens gezeugt wurde. Ein höchst origineller Wechselbalg, saugt mal die Muttermilch überschäumender Worte, mal die der staatsmännischen Umsicht – aber hat men denn nicht gemerkt, dass es sich von Anfang an um eine Totgeburt handelte ? Ist es noch verwunderlich, wenn Gorbatschow Lenin „Versuche“ unterjubelt, „Einvernehmen mit jenen anzustreben, die die Oktoberrevolution abgelehnt hatten. Daraus resultiert die Orientierung auf Koexistenz, Zusammenleben mit der „Partei des Friedens“ im bürgerlichen Lager des Westens. Auf selbe Weise kann man den „Gedanken des Bürgerfriedens“ interpretieren, von dem Lenin 1921 gesprochen hat, und den er nicht lediglich mit der Entwicklungsperspektive des Landes, sondern auch mit der Weltpolitik verknüpfte.“ 11. Verfolgen wir genauer, wie Lenin die Frage: `Krieg und Frieden´ mit der Weltpolitik verknüpfte. „Hat es denn in der Geschichte auch nur eine große Revolution gegeben, die nicht mit Krieg verbunden gewesen wäre ? Natürlich nicht ! Wir leben nicht nur in einem Staat, sondern in einem System von Staaten, und die Existenz  der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird entweder das eine oder das andere siegen. Und bis dieses Ende eintritt, ist eine Reihe furchtbarster Zusammenstöße zwischen der Sowjetrepublik und den bürgerlichen Staaten unvermeidbar.“ 12. (…furchtbarster Zusammenstöße, der Zweite Weltkrieg, vom deutschen Monopolkapital primär zur Auslöschung des jüdischen Bolschewismus geführt, hat es gezeigt).

Indem die spezifische Eigenart der Gorbatschowschen Entdeckung des wahren Lenin darin besteht, den Revolutionär in einen Dutzendpazifisten zu pervertieren, wird deutlich, daß sich die Wege Michail Gorbatschows und die Wege Lenins in der Frage der revolutionären Gewalt trennen.

Die Demokratie der Massen

Zu diesem allseits beliebten  Thema überschlagen sich die Schmeichler und Volksverführer förmlich in der Anhäufung zuckersüßer Worte. „Die Revolution und der Sozialismus – das ist, um mit Lenin zu sprechen, das lebendige Schaffen der Massen selbst.“ 13. Verbal verbeugt sich Gorbatschow hier vor der Lebendigkeit der Massen, sein wahrer Demokratismus  kommt indes in derselben Rede an einer anderen Stelle zum Vorschein, und in diesen wenigen, kurzen Sätzen auch sein Umgang mit Lenin. „Zumal haben noch nicht alle in den neuen Sowjets begriffen, daß die anhaltenden Wahlen und Kundgebungsfeldzüge vorbei sind. Die Menschen erwarten Entscheidungen und konkrete Maßnahmen. Wir müssen eine schwierige Arbeit leisten, um – so Lenin – „den stürmischen wie Hochwasser im Frühjahr über alle Ufer brandenden Versammlungsdemokratismus der werktätigen Massen zu verbinden mit der eisernen Disziplin  während der Arbeit.“ 14. Ist nur noch zu ergänzen, daß für die heutigen Machthaber in Moskau auch noch etwas anderes vorbei ist. „Die stürmische, widersprüchliche, heroische und dramatische Zeit ist vergangen.“ 15. So richtig einerseits diese Aussage das Bewußtsein der Bürokratenclique widerspiegelt, grundfalsch ist die Auffassung über die Wahlen und die Kundgebungsfeldzüge in ihrer Beziehung zur revolutionären Arbeit der sowjetischen Leitung, Offenkundig liegt ein zweifaches Demokratieverständnis vor. Während für einen stets mit den Massen gehenden Dialektiker Lenin alles darauf ankommt, den Versammlungsdemokratismus der werktätigen Massen mit disziplinierter Arbeit zu verbinden, erklärt „Volksfreund“ Gorbatschow imStile des Kaisers Napoleon die Revolution für beendet 16. und dieser Winkelzug wird in Worte gekleidet…um mit Lenin zu sprechen…so Lenin… Abschließend sei nur auf die wirklich heroischen Worte von Lenin hingewiesen: dass eine kommunistische Gesellschaft nicht mit reiner Demokratie gleichzusetzen ist, sondern dass in dieser die Demokratie ABSTIRBT !! Das ist der zentrale Gedanke wann immer man über die Demokratie der Massen „philosophiert“.

Indem die Manipulierung des Leninismus bereits die Grenze zur Schamlosigkeit überschritten hat, wird deutlich, dass sich die Wege Michail Gorbatschows und die Wege Lenins in der Frage der demokratischen Massenbewegungen trennen.


1. Michail Gorbatschow, Wort über Lenin, in: Sowjetunion heute, Beilage zur Ausgabe Mai 1990, Nr 5, Seite 1 der Beilage

2. a.a.O.,5

3.a.a.O.

4.Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4,481

5. Michail Gorbatschow, Wort über Lenin, in: Sowjetunion heute, Beilage zur Ausgabe Mai 1990, Nr 5, Seite 4f. der Beilage

6.Lenin, Politischer Bericht des ZK der KPR (B) vom 27. März 1922, in: Lenin Werke Band 33,267

7. Michail Gorbatschow, Wort über Lenin, in: Sowjetunion heute, Beilage zur Ausgabe Mai 1990, Nr 5, Seite 5 der Beilage

8.a.a.O.,1

9. Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau 1971,319

10. Rede Michail Gorbatschows bei der Schlußsitzung der XIX. Unionskonferenz der KPdSU am 1. Juli 1988, in: XIX. Unionskonferenz der KPdSU, Dokumente und Materialien, APN Verlag Moskau, 1988,121

11. Michail Gorbatschow, Wort über Lenin, in: Sowjetunion heute, Beilage zur Ausgabe Mai 1990, Nr. 5, Seite 4 der Beilage

12. Lenin, Bericht des ZK auf dem VIII. Parteitag der KPR (B), Lenin Werke Band 29, 138f. Auch Marx war Anhänger eines revolutionären Weltkrieges, Vergleiche Karl Marx, Lohnarbeit und Kapital, Marx Engels Werke Band 6,397f.

13.Michail Gorbatschow, Wort über Lenin, in: Sowjetunion heute, Beilage zur Ausgabe Mai 1990, Nr 5, Seite 2 der Beilage

14.a.a.O., Seite 5

15.a.a.O., Seite 2

16.Am 15. Dezmeber 1799 erklärte Napoleon I. die französische Revolution für beendet, Bereits nach dem Sturz Robespierres (1794) zeichnete sich ab, dass das Rousseau´sche Ideal des fprtwährend auf den öffentlichen Plätzen versammelten Volkes vorbei ist. (Jean Jacques Rousseau: Der Gesellschaftsvertrag, Röderberg Verlag Frankfurt am Main, 1978,123) Dieses Volk von 1789 – zukünftig hatte es fortwährend massenhaft auf den Schlachtfeldern Europas im Interesse der Direktorial- und Napoleonthermidorianer zu verbluten.


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