„DIE WAHRHEIT DER PHILOSOPHIE“ Zur Krise der spätbürgerlichen Philosophie

In der liberalen ZEIT vom 20. Januar 2011 ist als Aufmacher auf der Titelseite zu lesen: Die neue Lust an Philosophie und im Feuilleton erscheinen gleich sechs Artikel zu diesem Thema. Für die wissenschaftlichen Sozialisten haben sowohl die materialistische Geschichtsauffassung als auch die Entdeckung des Mehrwerts die Philosophie zu einer verstorbenen Wissenschaft 1. gemacht. Insbesondere seit der von Marx und Engels  1846 fertiggeschriebenen  „Deutschen Ideologie“ liegt wissenschaftsgeschichtlich der Nachweis vor, dass die Philosophie ihre Wurzeln in den jeweils ökonomisch gesellschaftlichen Bedingungen einer Epoche hat und ähnlich der Religion dem Überbau angehört. Beide, Religion und Philosophie, bildeten sich als entfremdetes Bewußtsein heraus. In den tagtäglichen gehässigen Schindereien in der Arbeitswelt liegen heute die Wurzeln sowohl der Religion als auch der Philosophie, kein Wunder, dass bei der Krisenanfälligkeit des kapitalistischen Wirtschaftssystems beide gewisse Konjunkturen haben. Weihnachten 2010 sollen die Kirchen so voll gewesen sein wie selten, im Januar 2011 dann die neue Lust des Bürgertums an Philosophie. Mag sich das Bürgertum an der Philosophie verlustigen, vor dem Proletariat steht eine Aufgabe, zu der es primär die Ökonomie braucht, ganz bewußt spricht Engels vom Primat der Ökonomie in aufklärerischer Hinsicht gegenüber der Philosophie: Zu untersuchen gilt zur gesellschaftswissenschaftlichen Aufklärung stets, was und wie  in einer historischen Epoche produziert wird und wie wird dieses Produzierte ausgetauscht. „Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise: sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“ 2. In seiner Polemik gegen Professor Dühring, der in seinen Untersuchungen nicht die dialektische, sondern die mathematische Methode anwandte 3., wies Engels 1878 dessen Kardinalfehler nach, eine neue sozialistische Theorie und ein natürliches System der Gesellschaft als Frucht eines philosophischen Systems zu entwickeln und attestierte ihm „Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn“. 4.

Ein Grundtenor in den Artikeln der ZEIT ist, dass wir heute auf dem Gebiet der Philosophie keine gesicherten Erkenntnisse hätten. Das mache die Freiheit dieser Wissenschaft aus. Aber auch die anderen Wissenschaften sind so frei: es gibt in jeder immer noch Verbesserungsfähiges, Weiterzuentwickelndes, und dieses erfolgt nicht ohne eine Reihe von Irrtümern. Die Wissenschaften streben nach immer größerer Vollkommenheit, aber die einzelnen Wissenschaftler sind beschränkt in ihrem subjektiven und objektiven Gegenwartshorizont. Lediglich in den exakten Wissenschaften, die sich mit der unbelebten Natur befassen, deren Leitwissenschaft die Mathematik ist, kommen wir zu gewissen Ergebnissen, „die ewige Wahrheiten, endgültige Wahrheiten letzter Instanz sind“ 5.  Engels hatte also völlig Recht, das Proletariat nicht durch die Philosophie zu emanzipieren, die  auch immer eine Klassenphilosophie ist. Es gibt keine klassenmäßig wertneutrale Philosophie. Natürlich können die Autoren in der ZEIT keinen Bezug herstellen zu den Klassenkämpfen der Zeit. So liegt in dem Artikel des an der Universität Frankfurt als Professor „tätigen“ Martin Seel ein recht abstraktes Geschichtsbewußtsein vor, wenn er der Philosophie Fragen zuweist, die seit der Antike heftig diskutiert worden sind. Aber weist die Geschichte der Philosophie eine ständige Wiederkehr der gleichen Fragen auf ? Martin Seel erweist sich hier ganz als Kind der bürgerlichen Aufklärung, die abstrakt überhistorisch dachte: es gäbe eine ewig gleiche Natur des Menschen und damit auch eine ewige menschliche Vernunft (dass die sich immer gleiche Fragen vorlegt, ist nicht verwunderlich) einen vergangenen Naturzustand und ewige Naturgesetze. Proudhon war mit seiner „justice éternelle“ (ewige Gerechtigkeit) noch ganz von diesem Gedankengut eingefärbt, dass er meinte, die ideale Gesellschaft sei die, die sich nach ihm richte. Eine der großen Leistungen des historischen Materialismus besteht in der Epochalisierung der von der bürgerlichen Aufklärung  zum Abstraktum gleichgeschalteten Geschichte, die nur als Abfolge ihrer sich ablösenden epochalen Entwicklungsgesetze richtig widergespiegelt wird. (Es gilt also, jede historische Epoche als Produktionsperiode aus sich selbst zu erklären, aus ihren ökonomischen Gesetzen). Das heißt nicht, dass es in der bürgerlichen Philosophie keine Periodisierung der Philosohiegeschichte gibt, diese bewegt sich aber im reinen Denken und verläuft grob etwa so: antike Philosophie, in der die menschliche Vernunft die ewige kosmische Ordnung vernahm, dann Paradigmenwechsel durch Descartes: ich denke, also bin ich. Das moderne Subjekt war geboren, auf sich selbst verwiesen, ohne objektive Vernunft, kritisch aufklärerisch eingestellt gegen jegliche weltlichen und kirchlichen Autoritäten, aber trotz dieser Emanzipation bleiben die vom menschlichen Denken aufgeworfenen religiös-fundamentalen Fragestellungen bestehen und bleiben es als ungelöste auch weiterhin. Für den historischen Materialismus verläuft diese Geschichte etwas anders: Die antike Philosophie  war ursprünglicher, naturwüchsiger Materialismus, konnte daher aber noch nicht die Frage des Verhältnisses von Denken und Materie klären. Nach Friedrich Engels kam es deshalb im Zuge der Klärung dieses Verhältnisses zu einer Separierung einer Seele vom Körper und daher in der Geschichte der Philosophie  zu einer Wendung zum Idealismus 6., der aber alles auf den Kopf stellte und oft zu recht fragwürdigen  Erkenntnissen kam, allerdings doch, und das ist das große Verdienst Hegels, zur idealistisch verhüllten Entwicklung der Dialektik als Prozesswissenschaft, deren Kern die Negation der Negation ist. Diese  Dialektik musste erst entmystifiziert werden.  Marx und Engels schälten sie aus der idealistischen Hülle heraus und brachten sie in ihrer ganzen Einfachheit und Allgemeingültigkeit zu Bewußtsein. Das dialektische Gesetz der Negation der Negation liegt auch der Geschichte der Philosophie zu Grunde: der usprüngliche Materialismus wurde negiert durch den Idealismus, der wiederum vom modernen Materialismus und den modernen Naturwissenschaften negiert wurde. Der moderne Materialismus ist also selbst nur die Frucht einer Negation der Negation. „Dieser, die Negation der Negation, ist nicht die bloße Wiedereinsetzung des alten, sondern fügt zu den bleibenden Grundlagen desselben noch den ganzen Gedankeninhalt einer zweitausendjährigen Entwicklung der Philosophie und Naturwissenschaft, sowie dieser zweitausendjährigen Geschichte selbst. ES IST ÜBERHAUPT KEINE PHILOSPHIE MEHR (kursiv von Heinz Ahlreip), sondern ein einfache Weltanschauung, die sich nicht in einer aparten Wissenschaftswissenschaft, sondern in den wirklichen Wissenschaften zu bewähren und zu betätigen hat. Die Philosophie ist hier also „aufgehoben“, das heißt sowohl überwunden als aufbewahrt“; überwunden, ihrer Form, aufbewahrt, ihrem wirklichen Inhalt nach“. 7. Aber es ist eine beliebte Spielerei der bürgerlichen Intellektuellen, das Einfache als kompliziert zu verdrehen. Engels sprach ganz klar von dem modernen Materialismus als einfacher Weltanschauung, in der die Philosophie aufgehoben ist, wir brauchen keine aparte Wissenschaftswissenschaft mehr. Die Philosophen können von dieser Apartheit aber nicht lassen, als sei die Philosophie ein so übernächtiges Werk als das Gewebe der Penelope, das jeden Tag von vorne beginnt: „Deswegen ist das philosophische Tun eine Reise, die jedesmal von vorn beginnt, wenn man glaubt, an einem Ende angkommen zu sein. Wie andere mit Sinn und Verstand unternommene Reisen dient auch sie einer gesteigerten Anschauung der Weite des Wirklichen. Hier aber, bei den begrifflichen Expeditionen der Philosophie, kommt es nicht so sehr auf eine Erkenntnis  der vielfältigen Prozesse der natürlichen und sozialen Realität an, um die sich ja die Wissenschaften redlich genug bemühen. In erster Linie geht es um eine Deutung der Deutungen, die unseren Stand in der Welt formen.“ 8. Also wie eine Deutung der Deutungen anderer Wissenschaften, sowohl die der Natur als auch die der Gesellschaft, ohne aparte Wissenschaftswissenschaft möglich sein soll ist stark erklärungsbedürftig, heute können die Naturwissenschaften die Zusammenhänge ihrer Disziplinen untereinander selbst herstellen und geben OHNE PHILOSOPHIE ein übersichtliches, bis heute erreichtes Bild des Naturzusammenhangs ab.  Schon für den Materialisten Feuerbach existierte die Natur unabhängig von aller Philosophie, während sie für den Idealisten Hegel „Mittelpunkt aller Geistesbildung und aller Wissenschaft und Wahrheit“ 9. war, eine idealtypische Formulierung für eine Königin der Wissenschaften. Die Wahrheit der Philosophie besteht, philosophisch formuliert, in ihrem Insichzugrundegehen, wissenschaftlich gesehen geschieht dies ganz nüchtern ohne jede Zutat eines Mephisto durch die Entwicklung der Produktivkräfte und der Naturwissenschaften.  (Auf die Gesellschaftwissenschaften als Spezialfall der Klassengesellschaften komme ich am Ende meines Aufsatzes zu sprechen). Aber die Kultur ! die Kultur ! rufen die Philosophen im Chor. „Die Wahrheit der Philosophie ist explikativ und normativ. Sie verlangt eine stets zu erneuernde Arbeit an dem Selbstbild der Kulturen, deren Teil diese Arbeit ist.“ 10. Die uns heute vorliegende und uns leider zum Teil auch prägende Kultur ist die spätbürgerliche, die aber von ihren Philosophen am allerwenigsten gerettet werden kann, etwa dem Vorbild Hegels folgend, denn einige Philosophen der Frankfurter Schule behaupten, er hätte den Geist in einer geistfeindlichen Zeit gerettet. Wie die spätbürgerliche Gesellschaft selbst befindet sich auch deren Kultur in einem Verwesungsprozess. Die Verkürzung der tagtäglichen Arbeitszeit wäre ein wichtiger Schritt für die arbeitenden Massen, den Todesstoß der bürgerlichen Kultur vorzubereiten, wozu es führt, wenn „Philosophen“ ohne Berührung mit dem gesellschaftlichen Arbeitsprozess „philosophieren“, das zeigen die Aufsätze in der ZEIT und wir werden noch mehr Proben zu kosten bekommen.

Aufschlußreich ist auch ein Interview mit der an der Universität Chicago Philosophie lehrenden Martha Nussbaum. Das Interview trägt die Überschrift: „Sokrates ist unser Vorbild“. Offensichtlich hat die Dame die Oktoberrevolution verschlafen, wenn sie Sokrates im 21. Jahrhundert !! als Schutzpatron der Demokratie ausruft. “ Sokrates empfand es als seinen Auftrag, die Demokratie zu größerer Selbsterforschung anzuspornen.“ 11. Das Thema hat sich allerdings wissenschaftsgeschichtlich längst erledigt, die Demokratieforschung ist erschöpfend abgehandelt worden und Sokrates in die Rumpelkammer des Altertums der Sklaverei geworfen worden, es dürfte bekannt sein, dass die großen Denker der klassischen griechischen Philosophie die Sklaverei als eine natürliche Einrichtung der antiken Gesellschaft betrachteten, ja dass die ganze griechische – und nachher die römische – Kultur auf der Sklaverei basierte. 12. Auf der Lohnsklaverei beruht denn auch heute noch die bürgerliche Gesellschaft und ihre überholte fetischisierte Vorstellung von Demokratie. Jede Form von Demokratie hat eine Klassengesellschaft zur Grundlage und ist eine systematische Gewaltanwendung einer Klasse gegenüber einer anderen, „eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen.“ 13. Warum sprach Lenin von den Sowjets als „Vorboten des Absterbens jedes Staates“ 14. und warum vom Einschlafen der Demokratie im Kommunismus ? Das ist die einzige Zukunftsperspektive einer von Klassengewalt befreiten Menschheit. Dagegen preist Frau Nussbaum das sokratische Modell als ausgezeichnet an. Spaß beiseite – so sehr die antike Sklaverei in gesellschaftlicher Hinsicht auch ein Fortschritt für die Sklaven selbst bedeutete, die Kriegsgefangenen wurden nicht mehr als nutzlos getötet, sondern als Arbeitstiere gehalten und verbraucht, man bleibe mir vom Halse mit diesem ganzen antiken Politplunder, Spartakus ausgenommen. Frau Nussbaum hat als bekennende Aristotelikerin die Lehre des Aristoteles 15. vom guten Leben zum Herzstück ihrer Gerechtigkeitsphilosophie gemacht. Schon das Wort Gerechtigkeitsphilosophie sollte man sich gründlich durch den Kopf gehen lassen. Die ungerechte Stellung der Frau gegenüber dem Mann wird in dem Interview nicht erwähnt. Es war der utopische Sozialist und Epikureer Fourier, der gerade den Philosophen die Erniedrigung des weiblichen Geschlechts vorwarf: er sah in Diderots bon mot, um einer Frau zu schreiben müsse man „seine Feder in einen Regenbogen tauchen und die Schrift mit dem Staub vom Schmetterlingsflügeln überpudern“ eine Demütigung der Frau.  Frau Nussbaum  muss im Interview auch zugeben, dass es mit ihrer Forderung nach ökonomischer Gerechtigkeit nicht so recht vorankommt, jedoch: „Andererseits gibt es Anzeichen dafür, dass viele Nationen die Bedeutung der Entwicklungshilfe erkennen und intelligente Schritte unternehmen, darüber nachzudenken, was Entwicklungshilfe heißt.“ 16. Oh ja, was heißt es denn ? Entwicklungshilfe ist eine Demütigung für die Sklaven dieser Welt, Kapital wäre nicht Kapital, wenn es nicht aus seinem Export den Rahm abschöpfen würde. Sklaven brauchen vor allem Waffen, die sie gegen die Sklavenhalter richten können. 17.  Um die weltbürgerliche Verschwörung des Kapitals gegen die Arbeit aufzudecken, um den perversen kapitalistischen Ausbeuterdreck global, aber unter Berücksichtigung der Ungleichmäigkeit der Entwicklung, mit Feuer und Schwert auszurotten und niederzubrennen und um dadurch ein gutes Leben für die Völker der Erde durchzusetzten, ist die Kenntnis der Nikomachischen Ethik nicht zwingend erforderlich. Lenin betonte die Notwendigkeit eines primitiven Grundzugs der proletarischen Revolution, denn die historische Aufgabe der Arbeiterbewegung besteht in der völligen Liquidierung der Bourgeoisie und damit der alten Eliten. 18. Bereits im Kommunistischen Manifest sprachen Marx und Engels davon, dass die Lohnsklaven sich AUFRICHTEN müssen, dass „der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt“ 19. werden muss. Und dann lese man einmal die Lobrede von Engels auf die revolutionäre Gewaltanwendung im Anti-Dühring. 20. Welche weiteren Schritte, besser Rückschritte unternimmt Frau Nussbaum mit ihrer Gerechtigkeitsschrulle ? Neben der Entwicklungshilfe setzt sie Hoffnungen auf die von Präsident Sarkozy einberufene Kommission zur Lebensqualität unter dem Vorsitz von Joseph Stiglitz und Amartya Sen. Mit der Parole „Mehr Lebensqualität“ hatte allerdings schon Willy Brandt das deutsche Volk zum Narren gehalten. Mehr Lebensqualität besteht vor allem in abwechselnden Tätigkeiten, in denen allein eine möglichst allseitige Weiterentwicklung des Menschen stattfinden kann, alle Einseitigkeit ist für den Menschen von Übel. Was will der Philosophenklüngel um Sarkozy ausrichten, auf den Weg bringen angesichts der Tatsache, dass Milliarden Menschen, auf allen Kontinenten auch Kinder, lebenslang an ein und diesselbe Lohntätigkeit gekettet sind. Die Lebensqualität von Milliarden Menschen besteht heute in der geistigen und körperlichen Verstümmelung. Und dann setzt Frau Nussbaum noch auf die Macht des Beispiels: „Was die Philanthropie angeht, hat Bill Gates mit seinen Stiftungen ein kühnes Beispiel gegeben. Sein Engagement ist ein Beispiel für die Reichen, der Armut auf der Welt ein Ende zu machen. Was Tierrechte angeht, sehe ich keinen Fortschritt.“ 21. Bereits 1848 urteilten Marx und Engels im Manifest über den Bourgeoissozialismus: „Ein Teil der Bourgeoisie wünscht die sozialen Mißstände abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Es gehören hierher: Ökonomisten, Philanthropen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei…“ 22. Auch sollte der Schlußsatz des Interviews mit der Gelehrten, die sich für die Beschönigung der kapitalistischen Sklaverei aushalten läßt, nicht unerwähnt bleiben: „Gute Bildung kann die Stimme stärken und sie befähigen, über die Stimmen der Gier und des Neids zu obsiegen“. 23. Weder haben Weltbildungskonferenzen noch die Weltphilosophie weder den ersten noch den zweiten Weltkrieg verhindert. „Nun liegt es aber schon in der Abstammung des Menschen aus den Tierreich, dass der Mensch die Bestie nie völlig los wird…“ 24. und ist ein Sieg der guten Bildung über die Gier in revolutionärer Intention überhaupt wünschenswert ? Keineswegs, würde Friedrich Engels sagen: „…dass seit dem Aufkommen der Klassengegensätze es grade die schlechten Leidenschaften der Menschen sind, Habgier und Herrschsucht, die zu Hebeln der geschichtlichen Entwicklung werden…“ 25. Und was muss das Proletariat nach dem Sturz der Bourgeoisie anderes an den Tag legen als Habgier nach Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmittel und nach Herrschsucht der gestürzten Bourgeoisie gegenüber ? Wir sehen an den Äußerungen der Frau Nussbaum also sehr deutlich, dass das, was als Philosophie ausgegeben wird, sehr oft nur das Wiederkäuen bürgerlicher Klassenvorurteile ist. Immer hat man Klassenunterschiede damit begründet, dass es eine Klasse geben muß, die frei ist von der Erzeugung des gesellschaftlichen Lebensunterhalts und sich rein Geistigem widmet. „Diesem Gerede, das bisher seine große geschichtliche Berechtigung hatte, ist durch die industriellen Revolution der letzten hundert Jahre ein für allemal die Wurzel abgeschnitten.“ 26.

Im letzten Artikel in der ZEIT „Weltverdüsterungspathos“ weist  Thomas Assheuer auf eine gewisse gegenwärtige Aktualität des Dekadenzphilosophen Martin Heidegger hin. „Heidegger wollte einen neuen Anfang, er wollte zurück hinter den abendländischen Logos, hinter Sokrates und Moses, hinter Aufklärung, Recht und Gerechtigkeit – zurück an einen heidnischen Ort jenseits der gottverdammten abendländischen Vernunft. Selbstverständlich war er davon überzeugt, die seinsvergessene Zivilisation könne dies niemals aus eigener Kraft bewältigen, weshalb man auf ein Ereignis warten müsse -auf die destruktive Macht der wiederkehrenden „Götter“. Mit einem Wort: Nur Heidegger verspricht das „Ganz Andere“, nur er zielt auf die Überwindung der Moderne „im Ganzen“. Das ist – verkehrte Welt – nicht nur für Schriftsteller wie Botho Strauß radical chic, sondern auch für marxistische Intellektuelle.“ 27. Das müssen aber schöne marxistische Intellektuelle sein ! Ist Heidegger nicht der Nero der Philosohie ? Die faschistische Lösung derselben ? Hitler wollte mit dem Nerobefehl das deutsche Volk auslöschen, Heidegger, der den Führer einst philosophisch führen wollte, will jegliche Zivilisation auslöschen. Da haben wir die Wahrheit, zwar nicht der Philosohie, aber die der verstorbenen spätbürgerlichen. „Götter“ werden kommen, aber nicht aus dem Jenseitigen, sondern aus den Werkshallen, aus den Fabriken, Universitäten, Schulen, vom Acker, aus den Militärzuchthäusern und aus den Gefängnissen, um der Bourgeoisie ihren heidnischen Ort zuzuweisen, um die Krise nicht nur der spätbürgerlichen Philosophie, sondern der ganzen spätbürgerlichen Gesellschaft zu lösen. „Solange die wirklich arbeitende Bevölkerung von ihrer notwendigen Arbeit so sehr in Anspruch genommen wird, dass ihr keine Zeit zur Besorgung der gemeinsamen Geschäfte der Gesellschaft – Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Rechtsangelegenheiten, Kunst, Wissenschaft etc. – übrigbleibt, solange mußte stets eine besondre Klasse bestehen, die, von der wirklichen Arbeit befreit, diese Angelegenheiten besorgte; wobei sie denn nie verfehlte, den arbeitenden Massen zu ihrem eigenen Vorteil mehr und mehr Arbeitslast aufzubürden. Erst die durch die große Industrie erreichte ungeheure Steigerung der Produktivkräfte  erlaubt, die Arbeit auf alle Gesellschaftsglieder ohne Ausnahme zu verteilen und dadurch die Arbeitszeit eines jeden zu beschränken, dass für alle hinreichend freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft – theoretischen wie praktischen – zu beteiligen.“ 28. Lenin sprach vom Einschlafen der Demokratie, folgt daraus nicht das Einschlafen der Politik, Religion, Soziologie, Philosophie…etc. Je mehr sich die Gesellschaft zum Sozialismus entwickelt, desto mehr erweist sich die Geschichte der politischen Philosophie als ein Sammelsurium von Klassenvorurteilen. Eine von Ausbeutung freie Gesellschaft braucht keine Gesellschaftwissenschaften, auch keinen Marxismus, keine kommunistische Partei..etc.  mehr.

1. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels, Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972, 34. Hegel war in seiner Antrittsvorlesung 1818 in Berlin so geschickt, von der Philosophie seiner Zeit als von einer beinahe verstummten Wissenschaft ( Vergleiche Georg Wilhelm Friedrich  Hegel, Berliner Schriften 1818 – 1831, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1997,43) zu sprechen.

2.a.a.O.,292

3. In den Dingen seien keine Widersprüche, behauptet Dühring in seinem „Kursus der Philosophie“ und weiter: die Widerspruchsdialektik sei in der Philosophie eine recht plump geschnitzte Holzpuppe. (Vergleiche Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972, 133). Für Lenin beinhaltet die Dialektik gerade die Erforschung des Widerspruchs im Wesen der Dinge selbst.

4. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972,356. Dühring überzeichnet die Bedeutung des Schotten David Hume in der Geschichte der politischen Ökonomie, die die wissenschaftliche Einsicht in die Ökonomie der kapitalistischen Produktionsperiode ist, weil dieser für ihn auch das Verhältnis von Ökonomie und Philosophie auf den Kopf stellte, also die Ökonomie die Schöpfung der „erleuchteteren Philosophie“ sei. (Vergleiche a.a.O.,266)

5.a.a.O.,99

6.a.a.O.,154

7.a.a.O.,154. Durch die Negation der Negation in der Geschichte der Philosophie entwickelt sich zugleich die Dialektik zwischen metaphysischer und dialektischer Denkweise: Heraklits Satz: „Alles fließt“ beinhaltete die urwüchsige Dialektik, die aber noch nicht den Zusammenhang des Weltganzen darstellen konnte. Es mußten erst die Einzelheiten des Gesamtbildes erfasst werden. Folglich kam es  zur Negation dieser ursprünglichen Dialektik, zur Phase, in der man die Dinge in ihrer Einzelheit betrachtete, was aber zur bornierten metaphysischen Denkweise führte, die den wechselseitigen Zusammenhang der Prozesse nicht mehr abbilden konnte. Selbst der französische Materialismus des 18. Jahrhunderts war noch nur erst ein mechanischer. In der Geschichte der Medizin kam es zur Wendung vom „Humoralismus“ (Lehre von den Körpersäften) über die Tiermaschine (Descartes) zum mechanischen Maschinenmenschen (La Mettrie).  Diese lange Phase der metaphysischen Denkweise wurde wiederum negiert durch die klassische deutsche Philosophie in ihrer dominierenden Gestalt: Hegel, der die Dialektik auf eine höhere Stufe hob, so daß  nur noch aus ihrer idealistischen Hülle der Kern ans Tageslicht gebracht werden mußte.

8. Martin Seel, Die Wahrheit der Philosophie, in: Die ZEIT vom 20. Januar 2011,41

9. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Berliner Antrittsrede (1818), Berliner Schriften (1818 bis 1931), Felix Meiner Verlag Hamburg, 1997,44

10.a.a.O.

11. Interview der ZEIT mit Martha Nussbaum, Die ZEIT vom 20. Januar 2011, 43

12. „Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlagen des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa“. (Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Werke Band V, Dietz Verlag Berlin 1972,199).

13. Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin 1959,469

14. Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Lenin Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin 1959,72

15. Aristoteles kann als der klassische dialektische Denker der Antike bezeichnet werden.

16. Interview der ZEIT mit Martha Nussbaum, Die ZEIT vom 20. Januar 2011,43

17. Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1959,463

18. Dagegen wehrt er sich in der Schrift: „Was tun – Brennende Fragen unserer Bewegung“ gegen eine Ablehnung einer Organisation von Berufsrevolutionären durch die Ökonomisten in Russland. Der Berufsrevolutionär muss gerade jegliche Primitivität überwinden, so dass viele russische Bebels tätig werden können. Die Primitivität der Volksmassen ist unbedingt notwendig in destruktiver Hinsicht, zur Zerstörung der alten bürgerlichen Welt, die strenge Ausbildung berufsrevolutionärer Kader ist unbedingt notwendig in konstruktiver Hinsicht: zur Vorbereitung und  Durchführung der Revolution und zum Aufbau des Sozialismus/Kommunismus.

19. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984,31

20. Vergleiche Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Werke Band V, Dietz Verlag Berlin 1972,203

21. Interview der ZEIT mit Martha Nussbaum, Die ZEIT vom 20. Januar 2011,43

22. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984,64. „Dieser Appell an die Moral und das Recht hilft uns wissenschaftlich keinen Fingerbreit weiter; die ökonomische Wissenschaft kann in der sittlichen Entrüstung, und wäre sie noch so gerechtfertigt, keinen Beweisgrund sehn, sondern nur ein Symptom.“ (Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972,165).

23. Interview der ZEIT mit Martha Nussbaum, Die Zeit vom 20. Januar 2011,43

24. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Unwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Werke Band V, Dietz Verlag Berlin 1972,113

25. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Marx Engels Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,287

26. Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Band IV, Dietz Verlag Berlin, 1972,202

27. Thomas Assheuer, Weltverdüsterungspathos, in: Die ZEIT vom 20. Januar 2011,43

28. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Werke Band V, Dietz Verlag Berlin 1972,201

Heinz Ahlreip 25. Januar 2011

Advertisements

Schlagwörter: ,

3 Antworten to “„DIE WAHRHEIT DER PHILOSOPHIE“ Zur Krise der spätbürgerlichen Philosophie”

  1. Erhard Maßalsky Says:

    Den Gedanken von G. Lötzsch stimme ich völlig zu. –

    In der heutigen Zeit, in der es zwar viele Anhänger der Korrespondenztheorie der Wahrheit gibt, zeigt sich oft immer wieder ein Irrtum dahingehend, die Absolutheit und Objektivität der Wahrheit gegenüber zustellen.

    Wahrheit als Übereinstimmung von Gedanken und Aussagen mit der objektiven Realität ist objektiv, d.h. unabhängig von jeglichen subjektiven Interessen und Sichtweisen im Sinne des „Für-Wahr-Haltens“.

    Absolutheit – im Unterschied zur Relativität – der Wahrheit bedeutet nicht, Alles über einen Forschungsgegenstand erkannt zu haben, sondern, dass es sich um solche `wahren`Aussagen handelt, die auch duch weitere Erkenntnisse nicht widerlegt werden können.

    Erhard Maßalsky

    • dierostigelaterne Says:

      Die reine objektive unbefleckte Wahrheit kann es wohl bei Frau Lötzsch geben, aber nicht bei mir. Ich bin Klassenkämpfer und habe ganz klare objektive Interessen und auch ein subjektives Interesse. Revolution verändert auch den Revolutionär. Ihre Ausführungen mag sich Frau Lotzsch zu Herzen nehmen, denn auf diese Dame passen sie. Klar, dass Sie den Gedanken dieser Dame völlig zustimmen. Man muss nicht statisch denken, sondern dynamisch: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand, die sich annähern, aber niemals ganz übereinstimmen werden. Gerade idealistsiche Philosophie postuliert diese Identität immer und aus dem Idealismus heraus sogar zu Recht und verständlich.

  2. Dr. Erhard Maßalsky Says:

    Interessen sind immer subjektiv und leiten sich aus der objektiven Situation bzw. Stellung ab. Materialistisch dialektisches Denken ist das Denken, welches den objektiv realen Dingen und Zusammenhängen folgt und zur Wahrheit führt.
    Wahrheit ist nicht die Übereinstimmung von Begriffen und Gegenstand. Wahrheit ist objektiv, da die Ausage mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
    Sie ist quasi die ideelle Reflexion der in gewisser Weise organisierten objektiven Realität.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: