LENIN ALS DIALEKTIKER Zum 141. Geburtstag Lenins

von Heinz Ahlreip, am 22.4.2011

Die Geschichte der Produktion in der Natur, in der Gesellschaft und  ihre Widerspiegelung im menschlichen Denken entwickelt sich spiralförmig im Wechselspiel von relativer Identität zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und den relativitätsbedingt daraus hervorbrechenden Widersprüchen. Die Bedingungen der Selbstbetätigung werden, wie Marx und Engels im Feuerbachkapitel der Deutschen Ideologie schrieben, zur Fessel derselben. 1. Pointiert weist Friedrich Engels auf den spiralförmigen Charakter der Produktionsentwicklung in seiner Darstellung der Lehre des utopischen Sozialisten Charles Fourier hin, der von verkehrten Kreisläufen der kapitalistischen Produktionsweise sprach. Hier sah Engels Korrekturbedarf. 2. Spiegelt die menschliche Erkenntnis die Produktionsgeschichte annähernd richtig wider, so muß sie nicht nur die spiralförmige Bewegung widerspiegeln, da nach Friedrich Engels das menschliche Denken „nur der bewußte Reflex der dialektischen Bewegung der wirklichen Welt“ 3. ist, sondern die Widerspiegelung der spiralförmigen Entwicklung ist interessanterweise, aber nicht überraschend selbst annähernd spiralförmig. „Die menschliche Erkenntnis ist nicht (resp. beschreibt nicht) eine gerade Linie, sondern eine Kurve, die sich einer Reihe von Kreisen, einer Spirale unendlich nähert.“ 4. Die unendlich in sich selbst kreisende Spirale ohne Beginn und endgültigen Abschluß weder der Produktion noch der Erkenntnis befindet sich in ständiger Fortbewegung dadurch, daß Einheit ständig in Entzweiung  und Entzweiung ständig in Einheit übergeht, wobei zum Beispiel Kausalität nicht in eine unendliche Ursachenkette entgleitet, sondern als in sich zurückgebogene über die Wechselwirkung bei sich bleibt. Aber auch Rückentwicklungen sind im Spiralverlauf möglich. Weder ist der Kommunismus noch der Marxismus das Ziel der Geschichte. Die Dialektik leugnet, wenn man es pauschal formuliert, im Gegensatz  zur Metaphysik endgültige Wahrheiten, die in den exakten Wissenschaften, etwa in der Mathematik, in gewisser Weise, vorsichtig formuliert, „eindeutiger“ existieren. Die Eins und der reine Raum sind Abstraktionen, aber mit gehaltvollem Realitätsbezug. Schon im Charakter des Spiralförmigen liegt, daß alle Grenzen in der Natur und in der Gesellschaft bedingt und beweglich sind. Wann ist ein Mensch wirklich tot ? Wann beginnt, wann endet eine Revolution ? Mediziner und Historiker geraten bei diesen Fragen ins Grübeln. Sind in den Naturwissenschaften noch gewisse Grenzziehungen möglich, so wird dieses in den Gesellschaftswissenschaften erst recht schwieriger, zumal jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger geht und in es umschlagen kann. Der Maulwurf der Revolution ist nicht zu sehen und wohl nur Lenin erahnte, daß nach der russischen Februarrevolution noch unter ihr revolutionäres Potential für eine weitere, also eine Doppelrevolution in der Form der Negation der Negation brodelte. Auf dieses spekulierten die Aprilthesen, die der alte Plechanow als Fieberphantasie abtat.

Verfehlt wäre es auch, wie schon angedeutet, sich die dialektische Entwicklung nur in einer ständigen Aufwärtsentwicklung zu imaginieren, im Gegenteil, „denn zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig.“ 5. (Selbst im Prozess der Erkenntnis gehen wir manchmal zurück, weil wir mit ihrer Adäquatheit noch nicht zufrieden sind. Und Engels sieht einen Rückfall bei den niedrigsten Wilden in einen mehr tierähnlichen Zustand sogar bei gleichzeitiger körperlicher Rückbildung 6.). Bei ständiger Bedingtheit und Beweglichkeit der Grenzen sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft fasziniert sich das menschliche Denken auf die besonderen Formen des Grenzübergangs. Im Nachwort zur zweiten Auflage zum „Kapital“ verweist Marx auf den Rezensenten I.I. Kaufmann, der richtig herausgearbeitet habe, dass es im „Kapital“ vor allem auf den „Übergang von einer Form in die andere, aus einer Ordnung des Zusammenhangs in eine andere.“ 7. ankomme. Ein Übergangsstaat war zum Beispiel die Pariser Commune, in der der Umschwung von der Unterdrückerdemokratie zur Demokratie der Mehrheit des Volkes (Umschlag von Quantität in Qualität: „Wenn tatsächlich ALLE (kursiv von Lenin) an der Verwaltung des Staates teilnehmen, dann kann sich der Kapitalismus nicht länger halten.“ 8.) zum Ausdruck kam und die Arbeiterbewegung kommt während der Vorbereitung und während der proletarischen Revolution nicht ohne das Studium dieser Übergangsformen aus ebensowenig wie ohne Studium des Übergangskapitalismus, der der Imperialismus ist. 9. Ist der Imperialismus als Vorabend der proletarischen Revolution ein Übergangskapitalismus, so ist der „Staat“ der Commune während der proletarischen Revolution in seiner zweiten Phase ebenfalls etwas sich im Übergang Befindliches, in seiner ersten Phase wird die Diktatur einer Klasse durch die einer anderen ersetzt. Lenin verdeutlicht das am Fortbestehen des bürgerlichen Rechts im Sozialismus, daß der Übergang sich hier so entwickelt, daß  „Überreste des Alten im Neuen“ 10. erhalten bleiben. Verfehlt wäre es allerdings, die spiralförmige Entwicklung nur als den Gleichklang des sich ständig Wiederholenden zu deuten, so daß Geschichte ständige Wiederkehr des Gleichen wäre wie die Verfassungen des Polybios. Im Gegenteil, es kommt innerhalb dieser zu Revolutionen, heftigen und schroffen Übergängen, Widersprüchen, einander ausschließenden Tendenzen, Katastrophen und Sprüngen. 11. Bereits Hegel führte seine Dialektik mit den Worten ein: „Je besser die Methode ist, desto greller werden die Resultate“ 12., der junge Engels erfasste sie als tief innerliche ruhelose Bewegung 13. und Marx sprach nach Studien über französische Klassenkämpfe von der unbestimmten Ungeheuerlichkeit des Kommunismus. 14. Ist es nun noch verwunderlich, daß Lenin uns darauf hinwies, daß die Geschichte manchmal auch in phantastischen Zickzackbewegungen verlaufen kann. Hat nicht der Verlauf der russischen Doppelrevolution, mit seinen Aprilthesen mittendrin, diese Zickzackbewegungen bestätigt und hat nicht der Zusammbruch der Sowjetunion bestätigt, dass die Geschichte Riesensprünge rückwärts macht ?

Die Dialektik ist eine Prozesswissenschaft. Dies gilt sowohl in idealistischer als auch materialistischer Hinsicht. „Die Dialektik erheischt die allseitige Berücksichtigung der Wechselbeziehungen in ihrer konkreten Entwicklung, nicht aber das Herausreißen eines Stückchens  von diesem, eines Stückchens von jenem.“ 15. Denn die Dialektik ist eine Prozesswissenschaft, die als solche Gesetzescharakter hat. 16. In ihren Gesetzen: Umschlag von Quantität in Qualität, Einheit und Kampf der Gegensätze, Negation der Negation finden immanent in diesen Gesetzen Wechselbeziehungen statt als auch unter diesen Gesetzen selbst. 17.  Die immanenten Wechselbeziehungen bedingen die untereinander und umgekehrt. Durch das Ineinander und Auseinander all seiner Wechselbeziehungen ist der Prozess ein Ineinander und Auseinander seiner selbst. Spiegelt  das menschliche Gehirn diesen relativ richtig wider, wird der materielle Prozess historisch relativ seiner selbst „inne“, im Idealismus allerdings ahistorisch absolut, war dieses Innewerden absolut richtig. Erfasst sich im – nur als philosophisches mögliche – Denken Hegels das Universum in seinem innersten Wesen, so stellte sich  die Frage: Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden ? als zwingend, um es zu erfassen. Und nach einem geflügelten Wort von Karl Marx aus dem Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals gilt in jeder Wissenschaft, dass aller Anfang schwer ist. Denn ein falscher Anfang  verfehlte alles. Hegel sah den zu machenden Anfang als Sein. (und das heißt zugleich als Nichts. Aus beiden Abstraktionen: Sein und Nichts ergibt sich der erste Gedanke und das heißt der erste Begriff: das Werden. Im unruhigen Werden verschwinden Sein und Nichts und damit das Werden als „Verschwinden des Verschwindens“. 18.)  Feuerbach scharf hegelkritisch sah den zu machenden Anfang im Endlichen, Bestimmten, Wirklichen; Marx als Ware, Lenin sprach in diesem Zusammenhang von der Ware als das Sein in der politischen Ökonomie 19.). Hegels Philosophie rechtfertigte das Bestehende: das was ist zu begreifen, ist Aufgabe der Philosophie,denn das was ist, sei die Vernunft.  (Marx legte dar, dass der Produzent nur durch Überwindung der Warenproduktion, die das neuzeitliche weltweite Joch der arbeitenden Menschen ist, den Produktionsprozess beherrscht und erst dadurch Kollektivmensch wird). Absolut richtig war das hegelsche Innewerden einmal im Absoluten Wissen der Phänomenologie des Geistes, die eben aufzeigt, wie Wissen absolutes WIRD   und dann in seiner Entfaltung in der Hegelschen Logik. Die Identität von Subjekt und Objekt kommt letztendlich immer zu  der Aussage, daß das Sein Bewußtsein ist. Also zum Idealismus. 20. Hegels Methode wendete sich in sich selbst zu einer absoluten Omnipotenz um:  durch sich selbst in allem sich selbst zu finden und zu erkennen. Die materialistische Philosophie, die Materie im Verhältnis zum  menschlichen Bewußtsein als präexistent deutet (es gibt Materie ohne Philosophie) bzw. dieses Verhältnis exakt richtig widerspiegelt, gibt dieser damit eine relative Omnipotenz und das Bewußtsein kann nicht zu einem absoluten Wissen im Sinne Hegels kommen, Hegel hätte spöttisch über Lenin geschrieben, daß eine Annäherung weder warm noch kalt wäre. 21. Ich sage ausdrücklich: „im Sinne Hegels“, denn der historische und dialektische Materialismus leugnet keineswegs eine absolute Wahrheit, die individuell aber nicht zu erreichen ist, und mag die Genialität auch noch so groß sein. „Mit andern Worten: die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern; weder die eine noch die andre kann anders als durch eine unendliche Lebensdauer der Menschheit vollständig verwirklicht werden.“ 22. (Nebenbei bemerkt: auch ein Hinweis von Engels, was man vom Personenkult halten soll). Slavoj Zizek hat die Dialektik zwischen relativer und absoluter Wahrheit im Marxismus mißdeutet und Lenin dadurch zum Idealisten gedreht: „Allein die Metapher von der unendlichen Annäherung an die wahre Beschaffenheit der Dinge, an die objektive Wahrheit, verrät diesen Idealismus.“ 23. (Der läge dann allerdings auch bei Engels vor, denn der relative Charakter unserer Widerspiegelung ist bei Engels ganz klar ausgesprochen: Nach der materialistischen Dialektik „…hört die Forderung endgültiger Lösungen und ewiger Wahrheiten ein für allemal auf; man ist sich der notwendigen Beschränktheit aller gewonnenen Erkenntnis stets bewußt, ihrer Bedingtheit durch die Umstände, unter denen sie gewonnen wurde…“ 24.). Zizek ist entgangen, dass gerade Lenin im „Empiriokritizismus“ gegen den nackten Relativismus polemisiert und dass der dialektische Zusammenhang zwischen relativer und absoluter Wahrheit von ihm stets beachtet wird. Lenin schreibt richtig über Engels: „Für Engels setzt sich die absolute Wahrheit aus relativen Wahrheiten zusammen.“ 25. Und zwar so, daß jede wissenschaftliche Wahrheit trotz ihrer Relativität auch absolute enthält. Zizek hätte den Versuch unternehmen müssen, besonders im „Empiriokritizismus“ konkret nachzuweisen, wo Lenin von Engels abweicht. Lenin zeigt vielmehr auf, daß Engels zum Beispiel in seiner Polemik gegen Professor Dühring Recht hatte, der es  nicht verstand, die Dialektik auf das Verhältnis zwischen absoluter und relativer Wahrheit anzuwenden, daß sich die absolute nur in der endlosen Abfolge der Menschengeschlechter realisiert. Aber sie REALISIERT sich – fortwährend: „Das menschliche Denken ist also seiner Natur nach fähig, uns die absolute Wahrheit, die sich aus der Summe der relativen Wahrheiten zusammensetzt, zu vermitteln, UND ES TUT DIES AUCH (kursiv von Heinz Ahlreip).“ 26. Darin steckt mehr als nur eine Annäherung. „Der Relativismus als Grundlage der Erkenntnistheorie ist nicht nur die Anerkennung  der Relativität unserer Kenntnisse, sondern auch die Leugnung irgendeines objektiven, unabhängig vom Menschen existierenden Maßes oder Modells , dem sich unsere relative Erkenntnis nähert“. 27. Und genau diese Leugnung unterschiebt Zizek Lenin, wenn er ihm Idealismus vorwirft. Wenn die Leute doch bloß lesen könnten, pflegte Marx zu sagen.  28. Das menschliche Wissen schreitet vom Nichtwissen zum Wissen fort und dieses vervollkommnet sich fortwährend, ohne aber in der unendlichen Annäherung die unendliche Totalität der unendlich existierenden Natur zu erreichen. Das unvollkommene Wissen wird aber immer vollkommener, unser Wissen nähert sich dem unendlich absoluten Wissen immer nur, aber immer mehr an. Wenn sich auch alle Wahrheiten der Naturwissenschaften als relative erweisen, so darf daraus nicht der Schluß gezogen werden, es gäbe keine objektive, von der Menschheit unabhängige Wahrheit, ein Trugschluß, der für Lenin Naturwissenschaftlern unterläuft, die die Dialektik nicht oder nur mangelhaft beherrschen. Abhilfe gegen ein Abgleiten in reaktionäre Schlußfolgerungen aus den Resultaten naturwissenschaftlicher Forschung sah Lenin in der Bildung einer Art „Gesellschaft materialistischer Freunde der Hegelschen Dialektik“.

Eine der tiefgründigsten Darlegungen der Leninschen Dialektik befindet sich in der Auseinandersetzung über die Bedeutung der Gewerkschaften im Sozialismus, eine Debatte, die um die Jahreswende 1920/21 im bereits bolschewistisch regierten Rußland stattfand. In ihr entwickelte Lenin Dialektik in ihrem Verhältnis zum Eklektizismus, indem er nachwies, daß weder Trotzki noch Bucharin dialektisch an die Frage der Gewerkschaften herangingen, sondern eben eklektisch. Der Eklektiker begreift den Sachkomplex  nicht in seiner prozessualen vielfältigen Gestaltung aus seiner inneren Selbstbewegung heraus, sondern ergreift nur einzelne Momente und spiegelt so die komplexen Wechselverhältnisse der Entwicklung einseitig falsch wider. Sind die Wechselbeziehungen so ihrer Lebendigkeit beraubt, verfällt der Eklektiker in bloße Redensarten. Für Bucharin sind die Gewerkschaften einerseits eine Schule des Kommunismus, andererseits sind sie ein Apparat, sie seien beides, sowohl als auch. Diese Herangehensweise sei eine formallogische. (Man vergleiche diesbezüglich auch, wie Friedrich Engels den Positivisten Eugen Dühring und wie Lenin in der Schrift: Über „linke“ Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit die sogenannten Linken Kommunisten in der Frage des Brester Friedens kritisierte, die nach allen möglichen einerseits und anderseits haschten. (Vergleiche Lenin Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin,1987,318). Den Unterschied zwischen beiden Logiken verdeutlicht Lenin an einem von Bucharin selbst angeführten Beispiel: Ist ein Glas ein Glaszylinder oder ein Trinkgefäß ? Ein Glas, führte Lenin aus, lasse sich nicht auf diese beiden Momente einschränken, sondern sei allseitiger, ja von allseitiger Unendlichkeit (schwerer Gegenstand, Wurfinstrument, eignet sich zum Fangen von Schmetterlingen…u.s.w.) Glaszylinder und Trinkgefäß sind also nur zwei Momente unter unendlich vielen und die formale Logik beschränkt sich im Grunde auf das Allerüblichste: ein Glaszylinder zum Trinken. „Die dialektische Logik verlangt, daß wir weitergehen. Um einen Gegenstand wirklich zu kennen, muß man alle seine Seiten, alle Zusammenhänge und „Vermittlungen“ erfassen und erforschen. Wir werden das niemals vollständig erreichen, die Forderung der Allseitigkeit wird uns aber vor Fehlern und vor Erstarrungen bewahren.“  29. Der Dialektiker beachtet aber nicht nur die Allseitigkeit eines Gegenstandes, sondern auch seine Selbstbewegung. „In Bezug auf das Glas ist das nicht ohne weiteres klar, aber auch ein Glas bleibt nicht unverändert, besonders aber ändert sich die Bestimmung des Glases, seine Verwendung, sein ZUSAMMENHANG (kursiv von Lenin) mit der Umwelt.“ 30. Der Dialektiker beachtet aber nicht nur die Selbstbewegung eines Gegenstandes, sondern geht auf die ganze menschliche Praxis „sowohl als Kriterium der Wahrheit wie auch als praktische Determinante des Zusammenhangs eines Gegenstandes mit dem, was der Mensch braucht“ 31. ein. Viertens ist die Wahrheit immer konkret, eingedenk, daß diese sich aus der ganzen Geschichte ihrer Entwicklung in ihrer prozessualen Totalität ergibt, der der Dialektiker widerspiegelnd möglichst nahe kommen muß. 32. Die Konkretion setzt also die nach Allseitigkeit strebende Kenntnis der gesamten Geschichte der proletarischen Klassenkämpfe, die die treibende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung sind,  und des diese widerspiegelnden Marxismus voraus, ohne daß dadurch aber das Konkrete als unendliche Summe vollständig erkannt werden kann, zugleich die konkrete Analyse einer konkreten Situation. Diese Analyse, die die Gesamtheit der Klassenkräfte in ihren wechselseitigen Beziehungen berücksichtigen muß 33., ist gebunden an ein klares Feindbild (der Kapitalist, der Lohnarbeiter benutzt) , an einen diesbezüglichen gesunden Klassenhass gegen die Kapitalistenklasse und an das Bewußtsein, dass der Feind mit Waffengewalt völlig vernichtet werden muss. 34. Das Wissen um die aktuelle Klassenkampfsituation, zu dem die historische Kenntnis als Magd dient 35., die Anwendung der materialistischen Dialektik auf die konkrete Klassenkampfsituation , die perfekte Handhabung der  Kalaschnikow zum Zwecke der Liquidierung des kapitalistischen Klassenfeindes: das ist die „heilige“ Dreieinigkeit des Klassenkampfes.Die Dialektik ist die Algebra der Revolution.

In dem Selbstbewegungsprozess der Materie ist das menschliche Gehirn dessen (und deren) höchstes Produkt, wobei es primär Produktionsepochen widerspiegelt. Aristokratische und bürgerliche Gehirnergüsse werden dann ideologische, wenn sie den Zusammenhang mit der materiellen Produktion des menschlichen Lebens nicht begreifen. 36. Die Produktionsepochen resultieren auseinander in einer historischen Abfolge, die gesetzmäßigen Charakter trägt und es ist u.a. die epochale historische Leistung des Marxismus, der sich selbst bewegenden Materie diese (ihre) Bewegungsgesetzmäßigkeit auf den Begriff gebracht zu haben. Dieser „erkenntnistheoretische“ Begriff  ist der widergespiegelte universale menschliche Arbeitsprozess, den der Mensch MIT BEWUßTSEIN, im Kapitalismus allerdings nur individuell planmäßig ausführt und daher noch vom Produktionsprozess  beherrscht wird. Voneinander unabhängig betriebene Privatarbeiten produzieren Waren.  Diesen individuellen Plan gilt es zu kollektivieren. „Alle Bestimmungen von Robinsons Arbeit wiederholen sich hier, nur gesellschaftlich statt individuell.“ 37. Die reaktionären Kräfte in diesem Arbeitsprozess, meistens sind es diesem recht fern stehende arbeitsscheue Kopfarbeiter, verlagern ihre mittelalterliche Utopie aus dem kapitalistischen Jammertal, in dem sie realhistorisch verharren, über eine Himmelfahrt ins Jenseits. Aber warum sollten nicht fleißige, tatkräftige, gewissenhaft kollektiv und diszipliniert arbeitende Menschen in der Lage sein, dieses Vallis lacrymarum in einen blühenden Garten zu verwandeln ? „Die Natur hat Millionen Jahre gebraucht, um bewußte Lebewesen hervorzubringen, und nun brauchen diese bewußten Lebewesen Tausende von Jahren, um bewußt zusammen zu handeln; bewußt nicht nur ihrer Handlungen als Individuen, sondern auch ihrer Handlungen als Masse; zusammen handeln und gemeinsam ein im voraus gewolltes gemeinsames Ziel verfolgend. Jetzt haben wir das beinahe erreicht. Und diesen Prozeß zu beobachten, diese sich nähernde Herausbildung von etwas in der Geschichte unserer Erde noch nie Dagewesenem, scheint mir ein Schauspiel, das des Betrachtens wert ist, und während meines ganzen vergangenen Lebens konnte ich die Augen nicht davon abwenden.“ 38. Aus dem hier Dargelegten sollte jedoch deutlich geworden sein, daß sich der Kommunismus nicht total, sondern nur annähernd verwirklichen läßt. „Wir sind keine Utopisten und leugnen durchaus nicht die Möglichkeit und Unvermeidlichkeit von Ausschreitungen einzelner Personen und ebensowenig die Notwendigkeit, solche Ausschreitungen zu unterdrücken. Aber erstens bedarf es dazu  keines besonderen Unterdrückungsapparates; das wird das bewaffnete Volk selbst mit der gleichen Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit bewerkstelligen, mit der eine beliebige Gruppe zivilisierter Menschen sogar in der heutigen Gesellschaft Raufende auseinander bringt oder eine Frau vor Gewalt schützt.“ 39. Das ist der Unterschied zu jeglichem Utopisieren eines Ideals oder  Systemkonstruierens, es liegt gerade keine Vergottung der Geschichte vor. 40. Jetzt kann Lenin spöttisch über den absoluten Idealisten Hegel lächeln. Gelingt einem Gesellschaftswissenschaftler nicht die Verdopplung der Dialektik, die reale in seinem Kopf abzubilden, verfällt er in die Einseitigkeit der Metaphysik. Ganz so einfach ist die Sache bei Hegel jedoch nicht, es ist vertrackter, da auch bei ihm eine Verdopplung der Dialektik vorliegt. „Die Dialektik ist eben die Erkenntnistheorie (Hegels und) des Marxismus.“ 41. Die Verdopplung ist bei Hegel allerdings  eine spiegelverkehrte. Spiegelverkehrt deshalb, weil für ihn die Praxis nicht „der erste und grundlegende Gesichtspunkt der Erkenntnistheorie“  42. war.

Im menschlichen Erkenntnisprozess können weder Erkenntnissubjekt noch Erkenntnisobjekt fixiert werden. Er läßt sich nicht festhalten, die Selbstbewegung der Materie als konkrete, nicht bloß angeschaute Sinnlichkeit ist das primum agens der menschlichen Erkenntnis sowohl in den Naturwissenschaften, die durch ökonomische Bedürfnisse vorangetrieben werden, als auch in den Gesellschaftswissenschaften und ihrer inneren Motorik des Klassenkampfes. Weder gibt es ein Jenseits des Klassenkampfes, noch ein Jenseits des menschlichen Denkens, noch steht das Erkenntnissubjekt außerhalb dieses objektiven Entwicklungsprozesses. Das war eben die Einbildung der Metaphysik; das sich gegen die dynamische Objektivität fixierende Erkenntnissubjekt steigerte sich in die Gottesvorstellung als fixen Dreh- und Angelpunkt des Universums, eine rein subjektive, durchs Gebet vermittelte Verdopplung. Wie die Metaphysiker begreifen auch die Evolutionisten nicht die Selbstbewegung der Materie durch immanente, sich im Kampf befindliche Widersprüche, auch sie müssen die Quelle der Bewegung nach außen, letzthin in einen Gott verlegen. Lenin nannte die evolutionistische Konzeption „tot,farblos,trocken.“ 43. Die Dialektik verurteilt jedes formale Regelsystem zum Scheitern. Formale Regelsysteme ergeben sich durch ein Denken, das die Momente der Wirklichkeit nur auseinanderhält, die in ihr gerade verknüpft sind. Da in der bisherigen Produktionsgeschichte die Objektivität mächtig, die Produzenten aber ohnmächtig waren und alle großen Ergebnisse der bisherigen Geschichte bewußtlos vor sich gingen 44., verlagerten sie ihre eigene Omnipotenz ins Jenseits. Der tätige denkende Mensch steht nicht außerhalb der Produktionsgeschichte, in seinem Einwirken auf die Natur und Mitproduzenten liegt die Quelle der Erkenntnis.  Hegel mißdeutete die Selbstbewegung der Materie als die eines Weltgeistes, durchbrach aber dennoch metaphysische und formallogische Schranken, zum Beispiel des mathematischen Erkennens,  im Erkenntnisprozess: „…aber in der Veränderung des Wissens ändert sich ihm in der That auch der Gegenstand selbst; denn das vorhandene Wissen war wesentlich ein Wissen von dem Gegenstande; mit dem Wissen wird auch er ein anderer…“45. Gleichwohl gelangen sowohl die formallogische Fixierung der Erkenntniskonstellation als auch die idealistisch dynamische zum gleichen Resultat: als habe es eine Geschichte der Erkenntnis gegeben, aber es gibt keine mehr. Die Geschichte der Philosophie schreibt sich anders. Marx hatte die Aufgabe in der Tat anders gestellt: nicht ein bestehendes gesellschaftliches Ausbeutungssystem theoretisch zu rechtfertigen, sondern es praktisch revolutionär zu zerschlagen. Den höchsten Erkenntniswert gibt es in der revolutionären Praxis deshalb, weil mit dem Ändern der Umstände sich auch der subversiv tätige Revolutionär ändert. „Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als REVOLUTIONÄRE (kursiv von Marx) Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ 46. Die Widerspiegelung der kreativen Entfaltungsproduktivität der Natur und der Gesellschaft ist hier am nächsten dem universalen Selbstgestaltungsprozess in einer ausschließlichen Diesseitigkeit des Denkens. Nur dem proletarischen Revolutionär ist eine annähernd richtige Widerspiegelung der Wirklichkeit möglich und dieser Problematik stellte sich Lenin bereits in seiner ersten größeren, im Frühjahr / Sommer 1894 geschriebenen Arbeit: Was sind die „Volksfreunde“ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten ? Spiegeln wir die Wirklichkeit richtig wider ? diese Frage stellt er während seiner Kritik an den Auffassungen der „Volksfreunde“.  Fundamental für die wissenschaftliche Richtigkeit der Reflexe ist eine diesseitige Immanenz  des lebendigen Abbildungs- und Denkprozesses, ohne vorgefasste religiöse oder idealistische Schablonen, aus dem heraus sich die richtige Anleitung  zur revolutionären Aufhebung der Weltwidersprüchkeit ergibt, aus der sich falsche religiöse oder idealistische Reflexe ergeben. Deshalb insistierte Karl Marx zu Recht hartnäckig auf das Kriterium revolutionärer Praxis in den Feuerbachthesen von 1845, weil sich ohne Aufhebung der Weltwidersprüchlichkeit (des Privateigentums an Produktionsmitteln) der Gegensatz der materialistischen und idealistischen Weltanschauung philosophiegeschichtlich fortwälzen würde.  Nichtrevolutionären Menschen ist nicht bewußt, daß die Praxis das Kriterium der Wahrheit ist.  Sie philosophieren erkenntnistheoretisch im Fixzustand der Erkenntnistheorie, ihrer Subjekt-Objekt-Konstellation. Von hier ist eine Weiterentwicklung dialektischen Denkens am allerwenigsten zu erwarten, insbesondere wenn eine doppelte Praxisabstinenz vorliegt: zum Produktionsprozess und zur revolutionären Praxis. Beides resultiert auseinander. Das asoziale kontemplative Milieu ist die Quelle falscher Welterkenntnis und der Mann hat nicht ganz Unrecht, der behauptet, dass an den Universitäten eine Menge Blödsinn gelehrt wird. 47. In der Bundesrepublik konnte sich der asoziale Blödsinn bei den hetzerischen Berufsverboten für fortschrittliche Lehrer und Wissenschaftler breitmachen.48.

Das Proletariat kämpft gegen die Bourgeoisie und umgekehrt, das Neue kämpft gegen das Alte und umgekehrt, das Gesunde kämpft gegen das Kranke und umgekehrt, das dialektische Denken kämpft gegen das formallogische und umgekehrt, das Fortschrittliche kämpft gegen das Reaktionäre und umgekehrt , die Revolution kämpft gegen die Konterrevolution und umgekehrt, das Richtige kämpft gegen das Falsche und umgekehrt. Aus dieser Reziprozität rettet sich die idealistische Dialektik dadurch, dass sie das Falsche als ein notwendiges Moment im Prozess zum absolut Richtigen umgreift, das dann hier erlöschen wird. Die Geschichte der Philosophie beweist das durch die Philosophie Hegels, es hat für ihn eine Geschichte der Philosophie und eine Philosophie der Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr. Für die Hegelianer ist seine Philosophie der von Faust ersehnte Augenblick, an dem es zu verweilen gilt. Aber die Geschichte wäre zu schön, sie ist über Hegel hinwegegangen und er kann sich gegen seine eigene innere ruhelose Dialektik nur durch den Kunstgriff der Trennung von Hand- und Kopfarbeit retten. Dies geschieht in der Philosophie der Religion. Die Philosophie sei „…ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr überlassen und nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie.“ 49. Die Hegelkaste hat die Wahrheit, wie immer sich auch der weitere Lauf der Weltgeschichte gestalten möge. Und doch ist hier der Zwiespalt des Idealismus zur menschlichen Praxis ganz evident. Wie der Idealismus aus diesem Zwiespalt herausfinde, aus seiner Sackgasse (ob er es überhaupt kann?) bleibt ihm überlassen und ist nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der dialektischen Materialisten und Revolutionäre. Wie klein auch ihre Zahl sein mag, sie haben Recht, denn heute kommt es darauf an, die Revolution der Arbeiter und Bauern vorzubereiten. Man kann die Revolution der Arbeiter und Bauern nicht vorbereiten, wenn man nicht den Marxismus Leninismus weiterentwickelt und umgekehrt, man kann den Marxismus Leninismus nicht weiterentwickeln, wenn man nicht die Revolution der Arbeiter und Bauern vorbereitet.


1. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,72

2. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Marx Engels Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972,300. Gegen die landläufige Auffassung einer geradlinig verlaufenden Entwicklung des Weltbewegungsprozesses vertritt die dialektische Auffassung eine sich auf höherer Stufe wiederholende Entwicklung (Negation der Negation), die „sozusagen in der Spirale vor sich geht“. (Lenin; Karl Marx, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,43). Die sich auf höherer Stufe wiederholende Entwicklung findet in der Hegelschen Philosophie zum Beispiel in der Phänomenologie des Geistes beim Übergang der Vernunft in den Geist statt, dieser wiederholt seine bisherigen im Bewußtsein, Selbstbewußtsein und in der Vernunft entfalteten Gestalten noch einmal, aber statt Gestalten nur des Bewußtseins nunmehr als „Gestalten einer Welt“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes,  Akademieausgabe, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1980,220). Gegen die landläufige Auffassung des Weltentwicklungsprozesses, die Natur mache keine Sprünge, vertritt die dialektische Auffassung sehr wohl die gegenteilige: Sprünge, Katastrophen, Abbrechen der Allmählichkeit, innere, die Entwicklung vorantreibende Widersprüche, lassen diese sprung- und  katastrophenhaft verlaufen, wobei alle ihre Seiten sich immer zusammenhängend auseinander ergeben.

3. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Marx Engels Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin,293. Und diese Welt ist die sich ewig bewegende und entwickelnde Materie. (Vergleiche Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Werke Band 14, Dietz Verlag Berlin,1962,132). Lenin und  Engels fassten die Begriffe unseres Kopfes als Abbilder der wirklichen Dinge auf (a.a.O.,292f.) und Lenin hat diesen Engelschen Kern im „Empiriokitizismus“ lediglich entfaltet. Engels drückt es ganz pointiert aus: „…während die Dialektik in unserm Kopf doch nur die Widerspiegelung der sich in der natürlichen und menschengeschichtlichen Welt vollziehenden, dialektischen Formen gehorchenden, tatsächlichen Entwicklung ist.“ (Brief von Friedrich Engels an Conrad Schmidt vom 1. November 1891, in: Friedrich Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 bis 1895), Dietz Verlag Berlin,1979,46f.). Man kann sagen, hier gehorchte Lenin Engels und wiederholte 1894 die Engelsche Polemik gegen Professor Dühring gegen den „Volksfreund“ Michailowski, der wie Dühring dem Marxismus Hegelsche Triaden unterjubelte. Abgewehrt werden mußte der Vorwurf, daß Marx der Expropriation der Expropriateure in der sozialen Revolution die Hegelsche Denkfigur der Negation der Negation zugrunde gelegt habe, während diese sich bei ihm erst post festum nach dem Studium der tatsächlichen Prozesse der sozialen Evolution als eines naturgeschichtlichen Prozesses  ökonomischer Gesellschaftsformationen ergab. Bei der Unterschiebung dialektischer Denkfiguren wird der Gehalt der Marx´schen essentiellen Forschung mit ihrer lediglichen Ausdrucksweise verwechselt (er kokettierte mit der Hegelschen). „Für jedermann ist eins völlig klar: Der Schwerpunkt der Beweisführung von Engels liegt darin,daß es Aufgabe der Materialisten ist, den wirklichen historischen Prozess richtig und exakt darzustellen, daß ein Bestehen auf Dialektik, ein Auswählen von Beispielen,  die die Richtigkeit der Triade bestätigen sollen, nichts anderes sind als Überbleibsel jenes Hegelianertums, aus dem der wissenschaftliche Sozialismus hervorgegangen ist, Überbleibsel der Ausdrucksweise.“ (Lenin, Was sind die Volksfreund und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten ? Werke Band 1, Dietz Verlag 1984,156f.) Nur wenn, wie bei Hegel, die Entwicklung der Idee die der Wirklichkeit bestimmt, ist die Bedeutung dialektischer Denkfiguren grundlegend, für Materialisten kommt es primär auf das positive Verständnis des Bestehenden und seiner notwendigen Entwicklung an, was eben für verhegelte Köpfe so schwer zu begreifen ist. Überhaupt ist das Verhältnis der verhegelten Köpfe zum Marxismus ein Kapitel für sich. A. Deborin hatte sich in einer Buchbesprechung aus dem Jahre 1908 (er besprach das Buch von Ja. Berman: Die Dialektik im Lichte der modernen Erkenntnistheorie) völlig verhauen, als er den Marxismus als ein notwendiges Moment im Entwicklungsprozeß der klassischen deutschen Philosophie bezeichnete, als deren Vollendung. „Und wer diese Verbindung zwischen dem Marxismus und dem Hegelianertum nicht begriffen hat, der hat weder vom einen noch vom anderen irgendetwas verstanden..“ (A. Deborin, Noch einmal über die Dialektik, in: Die Sowjetphilosophie, Wendigkeit und Bestimmtheit, Dokumente, herausgegeben und eingeleitet von Wilhelm Goerdt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1967,56) Mehr als hundert Jahre später, trotz des Empiriokritizismus von Lenin, wirft Slavoj Zizek diesem vor, die hegelianische Komplexität von Marx´“Kritik der politischen Ökonomie“ nicht verstanden zu haben, was immer auch darunter zu verstehen sei.Vielleicht hängt diese ständige Sehnsucht der Intellektuellen, den Marxismus mit Hegelscher Dialektik zu verwässern, mit der Aussage Lenins zusammen,  dass man ohne Hegels Logik das „Kapital“ nicht verstehen könne. Der absurde Vorwurf von Slavoj Zizek, daß Lenin Marx nicht wirklich verstanden habe, wird, hätte Slovoj ihn weiter durchdacht, dadurch noch absurder: daß Engels Marx nicht verstanden habe. (Siehe: Slavoj Zizek, Die Revolution steht bevor, Dreizehn Versuche über Lenin, edition suhrkamp 2298, Frankfurt am Main, 2002,28f.). Und umgekehrt: Marx habe Engels nicht verstanden. Denn der Anti-Dühring ist von Marx gelesen worden und er hat das in ihm enthaltene Kapitel: Aus der „Kritischen Geschichte“ selbst geschrieben. Hätte er das getan, wenn er den „Anti-Dühring“ nicht voll und ganz gebilligt hätte ? Im Anti-Dühring weist Engels auch die Unterstellung von Dühring zurück, Marx beweise seine Theorie mit Hegelschen Triaden. (Vergleiche Lenin, Was sind die Volksfreunde und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten ? Lenin Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1984,156 bis 167). Marx kokettierte im Kapital lediglich mit Hegelscher Ausdrucksweise, betonte aber im Nachwort zur zweiten Auflage, daß seine Methode der hegelschen DIREKT entgegengesetzt sei. (Siehe: Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin,1984,27). Was soll man nach alledem von der Aussage des „Volksfreundes“ Zizek halten: „Um es ganz brutal und unmißverständlich zu sagen: Es ist offensichtlich, daß Lenin Marx nicht wirklich verstanden hat, zumindest die hegelianische Komplexität von Marx „Kritik der politischen Ökonomie“ entzog sich seinem Verständnis.“ (Slavoj Zizek, Die Revolution steht bevor, Dreizehn Versuch über Lenin, edition suhrkamp 2298, Frankfurt am Main,2002,29). Um es ganz brutal und unmißverständlich zu sagen: Weder hat Zizek Marx noch Lenin richtig verstanden. „Ei schau doch, was das Möpschen kann: Es bellt den Elefanten an !“ (Lenin, Was sind die „Volksfreunde“ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten ?, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin,1984,151).

4. Lenin, Zur Frage der Dialektik, Lenin Werke Band 38, Dietz Verlag Berlin, 1964,344. In den Randbemerkungen zu Hegels Geschichte der Philosophie spricht Lenin von der spiralförmigen Entwicklung des menschlichen Denkens überhaupt. ( Vergleiche Lenin, Philosophische Hefte, Konspekt zu Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Werke Band 38, Dietz Verlag Berlin,1964,233).

5. Lenin, Über die Juniusbroschüre, Lenin Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,315. Trotz aller Rückschritte vertritt die dialektische Geschichtsbetrachtung die Auffassung, dass sich der gesellschaftliche Fortschritt durchsetzen wird, „vom Niedern zum Höhern.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Dietz Verlag Berlin, 1975, 267). Obwohl Kant mit der Nebulartheorie der Entstehung des Universums auch dessen notwendigen Untergang implizierte, befinden wir uns immer noch auf dem aufsteigenden Ast.(Vergleiche a.a.O.,268).

6. Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, Marx Engels Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau 1975,374

7. Karl Marx, Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin,1984,25f.

8. Lenin, Staat und Revolution, Dietz Verlag Berlin, 1960, 487. „Je vollständiger die Demokratie, um so näher der Zeitpunkt, zu dem sie überflüssig wird.“ (a.a.O.,489).

9. Vergleiche Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin 1960,307

10. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1960, 485f.

11. Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Lenin Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin,1957,116. Bereits der antike Materialist Epikur erahnte genial die krummlinige Bewegung der Atome. Die dialektische Entwicklung ist von abstrakt evolutionärer zu unterscheiden: „Eine Entwicklung, die die bereits durchlaufenen Stadien gleichsam noch einmal durchmacht, aber anders, auf höherer Stufe („Negation der Negation“), eine Entwicklung, die nicht geradlinig, sondern sozusagen in der Spirale vor sich geht; eine sprunghafte, mit Katastrophen verbundene, revolutionäre Entwicklung; „Abbrechen der Allmählichkeit“; Umschlagen der Quantität in Qualität; innere Entwicklungsantriebe, ausgelöst durch den Widerspruch, durch den Zusammenprall der verschiedenen Kräfte und Tendenzen, die auf einen gegebenen Körper einwirken oder in den Grenzen einer gegebenen Erscheinung oder innerhalb einer gegebenen Gesellschaft wirksam sind; gegenseitige Abhängigkeit und engster, unzertrennlicher Zusammenhang aller Seiten jeder Erscheinung (wobei die Geschichte immer neue Seiten erschließt), ein Zusammenhang, der einen einheitlichen, gesetzmäßigen Weltprozeß der Bewegung ergibt – das sind einige Züge der Dialektik als der (im Vergleich zur üblichen) inhaltsreicheren Entwicklungslehre.“ (Lenin, Karl Marx, Dietz Verlag Berlin,1960,42f.) Die Dialektik ist die Lehre von der Einheit und dem Kampf der Gegensätze, wobei der Revisionismus in seiner Entwicklung immer mehr die Einheit betont und am Ende ausgesprochen evolutionistisch ist und den Sprung, den Widerspruch, die Unterbrechung der Allmählichkeit, die Einheit von Sein und Nichtsein (Vergleiche Lenin, Zur Kritik der Vorlesungen Hegels über die Geschichte der Philosophie Bern 1915, in: Aus dem philosophischen Nachlass Exzerpte und Randglossen, Dietz Verlag 1958,221) anathematisert.

12. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Differenz des Fichte‘ schen und Schelling‘ schen Systems der Philosophie, Gesammelte Werke Band 4, Rheinisch Westfälische Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf 1980,28

13. Friedrich Engels, Schelling und die Offenbarung, Kritik des neuesten Reaktionsversuchs gegen die freie Philosophie, Ergänzungsband Schriften bis 1844, Zweiter Teil, Dietz Verlag Berlin, 1982,179

14. Vergleiche Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Marx Engels Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,102

15. Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften, die gegenwärtige Lage und die Fehler Bucharins und Trotzkis, Werke Band 32, Dietz Verlag Berlin, 1961,82

16. Für Lenin ist dies eine wissenschaftliche Leistung von Marx, der den philosophischen Materialismus zu Ende geführt habe. Die Naturerkenntnis wurde auf die Erkenntnis der Gesellschaft ausgedehnt. „Das Chaos und die Willkür, die bis dahin in den Anschauungen über Geschichte und Politik geherrscht hatten, wurden von einer erstaunlich einheitlichen und harmonischen wissenschaftlichen Theorie abgelöst, die zeigt, wie sich aus einer Form des gesellschaftlichen Lebens als Folge des Wachsens der Produktivkräfte eine andere, höhere Form entwickelt – wie zum Beispiel aus dem Feudalismus der Kapitalismus hervorgeht.“ (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1962,5). Marx und Engels begriffen die Gesellschaft als einen lebendigen, sich in ständiger Entwicklung befindlichen Organismus, nicht als etwas mechanisch Verkettetes, das eine beliebige Kombination der einzelnen gesellschaftlichen Elemente zuließe. (Vergleiche Lenin, Was sind die Volksfreunde und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten ?, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1984,158) Die Tagesjournaille treibt sich in ihren Kommentaren beständig in dieser Kombinatorik herum. Der Revisionismus vergißt „die Grundzüge der ganzen kapitalistischen Ordnung und die gesamte kapitalistische Entwicklung.“ (Lenin, Marxismus und Revisionismus, Werke Band 15, Dietz Verlag Berlin, 1962,26).

17. Vom Standpunkt der formalen Logik kommt die Dialektik einer Höllenfahrt gleich. Das, wenn man so will,  „Diabolische“ schon beginnend  in Platos „Sophisten“: „Das Schwere und Wahrhafte ist dieses, zu zeigen, daß das, was das Andere ist, Dasselbe ist, und was Dasselbe ist, ein Anderes ist, und zwar in einer und derselben Rücksicht.“ (Lenin, Zur Kritik der Vorlesungen Hegels über die Geschichte der Philosophie Bern 1915, in: Lenin, Aus dem philosophischen Nachlass, Exzerpte und Randglossen, Dietz Verlag Berlin, 1958,217).

18.“Das Gleichgewicht, worein sich Entstehen und Vergehen setzen, ist zunächst das Werden selbst. Aber dieses geht ebenso in ruhige Einheit zusammen. Sein und Nichts sind in ihm nur als Verschwindende; aber das Werden als solches  ist nur  durch die Unterschiedenheit derselben. Ihr Verschwinden ist daher das Verschwinden des Werdens oder Verschwinden des Verschwindens selbst.“ ( Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik Das Sein, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1999,64)

19.Vergleiche Lenin, Plan der Dialektik (Logik) Hegels ( 1915 Bern), in: Lenin, Aus dem philosophischen Nachlass, Exzerpte und Randglossen, Dietz Verlag Berlin, 1958,249

20. Grob holzschnittartig formuliert: In der idealistischen Philosophie Hegels erscheinen die Erkenntnisobjekte zunächst als etwas Anderes, für Lenin sind sie immer etwas Anderes als das  sehende, erkennende, denkende und philosophierende Erkenntnissubjekt. Der Materialismus lehrt, dass das Bewußtsein das Sein annähernd widerspiegelt, der historische, dass das gesellschaftliche Bewußtsein das gesellschaftliche Sein annähernd widerspiegelt. In den Idealismus geriet zum Beispiel Bogdanov 1902 in seinem Aufsatz „Die Entwicklung des Lebens in Natur und Gesellschaft“, mit dem guten Vorsatz einer Weiterentwicklung des Marxismus,  in dem er aber gesellschaftliches Sein und gesellschaftliches Bewußtsein identifizierte. Für dem Marxismus Leninismus ist gerade die Deutung einer nur möglichen Annäherung  beider Seiten eine Garantie einer philosophischen Grundhaltung des (historischen) Materialismus. Ohne es zu wollen, diente Bogdanov der philosophischen Reaktion. „Das ist eine traurige Tatsache, aber doch eine Tatsache.“ (Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Werke Band 14, Dietz Verlag 1962,329).

21. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorrede zu den Grundlinien der Philosophie des Rechts, Theorie Werkausgabe Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1970,27

22. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Marx Engels Ausgewählte Werke Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972,97f.

23. Slavoj Zizek, Die Revolution steht bevor, Dreizehn Versuche über Lenin, edition suhrkamp2298, Frankfurt am Main, 2002,29. Im Gegenteil, die „Metapher“ von der unendlichen Annäherung „verrät“ den dialektischen Materialismus: „In der Welt existiert nichts als die sich bewegende Materie, und die sich bewegende Materie kann sich nicht anders bewegen als im Raum und in der Zeit. Die menschlichen Vorstellungen von Raum und Zeit sind relativ, doch setzt sich aus diesen relativen Vorstellungen die absolute Wahrheit zusammen, diese relativen Vorstellungen entwickeln sich in der Richtung der absoluten Wahrheit, nähern sich dieser.“ (Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Dietz Verlag Berlin,1962,171). Auch nicht die Spur von Idealismus. Völlige Identität zwischen Natur und menschlicher Erkenntnis setzte der ersteren eine absolute Schranke und der dialektische Materialismus wäre seines permanenten Revisionismus´ beraubt. Der Ausdruck „Revisionismus“ mag hier überraschen, wird er doch in der politischen Sphäre pejorativ verwendet, aber macht die sich bewegende Materie ständig Verwandlungen durch, so ist ein naturwissenschaftlicher Revisionismus dem dialektischen Materialismus geradezu wesensimmanent. Leider ist dieser positive Gebrauch des Revisionismusbegriffes im Marxismus so gut wie unbekannt. Lenin schreibt, daß dieser Revisionismus „…im Gegenteil eine unumgängliche Forderung des Marxismus“ ist. (Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Werke Band 14, Dietz Verlag Berlin,1962,250).

24. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,293

25. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Werke Band 14, Dietz Verlag Berlin, 1962,129. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang auch Lenins Randbemerkung in seiner Kritik der Vorlesungen Hegels über die Geschichte der Philosophie. Zu Hegels Ausführung: „Die Welt ist nicht Erscheinung darin, daß sie für das Bewußtsein ist, also ihr Sein nur ein relatives für das Bewußtsein: sondern ebenso an sich.“,  schreibt er an den Rand: „nicht nur Relativismus“. (Lenin, Konspekt zu Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Werke Band 38, Dietz Verlag Berlin,1964,259).

26. a.a.O.,129

27. a.a.O.,131. Den Relativismus ohne materialistische Dialektik  wissenschaftlich zu behandeln führte die Mehrzahl der bürgerlichen Naturwissenschaftler über den Subjektivismus zum Idealismus.

28. Vergleiche Brief von Friedrich Engels an Conrad Schmidt vom 1. Juli 1891, in: Briefe über den historischen Materialismus (1890 bis 1895), Dietz Verlag Berlin, 1979,43. Die Welt der Dinge existiert unabhängig und außerhalb des menschlichen Bewußtseins und erkenntnistheoretisch ist uns daher nur eine Annäherung in ihrer Abbildung möglich. Herrliche Kristalle existieren ohne künstlerische Einwirkung  des Menschen, die verschwinden oder getrübt werden, wenn ihr Reiz auf den Sehnerv ganz unterbrochen oder teilweise gebrochen wird. Aus der Tatsache, daß die Menschen als bewußte Wesen gezwungen sind, in gesellschaftlichen Verkehr zu treten, „folgt keineswegs, daß das gesellschaftliche Bewußtsein mit dem gesellschaftlichen Sein identisch ist. Wenn die Menschen miteinander in Verkehr treten, sind sie sich in allen einigermaßen komplizierten Gesellschaftsformationen – und insbesondere in der kapitalistischen Gesellschaftsformation – NICHT BEWUßT (kursiv von Lenin), was für gesellschaftliche Verhältnisse sich daraus bilden, nach welchen Gesetzen sie sich entwickeln usw. Zum Beispiel: der Bauer, der Getreide verkauft, tritt mit dem Weltgetreideproduzenten auf dem Weltmarkt in „Verkehr“, aber er ist sich dessen nicht bewußt, ebensowenig, wie er sich bewußt ist, welche gesellschaftlichen Beziehungen aus dem Austausch entstehen.“ (Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Werke Band 14, Dietz Verlag Berlin, 1952,326). Das gesellschaftliche Sein  ist unabhängig vom gesellschaftlichen Bewußtsein der Menschen, obwohl dieses Sein sich aus ihrer alltäglichen Produktionspraxis ergibt, ist es unabhängig vom gesellschaftlichen Bewußtsein,  „die von diesem niemals restlos erfasst wird.“ (a.a.O.,328). Bogdanov verfiel in seinem Aufsatz „Die Entwicklung des Lebens in Natur und Gesellschaft“ aus dem Jahre 1902 auf die Identität von gesellschaftlichen Sein und gesellschaftlichen Bewußtsein, denn der Trugschluß brauchte keinen langen Weg, lag gleichsam um die Ecke, wenn Bogdanov meinte, dass die Menschen sich in ihrem Kampf ums Dasein nicht anders vereinen können als mit Hilfe des Bewußtseins. (Vergleiche a.a.O.,325).

29. Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften, die gegenwärtige Lage und die Fehler Bucharins und Trotzkis, Werke Band 32, 1961,85

30. a.a.O.

31. a.a.O.

32. Die Wahrheit als Prozess ist immer ihre Totalität in wechselseitiger Durchdringung ihrer Momente, aber der Widerspiegelungsprozess des konkreten Entwicklungsprozesses kann nur die Grundzüge des Prozesses wiedergeben, niemals den Prozess in seiner Totalität selbst. Nehmen wir eine beliebige Revolution, welcher Historiker kann sie in ihrer ganzen totalen Komplexität darstellen ? Der berühmte Satz Hegels: „Das Wahre ist das Ganze“ ist meines Erachtens richtig und falsch: das Wahre ist das Ganze, wenn es sich aufeinander zubewegt, ohne sich je zu erreichen.

33. Siehe hierzu insbesondere die Kritik Lenins an Rosa Luxemburg aus dem Jahre 1904, daß sie den inneren Parteikampf der russischen Sozialdemokratie nicht dialektisch, sondern schablonenhaft behandele bei falscher Berufung auf die Marx´sche Dialektik. (Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schrite zurück. Antwort an R. Luxemburg, Werke Band 7, Dietz Verlag Berlin, 1956, 484f.)  Siehe hierzu insbesondere die Kritik von Lenin aus dem Jahre 1905 an Parvus, daß er nicht „die Gesamtheit der verschiedenen in Rußland vorhandenen revolutionären Strömungen“ (Lenin, Sozialdemokratie und provisorische revolutionäre Regierung, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin,1958,283) in der Epoche der demokratischen Umwälzung berücksichtige. Desgleichen die Kritik an Plechanow im Jahre 1915 während des ersten Weltkrieges, der aus der deutschen sozialdemokratischen Presse ein Zitat herausgriff, daß die Deutschen schon vor dem Kriege Österreich und Deutschland als Kriegsanstifter betrachtet hätten, um damit den imperialistischen Charakter beider kriegführenden Parteien zu umgehen. Die Kriegsschuldfrage sei wesentlich  komplexer, wenn man dialektisch an die Frage herangeht, sie also allseitig erforscht. (Vergleiche Lenin, Der Zusammenbruch der II. Internationale, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,210f). Und weiter: In der Frage des Verhältnisses von proletarischer Revolution und bürgerlichem Staat sprach Vandervelde von vielen revolutionären Übergangsstufen zur klassenlosen Gesellschaft, dialektisch betrachtet findet aber ein Wechsel der Gegensätze statt, das heißt, der bürgerliche Staat als die Diktatur einer Klasse muß revolutionär zerschlagen werden und durch die Diktatur einer anderen Klasse ersetzt werden, erst danach beginnt der „Übergang“  „des demokratischen proletarischen Staates zum Nicht-Staat („das Absterben des Staates“)“. (Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1959,325).

34. Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960, 425

35. Tiefe historische Kenntnisse sind im Klassenkampf zwingend erforderlich, aber man darf die soziale Poesie dieser  Kämpfe nicht aus der Vergangenheit schöpfen.

36. „Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie. sondern eine PRAKTISCHE (kursiv von Marx) Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.“ (Karl Marx, Thesen über Feuerbach, (Zweite These) Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,5). Geistige ist aus materieller Produktion reziprok abgeleitet, so daß jene immer verwiesen bleibt auf auf diese und sich richtige Erkenntnis immer ergibt aus der Produktionspraxis, dem wissenschaftlichen Experiment und dem Klassenkampf. So schrieb es Mao in seiner Broschüre: Woher kommen die richtigen Ideen der Menschheit ? Schon Descartes hatte durch das Heraufkommen der neuzeitlichen Naturwissenschaften eine Zukunft gesehen, in der die Bauern bessere Wissenschaftler und Philosophen abgeben werden als die Scholastiker der Akademie, denen der Sinn nicht nach Praxis der Produktion steht, sondern die ihre „Wissenschaft“ mehr in den Heiligenschein göttlicher Erkenntnis hüllen. Aber auch atheistische Naturwissenschaftler sind vor scholastischen Realitätsverdrehungen nicht gefeit. Lenin hat im Empiriokritizismus eine ganze Anzahl ihrer Bücher analysiert und ist zu dem Ergebis gekommen, daß die Verfälschung des Marxismus immer raffinierter wird, antimaterialistische Schriften als Marxismus ausgegeben werden. (Siehe: Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Werke Band 14, Dietz Verlag Berlin, 1962,334). Das bekannte Alizarin Beispiel von Friedrich Engels, dass der Mensch in der Lage ist, diesen Farbstoff der Krappwurzel aus Kohlenteer selbst herzustellen und er dadurch ein erkennbares Ding an sich hat, um damit kantische philosophische Spitzfindigkeiten zu beenden, zeigt, dass nicht der pure Theoretiker die menschliche Erkenntnis essentiell voranbringt. Insbesondere hat die Große Industrie und der rasche Fortschritt der Naturwissenschaft der scholastischen Erkenntnistüftelei den Garaus gemacht.  (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Marx Engels Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,277).

37. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1984,92. „Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben.“ (a.a.O.).

38. Friedrich Engels an George William Lamplugh, Brief vom 11. April 1893, Briefe über den historischen Materialismus, Dietz Verlag Berlin, 1979,59

39. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,478. Ausgerechnet in der Metapher der unendlichen Annäherung will Slavoj Zizek Idealismus bei Lenin ausmachen. (Vergleiche Slavoj Zizek, Die Revolution steht bevor, Dreizehn Versuche über Lenin, edition suhrkamp 2298, Frankfurt am Main, 2002,29). Aber der Adressat wäre auch in diesem Punkt wiederum Friedrich Engels: der dialektische Materialist weiß, dass er keine absolute Wahrheit erfassen wird, dass seine wissenschaftlichen Wahrheiten immer nur relativ sind. (Vergleiche: Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Marx Engels Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin,1975,270). Gerade in revolutionären Situationen sind Hegelianer mit ihrer absoluten Wahrheit fehl am Platze, die Revolution lehrt, korrigiert, tastet, überführt bald absolute Wahrheiten als relative. Wer hätte am Anfang der Oktoberrevolution erahnt, dass sich in ihr zum Beispiel ein so kurioses Ding wie die NEP herausbilden wird. Lenin hatte also unbedingt Recht, dass es nur eine unendliche Annäherung an die objektive Wahrheit gibt und er verrät dadurch keinen Idealismus, wie Zizek meint (Vergleiche Slavoj Zizek, Die Revolution steht bevor, Dreizehn Versuche über Lenin, edition suhrkamp 2298, Frankfurt am Main, 2002,29), sondern erweist sich als nüchterner, eiskalter Klassenkämpfer. Überhaupt „glänzt“ Zizek durch Kuriosa. Nachweislich falsch ist seine Behauptung, daß Lenin Marx nicht verstanden habe, aber gerade durch diese Ignoranz besser als dieser die Oktoberrevolution durchführen konnte. Es ist genau umgekehrt: gerade die tiefe wissenschaftliche Durchdringung des Marxismus unter strenger Scheidung zwischen Materialismus und Idealismus (daß die Methode von Marx der Hegelschen direkt entgegengesetzt ist) befähigte Lenin, die Belastung der revolutionären Anstrengung für die bisher unterdrückten Klassen abzukürzen. Keiner der damaligen Bolschewiki sah klarer als er, daß die Massen eine Atempause brauchten und drängte deshalb auf den verlustreichen Abschluß des Brester Friedens. Zizek sieht und zieht natürlich den Umkehrschluß: in Marxens Theorie muss eine Lücke vorliegen, die sie die Bedingungen einer revolutionären Intervention verkennen lassen mußte. (Vergleiche a.a.O.,30). Wie verhielt sich aber Marx zur Pariser Commune ? Keiner der damaligen Revolutionäre sah klarer als er, daß der Aufstand der Pariser Communarden eine verzweifelte Torheit war, daß die Bedingungen einer revolutionären Intervention gerade nicht vorlagen.

40. „Es ging um die Vergottung der Geschichte, auch bei den atheistischen Hegelianern Marx und Engels.“ (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 113, Frankfurt am Main, 1975,315). Wenn überhaupt eine Profanisierung der Geschichte bis in ihre Niederungen hineinvorliegt, so bei den Antihegelianern Marx und Engels. Dafür ist das Feuerbachkapitel der Deutschen ideologie ein einziger Beweis. Dialektisches ergibt sich im historischen Materialismus immer erst nach Beendingung der Forschungen, die den roten Faden des wirklichen Tatsachenprozesses aufzuweisen haben. Totalitärer Gehalt liegt in der idealistischen Dialektik mit Absolutheitsanspruch vor: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“ ´(Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Akademie Ausgabe Felix Meiner Verlag Hamburg, 1980,19). Einen vollendeten Kommunismus kann es nicht geben. Eine Welt ohne Herrschaft ist das gerade Gegenteil jeglichen politischen Totalitarismus, der Geschichte vergottet. Folgerichtig ist für Hegel Weltgeschichte Gotteswerk.

41. Lenin, Zur Frage der Dialektik, Werke Band 38, Dietz Verlag Berlin, 1964, 343

42. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Werke Band 14, Dietz Verlag Berlin, 1962,137

43. Lenin, Zur Frage der Dialektik, Werke Band 38, Dietz Verlag Berlin, 1962,339. Eine nichtdynamische Konstellation wirft Marx auch den bisherigen Materialisten einschließlich Feuerbach vor, dass sie die Wirklichkeit, nur anschauend als Objekt, nicht subjektiv gefaßt hätten. (Vergleiche Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin 1972, 5). Nicht adäquat dynamisch ist das Denken der Evolutionisten, da sie die immanente Weltentwicklung nicht als wechselseitiges Übergehen von Entstehen und Vergehen in der Einheit der Welt widerspiegeln. Bereits für Leibniz war der zureichende Grund bis zur Einheit der Welt ausreichend.

44. Vergleiche Brief von Friedrich Engels an Werner Sombart vom 11. März 1895,in: Friedrich Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 bis 1895), Dietz Verlag Berlin,1979,79

45. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Einleitung, Rheinisch Westfälische Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf, 1980,60

46. Karl Marx, Thesen über Feuerbach (Dritte These), Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,6

47. Vernehmen wir dazu, was Slavoj Zizek in seinem Vortrag „Ist es heute möglich, ein Hegelianer zu sein ? “ im Henry Ford Bau der Freien Universität in Berlin von sich gegeben hat: „Denn am Kreuz starb nicht nur der Messias…sondern auch die Sicherheit der Bedeutung. Gott habe Christus zurück in den Himmel gerufen mit der Einsicht: Okay. Wir haben das Projekt der Erlösung vermasselt. Versuchen wir´s in tausend Jahren noch mal. Bis dahin sind die Menschen einsam und frei, wie ein Baby, das vor einem Rubik Würfel sitzt und nicht weiß, was es damit anfangen soll.“ (Thomasz Kurianowicz, Schicker Apparartschik, Slavoj Zizek rast in Berlin mit Hegel durch die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. April 2011, Seite 35). Ich erwarte  ja von einem marxistisch leninistischen Philosophen nicht das Niveau von Marx oder Lenin, aber er muß sich stets bemühen, sich ihnen anzunähern. Ich lese davon nichts.

48. Bereits 1971 war das Bundesland Schleswig Holstein vorgeprescht, 1972 hatten dann Bundesregierung und Ministerpräsidenten einen Beschluß über den Ausschluß von fortschrittlichen Lehrern  aus dem öffentlichen Dienst beschlossen.

49. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, von Hermann Glockner, Band 16, Stuttgart Bad Canstatt, Friedrich Fromann Verlag, 1965,356

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