Zur Dialektik europäischer Revolutionen

Die bürgerliche Revolution von 1789 weist zwei entgegengesetzte Schwerpunkte auf, betrachtet man sie unter dem Aspekt der Dialektik von Revolution und Konterrevolution. In ihrer fortschrittlichsten Phase, unter der Jakobinerdiktatur, kam es zur politischen Hegemonie des Vorproletariats über die Großbourgeoisie wie sonst nirgends in einer bürgerlichen Revolution, die deshalb auch zu Recht eine klassische genannt wird. Aber sie schuf im Grunde keine revolutionären Organe, die ihre revolutionäre Vitalität zu Resultaten geführt hätte, eine großbourgeoise Verschwörung führte am 9. Thermidor (27. Juli) 1794 zum Sturz Robespierre und eine schamlose Bereicherungsorgie begann vor den Augen der armen Bauern und Plebejer. Im Gegenteil, in der Frage der institutionellen Repression vervollkommnete sie sogar noch, wie es Alexis de Tocqueville und Karl Marx übereinstimmend feststellten,  den bereits im Absolutismus angelegeten zentralisierten Staats- und Machtapparat, völlig die Worte Rousseaus vergessend, dass die Institutionen den Menschen verderben. Aber die Hochphase der Revolution von 1789, die die bürgerlichen Historiker als terroristische mißdeuten,  war im Grunde eine der seltenen Unterbrechungen des Terrors von oben, stellte die Weichen für eine Entwicklung, die über die 48er Revolution, die der sozialistischen den Weg ebnete (1.),  1871 in die Pariser Kommune mündete.Wie sehr Rousseau Recht hatte, zeigten sowohl die Junischlächtereien 1848 als auch die Maischlächtereien 1871 am Pariser Proletariat.

Im Gegensatz zur bürgerlichen Revolution, die durch die Aufklärung und gescheiterten Finanzreformen, Mißernten und Hungersnöte vorbereitet wurde, war die Kommunerevolution  in Paris spontan entstanden und konnte die politische Hegemonie nur acht Wochen halten. Das Proletariat war  auf seine Revolution nicht vorbereitet. Ihr großer Verdienst bestand darin, durch die Ersetzung des stehenden Heeres und der Polizei durch die allgemeine Volksbewaffnung die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates als historisch notwendig zur Befreiung der Arbeit vom Kapital auf die Tagesordnung gesetzt zu haben. Auf Grund dieser historischen  Erfahrung hielten es Marx und Engels für notwendig, das Kommunistische Manifest essentiell zu ändern: „Namentlich hat die Kommune den Beweis geliefert, daß die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann.“ 2. Es ist durchaus zulässig, die Pariser Kommune als ein Mittelglied zwischen 1789 und 1917 zu betrachten, aber nicht nur. Deren große weltgeschichtliche Leistung, das Zerbrechen der bürgerlichen Staatsmaschine, erklärte Lenin zum Entscheidenden in der marxistischen Lehre vom Staat in seinem Fundamentalwerk „Staat und Revolution“. 3. Dieses Werk mußte erst einmal den Marxismus auf seine Militanz zurückführen, nachdem die Sozialdemokraten durch die friedliche Entwicklung in Europa zwischen 1871 und 1914 verleitet, sich von dieser opportunistisch entwöhnt hatten. Die Verfälschungen, Verflachungen und Entstellungen des Marxismus gerade in der Frage des Staates gingen soweit, die miltante Spitze des Marxismus als „Anarchismus“  zu diskreditieren. Lenin erinnerte vehement daran, dass es die Aufgabe der von Marxisten geführten Arbeiterbewegung  ist, die Bourgeoisie zu vernichten und dass Marx und Bakunin  in der Frage des Zieles „Anarchie“, aber auch nur in dieser Frage, gar nicht auseinandergehen. 4.

Aber zwischen 1871 und 1914 bzw. 1917 fällt noch das Jahr 1905, das Jahr der ersten russischen Revolution im zwanzigsten Jahrhundert und die Lenin nicht nur als als Generalprobe der Oktoberrevolution 5. hoch einschätzte, sondern die er auch als die größte proletarische Bewegung seit der Pariser Kommune bezeichnete 6. , die ihr Werk fortsetzt. Spätestens mit dieser Revolution wurde deutlich, dass Russland sein Umschlagen der Gegensätze erlebt hatte: vom Hort der europäischen Reaktion, das es 1848 noch war, zur „Vorhut der revolutionären Aktion von Europa“ 7., wie es Marx und  Engels schon 1882 erkannten. Denn in dieser Revolution bildeten sich sogenannte ARBEITERRÄTE (Sowjets) heraus, die Lenin als Keimformen des Absterbens jedes Staates bezeichnete 8., so daß nicht erst die Revolution im Oktober 1917, sondern bereits die von 1905, die im Grunde eine bäuerlich bürgerliche war und ihr Ziel, Liquidierung der Romanow Dynastie nicht einmal erreichte,  einer klassisch bürgerlichen, die die Vervollkommnung des Staatsapparates betreibt, antipodisch entgegensteht. Die Räte bilden nach der Kommunistischen Partei den Kern der Diktatur des Proletariats. Die im Zeitrahmen einer menschlichen Schwangerschaft stattfindende russische Doppelrevolution von 1917, in sich die Negation der Negation enthaltend, wies zudem die Eigentümlichkeit auf, dass es in der Phase zwischen Februar und Oktober auch wieder zur Herausbildung von Sowjets kam, in denen die Menschewiki zusehends an Einfluß verloren, so daß die revolutionäre Woge der mehrheitlich bolschewistischen Sowjets die Februarrevolution hinwegspülte.Wenn die Sowjets von 1905 in weltgeschichtlicher Hinsicht bereits als Keimformen des Absterbens jedes Staates zu deuten sind, so sind sie nach 1917 in den Überlegungen Lenins auch insofern wichtig, als eine elastische Vereinigung von Partei- und Sowjetinstitutionen zunächst „eine Quelle außerordentlicher Kraft in unserer Politik“ 9. darstellt, sodann aber in dieser Verkopplung mit dem Sowjetischen auch das Parteiische abstirbt. Bürgerliche herrschaftsfixierte Ideologen haben sich über den Sowjetstaat immer den Kopf zerbrochen an der Frage: herrscht der Sowjet oder die Partei ? Ihnen kann es nicht in den Sinn kommen, daß beide revolutionären Organe historisch vorübergehend sind.

Makrohistorisch leuchten die Jahreszahlen 1789 (10.)  (Deklaration der Rechte des Menschen und Bürgers, in der das Privateigentum für heilig und unverletzlich erklärt wurde) und 1917 (Deklaration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes, auf der Basis der Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln) aus dem unendlichen Strom der Weltgeschichte hervor, aber in „mikrohistorischer“ Sicht haben sowohl die Pariser Kommune als auch die russische Revolution von 1905 der Befreiung des Weltproletariats viel gegeben. „In mikrohistorischer Sicht“ ist natürlich zu relativieren: denn die Oktoberrevolution setzt das Werk der Kommune und das Werk von 1905 fort, hat in ihnen historische Wurzeln. 11. Auch in der wissenschaftlichen Analyse von Revolutionen ist die enge Verknüpfung politischer und öconomischer Prozesse zu beachten, sowohl die bürgerliche Revolution  in Frankreich expropriierte über den Pariser Konvent als auch die proletarische über die Pariser Kommune. Das Durchbrechen der Eigentumsschranke ist die Bedingung für die Erfüllung des von Lenin festgelegte Kriteriums einer erfolgreichen Revolution: die Beziehungen unter den Menschen haben sich gewandelt. Ohne Tabu- und Milieubruch kann es zu keiner Revolution kommen.

Die Revolutionserwartung war für die Bolschewiki ebenso trügerisch wie für die internationalistisch ausgerichteten bürgerlichen Antifeudalen und proletarischen Revolutionäre Marx und Engels vor der 48er Revolution. Der durch die imperialistische Eroberungskonkurrenz bedingte Weltkrieg hatte alle teilnehmenden Länder in eine tiefe Krise gestürzt, die nur eine revolutionäre Lösung zuzulassen schien. Im theoretischen Schaffen Lenins ist die Ernüchterung über das Ausbleiben der erwarteten Kettenreaktion in zwei thematisch eng zusammenhängenden Schriften nachvollziehbar: betrachtete er im August/September 1917 in „Staat und Revolution“ kurz vor dem roten Oktober die russische Revolution noch  als „ein Glied in der Kette der sozialistischen proletarischen Revolutionen , die durch den Krieg hervorgerufen werden“ 12., so erklärte  er ein Jahr später in der Anti Kautsky Broschüre den Sieg über die Ausbeuter in einem Land zur Regel, eine gleichzeitige Revolution in einer Reihe von Ländern aber zur Ausnahme. 13. Eine Desillusionierung einer internationalistischen Revolutionserwartung ist also Marx/Engels und Lenin gemeinsam. Trotzki verharrte am verbissensten auf „48er Positionen“, diese seine Illusion wurde wohl erst durch einen berühmten Eispickel zum Platzen gebracht.

1. Friedrich Engels, An den italienischen Leser. Vorwort zur italienischen Ausgabe des Kommunistischen Manifestes von 1893, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin, 1983,37

2. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Vorwort zur zweiten deutschen Ausgabe von 1872, Dietz Verlag Berlin 1983,12. In seiner Broschüre „Die soziale Revolution“ aus dem Jahre 1902 umgeht Karl Kautsky gerade diese zentrale Frage. „Gerade das, was Marx 1872 im Programm des „Kommunistischen Manifests“  für „veraltet“ erklärt, wird von Kautsky 1902 wieder aufgewärmt“. (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,494).

3. Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,418

4. Vergleiche a.a.O.,449

5. Vergleiche Lenin, Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin 1959,92. Es erwies sich als richtig, dass  die Anhänger Lenins im zahlenmäßig schwachen russischen Proletariat entwicklungsfähige revolutionäre Potenzen sahen und nicht wie die Volkstümler in den die große Mehrheit bildenden  Kleinbauern, die sich aber nicht entwickelten, sondern zerfielen. Die Fehleinschätzung der „Lebensraum im Osten“ Ideologie des deutschen Faschismus bstand darin, in Russland noch vorwiegend ein Bauernland zu sehen und die proletarisch industrielle Basis der Sowjetunion zu unterschätzen. Die Quelle der russischen Revolution lag gerade nicht in der bäuerlichen Dorfkommune, Lenin hatte alle kleinbäuerlichen und kleinbürgerlichen Theoretiker widerlegt, die einen nichteuropäischen Weg Russlands zum Sozialismus befürworteten.

6. Vergleiche Lenin, Zur Einschätzung der russischen Revolution, Werke Band 15, Dietz Verlag 1962,50. Im Oktober 1905 gab es eine mächtige Streikbewegung und im Dezember bewaffnete Aufstände in Moskau und Sankt Petersburg und in Lettland.

7. Karl Marx, Friedrich Engels: Vorrede zur zweiten russischen Ausgabe des Kommunistischen Manifestes von 1882, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1983,14

8. Vergleiche Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin 1959,27

9. Lenin, Lieber weniger, aber besser, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau 1971,776

10. Für Lenin ging die Revolution von 1789 weiter als die von 1848. (Siehe: Eine Revolution vom Typus 1789 oder vom Typus 1848 ?. in: Werke Band 8, S. 248 bis 250).

11. Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,445

12. a.a.O.,396

13. Vergleiche Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1959,252

Advertisements

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: