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Die Schafe im deutschen Bundestag und ihr Oberhirte Zur Rede des Papstes im deutschen Bundestag

23. September 2011

Erst der Zusammenbruch der DDR hat es möglich gemacht, dass der Papst gestern in Berlin als deutscher Hauptstadt eine Rede gehalten hat statt im relativ belanglosen und provinziellen Bonn. Die Rede, die eine von achtzehn ist, die der Papst bei seinem Besuch in Deutschland hält und die im Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bereits als Jahrhundertereignis bezeichnet wurde, enthält erwartungsgemäß die feudal aristokratische Sklavenhalterideologie, die den Tarnmantel des Humanismus und der Ökologie über ihre Eiterbeulen gezogen hat. Lenin sagt, in der Politik sind die Menschen immer Opfer von Betrug und Selbstbetrug gewesen: gehen wir einmal die Rede durch, die der Oberhirte der mittelalterlichen Christenheit, die täglich weltweit wie der Islam Millionen Menschen seelisch verstümmelt, zu Duckmäusern erzieht und Menschen um ihr Menschsein betrügt, auch sexuell vergewaltigt, auf Einladung des Bundestagspräsidenten gehalten hat. Kann die fortschrittliche Menschheit von diesem perversen Pack überhaupt Anregungen bekommen ? JA, im negativen Sinn.

Er wolle uns ein paar Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates vorlegen. Diese sieht er entstanden in der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom, in der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms (dem sozialen Naturrecht der Stoa und dem römischen Recht). So weit brauchen wir aber gar nicht zurückgehen. Damit sich ein Staat überhaupt bilden kann, ist ein Überschuß in der tagtäglichen Volkswirtschaft nötig, der als Steuer abgeführt wird, damit die unproduktiven Staatsbeamten überhaupt leben können vom Überschuß, den die Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen, Bauern und Bäuerinnen durch ihre Hände Arbeit erwirtschaften. Die unproduktiven Elemente sind äußerst erfinderisch im Aufspüren nebulöser Quellen des Staates. Es war zu erwarten und auch verständlich, wenn der Papst mit seiner Gottschrulle als Quelle ankommt, Arbeiter und Bauern kommen denn auch in seiner Rede nicht vor, die auch sein Schmarotzerdasein erst ermöglichen. Die Bauern klagten im Bauernkrieg, dass die neuen Lasten vom Teufel als „ein Würker aller Ungerechtigkait“ kämen und der Erzbischof sei sein Jagdhund, der durch Tyranen und Bluetsaufer“ eintreiben läßt. 1. Immerhin sind es 8,5 Millionen Euro jährlich, die die deutsche Bischofskonferenz auf Vatikankonten transferiert. Geld, das den Hartz IV Kollegen so dringend fehlt.

Trickreich bringt er am Anfang seiner Rede ein Zitat vom heiligen Augustinus: „Nimm das Recht weg – was ist dann der Staat noch anderes als eine große Räuberbande“.  Der Clou beim Staat ist nun aber gerade, das das Ausrauben des Volkes ja gerade über das Gesetz läuft, denn das Recht ist nichts anderes als der zum Gesetz erhobene Wille der herrschenden Klasse, die ihre Gerichtsvollzieher hat, die, in der Regel ohne es zu wissen, die Dreckarbeit des Eintreibens nur für diese Klasse erledigen. Schon der junge Karl Marx wußte, dass die Existenz des Staates und die Existenz der Sklaverei unzertrennlich sind. Wer von einem freiheitlichen Rechtsstaat faselt, versteht weder  etwas von Freiheit noch vom Staat. Als Vorbild stellt der Papst König Salomom hin, der zu Gott gesagt haben soll: Verleih Deinem Knecht ein hörendes Herz. Romantische Worte fürwahr, in der Politik allerdings wertlos. Überhaupt ist es eine beleidigende Dreistigkeit, diese ganz mittelalterliche knechtische Untertanengesinnung im 21. Jahrhundert einem Parlament einer Republik als vorbildlich hinzustellen. Es gab im Parlament keinen Protest der „freien“ „Republikaner“, die Schafe blökten nicht.

Den Papst treibt um, wie können wir zwischen gut und böse unterscheiden ? Subjektiv müßte man dazu wissen, was gut und böse ist. Rein gefühlsmäßig wollen die Menschen das Gute, übersehen dabei aber, das das Böse in der Weltgeschichte die Triebkraft des Fortschritts ist. Schon Hegel, der übrigens sehr verächtlich vom „Brei des Herzens“ sprach,  philosophierte, dass man etwas Höheres sage, wenn man sagt, der Mensch sei böse als wenn man ihn für gut hält. Karl Marx vertrat in seiner Polemik gegen Proudhon, einem Apostel des Guten, im „Elend der Philosophie“, dass es gerade das Schlechte ist, was sich historisch durchsetzt. In seiner Polemik gegen Ludwig Feuerbach weist Engels nach, dass es „grade die schlechten Leidenschaften der Menschen sind, Habgier und Herrschsucht“ 2. , die zu Hebeln der geschichtlichen Entwicklung werden, wovon zum Beispiel die Geschichte des Feudalismus und der Bourgeoisie ein einziger fortlaufender Beweis ist.

Nachweislich falsch ist die Behauptung des Papstes, die Widerstandskämpfer gegen Hitler hätten der Menschheit als Ganzer einen Dienst erweisen wollen. Jeder Geschichtsstudent im ersten Semester weiß doch, dass diese ach so tapferen „Helden“ den Krieg gegen die fortschrittliche Menschheit, gegen die sowjetischen Völker und gegen Stalin fortführen wollten (als dem Reich des Bösen).

Die Behauptung  des Papstes, in der Geschichte seien  Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden, bedarf gerade einer näheren Begründung: natürlich taten die Oberhirten der Schafsvölker immer gut daran, ihrem Willen qua Gesetz  (ihrer Knute) eine höhere metaphysische Weihe zu geben. Deshalb richteten sie die Blicke ihrer Untertanen zum Himmel, um  ihnen gegenüber „göttlicher“ zu erscheinen, schon Rousseau wies 1762 im achten Kapitel des zweiten Buches des Gesellschaftsvertrages auf diesen faulen Zauber hin. Es sei allenthalben besser, dass der Gesetzgeber Gott anruft, „um damit dem Volk Ehrfurcht einzuflößen“ 3.,  als dass er einen Vogel abrichtet, der ihm die Gesetze ins Ohr singt. „Die Könige sind von Gott gesandt, und in dieser Eigenschaft bringen sie den Abglanz des Göttlichen auf die Erde“, ließ Jakob I. nach der Aufdeckung der Pulververschwörung dem englischen Parlament wissen, das Bibelwort im Johannesevangelium (8,23) variierend: „Ihr seid von unten her, ich bin von oben her, ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.“ (Nebenbei bemerkt: im konfuzianischen Religionsraum wurden die chinesischen Kaiser als Söhne des Himmels angesehen). Lenin hatte völlig Recht, als er die Religion als eine Art geistiger Fusel bezeichnete, mit dem der Sklave sein Sklavendasein betäuben soll. (Etwas anderes als Fusel ist für Frau Sahra Wagenknecht die Religion, sie sei ein Teil der menschlichen Kultur, wo auch wichtige Zusammenhänge auf bestimmte Art reflektiert wurden. Hegel hätte philosophisch aufgezeigt, welche unglaubliche Dialektik, welche unglaublich tiefen Einsichten in der Religion enthalten sind. Machen Sie so weiter, Frau Wagenknecht, und beim nächsten Papstbesuch in Deutschland sitzen Sie in der ersten Reihe.  (- siehe: google: sahra wagenknecht mitglied des deutschen bundestages das leben leben -)  Nein, man muß die Eisenstange zwischen den Pfaffen sausen lassen).

Gegen Ende seiner Rede hat der Papst die mittelalterliche Weltordnung  wieder zurecht gerückt: die Vernunft in der Natur offenbare einen Creator Spiritus. In diesem Zusammenhang lobt er ausdrücklich die Anfänge der ökologischen Bewegung, er habe da einen Schrei nach frischer Luft gehört, jedoch: „Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies.“ 4. Aber was ist dies denn anderes als reinster Klerikalismus. Der Klerus hat immer beansprucht, über alle weltlichen Parteizwistigkeiten, über allen Klassen zu stehen. Schon Lenin wies auf die Rede des Bischofs Mitrofan in der zaristischen Duma im Jahre 1909 hin, von dem der Papst, der Bischof von Rom, in diesem Punkt hätte abschreiben können. 5.

Eine geradezu atemberaubende Geschichtsverdrehung müssen wir verfolgen, wenn der Papst die Ideen der französischen Revolution als christliche Errungenschaften präsentiert. Daneben nehmen sich die Dissertationsfälschungen eines zu Guttenberg wie eine Bagatelle aus. Und die Schafe schlafen weiter. Das Gegenteil ist wahr: der Vatikan hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit die Ideen der Aufklärung und der französischen Revolution nicht zum historischen Durchbruch gelangen und unterstützte bis zum Schluß Ludwig den XVI., der auf Grund seines Vetorechts die Deklaration der Menschenrechte nicht unterschreiben wollte, ja unterstützte ihn über den Tod hinaus. Aufschlußreich ist die Reaktion Papst Pius  VI.  auf die Guillotinierung dieses Menschenrechtskannibalen: “ O glorreicher Tag für Ludwig, dem Gott die Kraft gab, Verfolgung und Martyrium geduldig zu durchleiden. Voller Vertrauen wissen wir, daß er die zerbrechliche Krone der königlichen Herrschaft und die Vergänglichkeit der weltlichen Lilien gegen die Lilienkrone der Ewigkeit eingetauscht hat, die Engel ihm wanden“. 6. Der ehemalige Bundestagspräsident Thierse ist dem Papst auf den Leim gegangen: in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung führt er aus, dass es auch große Historiker und Philosophen gibt, die zu Recht (!!!) sagen, die Aufklärung sei ein Kind des Christentums. (siehe: google: thierse die aufklärung ist ein kind des christentums) Namen nennt er nicht, denn in der Tat wird sich kein seriöser Wissenschaftler zu einer derart abstrusen These herunterlassen. Erinnern wir Thierse daran, dass es der französische Aufklärer Meslier war (Voltaire gab 1762 Schriften von ihm heraus), der schrieb, dass man die Pfaffen an ihren eigenen Gedärmen aufhängen müsse. Wie ein sozialdemokratisches Pfäfflein wirft Thierse die Frage auf, ob die Welt friedlicher sei, wenn Atheisten herrschen. Die Gegenbeweise seien  durch Hitler, Stalin, Pol Pot und Mao Tse Tung erbracht. Aber es geht nicht um eine friedlichere Welt, sondern darum, die Menschheit für immer von allen Klassenkämpfen zu befreien. So wie die bürgerlichen Jakobiner die feudal-pfäffische Ständegesellschaft in Schutt und Asche gelegt haben, so müssen die proletarischen Jakobiner die bürgerliche Klassengesellschaft in Schutt und Asche legen. Im übrigen war Hitler weder ein Atheist noch ein proletarischer Jakobiner. Atheisten wurden im Nazireich verfolgt und endeten in der Regel in Konzentrationslagern. Hitler wollte ein Tausendjähriges Reich der deutschen Herrenrasse über alle Völker; Stalin, Pol Pot und Mao wollten eine Welt ohne Herrschaft.

In seiner Studie über Ludwig Feuerbach gibt Engels einen  fruchtbaren Hinweis zur Entstehung der Religion. „Die Religion ist entstanden zu einer sehr waldursprünglichen Zeit aus mißverständlichen, waldursprünglichen Vorstellungen der Menschen über ihre eigne und die sie umgebende äußere Natur.“ 7. Liest man die Rede des Papstes unter diesem Aspekt, so ist es nicht verwunderlich, in welch bizarre waldursprüngliche Gedankenwelt sie uns führt: König Salomon, Jerusalem, Stoa, der große Theologe Origenes, Brief Paulus an die Römer…usw…usf., und wie der ganze theologische Waldplunder sonst noch heißen mag, den der Hinterwaldschrad aus Rom für seine schafsköpfigen parlamentarischen Hinterweltler bzw. Hinterbänkler  auftischt. Er bestätigt die Feststellung von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest, daß in der bürgerlichen Gesellschaft die Vergangenheit über die Gegenwart herrscht. 8.

Gibt nicht der Papst selbst sein unüberbietbares Armutszeugnis ab ? „Um ihren eigentlichen Auftrag zu genügen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von der Weltlichkeit der Welt zu lösen.“ 9. Das wird nicht mal ein „kalter Bauer“ ! Aber es gibt auch Positives zu berichten. Der katholische und der evangelische Baalspfaffe rücken immer näher, sehen eventuell die Möglichkeit einer Zusammenarbeit. Das ist ohne Zweifel ein Hinweis auf das Erstarken der Arbeiterbewegung, die Heinrich Heines:  „…den Himmel überlassen wir getrost den Engeln und den Spatzen…“ verpflichtet ist. Ohnehin gibt es keinen Grund zur Resignation. Lehrt uns nicht Karl Marx, dass  die Konterrevolution sich erst in ihrer ganzen Gestalt erheben muss, ehe das Proletariat sein Zerstörungswerk beginnt. Im Großen Deutschen Bauernkrieg wurde zuerst die Marienkapelle bei Mellerbach zu Allstedt geschliffen, ein ängstliches Pfäfflein schrieb, die Bauern „wellend den Adel erwurgen und die Pfaffen alle.“ 10. Heute wäre es sinnvoll, die proletarische Revolutuion, die durch einen Bauernkrieg ergänzt werden muß, mit der Zerschlagung des Bundestages zu beginnen, damit sich solche mittelalterlichen Szenen wie gestern in Berlin nie mehr wiederholen können. Allein das devote volksverdummende Verhalten des mittelalterlichen Abgeordnetenpacks gegenüber dem sogenannten Heiligen Vater rechtfertigt schon diesen revolutionären Akt. Mag in der Morgenröte der proletarischen Revolution in Deutschland ein katholisches Pfäfflein dann an den Papst schreiben: die Arbeiter  und Bauern wollen die Kapitalisten erwurgen und die Bankiers alle. Amen.


1. Vergleiche Peter Blickle, Der Bauernkrieg Die Revolution des Gemeinen Mannes, Beck Verlag 2006,37

2. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,287

3. Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart, 1975,46f. Das ist auch der Grund, warum die Richter des Bundesverfassungsgerichts verfassungswidrig den Segen des Papstes suchen. Richter einer Republik haben sich weltanschaulich neutral zu verhalten, mit ihrem Bekenntnis zum Mittelalter sind es keine Richter mehr. Oder will der Präsident Voßkuhle dem deutschen Volk weismachen, er habe einen Vogel abgerichtet, der ihm die Urteile des Bundesverfassungsgerichts ins Ohr zwitschert.

4. Papst Benedikt XVI. : Die Ökologie des Menschen, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. September 2011, Seite 8

5. Lenin, Klassen und Parteien in ihrem Verhältnis zur Religion, Werke Band 15, Dietz Verlag Berlin, 1962,416f.

6. Acta quibus ecclesiae catholicae catamitatibus in Gallia consultum est, Rom 1871, Band 2,34

7. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975, 303

8. Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin,1977,476

9. Papst Benedikt XVI.: Die Entweltlichung des Weltlichen, Rede im Konzerthaus in Freiburg im Breisgau, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. September 2011,7. Diese Entweltlichung ist dem Professor Ratzinger vom Professor Hegel vorgezeichnet worden: Philosophie sei „…ein abgesondertes  Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie.“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, von Hermann Glockner, Band 16, Stuttgart Bad Canstatt 1965, Friedrich Fromann Verlag,356). Der Marxismus führte uns aus dieser religionsphilosophischen Sackgasse hinaus.

10.  Peter Blickle, Die Revolution des Gemeinen Mannes, Beck Verlag, München 2006,13

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MARXISMUS LENINISMUS UND RELIGION Zum Papstbesuch in Deutschland

14. September 2011

Die christlich abendländische Religion, die die ideologische Stütze eines der abscheulichsten Ausbeutungssysteme der Geschichte war, des Feudalismus 1. , sah sich in der Neuzeit in Europa zwei großen Angriffswellen ausgesetzt: zwei Klassen mußten sich ihrer historischen Stellung wegen gegen die Religion wenden und mit ihren ideologischen Waffen nach der Ursache der menschenverachtenden Religion und den Bedingungen ihrer Überwindung suchen. Die bürgerliche Klasse brachte die bürgerliche Aufklärung hervor, die proletarische den Marxismus Leninismus. Wir können schon heute mit Bestimmtheit feststellen, daß die bürgerliche Klasse es mit ihrer Aufklärung nicht geschafft hat, eine atheistische Gesellschaft freier Menschen durchzusetzen. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die bürgerliche Klasse ist, nachdem sie progressiv gegen den Feudaladel aufgetreten war, aus Angst vor dem revolutionären Proletariat, in eine zutiefst reaktionäre Klasse mutiert. Das war schon in der 48er Revolution im neunzehnten Jahrhundert zu beobachten. Lenin sagte, dass die Bourgeoisie vor dem selbständig auftretenden Proletariat hundert mal mehr Angst habe als vor jeder beliebigen Reaktion. Zur Pariser Commune sagte Karl Marx, sie habe bewiesen, dass der Bourgeois nun die gesellschaftliche Stellung des Feudalherren eingenommen habe. Der Imperialismus verstärkte diese Tendenz zur politischen Reaktion der bürgerlichen Klasse noch mehr.

Betrachten wir in diesem Zusammenhang einmal das Programm des Papstbesuches und konzentrieren wir uns dabei auf die weltlichen Mächte: 22. September: Offizieller Empfang durch den Bundespräsidenten, Begegnung mit der Bundeskanzlerin, Rede im Deutschen Bundestag. 24. September: Begegnung mit Helmut Kohl, 25. September: Begegnung mit den Bundesverfassungsrichtern. Diese Punkte bestätigen in wünschenswerter Klarheit die Richtigkeit der marxistischen Analyse über die Fäulnis des Kapitalismus, über das Bündnis von Kapital und Altar, das das von Thron und Altar abgelöst hat.  Es wird deutlich, daß es heute an Stelle des Feudaladels die bürgerliche Blutsaugerklasse ist, die die Religion zur Verdummung der Volksmassen benutzt. Es ist deshalb aufschlußreich, sich einmal der historischen Periode zuzuwenden, in der das Bürgertum noch jugendfrisch auftrat und eine revolutionäre Klasse bildete, die keineswegs das Bündnis mit der mittelalterlichen Ideologie suchte. Im Gegenteil. Voltaire höchstpersönlich, der der Sekte der jesuitischen Fanatiker das „Ecrasez l´infame“ entgegenschleuderte, besorgte 1762 die Veröffentlichung der „Extraits des Sentiments de Jean Meslier“, der Aufklärer Meslier fasste den ganzen Hass der Landarmut und der Bourgeoisie gegen die sich von Steuern mästenden, selbst aber von Steuern befreiten Pfaffen zusammen mit den Worten, dass man die Pfaffen an ihren eigenen Gedärmen aufhängen müsse. In diesem Satz haben wir nicht nur eine ideologische Quelle der bürgerlichen Republik, die unbedingt auf der TRENNUNG von Staat und Religion basieren muß (das Zitat von Meslier dürfte eindeutig sein), sondern realhistorisch erfolgte in der französischen Revolution eine Abrechnung mit der Brut des Feudalklerus. In den sogenannten Septemberwirren drangen Pariser Volksmassen gewaltsam in die Gefängnisse ein und massakrierten dort inhaftierte Kleriker und Royalisten. Das Bürgertum möge doch heute bitteschön nicht seine Geburtsstunde vergessen, möge nicht vergessen, das seine Geburtsurkunde mit Pfaffenblut geschrieben worden ist. Diese Geburtsurkunde sollte unbedingt den so hochgebildeten Bundesverfassungsrichtern bekannt sein, immerhin leben wir der Papierform nach in einer bürgerlichen Republik. Es wäre die Aufgabe des Präsidenten dieses Gerichts, dem Mafiafürsten des Mittelalters den Bauch aufzuschlitzen, ihm die Gedärme herauszureißen und ihn an diesen für alle gut sichtbar oben an der Fahnenstange des Bundesverfassungsgerichts aufzuhängen. Das wäre keineswegs eine progressive Tat, sondern würde sich noch ganz im Rahmen der bürgerlichen Aufklärung des 18. Jahrhunderts bewegen. Es muß festgestellt werden, dass es heute nicht das in allen Belangen heruntergekommene Bürgertum ist, das das progressive Erbe der bürgerlichen Aufklärung aufbewahrt, sondern der Marxismus Leninismus. Engels empfahl in den „Flüchtlingsgesprächen“, die atheistische Literatur ausgangs des 18. Jahrhunderts unbedingt unter die Volksmassen zu bringen und Lenin knüpfte an diesen Gedanken an und gab Direktiven für die Publizistik in der Sowjetunion. 2.

Der bekannteste Ausspruch des jungen Karl Marx zur Religion lautet: die Religion ist „das Opium des Volks“. 3. Darin erschöpft sich aber keineswegs die Quintessenz des Marxismus zur Religionsfrage, ja trifft nicht einmal den Kern der Sache. „Die Religion ist das Opium des Volks“ – dieser Satz hätte auch aus der Feder der atheistischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts fließen können, aus der Mesliers, Holbachs oder La Mettries. Er drückt keineswegs das genuin Spezifische der Marx´schen Religionskritik aus. Warum gibt es in menschlichen Gesellschaften Religion ? Die Gesellschaftswissenschaftler gaben immer Antworten, die in zwei Richtungen zerfielen: eine vertrat die sogenannte Priestertrugstheorie, die Religion sei eine Erfindung betrügerischer Priester (die große Mehrheit der atheistischen bürgerlichen Aufklärer vertrat diese These und auch der aufgeklärte Monarch Friedrich II. von Preußen), eine andere sah im gesellschaftlichen Elend der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen die Ursache (zum Beispiel unter den bürgerlichen Aufklärern Helvetius). Der Marxismus Leninismus ist unbedingt dieser zweiten Richtung zuzurechnen, die er kritisch weiterentwickelte. Wenn die Menschen Geschichte machen aus dem Bestreben heraus, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, so ist in Ausbeutungsgesellschaften Religion ein gesellschaftliches Bedürfnis und der Papst erfüllt eine bestimmte gesellschaftliche Funktion für die Katholiken und darüber hinaus und das ganze Geheimnisvolle der Religion, das er Mysterium fidei nennt, verfliegt. Um auf den Kern der marxistischen Religionskritik zu stoßen, müssen wir uns dem reifen Marx des Kapitals zuwenden: „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen.“ 4. Das Aufkommen der gerade durch die bürgerlichen Revolutionen beschleunigten Warenproduktion in massenhaften Umfang hatte die zwischenmenschlichen Beziehungen in ein schizophrenes Dunkel getaucht, das aufzuhellen die Lichter von Paris zu schwach waren. Weder konnte die französische Aufklärung theoretischerseits noch die französische Revolution praktischerseits das Geheimnisvolle des Arbeitsproduktes lüften, sobald es Warenform annimmt. Der bürgerlichen Aufklärung mußte dieser Schlußstein fehlen, in dem der Atheismus und der Kommunismus verborgen sind. Sollte Marx hier Recht haben, so wäre der Marxismus der Wendungspunkt der über sich selbst aufgeklärten  und sich selbst aufhebenden materialistischen Aufklärung. Erst im Kommunismus ist keine gesellschaftliche Wurzel mehr vorhanden, aus der Religion sprießen könnte. Die Religion kann nicht abgeschafft werden, sie stirbt ab. Hieran ist auch die Linksabweichung des ansonsten vorbildhaften Marxisten Enver Hodschas zu messen, der mit seiner Religionsabschaffung scheiterte.

Daraus ergeben sich aber Schlußfolgerungen für den proletarischen Kampf gegen die Religion, die sich essentiell vom Gedärmeausreißen der bürgerlichen Aufklärung unterscheiden. Während für die bürgerliche Aufklärung die materialistische Religionskritik noch eine zentrale Bedeutung hatte, rückt diese für die Arbeiterbewegung in eine sekundäre Position, ja eine Überbetonung atheistischer Propaganda lenkt sogar vom Hauptkampf gegen den Kapitalismus ab. So hatte sich zum Beispiel die deutsche Sozialdemokratie für eine Zulassung und freie Betätigung der Jesuiten ausgesprochen. Die Religion ist eine Privatsache dem Staat, nicht der Partei gegenüber. Der dialektische Materialismus verbindet den Kampf gegen die Religion mit der gesellschaftlichen Praxis des Klassenkampfes und daraus ergibt sich eben eine Unterordnung des antireligiösen Kampfes unter dem Kampf für den Sozialismus. Der Klassenkampf erzieht besser zum Atheismus als die sich stets gleichbleibende atheistische Propaganda. Lenin erläutert das am Beispiel des Streiks, bei dem man eine Spaltung in atheistische und gläubige Streikende verhindern muß. Atheistische Propaganda kann hier sogar schädlich sein. 5. Stalin folgte dieser leninistischen Linie, als nach dem Überfall durch die deutsche Wehrmacht die Geschlossenheit der russischen Völker zentrale Bedeutung bekam – und die atheistische Propaganda verstummte.  Wir sehen also: Der bürgerliche Aufklärer Voltaire kämpfte gegen die Jesuiten und sah in ihnen unter den Bedingungen des Feudalismus zu Recht eine Sekte von Fanatikern, die deutsche Sozialdemokratie wird von Lenin gelobt, die Jesuiten zuzulassen und sich für ihre freie Betätigung einzusetzen. Denn der Hauptfeind ist die Kapitalistenklasse, die es natürlich nicht ungern sehen würde, wenn die Sozialdemokratie den Schwerpunkt ihres Kampfes auf die Pfafferei legen würde. Es liegt die Negation der Negation, wenn man so will, die proletarische Negation der bürgerlichen Negation vor. Widerspricht diese Darlegung nicht der materialistischen Geschichtsauffassung, nach der die Abfolge der Revolutionen in der Geschichte eine immer radikalere Negation der vorhergehenden Gesellschaftsformationen darstellen ? Keineswegs, denn die schöpferische Kraft des Klassenkampfes beinhaltet eine viel radikalere Negation als bloße atheistische Propaganda. Wenn die bürgerliche Aufklärung in ihrem Kampf gegen das Christentum auch auf halbem Wege stehenblieb und stehenbleiben mußte, dass es heute kalter Kaffee ist, dafür hat sie immerhin gesorgt. „Als die christlichen Ideen im 18. Jahrhundert den Aufklärungsideen unterlagen, rang die feudale Gesellschaft ihren Todeskampf mit der damals revolutionären Bourgeoisie.“ 6. Aber die revolutionärste Bourgeoisie macht vor dem heiligen Privateigentum halt, deshalb ist die Kirche heute steinreich. Das Eigentum der Pfaffen muß vergesellschaftet werden 7. und sie selbst müssen wieder im urchristlichen Sinn auf Almosenwalz geschickt werden. Es ist nicht die Aufgabe einer bürgerlichen Republik, das Geld von den Werktätigen qua Kirchensteuern für das faule Pfaffenpack einzutreiben, sie macht sich dadurch zu einem perversen Büttel des Mittelalters, der kein anderes historisches Schicksal erwarten kann, als durch proletarisch republikanisches  Schwert enthauptet zu werden.


1. Der Bauer war leibeigen, er war rechtlos und bei der kleinsten Freiheitsregung ließ man ihn im Gefängnis verfaulen. Natürlich gab es auch die Klosterleibeigenschaft, im Todesfalle bediente sich der Klerus am Erbteil und brachte die Kinder an den Bettelstab. Stellte sich heraus, dass der Bauer das Jagdmonopol des Herren verletzt hatte, „so sticht man ime die Augen aus.“ (Siehe: Peter Blickle, Der Bauernkrieg Die Revolution des Gemeinen Mannes, Beck Verlag München 1998, 58f. und75).

2. Vergleiche Lenin, Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus, Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau 1975,726

3. Karl Marx, Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie / Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin 1957,378

4. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin 1975,94

5. Lenin. Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion, in: Marx Engels Marxismus, Grundsätzliches aus Schriften und Reden, Dietz Verlag Berlin 1967,257ff.

6. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,480. Im Manifest entlarvten Marx und Engels auch den christlichen Sozialismus: „Wie der Pfaffe immer Hand in Hand ging mit dem Feudalen, so der pfäffische Sozialismus mit dem feudalistischen…Der christliche Sozialismus ist nur das Weihwaser, womit der Pfaffe den Ärger des Aristokraten einsegnet“. (a.a.O., 483f.).

7. Diese Forderung wurde in der deutschen Geschichte zum ersten Mal 1502 aufgestellt durch den aufständischen „Bundschuh“ im Bistum Speyer, er forderte die „Säkularisation der geistlichen Güter zum Besten des Volks“. (Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin, 1977, 397). In den Bauernkriegen im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts werden von den radikalen Flügeln ( Thomas Müntzer), die immer nur eine Minderheit bildeten,  viele Forderungen aufgestellt, die an die Gütergemeinschaft und an die bürgerliche Republik heranreichen, aber diese progressiven Kriege waren noch ganz in ein theologisches Milieu getaucht, die Inschrift der Bundschuhfahne lautete: „Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes“.

Gewerkschaft Bauen Agrar Umwelt Geschichtsklitterung und Volksverdummung Wer hat die Toten an der Berliner Mauer auf dem Gewissen ?

8. September 2011

In seiner Septemberausgabe 2011 geht „Der Grundstein Säemann“, die Zeitung der Industriegwerkschaft Bauen Agrar Umwelt unter dem Titel „Näher hingeschaut“ auf zwei Seiten auf das 50 jährige Jubiläum des Berliner Mauerbaus ein. Es wird allerdings gar nicht näher hingeschaut, sondern der Leser / die Leserin muß den Eindruck gewinnen, als befinde sich die Redaktion des Saemanns auf einem sehr fernen, uns noch relativ unbekannten Planeten und schaue durch ein recht verschmutztes Fernrohr auf die deutsche Hauptstadt. Achtzig Prozent der beiden Seiten werden von einem großen schwarz weiß Foto abgedeckt, angeblich soll es der sich in Stacheldraht verfangene Peter Fechter sein, und ansonsten werden einige Namen von Mauertoten aufgeführt, die stellvertretend für alle Opfer der innerdeutschen Grenze erwähnt werden. Natürlich liegt hier ein Musterbeispiel für Geschichtsklitterung und Volksverdummung vor, denn die Redaktion des Saemanns irrt sich gewaltig, wenn sie meint, diejenigen, die im sogenannten Goldenen Westen, der für die arbeitenden Menschen in Wirklichkeit tagtäglich die Hölle auf Erden ist (wir kommen darauf noch zu sprechen), die schnelle Mark machen wollten, seien im Gedächtnis und im Herzen des deutschen Volkes Freiheitskämpfer. Es war sehr leicht in der DDR, an die Werke von Marx, Engels und Lenin heranzukommen und von deren Studium aus ohne Zweifel vorhandene Fehler beim Aufbau des Sozialismus aufzudecken. Nicht aber an die Werke Stalins, was sicherlich ein Fehler war. Lenin scheute sich nicht, seinen Botschaftern zu empfehlen, für die gegen den Bolschewismus gerichteten Schrift von Karl Kautsky „Die Diktatur des Proletariats“ (Wien 1918, Ignaz Brand) einige Tausend Rubel auszugeben, um sie dann kostenlos an klassenbewußte Arbeiter zu verteilen. (1.).  Die Arbeiterklasse ist nicht so dumm, dass sie nicht die Spreu vom Weizen trennen könnte. In einer sozialistischen Republik sollten auch immer die Werke Leo Trotzkis frei verfügbar sein, so wie sie es zu Lebzeiten Lenins in der Sowjetunion waren. Klassenbewußte Arbeiter lesen ohnehin komparativ. Gerade aus diesen Kontroversen, die ja nur theoretischer Ausdruck eines Klassenkampfes sind, lernt man viel. (2.) Marxistisch Leninistische Kritik an der DDR war das, was dem ganzen deutschen Volk zugute gekommen wäre, nicht das Überlaufen zu den kapitalistischen Blutsaugern und Volksfeinden. Es kann deshalb für diese Verräter an den deutschen Arbeitern und Bauern kein Gedenken geben. Die DDR – „Bürgerrechtlerin“ Vera Lengsfeld witzelt in ihrem Buch „Ich wollte frei sein. Die Mauer, die Stasi , die Revolution (Herbig Verlag Müchen 2011), dass nicht alles schlecht an der DDR war, die Bürgerrechtler waren das Beste, was die DDR zu bieten hatte. Aber nicht der Charakter dieser unreifen, durch kapitalistische Propaganda Getäuschten ist ja das Thema, sondern die Verfälschung der deutschen Geschichte durch die Zeitung der IG Bau Agrar Umwelt. Es hilft auch nichts, wenn sich deren Redaktion wähnt, sich im Einverständnis mit der sogenannten schweigenden Mehrheit des deutschen Volkes zu befinden, letztendlich  geht es um ein gesellschaftswissenschaftliches Thema und bekanntlich sagte schon Aristoteles, dass man über die wissenschaftliche Wahrheit gar nicht abstimmen könne. Wenden wir uns also der gesellschaftswissenschaftlichen Analyse des Themas zu und schauen dadurch in der Tat näher hin im aufklärerischen Sinne.

In der Analyse der Pariser Kommune, die Karl Marx im Bürgerkrieg in Frankreich dargelegt hat, finden sich einige interessante Gedanken zur Erschießung von 64 Geiseln, voran der Erzbischof von Paris: Darboy, durch die roten Truppen der Kommune. Als das Haupt der Konterrevolution Thiers an das Erschießen kommunalistischer Gefangener ging, blieb den Kommunarden nichts anderes übrig, als ihrerseits Geiseln zu nehmen, um die Gefangenen zu schützen. Nun hatte die Kommune einen Tausch vorgeschlagen, den Erzbischof und einen ganzen Haufen Pfaffen gegen einen Mann, und zwar Louis Auguste Blanqui, ein fähiger Kopf des bewaffneten Aufstandes. (3.)  „Thiers weigerte sich hartnäckig. Er wußte, daß er der Kommune mit Blanqui einen Kopf geben werde, während der Erzbischof seinen Zwecken am besten dienen würde als – Leiche.“ (4.) „Der wirkliche Mörder des Bischofs Darboy ist Thiers.“ (5.) Man denke sich in diese Logik des Klassenkampfes, in diese Dialektik von Revolution und Konterrevolution hinein.

Am 10. März 1952 sorgte die Stalin Note für Aufsehen in der Weltpolitik. In dieser Note unterbreitete Stalin bemerkenswerte Vorschläge zur Überwindung der Teilung Deutschlands. Im Zuge der Wiedervereinigung war der Abzug aller ausländischen Truppen vorgesehen, des weiteren ein pluralistisches Parteiensystem, keinerlei Handelsbeschränkungen für Deutschland und nur sieben Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges die Aufstellung von nationalen Verteidigungsstreitkräften. Wenn man in Erwägung zieht, welch unermeßliches Leid eine deutsche bestialische Armee über die UdSSR gebracht hat, ein Vorschlag, der von der heroischen Größe dieses Landes und Stalins zeugt. 6. Ganz anders die Zwergmißgeburt Konrad Adenauer und seine nazistische dem US Imperialismus hörige Clique, die diese für das deutsche Volk so segensreichen Vorschläge ignorierte. Seriöse bürgerliche Historiker sprachen und sprechen von der „vertanen Chance“. Selbst der Mitherausgeber der rechtskonservativen FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, Paul Sethe, kritisierte Adenauer scharf (siehe sein 1956 erschienenes Buch: Von Bonn nach Moskau und: Schicksalsstunden der Weltgeschichte(7.)). Wieviel Kummer , Leid und vergossenes Blut wäre einem ungeteilten Deutschland ohne Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl erspart geblieben ! (8.) Der Berliner Volksmund nennt den zu einem Museum umgewandelten Grenzübergang Friedrichstrasse  sinnigerweise „Tränenpalast“. DIE MÖRDER DER TOTEN AN DER INNERDEUTSCHEN GRENZE HEISSEN HARRY S. TRUMAN (verantwortlich für 200 000 Tote nach dem Atombombenabwurf in Japan), JOHN F. KENNEDY, KONRAD ADENAUER UND WILLY BRANDT. Man verweist zu Recht auf die Ungeheuerlichkeit, dass ein Jurist, der sich 1935 für eine Verschärfung der Nürnberger Rassegesetze ausgesprochen hatte (9.), ein gewisser Dr. Globke, Sohn eines Tuchhändlers, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder als Jurist in Erscheinung tritt, und zwar als Staatssekretär im Bonner Bundeskanzleramt. Nach dem Nerobefehl Hitlers, das ganze deutsche Volk durch Zerstörung seiner ökonomischen Grundlagen  zu vernichten, ist die Zurückweisung der Stalinnote die  zweitgrößte volksfeindliche Handlung am deutschen Volk in seiner ganzen Geschichte, und das innerhalb von sieben Jahren. Es gibt kein zweites Volk in der Weltgeschichte, das von seinem Bürgertum so sehr gequält, krankgemacht und verraten wurde wie das deutsche Volk, wir sehen die tragischen Konsequenzen an einem Volk, das in seiner Geschichte keine erfolgreiche Revolution, sondern immer nur erfolgreiche Konterrevolutionen mitgemacht hat. „Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.“ (10.) Die noch heute gefeierte Einheit unter kapitalistischen Vorzeichen hätte das deutsche Volk schon 1952  haben können. Als Bismarck nach dem deutschen Bürgerkrieg 1866 mit der Kleinstaaterei aufräumte, da posaunte der chauvinistisch werdende Bourgeois von einer weltgeschichtlichen Errungenschaft. Das war sie nicht, schrieb Engels, „…sondern eine sehr, sehr späte und unvollkommne Nachahmung dessen, was die Französische Revolution schon siebzig Jahre früher getan, und was alle andern Kulturstaaten längst eingeführt. Statt zu prahlen, hätte man sich schämen sollen, daß das „hochgebildete“ Deutschland hiermit zuallerletzt kam“ (11.).  Am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit,  gibt es für die „hochgebildete“ Bourgeoisie, die die Montagsdemonstrationen in der DDR für sich ausschlachtet, als hätte sie sie initiiert und geleitet,  nichts zu feiern, schämen sollte sie sich ! Und zu fragen ist auch immer, um was für eine deutsche Einheit handelt sich eigentlich ? Es ist eine Einheit der Kapitalisten zur Ausplünderung und sozialen Verelendung des deutschen Volkes, die Werktätigen brauchen aber eine einheitliche internationalistisch ausgerichtete Nation OHNE Kapitalisten mit der Perspektive einer Überwindung jeglichen Nationalismusses.

Diese Zusammenhänge scheinen dem Saemann nicht geläufig, ja nicht einmal in seiner eigenen Zeitung sieht er die Zusammenhänge. Es selbst bringt doch nur fünf Seiten weiter einen Artikel über einen Kartofellschälbetrieb im Raum Böblingen, in dem polnische Arbeitskräfte „bis zu zwanzig Stunden…unter menschenunwürdigen Bedingungen“(12.). bei einem Lohn von 25 Euro die Woche, dem Niveau von Bangladesh, schuften und von denen sie teilweise noch ihren Lebensunterhalt bestreiten mußten. Also die Hölle auf Erden. Dieser Kartoffelschälbetrieb belieferte auch die Porsche Kantinen in Weissach  und Zuffenhausen sowie Kindertagesstätten und das Stuttgarter Klinikum. Aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der bundesrepublikanischen Wirklichkeit und dieser Zustand der Vertierung von Menschen wird anhalten, solange lediglich Polizei- und Zollbeamte gegen kapitalistische Volksfeinde eingesetzt werden wie im Falle des Betreiberehepaares des Schälbetriebes. Die Arbeiterklasse selbst muß mit dem perversen Ausbeuterdreck abrechnen, auf proletarische Manier. Das Ausbeutergesindel in Deutschland soll sich nicht täuschen, es werden Mauern in Deutschland gebaut werden, Arbeitslager für Gesindel wie zum Beispiel das Betreiberehepaar in Böblingen. Ich denke, den Redakteuren des Säemanns täten ein paar Besinnungstage  im Lager auch ganz gut.

1. Vergleiche Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin 1959, 279

2. Es ist zu empfehlen, die Schriften Trotzkis mit Hinweisen auf Lenins und Stalins Gegenargumente zu versehen oder Texte von Lenin und Stalin und anderen gegen Trotzki den Werken Trotzkis beizugeben. Die Geschichte des Marxismus ist klassenkämpferisch immer eine Auseinandersetzung mit ihm feindliche Strömungen, eine Parteiführung darf diese fruchtbaren Auseinandersetzungen nicht unterdrücken. Sie entwickelt sich sonst zu einer Kaste von Hohepriestern, die über die ideologische Reinheit ihrer Schafe wacht. Das ist dem Sozialismus nicht gut bekommen. So hatte die kapitalistische Herrschaftsclique in der BRD in den 60er Jahren die Schrift von Carlos Marighela über die brasilianische Stadtguerilla auf den Index gesetzt und damit diese Schrift erst wichtig und interessant gemacht und die Folge  war, dass im Untergrund gleich mehrere Ausgaben kursierten.

3. Louis Auguste Blanqui (1805 – 1881) französischer Revolutionär, utopischer Kommunist, Organisator mehrerer Geheimgesellschaften und Verschwörungen, aktiver Teilnehmer an den Revolutionen 1830 und 1848, Führer der geheimen Gesellschaften der Jahreszeiten, Organisator des Aufstandes vom 12. Mai 1839, einer der Führer des Aufstandes vom 31. Oktober 1870 in Paris, befand sich zur Zeit der Kommune in Haft, verbrachte insgesamt 36 Jahre im Gefängnis und in Strafkolonien. (Vgl. Marx Engels Ausgewählte Werke Band 1,Dietz Vlg. Berlin 1972, 711.)

4. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, Marx Engels Ausgewählte Werke Band 1, Dietz Vlg. Berlin, 1972, 508

5.a.a.O.

6. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg hatte Lenin darauf hingewiesen, dass alle imperialistischen Siegermächte durch den Versailler Vertrag auf Deutschland einhacken. (Vergleiche Lenin, Lieber weniger, aber besser; Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau 1975,779). Daraus ergab sich für das Deutschland der Weimarer Republik eine unterschwellige Kooperation mit der Sowjetunion zu beiderseitigem Nutzen. Ganz in dieser Tradition stand auch die Stalin Note, aber statt das imperialistische Einhacken auf das deutsche Volk zu beenden, verbrüderten sich seine Ausbeuter mit den Imperialisten, um zusammen mit ihnen auf das eigene Volk und auf die sozialistsichen Staaten einzuhacken.

7.In diesem Buch verweist er auf die völlig irrsinnige, auf Bethmann Hollweg zurückgehende Politik der Stärke gegenüber der UdSSR. Das Nato Bündnis sollte zur Einheit führen durch die Entfaltung militärischer Kraft, die so großen Eindruck auf die Russen machen sollte, „…daß sie sich auch ohne westliche Gegengabe bereit erklären würden, Mitteldeutschland wieder aufzugeben.“ (in: Paul Sethe: Schicksalsstunden der Weltgeschichte, Heinrich Scheffler Verlag 1952, 289)

8. Primär ist Philipp Müller zu nennen, der am 11. Mai 1952 während einer Demonstration gegen die Remilitarisierung Westdeutschlands vor der Essener Gruga Halle durch zwei Schüsse von der Polizei tödlich getroffen wurde, ein Schuß ging direkt in sein junges Herz. Schwerverletzt wurden auch der Sozialdemokrat Bernhard Schwarze aus Konstanz und der Gewerkschaftler Albert Bretthauer aus Münster. Obwohl Schußwaffengebrauch der Demonstranten nicht nachgewiesen werden konnte, stufte das Dortmunder Landgericht die Tat als Notwehr ein.

9. Nicht nur der eigentliche Geschlechtsverkehr mit Juden sei strafbar, sondern auch beischlafähnliche Handlungen wie gegenseitige manuelle Befriedigung. Globke, der in der DDR per Haftbefehl gesucht wurde, wurde am 23. Juli 1963 vom 1. Strafsenat des Obersten Gerichtes der DDR unter Vorsitz von Präsident Dr. Heinrich Toeplitz in Abwesenheit zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt.

10. Karl Marx, Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, in MEW 1, 379 f.

11.Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, MEW 21,435

12. Razzia im Kartoffelschälbetrieb, Sklavenarbeit aufgedeckt, Der Grundstein Säemann, September 2011,23


Zum Studium der Weltgeschichte

5. September 2011

Die Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte bewegte sich in der Polarität von Lohnarbeit und Kapital, was eine neue Qualität des Klassenkampfes darstellt. Frühere Klassenkämpfe wiesen diffusere antagonistische Kampfkonstellationen auf. Das Studium der Weltgeschichte in ihrer Unendlichkeit, das für Friedrich Schiller das Individuum unvermerkt in die Gattung überführte, läuft dennoch immer wieder auf diese aktuelle Polarität zurück, der die Weltgeschichte Studierende bleibt im Banne der Klassendialektik, da die geschichtlichen Evolutionen sich bisher immer in politischen Revolutionen durchsetzten. Geschichte kann nicht um ihrer selbst willen studiert werden, sondern assoziativ zur Gegenwart. In Schillers Vorlesung: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte“ wird der aktuelle Charakter des Weltgeschichtsstudiums deutlich hervorgehoben. „Aus der ganzen Summe dieser Begebenheiten hebt der Universalhistoriker diejenigen heraus, welche auf die heutige Gestalt der Welt und den Zustand der jetzt lebenden Generation einen wesentlichen, unwidersprechlichen und leicht zu verfolgenden Einfluß gehabt haben. Das Verhältnis eines historischen Datums zu der HEUTIGEN (kursiv von Friedrich Schiller) Weltverfassung ist es also, worauf gesehen werden muß, um Materialien für die Weltgeschichte zu sammeln“. 1. In Ausbeutungsgesellschaften wird dieser Bezug allerdings ideologisch verfremdet, da der Produzent aufgehäufte Arbeit vermehrt, statt sich als Persönlichkeit von ihr zu vermehren. „In der bürgerlichen Gesellschaft herrscht also die Vergangenheit über die Gegenwart, in der kommunistischen die Gegenwart über die Vergangenheit“. 2. Warum schrieb zum Beispiel Friedrich Engels 1850 über den deutschen Bauernkrieg ? Er schrieb über diesen Krieg, um der erschlaffenden Nach48erbewegung  „die ungefügen, aber kräftigen und zähen Gestalten des deutschen Bauernkriegs dem deutschen Volk wieder vorzuführen“ 3., also Studium einer Bauernerhebung zwecks Entfachung revolutionärer Tatkraft. Gleichwohl muß in der Gegenwart in Fragen des Klassenkampfes situativ entschieden werden, es hilft keine Erinnerung an vergangene ähnliche Kampfkonstellationen.

Der uns heute präsente Begriff der Weltgeschichte entwickelte sich durch die mit der Entdeckung Amerikas initierten Herausbildung eines Weltmarktes. Weltgeschichte existierte nicht immer, sondern ist also selbst nur Resultat von Geschichte. Bereits im historischen Vorfeld der französischen Revolution lag durch den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ein bis in die diplomatischen Fäden hineinreichendes bikontinentales Konfliktfeld vor. Die französische Revolution bildete einerseits in der Theorie einen Begriff universeller Humanität heraus: in seiner am 17. November 1793 gehaltenen Rede über die politische Lage der Republik führte Robespierre aus, „daß es nicht nur ein Volk ist, für das wir streiten, sondern das Weltall“. Das Ziel sei, „so viele Freunde (zu) haben, als diese Erde Bewohner zählt.“ 4. , erfasste aber in der Praxis in dem durch sie hervorgebrachten Russlandfeldzug Napoleons nur erst eine Totalität europäischer Geschichte, die es schon allein auf Grund der in diesen Feldzug involvierten Millionenmassen von Soldaten bis dahin nicht gegeben hatte. Im rechten Sinn des Wortes ist die von Marx und Engels im neunzehnten Jahrhundert in ihrer 1845/46 geschriebenen „Deutschen Ideologie“ skizzierte  Verwandlung von Geschichte in Weltgeschichte nicht durch eine wohl schon im neunzehnten Jahrhundert erwarteten proletarischen  Revolution eingetreten, sondern hat sich erst im zwanzigsten Jahrhundert weltgeschichtlich totalisiert in einer durch den Imperialismus pervertierten Weise. Der Begriff der Weltgeschichte in seiner epochalen Totalität wurde durch die globalimperialistische Massenausbeutung gezeugt und durch den ersten Weltkrieg geboren, der alle Völker in den Strudel der Weltpolitik hineinzog, was Lenin als eine progressive Frucht des imperialistischen Krieges deutete. Der Weltmarkt ist etwas Abstraktes, der Weltkrieg ist etwas Konkretes. Bestätigte dieser Krieg also ein weiteres mal das Wort von Heraklit, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei, so ist aber durch ihn und durch die Fehlkalkulation des deutschen Gneralstabes im landmassiven, ein Sechstel der Erdoberfläche einnehmenden Russland im Oktober 1917 ein Kind geboren worden, das sich anschickte, den jahrhundertealten Satz Heraklits ad absurdum zu führen. In der Schlacht von Stalingrad bereits, dann 1945 in Berlin entschied sich die progressive Qualität des Begriffes der Weltgeschichte, den die Stalinsche Sowjetunion garantierte. Die Ironie der Weltgeschichte war derart, dass durch die unmarxistische Theorie der friedlichen Koexistenz der progressive Gehalt des Begriffes der Weltgeschichte bereits eingebüßt worden war, der kalte Krieg aber noch die „Zwei Lager Theorie“ von Marx und Engels aus dem Kommunistischen Manifest speziell in Deutschland 5. zu bestätigen schien. Der Tod der Oktoberrevolution beweist einmal mehr, dass sich gesellschaftlicher Fortschritt eben nicht nach dem Geschichtskonzept der bürgerlichen Aufklärung linear progressiv und stufenweise durchsetzt, sondern gebrochen, große Sprünge eben auch nach hinten macht und Marxens Aussage aus dem Achtzehnten Brumaire bestätigt, dass sich proletarische Revolutionen eben fortlaufend unterbrechen. Nur eine wo auch immer ausbrechende erneute proletarische Revolution kann einen Begriff von Weltgeschichte im substantiell freiheitlichen Sinne hervorbringen, die ganze Gesellschaft für immer von allen Klassenkämpfen zu befreien. 6. Nur sie kann die Fehlentwicklung korrigieren, dass heute Weltgeschichte in Geschichte retrovertiert.

Der Maulwurf wühlt ohne Zweifel weiter. Der antagonistische Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital ist das Überlebenselexier der Revolution, denn vertrackterweise ist der Fortschritt des Lohnarbeiters an den ständig stattfindenden Fortschritt seiner industriellen Produktionsbedingungen gekoppelt. Sprengt eine proletarische Revolutuion nicht diesen Antagonismus, so ist die Ideologie der Bürgerkriegsparteien, ihr Denken, wenn man so will, vorprogrammiert. Pluralistische Theorien wollen die revolutionäre Aufmerksamkeit betäuben. Was ist nicht alles für ein Schindluder getrieben worden mit dem Satz Rosa Luxemburgs: „Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenken“ in der Absicht, den Sozialismus im Sinne eines diffusen Pluralismus zu zersetzen. Der Pluralismus öffnet gerade die Klassenvielfalt, ist also bürgerliche antikommunistische Ideologie durch und durch. Intellektuelle hatten 1968 leicht reden vom Andersdenken und funktionalisierten Rosa Luxemburg wie keine andere Bewegung in Deutschland.  Hat aber der Lohnsklave in seinem alltäglichen Denken überhaupt Alternativen ? Er wird doch immer wieder auf seine Position als Lohnsklave zurückgeworfen, ist also alternativlos, was den Fundamentalgegensatz von Lohnarbeit und Kapital betrifft. In dieser Alternativlosigkeit bleibt alternatives Denken lediglich im Nachsinnen über mögliche  Befreiungsstrategien vom Lohnjoch. Eine ganz primitive Kulturindustrie ist heute tätig, die Lohnsklaven in ihrem Denken von der Dialektik von Lohnarbeit und Kapital abzubringen. Begierig hatten westdeutsche „Kulturschaffende“ die „John Wayne Ideologie“ übernommen: der einsame Held löst die Probleme individuell, nicht kollektiv. Jugendliche fallen auf diese Ideologie herein und laufen Amok, der gekündigte Mieter soll zum bereicherungswütigen Rechtsanwalt laufen statt die Hausgemeinschaft zu Solidarität und kollektiven Widerstand zu organisieren. Bürgerlicher Haifischindividualismus wird heute per „Kultur“ in den Proleten hineinverpflanzt, seine Niederlage ist damit vorprogrammiert.

Betrachtet man die Weltgeschichte durch die bürgerlich philosophische Brille, so sind im Grunde drei Positionen relevant: die kantische, die hegelsche und die von Feuerbach. Für Kant ist die weltbürgerliche Idealgesellschaft, die allgemein das Recht verwaltet und nicht ohne Gefahr sein darf, da sonst die menschlichen Fähigkeiten einzuschlafen drohen, der Wille der Natur. Für Hegel ist die Weltgeschichte das Realisierungsmedium der Weltvernunft oder in seiner eigenen religiösen Ausdrucksweise: „Gotteswerk“. Und bei Feuerbach fallen Materialismus und Geschichte leider auseinander. Erst Marx und Engels entwickelten den historischen Materialismus, in dem die Widersprüche zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen die treibenden Kräfte darstellen. „Seit Dezennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels nur noch die Geschichte der Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind.“ 7.  Nach Marx und Engels kann es nur noch zwei Arten der Geschichtsbehandlung geben: die philosophisch ideologische und die wissenschaftlich materialistische. Der Deismus war ein typischer Kompromiss: Gott hat die Welt erschaffen, sie entwickelt sich dann aber autonom. Er liegt im Wandlungsprozess von der mittelalterlichen Geschichts“theorie“ zur wissenschaftlichen ungefähr in der Mitte. Holbach und Feuerbach mußten die Axt anlegen und die religiösen Wurzeln von der Geschichte endgültig abhacken. Aber den Bann konnten sie nicht brechen. An die Stelle des religiösen Fetisch trat der der Ware, der zugleich die bürgerliche Aufklärung zur instrumentellen Vernunft entwertete, da er die Beziehungen zwischen den Menschen wieder bzw. weiterhin undurchsichtig machte. Dagegen kämpfte die marxistische Aufklärung mit einem Defetischisierungsprogramm. „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen.“ 8. Das heißt, die Wahrheit des Atheismus resultiert nicht nur/allein aus einer theoretischen Auseinandersetzung mit Theisten, primär ist der Atheismus nur im/als Kommunismus möglich. Dass die gesellschaftliche Praxis letztendlich entscheidend ist, wurde bereits in den Feuerbachthesen manifest: „Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis“. 9. Diese den Marxismus auszeichnende Erhellung ist in ihrer fundamentalen Bedeutung nicht immer richtig und gewichtig verstanden worden. Insbesondere ist der Niedergang des sowjetisch geprägten Sozialismus an Hand der Überhand nehmenden Entwicklung der Warenproduktion zu erklären. In der Blütezeit der Sowjetunion war die Warenproduktion auf  Gegenstände des persönlichen Bedarfs beschränkt. Erst mit der Auflösung der MTS, der Maschinen Traktor Stationen, wurden ungeheure Mengen von Produktionsinstrumenten in die Bahn der Warenzirkulation geworfen. 10.  Die Konterrevolution war schleichend 11. und ein genaues Datum ihres Triumphes läßt sich nicht angeben.

Es war Lenin, der die marxistische Idee der Weltrevolution zunächst theoretisch um 1915 auf die Möglichkeit verkürzte , den Sozialismus auch in einem Land aufbauen zu können, ohne dass ihm bereits Russland vorschwebte, und dann auch durch die Praxis des roten Oktober eine Frontbildung herbeiführte, die durch den zweiten Weltkrieg die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in zwei Welthälften spaltete. Lenin betrachtete die russisch proletarische Revolution auch immer als eine eurasische, geht man von einem Sozialismus in China aus, so hat der Zusammenbruch der Sowjetunion einerseits das Gewicht sehr auf den asiatischen Kontinent gelegt und andererseits den Sozialismen in globaler Hinsicht nur einen Inselcharakter gelassen. Trotz des heute vom Kapital betriebenen Globalisierungsgeredes war die Differenz des zwanzigsten Jahrhunderts doch mental zu wuchtig, um einer weltbürgerlichen Gesellschaft eine große Realisierungschance zu geben. Weder das Bürgertum noch das Proletariat vertreten heute einen Begriff von Weltgeschichte in der Totalität, die dem Begriff genuin zukäme und im neunzehnten Jahrhundert auch zugekommen war. Da der Imperialismus naturgemäß einen anderen Charakter als der klassische Kapitalismus hat, fällt der Schatten des Leninismus auf die klassische Theorie des Marxismus, dass der Kommunismus empirisch „nur als die Tat der herrschenden Völker auf einmal und gleichzeitig möglich“ 12. ist. Der Leninismus hat heute die aufgeklärten und fortschrittlichen Werktätigen der Welt immun gemacht gegen die Globalisierungstendenzen des internationalen Kapitals. Diese sind Ideologie, denn das Kapital selbst figuriert im Imperialismus unter dem Gebot der durch es verursachten Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung.

1. Friedrich Schiller, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte, insel taschenbuch, Frankfurt am Main und Leipzig, 1999,28f. Kant schlußfolgert aus der Umständlichkeit, mit der die Historikerzunft die Geschichte ihrer Zeit abfasst, dass spätere Generationen mit der Last der Geschichte nicht anders verfahren können, als das sie „…die der ältetsen Zeit, von der ihnen die Urkunden längst erloschen sein dürften…“, nur insofern berücksichtigen, „…was Völker und Regierungen in weltbürgerlicher Absicht, (das Zustandebringen einer vollkommenen nationalen und internationalen bürgerlichen Verfassung, einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft/ Zusatz vom Heinz Ahlreip), geleistet oder geschadet haben.“ (Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, in: Deutsche Geschichtsphilosophie von Lessing bis Jaspers, Herausgegeben  und eingeleitet von Kurt Rossmann, Sammlung Dietrich, o.J., 63). Der Deutung, dass die Menschheit im beständigen Fortschritt zum Besseren begriffen sei, pflichtet Trotzki antiaufklärerisch nicht bei, ihm ist sie „düsterer“ geworden. (Vergleiche Leo Trotzki, Die Russische Revolution, Kopenhagener Rede 1932, Voltaire Flugschrift Nummer 29, Berlin,o.J.,5). Für Goethe war Geschichte ein Gewebe von Unsinn für den höheren Denker.

2. Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin 1977,476

3. Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, MEGA I/10 Dietz Verlag Berlin 1977,367. Die Geschichte der KPdSU wirde zum Zwecke der Erhöhung der revolutionären Wachsamkeit verfasst.

4. Robespierre: Über die politische Lage der Republik, 17.11. 1793, in der gleichen rede auch: „Die französische Revolution hat in der ganzen Welt eine Erschütterung verursacht“, in: Reden der französischen Revolution, dtv text-bibliothek München 1974, 323 und 319

5. Im zwanzigsten Jahrhundert ist das Schicksal des deutschen Volkes enger mit der Sowjetunion verknüpft als das aller anderen Völker. Bereits Lenin sah als Resultat des Versailler Vertrages, dass alle auf Deutschland einhacken (Vergleiche Lenin, Lieber weniger, aber besser; Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau 1975,779). In der Weimarer Republik dagegen kooperierte die Sowjetunion unterschwellig immens mit dem Verlierer des ersten Weltkrieges zu beiderseitigem Nutzen, Dass das faschistische Deutschland eines Tages die Sowjetunion überfallen werde, war der Führung der sowjetischen Arbeiterklasse bewußt. Stalin hatte Hitlers „Mein Kampf“ genau gelesen und sich die Stellen über den Lebensraum im Osten bestimmt  eingeprägt. Aber man unterstellte der deutschen Führung immer eine gewisse Rationalität und wußte nicht, dass Hitler auf Görings sorgenvolle Frage am 29. August 1940: ob Deutschland einen Zweifrontenkrieg führen und also va banque spielen werde, geantwortet hatte: Ich habe in meinem Leben immer va banque gespielt ! Nach dem zweiten Weltkrieg war es wiederum die Sowjetunion, die 1952 mit der Stalin Note das deutsche Volk davor bewahren wollte, dass alle weiterhin auf Deutschland einhacken. Der perverse Masochist Konrad Adenauer wollte aber nicht, dass das imperialistische Einhacken auf Deutschland aufhöre, er küsste dem US Imperialismus die Stiefel auf widerlichste Art, so dass in der deutschen Geschichte ein riesiger Schandfleck entstanden ist, den man nicht mehr wegwischen kann.

6. Vergleiche Friedrich Engels, Vorrede zur englischen Ausgabe des Kommunistsichen Manifestes, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin,1983, 23

7. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,467

8.Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin,1975,94

9. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin,1969,7. In der „Deutschen Ideologie“ flammt der universelle Charakter der kommunistischen Revolution zuerst auf: Der Kommunismus setze den Weltmarkt voraus. Und dann folgt daraus: „Das Proletariat kann also nur WELTGESCHICHTLICH (kursiv von Marx und Engels) existieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als „weltgeschichtliche“ Existenz überhaupt vorhanden sein kann; weltgeschichtliche Existenz der Individuen, das heißt Existenz der Individuen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist“. (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin 1978,36).

10. Siehe dazu: Heinz Ahlreip, Aufstieg und Fall der Sowjetunion, im Internet: lenin unser aller lehrer:Aufstieg und Fall der Sowjetunion, Archiv, Juni, 2009

11. Siehe dazu: Ludo Martens, Die UdSSR und Die samtene Konterrevolution, EPO Verlag, 1993

12. Karl Marx, Friedrich Engels: Deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin 1978,35. Obwohl Marx und Engels mit diesem um 1845/46 verfassten Werk endgültig den unter Intellektuellen grassierenden Hegelianismus hinauskurieren wollten, hat sich in der „Deutschen Ideologie“ zumindest die Emphase des bei Hegel eurozentristischen Begriffes „Weltgeschichte“ gehalten. Er wirkte weiter bis in einen Sozialdemokratismus,  auf den die Aprilthesen Lenins 1917 wie eine „Fieberphantasie“ wirken mussten. Lenin blickte nicht nur nach Westen, sondern immer auch auf Indien und China und Hegel hatte nur insofern Recht behalten, als er in seiner „Philosophie der Weltgeschichte“ schrieb, dass sich im Hintergrund Europas  ein schwerer slawischer Schatten heranbilde, der sich noch nicht über Europa gelegt hätte. Aber wir werten die Eroberung Berlins 1945 nicht als schweren slawischen Schatten, sondern als Befreiung vom Faschismus.

Die Kultur Revolution der 68er

1. September 2011

„Es ist die Aufgabe der Revolutionäre, Revolution zu machen.“ In dieser Parole, die Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre in vielen Hörsälen, Sit-ins und auf Demos zu sehen war, haben wir bereits in prägnanter Form eine der Ursachen des Scheiterns der 68er Bewegung und der K-Gruppen, den hochentwickelten Kapitalismus in der BRD zu zerschlagen: den Voluntarismus. Als ob man/frau willkürlich in den Lauf der Geschichte eingreifen könnte. Sie schwelgten in der Illusion, den heldenhaften Kampf des Vietcong gegen den US Imperialismus weltweit vielfach kopieren zu können. Man kann keine Vietnams schaffen, Revolutionen müssen reifen. Junge, unerfahrene Revolutionäre schwelgen gern in Allmachtsillusionen und schätzen die bis an die Zähne bewaffnete Bourgeoisie als Papiertiger ein. Diese kommen nur dann auf, wenn die elementare Notwendigkeit des Geschichtsablaufs  und der Aktionismus der Revolutionäre abstrakt getrennt werden. Die Kunst revolutionärer Politik besteht gerade darin, die zur Revolution unbedingt notwendige Organisation der Revolutionäre mit dem Geschichtsverlauf der revolutionären Arbeiterbewegung dialektisch zu verbinden, wobei die Bildung dieser Organisation als  Resultat der elementaren Arbeiterbewegung zugleich in die Bedingung ihrer Bewußtheit umschlägt. Zudem setzt eine revolutionäre Krisensituation eine tiefgreifende Erschütterung  objektiver struktureller Bedingungen der Gesamtgesellschaft voraus, aus der sich jene erst ergibt. Die Wahlergebnisse als Gradmesser der Reife des Proletariats zeigten in den 60er Jahren gerade dessen Unwillen an, die Weichen der Entwicklung der bundesrepublikanischen Gesellschaft entscheidend zum Sozialismus zu stellen. Noch strahlte man im Glanze des sogenannten Wirtschaftswunders und klammerte sich an sein kleinbürgerliches „Glück“, ein kleines Häuschen war bei Schwarzarbeit in Reichweite. Die Arbeitsplätze waren sehr sicher und so mancher Maurer zweigte von Großbaustellen ab, sei es für sein eigenes Bauvorhaben, sei es für den Auftraggeber der Schwarzarbeit. Es herrschte christlich mittelalterliche Bigotterie unreifer Menschen und sozialdemokratischer spießbürgerlicher Antikommunismus vor. So berechtigt der humanistische Unmut gegen diesen Muff war, die objektiven Bedingungen einer effektiven Überwindung lagen in keiner Weise vor. Intellektuelle können eine gesamtnationale Krise weder herbeischreiben noch durch Demos Volksmassen zum Umsturz aufputschen. Lenin lehrte stets, dass weder Parteien noch  Avantgarden einer Revolution zur historischen Dominanz verhelfen, sondern nur der revolutionäre Aufschwung des ganzen Volkes. 1. Insofern war das Vorhaben der RAF extrem schwierig, ja vergeblich, die relativ erstarrte bürgerliche Klassengesellschaft durch einen die Volksmassen lösenden Aktionismus  in Bewegung zu setzen, in deren Verlauf den Kapitalisten erwartete,  totgegraben zu werden. Das subjektive Bewußtsein einer revolutionären Minderheit war soweit, nicht aber das objektive intellektuelle Bewußtsein der Massen. „Alles, was die Menschen in Bewegung setzt, muß durch ihren Kopf hindurch…“ 2. Zur Zeit müssen sich die Revolutionäre in der BRD in einer Beharrlichkeit der Aufklärung, der eisernen Disziplin und der Waffenbeschaffung üben.

Die Ho Ho Ho Tschi Minh Rufe auf dem Kurfürstendamm und die RAF Anschläge auf us-amerikanische Militärinstitutionen, die immerhim anzeigten, dass die Flamme der Abrechnung mit dem US Imperialismus in Deutschland nicht erloschen ist, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die 68er Bewegung auch vom Geist von Berkeley inspiriert wurde, namentlich auch von Herbert Marcuse, der in den 40er Jahren in den USA für das Office of Strategic Services – einem Vorläufer der CIA – arbeitete. Er verschob das marxistische Koordinatensystem erheblich: an die Stelle der Arbeiter, die von verbürgerlichten Führern apolitisiert seien, hätten Akademiker die Avantgarderolle zu übernehmen, Dutschke sah die zukünftige Gesellschaft als eine einzige Universität, Lenin übrigens den Sozialismus als eine einzige Fabrik. Dutschke lag schon insofern daneben, als der Sozialismus Theorie und Praxis polytechnisch verbindet, Bücherwissen allein fruchtet wenig und marxistische praxisabstinente Schriftgelehrte können für den Sozialismus sogar schädlich sein. Das Gebaren auf dem Campus in Berkeley, das sich gegen den völkerrechtswidrigen Krieg in Vietnam und gegen die Rassendiskriminierung richtete, war progressiv,  hatte aber mit der Arbeiterbewegung wenig zu tun. Es war die akademische Jugend der großstädtischen Mittelschicht, die sich in ihrer Protesthaltung gegen die bigotte Provinz einen Freiraum eröffnete, einen der individuellen Intellektualität, keinen kollektiven. Statt ein, zwei, drei viele Vietnams war ein Verlangen nach ein, zwei, drei vielen Woodstocks vorherrschend. Rauschgift und irrationale Musik entwaffneten die Protestler von ganz allein. So kam es zu einer Mardigrasausgabe des Marxismus Leninismus. Oskar Negt fiel auf diesen kleinbürgerlich intellektualistischen Reflex, auf die Kopie des Sozialismus herein, der die Arbeiterbewegung immer wieder gebiert und die sie latent persifliert: Negt deutete es so: „Immer deutlicher wird erkennbar, dass historische Initiativen, die früher von der Arbeiterklasse ausgingen, heute eher von der Intelligenz und den Jugendlichen unternommen werden“. 3.  Die historische Substanz dieser Initiativen tendiert denn allerdings auch gegen Null, zum Karneval, zur schlechten Kopie.

Mit der sozialen Provenienz aus der großstädtischen Mittelschicht hängt auch die völlige Mißachtung der Bauernfrage durch die internationalen 68er zusammen. Was hat eine metropole Kulturschickeria mit dem „schmutzigen“ Bauern zu tun ? Diese Ignoranz ist geradezu typisch für eine menschewistische politische Strömung und bedauerlicherweise hat auch die RAF gar nicht daran gedacht, entsprechend zur Stadt- eine Landguerilla aufzubauen. „Die ländliche Guerilla scheidet für die Betrachtung aus. Zu untersuchen sind die Probleme der Großstadtguerilla.“ 4. Wir wollen nicht all zu hart mit der RAF ins Gericht gehen, Engels sagte: in jeder Revolution werden eine Menge Fehler gemacht, hier lag einer vor.  Die Metropole scheitert, wenn sich der Bauer auf dem Lande nicht bewegt. Wie ohnehin der Städter in seinem urbanen Ghetto sich gar nicht über seine Abhängigkeit vom Bauern bewußt ist. Aber sehen wir uns die heutige LINKE an, die nach der Tragödie der 68er deren Farce darsellt. Es reicht für linke Politik keineswegs aus, auf den Gegensatz zwischen arm und reich zu rekurrieren, linke Politik ist immer eine Bündnispolitik, sie muß auf das Bündnis der Arbeiter und Kleinbauern ihr Hauptaugenmerk richten. Mitte der neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts hatte August Bebel gegen Karl Kautsky unbedingt Recht, als er sich für ein Bündnis mit den Klein- und Mittelbauern aussprach. Sie sollten sich die Hände reichen  „und gemeinsam den schönsten und größten Befreiungskampf kämpfen, den die Welt je gesehen“. 5. Leider konnte sich Bebel schon damals in der SPD nicht durchsetzen. Nur dieses Bündnis garantiert den Sieg über die Bourgeoisie, während Störungen in diesem Bündnis , das Aufkommen falscher Beziehungen in ihm, vor der Revolution deren Sieg vereiteln und nach der Revolution die Restauration des Kapitalismus ermöglichen kann und wahrscheinlich ermöglichen wird.  Die Garantie zur revolutionären Niederhaltung der Bourgeoisie ist ein  Wall von Millionen und Abermillionen durch harte Arbeit geschulter Menschen. „10 – 20 Jahre richtige Beziehungen zur Bauernschaft und der Sieg ist im Weltmaßstab (sogar bei Hinauszögerung der proletarischen Revolutionen, die anwachsen) gesichert.“ 7. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hängt ausschlaggebend mit gravierenden Störungen in diesen Beziehungen zusammen.

Es liegt auf der Hand, dass die kapitalistische Ausbeutung der Natur diese in perversen Dreck verwandelt, in ihrer Naivität aber bejammern die Grünen nur die Auswirkungen des planlosen Raubbaus und sind zum Scheitern verurteilte Naturschützer geworden, da sie zu der zu bekämpfenden Ursache, dem Kapitalismus, verträglich geworden sind. Durch gelegentliche juristische Zähmungen verlängern sie nur die Lebensdauer des Kapitalismus. Sie sehen im Elend des Arbeiters und der Ausbeutung der Natur nur das Elend, nicht die revolutionäre Potenz, konsequent durchdacht gibt es nur einen Ausweg: die proletarische Revolution. Der Mangel, die Entwicklung der Ausbeutung sowohl des Menschen als auch der Natur, als Quelle der Revolution zu begreifen, zeugt davon, dass die Grünen, um es salopp zu formulieren, nicht die Hegelsche Schule absolviert haben. Auch wenn uns Hegel nur eine Dialektik des Geistes gegeben hat, so viel ist immerhin idealistisch wahr und für eine materialistische Dialektik stimulierend: dass der Geist um so größer ist, aus je größerem Gegensatz er in sich zurückkehrt. Das Leninsche Revolutionskonzept geht deshalb auf, weil es die Klassenwidersprüche nicht abstumpft, sondern die durch die objektive kapitalistische Entwicklung  selbst hervorgetriebene Extremisierung als Berufsrevolutionär theoretisch auf den Begriff bringt als richtige Widerspiegelung der gesellschaftlichen Klassenrealität.

Die Auswirkungen der 68er Bewegung in die bundesrepublikanische Klassengesellschaft waren unterschwellig kultur“revolutionär“ und lassen sich in dem Wort „Auflockerung“ zusammenfassen, eine Auflockerung der Umgangsformen, während die Verhärtung der gesellschaftlichen Fundamentalbeziehung von Lohnarbeit und Kapital unangetastet  blieb. Die Geschichte hat sich eine eigentümliche Ironie erlaubt: Auflockerung gesellschaftlicher Beziehungen als Augenwischerei eines Fortschritts, während in Deutschland eine zweite Mauer errichtet wurde: die kapitalistische Ausbeuteraristokratie hat sich in ihren Villenvierteln „eingemauert“ und in den Gefängnissen die Revolutionäre. Die Auflockerung der Umgangsformen hat keineswegs das faschistische Potential entschärft, das trotz alledem in der rechtskräftigen Notstandsgesetzgebung schlummert. Sicherlich ist es der 68er Rebellion verdienstvoll zuzuschreiben, dass die Bourgeoisie heute geoutete schwule Bürgermeister präsentiert und lesbische Paare tagsüber unbehelligt in den Großstädten Hand in Hand spazieren gehen können, am Kern der bundesrepublikanischen Inhumanität, am kapitalistischen System, hat sich nichts geändert.  (So zeigt zum Beispiel die Hartz IV Gesetzgebung, dass eine traditionelle Arbeiterpartei, deren Grundstein Friedrich Engels 1846 in Paris gelegt hatte 6. ihren massenverachtenden Charakter seit 1913 (Bewilligung der Besitzsteuervorlage zur Deckung der Rüstungskosten durch die SPD) – es folgten zwanzig Millionen Kriegstote – also fast hundert Jahre konserviert hat). Man täuscht sich gewaltig, wenn man meint, man sei locker drauf, wenn man zu den Wahlsonntagen aufruft, bunt zu wählen. Einerseits schwebt noch immer das Damoklesschwert der Notstandsgesetzgebung üben den Köpfen der Linken, die Bourgeoisie ist feige, sie kommt schleichend, beginnt zunächst mit der Bewachung von öffentlichen Gebäuden durch die Bundeswehr, vor allem aber sollte bedacht werden, dass bunte Parlamente in den Metropolen nur durch den Schweiß und die Tränen von Millionen und Abermillionen ausgebeuteter Arbeiter/innen und Bäuer/innen erkauft worden sind. Marx und Engels sprachen sich denn auch nicht für bunte Parlamente aus, sondern für den Bürgerkrieg zwischen Lohnarbeit und Kapital „in seiner fürchterlichsten Form“. 8.

Der Werdegang der Grünen ist kennzeichnend für diese „Kultur“ „Revolution“, die sich in dem Augenblick beendigte, als Joschka Fischer grünes Licht für den Einsatz von Bundeswehrsoldaten in Jugoslawien gab. Er hat damit keinen Ruhm geerntet, sondern nur Lenins Wort bestätigt, dass in der Politik die Mensch immer Opfer von Betrug und Selbstbetrug sind. Damit war die Mehrheit der 68er Bewegung in die Sackgasse geraten: welche militante Widerstandspotenz ist im Falle eines Militärputsches der Bundeswehr, sei dieser nun bundeswehrautonom  oder im Rahmen eines vom Parlament verkündeten Notstands, von den Grünen zu erwarten ? Die Kinder und Enkel der 68er Bewegung denken heute den Bürgerkrieg konterrevolutionär und wissen nicht mehr, dass sich die 68er Bewegung auch primär an den Debatten um die Notstandsgesetzgebung entzündete. 1968 galt Maos Wort: eins teilt sich in zwei: es gab eine 68er Bewegung und eine 68er Notstandsgesetzgebung, die erste ist Geschichte, die zweite Zukunft. Würden wir uns nur auf die „revolutionäre“ Wachsamkeit der Grünen verlassen, so sähe es trübe aus: sie suchen lieber die Pflanze des Jahres, statt im Offizierskorps der Bundeswehr die Tuchatschewskis, Blüchers und Jegorows. Aus dem Avantgardisten Jürgen Trittin aus dem KB Göttingen, der als Leiter und  Lehrer  das deutsche Volk zum Kommunismus führen wollte, ist ein leicht zu durchschauender Volksbetrüger und Volksfeind geworden. Denn was ist bei ihm übriggeblieben vom kommunistischen Ansatz, den bürgerlichen Staatsapparat zu vernichten ? Spaß beiseite !

Untersuchungen von Lebensläufen der grünen Kulturschickeria zeigen auf, daß ihre soziale Provenienz vorwiegend kleinbürgerliches Milieu ist. Im Gegensatz zu den kleinbürgerlichen Intellektuellen der 68er Bewegung schärfte Lenin den Proletariern ein, daß man eine Revolution nicht machen kann, man kann höchstens für die Revolution arbeiten. 9. Lenin war kein Blanquist. Er war auch nicht die Ikone der 68er, als Revolutionär war er ihnen zu nüchtern , Exotischeres kam aus Südamerika: der aus der KP Brasiliens ausgetretene Carlos Marighela mit seinem in der BRD auf dem Index stehenden Handbuch des Stadtguerilla, vor allem aber Che Guevara, dessen Focus Theorie rein subjektivistisch war. In Bolivien eine soziale Revolution zu „inszenieren“ war ein zum Scheitern verurteiltes Experiment. Die RAF wiederum war ebenfalls blanquistisch, anarchistische Elemente mit marxistischen geschickt mischend, aber sie rettete die Ehre der 68er !! in einem Land, das auf Grund seiner ekelhaft schwergewichtigen sozialdemokratisch konterrevolutionären Tradition dafür das ungeeignetste Terrain abgab. Angesichts der Reaktivierung von Nazieliten als Ziehväter bundesrepublikanischer Terrorapparate war nachvollziehbar zu vermitteln, dass die faschistische Kontinuität gewahrt geblieben, die Generation von Auschwitz bewaffnet war. Der Mann, der schon in den Freislerschen Schauprozessen gegen die Widerstandskämpfer vom 20. Juli unter den handverlesenen Nazigrößen auf der Zuschauerbank saß, Helmut Schmidt, konnte sich in der deutschen Geschichte ein zweites Mal als Noskenachfolger prostituieren. Das Verbot der KPD 1956 passte wie die konterrevolutionäre Faust aufs revolutionäre Auge, der Kapitalismus hatte zwei Weltkriege provoziert und verdaut, provozierte und verdaute weiter und zeigte seine gefräßige Visage nur allzu deutlich. Die Krake „Kapital“ nahm mit ihren Fangarmen auch die Universitäten in den Würgegriff, die sie in Zulieferfirmen für Großunternehmen verwandeln wollte. Viele Mitglieder der RAF begannen ihren Widerstand als Jünger Alexander von Humboldts gegen eine Amerikanisierung der deutschen Universitäten und gegen die amerikanische Richtung im SDS, Insider wußten, dass Dutschke die DDR von Westberlin aus rätedemokratisch revolutionieren wollte. Das Faszinierende an der RAF ist unter anderem, dass sich diese Extreme 28 Jahre konfrontierten und die Aufmerksamkeit ganz auf sich zogen, währenddessen die  breite Masse der 68er sich als „Vereinbarer“ entpuppte, die schon im deutschen Bauernkrieg,  in der 48er Revolution und sozialdemokratisch in der Novemberrevolution vertreten waren, Vereinbarer mit dem System,  diese Vereinbarer können jede Revolution kaputtmachen, man kann es auch so formulieren: den kleinbürgerlichen Intellektuellen war das Aufwühlen der proletarischen Basis dann doch zu heiß. Die Arbeiterbewegung zeigte ihrem akademischen Liebäugeln die kalte Schulter und mußte es angesichts ihrer solzialdemokratischen Verdorbenheit auch tun. Die Uni blieb in der Verhexung der Lohnarbeit durch das Kapital, ihr inneruniversitärer Konflikt blieb eine  „innerbürgerliche Auseinandersetzung“ 10. Lediglich Übernachtungsmöglichkeiten für gesuchte RAFler/innen waren in linksakademischen Kreisen noch drin. Wie klein auch immer der Kern der Marxisten Leninisten heute in Deutschland ist, entscheidend ist, dass es ihn gibt, Quantität schlägt um in Qualität, die revolutionäre Partei und die objektive Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft arbeiten auf eine Klassenkampfexplosion zu – auf einen Bürgerkrieg in seiner fürchterlichsten Gestalt.


1. Vergleiche Lenin, Marxismus und Aufstand, Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau 1971,389

2. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Marx Engels Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,298

3. Oskar Negt in einer Diskussion der Zeitschrift „Ästhetik & Kommunikation akut 6., Berlin 1981,185

4. Kollektiv RAF: Das Konzept Stadtguerilla, Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, in: D.B. Rjazanow; Zur Frage des Verhältnisses von Marx zu Blanqui, Verlag van Houden, Utrecht Januar 1973,7. (Tarnschrift). Assoziativ war noch Horst Mahler am nächsten am Bauernkrieg, der zunächst der sich herausbildenden Stadtguerilla den Namen „Geyers schwarzer Haufen“ geben wollte.

5.  August Bebel, Der deutsche Bauernkrieg, Braunschweig, 1876,230

6. Lenin, Plan und Konspekt der Broschüre: „Über die Naturalsteuer“, Lenin Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin 1952,404

7. Vergleiche Lenin, Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin 1959,554

8. Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin 1977,318

9. Lenin, IV. Konferenz der Gewerkschaften und der Betriebskomittees Moskaus, Lenin Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin, 1952,481. Dagegen schreibt Robert Service, Professor für Russische Geschichte und Politik, in seiner voluminösen Lenin Biografie, dass Lenin zwar darauf bestand, „…dass für eine Revolution die allgemeinen politischen und ökonomischen Bedingungen günstig sein müßten, wurde aber nicht müde zu betonen, daß Revolutionen nicht einfach so geschähen: Sie mußten gemacht werden“. ( Robert Service, Lenin Eine Biografie, C.H. Beck Verlag, 2000, 635). Revolutionsmacherei widerspricht dem ganzen tiefen Wesen des Marxismus. Engels spricht von historischen Beweggründen, die große Massen, ganze Völker und in jedem Volk wieder ganze Volksklassen in Bewegung setzen. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975, 298). Es gilt für Marxisten stets, von diesen Volksklassen zu lernen. Im übrigen gelangt zum Beispiel das moderne Proletariat sowieso zum Sozialismus, der mit der Arbeiterbewegung verbundene wissenschaftliche Sozialismus aber kürzt die Qualen der Geburt seiner neuen Gesellschaft aus der alten bürgerlichen lediglich ab. Auf der gleichen Seite, auf der Robert Service von der Revolutionsmacherei Lenins faselt, steht auch der schicksalshafte Satz: „Die Zukunft gehört nicht dem leninistischen Kommunismus“. Doch – sie gehört ihm, wenn die Leninisten nicht in Revolutionsmacherei machen.

10. Werner Hofmann, Zur Soziologie der Studentenrevolte, in: Abschied vom Bürgertum Essays und Reden, edition suhrkamp 399, Frankfurt am Main, 1979,83. Hofmann weist zu Recht auf den „höchst bürgerlichen intellektuellen Charakter“ (a.a.O.,88) des studentischen Aufbegehrens hin und spricht sich „für einen kontinuierlichen Prozess fortgesetzter erweiterter  ÖFFENTLICHKEIT UND KONTROLLE (kursiv von Werner Hofmann)“ aus, „die mit den Aufgaben das Bewußtsein der Beteiligten selbst sich entwickeln läßt“…Wir brauchen, mit einem Wort, DIALEKTIK IM HÖRSAAL (kursiv von Werner Hofmann).(a.a.O.,90). Aber zur Dialektik gehört bitte schön, dass dieser Prozess  an einem bestimmten Punkt blitzartig umschlagen, abbrechen muß, um die Bourgeoisie in Deutschland in einem Bürgerkrieg auszurotten, der eine ganz neue Dimension in der internationalen Kriegsgeschichte darstellen wird. Die Dialektik muß aus dem Hörsaal in die Industriemetropolen auf die dort konzentrierten blutsaugerischen Kapitalisten einschlagen und in den Köpfen der Kleinbauern zu Bewußtsein gebracht werden. Insistiere ich nur auf Öffentlichkeit und Kontrolle, verschwindet natürlich die von Marx, Engels, Lenin und Stalin geforderte völlige Vernichtung der Bourgeoisie.

Heinz Ahlreip