MARXISMUS LENINISMUS UND RELIGION Zum Papstbesuch in Deutschland

Die christlich abendländische Religion, die die ideologische Stütze eines der abscheulichsten Ausbeutungssysteme der Geschichte war, des Feudalismus 1. , sah sich in der Neuzeit in Europa zwei großen Angriffswellen ausgesetzt: zwei Klassen mußten sich ihrer historischen Stellung wegen gegen die Religion wenden und mit ihren ideologischen Waffen nach der Ursache der menschenverachtenden Religion und den Bedingungen ihrer Überwindung suchen. Die bürgerliche Klasse brachte die bürgerliche Aufklärung hervor, die proletarische den Marxismus Leninismus. Wir können schon heute mit Bestimmtheit feststellen, daß die bürgerliche Klasse es mit ihrer Aufklärung nicht geschafft hat, eine atheistische Gesellschaft freier Menschen durchzusetzen. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die bürgerliche Klasse ist, nachdem sie progressiv gegen den Feudaladel aufgetreten war, aus Angst vor dem revolutionären Proletariat, in eine zutiefst reaktionäre Klasse mutiert. Das war schon in der 48er Revolution im neunzehnten Jahrhundert zu beobachten. Lenin sagte, dass die Bourgeoisie vor dem selbständig auftretenden Proletariat hundert mal mehr Angst habe als vor jeder beliebigen Reaktion. Zur Pariser Commune sagte Karl Marx, sie habe bewiesen, dass der Bourgeois nun die gesellschaftliche Stellung des Feudalherren eingenommen habe. Der Imperialismus verstärkte diese Tendenz zur politischen Reaktion der bürgerlichen Klasse noch mehr.

Betrachten wir in diesem Zusammenhang einmal das Programm des Papstbesuches und konzentrieren wir uns dabei auf die weltlichen Mächte: 22. September: Offizieller Empfang durch den Bundespräsidenten, Begegnung mit der Bundeskanzlerin, Rede im Deutschen Bundestag. 24. September: Begegnung mit Helmut Kohl, 25. September: Begegnung mit den Bundesverfassungsrichtern. Diese Punkte bestätigen in wünschenswerter Klarheit die Richtigkeit der marxistischen Analyse über die Fäulnis des Kapitalismus, über das Bündnis von Kapital und Altar, das das von Thron und Altar abgelöst hat.  Es wird deutlich, daß es heute an Stelle des Feudaladels die bürgerliche Blutsaugerklasse ist, die die Religion zur Verdummung der Volksmassen benutzt. Es ist deshalb aufschlußreich, sich einmal der historischen Periode zuzuwenden, in der das Bürgertum noch jugendfrisch auftrat und eine revolutionäre Klasse bildete, die keineswegs das Bündnis mit der mittelalterlichen Ideologie suchte. Im Gegenteil. Voltaire höchstpersönlich, der der Sekte der jesuitischen Fanatiker das „Ecrasez l´infame“ entgegenschleuderte, besorgte 1762 die Veröffentlichung der „Extraits des Sentiments de Jean Meslier“, der Aufklärer Meslier fasste den ganzen Hass der Landarmut und der Bourgeoisie gegen die sich von Steuern mästenden, selbst aber von Steuern befreiten Pfaffen zusammen mit den Worten, dass man die Pfaffen an ihren eigenen Gedärmen aufhängen müsse. In diesem Satz haben wir nicht nur eine ideologische Quelle der bürgerlichen Republik, die unbedingt auf der TRENNUNG von Staat und Religion basieren muß (das Zitat von Meslier dürfte eindeutig sein), sondern realhistorisch erfolgte in der französischen Revolution eine Abrechnung mit der Brut des Feudalklerus. In den sogenannten Septemberwirren drangen Pariser Volksmassen gewaltsam in die Gefängnisse ein und massakrierten dort inhaftierte Kleriker und Royalisten. Das Bürgertum möge doch heute bitteschön nicht seine Geburtsstunde vergessen, möge nicht vergessen, das seine Geburtsurkunde mit Pfaffenblut geschrieben worden ist. Diese Geburtsurkunde sollte unbedingt den so hochgebildeten Bundesverfassungsrichtern bekannt sein, immerhin leben wir der Papierform nach in einer bürgerlichen Republik. Es wäre die Aufgabe des Präsidenten dieses Gerichts, dem Mafiafürsten des Mittelalters den Bauch aufzuschlitzen, ihm die Gedärme herauszureißen und ihn an diesen für alle gut sichtbar oben an der Fahnenstange des Bundesverfassungsgerichts aufzuhängen. Das wäre keineswegs eine progressive Tat, sondern würde sich noch ganz im Rahmen der bürgerlichen Aufklärung des 18. Jahrhunderts bewegen. Es muß festgestellt werden, dass es heute nicht das in allen Belangen heruntergekommene Bürgertum ist, das das progressive Erbe der bürgerlichen Aufklärung aufbewahrt, sondern der Marxismus Leninismus. Engels empfahl in den „Flüchtlingsgesprächen“, die atheistische Literatur ausgangs des 18. Jahrhunderts unbedingt unter die Volksmassen zu bringen und Lenin knüpfte an diesen Gedanken an und gab Direktiven für die Publizistik in der Sowjetunion. 2.

Der bekannteste Ausspruch des jungen Karl Marx zur Religion lautet: die Religion ist „das Opium des Volks“. 3. Darin erschöpft sich aber keineswegs die Quintessenz des Marxismus zur Religionsfrage, ja trifft nicht einmal den Kern der Sache. „Die Religion ist das Opium des Volks“ – dieser Satz hätte auch aus der Feder der atheistischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts fließen können, aus der Mesliers, Holbachs oder La Mettries. Er drückt keineswegs das genuin Spezifische der Marx´schen Religionskritik aus. Warum gibt es in menschlichen Gesellschaften Religion ? Die Gesellschaftswissenschaftler gaben immer Antworten, die in zwei Richtungen zerfielen: eine vertrat die sogenannte Priestertrugstheorie, die Religion sei eine Erfindung betrügerischer Priester (die große Mehrheit der atheistischen bürgerlichen Aufklärer vertrat diese These und auch der aufgeklärte Monarch Friedrich II. von Preußen), eine andere sah im gesellschaftlichen Elend der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen die Ursache (zum Beispiel unter den bürgerlichen Aufklärern Helvetius). Der Marxismus Leninismus ist unbedingt dieser zweiten Richtung zuzurechnen, die er kritisch weiterentwickelte. Wenn die Menschen Geschichte machen aus dem Bestreben heraus, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, so ist in Ausbeutungsgesellschaften Religion ein gesellschaftliches Bedürfnis und der Papst erfüllt eine bestimmte gesellschaftliche Funktion für die Katholiken und darüber hinaus und das ganze Geheimnisvolle der Religion, das er Mysterium fidei nennt, verfliegt. Um auf den Kern der marxistischen Religionskritik zu stoßen, müssen wir uns dem reifen Marx des Kapitals zuwenden: „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen.“ 4. Das Aufkommen der gerade durch die bürgerlichen Revolutionen beschleunigten Warenproduktion in massenhaften Umfang hatte die zwischenmenschlichen Beziehungen in ein schizophrenes Dunkel getaucht, das aufzuhellen die Lichter von Paris zu schwach waren. Weder konnte die französische Aufklärung theoretischerseits noch die französische Revolution praktischerseits das Geheimnisvolle des Arbeitsproduktes lüften, sobald es Warenform annimmt. Der bürgerlichen Aufklärung mußte dieser Schlußstein fehlen, in dem der Atheismus und der Kommunismus verborgen sind. Sollte Marx hier Recht haben, so wäre der Marxismus der Wendungspunkt der über sich selbst aufgeklärten  und sich selbst aufhebenden materialistischen Aufklärung. Erst im Kommunismus ist keine gesellschaftliche Wurzel mehr vorhanden, aus der Religion sprießen könnte. Die Religion kann nicht abgeschafft werden, sie stirbt ab. Hieran ist auch die Linksabweichung des ansonsten vorbildhaften Marxisten Enver Hodschas zu messen, der mit seiner Religionsabschaffung scheiterte.

Daraus ergeben sich aber Schlußfolgerungen für den proletarischen Kampf gegen die Religion, die sich essentiell vom Gedärmeausreißen der bürgerlichen Aufklärung unterscheiden. Während für die bürgerliche Aufklärung die materialistische Religionskritik noch eine zentrale Bedeutung hatte, rückt diese für die Arbeiterbewegung in eine sekundäre Position, ja eine Überbetonung atheistischer Propaganda lenkt sogar vom Hauptkampf gegen den Kapitalismus ab. So hatte sich zum Beispiel die deutsche Sozialdemokratie für eine Zulassung und freie Betätigung der Jesuiten ausgesprochen. Die Religion ist eine Privatsache dem Staat, nicht der Partei gegenüber. Der dialektische Materialismus verbindet den Kampf gegen die Religion mit der gesellschaftlichen Praxis des Klassenkampfes und daraus ergibt sich eben eine Unterordnung des antireligiösen Kampfes unter dem Kampf für den Sozialismus. Der Klassenkampf erzieht besser zum Atheismus als die sich stets gleichbleibende atheistische Propaganda. Lenin erläutert das am Beispiel des Streiks, bei dem man eine Spaltung in atheistische und gläubige Streikende verhindern muß. Atheistische Propaganda kann hier sogar schädlich sein. 5. Stalin folgte dieser leninistischen Linie, als nach dem Überfall durch die deutsche Wehrmacht die Geschlossenheit der russischen Völker zentrale Bedeutung bekam – und die atheistische Propaganda verstummte.  Wir sehen also: Der bürgerliche Aufklärer Voltaire kämpfte gegen die Jesuiten und sah in ihnen unter den Bedingungen des Feudalismus zu Recht eine Sekte von Fanatikern, die deutsche Sozialdemokratie wird von Lenin gelobt, die Jesuiten zuzulassen und sich für ihre freie Betätigung einzusetzen. Denn der Hauptfeind ist die Kapitalistenklasse, die es natürlich nicht ungern sehen würde, wenn die Sozialdemokratie den Schwerpunkt ihres Kampfes auf die Pfafferei legen würde. Es liegt die Negation der Negation, wenn man so will, die proletarische Negation der bürgerlichen Negation vor. Widerspricht diese Darlegung nicht der materialistischen Geschichtsauffassung, nach der die Abfolge der Revolutionen in der Geschichte eine immer radikalere Negation der vorhergehenden Gesellschaftsformationen darstellen ? Keineswegs, denn die schöpferische Kraft des Klassenkampfes beinhaltet eine viel radikalere Negation als bloße atheistische Propaganda. Wenn die bürgerliche Aufklärung in ihrem Kampf gegen das Christentum auch auf halbem Wege stehenblieb und stehenbleiben mußte, dass es heute kalter Kaffee ist, dafür hat sie immerhin gesorgt. „Als die christlichen Ideen im 18. Jahrhundert den Aufklärungsideen unterlagen, rang die feudale Gesellschaft ihren Todeskampf mit der damals revolutionären Bourgeoisie.“ 6. Aber die revolutionärste Bourgeoisie macht vor dem heiligen Privateigentum halt, deshalb ist die Kirche heute steinreich. Das Eigentum der Pfaffen muß vergesellschaftet werden 7. und sie selbst müssen wieder im urchristlichen Sinn auf Almosenwalz geschickt werden. Es ist nicht die Aufgabe einer bürgerlichen Republik, das Geld von den Werktätigen qua Kirchensteuern für das faule Pfaffenpack einzutreiben, sie macht sich dadurch zu einem perversen Büttel des Mittelalters, der kein anderes historisches Schicksal erwarten kann, als durch proletarisch republikanisches  Schwert enthauptet zu werden.


1. Der Bauer war leibeigen, er war rechtlos und bei der kleinsten Freiheitsregung ließ man ihn im Gefängnis verfaulen. Natürlich gab es auch die Klosterleibeigenschaft, im Todesfalle bediente sich der Klerus am Erbteil und brachte die Kinder an den Bettelstab. Stellte sich heraus, dass der Bauer das Jagdmonopol des Herren verletzt hatte, „so sticht man ime die Augen aus.“ (Siehe: Peter Blickle, Der Bauernkrieg Die Revolution des Gemeinen Mannes, Beck Verlag München 1998, 58f. und75).

2. Vergleiche Lenin, Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus, Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau 1975,726

3. Karl Marx, Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie / Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin 1957,378

4. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin 1975,94

5. Lenin. Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion, in: Marx Engels Marxismus, Grundsätzliches aus Schriften und Reden, Dietz Verlag Berlin 1967,257ff.

6. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,480. Im Manifest entlarvten Marx und Engels auch den christlichen Sozialismus: „Wie der Pfaffe immer Hand in Hand ging mit dem Feudalen, so der pfäffische Sozialismus mit dem feudalistischen…Der christliche Sozialismus ist nur das Weihwaser, womit der Pfaffe den Ärger des Aristokraten einsegnet“. (a.a.O., 483f.).

7. Diese Forderung wurde in der deutschen Geschichte zum ersten Mal 1502 aufgestellt durch den aufständischen „Bundschuh“ im Bistum Speyer, er forderte die „Säkularisation der geistlichen Güter zum Besten des Volks“. (Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin, 1977, 397). In den Bauernkriegen im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts werden von den radikalen Flügeln ( Thomas Müntzer), die immer nur eine Minderheit bildeten,  viele Forderungen aufgestellt, die an die Gütergemeinschaft und an die bürgerliche Republik heranreichen, aber diese progressiven Kriege waren noch ganz in ein theologisches Milieu getaucht, die Inschrift der Bundschuhfahne lautete: „Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes“.

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