STALIN und die sogenannten Moskauer Schauprozesse Zu seinem 132. Geburtstag

Im Zentrum des folgenden Artikels stehen die berühmt berüchtigten sogenannten Moskauer Schauprozesse, es soll aber auch die Frage der theoretischen Kompetenz Stalins zumindest angeschnitten werden als auch die haarsträubenden Umstände, die zur Entfernung seines Leichnams aus dem Lenin Mausoleum beitrugen. Dies alles zusammen läßt Stalin zu einer herausragenden Führungspersönlichkeit der weltweiten Arbeiterbewegung kristallisieren, und doch ist Kritik an seiner Person vonnöten: die Todesstrafe für Kinder ab zwölf Jahren ist unverzeihlich, wenn sie denn wirklich galt und nicht aus bürgerlichem Lügenmaul propagandiert wurde, und in der  Presse- und Buchzensur wurde nebengleisig vom Leninismus verfahren, was allerdings „amtlich“ ist.

 

Die Weltgeschichte wird nicht von grossen Männern gemacht, sondern, und um so mehr gilt das für Revolutionen , von Volksmassen und ganzen Volksklassen. Lenin sagt ausdrücklich, dass man Revolutionen gar nicht machen kann, man kann höchstens für die Revolution arbeiten. Lenin war kein Blanquist. 1.) Und eben so ein berufsmäßiger Arbeiter für die Revolution war Stalin. Nach Lenins Bestimmung können Proletarier nur zu einem trade uninonistischen Bewußtsein über die objektiven Zusammenhänge von Klassengesellschaften gelangen, gleichwohl hatte er auch einen wechselseitigen Lernprozess zwischen Arbeitern und Parteiintellektuellen betont, um in ihm den Handwerkler auf das Niveau des Revolutionärs emporzuheben. 2.) Stalin 3.) kam aber gerade von ganz unten, aus dem Proletariat, Sohn eines Flickschusters, seine Mutter bis zu ihrem 12. Lebensjahr noch Leibeigene, und doch hatte sich Stalin zu einem Marx  und Lenin ebenbürtigen sozialistischen Theoretiker emporgearbeitet, obwohl er sich selbst bescheiden immer als Schüler Lenins charakterisierte. Die Lehrer Schüler Konstellation war von Stalin instinktsicher gewählt, eine andere wäre für jeden Leninisten  eine Vermessenheit gewesen, aber in ihr liegt zugleich der Zwang, den Leninismus weiterzuentwickeln, der genuin wie der Marxismus auch von vornherein auf Weiterentwicklung über seinen Schöpfer hinaus angelegt war.  Viele kleinbürgerliche Intellektuelle und liberale Professoren sträuben sich gegen diese Ehrenerhebung Stalins und sprechen ihm ein hohes theoretisches Niveau ab. Nimmt man zum Beispiel eine der ersten theoretischen Schriften Stalins zur Hand, Anarchismus oder Sozialismus ? aus dem Jahre 1906, so scheint auf den ersten Blick ein krasses Mißverstehen der Hegelschen Methode der Dialektik vorzuliegen: „Klar ist aber auch, daß die dialektische Methode Hegels, die jede unveränderliche Idee ablehnt, von Anfang bis zu Ende wissenschaftlich und revolutionär ist“. 4.) Marx und Engels haben diese aber nicht einfach übernommen. Bekanntlich distanzierte sich Marx von der idealistischen Mystifikation der Dialektik Hegels schon sehr früh in seiner wissenschaftlichen Entwicklung (1844 in den Ökonomisch Philosophischen Manuskripten) und erklärte im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals vom 24. Januar 1873, dass seine dialektische Methode „der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil“ 5.) ist. Noch brisanter wird die Darlegung Stalins, wenn man bedenkt, dass Engels herablassend die Hegelsche Dialektik als in der vorliegenden Form für absolut unbrauchbar erklärte. 6.) Die von Stalin nicht belichtete Komplexität des Gegensatzes und des Einheitlichen zwischen der Hegelschen idealistischen und der Marxschen materialistischen Dialektik begründet sich aus  der real richtigen Abbildung und idealistisch verkehrten Darstellung der dialektischen Grundgesetze bei Hegel. Die idealistische Dialektik kreiert sich zweifelsfrei aus einem rationellen Kern .   Der Grund für diese hier nicht vorliegende Thematisierung liegt nicht etwa in Stalins intellektueller Unzulänglichkeit, sondern in dem Auftragswunsch der Gewerkschaft der Angestellten, Stalin möge eine allgemeinverständliche Abhandlung über das Verhältnis der Marxisten zu den Schülern Kropotkins schreiben.  Im Gegensatz zu Plechanows Broschüre über die gleiche Thematik aus dem Jahre 1894 (in deutscher Sprache erschienen) thematisiert Stalin richtig die zentrale Bedeutung der Frage des Staates, was Plechanow unterläßt und deshalb von Lenin in dessen Fundamentalwerk „Staat und Revolution“ hart als opportunistisch kritisiert wurde, denn in der wissenschaftlichen Erörterung des Verhältnisses  der beiden Richtungen zueinander ist die Staatsfrage die zentrale.

 
Kommen wir zu den sogenannten Moskauer Prozessen: Wenn Engels als letzte Triebkräfte der Geschichte große Massen, ganze Völker und in jedem Volk wieder ganze Volksklassen ausmacht, so darf man beim Abfassen von Biografien eben nicht personenkultisch vorgehen und unter der Hand die angeblich personenkultkritische Biografie am Ende selbst als personenkultorientierte präsentieren. Da viele Stalin Biographen in Unkenntnis des Volksmassenhintergrundes sind –  so ist es beliebt, auszublenden, dass die Moskauer Prozesse von großen Massendemonstrationen unterstützt wurden. In dem wissenschaftlichen Hauptwerk des Chefanklägers Wyschinski  „Die Theorie des gesetzlichen Beweismaterials  im sowjetischen Recht“ finden wir das grundsätzliche Rechtsbewußtsein der Stalinschen Epoche dargelegt: „Ein wirklich volkstümliches Rechtsbewußsein ist – wie die wirklich freie  innere Überzeugung des Richters – nur in einem wirklich volkstümlichen und freien Land möglich, wo die Rechtssprechung frei und unabhängig, im Interesse des Volkes und unmittelbar durch das Volk selbst ausgeübt wird.“ 7.) Das steht konträr zur These, dass ein einziger krimineller oder wahnsinniger Schachspieler Figuren hin- und hergeschoben habe und darüber hinaus noch ganze Demonstrationen befehligte.  Mit der Kritik an dieser Konstruktion  können sich die Verfasser seiner Biografie aufspreizen als moralisch gute Menschen. Damit haben sie sich aber selbst in den Schatten der Weltgeschichte gestellt, denn es ist nicht das Moralische, das diese bewegt, sondern das Negative. Im übrigen, nur so im Vorbeigehen: Es gibt in der Weltgeschichte auch noch die  Bedürfnisse der Völker. Diese sind also primär  zu berücksichtigen, auch um zu verhindern, dass die Biografien der sogenannten großen Männer abgleiten, indem sie zu großen Manipulateuren der Weltgeschichte umfunktioniert werden. Bertolt  Brecht hätte in diesem Fall gefragt, ob Stalin nicht wenigstens einen Koch oder eine Köchin bei sich gehabt hätte ? Man verbleibt dann in einer Art Rousseauismus, denn Rousseau hatte im „Contrat Social“ geäußert, dass Regierungen die Völker täuschen können und sollen: „…machmal muß man dem Volk die Dinge zeigen, wie sie sind, manchmal so, wie sie ihm erscheinen sollen.“ 8.)  Exemplarisch kann dies in Klaus Kellmanns Stalin Biograpie am Fall Jeschow gezeigt werden. „Jeschow erhielt alle nur möglichen Orden, Titel und Ehrenzeichen, nach ihm wurden Kolchosen, Betriebe und ganze Städte benannt, um ihn herum wuchs eine künstlich aufgeblähte Popularität, die einzig und allein im Zusammenhang mit seinen Mordleistungen stand, aus denen ihm im richtigen, von Stalin wohl vorbereiteten Moment der Strick gedreht wurde“. 9.). Die Manipulierungsthese, dass Stalin in der Sowjetunion alles künstlich aufblähen konnte, geht auch in die Biografien seiner Mitkämpfer hinein. So schreibt Arkadi Waksberg in seiner Biographie über den Generalstaatsanwalt der UdSSR Wyschinski, den der Militärjurist Ulrich, der den Moskauer Prozessen vorstand, das strafende Schwert des Volkes nannte,  über angebliche Inszenierungen rund um den Sinowjew Kamenjew Prozess von 1936, dass die Bevölkerung einer sowohl drastischen als auch subtilen Gehirnwäsche unterzogen wurde. Eine Atmossphäre des jugendlichen Glücks und des Optimismus sei künstlich erzeugt worden und just zu diesem Zeitpunkt sei eigens ein Schlager komponiert worden, in dem die gegen die Konterrevolutionäre verfasste Textzeile vorkam: „Denn jetzt ist jeder von uns jung in unserem jungen, herrlichen Lande“. 10.) Es konnte also nicht ausbleiben, dass die Konterrevolutionäre auf der Anklagebank gegenüber Wischinski alt aussahen. Stalin und Wischinski und anderen wachsamen Revolutionären war es gelungen, auch auf dem Gebiet der Rechtssprechung den leninistischen Kurs zu halten. Lenin hatte davon gesprochen, dass die Diktatur des Proletariats gegen einen mächtigeren Feind kämpft und dass es notwendig sei, die Konterrevolutionäre mit den verschiedensten Methoden zu bekämpfen, auch mit der Todesstrafe. Dezidiert hat Lenin seine Stellung zur Todesstrafe kurz vor der Oktoberrevolution geäußert: „Ich hatte bereits Gelegenheit, in der bolschewistischen Presse darauf hinzuweisen, daß als triftiges Argument gegen die Todestrafe nur gelten kann, daß sie von den Ausbeutern im Interesse der Aufrechterhaltung der Ausbeutung gegen die MASSEN (kursiv von Lenin) der Werktätigen angewandt wird. Ohne die Todesstrafe gegen die AUSBEUTER (kursiv von Lenin) (das heißt die Gutsbesitzer und Kapitalisten) wird eine wie immer geartete revolutionäre Regierung wohl kaum auskommen können. 11.) Gegen diese Linie trat Jewgeni  Bronislawowitsch Paschukanis, einer der führenden Juristen der UdSSR auf. Er vertrat die faule Theorie, dass der Sozialismus als humane Gesellschaft die Todesstrafe nicht in Anspruch nehmen darf, eine Humanisierung des Strafrechts sei in der Geschichte zu verfolgen. Nach dieser faulen Theorie aber hätte Lenin die Liquidierung der Romanow Dynastie nicht anordnen dürfen. Der Zar aber hatte sowohl 1905 auf unbewaffnete Demonstranten, auf Frauen und Kinder schießen lassen als auch 1912 auf unbewaffnete streikende Goldminenarbeiter an der Lena. Die gerechte Erschießung des Zaren wird oft als typisch kommunistisch angelastet, geschichtswissenschaftlich, beziehungsweise den sozioöconomischen Typen nach betrachtet war sie ein längst überfälliger Akt bürgerlich jakobinistischer Art. Für diese leninistische Linie, hart und grausam gegen Volksfeinde zu sein, stand der Name Stalin. Die Unterstützung Paschukanis durch Krylenko, dem Volkskommissar für das Justizwesen  rückte auch diesen obersten Dienstherren in die Aufmerksamkeit der Volksmassen. In der ersten Sitzung des reorganisierten Präsidiums des Obersten Sowjet im Januar 1938 griff das Präsidiumsmitglied Abbasowitch Bagirow Krylenko öffentlich an, dass er ein armseliger Volkskommissar sei, der seinen Hobbys Bergsteigen, Reisen und Schachspielen doch zuviel Aufmerksamkeit schenke. Zwar übte Krylenko noch Selbstkritik, etwa an Paschukanis Theorie, dass die Strafe abstrakt der Schuld zu entsprechen habe und verwies auf Lenin, der in folgenden Fällen Repressionen ohne Schuldbeweis vorübergehend und unter spezifisch örtlichen Bedingungen für zulässig erklärte: Erschießung jedes zehnten Proviantmeisters, falls es in einem Regiment zu Diebstählen kam und zum Beispiel Zwangsmaßnahmen gegen Kapitalistenfamilien wegen der Schuld des Familienoberhauptes, wie es Arkadi Waksberg in seiner Wischinski Biografie recherchiert hatte. So richtig diese Selbstkritik auch war, sie rettete Krylenko  nicht mehr. Die Biografie von Arkadi Waksberg entbehrt allerdings einer gesellschaftswissenschaftlichen Grundlage: wir haben schon oben gesehen, dass er zur Vorbereitung der Prozesse gegen die Volksfeinde eine stalinistische Gehirnwäsche eines ganzen Volkes für möglich hielt, eine verquere Theorie, die Friedrich der II. von Preußen bereits im achtzehnten Jahrhundert auf Anregung d´Alemberts in einer Preisaufgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften widerlegen ließ (ob man ein Volk täuschen könne ?). Und um nur zwei Beispiele aus dem zwanzigsten Jahrhundert anzuführen: Weder haben zum Beispiel die konterrevolutionären Hitlerfaschisten das deutsche Volk zwölf Jahre lang betrogen, was ein immens betriebener Propagandaaufwand nahelegen könnte, sondern der deutsche Faschismus war vielmehr eine viehische Instinkte mobilisierende Massenbewegung, wobei die Ich-Schwäche des ohne Führung lebensunfähigen deutschen Spießers hinzukam, noch hat zum Beispiel der Sozialrevolutionär Fidel Castro das cubanische Volk irregeführt, sondern der Castrismus hat derart tiefe soziale Wurzeln, dass er sich über ein halbes Jahrhundert auf eine Massenbasis stützen konnte und noch heute stützt. Bereitete nach Waksberg eine Volksgehirnwäsche die Moskauer Prozesse vor, so sieht er als deren Ergebnis ein ganzes Volk nach einem Tanz auf dem Scheiterhaufen ohne Verstand. 12.) Ein ganzes Volk hat den  Verstand verloren !! Hier haben wir ein Musterbeispiel des „gesellschaftswissenschaftlichen“ Niveaus eines Glasnostanhängers. Wer aber hier ohne Verstand schwadroniert, das ist der Glasnostanhänger selbst. Der Sozialismus wird als eine Gesellschaft dargestellt, in der jeder jeden totschießt und dann kommt man zu dem Schluß, der Sozialismus sei Faschismus. 13.) Die Menschen, denen das harte Los zugefallen sei, „unter Stalin“  zu leben, hätten es mit dem geflügelten Wort Tayllerands halten müssen: dem Menschen sei die Zunge gegeben worden, um seine Gedanken zu verheimlichen. 14.) Gegen die These von Prozessmanipulierungen sprechen einerseits die Liste der den Prozessen beiwohnenden in- und ausländischen Beobachter, überwiegend Diplomaten,  als auch deren Prozesseinschätzungen. Der us-amerikanische Botschafter Joseph Davies überzeugte Präsident Roosevelt von der Rechtmäßigkeit der Anklagen, was sicherlich zum späteren guten Einvernehmen zwischen Roosevelt und Stalin während des Zweiten Weltkrieges beigetragen hat. In einer seiner Reden erklärte Davies: „Es ist völlig klar, dass all diese Prozesse, Säuberungen und Hinrichtungen, die seinerzeit so rücksichtslos erschienen und die ganze Welt schockierten, Teil eines energischen Bemühens der Stalinschen Regierung waren, sich nicht nur vor einem Staatsstreich von innen, sondern auch vor einem Angriff von außen zu schützen…Die Säuberungen schufen Ordnung im Lande und befreiten es von Verrat“. 15.) Es gab keinen Grund für Joseph Davies als us-amerikanischer Diplomat einen Leninorden anzustreben. Wie Davies sah es auch der tschechoslowakische Botschafter Zdenek Fierlinger. Schon der erste Prozess gegen Sinowjew und Kamenew wurde von einer Delegation der höchst angesehenen Internationalen Juristenvereinigung sehr genau unter die Lupe genommen. Ihr gehörten unter anderem der britische Kronanwalt Denis Noel Pritt (gleichzeitig Mitglied des Unterhauses) an, Dudley Collard, Robert Lazarus und der us-amerikanische Anwalt Joseph Edelman. Diese hochkarätige Delegation kam zu folgendem Ergebnis: „Wir halten die Behauptung, daß die Verhandlung verkürzt und ungesetzlich war, für völlig unbegründet…Wir erklären hiermit kategorisch, dass die Angeklagten völlig legal verurteilt wurden. Es wurde überzeugend bewiesen, dass zwischen ihnen und der Gestapo eine Verbindung bestand. SIE HATTEN DIE TODESSTRAFE VOLLAUF VERDIENT (kursiv von Heinz Ahlreip).“   16.)  Der Kronanwalt Pritt untermauerte diese klare Aussage noch durch ein privates Statement, das wohl auch den letzten Zweifel ausräumen dürfte: „Das erste, was mir als einem britischen Juristen auffiel, war das völlig freie und ungezwungene Verhalten der Angeklagten. SIE ALLE SAHEN GESUND AUS (kursiv von Heinz Ahlreip); sie alle erhoben sich und sprachen, wenn sie es wünschten…Ich persönlich bin überzeugt davon, dass es nicht den geringsten Grund gibt, irgendeine Ungesetzlichkeit zu vermuten, was den Inhalt und die Form des Prozesses betrifft. Meiner Ansicht nach waren die gesamte Verhandlung und die Art des Umgangs mit den Angeklagten mustergültig für die ganze Welt in einem Fall, da den Angeklagten eine Verschwörung zur Ermordung führender Staatsmänner und zum Sturz der Regierung vorgeworfen wird, wessen die Angeklagten sich schuldig bekannten. Ich bin der Meinung, dass das Gericht jedes beliebigen Landes unter solchen Umständen die Todesstrafe verkündet und exekutiert hätte“. 17.)  Der weltweit anerkannte englische Historiker Sir Bernard Pares hielt den Verrat vom Kamenew, Pjatakow, Radek und den anderen Angeklagten für eindeutig bewiesen, er hatte daran keinerlei Zweifel. Ein britisch sowjetischer Parlamentsausschuß hob in seinem Bericht über die Prozesse die „unstrittige Fundiertheit der Anklagen“ 18.)  hervor. Der Ausschußvorsitzende, der Labourabgeordnete Neil Maklin, hob besonders hervor, dass ihn „die Aufrichtigkeit der Geständnisse von seiten der Angeklagten beeindruckt habe“. 19.) Und selbst Churchill kam in seinen Memoiren zu einer bemerkenswerten Einschätzung: Die Säuberungen seien unerbittlich aber vielleicht nicht unnütz gewesen und Wyschinski habe als staatlicher Ankläger brilliert. 20.) Obendrein: auch die Internationale Liga für Menschenrechte ließ durch ihren Repräsentanten, durch den Anwalt Rosenmark, die Legalität der Prozesse verlauten. Damit jedoch nicht genug: der Schriftsteller Lion Feuchtwanger hatte den Prozess verfolgen können und konnte keinerlei Anzeichen von Folterspuren bei den Angeklagten entdecken. Sein Buch über den Prozess wurde in der Sowjetunion in einer Auflage von 200 000 Exemplaren gedruckt. Mitte der vierziger Jahre erschien in den USA das Buch der beiden US Amerikaner Michael Sayers und Albert E. Kahn „The Great Conspiracy“, in dem die juristische Haltbarkeit der Anklagen nachgewiesen wurde. Ich glaube, diese Aufzählung sollte schon ausreichen, die Aufzählung der Liste der „westlichen“ Intellektuellen, die ebenfalls von der Korrektheit der Prozesse überzeugt waren, erspare ich mir deshalb an dieser Stelle.
 
Ich komme zu den Burlesquen, die in der Entstalinisierungsphase liefen: Vor  Stalin zitterte die Konterrevolution und man sieht leicht ein, dass von einem Aufbau des Sozialismus ohne Niederhaltung der bürgerlich kapitalistischen Konterrevolution keine Rede sein kann. Angst lähmte die Bourgeoisie zu Lebzeiten Stalins und darüber hinaus, denn erst 1961 wurde der Leichnam Stalins aus dem Leninmausoleum entfernt. Der Historiker Robert Payne führt in seiner Stalinbiografie aus, dass die Entfernung durch die Geisteskranke Dora Abramowna Lasurkina initiiert worden sei, die auf dem XXII. Parteitag unter Applaus von Gesprächen mit dem toten Lenin faselte, in denen er ihr die Entfernung seines Mausoleumsnachbarn antrug. 21.) Durch die Angst, Stalin gleich nach Crutschows Geheimrede anzutasten, ist etwas Absurdes herausgekommen: der 1956 als Schwerverbrecher Abgestempelte blieb noch fünf Jahre neben dem Gründer des Sowjetstaates im Mausoleum liegen. Diese Angst drückte der Dichter Jewtuschenko in den Zeilen aus: „Er führt etwas im Schilde, Er hat nur zum Ausruhen sich hingelegt, Und ich wende mich an unsere Regierung mit der Bitte: die Wachen an diesem Grabstein zu verdoppeln, zu verdreifachen, damit Stalin nicht aufsteht und mit ihm die Vergangenheit…“ . (Prawda vom 23.10.1962).
 
War es aber nötig, die Todesstrafe für Kinder ab zwölf Jahren zu verhängen ? . „…die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen, die Erkenntnis, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern.“ 22.) schreibt  Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. Muss man nicht gerade Kindern Irrtümer zugestehen ? Von hier aus ist auch der Erlaß vom 7. April 1935 zu bewerten, der die Todesstrafe für Kinder ab zwölf Jahren in der Sowjetunion vorsah. Das ist natürlich Sozialismus mit einem unmenschlichen Anlitz. Mit paradiesischen Zukunftsvisionen ist Barbarei in der Gegenwart nicht zu rechtfertigen. An allem ist zu zweifeln.  Eine Todesstrafe für Kinder widerspricht eklatant dem humanistischen Grundgedanken des Kommunismus: wenn die Umstände den Menschen bilden, kommt es darauf an, die Umstände menschlich zu bilden !, heißt es in einer Frühschrift von Marx und Engels. Mit der Todesstrafe für Kinder wird ja zugegeben, dass in der Sowjetunion unmenschliche Umstände vorhanden waren, in menschlichen Umständen hätte man normabweichende Kinder korrigieren können müssen. Wissenschaftlicher Sozialismus und Todesstrafe für Kinder – wie passt das zusammen ? Dieser schwere Schatten belastet Stalin für immer.
 
Plechanow gab uns den Hinweis, daß die großen Persönlichkeiten in der Geschichte nicht die allgemeine Richtung der Geschehnisse ändern können, sie sind ja gerade deren Produkt, sondern nur das individuelle Gepräge der Ereignisse. Und hier mag die in Lenins sogenannten Testament gefallene Bemerkung über die Grobheit des Generalsekretärs hineinspielen, aber nur als sekundärer Faktor. So setzte nach dem Mord an Sergej Kirow am 1. Dezember 1934  in allen Bibliotheken und Buchläden, unter der Regie von Boris Volin, dem Leiter von Glavlit (Hauptverwaltung von Literatur), der 1922 eingerichteten Zentralen Sowjetischen Zensurbehörde, eine allumfassende Säuberung der konterrevolutionären trotzkistisch-sinowjewistischen Literatur sowie aller Bilddokumente (auch auf Flugblättern) ein, nachdem schon ab 1931 Namen von Volksfeinden aus Vorworten und Fußnoten gelöscht wurden. 23.)  Diese Vorgehensweise deutet daraufhin, dass die Genossen um Stalin immer noch einen gewissen Masseneinfluß der Volksfeinde und Rekrutierung neuer Anhänger fürchteten. Zu bedenken ist aber, dass zu Lebzeiten Lenins ein Verbot der Schriften Trotzkis in der UdSSR unterblieb, was Lenin und Stalin gegen Trotzki geschrieben hatten, war präsent und damit auch die korrigierende Widerlegung. Ein Vergleich der Schriften Trotzkis mit der Lenin-Stalinschen Kritik an diesen hätte durchaus produktiv für die Entwicklung revolutionären sozialistischen Bewußseins der Arbeitermassen sein können, das für Lenin die einzige Grundlage ist, die uns den Sieg verbürgen kann. 24.) Lenin scheute sich nicht, seinen Botschaftern zu empfehlen,  die gegen den Bolschewismus gerichtete Schrift von Karl Kautsky: „Die Diktatur des Proletariats“ (Wien 1918, Ignaz Brand, 63 Seiten) für einige Tausend Rubel anzukaufen, um sie dann kostenlos an klassenbewußte Arbeiter zu verteilen.  25.)  Lenin scheute sich auch nicht, einen Gedanken von Friedrich Engels aus der „Flüchtlingsliteratur“ aufnehmend, die Lektüre der Atheisten des 18. Jahrhunderts aus der Periode der französischen Aufklärung zu empfehlen, eingedenk der Tatsache, daß alle größeren Werke von Marx und Engels in Übersetzungen vorliegen. „Es gibt nicht den geringsten Grund zu der Befürchtung, daß der alte Atheismus und der alte Materialismus bei uns unergänzt bleiben könnten durch die Korrekturen, die Marx und Engels vorgenommen haben.“ 26.) Auch hielt Lenin die Aufklärung der Bauern durch die städtischen Arbeiter nur mit rein kommunistischen Ideen für zu einseitig unzureichend. Man sieht leicht, wie sensibel und wenig monomarxistisch Lenin in Fragen der Zensur war.
 
1.)Lenin, IV. Konferenz der Gewerkschaften und der Betriebskomittees Moskaus, Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin, 1962,481. Vergleiche dazu auch das Buch von Bertram D. Wolfe: Lenin Trotzki Stalin, Drei, die eine Revolution machten. Europäische Verlagsanstalt, Mannhein, 1965.
2.) Lenin: Was tun ? Brennende Fragen unserer Bewegung, Lenin Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin,489
3.) Geboren am 21. Dezember 1879 als Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili unterzeichnete er am 12. Januar 1913 einen Zeitungsartikel zum ersten mal mit: Stalin.
4.) Josef Stalin, Sozialismus oder Anarchismus, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin 1950,266. Bemerkenswert ist, dass Stalin auf die Plechanowsche Broschüre nicht eingeht. Es ist heute sehr schwierig herauszufinden, ob sie ihm überhaupt vor dem Abfassen seiner Anarchismuskritik bekannt war.
5.) Karl Marx, Das Kapital, Nachwort zur zweiten Auflage, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin 1978,27
6.) Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,292 
7.) Andrei Wyschinski, Die Theorie des gesetzlichen Beweismaterials im sowjetischen Recht, in: Arkadi Waksberg, Gnadenlos Andrei Wyschinski – der Handlanger Stalins, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1991,272. Im gleichen Werk Wyschinskis findet sich auch eine aufschlußreiche Bemerkung zu den politischen Erklärungen der Angeklagten in den Prozessen: sie „nehmen zwangsläufig den Charakter und die Bedeutung grundlegender, zentraler, entscheidender Beweise an“. (a.a.O.,273). Professor Strogowitsch, der zeitweise ein enger Mitarbeiter Wyschinskis war, sprach angesichts der Verschärfung des Klassenkampfes im Sozialismus von einer Verdichtung der Verfahrensform (a.a.O.), also von einer summarischen Aburteilung von Konterrevolutionären.
8.) Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, 1975,42
9.) Kurt Kellmann. Stalin Eine Biografie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Primus Verlag Darmstadt 2005,131
10.) Arkadi Waksberg, Gnadenlos Andrei Wyschinski – der Handlanger Stalins, Lübbe Verlag Bergisch Gladbach 1991,105
11. Lenin, Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,351
12.) Vergleiche Arkadi Waksberg, Gnadenlos Andrei Wyschinski – der Handlanger Stalins, Lübbe Verlag Bergisch Gladbach, 1991,234
13.) a.a.O.,321
14.) a.a.O.,350
15.) a.a.O., 469. Siehe besonders: Joesph E. Davies, Als US Botschafter in Moskau, Authentische und vertrauliche Berichte über die Sowjetunion, Steinberg Verlag Zürich, 1943. Insbesondere seinen Bericht vom 17. März 1938 Nr. 1039. Der US Botschafter spricht von einer Fünften Kolonne Hitlers in der Sowjetunion: „…dass so gut wie alle Kniffe und Umtriebe der deutschen Fünften Kolonne, wie wir sie seither kennen gelernt haben, durch die Geständnisse und Zeugenaussagen jener Prozesse gegen die „bekennenden“ Quislinge Russlands enthüllt und bloßgelegt worden sind.“ (a.a.O.,211).
16.) Arkadi Waksberg, Gnadenlos Andrei Wyschinski – der Handlanger Stalins, Lübbe Verlag Bergisch Gladbach,1991,164
17.) a.a.O.,165
18.) a.a.O.
19.) a.a.O.
20.) Vergleiche a.a.O.,165f. 
21.) Vergleiche Martha Schad, Stalins Tochter, Das Leben der Swetlana Allilujewa, Gustav Lübbe Verlag, 2004,12f.
22. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels Ausgewählte Werke, Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972,97f.
23.) Siehe dazu: Klaus Waschik, Virtual Reality. Sowjetische Bild- und Zensurpolitik als Erinnerungskontrolle in den 1930er Jahren, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe,7 (2010),H.1, URL: http://www.                     zeithistorische-forschungen.de/16126041-Waschik-1-2010 Textabschnitt 10 und 12.
24.) Vergleiche Lenin,Was tun ? Brennende Fragen unserer Bewegung, Lenin Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin, 1955,363
25.) Vergleiche Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Lenin Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1959,279.
26.) Lenin, Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus, Werke Band 33, Dietz Verlag Berlin, 1962,216 
 

 

 
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4 Antworten to “STALIN und die sogenannten Moskauer Schauprozesse Zu seinem 132. Geburtstag”

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