Archive for Januar 2012

Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1843 Deutsche Misere, der Staat der französischen Revolution und kommunistische Perspektive Marx Ruge Bakunin Feuerbach

15. Januar 2012

„Neue Menschen brauchten wir.“ (Brief Ludwig Feuerbachs an Arnold Ruge, Bruckberg im Juni 1843)

Im Jahr 1844 veröffentlichte Arnold Ruge in den „Deutsch Französischen Jahrbüchern“ einen Briefwechsel aus dem Vorjahr, acht Briefe von und  an ihn, wobei der Austausch mit dem 25 jährigen Karl Marx 1.  den größten Platz einnimmt. Interessant ist aber auch der Briefwechsel mit Michail Bakunin und ein Brief von Ludwig Feuerbach vom Juni 1843 aus Bruckberg.  Durchgängig wird mit drastischen Worten die deutsche politische Misere beklagt, das deutsche Philistertum ist ein Herr der Welt, der diese aber nur wie die Würmer einen Leichnam ausfüllt. 2. Der Ansatz von Marx als nach seinem eigenen Selbstverständnis kritischer Philosoph, der sich die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden zur Aufgabe gemacht hat, kann nicht anders denn als radikal bezeichnet werden: er spricht von der entmenschten Welt, ja von der Philisterwelt als der Tierwelt.  3. Die „Mensch Tier Konstellation“ wird vom jungen Marx variiert, in der Antwort vom Mai 1843 auf den apolitischen, zutiefst resignative Züge tragenden Brief Ruges vom März 1843 wird sie in Beziehung zur Politik gesetzt und die Fundamentalaussage des Aristoteles, dass der Mensch ein politisches Tier sei, sei für die deutschen Tiere eben einzuschränken: sie seien unpolitische Tiere. Das gilt für Marx allerdings nur bis zum ein Jahr später stattfindenden schlesischen Weberaufstand, durch den sich Deutschland der politischen Zukunft zugewandt habe. Er wirft Ruge ein Unverständnis dieses Aufstandes vor, der seinen positiven Gehalt nicht begriffen habe und weiterhin das mittlerweile falsch gewordene alte Lied vom unpolitischen Deutschland singe. 4. In den Ökonomisch Philosophischen Manuskripten setzt Marx die Konstellation in Beziehung zur menschlichen Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen: dort heißt es: Das Thierische wird das Menschliche und das Menschliche das Thierische 5., will heißen:  nur in der animalischen Konsumtion verhält sich der Mensch menschlich, während es in der Sphäre der kapitalistisch organisierten Produktion des Lebens, in der sich all seine Kreativität entfalten müsste, tierisch zugeht. Der 25 jährige schrieb über sein Geburtsland, dass in ihm das „Regiment der Dummheit“ herrsche, gültig nach wie vor. Ruge hielt eine Erneuerung des für ihn geistig, nicht physisch 6. zu Grunde gegangenen deutschen Volkes, dessen Geist niederträchtig sei, sogar für ausgeschlossen, er zementiert seinen Unglauben an die Zukunft durch Goethes Zeile aus dem „Tasso“ : „Der Mensch ist nicht geboren frei zu sein“ als Leitmotiv des deutschen Volkes und seiner schmachvollen Geschichte. Dass aber das deutsche Volk sehr wohl eine nicht nur physische Zukunft  sondern auch eine in Freiheit vor sich habe, diesen Gedanken richten alle drei anderen Briefschreiber an Ruge, wobei besonders Marx auf die Bedeutung des politischen Kampfes insistiert. Die Perspektive ist eine zunächst jakobinistische, wobei ohnehin in vielen Briefpassagen die Schwärmerei für das republikanische Frankreich eindeutig zum Vorschein kommt. Es lag nahe, Frankreich als klassisches Land der Revolution mit Deutschland als klassisches Land der Konterrevolution, zu kontrastieren. Freiheit wird zu diesem Zeitpunkt noch mit einer bürgerlichen (französischen) Republik gleichgesetzt, Ruge zum Beispiel illusioniert noch in einen freien Staat, „der das öffentliche Wesen selbst ist“. 7. In der Staatsfrage macht der junge Marx in kürzester Zeit den größten Sprung nach vorne: deutet er im Brief  vom Mai 1843 das tolle Jahr 1789 noch als Wiedergeburt des Menschen 8., und den aus der bürgerlichen Revolution geborenen demokratischen Staat als seinen höchsten Zweck,  9. so heißt es bereits in den jetzt aber bereits gegen Ruge gerichteten „Kritischen Randglossen zu dem Artikel eines Preußen“, veröffentlicht im „Vorwärts“ Nummer 63 am 7. August 1844, dass die Existenz des Staates und die Existenz der Sklaverei unzertrennlich sind. 10. Die im berühmten, im September 1843 aus Kreuznach abgeschickten Brief  an Ruge angesprochene Thematik der Staatsfrage hat sich innerhalb eines Jahres so weit konkretisiert, dass sie einer ersten Lösung zugeführt werden kann: der bürgerliche politische Staat kann nicht der höchste Zweck der Menschen sein, sondern ist zu überwinden. Noch vor dem vier Jahre älteren Bakunin gelingt es dem jungen Marx, den sich seit der französischen Revolution immer mehr, besonders in der Exekutive  verfestigenden politischen Staat, der von bürgerlicher Ideologie unter einem theoretischen Immanenzgitter gehütet wird, substantiell zu transzendieren. Bakunin ist zu  dieser Zeit noch in einem bürgerlichen Politikverständnis befangen, in seinem Brief an Ruge vom März 1843 von der Petersinsel im Bielersee, auf der sich auch Rousseau aufgehalten hatte, schreibt er, dass der Humanismus und der Staat, „dessen Prinzip nun endlich wirklich der Mensch ist“ 11., gleichwertig seien. Der anarchistische Ausbruch des jungen Marx hingegen eröffnet eine neue Weltsicht, die sich historisch im Verhältnis von bürgerlich politischer und proletarisch menschlicher Revolution durchsetzen wird. (Die im Zeitrahmen einer menschlichen Schwangerschaft stattfindende russiche Doppelrevolution von 1917 ist ein Musterbeispiel dieses sukzessiven Verhältnisses, denn die aus der Februarrevolution hervorgegangenen Regierungen wollten keineswegs Politik zur Anarchie hin überwinden, im Gegenteil, sie setzten den zaristisch imperialistischen Krieg fort.) Eine politische Revolution löst nach Marx das bürgerliche Leben in seine Bestandteile auf, “ ohne diese Bestandteile selbst zu revolutionieren und der Kritik zu unterwerfen“. 12. Bezogen auf die russische Doppelrevolution will dies sagen, dass die Februarrevolution bourgeoise Egoisten als einander feindliche Monaden hervorbrachte, die die Oktoberrevolution auf der Basis der  Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln durch das werktätige Volk kollektivistisch zu disziplinieren hatte. Skizziert hat Marx diese sich ergänzenden und fundamental entgegengesetzten Prozesse bereits  am Schluß des ersten Teils der „Judenfrage“ von 1843: „…erst wenn der Mensch seine „forces propre“ (eigenen Kräfte) als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.“ 13. Humanismus kann mit Politik nicht vereinbart werden, der Volksmund drückt es schon ganz richtig aus, dass sie ein schmutziges Geschäft ist und den Charakter verdirbt. Die Zerschlagung der bürgerlichen politischen Eliten ist heute historisch überfällig, um aus der kapitalistischen Lohnbarbarei  herauszukommen, diese Eliten werden ja gerade akademisch herangezüchtet, um diese aufrechtzuerhalten, zu verfeinern und zu bemänteln. Bürgerliche Demokratie und Lohnsklaverei sind hingegen zu vereinbaren und harren in ihrer heutigen Dekadenzphase der Transzendierung durch die gewaltsame Arbeiterrevolution. Diese Transzendierung skizziert sich bereits im bekannten Brief aus Kreuznach über die Schrift  „Zur Judenfrage“ bis zu den „Kritischen Randglossen“, wobei die Konturen immer deutlicher werden. Im Brief an Ruge führt Marx aus, dass der politische Staat innerhalb seiner Form „alle sozialen Kämpfe, Bedürfnisse, Wahrheiten“ 14. ausdrückt. „Der Kritker kann also nicht nur, er muß in diese politischen Fragen (die nach Ansicht der krassen Socialisten unter aller Würde sind) eingehn. Indem er den Vorzug  des repräsentativen  Systems vor dem ständischen entwickelt, interessirt er praktisch eine große Parthei. Indem er das repräsentative System aus seiner politischen Form zu der allgemeinen Form erhebt und die wahre Bedeutung, die ihm zu Grunde liegt, geltend macht, zwingt er zugleich diese Parthei über sich selbst hinauszugehn, denn ihr Sieg ist zugleich ihr Verlust.“15. Diese Darlegung ist fundamental richtig, die Sukzession von der bürgerlichen zur socialen antistaatlichen  Revolution hat sich aber als langwieriger erwiesen, als der junge revolutionäre Feuerkopf 1843 annahm. Die wirtschaftliche Prosperität nach 1848 sowohl im kapitalistischen Mutterland als auch auf dem Kontinent zwang zur Korrektur einer Kettenreaktionstheorie. Aber theoretisch ist die Kontur der wechselseitigen Bedingung  von Politikbefreiung und Humanismus in den „Kritischen Randglossen“ deutlich und final gezogen: „Die Revolution überhaupt – der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse – ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, so weit er der Zerstörung und der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Thätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die POLITISCHE (kursiv von Karl Marx) Hülle weg.“ 16. Die bürgerlichen Ideologen können diese Hülle selbst in ihrem Kopf nicht fortschleudern, deshalb können sie die kommunistische Revolution nicht verstehen, immer wieder wird an diese mit politischen Kategorien herangegangen. Bürgerliche Ideologie kann heute nur eine der Herrschaft, nicht aber eine der Befreiung sein, deshalb ist das Politische als Reflex klassenmäßig organisierter Gesellschaften ihr wesensimmanent, Freiheit liegt jenseits des Politischen und damit jenseits des Staatlichen. Der bürgerliche Ideologe wird aber im Kopf gerade politisch blockiert. Dass dann der Kommunismus nicht möglich ist, versteht sich von selbst. In der Dialektik von Revolution und Konterrevolution ist die Politik eindeutig zuzuordnen, geht es ersterer um eine Entpolitisierung durch die Politsierung hindurch, gerade daraus ergibt sich das apolitisch Humane, so geht es der bürgerlichen Konterrevolution immer nur um Politik, die gegen die tiefe ruhelose Dialektik zum Kristall gefrieren soll, um das ökonomische Sklavenjoch, auf dem die Politikerkaste selbst sitzt, für immer zu erhärten. Insofern ist Marx ein entscheidender Durchbruch gelungen: die von ihm im Brief aus Kreuznach konstatierte allgemeine Anarchie unter den Reformern, die „Confusion über das Wohin“ 17., ist einer ersten ansatzweisen Lösung zugeführt worden. In diesem Brief hat er sich gegen den dogmatischen Communismus, der noch vom Privateigentum infiziert ist, ausgesprochen: „Aufhebung des Privateigenthums und Communismus sind daher keineswegs identisch…“ 18.  Marx will stattdessen aus der Kritik der alten Welt die neue finden, der Welt aus ihren Prinzipien neue entwickeln und er stellt konkret die Frage: was bedeutet das für Deutschland ? „Zweierlei Facta lassen sich nicht abläugnen. Einmal die Religion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das Hauptinteresse des jetzigen Deutschland bilden. An diese, wie sie auch sind, ist anzuknüpfen, nicht irgendein System wie die Voyage en Icarie ihnen fertig entgegenzusetzten“ 19.   Mit einer abstrakten Kontrastierung des franzöischen Communismus mit dem feudalen Deutschland ist es also keineswegs getan, sie wird nicht zünden, die Menschen nicht ansprechen, weil sie sie nicht erreicht, die Kritik als immanente verlangt mehr: an den konkreten Verhältnissen der geschundenen Kreatur anzuknüpfen, um Massen in Bewegung zu setzen. Auf Grund dieses Ansatzes kommt Marx zu der für einen Revolutionär zunächst überraschenden Ansicht: „Es wird sich zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zu Stande bringt“. 20. Eigentümlicherweise stellt sich Marx damit quer zu allen anderen Reformern: Bakunin, Ruge und Feuerbach plädieren für einen entschiedenen Bruch mit der Vergangenheit. 21. Lenin greift in seiner Kritik am Proletkult Alexander Bogdanovs noch einmal auf die Marx´sche Denkfigur zurück. Denn in der Wirklichkeit der Natur und der Gesellschaft durchdringen sich in jedem Augenblick Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die richtige Widerspiegelung dieser Durchdringung mißlingt, wenn man einseitig akzentuiert und dadurch entweder zur reaktionären oder ultrarevolutionären Weltischt abgleitet. Nicht zufällig gab es in der chinesischen Kulturrevolution eine Kampagne gegen den Reaktionär Konfuzius, der sagte: „Ein Überlieferer bin ich, nicht einer, der Neues schafft, treu bin ich, liebe das Altertum“. Reaktionäres Denken beansprucht den Konfuzianismus, weil dieser trotz des „Yen“, der Maß und Mitte aller Dinge ist, ungleichgewichtig denkt und damit Ungerechtigkeit cachiert: die Herabwürdigung der Frau, die irrationale Überbetonung des chaotisch Musikalischen. Die Kunst der Revolutionäre besteht darin, im Bestehenden die Grundlagen seines Unterganges zu finden, ein heftiger Impuls der Marxisten gegen die Bakunisten besteht in dem Insistieren, dass die neue Gesellschaft nicht auf ihren eigenen Grundlagen sich aufbauen läßt, sondern sich aus der kapitalistischen mit Muttermalen derselben sukzessiv revolutionär herausprozessiert ebenso wie der Staat prozesshaft einschläft und nicht von heute auf morgen unter einem völligen Bruch mit der Vergangenheit abgeschafft werden kann.

1. Bakunin war zu dieser Zeit 29 Jahre alt, zehn Jahre älter war Feuerbach, Ruge war 41 Jahre alt.

2. Arnold Ruge, Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1843, in: Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin, 1982, 475.

3. a.a.O., 474

4. Vergleiche Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel: „Der Künig von Preußen und die Socialreform. Von einem Preußen“: Vorwärts Nummer 60 vom 7. August 1844,in: MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin, 1982,462

5. Karl Marx, Ökonomisch Philosophische Manuskripte, Heft I, Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin, 1982, 239

6. „Physisch geht dieses brauchbare Volk nicht unter, und geistig oder mit seiner Existenz als freies Volk ist es längst am Ende.“ (Arnold Ruge, Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1843, in: Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin, 1982,474).

7. a.a.O.,473

8. a.a.O.,476

9. a.aO.

10. Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel: „Der König von Preußen und die Socialreform. Von einem Preußen“. Vorwärts Nummer 60 vom 7. August 1844, in: MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin, 1982,456

11. Arnold Ruge, Ein Briefwechsel aus dem Jahre 1843, in: Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin, 1982,480

12. Karl Marx, Zur Judenfrage, in: Marx Engels Gesamtausgabe. MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin,1982,162

13. a.a.O.

14. Arnold Ruge, Ein Briefwechsel aus dem jahr 1843,in: Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin, 1982,488

15. a.a.O.

16. Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel „Der König von Preußen und die Socialreform. Von einem Preußen“. Vorwärts Nummer 60 vom 7. August 1844,in: MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin, 1982,463

17. Arnold Ruge, Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1843, in: Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin,1982,486

18. a.a.O.,487

19. a.a.O.

20. a.a.O.,488f.

21. Bakunin: „Nun geb ich es zu, wir müssen mit unserer eignen Vergangenheit brechen“ (a.a.O.,481), Ruge: „Wir können unsere eigene Vergangenheit nicht anders fortführen, als durch entschiedensten Bruch mit ihr.“ (a.a.O.,485), Feuerbach: „Kein Faden soll am alten Regimente ganz bleiben“. (a.a.O.). Marx wird später in der Kritik des Gothaer Programms ausführen, dass zum Beispiel das bürgerliche Recht im Sozialismus keineswegs abgeschafft wird, sondern als Altes im Neuen weiterhin bestehen bleibt.

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Marxismus und Revisionismus Aus Anlass von Bernsteins 162. Geburtstag

5. Januar 2012

Eduard Bernstein gilt in der Arbeiterbewegung, die sich auf den wissenschaftlichen Sozialismus von Marx und Engels beruft, als Abtrünniger, als klassenfeindlicher Vater des Revisionismus von rechts, das heißt: er stellte die wissenschaftliche Begründung, dass der Sozialismus zwangsläufig das historische Resultat der kapitalistischen Gesellschaft, dass er die sich aus deren antagonistischen Widersprüchen ergebende nächste höhere Gesellschaftsformation (als deren nächste höhere Entwicklungsstufe) ist, grundsätzlich in Frage. Der Grundwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft besteht darin, dass das gesellschaftliche Produkt angeeignet wird vom Einzelkapitalisten. Der materialistische Dialektiker entdeckt im Bestehenden die Elemente seines Untergangs, Bernstein aber, sich gegen die Marx´sche Zusammenbruchstheorie wendend 1.,  als ob die dialektische Bewegung keine mit Knotenpunkten ist, an denen es zu katastrophalen Einbrüchen kommt, inspirierte eine unheilvolle, sich aber immer als marxistisch verstehende und ausgebende Entwicklung in der deutschen (und internationalen) Sozialdemokratie, die über die Bewilligung der Kriegkredite 1914 für einen imperialistischen Raubkrieg zur direkten Unterdrückung der Lohnsklaven und Ermordung von deren Führern Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch sozialdemokratische Faschisten führte. Nur ein einziger Revolutionär in der SPD stimmte 1914 gegen den imperialistischen Krieg und blieb Lenins Fahne des Internationalismus treu wie nur Plechanow als einziger Marxist philosophisch gegen den Revisionismus Bernsteins kämpfte. Bernstein bemerkte den kardinalen Bewilligungsfehler erst im Frühjahr 1915. Ich sprach von einem Revisionismus von rechts, es gab und gibt aber auch noch einen Revisonismus von links vorwiegend in den romanischen Ländern, der als „revolutionärer“ halbanarchistischer Syndikalismus auftrat und auftritt.  Um die Jahrhundertwende hatte sich der Marxismus bereits soweit in der europäischen Arbeiterbewegung durchgesetzt, dass marxismusfeindliche Strömungen nur noch unter marxistischer Fahne ihr Haupt erheben konnten. „Es sind keine antimarxistischen Gedanken, die ich da ausspreche, es sind Folgerungen, die, wenn auch Marx sie selbst nie gezogen hat, doch im Einklang mit den Fundamentalgedanken seiner Theorie stehen“.  2. Die Entstehung des Revisionismus hat objektive Gründe, die in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung liegen, nicht überall ist in dieser die für die Entwicklung einer revolutionären marxistischen Arbeiterbewegung ideale Großindustrie vorhanden, zurückgebliebene ökonomische Verhältnisse bringen Abweichungen vom Marxismus hervor, die grundsätzlich in zwei Richtungen ausarten: Revisionismus, der leugnet, dass die Arbeiterbewegung in einem grundsätzlichen Gegensatz zur GANZEN alten Gesellschaft steht, und Anarchismus. Beide Richtungen sind im Grunde leibliche Brüder. Für die Revisionisten sind Reformen bereits eine teilweise Verwirklichung des Sozialismus. Gefördert wird der Revisionismus andererseits durch einen Wechsel in der Taktik der herrschenden Bourgeoisie, die zwischen zwei Systemen des Regierens variiert oder auch zwischen diesen kombiniert. Die Variante der Gewalt fördert den Anarchismus, die Variante des „Liberalismus“, die die schlauere bürgerliche Taktik darstellt, den Revisionismus. Die schlauere bürgerliche Taktik ist noch gefährlicher für die Arbeiterbewegung, die durch Scheinzugeständnisse getäuscht werden soll und Teile dieser Bewegung auch tatsächlich täuscht, wie dies bereits der holländische Marxist Anton Pannekoek 1909 in seiner Schrift: „Die taktischen Differenzen in der Arbeiterbewegung“ (Hamburg, Erdmann Dubber 1909) nachgewiesen hat. Die getäuschten Arbeiter gelangen zu der Auffassung, dass der Klassenkampf veraltet sei und wenden sich von ihm ab. „Die Zickzackwege der bürgerlichen Taktik haben eine Stärkung des Revisionismus in der Arbeiterbewegung zur Folge und steigern nicht selten die Differenzen innerhalb der Arbeiterbewegung bis zur direkten Spaltung.“ 3.

Eduard Bernstein wurde am 6. Januar 1850 in Berlin als siebentes von fünfzehn Kindern eines Lokführers geboren, dem religiösen Bekenntnis nach Jude. Zu dieser Zeit fingen die ersten Fabrikarbeiter an, das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels zu studieren. Eduard wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, die seine Hinwendung zur sozialistischen Arbeiterbewegung programmierte. 1871 gründet er die Diskussiosngruppe „Utopia“, ein Jahr später  wurde er Mitglied der Internationalen Arbeiterassoziation und sodann auch der SDAP, der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“.  Dieser Beitritt erfolgte aber primär aus Sympathie für den Internationalismus, insbesondere durch Bebels und Wilhelm Liebknechts antichauvinistischer Haltung im Deutsch Französischen Krieg, nicht etwa auf Grund der sozialen Frage, die eine der Ausbeutung ist. 4. Im gleichen Jahr schreibt er ein Schauspiel nach Vorlage von Marxens „Bürgerkrieg in Frankreich“, das auf einem Arbeiterfest erfolgreich aufgeführt wird. Mit dem tiefen proletarischen Milieu kommt Bernstein allerdings wenig in Berührung, im Gegenteil, nach seiner Lehre wird er Bankangestellter im Hause der Rothschilds. Er wirkte an der Vereinigung der beiden deutschen Arbeiterparteien, der „Eisenacher“ und „Lassalleaner“ zur „Sozialistischen Arbeiterpartei“ im Jahre 1875 in Gotha mit, auf dem Einigungsparteitag wurde er in die aus achtzehn Mitgliedern bestehende Parteileitung gewählt. Aus dem Bankgewerbe wechselte Bernstein ins Sekretärische: er wurde Privatsekretär des Sozialisten Karl Höchberg (Mitarbeit an dessen Publikationen), der allerdings wiederum der Sohn eines reichen jüdischen Bankiers war. Beide verlegten ihren Wohnsitz noch vor dem Sozialistengesetz nach Lugano in die Schweiz, das die Attentatspsychose geschickt ausnutzende Sozialistengesetz Bismarcks machte sie zu Exilanten. Bernstein fand Zeit, sich mit eines  der Hauptwerke von Friedrich Engels auseinanderzusetzen: „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“.  Das Buch überzeugte ihn, der einst Anhänger Dührings war, vollends, Bernstein wurde im Winter 1878/79 endgültig Marxist und trat aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus. Jetzt kämpfte er dafür, dass der Marxismus die Theorie der Sozialdemokratie wurde. Am 13. Juni 1879 schrieb er den ersten Brief an Engels. Ins gleiche Jahr fiel die Veröffentlichung „Rückblicke auf die sozialistische Bewegung in Deutschland. Kritische Aphorismen“, die er zusammen mit Karl Höchberg und Karl Schramm geschrieben hatte. 1883, im Todesjahr von Karl Marx, übersetzte er zusammen mit Karl Kautsky das von Marx im Original französisch geschriebene Werk „Das Elend der Philosophie“ ins Deutsche. „Bernstein galt damals als einer der besten Marx Kenner, so dass Engels ihm am Ende seines Lebens gemeinsam mit Bebel sogar die Verwaltung seines Nachlasses anvertraute.“ 5. 1888 setzte die deutsche Regierung die Vertreibung der deutschen Sozialdemokraten aus der Schweiz durch, die hier immer noch publizistisch tätig waren. Bernstein ging nach London und geriet hier in schlechte Gesellschaft: in die der 1884 gegründeten Fabier (Fabians), zu denen auch das Ehepaar Webb gehörte. Diese reformistische Organisation benannte sich nach dem römischen Feldherrn Fabius Cunctator („der Zauderer“, weil er Entscheidungsschlachten auswich), sie bestand vorwiegend aus bürgerlichen Intellektuellen  und vertrat einen friedlichen Übergang zum Sozialismus durch kleine stückweise Reformen, sie verfolgte das Ziel, „to permeate Liberalism with Socialism (den Liberalismus mit Sozialismus zu durchdringen)“ 6.  Durch diesen Kontakt regten sich bei Bernstein erste revisionistische (zaudernde) Keime (denn auch der Revisionismus weicht der Entscheidungsschlacht zwischen Kapitalismus und Sozialismus aus) und noch Wilhelm Liebknecht, der selbst als verfolgter Teilnehmer der 48er Revolution zwölf Jahre von 1850 bis 1862 in England im Exil lebte,und Franz Mehring waren später der Auffassung, dass Ede sich den revisionistischen Bazillus im Londoner Exil eingehandelt habe. Ab 1896, ein Jahr nach dem Tode von Friedrich Engels, propagierte Bernstein seine Revision der Marxschen Theorie, zunächst in der Artikelserie „Probleme des Sozialismus“, die auf dem Stuttgarter Parteitag 1898 zur ersten einer Serie von Bernsteindebatten auf weiteren Parteitagen wurde. Schon vor dem Parteitag hatte Parvus Helphand von Dresden aus Bernstein scharf angegriffen. Drei Jahre später erschien die Artikelserie als Buch „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“, das auch in mehrere andere Sprachen übersetzt wurde. Günter Hillmann vertritt die Auffassung, dass Bernstein nach dem Tode von Engels die Nachfolgerrolle von Marx einnehmen wollte, ja in psychologischer Hinsicht sich auch zugleich von dem Übervater Marx befreien wollte. Dessen theoretische Täuschung über ein recht unsicher gelassenes Endziel der Bewegung – in diesem Punkt scheint Bernstein die „Kritik des Gothaer Programms“ übersehen zu haben –  stehe analog zum Getäuschtwerden durch seinen leiblichen Vater, der vorgab, aus finanziellen Gründen sein siebentes Kind vom Gynasium nehmen zu müssen. 7. Bernstein griff den Kern der Marxschen Theorie direkt an. Die Kernaussage des Manifestes lautete neben dem kursiv gedruckten Schlussaufruf „Proletarier aller Länder vereinigt euch !“ : Aufhebung des Privateigentums. 7. im Abschnitt „Proletarier und Kommunisten“ und ganz am Ende: in allen revolutionären Bewegungen heben die Kommunisten „die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie auch angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor“. 8. Bernstein entwickelte dagegen: „Auf lange Zeit (?!/H.A.) hinaus müssen wir uns der Vorstellung entschlagen, als ob wir einem vollkommen kollektivistischen Gesellschaftszustand entgegengingen. Wir müssen uns mit dem Gedanken an partielle Kollektivgemeinschaften vertraut machen“. 9. Im Keim lag der berühmte Satz des Revisionismus: Die Bewegung ist alles, das Endziel ist nichts ! vor.  „Die Haltung von Fall zu Fall festlegen, sich an Tagesereignisse, an das Auf und Ab im politischen Kleinkram anpassen, die Grundinteressen des Proletariats, die Grundzüge der ganzen kapitalistischen Entwicklung vergessen, diese Grundinteressen um wirklicher oder vermeintlicher Augenblicksvorteile willen opfern – darin besteht die revisionistische Politik.“ 10. Bernsteins Hauptbuch erschien im Herbst 1899, pünktlich zum Beginn des Imperialismus könnte man sagen, der im gleichen Jahr mit dem Ausbruch des Spanisch Amerikanischen Krieges anhob. In Lenins Lesart ist der Imperialimus faulender und sterbender Kapitalismus, das weiß jeder. Bernstein jedoch hatte „neue“ Erkenntnisse: „Ich bin der Anschauung entgegengetreten, daß wir vor einem in Bälde zu erwartenden Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft stehen und dass die Sozialdemokratie ihre Taktik durch die Aussicht auf  eine solche bevorstehende große soziale Katastrophe bestimmen, beziehungsweise von ihr abhängig machen soll.“ 11. Die von Marx dargelegte Polarisierung der spätbürgerlichen Gesellschaft in Lohnarbeit und Kapital träfe nicht mehr reinblütig hervor, sondern mildere sich, aus neuen  Wirtschaftsdaten ergäbe sich, dass weder in der Industrie noch in der Landwirtschaft eine gewaltsame Konzentration weniger Kapitalisten und Kulaken stattfinde. Bei Prosperität ist dieser Konzentrationsprozess der Kapitale nicht so deutlich zu sehen, aber in den periodisch wiederkehrenden Krisen tritt er doch grell hervor. Des weiteren wurde behauptet dass der Kapitalismus neue Kleinbetriebe schaffe.Besonders in der Landwirtschaft finde keine Konzentration statt, (so besonders auch vertreten von Dr. Eduard David in seinem Buch: „Der Sozialismus und die Landwirtschaft“). Bernstein behauptete auch, dass Marx den Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft nur für England studiert habe, seine Schlußfolgerungen daher einseitig und obsolet seien.  Lenin sah die sozialen Wurzeln des Revisionismus im Kleinbürgertum und bezeichnete es als ganz natürlich, „dass die kleinbürgerliche Weltanschauung in den großen Arbeiterparteien immer wieder zum Durchbruch kommt.“12. Der spießige Kleinbürger klammert sich ans Kapital und redet die zum endgültigen Zusammenbruch führenden Krisen des kapitalistischen Wirtschaftssystems schön. Die materialistische Geschichtsauffassung wird von ihrer dialektisch materialistischen Grundlage getrennt. Die führenden Köpfe der deutschen Sozialdemokratie  Rosa Luxemburg, Wilhelm Liebknecht und August Bebel wandten sich gegen Bernstein, Rosa wollte ihn aus der Partei wissen. Es war Kautsky zu verdanken, dass Bernstein aus der Redaktion der „Neuen Zeit“ verdrängt wurde, der Verstoßene fand Unterschlupf bei den „Sozialistischen Monatsheften“, die Dr. Joseph Bloch herausgab. Bebel forcierte die Kampagne gegen den Bernstein´schen Revisionismus und auf dem Dresdner Parteitag 1903 stimmte eine große Mehrheit gegen Bernsteins Voraussetzungen und den von ihm der SPD zugedachten Aufgaben. Bernstein vertrat die Auffassung, dass das Votum einer noch so hohen Versammlung ihn in seinen Forschungen nicht beirren kann. Das stand in gut aristotelischer Manier: über wissenschaftliche Wahrheiten könne man nicht abstimmen. Er ließ sich theoretisch nicht beirren, in der politischen Praxis aber  verstummte Bernstein und widmete sich als Reichstagsabgeordneter pragmatischen Fragen. Dem Reichstag gehörte er mit Unterbrechungen von 1902 bis 1928 an. Um die Jahreswende 1900/01 war der Haftbefehl gegen Bernstein berechnend aufgehoben worden, Reichskanzler Bülow soll dabei seine Hände im Spiel gehabt haben. Man versprach sich von Bernsteins Rückkehr aus England in opportunistische Richtung führende Unruhe und Verwirrung in der SPD. Der erste Weltkrieg rüttelte ihn auf. Fiel er zunächst auf die imperialistische Propaganda herein, so wandte er sich ab Frühjahr 1915 sehr zum Unwillen seines revisionistischen Anhangs gegen den imperialistischen Krieg. Ende September 1914 hatte Bernstein bereits einen Artikel gegen englandfeindliche Demonstrationen geschrieben, und schon verweigerte Dr. Joseph Bloch den Abdruck in seinen sozialchauvinistischen Monatsheften. Anfang Dezember 1914 erteilt er zum letzten Mal schweren Herzens seine Zustimmung zu den Kriegskrediten, am 20. März 1915 enthält er sich der Stimme und am 29. Dezember des gleichen Jahres stimmt er endlich gegen die Kredite. (Insgesamt gab es neun vom Reichstag zustimmungspflichtige Kriegsanleihen). Zusammen mit Hugo Haase und Karl Kautsky schrieb er ein Buch gegen diesen Krieg: „Das Gebot der Stunde“. Diese internationalistische Haltung führte ihn 1917 zur Mitgliedschaft in der Ostern 1917 gegründeten USPD, die durchaus ein Sammelbecken von Linken (Luxemburg, Mehring), Zenristen (Haase, Kautsky) und Revisionisten (Eisner) war, Bernstein aber behielt seine alte Mitgliedschaft in der MSPD bei. Zum entscheidenden Bruch wollte es der Revisionist nicht kommen lassen. Ohnehin plädiert der Revisionismus für einen allmählichen und schrittweisen Fortschritt, ohne dialektische Sprünge und Brüche. Er favorisiert statt der revolutionären Dialektik die Evolution, eine ruhige, sich linear und legal vollziehende Revolution 13., während Marx und Engels im Kommunistischen Manifest davon sprachen, dass das Proletariat sich nicht erheben kann, „ohne dass der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.“ 14. , spricht Bernstein von einer „Zivilisierung des Klassenkampfes“ 15. Auch forderten sie despotische Eingriffe in das Eigentumsrecht 16. , während Bernstein vor brutalen Eingriffen „in den so empfindlichen Organismus der modernen, hochentwickelten Volkswirtschaft“ 17. warnt.  Ein Grundgedanke des Bernstein´schen Revisionismus steht vor diesen theoretischen Darlegungen im Hintergrund, es ist der von der überaus langen Lebensfähigkeit des Kapitalismus. Wir müssen zugeben, dass Marx nach 1848 eine zu optimistische Revolutionserwartung pflegte, im Manifest hieß es sogar, in Deutschland sei die bürgerliche Revolution nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen,  und sowohl primär durch die englische als auch durch die ihr folgende kontinentale positive wirtschaftliche Prosperität zur Korrektur gezwungen wurde. Hier hakt Bernstein ein und schreibt den Autoren des Manifestes diese schwärmerische Fehleinschätzung deren Hegelscher Widerspruchsdialektik zu. In dieser sieht er einen Fallstrick und  Bernstein wird zeitlebens leugnen, dass in den geschichtlichen Klassenkämpfen auch phantastische Zickzackbewegungen stattfinden, etwas nicht Vorauszuberechnendes, Brüche in der Kontinuität. So deutete Lenin zum Beispiel die Dreyfuss Affäre in Frankreich als ein sehr schwer zu berechnendes Ereignis, das auch zu einer Revolution hätte führen können.  Deshalb interessieren sich die Revisionisten auch so sehr für die kompromissverseuchte englische Geschichte und für die flache englische Philosophie, flach insofern, als diese durch Bacon und Locke, die von den in Einzeluntersuchungen erstarrten Naturwissenschaften ausgingen, von der metaphysischen Denkweise, vom common sense dominiert wurde.  Ja die Toleranz ging soweit, dass die Religion auch einer marxistischen Partei gegenüber Privatsache zu sein habe. (Und als vor dem ersten Weltkrieg in Deutschland eine massenhafte Kirchenaustrittsbewegung stattfand, verboten führende Sozialdemokraten ihren Mitgliedern antireligiöse Propaganda im Namen der Partei !!). Auch Marx und Engels interessierten sich für die „british history“, kamen aber als Dialektiker zu ganz anderen Schlüssen: der Tag sei nicht mehr fern, schrieb Engels am 19. April 1890 über die englische Arbeiterbewegung, nachdem er die verbürgerlichten abgehobenen Arbeiter bloßgestellt hatte, „…wo diese Masse PLÖTZLICH (kursiv von Heinz Ahlreip) sich selbst findet, wo es ihr aufleuchtet, dass sie diese kolossale sich bewegende Masse ist.“ 18. Auf dem Gebiet der Philosophie fand eine Rückkehr zu Kant statt: am 17. Mai 1901 hielt Bernstein einen Vortrag vor dem Sozialwissenschaftlichen Studentenverein zu Berlin, in dem er sich das Thema vorlegte: „Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich ?“ Zur Beantwortung dieser Frage bezog er sich direkt auf Kants in der 1781 erschienenen „Kritik der reinen Vernunft“ (und auf die diese 1783 popularisierende „Prolegomena zu jeder künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“) thematisiertes Kernproblem: Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich ? Für Kant war Metapysik als Wissenschaft ohne Erkenntniskritik unmöglich. Im Gefolge des Kantianismus wollte denn Bernstein auch den Begriff „wissenschaftlicher Sozialismus“, der den Sozialismus im Gegensatz zum Utopismus sich aus seinen ökonomischen Wurzeln entwickeln sieht,  durch den des „kritischen Sozialismus“, dem es primär um erkenntniskritische Probleme seiner wissenschaftlichen Begründung geht, ersetzen. Für die Marxisten ist der Sozialismus eine sich aus dem Zusammenhang der geschichtlichen Entwicklung der Ökonomie ergebende Zwangsläufigkeit, allerdings keine objektiv automatische jenseits jeglicher Klasseninteressen und Kämpfe, sondern nur durch diese hindurch, für die Revisionisten eine philosophische Frage. Sie verfallen in den alten Fehler, der durch die Gewohnheit die Menschen täuscht, dass sie ihr Tun durch ihr Denken bestimmen statt aus ihren Bedürfnissen. Bernstein ging ganz in der Tradition der Aufklärung von einer objektiven unparteiischen Gesellschaftswissenschaft aus und negierte schließlich den entscheidenden Bruch, den die Marx´schen Feuerbachthesen in der Gesellschaftswissenschaftsgeschichte herbeigeführt hatten: dass richtige gesellschaftswissenschaftliche Erkenntnisse an revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen gekoppelt sind, besser formuliert: sich dialektisch auseinander ergeben, wobei aber die revolutionär verändernde Praxis das Primat habe. Ohne revolutionäre Praxis wird Dialektik als Prozesswissenschaft das Sich-Selbst-Erfassen der Gesetzmäßigkeit der Prozesse in immanenter Selbstreflexivität dialektisch widergespiegelter dialektischer Gesetze. Strenge und höchste Wissenschaftlichkeit muß mit revolutionärem Geist verbunden werden.  In der Frage der Moral ist es relativ einfach, es gibt eine feudale, eine bürgerliche, eine proletarische. Ebensowenig gibt es eine übergesellschaftliche Gesellschaftswissenschaft, die bürgerliche verteidigt, in welcher modernen Toga sie sich auch immer hüllen mag, die Ausbeutung der Lohnsklaven, die proletarische Wissenschaft ist der Marxismus Leninismus. Am 28. Dezember 1918 hielt Bernstein im großen Saal der Philharmonie in Berlin einen Vortrag mit dem Titel: Was ist Sozialismus ? Vergleichen wir einmal die Bestimmung, die Friedrich Engels gibt mit der von Bernstein und wir werden sofort die Verflachung bei Bernstein bemerken. Zunächst also Engels, der in seiner Schrift „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ folgenden Sozialismusbegriff  entwickelte: Der moderne Sozialismus ist weiter nichts als der Gedankenreflex des tatsächlichen Konflikts zwischen Produktivkräften und Produktionsweise .“ 19. Und Bernstein ? Bernstein meint: „Der Sozialismus ist die Summe der sozialen Forderungen und naturgemäßen Bestrebungen der zur Erkenntnis ihrer Klassenlage und der Aufgaben ihrer Klassen gelangten Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft.“ 20.  Wohltuend wird hier sein, Worte von Engels zum Charakter einer proletarischen  Revolution zu vernehmen: „Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor.“ 21. Bernstein warf dem klassischen Marxismus eben „Blanquismus“ vor, denn von Revolution, von der Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates, von der völligen Vernichtung des Bürgertums findet man bei ihm keine Spur. Es liegt eine schon klassisch zu nennende Fehlinterpretation des Marx´schen „Bürgerkrieg in Frankreich“ vor. In der Vorrede zum Kommunistischen Manifest von 1872  legte Marx als Lehre aus der Pariser Kommune dar: dass die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen darf. Bernstein legte diese Schlußfolgerung so aus, als habe Marx die Arbeiter vor revolutionärem Übereifer gewarnt. „Eine gröbere und abscheulichere Verdrehung des Marxschen Gedankens ist kaum vorstellbar.“ 22. Es ist darauf zu insistieren, dass der Revisionismus kardinal mit der dialektischen Entwicklungslehre gebrochen hat und quer zur Geschichte der Arbeiterbewegung liegt, Geschichte ist dem Revisionismus lediglich Fortschritt. „Nur die Arbeiter sind, sobald sie als Klasse auftreten, in jeder Hinsicht gebunden an den gesellschaftlichen Fortschritt, sie sind seine sicherste Vorhut, wie das Lassalle so schön in die Worte gekleidet hat, die er im Arbeiterprogramm den Arbeitern zuruft: „Sie sind der Fels, auf dem die Kirche der Gegenwart gebaut werden soll“. Wenn man das den Arbeitern sagt und ihnen die Wahrscheinlichkeit eines stetigen Aufstieges zeigt, der vielleicht langsam sich vollzieht, aber infolge ihrer zunehmenden sozialen Bedeutung ihnen doch sicher ist, sofern sie nur vereint vorgehen, so zeigt man ihnen damit ein grosses Ziel, das um so stärkere Wirkung ausüben muss, als es ein Ziel ist, an das auch der nüchtern Urteilende glauben kann“. 23. Darin steckt ganz der Allmählichkeitsgedanke, den auch der Aufklärer Kant vertritt, für diesen stieg die Fortschritt verheißende Aufklärung nach und nach zu den Thronen hinauf, Kant war aber noch insofern kritischer als Bernstein, als er immerhin betont, dass dieser Aufstieg nicht ohne Wahne und Grillen geschehe. Was bei Kant der Thron, ist bei Bernstein die Kirche. Der Revisionismus wecke „…das Selbstvertrauen, das auch bei langsamen Vormarsch die Geister zur höchsten Anspannung ihrer Kräfte zu entflammen mag“. 24. Klingt hier nicht bereits so etwas an wie der lange (langsame) Marsch durch die Institutionen ? Ein Credo des jungen Hegel war: Je besser die Methode, desto greller die Resultate. Engels sprach von der tief innerlichen ruhelosen Dialektik und Lenin von phantastischen Zickzackbewegungen in der Geschichte. Hiervon hat sich Bernstein verabschiedet. Was hätte Bernstein zu Stalins Satz gesagt: Wir liegen gegenüber den fortgeschrittenen Ländern des Westens um hundert Jahre zurück, wir müssen das in zehn Jahren aufholen, entweder wir schaffen das, oder wir werden zermalmt. Er hätte gesagt: Das geht nicht ! Die exakte Wissenschaftlichkeit bei der Analyse des Bestehenden  (der kapitalistischen Ökonomie) sei bei Eruierung der in ihm liegenden Perspektiven zur bloßen Tendenz verkommen. Es gibt zwei Kardinalquellen des Bernsteinschen Revisionismus, die aus zwei Textpassagen der Klassiker sprudeln: 1. im Kommunistischen Manifest sei die Fehleinschätzung der 48er Revolution, dass diese bürgerliche unmittelbares Vorspiel der proletarischen sei, der von seinen Autoren nie überwundenen Hegelschen Dialektik zuzuschreiben; 2.  in der Einleitung zu den „Klassenkämpfen in Frankreich“  habe Engels aus dem Überdenken der traditionellen, (wie Bernstein meint, blanquistischen) Barrikadentaktik nicht die letzten Konsequenzen gezogen. Die zog dann Bernstein und meinte damit eine Weiterentwicklung des Marxismus. Herausgekommen war ein Marxismus ohne Dialektik und ohne Revolution. „Die logischen Purzelbäume des Hegelianismus schillern radikal und geistreich. Wie das Irrlicht zeigt er uns in unbestimmten Umrissen jenseitige Prospekte. Sobald wir aber im Vertrauen auf ihn unseren Weg wählen, werden wir regelmäßig im Sumpf landen. Was marx und Engels Großes geleistet haben, haben sie nicht vermöge der Hegelschen Dialektik, sondern trotz ihrer geleistet“. 25.

Bernstein verhedderte sich konsequenterweise in der Dialektik der gesellschaftlichen Entwicklung in dem Wechselverhältnis zwischen komplexen Gebilden und ihrer zunehemenden Vereinfachhung in der geschichtlichen Progression: „Eine Gesellschaft, deren Einrichtungen und Gewohnheiten auf Jahrtausende alter Entwicklung beruhen, kann man nicht von heute auf morgen nach einer ganz anderen Richtung hin umändern. Dies namentlich deshalb nicht, weil der Kapitalismus nicht die Folge gehabt hat, die man lange von ihm erwartet hat: die Gesellschaft in ihrem Bau und Organismus zu vereinfachen, durchgängig einfache Verhältnisse zu schaffen. Nein, die Gesellschaft ist komplizierter geworden, die Klassengliederung ist vielseitiger geworden, sie hat sich immer weiter verzweigt. Die kleinen Betriebe in Industrie und Handel sind nicht vernichtet worden, sie sind nur überflügelt und in ihrer Natur und wirtschaftlichen Stellung verändert worden“. 26. Lenin pflegte zu sagen, so etwas hat den Anschein der Wissenschaftlichkeit und schläfert den Spießbürger vortrefflich ein. Man habe bei Spencer und Michailowski ein paar Phrasen entlehnt über die Komplizierung des öffentlichen Lebens, die Differenzierung der Funktionen und dgl. mehr. 27. Ja heute scheint es schon völlig unbekannt zu sein, dass die marxistische Befreiungslehre ihre Ursache selbst in einer Vereinfachung gesellschaftlicher Zusammenhänge hat. „Während aber in allen früheren Perioden die Erforschung  dieser treibenden Ursachen der Geschichte (grosse Massen, ganze Völker und in jedem Volk wieder ganze Volksklassen/Heinz Ahlreip) fast unmöglich war – wegen der verwickelten und verdeckten Zusammenhänge mit ihren Wirkungen -, hat unsre gegenwärtige Periode diese Zusammenhänge so weit vereinfacht, daß das Rätsel gelöst werden konnte“. 28. Ein Grundzug des Sozialismus ist das Wiederaufleben der primitiven Demokratie und es ist kennzeichnend für den Revisionisten Bernstein, dass er sich in seinem Hauptwerk „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ gegen die urwüchsige Primitivität der Volksmassen ausspricht und vom „doktrinären Demokratismus“ spricht. Hier ist ganz der Einfluß der englischen Gewerkschaftsbewegung in der Interpretation der Eheleute Webb zu spüren. „Während der siebzig Jahre ihrer Entwicklung hätten die Trade Unions , die sich angeblich in voller Freiheit (Seite 137 der deutschen Ausgabe) entwickelt haben, sich von der Unbrauchbarkeit des primitiven Demokratismus überzeugt und ihn durch den üblichen Demokratismus ersetzt: Parlamentarismus und Bürokratismus. “ 29. Dagegen ist die Vereinfachung der Rechnungsführung und Kontrolle, die eine siegreiche sozialistische Revolution unter Abschneidens des Bürokratismus sofort praktizieren muß, fundamental für die Entwicklung zum Kommunismus, diese würde nicht möglich sein, hätte nicht der Kapitalismus Rechnungsführung und Kontrolle vorbereitend vereinfacht. Diese kann ausnahmslos von jedem durchgeführt werden, der des Lesens und Schreibens kundig ist, die vier Grundrechnungsarten beherrscht und entsprechende Quittungen ausstellen kann. 30. Auch in der Perestroikaperiode wurde die Vereinfachung der gesellschaftlichen Funktionen immer mehr verdrängt durch deren angebliche Mannigfaltigkeit. Es ist falsch, einseitig zu behaupten, dass die sozialökonomischen  Formationen der Vergangenheit beziehungsstrukturell einfach und die historisch späteren  immer innerlich komplizierter als die vorangegangenen aufgefasst werden müssen. Ich schrieb damals gegen den Perestroikaphilosophen Jakowlew: „…und überhaupt, wo kämen wir (wieder) hin, wenn alle Sowjetbürger gleichartig Soldaten Stalins wären ! Nein ! Wir wollen den diskreten Charme der Nuancierung, wir wollen Schönheitsköniginnen und Champagner aus Paris, überhaupt, wir wollen innerlich raffinierter, innerlich komplizierter sein als die bürgerliche Gesellschaft“. 31. Als Folge der den Schlußstrich des Revisionismus ziehenden Perestroika sehen wir heute eine raffinierte Verzahnung von Politik und Mafiaunwesen, die den Gewinn aus ihren Geschäften schon mal mit an Regimekritikern angewandten glühenden Lötkolben erhöht. Das ist vorbereitet worden von der revisionistischen sozialdemokratischen Perestroikaideologie, die einen Sozialismus mit menschlichem Anlitz propagierte.

Aber wie schon oben gesagt, Bernstein übte in theoretischen Fragen nach dem Dresdner Parteitag zunächst einsichtsvolle Abstinenz und war als Parteimitglied und Reichstagsabgeordneter schon während des ersten Weltkrieges bei einigen Fragen, zum Beispiel denen der Kriegskredite, durchaus nützlich. Auch in der Weimarer Republik sah er die nationalistische Gefahr deutlicher als manch andere sich für up to date haltenden  Sozialdemokraten.

Nachdem der erste Weltkrieg den Zusammenbruch der Monarchie gezeugt hatte, bestimmte der Rat der Volksbeauftragten Bernstein zum Beigeordneten des Reichsschatzamtes, in dieser Eigenschaft forderte er Sozialisierungen im Bereich der Bodenschätze und der Grundstoffindustrien. Praktiziert wurde das nur im bolschewistischen Rußland, aber Bernstein nahm, wie auch Kautsky, gegenüber der Oktoberrevolution eine feindselige Haltung ein. In der Großen Sowjetenzyklopädie der 50er Jahre wurde Bernstein als „Verräter der Arbeiterklasse“ und als „leidenschaftlicher Feind der UdSSR “ 32. eingeschätzt, seine positiv zu bewertende Linkswendung während des ersten Weltkrieges blieb  aber nicht unerwähnt. Im Verlauf der Weimarer Republik kritisierte er mit Gehalt immer mehr auch die SPD. „Er hielt es für einen entscheidenden Fehler, dass der Vorwärts es beharrlich vermied, in der Kriegsschuldfrage eindeutig gegen die ehemalige kaiserliche Regierung Stellung zu beziehen. Die Sozialdemokratie begünstigte damit nach seiner Überzeugung unnötigerweise eine Stimmung, die der kaiserlichen Politik in unverdient positiven Licht erscheinen ließ und der demokratischen Revolution einen wesentlichen Teil ihrer Legitimität raubte. Dadurch wurde der nationalistischen Propaganda, wenn auch wider Willen, Vorschub geleistet.“ 33. Wahre Ausführungen eines Revisionisten, die anzeigten, dass die deutsche Sozialdemokratie tiefer und tiefer sank. Diese bemerkenswerten richtigen Erkenntnisse zeigten auch zugleich, dass man als Revisionist nicht mit allem falsch liegen muß. Hellsichtig erkannte Bernstein am Ende seines Lebens, bereits 1924, die unabweisbare Tendenz eines nationalistischen Staatsstreiches gegen die Republik und dessen Folgen: einen Terrorismus, wie ihn sich die meisten nicht träumen lassen. Die Hauptschuld an dieser Entwicklung trug ohne Zweifel die verfaulende SPD, die heute vollends eine faschistische Partei geworden ist. 34. Wenige Monate, bevor der  sozialdemokratisch iniierte faschistische Terror in Deutschland begann, starb Eduard Bernstein im Alter von 82 Jahren am 18. Dezember 1932 in Berlin. Spätestens im Godesberger Programm von 1959 feierte der Revisionismus seinen endgültigen Triumph, es war kein Geringerer als Carlo Schmid, der ausrief: Bernstein habe auf der ganzen Linie gesiegt ! Deshalb ist heute auch die deutsche SPD in gut Noskescher Tradition die Partei mit dem größten faschistischen Potential, zumal viele Nazis nach dem zweiten Weltkrieg in ihr Unterschlupf fanden. Helmut Schmidt und Günter Grass bilden nur die Spitze eines tiefbraunen Eisbergs.

Eine merkwürdige Stellung nimmt Karl Kautsky zu Bernstein ein. Kautsky trat gegen seinen Revisionismus an, aber Lenin stellte in seinem Fundamentalwerk  „Staat und Revolution“ vor seinem Feldzug Schwankungen in Richtung Opportunismus fest. Bereits die marxistische „Sarja“ (Die Morgenröte) – eine wissenschaftlich politische Zeitschrift, die von der Redaktion der „Iskra“  in den Jahren 1901 und 1902 in Stuttgart herausgegeben wurde, mußte bereits 1900 anläßlich Kautskys Auftreten auf  dem Internationalen Sozialistenkongress in Paris gegen ihn polemisieren – sie bezeichnete seine Ausführungen gegen den Opportunismus als „kautschukartig“. Das erste größere Werk Kautskys gegen den Opportunismus war das Buch „Bernstein und das Sozialdemokratische Programm“. Und in der Staatsfrage, in der Frage der Zerschlagung des bürgerlichen Apparates, verteidigt Kautsky Marx nicht gegen Bernsteins opportunistischen Entstellungen. „Davon, dass Bernstein Marx das gerade Gegenteil des wirklichen Marxschen Gedankens zuschrieb, dass Marx seit 1852 als Aufgabe der proletarischen Revolution das „Zerschlagen“ der Staatsmaschinerie in den Vordergrund rückte, findet sich bei Kautsky nicht ein Wort.“ 35. Wie Bernstein wollte auch Kautsky die Frage der Diktatur des Proletariats ganz ruhig der Zukunft überlassen. Lenin nannte das eine Kapitulation vor dem Opportunismus.

Am Ende dieses Artikels sei der Schlussabsatz des Vortrages von Bernstein: „Der Revisionismus in der Sozialdemokratie “ in seiner ganzen Länge wiedergegeben, ich bitte den Leser für diese deprimierende Passage um Verständnis, aber es ist das Armutszeugnis des Revisionismus in Reinkultur und deshalb zweckmäßig, zur Kenntnis genommen zu werden: „Die alte Perspektive, die durch die Marxschen Ausführungen über den sozialen Zusammenbruch uns Sozialdemokraten, die wir ja alle Schüler von Marx und Engels sind, vorleuchtete, war das Bild eines Heeres, das vorwärts dringt auf vielen Umwegen, über Gestein und durch Gestrüpp, jedoch auf diesem Wege immer wieder abwärts geführt wird auf dem Vorwärtsmarsch, bis es schließlich ankommt an eine große Kluft, jenseits derer, zu erreichen durch ein gewaltigeres Meer – nach manchen war es ein ROTES (Kursiv von E. Bernstein) Meer, – das erstrebte Ziel, der Zukunftsstaat, winkt. (Das mit dem Zukunftsstaat ist auch sachlich falsch, wie schon ABC Schüler des Marxismus wissen/Heinz Ahlreip) DIESE PERSPEKTIVE ÄNDERT SICH NUN (kursiv von Heinz Ahlreip). Ein anderer Ausblick tut sich auf. Die Perspektive, die wir jetzt vor uns sehen, zeigt uns den alltäglichen Kampf der Arbeiter, der sich abspielt und wiederholt trotz aller Verfolgungen, das Wachstum der Arbeiter an Zahl, an allgemeiner sozialer Macht, an politischem Einfluß, dem sich keine Partei mehr entziehen kann; diese Perspektive zeigt uns den Weg der Arbeiterklasse, nicht nur VORWÄRTS (kursiv von E. Bernstein), sondern gleichzeitig auch AUFWÄRTS (kursiv von E. Bernstein), nicht nur ein Stärkerwerden der Zahl nach, sondern auch eine Hebung ihres ökonomischen, ethischen und politischen Niveaus, eine steigende Befähigung und Betätigung als mitregierender Faktor in Staat und Wirtschaft. Und im Sinne dieser Perspektive wirkt und wirbt heute am entschiedensten die Richtung in der Sozialdemokratie, deren Bekenner man Revisionisten nennt“. 36. Ein mitregierender Faktor im Staat, wohlgemerkt: im bürgerlichen Staat, das ist der magere Knochen, den die Revisionisten hinwerfen und den heute DIE LINKE hinwirft. Hätte Carlo Schmid Recht, dass Bernstein auf der ganzen Linie gesiegt habe, so wäre mit diesem Sieg des Revisionismus die Versklavung der Lohnarbeit gesichert – in Ewigkeit. Amen.

1. Bernstein sagt selbst: „Revisionismus, ein Wort, das im Grunde nur für theoretische Fragen Sinn hat, heisst in´s Politische übersetzt. REFORMISMUS (kursiv von Eduard Bernstein), Politik der systematischen Reformarbeit im Gegensatz zur Politik , der eine revolutionäre Katastrophe als gewolltes oder für unvermeidlich erkanntes Stadium der Bewegung vor Augen schwebt.“ (Eduard Bernstein, Ein revisionistisches Sozialismusbild, Drei Vorträge von Eduard Bernstein, herausgegeben und eingeleitet von Eduard Hirsch, Dietz Verlag Hannover Nachf., 1966,42). Dagegen deutete bereits der junge Marx 1843 das Ereignis einer Umwälzung im katatrophalen Sinn: „Ich rede gar nicht von der Unfähigkeit der Herren und von der Indolenz der Diener und Unterthanen, die alles gehn lassen, wie es Gott gefällt; und doch reichte beides zusammen schon hin, um eine Katastrophe herbeizuführen.“ (Karl Marx an Arnold Ruge Köln, im Mai 1843, im Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin, 1982,479). Der originär von Marx entwickelte Sozialismus dient der Arbeiterbewegung gerade dazu, die qualvollen Geburtswehen abzukürzen, unter denen eine neue sozialistische Gesellschaft heraufkommt.

2. Eduard Bernstein, Der Revisionismus in der Sozialdemokratie, in: Ein revisionistisches Sozialismusbild, Drei Vorträge von Eduard Bernstein, herausgegeben und eingeleitet von Helmut Hirsch, Dietz Verlag Hannover Nachf., 1966, 25

3. Lenin, Die Differenzen in der europäischen Arbeiterbewegung , Werke Band 16, Dietz Verlag Berlin, 1962,357

4. Vergleiche Thomas Meyer, Eduard Bernstein, Klassiker des Sozialismus, Band 1, C.H. Beck Verlag, 1960, 203

5. a.a.O.,205f.

6. Aufschlußreich ist nicht nur, dass Friedrich Engels darauf hinwies, dass Bernstein seinen Opportunismus bei den Fabians „großgezogen“ (siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Briefe, Berlin 1953,546) habe, sondern dass er in dem Brief an Sorge auch eine glänzende Einschätzung der ganzen Fabiergesellschaft gibt: „Die Fabians sind hier in London eine Bande von Strebern, die Verstand genug haben, die Unvermeidlichkeit der sozialen Umwälzung einzusehn, die aber dem rohen Proletariat unmöglich diese Riesenarbeit allein anvertrauen können und deshalb die Gewohnheit haben, sich an die Spitze zu stellen. Angst vor der Revolution ist ihr Grundprinzip. Sie sind die „Jebildeten“ par excellence. Ihr Sozialismus ist Munizipalsozialismus; die Kommune, nicht die Nation soll wenigstens vorläufig Eigentümerin der Produktionsmittel werden. Dieser ihr Sozialismus wird dann dargestellt als eine äußere, aber unvermeidliche Konsequenz des bürgerlichen Liberalismus, und daher folgt ihre Taktik, die Liberalen nicht als Gegner entschieden zu bekämpfen, sondern sie zu sozialistischen Konsequenzen fortzutreiben, ergo mit ihnen zu mogeln, to permeate Liberalism with Socialism, und den Liberalen sozialistische Kandidaten nicht entgegenzustellen, sondern aufzuhängen und aufzuzwingen resp. aufzulügen. Daß sie dabei entweder selbst belogen und betrogen sind oder den Sozialismus belügen, sehn sie natürlich nicht ein. Sie haben mit großem Fleiß unter allerlei Schund auch manche gute Propagandaschrift geleistet und in der Tat das Beste, was die Engländer in dieser Beziehung geleistet. Aber sowie sie auf ihre spezifische Taktik kommen: den Klassenkampf zu vertuschen, wird´s faul. Daher auch ihr fanatischer Haß gegen Marx und uns alle – wegen des Klassenkampfs. Die Leute haben natürlich viel bürgerlichen Anhang und daher Geld…“ (a.a.O.). Aber immerhin, in England übersetzte Bernstein den 1898 von Marxens Tochter Eleanor unter dem Titel „Value, Price and Profit“ veröffentlichten Vortrag von Marx, in englischer Sprache gehalten auf den Sitzungen des Zentralrats der Internationalen Assoziation am 20. und 27. Juni 1865. Diese Übersetzung ins Deutsche erschien 1898 in der „Neuen Zeit“.

7. Vergleiche Günter Hillmann, Nachwort zu: Eduard Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, rororo, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowolth Verlag Hamburg, 1970,236f.

8. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977, 475

9. a.a.O.,493

10. Eduard Bernstein, Probleme des Sozialismus, Die Neue Zeit, XV, 213. Das Partielle, Bruchstückhafte, nicht der Kommunismus, sondern lediglich ein  gesellschaftlicher Fortschritt, letzteres deutlich ausgesprochen in den Leitsätzen für den theoretischen Teil eines sozialdemokratischen Parteiprogramms (Siehe: den Anhang zu: Ein revisionistisches Sozialismusbild, Drei Vorträge von Eduard Bernstein, herausgegeben und eingeleitet von Helmut Hirsch, Dietz Verlag Nachf. Hannover,1966, 42 bis 48) sind kennzeichnend für den Revisionismus. Deutlich wird dies auch in der Frage, wie der Sozialismus die Einheit der Nation organisieren soll ? In Bernsteins Hauptwerk: „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ unterschiebt er  Marx, der sich als Lehre aus der Pariser Kommune für die Zentralisation  ausgesprochen hatte, widersinnig einen Proudhon´schen Föderalismus. Er unterschlägt aus seinem Milieu kleinbürgerlichen Spießertums heraus, dass Marx sich zugleich für die Zerschlagung der bürgerlichen Staatsmaschinerie ausgesprochen hatte. Das Verhältnis zwischen Marx und Proudhon wird doppelt mißdeutet: Bernstein sieht nicht, dass Marx und Proudhon in der Staatszerschlagungsfrage übereinstimmen, er sieht Übereinstimmung in der Frage des Föderalismus, die nicht existiert. Marx war Zentralist und in der Tat bringt der Zentralismus größere Freiheit als der Föderalismus. Der Revisionismus vertrat immer den Kommuneföderalismus (Munizipalsozialismus), schon bei Bernsteins Ziehorganisation, den Fabians, sodann bei den Broussisten in Frankreich und den Menschewiki in Rußland. Auffällig bleibt immer, dass die Kritiker Bernsteins, Plechanow und Kaustky, nicht darauf eingingen, dass bei Bernsteins Opportunismus der Marx´sche Gedanke der Zerschlagung der bürgerlichen Staatsmaschinerie geradezu unterging. Darüber wurde mit Bernstein nicht gestritten.

11. Lenin, Marxismus und Revisionismus, Werke Band 15, Dietz Verlag Berlin, 1962,26

12. Eduard Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Dietz Verlag Stuttgart, 1906,S.V. Man begreift sofort das Schockhafte der Oktoberrevolution für die Revisionisten, die ihr ganzes pseudomarxistisches Weltbild durcheinanderwirbelte. Bernstein ging ja von einer sehr robusten Lebensfähigkeit des Kapitalismus aus.

13. Vergleiche Eduard Bernstein, Was ist Sozialismus ?, in: Ein revisionistisches Sozialismusbild, Drei Vorträge von Eduard Bernstein, herausgegeben und eingeleitet von Helmut Hirsch, Dietz Verlag Nachf. Hannover, 1966,26. Eine Parallele ergibt sich auch zu Kautskys Theorie des Ultraimperialismus, in der die verschiedenen nationalen Finanzkapitale sich nicht untereinander bekämpfen, sondern international harmonisieren. (Vergleiche Lenin, Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,456). Auch die Perestroika wurde von Gorbatschow als eine ruhige und gesetzmäßige Revolution ausgegeben. In der Abendsitzung der XIX. Unionskonferenz im Jahre 1988 ist es sehr deutlich und eindeutig von ihm ausgesprochen worden: „Wir haben viel Zeit dafür aufwenden müssen, die Gesellschaft, in der wir leben, die Vergangenheit, in der viele heutige Erscheinungen wurzeln,die uns umgebende Welt und unsere Wechselbeziehungen zu ihr zu begreifen. All das mußte aufgefasst werden, damit wir nicht in revolutionären Sprüngen verfahren, die außerordentlich gefährlich sind…“ (Rede Michail Gorbatschows bei der Schlußsitzung der Konferenz am 1. Juli 1988,in: XIX. Unionskonferenz der KPdSU, Dokumente und Materialien, APN Verlag Moskau 1988,21).

14. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin,1977, 472f.

15. Vergleiche Eduard Bernstein, Was ist Sozialismus ?, in: Ein revisionistisches Sozialismusbild, Drei Vorträge von Eduard Bernstein, herausgegeben und eingeleitet von Helmut Hirsch, Dietz Verlag Nachf. Hannover,1966,29

16. Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,481

17. Eduard Bernstein, Was ist Sozialismus ?, in: Ein revisionistisches Sozialismusbild, Drei Vorträge von Eduard Bernstein, herausgegeben und eingeleitet von Helmut Hirsch, Dietz Verlag Nachf. Hannover,1966,29

18. Siehe Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin,1957,110. Schon der junge Marx fasste die Revolution als etwas Urplötzliches auf: so prognostiziert er 1843/44 die bürgerliche Revolution in Deutschland, das Schmettern des gallischen Hahns, durch das Bild: „…und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn.“ (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie/Einleitung“, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin,1957,391).

19. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Marx Engels Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau,1975,436

20. Eduard Bernstein, Was ist Sozialismus ?, in: Ein revisionistisches Sozialismusbild, Drei Vorträge von Eduard Bernstein, herausgegeben und eingeleitet von Helmut Hirsch, Dietz Verlag Hannover, Nachf., 1966,27

21. Brief von Friedrich Engels an Karl Marx vom 13. Februar 1851. Dagegen war für Arnold Ruge „Revolution die Umkehr aller Herzen“ (Brief Arnold Ruges an Karl Marx im März 1843, in: Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin, 1982, 473).

22. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,493

23. Eduard Bernstein, Der Revisionismus in der Sozialdemokratie, in: Ein revisionistisches Sozialismusbild, Drei Vorträge von Eduard Bernstein, herausgegeben und eingeleitet von Helmut Hirsch, Dietz Verlag Hannover Nachf., 1966,40

24. a.a.O.,41

25. Eduard Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, rororo Klassiker, Texte des Soazialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag Hamburg, 1970,63

26. Eduard Bernstein, Die Revisionismus in der Sozialdemokratie,in: Ein revisionistisches Sozialismusbild, Drei Vorträge von Eduard Bernstein, herausgegeben und eingeleitet von  Helmut Hirsch, Dietz Verlag Hannover Nachf. 1966,25

27. Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,401

28. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der  klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,298f.

29. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,503

30. Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,488

31. Heinz Ahlreip, Die geistesgeschichtlichen Quellen des Neuen Denkens, in: Der Aufstieg und Fall der Sowjetunion, Über den wissenschaftlichen Charakter des Marxismus, 2000,7f.

32. Große Sowjetenzyklopädie: Eduard Bernstein, Moskau 1950 bis 1956,Band V,53. Historisch rückblickend sei hier angemerkt, dass sich in Rußland in den Anschauungen der legalen Marxisten, der Ökonomisten, der Bundisten und der Menschewiki viel Gedankengut Bernsteins befand. In seiner die Parteikonzeption niederlegenden Schrift „Was tun ?“ hat sich Lenin intensiv mit dem Bernsteinianertum auseinandergesetzt.

33. Thomas Meyer, Eduard Bernstein, Klassiker des Sozialismus, Band 1, C. H. Beck Verlag 1960, 208

34. Siehe: google: lenin unser aller lehrer faschistische bluthunde unter sich. Brandt und Weher knüpfen an faschistisches Gedankengut an, heißt es in Erika Königs Buch: „Vom Revisionismus zum Demokratischen Sozialismus, Zur Kritik des ökonomischen Revisionismus in Deutschland, Schriften des Instituts für Wirtschaftswissenschaften Nr. 16, Akademie Verlag Berlin 1964,8. Der französische Wissenschaftler Pierre Angel bezeichnet Bernstein als „Anti-Marx“ (Siehe: Pierre Angel, Bernstein et L´Evolution du Socialisme Allemand, Sammlung Germanica, Band 2, Marcel Didier Verlag Paris,1961. Das Institut für Marxismus Leninismus beim Zentralkomitee der SED gab folgende  DDR offizielle Bernsteinphysiognomie vor:  „Indem Bernstein behauptete, die allgemeinen Prinzipien des Marxismus auf die Grundfragen der neuen Epoche anzuwenden, verfälschte er dessen revolutionären Inhalt und ersetzte ihn durch Grundsätze der bürgerlichen Ideologie und Politik. Das bedeutete, die Selbständigkeit der deutschen Sozialdemokratie als politische Klassenorganisation des Proletariats zu beseitigen und die Arbeiterklasse mit der kapitalistischen Ausbeuterordnung zu versöhnen“. Auf dem Berliner Parteitag der SPD im Dezember 2011 warnte Peer Steinbrück die Parteilinke, die Reichen nicht zu verprellen. Auf diesem Parteitag bestätigte sich wieder einmal mehr der Satz Gustav Landauers, dass es in der Natur kein ekelhafteres Lebewesen gebe als die sozialdemokratische Partei.

35. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,493

36. Eduard Bernstein, Der Revisionismus in der Sozialdemokratie,in: Ein revisionistisches Sozialismusbild, Drei Vorträge von Eduard Bernstein, herausgegeben und eingeleitet von Helmut Hirsch, Dietz Verlag Hannover Nachf., 1966,41