Die Französiche Revolution Größe und Grenzen der bürgerlichen Revolution Vom Sklaven der Natur und der Maschine zum Sklaven von Angebot und Nachfrage

Die Große Französiche Revolution weist sowohl einige Grundmuster von bürgerlichen Revolutionen überhaupt auf als auch spezifisch französische. Sie erfüllt zunächst das Kriterium, das Lenin an eine Revolution stellte: nach einer erfolgreichen Revolution müssen sich die Beziehungen unter den Menschen und das Wechselverhältnis zwischen den Klassen durch Etablierung einer neuen Klassenherrschaft geändert haben. Das bürgerliche Klassenherrschaft zum Ausdruck bringende bürgerliche Gesetzbuch trat als Regulativ gesellschaftlichen Handelns an die Stelle der alten Führungs- bzw. Unterdrückungseliten Klerus und Adel mit einem absolutistischen Monarchen an der Spitze, der willkürlich Verhaftungen von Untertanen durch Evokation anordnen konnte. (1.) Auf dem Lande war der Seigneur meist zugleich auch Gerichtsherr seiner Bauern. Für Montesquieu waren Gesetze notwendige Beziehungen , die sich aus der Natur der Dinge ergeben. 2. (De l´Esprit des Lois, Band 1, Paris 1961,5) Und die Dinge wurden immer dynamischer. Schon vor der Revolution, diese anbahnend, zeichnete sich ab, dass nicht länger die Sonntagspredigt der Pfaffen die Gemüter indoktrinierte (hier auf Erden jede Abscheulichkeit der Obrigkeit geduldig zu ertragen, dafür aber ein gutes Leben nach dem Tode mit den Engeln (2.) zu führen), sondern dass die Untertanen Ihrer Majestät sich zunehmend durch Aufklärungsbroschüren oft politischen und kirchenfeindlichen Inhalts bildeten.Broschüren waren billiger als Bücher und Voltaire stand dem Mammutunternehmen der Enzyklopädie immer etwas skeptisch gegenüber, was ihre Breitenwirkung betrifft. „Zwanzig Folianten werden niemals eine Revolution bewirken. Es sind die kleinen Taschenbücher zu 40 Sous, die man zu fürchten hat.“ (3.) Die Broschüren wurden immer billiger, die Manipulierung der öffentlichen Meinung durch den Klerus immer brüchiger.Und in der Tat hatte die Religionskritik der Aufklärung eine viel größere Bedeutung als es die Religionskritik bei der Vorbereitung einer sozialistischen Arbeiterrevolution hat.Voltaire schleuderte dem Klerus, insbesondere den für ihn eine Sekte von Fanatikern darstellenden Jesuiten den Ausruf entgegen: Ecrasez l´infame. (Zerdrückt die Infame), dazu gehören auch seine Spötteleien über die heilige Jungfrau von Orleans. Auffällig in Voltaires Philosophie der Geschichte (4.) ist zudem eine Verschiebung ihres Ursprungs: die Weltuhr fing in der nicht-christlichen Zivilisation Chinas an zu ticken, was den traditionellen Rahmen der biblischen Schöpfungsgeschichte sprengte.

An eine blutige Revolution hatte die große Mehrzahl der Aufklärer, auch deren radikalster Atheist und Materialist La Mettrie,  gar nicht gedacht. (5.) Voltaire blickte idealisierend auf die englische Nation, sie sei „die einzige auf Erden, welche in der Einschränkung der königlichen Gewalt dank ihrer Widersetzung zu dem Ziel gelangt ist und welche, nachdem sie das Äußerste gewagt, endlich diese weise Regierungsform zustande gebracht hat, in welcher der Regent mächtig ist, Gutes zu tun, und im Gegenteil gebundene Hände hat, wenn er Böses tun wollte…“  (5.) Bakunin schrieb in seinem Brief von der Petersinsel im Bierlersee, auf der auch Rousseau wohnte, vom Mai 1843 an Arnold Ruge, dass die Philosophie naiv sei, sie erwarte zunächst keinen Kampf und keine Verfolgung, „denn sie nimmt alle Menschen als vernünftige Wesen und wendet sich an ihre Vernunft, als wäre diese ihr unumschränkter Gebieter“. (6.) Man hoffte auf einen einsichtsvollen Monarchen. Geht umgekehrt ja auch auf Voltaire der Satz zurück, dass man Gott erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe (zur Betörung des Pöbels, ja Voltaire ging sogar soweit, nachzuplappern, was John Locke  – hier noch ganz in aristotelischer Tradition –  ihm vorgesagt hatte, , dass dieser faul sei, wenn der Hunger ihn nicht zur Arbeit anstachele.  Atheisten waren für Voltaire ohnehin Wahnsinnige). Freilich blieb diese Aufklärung auf einen kleinen Kreis beschränkt, 80 % der Franzosen waren Bauern, nur wenige von ihnen des Lesens kundig. Besonders die katholischen Gegenden wiesen eine hohe Analphabetenquote auf. Diderot führt in einer Denkschrift aus dem Jahre 1762 an, dass nur neun Prozent aller Schulpflichtigen eine Ausbildung erhielten und nach Voltaire konnten in den Dörfern nur zwei Prozent lesen. Mit Lesen allein ist es allerdings auch nicht getan. Wie weit wir heute in der Bundesrepublik hinter der Aufklärung zurück sind, wird  schon allein dadurch deutlich, dass es noch heute dem Klerus erlaubt ist, sich in Schulen an Minderjährige heranzumachen, um ihnen das Gift der Untertanenmentalität einzuträufeln. (Staatsautorität und Klerus arbeiten hier Hand in Hand, beide Linien treffen sich dann in den christlichen Kreuzen, die die Gerichtssäle der bürgerlichen Klassenjustiz „schmücken“, vor der die Untertanen buchstäblich zu Kreuze kriechen sollen). „… jeder Religionslehrer (ist) ein Feind des wahren Fortschritts der Menschheit , er ist gefährliches Unkraut unter  dem Volksweizen, das ausgerottet werden muss.“ (7.) Die Aufklärung suchte in ihrem Studium der Geschichte vor allem nach antiautoritären, antikirchlichen und technischen Fortschrittsergebnissen in der Vergangenheit, um aus diesen Linien phantastische Zukunftsprojektionen mit sehr hoher Realisierungswahrscheinlichkeit zu entwerfen. Alexander Pope formulierte: „Unser Heil ist unser eigenes Werk“ (aber mit dem Zusatz: „mit Hilfe der Gnade). Die Menschheit befinde sich in einem unaufhaltsamen Prozess ständiger Vervollkommnung. Aber es ist ein Perfektibilismus ohne Abschluß, so daß seine Beurteilung immer nur intentional bleibt, der Abschluss des Vollkommenen wäre der Maßstab seines Gelingens. Für Hölderlin war das Jahrhundert des Lichts daher doppeldeutig ein Klugheitsjahrhundert. Die Lösung de Sades war überraschend und damals gar nicht als solche erkannt: es bleibt nur die Sexualität rationalisierende Pornografie als primitivste und höchste Ästhetik zugleich. Das ist radikaler als die Vision Rüdiger Bubners, dass sich am Ende des Rationalisierungsprozesses eine „Ästhetisierung der Lebenswelt“ (8.) einschleicht. In der spätbürgerlichen Gesellschaft liegt eine äußerlich bleibende Erotisierung der Außenwelt vor. Wirklich fortschrittliche Revolutionen bringen uns einem von Politik ungestörten Kunstgenuß näher. Entpolitisierung durch Durchpolitisierung macht die Revolution schwergewichtig im doppelten Sinn, als zukünftige Verheißung und erblastige Vergangenheit. Revolutionäre verfechten eine Durchpolitisierung der Gesellschaft zum Zwecke ihrer Entpolitisierung, Reaktionäre eine Entpolitisierung zur Absicherung ihrer Herrschaft. So wurde der Blick in der französischen Revolution nicht nur in die Zukunft gerichtet, es gab auch einen unklugen „Kult der Antike“, der nur auf den ersten Blick bizarr anmutet, Vergniaud träumte von einer platonischen Republik.  Denn in der Unterdrückung und Ausbeutung der Sklavenklassen gab es eben keinen Substanzwechsel, sondern nur eine weitere Variation: von dem nackten antiken Sklaven über den Leibeigenen des Mittelalters zum Lohnsklaven unserer Tage. Deshalb zerstört der Marxismus Leninismus jegliche Illusion über die  demokratische Substanz einer bürgerlich kapitalistischen Republik. „Die Freiheit der kapitalistischen Gesellschaft bleibt immer ungefähr die gleiche, die sie in den antiken griechischen Republiken war: Freiheit für die Sklavenhalter“. (9.) So bildete denn auch für Vergniaud das Volk eine Herde von Hammeln, die der Führung bedarf. Am 31. Oktober 1793 wurde dieser Girondist guillotiniert, sein letzter Satz lautete: „Die Revolution, gleich Saturn, frißt ihre eigenen Kinder“.

Obwohl sowohl die Aufklärung als auch die Guillotine die Aufmerksamkeit ganz auf den Kopf lenkten (eine selbstdenkende Gesellschaft braucht kein Oberhaupt, selbstdenkende Bürger keinen Bürgermeister, die Konsequenz der Aufklärung ist die Anarchie allseitig gebildeter Atheisten), ist gegenläufig eine enorme Zunahme der Bedeutung der Hand, Produkt und Organ der Arbeit, zu konstatieren, wie ja auch anthropologiegeschichtlich der sich wechselseitig befruchtende Parallelismus beider Entwicklung bedingte. Bewußt begingen die Enzyklopädisten einen Tabubruch, als sie in ihrem Jahrhundertwerk neben den schönen Künsten, Metaphysik und Philosophie den Komplex der zeitgenössischen Handwerke, das Banausische, vorstellten. Es ging ihnen laut Diderot um „nützliche Künste“, von hier war es nur noch ein kleiner Schritt zur Frage nach den nützlichen Gesellschaftsmitgliedern, die feudalen Unproduktiven galten sodann als Schmarotzer. Allerdings: der Nützlichste von allen, der Bauer, blieb außen vor, kein Artikel der Enzyklopädie ist von einem Bauern geschrieben worden. (10.). Wendet man den Gedanken der Nützlichkeit konsequent auf die Natur und die Gesellschaft an, können die mit Gattungsbewußtsein handelnden Menschen kongenial nur die Naturbeherrschung als totale Verfügbarkeit und die Anarchie ohne jede Bürokratie anstreben. Um die Zeichen der neuen Zeit zu setzen, entrissen die Revolutionäre nach der Guillotinierung des Königs den minderjährigen Thronfolger im Gefängnis  seiner Mutter Marie Antoinette  und gaben ihn dem Schuhmacher Simon in die Lehre, damit er ein anständiges Handwerk erlerne, der Aristokratie war es traditionell bei Verlust des Adelstitels untersagt, sich  überhaupt handwerklich zu betätigen. Sie litt an Langweile. Das Leben einer der Nachfolger des Sonnenkönigs sollte sich ganz um die Sonne der Arbeit drehen. Während der Revolutionsperiode wurden polytechnische pädagogische Konzepte entwickelt, asymmetrische Schulgärten und Werkstätten anzulegen, damit den jungen Republikanern auch praktisch-handwerkliche Fertigkeiten vermittelt werden konnten. Schwerpunkte lagen auf der Gymnastik, Botanik – insbesondere Heilpflanzen -, Wehrertüchtigung – insbesondere Schwimmen -, und Patriotismus, ein Drittel ihrer Ernten sollten kostenlos an die Armen verteilt werden. (11.) „Il faut cultiver notre jardin !“ so lautete ja schon der Schlußsatz in Voltaires Candide. In Kontroverse über die Gestaltung eines Gartens geriet er mit Rousseau: befürwortete Voltaire den rational angelegten, architektonisch ausgemessenen französischen Gartenstil, so Rousseau den romantisch wuchernden und wildwachsenden englischen, weil er in der Natur nicht mehr ein bloß rationales Ordnungssystem sah. Im Rationalismus liegt ein Verwertungsgedanke, aus dem heraus massiv in die Harmonie der Natur eingegriffen wird. Rousseau sträubte sich dagegen“Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt, alles entartet unter den Händen des Menschen.“ (12.)

Die bürgerliche Klasse, die ihre Geldherrschaft im Zuge der Verwandlung naturwüchsigen Kapitals in industrielles gegen die mittelalterlichen Instanzen endgültig durchsetzen wollte, war jedoch gezwungen, an die Massen zu appellieren und ihr spezifisch volksfeindliches Interesse als das des Volkes selbst auszugeben, sich mit ihm zu verwechseln.  Damit aber bekam die Revolution einen Selbstlauf, den die bürgerliche Klasse nicht immer steuern konnte. Der dritte Stand, sagte Alexis de Tocqueville, hatte den Bauern Waffen in die Hand gegeben und dann bemerkt, dass er Leidenschaften weckte, „…von denen er nicht einmal eine Ahnung gehabt, die er ebensowenig zu zügeln als zu lenken vermochte, und deren Opfer er werden sollte…“ (13.) Der kleine Terror, ebenfalls eine Notwendigkeit, ohne die keine große Revolution auskommt, richtete sich zu einem Teil auch gegen Vertreter der Großbourgeoisie. Ich spreche vom kleinen Terror, der 0,2 % der französischen Bevölkerung in der bürgerlichen Revolution das Leben kostete, im Vergleich zu den Opfern der dynastischen Kriege eine sehr geringe Zahl. Die Todesrate in revolutionären Bürgerkriegen, die in der Kriegsgeschichte relativ selten sind,  ist immer geringer als in internationalen imperialistischen Kriegen. Und dennoch behaupten die Blutsauger, ihre Opfer seien gerechtfertigt, die des Bürgerkrieges aber verbrecherisch. (14.) Beide Kriege hingen in der französischen Revolution untereinander zusammen: Der innere Terror hing spezifisch mit der äußeren militärischen Bedrohung durch royalistische Mächte zusammen, als diese Bedrohung nach der für Frankreich erfolgreichen Schlacht von Fleurus 1794 (15.) abnahm, sank der Stern Robespierres innerhalb eines Monats und  der revolutionäre Terror erlahmte. (Der oberste öffentliche Ankläger der revolutionären Hochphase, Antoine Fouquier-Tinville starb trotz geschickter Verteidigung am 7. Mai 1795 unter der Guillotine. ). Nicht aber der Terror überhaupt. Systematisch unterschlägt die bürgerliche Geschichtsschreibung (siehe z. Bsp. Schulbücher), dass nach dem Sturz Robespierres ein wahre blutige Hetzjagd gegen Jakobiner, Terroristen genannt, einsetzte, gesteuert von sog. Jesus- und Sonnenvereinen. Die Zeitgeschichte wurde jetzt erst Recht eine Jagdgeschichte. Jesuskleriker und Sonnenkönigskinder arbeiteten besonders im Süden Frankreichs weiterhin mörderisch Hand in Hand. Bei der Thematiserung des Terrors der  Revolution werden die Greueltaten religiöser Terroristen nur allzu gerne verschwiegen. So findet in den Schulen der Republik nicht nur eine religiös motivierte geistige Verstümmelung der Jugend statt, sondern diese wird auch kriminalisiert: die emanzipative Gewalt der Volksmassen sei Terror, die weltgeschichtlichen Blutorgien der herrschenden Minderheiten aber gottgewollt. „Bis wie lange noch wird man die Wut der Despoten Gerechtigkeit, und die Gerechtigkeit des Volkes Barbarei oder Empörung nennen ? Wie zärtlich man doch gegen die Unterdrücker, und wie unerbittlich man gegen die Unterdrückten ist !“ (16.)

Als eine Art Kursbuch des Jakobinismus gilt der Gesellschaftsvertrag von Rousseau, Robespierre versuchte sich streng nach diesem Buch zu richten und scheiterte damit, der Rousseauismus ist utopisch und reaktionär zugleich. Zwar ist der Mensch für ihn von Natur aus gut und nur die Institutionen verderben ihn, folglich: nur ein kranker Mensch strebt danach, seine Mitmenschen zu regieren, gleichwohl findet sich im Gesellschaftsvertrag der doppelgesichtige Satz: „…manchmal muß man dem Volk die Dinge zeigen, wie sie sind, manchmal so, wie sie ihm erscheinen sollen…“ (17.) Das Volk kann also sehr wohl getäuscht werden und am Ende des Gesellschaftsvertrages  wird sogar noch eigens eine Art Bürgerreligion aus der Taufe gehoben. Im Prozess gegen Marie Antoinette wurde die Doppelgesichtigkeit praktisch angewandt. Die ehemals, nach der Hofetikette,  wichtigste Frau Frankreichs, das ja seit der Renaissance das Musterland der ständischen Monarchie war, hatte ebenfalls die Guillotine zu besteigen, so wurde ihr sexueller Mißbrauch ihres eigenen minderjährigen Sohnes,des Dauphins, und Anleitung zur Onanie angedichtet (der Jakobiner Hébert trat hier als Zeuge vor das Revolutionstribunal und zitierte aus Verhörprotokollen des Jungen). In diesem Fall sollte das Volk sehen, dass auch eine Frau als eine neue Agrippina, „…welche mit allen Verbrechen vertraut ist…“ (so der Ankläger Fouqier-Tinville) das Fallbeil verdient habe. In der Publikmachung der mechanischen Handbewegungen eines von seiner Mutter losgerissenen Dauphins, seiner Onanie, in der er durch seine Mutter Marie Antoinette eingewiesen worden sei, findet die Säkularisierungstendenz der Aufklärung ihren Abschluß. Dem Dauphin wäre es um infantilen Lustgewinn gegangen, nicht um eine patriarchalische Thronfolge. Aufklärung hat sich nicht autoaggressiv als Dialektik der Aufklärung, Hegel und Hamann variierend, dass die Aufklärung über sich selbst nicht aufgeklärt sei, was sie ja nicht verneinte (18.), gegen sich selbst zu wenden, sondern ihre Gegner letztendlich der Schwachsinnigkeit zu überführen. Auf dem Gebiet der Sexualität, in  deren Befreiung alle gesund verlaufende Aufklärung mündet, ist dies durch Nachweis der Genesis der borniert-mittelalterlichen Leibfeindlichkeit zu demonstrieren. Der Kirchenvater Augustinus bekennt in seiner Autobiografie, dass er im Jahr 386 in einem Mailänder Garten göttliche, immer nur das eine wiederholende Knabenstimmen gehört habe: Nimm und lies (Tolle lege). Er ging ins Haus und schlug die Paulusbriefe auf: „… zieht den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zu Erregung eurer Lüste.“ Danach pflegte Augustinus keinen Beischlaf mehr, sondern. begann  fieberhaft schreibend mit der inhumanen Verteufelung der Sexualität. So hat  die Ausgeburt des Fieberwahns eines geisteskranken Klerikers Millionen und Abermillionen Menschen Jahrhunderte lang sexuell verkrüppelt, auch der Katholik, Patenkind eines Bischofs  und Jesuitenschüler Robespierre war nicht frei davon.“…als sei es eine Schande, Vergnügen zu empfinden und zu seinem Glück geschaffen zu sein…“ (19.) Vergegenwärtigen wir uns, dass mit der Rehabilitation Epikurs in der Renaissance die Renaissance des Fleisches verbunden war.

Anders verhält es sich in einer Arbeiterrevolution, die Rousseausche Doppelgesichtigkeit fällt hinweg. (Es ist immer sinnvoll, das Wort Minister zu vermeiden und eine Regierung von VOLKSKOMMISSAREN zu bilden) Da eine Diskrepanz zwischen Volk und Regierung in einer sozialistischen Republik weitgehend nicht mehr vorliegt, da nach Lenins Werk „Staat und Revolution“ es sich um einen Übergangsstaat, „kein Staat im eigentlichen Sinne mehr“ handelt, kann diese auch ganz frei und offen die Protokolle der Revolutionstribunale veröffentlichen. So geschah es nach den sogenannten Moskauer Schauprozessen. Seit der Veröffentlichung der Protokolle der Moskauer Prozesse hat die internationale Konterrevolution nichts unversucht gelassen, dass die Volksmassen die Prozesse wieder nach der Sichtweise der Konterrevolution sehen sollen. Welch ein Unterschied in der Revolutionsgerichtsbarkeit: Während das jakobinistische Tribunal pädophile Unzucht andichtet, ist das bolschewistische so souverän, Bucharins Fehltritt in Japan aus dem Jahre 1917 unerwähnt zu lassen: er hatte während eines Bordellbesuches sexuelle Beziehungen zu einer Minderjährigen, worauf in Japan die Todesstrafe stand. (20.) In der Zeit des Volkschädlings Gorbatschow setzte dann auf Beschluß des Politbüros des Zentralkomitees der KPdSU eine wahre Rehabilitierungswelle ein (21.), ohne dass aber die Begründungen der Rehabilitierungen veröffentlicht wurden. Der deutsche Aufklärer Kant hatte in seiner Schrift zum Ewigen Friedenvöllig Recht, als er das Kriterium der uneingeschränkten Öffentlichkeit von Regierungssachen als notwendige Bedingung einer aufgeklärten Gesellschaft forderte. Schon Rousseau sah am Schluß des zweiten Buches des Gesellschaftsvertrages eine vierte Macht aufkommen, die mit Aufklärung zusammenhängt und die die wichtigste ist: „…die weder auf Marmor noch auf Erz, sondern in die Herzen der Bürger geschrieben wird; in ihr liegt die eigentliche Verfaßtheit des Staates; sie kommt täglich zu neuer Kraft; sie belebt oder ersetzt die anderen Gesetze, wenn sie altern oder erblassen, erhält ein Volk im Geist seiner Errichtung und setzt unmerklich  die Macht der Gewohnheit an die Stelle der Staatsgewalt“. (22.) Wie wichtig die öffentliche Meinung ist, wurde bereits 1781 markant:  Sie zwang schon die alte vorrevolutionäre Elite durch den Finanzminister Jacques Necker, sich zu offenbaren: dieser Schweizer Bankier, der auch mit Saatgut handelte, veröffentlichte 1781 den ruinösen französischen Staatshaushalt, allerdings in beschönigter Form.

Entscheidend für Ausbruch und Verlauf der französischen Revolution waren ohne Zweifel die asozial-perversen Eigentumsverhältnisse; dass eine verschwindend geringe von Steuerabgaben sogar noch befreite klerikal-adelige Schmarotzerkaste ohne Hemmnisse das französiche Volk, das um 1789 nur zu 16 % in der Stadt lebte, 68 % der Erwerbstätigen waren unmittelbar in der Landwirtschaft beschäftigt, blutsaugen konnte. „Bis auf einen waren alle Staatsminister im letzten Viertel jahrhundert vor der Revolution adelig, Sämtliche Erzbischöfe und Bischöfe vor 1789 entstammten der Nobilität“. (23).  Zugleich war ein besonders großer Preisanstieg bei den Grundnahrungsmitteln zu registrieren. (24.) Nach einer bei Clough erwähnten Schätzung wurden zwei Drittel des Einkommens eines städtischen Handwerkers  mit Frau und vier Kindern für das tägliche Brot ausgegeben. (25.) Die Bauern wurden durch vielarmige Steuervampire ausgesaugt, die banalités  ketteten sie noch mehr, hier durch Zwangsgesetz an ihre Seigneurs, gegen Gebühren ihre Ernten in deren Mühlen, Backofen und Keltern verarbeiten zu müssen (Banngerechtsame). Fast zehn Prozent des Volkes waren zur Bettelei verurteilt. Schon im November 1788 griff Abbé Sieyès in seiner Broschüre „Essay über die Privilegien“ die Herschaft von 200 000 Privilegierten über 25 Millionen Franzosen an. Wie fruchtlos aber eine bürgerliche Revolution in dieser Beziehung ist, zeigen heute die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln in den „allerfreiesten“ bürgerlichen Republiken. In ausnahmslos allen bürgerlichen Republiken herrschen heute asozial-perverse Eigentumsverhältnisse, die verdammt nach dem revolutionären Vorabend dieser Ancien Regimes in spe riechen. Und in der Tat: der Marxismus Leninismus hat, wie früher die bürgerliche Aufklärung das mittelalterliche Gedankengut zersetzte, theoretisch das Herrschaftsgeflecht der bürgerlich-sozialdemokratischen Ideologie zerpflückt, aber eine Arbeiterrevolution ist qualitativ von ganz anderem Kaliber (über die Diktatur des Proletariats Anarchie als Ziel) als eine bürgerliche Revolution (Wechsel in der Klassenherrschaft als Ziel). Die bürgerliche Revolution von 1789 setzte zum Beispiel nicht einmal das Wahlrecht für Frauen durch, Engels bemerkte einmal, alle Revolutionen des 18. Jahrhunderts waren halbe (26.), und die Frauen sind die Hälfte des Himmels. Nicht nur wird der Radikalismus der Revolutionären Republikannerinnen vom Mai 1793, die Marat verherrlichten und ihre Kinder in dessen Geist erziehen wollten, bereits am 8. November 1793 durch den Berichterstatter des Komitees für allgemeine Sicherheit, Amar, gebrochen, sondern dieser schreibt ein Frauenbild des Mittelalters, in dem persönliche Abhängigkeitsverhältnisse dominierten, fest: „Fügen wir schließlich hinzu, daß die Frauen durch ihr Wesen zu einer Erregtheit disponiert sind, die sich für die öffentlichen Angelegenheiten als verderblich auswirken müßte, und daß die Staatsinteressen bald allem geopfert würden, was die Lebhaftigkeit der Leidenschaft an Verwirrung und Unordnung erzeugen kann.“ (27.), so daß Frauenvereinigungen daraufhin verboten wurden.Im Gesetz vom 24. Mai 1795 wird Frauen dann sogar verboten, an politischen Sitzungen überhaupt teilzunehmen. Es war dann der Franzose Fourier, ein utopischer Sozialist, der die Höhe der menschlichen Emanzipation von der der Frauen abhängig machte.

Viele Darstellungen der französischen Revolution litten an einer Einseitigkeit, man schaute auf Paris, auf die politischen Haupt- und Staatsaktionen, aber die ökonomischen Haupt- und Staatsaktionen fanden ohne Zweifel in der Landwirtschaft statt. (28.) Im Gegensatz zum englischen Bourgeois zog es den französischen nicht zur industriellen, sondern zur landwirtschaftlichen Investition. Im Laufe der Revolution wurde die Feudalität nach vielen Umwegen zerschlagen und der Kleinbauer hatte sein kleines Stück Land sicher. In der Feudalitätskommission der Konstituante saß kein einziger Bauer und ihr Vorsitzender Merlin de Doua war selbst ein Adeliger. Die Mitglieder der Konstituante waren in der Mehrzahl Juristen, deren Lieblingsbeschäftigung im Herumbasteln an Verfassungsentwürfen bestand, die aber nicht in der Lage waren, eine Kuh zu melken. Es bedurfte der Jacquerie, um den alten feudalen Zustand zu beenden, der darin bestand, dass die Bauern nach der Auspressung durch die unproduktiven Stände sehr oft nicht genug übrig hatten, um eine neue Ernte vorzubereiten. Der Klerus kassierte traditionell den dimes (den Zehnten) und die Domherren von Notre Dame waren zugleich die Grundherren fruchtbarer Gebiete um Paris. Die französischen Revolutionsarmeen, die sich zur „Grande Armee“ ergaben, basierten auf der bäuerlichen „petite culture“, die die Bauern wenigstens satt machte und sie behielten bis Waterloo ihren ambivalenten Charakter: progressiv gegenüber den feudalen europäischen Mächten, aber im Inneren Frankreichs durch die Landzerstückelung jeden größeren Fortschritt in der Landwirtschaft verhindernd. Den Bauernaufständen vor und während der französischen Revolution ist es nicht nur zu verdanken, dass Frankreich trotz der Niederlage von Waterloo keinen Quadratmeter Territorium verlor, sondern auch, dass der Napoleonmythos bis 1871 wirkte. Auch dass sich nicht nur die „Grande Armee, sondern auch  die „Grande Nation“ auf der kleinen Scholle gründete, macht ihre revolutionsgeschichtliche Bedeutung zumindest ambivalent, denn jede fortschrittliche Revolution trachtet danach, die Ansätze einer Großproduktion zu erhalten und auszubauen.  Aus der kleinbesitzerlichen Scholle wuchsen nicht nur der Marat- und Rousseaumythos empor, sondern auch die Napoleons und Cavaignacs, die die Revolution abwürgten. Durch die napoleonische Expansion stand Kontinentaleuropa unter der Verhexung durch die sansculottische Scholle, sie konnte England nicht erreichen und das industriell fortschrittlichste Land brachte in reinster Form die für die bürgerliche Gesellschaft charakteristische Polarisation hervor: England hatte im 19. Jahrhundert die besten Gewerkschaftsorganisationen und die am besten organisierten Kapitalisten. Es ist kein Zufall, dass das „Kapital“ in London geschrieben wurde und Engels in Manchester lebte. Nicht nur im marxistischen Kontext, aber in ihm insbesondere, ist das Studium der französischen Revolution komparativ, es schaut über den Ärmelkanal, dessen Überquerung Napoleon nicht gelang, nach Manchester und nach Tübingen,  ob der im dortigen Stift betriebenen Dialektik. Nach marxistischem Selbstverständnis kreiert sich die revolutionärste Theorie der Welt aus der deutschen Dialektik, dem französischen Sozialismus und der englischen Ökonomie. Dass der Marxismus dann allerdings zuerst in Russland, in einem rückständigen Agrarland, praktiziert wurde, riss die Völker des Ostens in den Strudel der Weltpolitik. Der Maoismus ist zwar eine Frucht der Oktoberrevolution, aber keine Weiterentwicklung des Marxismus, sondern seine rurale Verstümmelung. Das Scheitern der Oktoberrevolution durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ist eine Niederlage der Arbeiterklasse durch den Kleinbürger, diesem zähen Agenten des Kapitalismus, diesem Zünglein an der Waage der Revolution. Er hat sowohl 1789 als auch 1917 auf dem Gewissen. Zur Zeit ist Europa kleinbürgerlich überseucht, es irrt sich, noch eine entscheidende Rolle in der Weltgeschichte zu spielen. Dieses alte Europa langweilte bereits Napoleon: „Cette vieille Europe m´ennuie“.

Revolutionären Arbeitern drängen sich nur allzu leicht Assoziationen zu 1789 auf, aber zwischen 1917 und 1789 gibt es einen dicken Trennungsstrich (29.): schon Marx kritiserte die Pariser Kommunarden von 1871 ob Rückfälle in jakobinistisch-kleinbürgerliche Traditionen. Seine Analyse der Klassenkämpfe in Frankreich führte dann auch zu der Einsicht: „Bürgerliche Revolutionen wie die des achtzehnten Jahrhunderts stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich. Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt zu sein, die Ekstase ist der Geist des Tages, aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft…Proletarische Revolutionen dagegen wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche…schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke…“ (30.) Diese Ungeheuerlichkeit ist eine menschliche Gesellschaft. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ! Ohne Zweifel hatte die französische Revolution einen humanistischen Grundzug, sowohl in universeller Hinsicht als auch in sozialer: „…daß es nicht nur ein Volk ist, für welches wir streiten, sondern das Weltall…“ Das Ziel sei, „…so viele Freunde (zu) haben, als diese Erde Bewohner zählt…“. (31.) Achtzehn ausländische Persönlichkeiten erhielten während der Revolution die französischen Ehrenbürgerrechte, u.a. Schiller (32.), Campe, Klopstock, Pestalozzi, Thomas Paine und George Washington. Der amerikanische General, dessen Lieblingslektüre landwirtschaftliche Bücher waren,  erhielt von Marquis de Lafayette die Schlüssel der Bastille, die sich noch heute in Mount Vernon, dem Wohnhaus des ersten amerikanischen Präsidenten, befinden. Ganz im sozialistischen Sinn forderte St. Just, daß es in einer Republik weder Arme noch Reiche geben dürfe.(33.) (Weder Arme noch Reiche, und alle Republikaner einheitlich gekleidet, entweder Arbeiterkleidung oder  Soldatenuniform, was erst Maos Kulturrevolution in die Praxis umsetzte). Größe und Illusion des Jakobinismus fallen hier zusammen: dem Ideal stand die Realität entgegen und diese arbeitete daran, entgegen dem Wunsch St. Justs, die bürgerliche Gesellschaft in Lohnarbeit und Kapital zu polarisieren. „Die bürgerliche Revolution stand nur vor einer Aufgabe: alle Fesseln der früheren Gesellschaft hinwegzufegen, beiseite zu werfen, zu zerstören. Jede bürgerliche Revolution, die diese Aufgabe erfüllt, erfüllt alles, was von ihr verlangt wird: sie stärkt das Wachstum des Kapitalismus.“ (34.) Nun dürfte klar sein, warum man mit den Mitteln von 1789 der heutigen Kapitalistenklasse nicht beikommen kann. (35.) Gleichwohl aber hat die französische Revolution „…Ideen hervorgetrieben, welche über die Ideen des ganzen alten Weltzustandes hinausführen. Die revolutionäre Bewegung, welche 1789…begann…hatte die kommunistische Idee hervorgetrieben…Diese Idee, konsequent ausgearbeitet, ist die Idee des neuen Weltzustandes“. (36.).  Diese Idee wurde von Marx, Engels, Lenin und Stalin konsequnet ausgearbeitet: Über die Diktatur des Proletariats zur realen historischen Erfüllung dessen, was in der bürgerlichen Revolution nur eine Idee ihrer sozialistisch-anarchistischen Strömung war. Auf diese Strömung darf am 14. Juli ein Glas Rotwein erhoben werden.(37.)

Die Kernparole der bürgerlichen Revolution: „Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit“ kann ihrer Substanz nach nur eine globalbezogene sein, doch nach dem Sturz Robespierres begann eine national gesinnte Raubbourgeoisie, die nun nicht mehr unter dem Bann eines robespierristisch ausgerichteten Konvents stand, der in den Jahren 1793 und 1794 Gesetze erlassen hatte, die fixe Höchstpreise für die wichtigsten Verbrauchsgüter sowie ein Maximum für den Arbeitslohn festlegten,  die politische Bestimmung des Landes auszurichten, die bald im Inneren ohne die Armee nicht auskam. Napoleon nutzte die Gunst der Stunde, erklärte am 15. Dezember 1799 die Revolution für beendet und krönte sich 1804 zum Kaiser. Die napoleonische Expansion, die trotz ihrer Raubzüge (38.) immer auch progressive politische Züge trug, sie erzwang die Durchführung bürgerlicher Maßnahmen, provozierte europaweit nationale Befreiungskriege mit immer auch reaktionären Motiven. Besonders krass wurde dies in Spanien, obwohl die Guerrilakriegführung der vom erzkatholischen Klerus irregeführten Bauern zukunftsweisend war und wohl erst im XX. Jahrhundert als Totalität der Guerrila zum Tragen kam. Der Partisan, der einerseits seine soldatische Identität über eigener emanzipatorischer Motivation definiert, andererseits autochthon verhaftet ist, bleibt dennoch, um effektiv zu operieren, einer übergeordeneten Kollektivität verpflichtet. Napoleon, der im Rußlandlandfeldzug  vergeblich versuchte, eine Partisanenbewegung gegen den Zarismus zu initiieren, gab durch seine Niederlage von Waterloo den nationalen Bourgeoisien mental das Gefühl einer Gleichwertigkeit mit der damals politisch fortgeschrittensten Nation, die durch die militärische Niederlage keinen Quadratmeter Territoriums verlor und den Nimbus der „Grande Nation“ retten konnte – Frankreich war das klassische Land der absoluten Monarchie, der bürgerlichen Aufklärung und der bürgerlichen Revolution. Das gilt heute als selbstverständlich, ist aber nicht ohne weiteres selbstverständlich: denn der durch die industrielle Revolution möglich gemachte Verselbständigungsprozess des Produktionsprozesses gegenüber dem Naturprozess, seine Unabhängigkeit von natürlichen Kraftquellen, war in England viel weiter als in Frankreich. Die bürgerliche Revolution in ihrer klassischen Form hätte jenseits des Ärmelkanals stattfinden müssen. Es zeigt sich nicht nur, dass das einfache kausale Denken am historischen Prozess der bürgerlichen Revolution abgleitet, sondern auch am Prozess der proletarischen: Russland galt den marxistischen Koryphäen der II. Internationale während des ersten Weltkrieges als denkbar ungeeignet für eine bolschewistische Revolution. Die 48er Revolution im 19. Jahrhundert zeigte wiederum an, dass selbst dialektisch hochentwickeltes Denken hin und wieder patzen kann: Marx und Engels sahen in der bürgerlichen Revolution in Deutschland „nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen“. (39.) und konnten auch nach der Niederschlagung der 48er sich nicht sofort zur Korrektur entschließen.

Der revolutionären Konzeption nach sollte die fünfzehn Jahre später einsetzende Arbeiterbewegung (1830 fand in Lyon der erste Arbeiteraufstand statt) genuin internationalistisch ausgerichtet sein. Im Manifest von Marx und Engels wird diese Ausrichtung den Kommunisten direkt zur Auflage gemacht (40.) und die Sozialdemokratien der fortgeschrittensten Länder Europas blieben zunächst verbal dem Internationalismus verpflichtet, bis das Jahr des Ausbruchs des ersten Weltkrieges 1914 aufzeigte, dass dieser ein reines, das Basler Manifest von 1912 verhöhnendes  Lippenbekenntnis war. In der Mitte des ersten Weltkrieges machte Lenin dann ernst mit einem „Nationalismus“ – konträr zu den Lippenbekenntnissen schlußfolgerte  er auf Grund seiner Imperialismusanalyse, dass der Sieg des Sozialismus wegen der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der verschiedenen Länder wahrscheinlich nur in einem einzigen Land möglich sein wird. (41.) Oberflächlich betrachtet mag eine Parallele zur bürgerlich kapitalistischen Revolution vorliegen – der Zusammenbruch der internationalistischen Perspektive und das Aufkommen einer Konzentration auf das Nationale – aber die Leninsche Konzeption war in ihrer direkten Umkehrung des klassichen Marxismus dennoch dessen Internationalismus stets verhaftet geblieben, weder zu Lebzeiten Lenins noch Stalins wurde die Oktoberrevolution als reiner Selbstzweck betrachtet. Dadurch steht sie konträr zur nationalsozialistischen „Revolution“, die auf Grund ihres Antisemitismusses sogar konträr zur jakobinistischen steht und hinter diese zurückfällt, die die Judenemanzipation brachte. Der Hitlerismus als Repräsentation des deutschen kleinbürgerlichen Spießers ist überhaupt als eine einzige Reaktion gegen 1789 zu werten. So sehr auch die Schlacht um Stalingrad einen alleinigen Entscheidungskampf zwischen Arbeit und Kapital suggerierte, Stalins rote Truppen verteidigten nicht nur das Banner Lenins, die Fahne der sozialistischen Revolution, sondern dem deutschen Volk  gegenüber auch die Trikolore, die Fahne der demokratischen Revolution,die das feige Bürgertum jederzeit bereit war und ist, vor Militaristen in den Staub zu werfen. Ein weiterer Grund, an der Ernsthaftigkeit der Stalin Note von 1952 nicht zu zweifeln, die für Deutschland ausschließlich die demokratisch robespierristische Variante vorsah und die Weiterentwicklung zum Sozialismus zu seiner eigensten Angelgenheit gemacht hätte. Auf Grund ihrer durch den Hitlerüberfall verursachten Erschöpfung wäre ein kommunistisches Deutschland auf Grund der durch den Zweiten Weltkrieg herbeigeführten Truppenkonstellationen in außenpolitischer Hinsicht  für die Sowjetunion viel zu riskant gewesen. Kein Land verkraftet zwanzig Millionen Kriegstote so ohne weiteres, auch nicht das flächenmäßig größte unserer Erde. Der zweite Weltkrieg hatte wie abgeschwächter auch schon der erste eine schockhafte Wirkung von weltweiter Dimension. Stalin soll zehn Tage lang nach dem deutschen Überfall wie gelähmt gewesen sein. Das Atemberaubende des zweiten Weltkrieges liegt darin,dass er zunächst zu Resultaten führte, die schaudern ließen. Es sah zeitweise so aus, als ob es der deutschen Spießbürgerschaft (42.) tatsächlich gelingen würde, die bisherige Entwicklung der Weltzivilisation auszulöschen. Als die Rote Armee den Ring um Berlin immer enger zog, wollte Hitler durch den Nerobefehl wenigstens das deutsche Volk für immer aus der Weltgeschichte auslöschen.

In seiner politischen Dilletanz lehnte der reaktionäre klerikal faschistische Klüngel um Konrad Adenauer eine demokratische Entwicklung in Deutschland ab und koninuierte die faschistische Tradition, diesmal noch erniedrigender für das deutsche Volk, als Vasallenstaat des angloamerikanischen Imperialismus. Das aus ökonomischen und historischen Ursachen politisch erbärmliche deutsche Bürgertum hatte stets ein gebrochenes, nie ein positiv bekennendes Verhältnis zur französichen Revolution, nehmen wir einmal die große Ausnahme Georg Forster und seine Mainzer Republikaner heraus. Die Napoleonbegeisterung Hegels und Goethes galt einem Genie, nicht den Millionen Soldaten aus sansculottischer Herkunft, durch deren Manipulierung er sich erst als genial erwies. Das Bürgertum kann und will sich auch gar nicht aus seinen imperialistischen Verstrickungen befreien, einzig die Aktionen der RAF gegen us amerikanischen Militäreinrichtungen auf deutschem Territorium zeigten an, welches ungeheure revolutionäre Potential im deutschen Volk schlummert. Dieses wird eines Tages explodieren und wie die Jakobiner 1792 das französiche Territorium so auch das deutsche von imperialistischen Truppen säubern. Deutschland ist, was den aufrechten Gang betrifft, mittlerweile 220 Jahre hinter der französischen Revolution zurückgeblieben. Gegen dieses mittelalterliche Deutschland der Arbeitstiere der Lohnsklaverei bleibt die Parole der französischen Revolution: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen !“ hochaktuell, eine Parole, die in der russischen Revolution im April 1917 wieder auftauchte: im „Aufruf an die Soldaten aller kriegführnden Länder. (43.)

1.Ein Magistrat bezeichnete diesen Umstand folgendermaßen: „Der ordentliche Richter ist an feste Regeln gebunden, die ihn nötigen, etwas dem Gesetz Zuwiderlaufendes zu reprimieren; der (königliche/Zusatz von mir) Rat aber kann jederzeit zu einem nützlichen Zweck die Regeln umgehen.“ (Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, Rowohlt Verlag 1969, 56) Und Tocqueville gibt zugleich ein Beispiel für einen nützlichen Zweck: Ein Aufseher im Dienste des  Brücken- und Straßenbauamtes,der die Fronarbeit  beaufsichtigt, hat ohne Zweifel einen Bauern mißhandelt, aber dessen Klage muss evoziert werden, da Prozesse dieser Art die Arbeiten stören.(a.a.0.,58)

2.Im Zuge der Säkularisierung der Aufklärung lag die Tendenz der radikalen bürgerlichen Revolutionäre, die Gedoppeltheit der Welt in eine dies- und jenseitige aufzuheben. Gefahr für die Religion war spätestens dann gegeben, als Descartes das „lumen naturale“ nicht als ein von außen kommendes göttliches Licht bestimmte, sondern im Menschen selbst verortete. Die Guillotinierung des Königs wurde daraus zwangsläufig, Ludwig der XVI. stand in der Tradition: LÉtat cést moi, sanktioniert durch Gott mit einem mittlerweile kaltem Licht. Der Tod des Königs war die Geburt eines Neuen Staates ohne Heiligenschein. Aufschlußreich ist die Reaktion Papst Pius VI. (am 17.6.1793): „O glorreicher Tag für Ludwig, dem Gott die Kraft gab, Verfolgung und Martyrium geduldig zu durchleiden. Voller Vertrauen wissen wir, daß er die zerbrechliche Krone der königlichen Herrschaft und die Vergänglichkeit der weltlichen Lilien gegen die Lilienkrone der Ewigkeit eingetauscht hat, die Engel ihm wanden.“ Acta quibus ecclesiae catholicae catamitatibus in Gallia consultum est, Rom 1871, Bd.2,34 Die Ungleichheit unter den Menschen korrespondiert mit einer gespaltenen Welt,Emanzipation ist die Rückführung des Menschen auf ihn selbst. Wie unzulänglich die bürgerliche Revolution in diesem Sinne jedoch war, wird dadurch deutlich, dass sie als persönliche Schrulle Robespierres versucht, den christlichen Gott sklavisch durch den Glauben an ein Höchstes Wesen zu ersetzen. Im gleichen Jahr, in dem Pariser Massen die Bastille stürmten, und eine neue Epoche einleiteten, beendete Buffon seine „Allgemeine und spezielle Naturgeschichte“, die er 1749 begonnen hatte. Aus ihr ist leicht ersichtlich, dass die Existenz der Erde keinen Schöpfergott zur Voraussetzung hat.

3. Correspondance, herausgegeben von Th. Bestermann (F.Deloffre), Band VIII, Paris 1983,427. In der Broschürenflut wurden die Theorien der Aufklärung zur materiellen Gewalt und ergriffen die Massen. Als das Projekt der Enzyklopädie, zu der Voltaire wichtige Artikel beigesteuert hatte, in eine Krise geriet, nutzte er die Gunst der Stunde und gab 1764  ein „Dictionnaire philosophique portatif“ mit nur 350 Seiten heraus. In den ersten zwei Jahren erschienen anonym sechs Ausgaben, aus gutem Grund,  denn es wurde in Frankreich und Genf indiziert, in Holland öffentlich verbrannt. Um juristischen Nachstellungen zu entgehen, brachte Voltaire Gerüchte in Umlauf, die, auf die Enzyklopädie anspielend, die Verfasserschaft einem Autorenkollektiv zuschob. Siehe dazu den Aufsatz von Wido Hempel: Zu Voltaires schriftstellerischer Strategie, in: Jochen Schmidt (Herausgeber), Aufklärung und Gegenaufklärung in der europäischen Literatur, Philosophie und Politik von der Antike bis zur Gegenwart, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1989,Seiteb 241 bis 260.

4. Siehe: Voltaire: Essai sur les Moeurs et l´Esprit des Nations (1756) Das kirchlich-katholische Christentum steht disparat zur göttlichen und menschlichen Vernunft: „Diese Größe der Päpste und ihre noch unzähligemal weitergetriebenen Ansprüche  sind der Politik und der Vernunft ebensowenig gemäß als dem Worte Gottes, weil sie Europa zerrüttet und binnen siebenhundert Jahren ganze Ströme Blut fließen gemacht haben.“ (Voltaire, Die Rechte der Menschen und die Anmaßungen der Päpste, in: Republikanische Ideen Schriften 2, Syndikat Verlag 1979, 292). Für Voltaire gehen Kriege eindeutig auf die Religion zurück, nicht auf die Philosophie. Ganz eindeutig ist dieser Gedanke am Schluß des dreizehnten Briefes „Von dem Herrn Locke“ in seinen Briefen über die Engländer niedergelegt: „Niemals werden die Philosophen eine Glaubenssekte stiften. Warum ? Weil sie nicht für das Volk schreiben und weil ihnen Enthusiasterei fernliegt. Man teile das menschliche Geschlecht in zwanzig Teile, dann werden neunzehn Teile aus solchen bestehen, welche mit ihren Händen arbeiten und niemals wissen werden, daß es einen Herrn Locke in der Welt gegeben hat. Es fragt sich, wieviel von den übrigen zwanzigsten Teil Bücher lesen und von denen wiederum, welche Lesen sind es wohl zwanzig, die Liebesgeschichten lesen, gegen einen, der sich in der Philosophie umsieht. Die Zahl derjenigen, welche denken, ist überaus klein, und diese werden es sich niemals in den Sinn kommen lassen, die Welt in Verwirrung zu bringen. Weder Montaigne noch Locke noch Bayle noch Spinoza noch Hobbes noch Mylord Shaftsbury noch Collins noch Toland haben die Fackel der Uneinigkeit in ihrem Vaterland angezündet. Gemeinhin sind es die Gottesgelehrten, welche anfänglich aus Ehrgeiz Häupter ihrer Sekte und Häupter von Parteien werden wollen. Was sage ich ? Alle Schriften der neuen Weltweisen zusammengenommen, werden niemals so viel Lärm in der Welt machen, als vormals der Streit der Franziskaner über die Form ihrer Ärmel und ihrer Kutten gemacht hat“. (Voltaire, Briefe des Herrn de Voltaire die Engländer und anderes betreffend, Eulenspiegel Verlag Berlin, o. J.,61). Die Zahl der Denkenden ist überaus klein ! Man sieht, auch die Aufklärung kann ihren Aristokratismus haben, es versteht sich von selbst, dass Voltaire nur eine „Aufklärung von oben“ befürworten konnte. Merkwürdigerweise korrespondiert diese Passage Voltaires mit der eines anderen Aufklärers: unter Verweis auf die Aussage von Engels, dass der Staat nach der proletarischen Revolution absterbe, führt Lenin aus: „Man könnte wetten, daß von 10 000 Menschen, die vom „Absterben“ des Staates gelesen oder gehört haben, 9 990 überhaupt nicht wissen oder sich nicht entsinnen, daß Engels seine Schlußfolgerungen aus diesem Satz nicht nur gegen die Anarchisten richtete. Und von den übrigen zehn Menschen wissen neun sicherlich nicht, was der „freie Volksstaat“ ist und warum in dem Angriff auf diese Losung ein Angriff auf die Opportunisten steckt. So wird Geschichte geschrieben“. (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1960,410). Das ist wenige Wochen vor der Oktoberrevolution geschrieben, wenige Wochen später hat der „Voltairianer Lenin“ selbst Geschichte geschrieben. Dennoch geschrieben: denn wenn von 10 000 Menschen nur einer einen sozialistischen Klassiker richtig versteht, so ist die Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft in eine kommunistische zutiefst in Frage gestellt.

5. Warum auch. Sie trat gegen den religiösen Aberglauben auf und setzte „statt des christlichen Gottes die Natur dem Menschen als Absolutes gegenüber, die Politik dachte nicht daran, die Voraussetzungen des Staates an und für sich zu prüfen; die Ökonomie ließ sich nicht einfallen, nach der Berechtigung des Privateigentums zu fragen“ (Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Marx Engels Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin 1957,500), weil die aufstrebende, gegen den Feudaladel kämpfende Bourgeoisie zu ihrer Organisation der Produktion ein anderes Menschenmaterial brauchte als den unwissenden, in Religion eingehüllten Leibeigenen. Die neuen Produktivkräfte erforderten, “ dass die Produzenten auf höherer Kulturstufe stehen und anstelliger seien als die eingeschüchterten und unwissenden Leibeigenen, dass sie fähig seien, die Maschine zu verstehen und richtig mit ihr umzugehen. Darum ziehen die Kapitalisten die von feudalen Fesseln freien Lohnarbeiter vor, die auf hinreichend hoher Kulturstufe stehen, um mit den Maschinen richtig umzugehen“. ( Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, in: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin, 1946,152).

5. Voltaire, Briefe des Herrn de Voltaire die Engländer und anderes betreffend, Eulenspiegel Verlag Berlin, 1987,32

6. Bakunin an Ruge, Petersinsel im Bielersee, Mai 1843, in: Marx Engels Gesamtausgabe MEGA I/2, Dietz Verlag Berlin,1982,480. Die Revolution strafte also den biederen Konzepten der Philosophen Lügen, auch wenn Diderot sie anwies: „Beeilen wir uns, die Philosophie volkstümlich zu machen“. Die Schwungkraft der Revolution, die vieles Überlebte hinwegspülte,  kam woanders her. Das Tun der Menschen ist, wie Friedrich Engels ausdrücklich bemerkte, nicht aus ihrem Denken, sondern aus ihren Bedürfnissen zu erklären. (Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379). Dazu führt derselbe Engels aus: „Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor“. (Friedrich Engels an Karl Marx, Brief vom 13. Februar 1851). Es waren denn auch keineswegs die Selbstkräfte philosophischen Denkens allein, die die kämpferische Emanzipation der Philosophie von der Theologie bewirkten, die sie sich jahrhundertelang als Magd gehalten hatte. Die die Vernunft repräsentierende Philosophie gegen die den Glauben repräsentierende Theologie  wurde in diesem Kampf zwischen der Rationalität der Gesetze und der Irrationalität der Willkür und persönlichen Abhängigkeit zu einer Weltvernunft. Höhepunkte der Philosophie sind in ihrer Geschichte Perioden, in denen sie eine besondere Wissenschaft und keine besondere Wissenschaft ist. „Die Philosophen wurden aber in dieser langen Periode von Descartes bis Hegel und von Hobbes bis Feuerbach keineswegs, wie sie glaubten,  allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorangetrieben. Im Gegenteil. Was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,277).

7. August Bebel, Über die materialistische Geschichtsauffassung, in: August Bebel: Die moderne Kultur ist eine antichristliche, Alibri Vlg. 2007,61

8. Rüdiger Bubner: Rousseau, Hegel und die Dialektik der Aufklärung,in: Jochen Schmidt (Herausgeber), Aufklärung und Gegenaufklärung in der europäischen Literatur, Philosophie und Politik von der Antike bis zur Gegenwart, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt,1989,417. Eine radikale einseitige Frucht der Aufklärung war der in cartesianischer Tradition stehende mechanische Materialismus, hinter dessen vordergründige Regelhaftigkeit sich das Normabweichende, das Diffus-Emotionale nicht verdrängen ließ. Gerade noch die Aufklärung ist über Rationalität und ihren Kult keineswegs stringent. Rousseau und auch Adam Smith haben das Mitleid als eine Kardinaltugend gedeutet und nicht zufällig steht neben der Freiheit und der Gleichheit die Brüderlichkeit gleichrangig in der Kernparole der Revolution. Das von Josiah Wedgwood 1795 gegen den Sklavenhandel entworfene Medaillon zeigt einen angeketteten afrikanischen Neger, der da fragt: Am I not a man and a brother ? Erst nach der Aufklärung wurde die Ratio allmächtig, alles Gefühlsmäßige unterdrückend. Instinktiv erspürte die kapitalistische Werbung, dass über das angeblich Sekundäre, über ihre Gefühlswelt, die Menschen am besten zu manipulieren sind. Der Hellseher Hanussen unterwies Hitler in Gestik.

9. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,474

10. Das Mammutprojekt „Enzyklopädie“ begann eher zufällig. Ein erfolgreiches englisches Lexikon sollte übersetzt werden und Diderot wurde damit betraut, er sah, dass man es besser machen konnte. Am Ende wurde die Enzyklopädie die große genannt wie man auch später von der „Großen Sowjetenzyklopädie“ sprach. Schon der Frühaufklärer Fontenelle bemerkte die Nichtbeachtung der Handwerke: „Es ist erstaunlich, wie viele Dinge vor unseren Augen liegen, ohne daß wir sie sehen. Die Werkstätten der Handwerker glänzen nach allen Seiten von einem Geist und einer Erfindungskraft, die indessen unsere Blicke nicht auf sich ziehen. Es fehlt an Betrachtern für Instrumente und Praktiken, die sehr nützlich und sehr klug erdacht wurden“. (zitiert in: Krauss/Kortum: Antike und Moderne in der Literaturdiskussion des 18. Jahrhunderts, Berlin 1966,199). Pascal wandte sich bereits in seinen Pensées aus dem Jahre 1660 gegen ein Spezialistentum, der Mensch müsse sich allseitig bilden. Molière thematisierte dies in seiner Komödie „Les Femmes savantes“, die 1672 uraufgeführt wurde.

11.Lecreulx: Mémoire sur les projets d´instruction publique présentés aux deux Législatures; ders.: Mémoire sur l´établissement d´une École des Arts et des Sciences dans la Ville de Nancy pour y completter l´instruction publique, Nancy 1793,A.N.,F17 1009C – 2290,in: Hans-Christain und Elke Harten, Die Versöhnung mit der Natur, Gärten, Freiheitsbäume, republikanische Wälder, heilige Berge und Tugendparks in der Französischen Revolution, Rowohlt Verlag Hamburg, 1989,85ff.

12. Jean Jacques Rousseau, Émile oder über die Erziehung, Reclam Stuttgart 1998,7

13. Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, rororo Klassiker, Rowohlt Verlag Hamburg, 1969,120. Nach Engels hatten die besitzlosen Massen die bürgerliche Revolution, „selbst GEGEN (kursiv von F-E.) das Bürgertum“ (Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, Karl Marx und Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,421) , zum Sieg geführt. Als radikalster Ausdrucks des Terrors der Volksjustiz gelten die Septembermassaker in Pariser Gefängnissen, in denen inhaftierte Kleriker, Adeliger und royalistisch gesinnte Offiziere von Volksmengen getötet wurden. Einer dieser Volksjuristen gab die Intention der Richter und Richterinnen aus dem Volk wie folgt wieder: „…wenn alle die, die wir beauftragt haben, Justiz zu üben, ihre Pflicht getan hätten, wären wir nicht hier“. (Pjotr Kropotkin, Die Große Französische Revolution 1789 bis 1793, Band 1, Rixdorfer Verlagsanstalt, Berlin,1982,292). Die Wut gegen reaktionäre Volksfeinde mischte sich mit einer Säuberungswut, Paris von Kriminellen zu befreien: Royalismus und Kriminalität wurden Synonyma, selbst die öffentlichen Dirnen galten vor der moralisierenden Volkswut als Royalistinnen. (a.a.O.,295). Man war sich noch nicht bewußt, dass bürgerliche Revolutionen Minoritätsrevolutionen sind und Ausbeutung und Prostitution im Gefolge haben.  Das ist der spezifische Widerspruch zwischen Theorie und Praxis in der bürgerlichen Gesellschaft. Im Parlamentarismus liegt der große Volksbetrug vor, die Mehrheit hätte ihrer Ausbeutung zugestimmt. Wir müssen immer im Hinterkopf behalten, dass einer der führenden Ideologen der aufstrebenden Bourgeoisie. John Locke, die Mehrheit der Menschen für töricht hielt und elitärer Führung für bedürftig erklärte. Es gibt keine Bourgeoisie mit menschlichem Anlitz sowenig es einen Kapitalismus mit ihm gibt. Das Bürgertum ist von seinen Anfängen an menschenverachtend und damit zukunftslos.

14. Vergleiche Lenin,  Brief an die amerikanischen Arbeiter, in: Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin,1956,211

15. Damals sprach ganz Europa vom militärischen Heldenmut der Sansculottenkrieger, dessen Wurzel im freien bäuerlichen Bodenbesitz lag. Der von der Insel Korsika stammende konterrevolutionäre Militärdiktator Napoleon konnte dies ausbeuten, schon Rousseau hatte 1762 im Gesellschaftsvertrag „…eine gewisse Vorahnung, dass diese kleine Insel Europa eines Tages in Staunen versetzen wird.“ (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag 2008,56).

16. Maximilian Robespierre, Über die Prinzipiem der politischen Moral, Reden der französischen Revolution, dtv Text-bibliothek, München, 1974,349

17. Jean Jacques Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag 2008,42

18. Die Aufklärer waren sich dessen selbst bewußt, Kant sprach davon, dass wir noch nicht endgültig aufgeklärt seien, sondern nur in einem Zeitalter der Aufklärung leben. Nicht (Setzung durch) Autorität begründet objektive Geltung, sondern „Selbstdenken“ soll den Maßstab ergrübeln, der Objektivität auf ihre Substanz prüft und mißt. Fällt die Messung negativ aus, so muß die Zustimmung verweigert werden. Auf Zustimmung läuft die Grundhaltung des sich und die Menschheit aufklärenden Menschen hinaus. Die Zustimmung aus eigener Autonomie höhlte die Autoritäten aus, denn der Mensch drehte sich jetzt um seine eigene Achse. Selbstkritisch aber führt im Subjekt fundiertes Denken zur Einsicht von der Unvermeidbarkeit des Irrtums, reziprok auszulegende Toleranz wurde daher zum Leitgedanken. Der religiöse Glaube verlor sein Privileg, aus dieser Reziprozität ausgenommen zu sein, er wurde seines Ausnahmezustandes beraubt. Zwar sah sich der religiöse Mensch als gebrechlich an, gleichwohl war der Glaube eine von menschlicher Vernunft nicht zu zerstörende „feste Burg“ und kann dies in seiner Selbstbezogenheit auch immer bleiben, deshalb mußte auch Gläubigen menschliche Ratio unterstellt werden, die den Glauben von innen heraus zur Aufgabe zu zwingen habe. Würde der religiöse Glaube nicht in sich zusammenfallen, wenn er durch Aufklärung seiner Irrationalität inne wird, so wäre er eine Art Schizophrenie. Der Schizophrene steht zur subjektiven Autonomie disparat und schließt sich aus dem rationalen Weltzusammenhang und aus der bürgerlichen Gesellschaft selbst aus, wenn er weiterhin behauptet,  die Religion produziere ihn, nicht umgekehrt. Der autonome Mensch produziert alles aus sich, folgerichtig zerstört er die Metaphysik, folgerichtig kann sich ein säkularer Automatismus ergeben, in dem Mensch und Maschine sich gegenseitig bedingen, was für La Mettrie als Quintessenz der Aufklärung galt. Kant philosophierte, ob sich am Ende der Weltgeschichte ein Automat des Ewigen Friedens, den der Glaube unserer Welt vorenthielt, ergibt: „…bis endlich einmal, teils durch die bestmögliche Anordnung der bürgerlichen Verfassung innerlich, teils durch die gemeinschaftliche Verabredung und Gesetzgebung äußerlich, ein Zustand erreicht wird, der, einem bürgerlichen gemeinen Wesen ähnlich, so wie ein Automat sich selbst erhalten kann“. (Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, in: Die deutsche Geschichtsphilosophie von Lessing bis Jaspers,  Sammlung Dieterich,1959,55). Aber dazu bedarf es vieler Anläufe, es wäre eine verkürzende Darstellung der Aufklärung, ihren Menschen und ihren Ewigen Frieden in unserer Welt als Deus ex machina darzustellen. Der Prozess geht auch über Rückschritte, zugleich ist er dialektisch nach vorne weisend. Die Aufklärung mit ihrer Entlarvungstendenz von überkommenen Herrschaftsstrukturen enthält notwendigerweise zumindest rudimentäres dialektisches Denken gegen den gottgewollten Ewigkeitsanspruch des Ancien Regimes (siehe die anachronistischen Schriften Bossuets), Aufklärung und Feudalideologie bedingen sich, anarchistische und atheistische Tendenzen, zu denen die Gegenaufklärung treibt,  fließen in emanzipative Ideologie mehr oder minder immer ein.

19. La Mettrie, Der Mensch eine Maschine, Reclam 2007,50. 1750 veröffentlichte La Mettrie in Potsdam sein Werk: „L´art de jouir ou l´école de la volupté (1751 auf Deutsch in Braunschweig erschienen unter dem Titel: „Die Kunst, die Wollust zu empfinden“).

20.Vielleicht schenkte der japanische Geheimdienst Bucharin für Gegenleistungen das Leben, siehe: Nikolai Bucharin: Revisionist, Renegat, Verräter. Schriftenreihe der KPD Heft 71/ I, Berlin 2001,22

21. Der Beschluß des Politbüros wurde am 28. September 1987 gefasst, eine Rehabilitierungskommission nahm am 5. Januar 1988 ihre Arbeit auf, zunächst unter Vorsitz von Michail Solomenzew und ab Oktober 1988 unter Alexander Jakowlew. (Vergleiche: Schauprozesse unter Stalin 1932 bis 1952. Zustandekommen, Hintergründe, Opfer, mit einem Vorwort von Horst Schützler, Dietz Verlag Berlin, 1990,8).

22. Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Stuttgart, 1960,60. Wie dicht Rousseau hier den Kommunismus berührt, wird ersichtlich, wenn man diese Passage mit einer aus Lenins „Staat und Revolution“ vergleicht, in der er vom Absterben der Demokratie spricht: in diesem Prozess des Absterbens werden „…die von der kapitalistischen Sklaverei , von den ungezählten Greueln, Brutalitäten, Widersinnigkeiten und Gemeinheiten der kapitalistischen Ausbeutung befreiten Menschen sich nach und nach gewöhnen…, die elementaren, von alters her bekannten und seit Jahrtausenden in allen Vorschriften gepredigten Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens einzuhalten, sie ohne Gewalt, ohne Zwang, ohne Unterordnung, ohne den besonderen Zwangsapparat, der sich Staat nennt, einzuhalten“. (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960.476).

23. Shepard B. Clough, Retardierende Faktoren im französischen Wirtschaftswachstum am Ende des Ancien Régime und während der Revolutionszeit und der Napoleonischen Ära, in: Die Französische Revolution, herausgegeben von Eberhard Schmitt, Neue Wissenschaftliche Bibliothek Geschichte, Kiepenheuer & Witsch, 1976,184.

24. In der Bretagne zum Beispiel kassierten 30 000 Adelige (1,5 Prozent der Bevölkerung) ein Drittel der Bodeneinkünfte. Es ist aufschlußreich, zum Vergleich die Angaben heranzuziehen, die Lenin in seiner Schrift:  „Der Großgrundbesitz und der kleine bäuerliche Landbesitz in Rußland“ am Vorabend der Oktoberrevolution darlegte: 30 000 Großgrundbesitzer besaßen cirka 70 Millionen Deßjatinen Land. Ebensoviel Land kam auf 10 Millionen Bauernhöfe. „Auf jeden Großgrundbesitzer entfielen durchschnittlich 2300 Deßjatinen, auf jeden Bauernhof, die Kulakenhöfe eingeschlossen, durchschnittlich 7 Deßjatinen, wobei fünf Millionen wirtschaftlich schwacher Bauernfamilien, das heißt die Hälfte der ganzen Bauernschaft, nicht mehr als ein, zwei Deßjatinen Boden pro Hof besaßen.“ (Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung, Berlin 1946,184).

25. Vergleiche Shepard B. Clough, Retardierende Faktoren im französischen Wirtschaftswachstum am Ende des Ancien Régime und während der Revolutionszeit und der Napoleonischen Ära, in: Die Französische Revolution, Herausgegeben von Eberhard Schmitt, Neue Wissenschaftliche Bibliothek, Kiepenheuer & Witsch, Köln,1976,18. Die Ökonomie war eben noch so labil, daß eine Mißernte wie 1788 das ganze gesellschaftliche Gefüge ins Wanken bringen konnte.

26. Vergleiche Friedrich Engels: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, MEW 1,500. Bereits 1673 hatte Poulain de la Barre die berufliche Gleichstellung der Frauen gefordert. (De l´ egalité des deus sexes).

27. Paul Noack, Olympe de Gouges, dtv Biographie, München August 1992,139. Damit war die Revolution in der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter zu ihrem patriarchalischen Ausgangspunkt zurückgekehrt, schon zu den Wahlen zu den Generalständen wurden nur alle erwachsenen männlichen Steuerzahlenden zugelassen. Es mag ein kleine Genugtuung für fortschrittliche Frauen sein, dass Amar am Ende seines Lebens in Mystizismus verfiel.

28. Lefebvre wies auf die ruralen und urbanen treibenden Klassenkräfte unterhalb der jakobinistischen Hegemonie hin. Selbstredend eröffnete sich für marxistische Forscher ein Feld, auf dem noch zu ernten war. Mit ihrer Herrschaft verfestigte die Bourgeoisie auch ihre Ideologie der historisch begründeten Dominanz, die fortschrittlich war gegen den Feudalismus. Gegen den Sozialismus aber ist sie reaktionär, hat ihm gegenüber aber den Vorteil, älter zu sein als der wissenschaftliche Sozialismus und durch Institutionen vermittelt tiefer in den Volksmassen zu wurzeln. In den Kreisen der Sansculotten duzte man sich und dieses Duzen zeigte im Grunde an, dass die großjakobinistische Herrschaft zumindest angebrochen war. Ohne sansculottisches „Du“ gibt es keinen Sozialismus. Duzen ist quäkerisch, da für die Sekte aber sowohl der König als auch der  Kohlenbrenner auf dem gleichen Niveau des Du stehen (Vergleiche Voltaire: Briefe des Herrn de Voltaire die Engländer und anderes betreffend, Eulenspiegel Verlag Berlin, o.J.,9), stehen sie nicht in Tradition zum Sozialismus.

29. Das galt traditionell marxistisch bis zum Juli 1905, in dem Lenins Werk: „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ erschien und in dem das Verhältnis zwischen bürgerlicher und sozialistischer Revolution neu begründet wurde. Zwei Gedanken von Marx und Engels, die sie später nicht entwickelt hatten, vertiefend, dass es gelte, die Revolution als permanente zu gestalten (ausgesprochen in der Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten Ende der vierziger Jahre) und dass es weiterhin gelte, die proletarische Revolution durch eine Art zweiter Auflage des Bauernkrieges zu unterstützen (von Marx geäußert in einem Brief an Engels im Jahre 1856), gelangte Lenin zu der Schlußfolgerung, dass die sich abzeichnende demokratische Revolution am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Rußland in eine sozialistische hinüberwachsen könne. (Siehe: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung, Berlin 1946,90). Zwölf Jahre später, im Jahr 1917 sollte für Lenins Schlußfolgerung die Praxisprobe kommen. Ab dem neunten Januar kam es zu einer Streikwelle als deren Folge sich über die Februarrevolution eine Doppelherrschaft und eine zweite, diesmal proletarische  Revolution ergab. Der Übergang von der ersten zur zweiten Revolution reflektiert sich in Lenins Aprilthesen, in diesen heißt es kurz und lapidar: „Abschaffung der Polizei, der Armee, der Beamtenschaft“ (Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1978,5).

30. Karl Marx: Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, Ausgewählte Werke Bd. 1, Dietz Vlg. Berlin 1971,229. Es gehört zu den Aufgaben der Marxisten, die Arbeiterbewegung von der bürgerlichen Demokratie abzulösen.

31. Robespierre: Über die politische Lage der Republik, 17.11.1793, in der gleichen Rede auch: „Die französische Revolution hat in der ganzen Welt eine Erschütterung verursacht.“in: Reden der französischen Revolution, dtv text-bibliothek München 1974,323 und 319. Joachim Heinrich Campe schrieb in seinen Briefen aus Paris: „Welch ein Beispiel für das ganze übrige Europa und für alle, ihrer menschlichen Rechte…beraubte Menschen in allen fünf Welttheilen.“ ( Joachim Heinrich Campe, Briefe aus Paris, zur Zeit der Revolution geschrieben.Mit Erläuterungen, Dokumenten und einem Nachwort von Hans-Wolf Jäger. Hildesheim 1977, 30). Noch Robert Prutz, 1847 Dramaturg am Hamburger Stadttheater, schrieb in seinen Vorlesungen über die deutsche Literatur der Gegenwart: diese Revolution „gehört der Welt, sie ist die Revolution der Geschichte, sie ist der Anfang eines neuen Zeitalters überhaupt !“ (Robert Prutz, Vorlesungen über die deutsche Literatur der Gegenwart, in: Das junge Deutschlnd, Texte und Dokumente, Reclam Verlag Stuttgart, 1967,289). In der proletarischen Revolution liegt eine Steigerung revolutionärer Universalität vor, da sie gegen das Weltkapital kämpft. Lenin sprach von einer weltumfassenden Grundlage, „die unendlich breiter ist als die irgendeiner früheren Revolution“. (Lenin, Der IX. Parteiteg der KPR(B) vom 29. März bis 5. April 1920, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1957,239). Engels sprach von einer Revolution, „…gegen die die erste französische Revolution und das Jahr 1794 ein Kinderspiel sein wird“. (Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin 1960,252). Selbstredend hat auch die Abschaffung der Negersklaverei durch den amerikanischen Bürgerkrieg von 1863 bis 1865 eine geringere weltgeschichtliche Dimension als die Abschaffung der kapitalistischen Lohnsklaverei. (Vergleiche Lenin, Briefe an die amerikanischen Arbeiter, in Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin 1957,209).

32. Schillers republikanisches Schauspiel „Die Räuber“ wurde unter dem Titel „Robert, chef des brigands“ in Paris zum größten Theatererfolg der Revolutionszeit,nachdem es am 10. März 1792 im „Theatre du Marais“ zum ersten Mal gespielt wurde.

33. So sahen die Gesetze vom Windmond des Jahres II vor, das Vermögen der verdächtigen Konterrevolutionäre unter die armen Städter und Bauern zu verteilen. Auf dem Lande gab es im Hochsommer 1789 einen großen Bauernaufstand, ab dann schwelte der Bauernkrieg vor sich hin. Eine große Jacquerie im Juli reichtehin, die Konterrevolution niederzuhalten.

34. Lenin, Referat über Krieg und Frieden, LW 27, Berlin 1961,75. Der Kapitalismus wurde aus der feudalen Bodenhaftigkeit gesprengt und machte die Individuen  unabhängig voneinander, was im Katalog der bürgerlichen Rechte als Freiheit erscheint. Es ging um eine Dominanzverschiebung von der naturwüchsigen Herrschaft zu der der akkumulierten Arbeit, des Kapitals. (siehe Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie, Naturwüchsige und zivilisierte Produktiosinstrumente und Eigentumsformen, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,65). „In der Vorstellung sind daher die Individuen freier als früher, weil ihnen ihre    Lebensbedingungen zufällig sind; in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert.“ (a.a.O.,76). Im Manifest weisen Marx und Engels darauf hin , daß die deutsche Philosophie die politischen Forderungen der französischen Revolution, die auf die Durchsetzung des Kapitalismus hinausliefen, als Forderungen der „praktischen Vernunft“ fehlinterpretierte. (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,486) Es sei noch angemerkt, dass die Überwindung der Sklaverei durch den Feudalismus 200 Jahre benötigte, die des Feudalismus durch das kapitalistische System nur noch hundert. Stalin benutzte diese Angaben gegen Trotzki, um zu zeigen, dass auf Grund der immer rasanteren Entwicklung der Produktivkräfte das sozialistische Wirtschaftssystem in der Sowjetunion mit „Siebenmeilenstiefeln“ voranschreiten muß. (Vergleiche Stalin, Rede auf dem VII. erweiterten Plenum des EKKI, Stalin Werke Band 9, 126). Der bürgerliche Historiker Reinhard Kosselek spricht von einer Beschleunigungstendenz in der Neuzeit (Vergleiche Rüdiger Bubner: Rousseau, Hegel und die Dialektik der Aufklärung,in: Jochen Schmidt (Herausgeber), Aufklärung und Gegenaufklärung in der europäischen Literatur, Philosophie und Politik von der Antike bis zur Gegenwart, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1989,416)und Lenin forderte von seinen Berufsrevolutionären, dass sie sich als fähig erweisen müssen, den ständig steigenden Anforderungen gewachsen zu sein.

35. Eine bürgerliche Revolution stärkt das Wachstum des Kapitalismus, man kontrastiere diese Feststellung Lenins mit der Aussage Hegels über die französische   Revolution, dass in ihr sich der Mensch auf den Kopf gestellt habe, und es wird deutlich, wie eminent wichtig es in der Wissenschaftsgeschichte war, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen. Hegel wollte Vernunft und christlichen Glauben in ihrer Synthese harmonisieren, gegen diesen reaktionären Zug schrieb Lenin: „Abgeschmackt pfäffisches idealistisches Geschwätz über die Größe des Christentums…Widerlich, stinkig !“ (Lenin, Konspekt von Hegels „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“, Reclam Verlag Leipzig,1986,227). Eine idealistische Geschichtsbetrachtung machten Marx und Engels auch noch beim Linkshegelianer Bruno Bauer in seiener „Geschichte der Politik, Cultur und Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts“ aus, Bauer verbinde nicht die ideologischen Reflexe mit ihren materiellen Bedingungen. So zentriert er die französischen Klassenkämpfe am Ausgang des 18. Jahrhunderts auf den „weltgeschichtlich entscheidenden“ Philosophenkampf 1840/44 in Deutschland, er germanisiert die französische Philosophie hegelianisch, um “ in der Weltherrschaft der Theorie die Weltherrschaft Deutschlands“ zu proklamieren. (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,41). Die französische Revolution stellt im Grunde den Übergang von der landwirtschaftlichen zur industriellen Sklaverei dar, für die Physiokraten lag die Quelle allen Reichtums noch in der Landwirtschaft, und so sahen es auch die Bauernsoldaten in ihren Jacquerien. Marx konstatierte im „Elend der Philosophie“: „Eine Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten“. Robespierre führte die Dampfmühle zum Triumph. Für Voltaire bestand die Kunst der Politik darin, das Geld aus den Taschen einer Klasse in die einer anderen zu transferieren, jetzt floß alles in die Taschen der industriellen Kapitalisten. Französische Historiker (Thierry, Guizot, Mignet, Thiers) fingen an, im Klassenkampf den Motor der ganzen französischen Geschichte zu sehen. Denn mit der Dampfmühle tauchte neben  der bäuerlichen Bedrohung nun ein viel mächtigerer Feind des Bürgertums auf, das deshalb die industrielle Sklaverei  gleich am Anfang seiner Emanzipation durch Dekret vom 14. Juni 1791 festschrieb: Arbeiterkoalitionen seien eine Verletzung der Menschenrechte. (La Loi Le Chapelier).

36. Karl Marx, Die Heilige Familie, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1962,126

37. Endlich ist es Babeuf, der der Demokratie Fleisch und Blut gibt. Unter dem Deckmantel der Demokratie finde die Ausplünderung der Volksmehrheit durch eine Schmarotzerminderheit statt, Demokratie aber bedeute Glück und Wohlstand für alle (Le bonheur commun). In: Das Manifest der Plebejer vom 30.11.1795, es erschien in Babeufs Zeitschrift: Der Volkstribun Nr. 35. Dieser Gedanke wurde im Marximus entideologisiert, die „Demokratie ist…eine Spielart des Staates. Folglich ist sie, wie jeder Staat, eine organisierte, systematische Gewaltanwendung gegenüber Menschen.“ (Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25,486).Mögen bürgerliche Ideologen 1789 als systematische Gewaltanwendung gegenüber Menschen feiern und die französische Reaktion dies durch den alljährlichen Aufmarsch der Fremdenlegion am 14. Juli vorführen, Engels und Lenin waren weiter, sie sprachen vom Einschlafen der Demokratie im Kommunismus.(a.a.O.,409).

38. Vergleiche Hermann Degering, Französischer Kunstraub in Deutschland 1794 bis 1807, in: Internationale Monatsschrift für Wissenschaft Kunst und Technik. Begründet von Friedrich Althoff, Jahrgang 11, Heft 1, 1916, Seite 2 bis 47.

39. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,493

40. „Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, daß sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen…“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin,1977,474).

41. Folgt man der Geschichte der KpdSU (B) der Stalinzeit, so wird die Leninsche Konzeption sogar schon um zehn Jahre vordatiert: bereits in der Schrift „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ seien erste Grundelemente zu ihr angelegt. (Vergleiche: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung, Berlin 1946,92).

42. „In Deutschland bildet das vom 16. Jahrhundert her überlieferte und seit der Zeit in verschiedener Form immer neu wiederauftauchende Kleinbürgertum die eigentliche gesellschaftliche Grundlage der bestehenden Zustände“. (Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin,1977,487). Im Abschnitt des Manifestes: „Sozialistische und kommunistische Literatur 1. Der feudale Sozialismus c) Der deutsche oder der „wahre“ Sozialismus“ finden wir aufschlußreiche Hinweise zu den Wurzeln des spezifisch deutschen Faschismus.

43. Aufruf an die Soldaten aller kriegführenden Länder, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin 1956,143

Heinz Ahlreip, 20.3.2012

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