100 Millionen streiken in Indien Tod dem kapitalistischen Ausbeutersystem

Friedrich Engels fasste die Lehre des historischen Materialismus über die bewegenden Kräfte der Geschichte in den Worten zusammen, dass es „grosse Massen, ganze Völker und in jedem Volk wieder ganze Volksklassen“ 1. sind. Am 28. Februar 2012 wurden diese Worte auf dem brodelnden indischen Subkontinent eindrucksvoll bestätigt: 100 Millionen Inder und Inderinnen folgten dem gemeinsamen Generalstreikaufruf von allen elf Gewerkschaften und fünfhundert weiteren Basisorganisationen. Die Kommunistische Partei Indiens (Marxisten), die drittstärkste Kraft des Landes, sah in dem Streik einen Beweis der Einheit und des Kampfgeistes der indischen Proleten. Parteipolitische Rivalitäten waren in den Hintergrund getreten. „Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter“. 2. Es war der bisher größte Ausstand in der indischen Geschichte und zeigt uns – obwohl er nur einen Tag dauerte – eine viel dynamischere gewerkschaftliche Aktivität als sie die vollgefressenen Gewerkschaften Westeuropas vermögen, die am Maifeiertag nicht einmal auf dieses Leuchtfeuer im Südosten hinwiesen. Schon Stalin hielt 1924 in seinen Vorlesungen über die Grundlagen des Leninismus das indische Proletariat für ausgesprochen kämpferisch und revolutionär. 3. Diese westeuropäischen Gewerkschaftsbonzen sind so vollgefressen, dass sie nicht einmal daran denken, Streiks mit Stadt- und Landguerillaktionen, mit Expropriationen, mit Banküberfällen zum Aufbessern der Sreikkasse zu kombinieren. Der Vollfraß rührt daher, dass mit mit dem Profit auch der Extraprofit steigt, aus dem die Mästung erfolgt. Diese Bonzen wollen  die europäischen Volksmassen täuschen, die aber wissen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Europa dank seiner Bourgeoisie fortgeschritten ist. Heute ist es fortgeschritten trotz seiner Bourgeoisie und den sich in ihrem Schlepptau befindlichen Gewerkschaftsbonzen.  4.  Die Gewerkschaften Indiens stehen unter starkem kommunistischen Einfluß, zudem operieren auf dem Subkontinent auch noch die militanten maoistisch ausgerichteten Naxaliten. Sie benennen sich nach dem Dorf Naxalbari, in dem in den 50er Jahren der erste maoistische Aufstand nach der Unabhängigkeit Indiens stattfand. Die heute operierende naxalitische Guerilla geht auf eine Splittergruppe zurück, die sich im April 1980 von der Kommunistischen Partei Indiens (ML) abspaltete. Diese Naxaliten führen mit einer „People´s Liberation Guerilla Army“ im an Bodenschätzen reichen Urwald Zentralindiens einen Dschungelkrieg gegen auch vom Mossad ausgerüsteten Regierungstruppen.  5. Aufgerufen hatten unter anderem die beiden großen kommunistischen Gewerkschaften „All India Trade Union Congress“ (AITUC) und „Centre of Indian Trade Unions (CITU), sodann die „Bharatiya Mazdor Sangh“ (BMS), die der hindunationalistischen „Bharatiya Janata Party“ (BJP), der größten Oppositionspartei, nahesteht, der „Indian National Trade Union Congress (INTUC), die Gewerkschaft der die Regierungskoalition anführenden Kongreßpartei (INC), die Labour Progressive Front der Tamilenpartei DMK und sogar die Gewerkschaft der hinduextremistischen Shiv Sena und der Muslimliga. 6. Es ist bekannt, dass es zwischen Hindus und Moslems in Indien oft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt. Aber dahinter stecken fanatische Pfaffen, die die Gläubigen im Namen höherer Wesen aufeinander hetzen. Die Zentralregierung unter Premierminister Manmohan Singh hatte sich gegen den Generalstreik ausgesprochen.  Die Regierung weiß sehr gut, dass Streiks, die sich aus dem ganzen Wesen der kapitalistischen Gesellschaft ergeben, den Arbeitern  die Augen öffnen nicht nur über ihr Verhältnis zu den Kapitalisten, sondern auch über das zur Regierung (und das Verhältnis der Kapitalisten zu ihrer Regierung, über den Zusammenhang von Regierung und Kapital). Auch die Vereinigte Industrie- und Handelskammer  Indiens (Assocham) war gegen ihn. Es gab auch Gerichtsanordnungen, die die Ausrufung von Bandhs oder Hartals (Generalstreik) für unzulässig erklärten. Dieses ganze konterrevolutionäre Gehabe dient aber letztendlich nur dazu, das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu heben. Wie denn auch die Massenverhaftungen von Streikenden, aus Dehli wurden zwei hundert Verhaftungen gemeldet, aus Jammu und Kaschmir wie aus Bengalen je zwei tausend.

Schwerpunkte des Generalstreiks  waren die Wirtschaftsmetropole Mumbai (Bombay), die zweitgrößte Stadt Kalkata (Kalkutta), die eine gewerkschaftliche Hochburg ist, hier war der Nahverkehr stark betroffen und cirka hundert Streikende wurden wegen Störung des Straßen- und Bahnverkehrs festgenommen, sowie die kommunistische Hochburg Kerala, in der fünf Millionen Arbeiter und Angestellte streikten, und Westbengalen, wo kommunistische Parteien großen Einfluß haben. In Nagpur waren nicht nur der Transport und die Banken betroffen, aufgerufen zum Streik hatte auch die Vereinigung der Bankbeamten (Vishwas Utagi), sondern zum ersten Mal in der jüngsten Vergangenheit auch die Ordnance Factory, eine Waffenfabrik, in Ambhajhari, die Artillerieraketen und die neuesten Pinaka Raketen produziert. 7. Fabriken, Märkte und Schulen  wurden ebenfalls bestreikt. In vielen Regionen hatte es vorsorglich einen Tag schulfrei gegeben. An den Universitäten ruhte der Lehrbetrieb, denn auch die Vereinigung der Hochschullehrer (All India Federation of University and College Teachers Organisationn) hatte sich dem Streik angeschlossen.

Die soziale Schere ist in den letzten Jahren immer weiter auseinandergegangen. Zwar hat Indien mittlerweile über eine Millionen Millionäre, aber über 70 Prozent des Volkes  müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt in Indien bei 3 700 Dollar im Jahr, in diesem Betrag sind die mehr als eine Millionen Millionäre eingeschlossen. „Selbst unter der Sklaverei und unter der Leibeigenschaft gab es niemals eine so furchtbare Knechtung des arbeitenden Volkes wie die, bis zu der die Kapitalisten gehen, wenn die Arbeiter ihnen keinen Widerstand leisten können, wenn sie sich keine Gesetze erkämpfen können, die die Willkür der Unternehmer beschränken“. 8. Die Profitrate der Unternehmer ist zwischen 1980 und 2008 von 20 auf 60 Prozent gestiegen. Der Streik richtete sich gegen die Privatisierungspolitik der Zentralregierung, die als Werkzeug der Kapitalisten hilft, insbesondere die Öl- und Gasvorkommen und den Bergbau zu privatisieren, sprich: auszuplündern, auch durch ausländische Investoren, auch durch deutsches Kapital. 2011 war das Jahr der höchsten Direktinvestitionen seit der Marktöffnung im Jahr 1996. Es gibt cirka sechs hundert deutsch-indische Gemeinschaftsunternehmen (besonders stark im Pharma- und Automobilsektor, Informationstechnologie und Windenergie/ Siemens und Bosch bauen Züge und Wasserturbinen). Mitte Mai 2012 war der indische Handelsminister Anand Sharma, der für 2012 die höchsten Direktinvestitionen aller Zeiten erwartet (15 Milliarden amerikanische Dollar) in Deutschland und sprach mit den Ministern Rösler und Ramsauer. Auch gegen diese internationale Kapitalmafia richtete sich der Generalstreik, in dem die Wiederverstaatlichung bereits privatisierter Unternehmen gefordert wurde. Er richtet sich gegen die Möglichkeiten der Arbeitgeber, sprich: Parasiten, das geltende Arbeitsrecht zu beschneiden. Er trat für die Anhebung der Mindestlöhne auf 10 000 Rupien pro Monat ein, (die Rupie hat seit Jahresbeginn einen Wertverfall von 16 Prozent, die Inflation liegt bei sieben Prozent, Indien ist Nettoimporteur von Öl und Gas und der Ölpreis hat sich in einem Jahr verdoppelt) und für bessere Arbeitsschutzgesetze. Tagelöhner haben keinerlei soziale Absicherung und fristen ein Hungerdasein.

Bei den ständig steigenden Lebenshaltungskosten ist die Hauptfrage in Indien heute: wie sollen wir unsere Familien durchbringen ?, zumal das Wirtschaftswachstum von neun auf sechs Prozent gesunken ist. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind explodiert, die Gemüsepreise stiegen vom März auf den April um 26 % und treffen über 70 Prozent des Volkes, die mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen, besonders hart – die Analysten der Bank Credit Suisse sprechen von einem Lebensmittelschock. 9. Und das ist der wirkliche Sprengstoff unter dem ganzen politischen und juristischen Überbau. Es sind Perversionen des sozialen Lebens wie vor der französischen Revolution, als im Juli 1789 sage und schreibe 98 Prozent des Lohns allein von den Nahrungsmitteln verschlungen wurden. 10. Der Sturm auf die Bastille folgte auf den Fuß.

Nach Karl Marx tun die Gewerkschaften gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals 11., sie sollen sich aber nicht in einem Kleinkrieg verzetteln. Bei 100 Millionen kann es keinen Kleinkrieg mehr geben, sondern Streiks dieser Art sind eine große Schule des Krieges gegen das Kapital und ein deutscher Innenminister aus der Zeit des Sozialistengesetzes hatte ganz Recht, als er hinter jedem Streik die Hydra der Revolution vermutete. Aber vergessen wir nicht, die Schule des Krieges ist noch nicht der Krieg selbst. Noch nie hat ein Streik zum Sozialismus geführt. Arbeiter im Streik hören auf, Sklaven zu sein, „sie werden Menschen…Jeder Streik erinnert die Kapitalisten daran, dass die wahren Herren nicht sie sind, sondern die Arbeiter, die ihre Rechte immer lauter und lauter anmelden. Jeder Streik erinnert die Arbeiter daran, dass ihre Lage nicht hoffnungslos ist, dass sie nicht allein stehen“. 12. Dass es eine  kommunistische Partei gibt, die über die politische Macht den bürgerlichen Parasiten Brot, Feuer und Wasser wegnehmen wird. 13. Auch für Marxisten sind diese Massenaktionen eine Schule des Lebens, sie lernen stets aus der Massenpraxis zu dem Endzweck: TOD DEM KAPITALISTISCHEN AUSBEUTERSYSTEM !

1. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,298

2. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,471

3. Vergleiche Stalin, Grundlagen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin, 1952,87

4. Vergleiche Lenin, Das rückständige Europa und das fortgeschrittene Asien, Werke Band 19, Dietz Verlag 1957,82

5. Diese Guerilla fing an mit 49 Kämpfern und Kämpferinnen in Dandakaranya, ihre Volkskampfgruppe bestand zunächst nur aus sieben bewaffneten Trupps. Heute kontrolliert die Guerilla ein Gebiet von cirka 60 000 Quadratkilometer Wald, Tausende von Dörfern und Millionen Menschen. Dandakaranya wird von einem System von Volksregierungen verwaltet und augenscheinlich hat im Guerillagebiet der Waldbestand zugenommen.

6. Siehe: Junge Welt vom 1. März 2012, Seite 9

7. Vergleiche Sozialistische Zeitung, Generalstreik in Indien, Für einen nationalen Mindestlohn und Festanstellung, von Kunal Chattopadhay. (Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung). „In dieser Fabrik werden fast sechs hundert Raketen verschiedener Kaliber hergestellt, unter anderem auch die 155-mm-Variante, die aus Bofors Gewehren abgefeuert werden, sowie täglich 24 Pinaka Raketen“.

8. Lenin, Über Streiks, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1956,307

9. Siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Mai 2012,11: Preise in Indien steigen schneller.

10. Vergleiche Shepard B. Glough, Retardierende Faktoren im französischen Wirtschaftswachstum am Ende des Ancien Régime und während der Revolutionszeit und der Napoleonischen Ära, in: Die Französische Revolution, herausgegeben von Eberhard Schmitt, Neue Wissenschaftliche Bibliothek Geschichte, Kiepenheuer & Witsch, 1976,189. Als Anfang 1793 das Brot durch Angstkäufe knapp wurde, kam es zum sogenannten Ladensturm durch revolutionäre Sansculotten.

11. Karl Marx, Lohn Preis Profit, Dietz Verlag Berlin, 1960,70

12. Lenin, Über Streiks, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1956,309f.

13. Vergleiche Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1959,280

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