Der „Liebling der Partei“ Nikolai Bucharin im Spiegel Lenins

„Das Schlimme aber ist, dass Bucharin nicht an Bescheidenheit leidet. Das Schlimme ist, dass er nicht nur an Bescheidenheit leidet, sondern sich sogar unterfängt, unseren Lehrer Lenin in einer ganzen Reihe von Fragen zu belehren…“1.

Es steht außer Zweifel, dass in Lenins sogenanntem Testament Bucharin als „Liebling der Partei“ bezeichnet wurde, als eine hervorragende Kraft, als ein überaus wertvoller und bedeutender Theoretiker der Partei, alles sehr positive Einschätzungen, wenn aber die materialistische Dialektik die Seele des Marxismus ist, so befindet sich im Testament ein Teufelsfuß: „…er (Bucharin) hat die Dialektik nie studiert und, ich glaube, nie vollständig begriffen“. 2. Philosophisch hat er sich den Materialismus nicht über Plechanow, sondern positivistisch über Bogdanow angeeignet. Auf den „Liebling“ spielt Stalin in seiner Rede über die rechte Abweichung in der KPdSU (B) an, wenn er ausführt: „Im Altertum sagte man von dem Philosophen Plato: wir lieben Plato, die Wahrheit aber noch mehr. Dasselbe könnte man auch von Bucharin sagen: Wir lieben Bucharin, aber die Wahrheit, aber die Partei, aber die Komintern lieben wir noch mehr“. 3. Es muss der Naivität Bucharins zugeschrieben werden, nicht gemerkt zu haben, welche für ihn gefährliche Brisanz in der Beurteilung steckte, die Dialektik nie studiert zu haben. Ohne die materialistische Dialektik nicht begriffen zu haben, gerät man leicht auf Abwege: so erschien Mitte der 30er Jahre in der Emigrantenzeitschrift „The New Leader“ ein „Brief eines alten Bolschewisten“, in dem der Altbolschewik mit den bisherigen sogenannten „Schauprozessen“ abrechnete. Herausgegeben wurde diese Zeitschrift von dem Menschewisten Levitas, der stellvertretender Bürgermeister von Wladiwostok war und 1923 vor dem Bolschewismus in die USA floh, der Autor des Briefes war Bucharin.

Vor seinem Prozess schrieb der Lehrersohn Bucharin am 12. Dezember 1937 einen Brief an Stalin, in dem er bat „….mich für x Jahre nach Amerika auszuweisen. Die Argumente, die dafür sprechen, sind: Ich würde eine Kampagne zu den Prozessen und einen gnadenlosen Kampf gegen Trotzki führen, ich würde bedeutende Schichten der schwankenden Intelligenz für uns gewinnen, ich würde taktisch der Anti-Trotzki sein und würde die Sache  mit großen Elan und direkt mit Enthusiasmus betreiben: man könnte einen qualifizierten Tschekisten mit mir mitschicken und als zusätzliche Garantie meine Frau für ein halbes Jahr festhalten, bis ich in der Praxis bewiesen habe, wsie es mir gelingt, Trotzki & Co in die Fresse zu hauen usw…“ Im gleichen Brief: „…ich habe gelernt, Dich mit Vernunft zu schätzen und zu lieben“. Kann man denn Liebe lernen ? (http://www.stalinwerke.de/mp/mp/bucharinbrief.html).

Am 30. Mai 2005 erschien im Dietz Verlag Berlin ein interessantes, 480 Seiten starkes Buch von Nikolai Bucharin: „Philosophische Arabesken“, interessant insofern, als es die Schriften enthält, die Bucharin in seiner Untersuchungshaft vor seinem Prozess in Moskau geschrieben hat. Die bürgerlichen Ideologen haben Greuelmärchen über Folterungen im Gefängnis Lubjanka erfunden, das Buch selbst gibt in seinen Anmerkungen Aufschluß darüber, dass die Gefängnisbibliothek erstklassig ausgestattet war, auch durfte Bucharins Frau Bücher aus seiner Privatbibliothek mitbringen, besonders die über die Ideologie des deutschen Faschismus, die Bucharin 1936 in Berlin gekauft hatte. Vor allem aber gibt das Buch Auskunft über die intellektuelle Degenerierung Bucharins, Sätze wie: „Doch eine Religion ist gut, wenn sie materialistisch ist ! Die Eschatologie ist gut, wenn der Sozialismus schon Tatsache ist ! Der Messianismus (als Utopie verstanden) ist gut, wenn er Hunderte Millionen in seinen Bann zieht und – die Hauptsache – siegt ! und wie er siegt !“ 4. Sätze, in denen man den wissenschaftlichen Sozialismus, ein Ausdruck, der übrigens nicht auf Marx und Engels zurückghet, sondern auf Karl Grün, auch mit der Lupe nicht findet, eine wirre Vermengung religiöser Fundamentalsehnsüchte, und das nach der Schrift von Friedrich Engels: „Die Umwandlung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ ! Inwiefern Theodor Bergmann in einer Art Einleitung (zur vorleigenden Edition der „Philosophischen Arabesken“ von Nikolai Bucharin) darin eine Weiterentwicklung des Marxismus erblickt, bleibt sein Geheimnis und ihm überlassen, das von ihm dem Prozess gegen Bucharin zugeschriebene Kafkaeske ist wohl eher in der geistigen Verwirrung Bucharins zu verorten. Sehr aufschlußreich für den intellektuellen Verfall Bucharins sind die Mitteilungen seines Schülers, des Wirtschaftswissenschfaftlers Alexander Eichenwald 5., der Bucharin im Gefängnis besuchte. Eichenwald war zu Recht sehr erstaunt, als Bucharin ihm die Hauptkontur seines neusten Buchprojekts skizzierte: er wolle ein Buch über die menschliche Natur und den Wert des Lebens schreiben. Und da soll man nicht erstaunt sein, zumal schon der gute alte Professor Eugen Dühring der Arbeiterklasse 1865 das Buch „Der Werth des Lebens“ offerierte.“Zu seiner noch größeren Verwunderung aber habe er erfahren müssen, dass Bucharin mit Eifer bemüht war, ihn von seiner neuen wissenschaftlichen Aufgabe zu überzeugen. Alle Ideologie, Ökonomie und Politik seien zu vergessen. Es komme darauf an, den Sinn und den Wert des menschlichen Lebens zu ergründen.“ 6. Am Ende des intellektuellen Lebensweges  von Bucharin steht ganz wi in Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens. 7. Es ist vielleicht nicht zufällig, dass Trotzki in einer Buchbesprechung eines Buches von Celine als Zweck seiner revolutionären Tätigkeit angab, dass sie „die Menschheit aus dunkler Nacht heraus zum klar umrissenen Individuum führt“. 8.  Alles recht interessante „Weiterentwicklungen“ des Marxismus !! Am Ende vergisst Bucharin Ideologie, Ökonomie und Politik ! Er hat zu einem subjektivistischen Ansatz gefunden und bestätigt ganz Lenins Ausssage , dass er die Dialektik nicht begriffen habe. Die Gesellshaft entwickelt bekanntlich nach den drei dialektischen Grundgesetzen: Einheit und Kampf der gegensätze (Bourgeoisie/Proletariat), Umschlag von Quantität in Qualität, Abbrechen der Allmählichkeit, revolutionäre Sprünge und Negation der Negation (staatenlose Urgesellschaft, Gesellschaften, die auf verschiedenen Formen des Privateigentums an Produktionsmitteln beruhen und Sozialismus/Kommunismus). Bei der adialektischen Betrachtungsweise der Bewegung „bleibt die Selbstbewegung, ihre treibende Kraft, ihre Quelle, ihr Motiv im Dunkel (oder diese Quelle wird nach außen verlegt – Gott, Subjekt etc.)“ 9. Legt nicht auch Bucharin die treibende Kraft ins Subjekt, wenn er sich am Ende eeiner anthropologischen Fragestellung zuwendet ? Das ist ganz die Fragestellung, die Kant der Philosophie aufgegeben hat: Was ist der Mensch ?, die gleiche Fragestellung, mit der sich auch die Generalsekretärin der SPD, Andrea Nahles, in ihrem Buch: „Andrea Nahles Frau gläubig links“ 10. fast manisch befasst. Und so hat Bucharin am Ende seines letzten Aufsatzes „Lenin als Philosoph“ die wohl richtige Ahnung gehabt, Stalin als den Lenin seiner Zeit einzusetzen: „Lenins Genius ist von uns gegangen. Die Epoche aber bringt die Menschen hervor, die sie braucht. Der neue Gang der Geschichte hat Stalin auf seinen Platz gestellt, der in das Zentrum seines Denkens und Hnadelns die nächste Etappe der Geschichte gerückt hat, in der der Sozialismus unter seiner Führung für immer gesiegt hat“. 11. Der Leser entscheide selbst, in wessen Kopf und in wessen Händen die sozialistische Gesellschaft der Sowjetunion besser aufgehoben war: in einem Kopf, der Ideologie, Ökonomie und Politik vergessen wollte oder in einem Kopf, der sich immer bescheiden als Schüler Lenins bezeichnete. Die Sache liegt doch klar auf der Hand. Heute ist es gerade ein ganzer mit guten finanziellen Mitteln ausgestatteter Schwarm kleinbürgerlicher, linkstuender Intellektueller, die den Buchmarkt vollstopfen mit schmutzig entnervenden Ergüssen, wie problematisch doch die ganzen Verhältnisse zwischen Trotzkismus und Bucharinismus seien und die alle darauf hinauslaufen, die Geheimrede Crutschovs zu bestätigen. Klar haben diese Kreise Probleme mit Stalin und der Diktatur des Proletariats und es ist ihr Bestreben, die linke Diskussion zu dominieren. Am Ende stehen keine harten Klassenkäpfer, sondern verunsicherte Wackelkandidaten…für wen soll man sich denn nun entscheiden ? , der Marxismus ist ja so pluralistisch auslegbar. Noch wenige Wochen vor der Oktoberrevolution lehnte Trotzki die Bezeichnung „Bolschewik“ für sich ab, eine Anerkennung des Bolschewismus dürfe man von ihm nicht erwarten. Um dann nur wenige Tage später im August 1917 auf dem VI. Parteitag  der SDAPR (B) beizutreten. Die kleinbürgerlichen Intellektuellen  müssen nun einmal alles widersprüchlich machen und wähnen sich dann in der Tradition der großen Dialektiker. Sie irren sich. Engels bezeichnete bekanntlich die primär von Marx entwickelte dialektische materialistische Dialektik als „…unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe…“ 12. , die Lenin vertiefte. Vergleicht man die Darstellung dieser fundamentalen methodologischen Frage zwischen Bucharin und Stalin, so ist der Gegensatz ein diametral entgegengesetzter. In Bucharins Schrift „Lenin als Marxist“ lesen wir: „Verstehen wir aber unter Marxismus nicht die Summe von Ideen, wie sie bei Marx vorlag, sondern dieses Instrument, diese Methodologie, die dem Marxismus zugrunde liegt, so begreift es sich von selbst, dass der Leninismus keineswegs etwas darstellt, was die Methodologie der Marxschen Lehre modifizieren oder revidieren würde. Im Gegenteil, in diesem Sinne ist der Leninismus die vollständige Rückkehr zu dem Marxismus, wie er von Marx und Engels selbst formuliert worden ist“. 13. Dagegen entwickelt Stalin in seinen Vorlesungen an der Swerdlow Universität: „Über die Grundlagen des Leninismus“, dass die Methode Lenins keine „einfache Wiederherstellung dessen ist, was uns Marx gegeben hat. In Wirklichkeit ist die Methode Lenins nicht nur die Wiederherstellung, sondern auch die Konkretisierung und Fortentwicklung der kritisch revolutionären Methode von Marx, seiner materialistischen Dialektik“. 14.

Ein fundamentales Kapitel in den „Arabesken“ ist zweifellos das “ Über die Dialektik Hegels und die Dialektik von Marx“, das aber im Grunde primär nur ein, in Zügen gelungenes Referat der Hegelschen Logik darstellt mit einer stiefmütterlichen Behandlung von Marx am Ende. Was hätte näher gelegen, als beide Dialektiken ineinander zu spiegeln, die Dialektik der objektiv idealistischen Interpretation objektiver Weltentwicklung,  bei der dem Philosophen nur das bloße Zusehen bleibt und die der revolutionären Weltveränderung durch den proletarischen Revolutionär. Der Idealist Hegel fixiert seine Dialektik in der konstitutionellen Monarchie Preußens und liefert damit eine ideologische Weltinterpretation, opfert die dynamische Entwicklungstotalität einer unabänderlichen geschichtsfinalen Klassenherrschaft. Am Ende des mißglückten Vergleichs, besser: der unterlassenen Kontrastierung, denn Marx sagt, seine Methode sei der Hegelschen direkt entgegengesetzt,  streift Bucharin Momente seiner Vision des Kommunismus: „Die Ethik wächst hinüber in eine eigentümliche Ästhetik, und die „Pflicht“ verwandelt sich in einen einfachen Instinkt, in den wunderbaren Reflex eines normalen Menschen.“ 15.) Mit einem rätselhaften Hinüberwachsen von Ethik in Ästhetik dürften sich Generationen von Philosophen und Kunstwissenschaftlern beschäftigen, wenn denn Bucharin Gewicht für die kommunistische Weltbewegung hätte, in wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht besteht der fundamentale Unterschied zwischen der bürgerlichen und der kommunistischen  Gesellschaft darin, dass es in letzterer keine Gesellschaftswissenschaften mehr zu lehren gibt, da deren Bedingung, die Klassenspaltung, überwunden ist. Das stellt natürlich eine Umkehrung des Hegelschen Idealismus dar, für den die Natur, von der  Idee entfremdet, nur ein Leichnam des Verstandes war.  Bucharin hat diese Umkehrung in ihrem vollen Umfang nicht begriffen und gerade dieser Verhegelung Bucharins ist es auch geschuldet, dass er in seinem Artikel: „Über Wissenschaft und Philosophie“  zu einer falschen Positionierung der Philosophie sowohl zu den Natur- als auch zu den Gesellschaftswissenschaften kommt. Für Hegel war die Philosophie die über alle anderen Wissenschaften schwebende und diese erst im Gesamtprozess des Weltgeistes  richtig deutende Königin 16.), eine analoge Aufgabe weist Bucharin der Philosophie des historischen Materialismus zu, sie habe die empirischen Einzelerkenntnisse „…in ein geordnetes Ganzes zusammenzufassen, sich zum Allgemeinen hin zu bewegen, zum Universum mit seinen universellen  Zusammenhängen, Verhältnissen und Gesetzen. Das aber bedeutet sich auf die Philosophie in ihrer modernen und höchsten Form, sich auf die Philosophie des dialektischen Materialismus hin zu bewegen. Sie ist keine Einzelwissenschaft „an sich“. Sie deckt die allgemeinsten, universellen und tiefsten Gesetze und Zusammenhänge auf und formuliert sie, dabei in ihrer Wechselbeziehung mit dem Besonderen und dem Einzelnen.“ 17.) Eine Formulierung, die die typische Hegelsche Triade wiedergibt. Aber es ist nicht mit der Ersetzung der idealistischen Himmelsstürmerei durch die materialistische getan,  vielmehr hat die Entwicklung der Wissenschaften selbst den Nachweis erbracht, dass sie keiner  behütenden Philosphie mehr über sich bedürfen. Ganz nüchtern hat Friedrich Engels im „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosohie“  entwickelt, dass die Wissenschaften die notwendigen Zusammenhänge immanent sowohl in ihren eigenen Disziplinen als auch interdisziplinär selbst herstellen können, also ganz irdisch bleiben und zur Herstellung des Gesamtzusammenhangs philosophieabstinent bleiben können. Jeder Versuch einer Wiederbelebung von Natur- und Gesellschaftsphilosophien „…wäre ein Rückschritt.“ 18.) Die markanteste Stelle von Engels zum Bedeutungswandel der Philosophie findet sich in der Spätschrift: „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“: „Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen – die formelle Logik und die Dialektik. Alles andere geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.“ 19.) Im dialektischen und historischen Materialismus sind nämlich Existenz und Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften an Existenz und Entwicklung von Klassengesellschaften und den ihnen immanenten entfremdeten Beziehungen unter den Menschen gebunden. Klassengesellschaften bedürfen Gesellschaftswissenschaften wie Gesellschaften ohne Klassen nur noch Naturwissenschaften. Wird bei zunehmender Kollektivierung der Produktion die revolutionäre Kampfpartei aufgehoben, so wissenschaftsgeschichtlich der Marxismus selbst als die letzte mögliche Gesellschaftsswissenschaft in Klassengesellschaften. „Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen. Die Naturwissenschaft wird später ebensowohl die Wissenschaft von dem Menschen wie die Wisenschaft von dem Menschen die Naturwissenschaft unter sich subsumieren: es wird eine Wissenschaft sein.“ 20.) Dem stand eine Dualisierung der Wissenschaft selbst noch im Kommunismus im Wörterbuch der DDR Stichwort: Wissenschaft entgegen: „…daß die Verwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft keine Angelegenheit der Naturwissenschaft allein ist, sondern im Zusammenwirken von Naturwissenschaft und Gesellschaftswissenschaft erfolgt.“ 21.)

Im Gefängnis verfasste er 1938 auch eine Art Abschiedsbrief, der an die künftige Generation führender Parteifunktionäre gerichtet war, und in dem er seine Unschuld beteuerte. Führende Funktionäre würden ihn eines Tages rehabilitieren. Für einen Marxisten fürwahr ein merkwürdiger Aufruf. Bekanntlich wurde Bucharin im Namen des Volkes verurteilt, nur das Volk spricht dann auch eine Rehabilitierung aus. Die Rede Gorbatschows zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution ließ aufhorchen: Bucharin wurde plötzlich als jemand gerühmt, der erfolgreich den Trotzkismus ideologisch bekämpft hätte. Am 4. Februar 1988 wurde seine Rehabilitierung bekanntgegeben. Diese durch den Sozialdemokraten Gorbatschow initiierte Rehabilitierung ist aber juristisch nichtig, sie ist gegenstandslos. Volksfeinde können keine Volksfeinde rehabilitieren.

Betrachten wir kurz Bucharin als Ökonomen: Aufschlußreich sind die Randnotizen, die Lenin an seinem Buch: „Ökonomik der Transformationsperiode“ vornahm, Bucharin schrieb: „…sobald wir eine organisierte gesellschaftliche Wirtschaft betrachten, verschwinden alle grundlegenden „Probleme“ der politischen Ökonomie: Die Probleme des Werts,des Preises, des Profits usw…Auf diese Weise bedeutet das Ende der kapitalistischen Warenproduktion auch das Ende der politischen Ökonomie“ 22.) Das ist sehr lassellanistisch, Lenin bemerkte deshalb auch: „Falsch. Sogar im reinen Kommunismus zumindest das Verhältnis  Iv + m zu IIc ? Und die Akkumulation ?“ 23.)

Auch in der Frage des Staates war Bucharin gestrauchelt, genauer in der Frage des Unterschieds zwischen Sozialisten und Anarchisten in ihrer Stellung  zum modernen bürgerlichen Staat. Im Jahre 1916 veröffentlichte Bucharin unter dem Pseudonym Nota-bene in der Zeitschrift „Jugend Internationale“ einen Artikel zur sozialistischen und anarchistischen Position zum Staat, in dem ihm  große Fehler unterliefen, die Lenin korrigieren mußte. Bucharin schrieb zur Frage der Stellung der Sozialisten und Anarchisten zum Staat: „…es ist völlig verkehrt, den Unterschied zwischen den Sozialisten und Anarchisten darin zu suchen, daß die ersteren staatsfreundlich und die letzteren staatsfeindlich seien. Der Unterschied liegt aber darin, daß die revolutionäre Sozialdemokratie die neue gesellschaftliche Produktion als zentralisierte, das heißt technisch-progressive formieren will, während die dezentralisierte anarchistische Produktion nur einen Rückschritt zur alten Technik und Betriebsform bedeuten würde“. 24.) Lenin kritisierte, dass Bucharin nicht die Frage der Stellungen der beiden politischen Strömungen zum Staat beantwortete, sondern ihrer Stellung zur ökonomischen Grundlage der zukünftigen Gesellschaft. Der Unterschied zwischen Sozialisten und Anarchisten besteht vielmehr darin, dass erstere den modernen bürgerlichen Staat für seinen Sturz und zur Errichtung der Diktatur des Proletariats ausnutzen wollen, in der der proletarische Staat bzw. Halbstaat abstirbt, während die Anarchisten den Staat von heute auf morgen abschaffen wollen. Des weiteren schrieb Bucharin: „Für die Sozialdemokratie aber, die die Erzieherin der Massen ist oder wenigstens sein soll, ist es jetzt mehr als je notwendig, ihre prinzipielle Gegenerschaft zum Staat zum Ausdruck zu bringen…Der heutige Krieg hat gezeigt, wie tief die Wurzeln der Staatlichkeit in die Seelen der Arbeiterschaft hineingedrungen sind“. 25.) Lenin erhob gegen diese Ausführungen den Einwand, dass Bucharin keine Klarheit in der Frage der prinzipiellen Gegnerschaft zum Staat habe, und der Satz, “ in dem von den „Wurzeln der Staatlichkeit“ die Rede ist, ist schon ganz und gar verworren, unmarxistisch und unsozialistisch. Nicht die „Staatlichkeit“ ist mit der Negation der Staatlichkeit zusammengeprallt, sondern die opportunistische Politik (das heißt die opportunistische, reformistische, bürgerliche Einstellung zum Staat) ist mit der revolutionären  sozialdemokratischen Politik zusammengeprallt (das heißt mit der revolutionären sozialdemokratischen  Stellung zum bürgerlichen Staat und zur Ausnützung des Staates gegen die Bourgeoisie zum Sturz der Bourgeoisie). Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.“ 26.) Fehler waren Bucharin auch noch in anderen Fragen unterlaufen, zum Beispiel bei der Motivierung des sozialistischen Kampfes gegen die Losung der „Vaterlandsverteidigung“. 27.) Und immer wieder die Mißachtung der Dialektik: den Weg der Sowjetunion zum Sozialismus stellte er als ein Hinüberwachsen dar, des öfteren dazu auch die Angabe, dass dieses im Schneckentempo vonstatten ginge. Der Arbeiterkaiser August Bebel sagte, wenn Deine Feinde Dich loben, kannst Du sicher sein, einen Fehler gemacht zu haben. Schauen wir, von welcher Seite Bucharin lobend erwähnt wird: In der New York Times erschien am 3. April 1964 ein redaktioneller Artikel mit der Überschrift: „Der Gulaschkommunismus“. Die bemerkenswerte Passage lautete: „Sein Paradies ist eine identische Kopie der politischen Losung Amerikas – zwei Autos in jeder Garage und eine Henne in jedem Topf…Nikolai Bucharin, der sowjetische Theoretiker, der im Jahre 1920 die russischen Bauern aufrief, sich zu bereichern, indem sie die Produktion für die Stadtarbeiter erhöhten, hätte die heutige Linie Crutschovs akzeptiert. Die französischen und deutschen Sozialdemokraten am Ende des 19. Jahrhunderts und am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hätten diese Linie gebilligt, weil sie in der Vergangenheit als ihre erste Aufgabe die Erzeugung von möglichst viel Gütern für die Arbeiter betrachteten, anstatt sich mit der Frage des Sturzes der bestehenden Institutionen durch eine Revolution zu beschäftigen“. 28.) Konsumismus statt Kommunismus, so kann man diese Passage zusammenfassen. Bucharin steht nicht allein, auch Trotzki vertrat, dass die Menschheit die neue Gesellschaft auf den Errungenschaften des  Amerikanismus (unbändige praktische Initiative, rationalisierte Technik, wirtschaftlicher Elan) aufbauen wird. 29.)

1.Stalin, Über die Gefahr der rechten Abweichung in der KpdSU (B), Werke Band 12, Dietz Verlag Berlin, 1954,62

2.Lenin, Brief an den Parteitag vom 24.12. 1924, Werke Band 36, Dietz Verlag Berlin, 1960,579

3.Stalin, Über die rechte Abweichung in der KPdSU (B), Werke Band 12, Dietz Verlag Berlin 19

4. Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken Dialektische Skizzen, Karl Dietz Verlag Berlin 2005,15

5.A. Orguzow: Der unbekannte N.I. Bucharin. Woprossy filosofii 6/1993,3f.

6.Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken Dialektische Skizzen, Karl Dietz Verlag Berlin 2005,432f.

7.Während seines Schlusswortes vor dem Moskauer Tribunal verhielt sich Bucharin auffallend erregt gegen den Vorwurf, er sei dem Karamasowtum verfallen.(siehe: Dieter Uhlig, Wladislaw Hedeler: Die „Arabesken“ Nikolai Iwanowitsch Bucharins in ihrer Zeit, in: Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken, Karl Dietz Verlag Berlin 2005, 433).

8.Edmund Wilson, Auf dem Weg zum Finnischen Bahnhof, Über Geschichte und Geschichtsschreibung, suhrkamp taschenbuch 194, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1974,379

9.Lenin, Zur Frage der Dialektik, Lenin Werke Band 38, Dietz Verlag Berlin, 1964,338f.

10.Andrea Nahles, Frau gläubig links, Pattloch Verlag 2009

11.Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken, Karl Dietz Verlag Berlin 2005,387

12.Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin 1975,293

13.zitiert in: Die Sowjetphilosophie, Wendigkeit und Bestimtheit, Dokumente, herausgegeben und eingeleitet von Wilhelm Goerdt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1967,258

14.J.W. Stalin, Über die Grundlagen des Leninsmus, in Stalin Werke Band 6, Dietz Verlag Berlin 1952, 78

15.Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken, Karl Dietz Verlag Berlin 2005,337

16.Aristoteles hielt alle anderen Wissenschaften für nützlicher als die Philosophie, aber keine sei vortrefflicher.

17.Nikolai Bucharin, Philosophische Arabesken Dialektische Skizzen, Karl Dietz Verlag Berlin 2005,351

18. Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin 1975,295.

19. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, Progress Verlag Moskau,1975,433

20. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Marx Engels Werke Ergänzungsband I, Dietz Verlag Berlin, 1963, 544

21. Manfred Buhr, Georg Klaus: Philosophisches Wörterbuch, VEB Verlag Enzyklopädie, Leipzig, Stichwort: Wissenschaft, 1965,615f.

22. Nikolaij Bucharin, „Ökonomik der Transformationsperiode“, Berlin 1990,17

23. a.a.O.

24. Lenin, „Jugend Internationale, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1957,165

25.a.a.O.,166

26.a.a.O.

27.a.a.O.,165

28.Wie Cruschtschow Stalin verleumdet, Tirana 1964, Neudruck Verlag Neue Einheit, 1971,69

29. Leo Trotzki, Die Russische Revolution, Kopenhagener Rede 1932, Voltaire Flugschrift No 29, Berlin, o.J.,20

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