IG BAU Lesen im Weinberg und was lesen die Arbeiter/innen ? Oder Karl Marx über die Vampire von der Mosel

Im Septemberheft 2012 des GRUNDSTEIN Der Säemann, der Monatszeitschrift der IG BAU AGRAR UMWELT ist in der Serie „Näher betrachtet“ unter dem Titel „Lesen im Weinberg“  ein Artikel über die Lage im deutschen Weinbau abgedruckt. Das nähere Hinschauen zu den Verhältnissen im deutschen Weinbau ergibt sich aus der Verwendung von Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden. Ist aber die Verwendung von nur einer Quelle, zudem einer Regierungsquelle, hinreichend, einen Zeitschriftenartikel mit dem Prädikat des Näherhingeschautzuhabens zu versehen ? Wenn ich näher hinschaue, muss ich leider feststellen, dass der/die anonym bleibende Autor/in sich nicht so sehr Gedanken über die Verbesserung der im Weinbau tätigen Menschen macht, als vielmehr über die Erfolgsaussichten des Umsatzes deutscher Weinhändler. Das ist auch naheliegend, wenn man Wiesbadener Zahlenmaterial zugrunde legt.

Der Artikel beginnt mit einem Zitat von Victor Hugo: „Gott hat nur Wasser geschaffen, aber der Mensch macht den Wein. Wie Recht er hat, der französiche Dichter Victor Hugo (1802 bis 1885)“. Man hätte ebensogut schreiben können, wie unrecht er hat. In einer Zeitschrift für arbeitende Menschen im 21. Jahrhundert sollte man mittelalterlichen Ideologiegehalten keinen Platz mehr einräumen, denn die arbeitenden Menschen sind die höchsten uns bekannten schaffenden (und machenden) Wesen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Lesehinweis auf der Seite „Kulturtipps“, den Bettina Koob aus der Grundstein Redaktion den Gewerkschaftsmitgliedern für den Monat September gibt: Rebecca Gable – Hiobs Brüder, ein historischer Roman, der uns, wie sie schreibt, in die Welt des mittelalterlichen England entführt. Als ob aus dem mittelalterlichen England wichtige Hinweise für den Klassenkampf im 21. Jahrhundert zu ziehen sind.

Überhaupt der Klassenkampf – er kann auf dem ersten Blick in einem Artikel nicht stattfinden, der sich lediglich auf Angaben des Statistischen Bundesamtes stützt. Näher hingeschaut aber doch: der Artikel weist auf die mühevolle, schweißtreibende Arbeit der Weinlesenden hin, besonders in Steillagen mit starkem Gefälle. Zum großen Teil wird diese harte Arbeit, die immense Gefahren für die Bandscheibe in sich birgt, von Saisionarbeitskräften aus dem osteuropäischen Ausland verrichtet. Es folgen nun allerdings keine sozialkritischen Ausführungen, die bundesamtliche Statistik gibt dafür auch nichts her, sondern fortgefahren wird mit Propagandazahlen, die aus einem Weingroßhandelskontor stammen könnten: „Hierzulande fanden im vergangenen Jahr 20 Millionen Hektoliter Wein und Sekt ihre Abnehmer. Damit liegen wir (wer ist/sind dieses „wir“ ?/Heinz Ahlreip) weltweit an vierter Stelle, hinter Frankreich, den Vereinigten Staaten und Italien. Aber nicht nur im Bundesgebiet liegen heimischer Riesling, Burgunder, Blanc de Noir und andere Weine in der Gunst der Genusstrinker weit vorn, Auch beispielsweise in den Niederlanden, Rußland oder Großbritannien weiß man deutschen Wein immer mehr zu schätzen. Kein Wunder: Denn guten Wein machen, das können sie – die Winzer sowie die IG BAU Kolleginnen und -Kollegen in den Genossenschaften“.  (Der Grundstein, September 2012, Seite 14). Zwei Fragen tun sich sofort auf: wer finanziert eigentlich den „Grundstein“ ? Die Winzer oder die Lohnabhängigen im Weinbau ? Und zweitens: Können die Kolleginnen und -Kollegen Redakteure auch gute Zeitungsartikel „machen“ ?

In einem guten Blatt hätte unbedingt der Hinweis auf die umfangreichen Artikel gehört, die der junge Karl Marx über die Notlage der Moselbauern in der „Rheinischen Zeitung“ geschrieben hat und die mit der Hauptgrund waren, warum die Zeitung mit Regierungserlass vom 13. Januar 1843 ab dem 1. April 1843 verboten wurde. Was einer Zeitschrift natürlich nicht passieren kann, die kritiklos Regierungsstatistiken kopiert. In diesen Artikeln spricht Karl Marx von Vampiren der Moselgegend und meint genau jene Vorfahren der Moselkulaken, die heute die osteuropäischen Saisonarbeiter blutsaugen. Von der Not und dem Elend dieser Kolleginnen und -Kollegen, die nach der lohnbezogenen Ausbeutung in Notunterkünften zusammengepfercht werden,  enthalten die Statistiken des Bundesamtes natürlich kein Wort – kein Wort, und das ist das Beschämende, aber auch deshalb in der Serie „Näher hingeschaut“ ! Weggeschaut wird von dem Elend der kapitalistischen Ausbeutung. Deshalb lautet auch meine Lesetip für meine Kolleginnen und -Kollegen aus der IG BAU , die lebenslang lernen wollen, für den Monat September: „Karl Marx, Rechtfertigung des XX-Korrespondenten von der Mosel, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1967, Seite 172 bis 199. Das sind quantitativ im Vergleich zu dem 907 Seiten langen Schundroman von Miss Gable nur 27 Seiten. Qualitativ….Ach ja, höhere geistige Anforderungen stellen sie allerdings.

Auf dem Titelblatt der Septemberausgabe des Grundstein ist ein Kollege abgebildet, der mit einem Stapel Bücher unter dem Arm gemäß der Titelschlagzeile „Lebenslanges lernen“ eine Treppe zur Schulung hochgeht. Wahrscheinlich sind es Bücher, die in derselben Zeitschrift Gewerkschaftsmitgliedern auf Seite 28 unter den „Kulturtipps“ als lesenswert empfohlen werden. Neben dem Buch von Miss Gable über das mittelalterliche England zum Beispiel: von Achebe (Alles zerfällt, ein Roman über Nigeria, der von Sehnsüchten handelt, die keine Zukunft haben) und von Oswald (Unter Feinden, Politkrimi über das dunkle München, über ein Ermittlerteam,das gegen sich selbst ermittelt). Arbeiter und Arbeiterinnen reiben sich verwundert die Augen ob der bizarren Quellen, aus denen die Redaktion des Säemanns ihre Literaturtips bezieht. Aus diesen Quellen kann jedenfalls keine gute Saat für den Klassenkampf aufgehen. Im Gegenteil, mit diesen Büchern bleiben die Lohnsklaven Lohnsklaven. Der weltgeschichtliche Klassenkampf hat der Arbeiterklasse im Bündnis mit den Kleinbauern eine klare und deutliche  Aufgabe gestellt: die völlige Vernichtung der Bourgeoisie. Folglich muss sie auch die Gewerkschaftsbonzokratie, die Gewerkschaftsbürokratie, die Gewerkschaftspressbengels, die ihre Mitgliedsbeiträge aufsaugen, aber unentgeltlich für die Kapitalistenklasse das Geschäft der Verdummung der Lohnsklaven betreiben, revolutionsgerichtlich vernichten. Wessen Brot ich eß, dessen Lied ich sing – gilt für alle sogenannten Arbeitgeber, nur der sogenannte Arbeitnehmer soll seine eigene Verdummung, seine eigene Unterdrückung noch selbst bezahlen. Und nur er kann es, denn er gehört der einzig produktiven Klasse an. Er kann aber auch noch etwas anderes. Schon Robespierre wußte, dass das Volk nur durch seine eigenen Arme unterdrückt werden kann. Er wußte auch, dass die Volksfeinde dies wissen. Die Gewerkschaftsbonzen bilden diese Arme am faulenden Körper des Kapitalismus. Die geballte Faust der Arbeiterklasse wird diese Arme zerbrechen.

Heinz Ahlreip, 8. September 2012

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Eine Antwort to “IG BAU Lesen im Weinberg und was lesen die Arbeiter/innen ? Oder Karl Marx über die Vampire von der Mosel”

  1. Siegfried P. Roth Says:

    Zufällig entdeckte ich den Artikel des Kollegen Ahlreip. In Kürze: der gefällt mir, weil er auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in der BRD verweist, die am Beispiel der Weinbauern demonstriert werden.Das ist zu verallgemeinern. Zu wünschen wäre, dass nicht nur im „Grundstein“, sondern auch im täglichen Kampf der IG BAU gegen derartige asoziale Vorkommnisse gewettert wird. Man sollte sich nicht um den Terminus „Klassenkampf“ herumdrücken; es gibt ihn objektiv. So überlege ich immer wieder, ob die vom Lohn Abhängigen wirklich „Arbeitnehmer“ sind. Geben sie ihre Arbeitskraft nicht dem Unternehmer, der hierzulande „Arbeitgeber“ genannt wird, obwohl er die Arbeit der Werktätigen nimmt?

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