Grundsätzliches über den revolutionären Krieg

Unter allen gesellschaftlichen Erscheinungsformen des Klassenkampfes ist der bewaffnete Aufstand gegen die kapitalistische Blutsaugerklasse das Allerschwierigste, er, das letzte Gefecht, ist die höchste Kunst und eine der Schwierigkeiten besteht darin, dass man ihn nicht künstlich herbeizwingen kann. Kein Aufstand schafft den Sozialismus herbei, wenn er nicht ökonomisch herangereift ist. Man kann Revolutionen nicht wie  beliebige Konsumartikel aus einem Versandhauskatalog bestellen. Wer subjektivistisch an die Frage des bewaffneten Aufstandes herangeht, übersieht, dass man Revolutionen nicht machen kann, Revolutionen müssen wachsen und reifen. 1. Lenin pflegte zu sagen, man kann höchstens für die Revolution arbeiten. Fehler sind bei diesem hohen Schwierigkeitsgrad unvermeidbar, wie es denn auch keinen Feldherrn der Revolution und keinen Feldherrn des Krieges gibt, der je fehlerfrei geblieben ist. Essentiell ist, möglichst wenig und möglichst kleine Fehler zu machen und sich über diese einer strengen Selbskritik zu unterziehen. Besonders junge Revolutionäre stellen sich eine Revolution gegen das kapitalistische krisenanfällige Ausbeutungssystem voluntaristisch als eine Art gemütlichen, selbstläuferischen Spaziergang vor. (Die Massen werden ja selbstverständlich auf unserer Seite sein gegen das alte Morsche.  Aber schon Kautsky hatte aus den revolutionären Bestrebungen am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die richtige Schlußfolgerung gezogen, das in künftigen Revolutionen zwei große Volksgruppen aufeinanderprallen werden. Und am Beginn der russischen Revolution von 1905 sprach Stalin vom „großartigen Bild des Kampfes zwischen den beiden Rußland“ 2.) und werden im Laufe ihrer revolutionären Karriere die schmerzliche Erfahrung machen, dass ein hohes Maß an eiserner Disziplin notwendig ist, den schmerzhaften Prozess des Veränderns der Umstände und der gleichzeitigen Selbstveränderung durchzustehen. Denn wie die proletarische Revolution kein Einfachzumachendes ist, so nimmt die Geschichte der Klassenkämpfe oft den Verlauf phantastischer Zickzackbewegungen. Wie es nicht jedem gegeben ist, Mitglied der revolutionären Partei zu sein, die Partei der Felsenfesten 3. , so ist es auch nicht jedem gegeben, mit hohem soldatischen Geschick den bewaffneten Aufstand kühn voranzutreiben.  Die Defensive ist der Tod der bewaffneten Erhebung. Eine der größten Fehlerquellen der revolutionären „Stürmer und Dränger“ liegt natürlich in ihrer leichten Entflammbarkeit, aus der heraus sie leicht auf Provokationen konterrevolutionärer Kommandeure hereinfallen. Eine besondere Schwierigkeit besteht darin, in den Kampfhandlungen mit all ihrer  hochgradigen Komplexität, die hoffentlich durch die militärische Kreativität der vorwärtsstürmenden Revolutionäre erzeugt wird, zu beachten, das die Grundlage der revolutionären Armee stets der Soldat des Volkes ist und dass es gilt, mit ihm die urwüchsige Primitivität der Volksmassen zu schüren und Vernichtungsaktionen gegen die Bourgeoisie zu führen, die Elemente des robusten Vandalismus der Bauernkriege beinhalten. Elementares und Komplexes durchdringen sich  im Krieg und wechseln in ihrer Dominanzbeziehung einander ab. Ohne die Kombination des städtischen Proletariats mit den bäuerlichen Massen, ohne den Aufbau der richtigen Beziehungen zwischen Stadt und Land, kann eine proletarische Revolution nicht erfolgreich sein und die Geschichte gibt uns ja das Beispiel der Pariser Kommune, die unter anderem deshalb fallen mußte, weil eine Kollektiverbindung zu den Provinzen nicht hergestellt werden konnte, die ein Reservoir der Konterrevolution blieben. In der Herstellung einer höheren Kollektivität als die konterrevolutionäre liegt die Garantie des Sieges. Um mit einem Gegenbeispiel zu beginnen: Am 6. September 2012 stürmte in Neuss (eine Stadt in der Nähe von Düsseldorf, die eine Arbeitslosenquote von 7,8 % aufweist) ein 52jähriger Langzeitarbeitsloser in das Jobcenter und erstach „seine“ Sachbearbeiterin mit einem Messer. Eine persönliche Beziehung zu ihr hat nicht vorgelegen. Er wurde von ihr im Rahmen des Programms des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales „Visionen 50plus“ betreut, das wohl besser „Illusionen 50plus“ genannt werden sollte. Es leuchtet sofort ein, dass diese Tat keine politische Bedeutung haben kann. Der Schlüssel für eine Tat von politischem Gehalt liegt heute mehr denn je in der Kollektivität einer Aktion. Den Hass, der in der industriellen Reservearmee gegen die volksfeindlichen Mitarbeiter/innen in den Jobcentern, deren ganze Verwaltungskunst darin besteht, Menschen wie Dreck zu behandeln, vorliegt, muß so gebündelt werden, dass aus der industriellen Reservearmee heraus wie auf ein Signal hin ein landesweiter Sturm auf die Arbeitsämter einsetzt, in dem -sagen wir- Zehntausend Helfeshelfer des blutig schmutzigen Kapitals liquidiert werden. Es ist keineswegs so, dass diese beamteten Kreaturen der Allgemeinheit dienen, wie der nordrhein westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider behauptet. Es ist stets die Aufgabe von Sozialdemokraten gewesen, den Klassenkampf, der täglich in den Arbeitsämtern der Republik stattfindet, zu verkleistern. Es darf keinen sicheren Platz für Volksfeinde geben. In der französischen Revolution gab es ihn nicht einmal in den Gefängnissen. In den Septemberwirren stürmte das Volk in Paris und in den Provinzen Gefängnisse und liqudierte dort verhasste Volksfeinde.

Was Bertolt Brecht über den Kommunismus sagte, dass er das Einfache, das so schwierig zu machen sei, ist mutatis mutantis auch auf den revolutionären Krieg zu deuten: der Sinn des revolutionären Krieges und nicht nur er allein – der Sinn jedes Krieges, der immer die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist und der im Zeitalter der Massenheere zu einer unerhörten Kraftanspannung der Völker führt – ist, sich selbst zu erhalten und den Feind zu vernichten. (Anders verhält es sich mit dem Selbstmordattentäter, er will sich ja gerade nicht erhalten, sondern doppelt vernichten – er führt den Krieg auf perverse Art). Es wird viel herumgedoktert von politisch linksgewickelten kleinbürgerlichen Ideologen, was denn heute „links“ sei ? In der Klärung dieser Frage verstricken sie sich in ihren Selbstfindungsversuchen und übersehen das Elementare: links kann nur derjenige und diejenige sein, die ihr Leben und ihre Gesundheit einsetzen, die Bourgeosie zu vernichten. Diesen klaren Kampfauftrag gab uns Lenin in seiner Fundamentalschrift „Staat und Revolution“ und anders kann der Kampfauftrag auch gar nicht lauten. Aber ich habe verkürzt Angaben aus Lenins Schrift gegeben – es gilt zu vervollständigen: er spricht von der VÖLLIGEN Vernichtung der Bourgeoisie. 4. In seinen Bemerkungen aus Anlaß der Aufzeichnungen Suchanows „Über unsere Revolution“ finden wir eine interessante Bemerkung Lenins zur Taktik der Bolschewiki im roten Oktober, sie hätten gemäß der Devise Napoleons gehandelt: „On s´engage, et puis on voit !“ 5. Man engagiert sich, alles weitere wird sich finden ! In der Kunst des revolutionären Krieges ist also ein hohes Maß an Improvisationsgabe gefragt und es war ein dialektisierender Bauernsohn aus Hunan, der den Mathematikprofessor Tschaing Kai Tscheck bezwang. Das Mathematisch-Konstruktive  bleibt handwerkliche Bastelei und erreicht nicht das Genialische des Krieges, das eben Intuition, Improvisation, Phantasie und Kreativität in sich einbildet. Der Mensch, sagt Brecht, möchte ein großes Licht sein und macht einen Plan, ein noch größeres Licht macht einen zweiten – gehn tun sie beide nicht. (Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. In diesem Satz von Brecht spiegelt sich die Tatsache wieder, dass unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen der Produktionsprozess die Produzenten beherrscht, nicht umgekehrt). Eine wissenschaftliche Wahrheit war für Mao immer die Spruchweisheit des altchinesischen Kriegsphilosophen Sun Wu Tsu: „Erkenne Dich selbst und erkenne den Feind, hundert Schlachten ohne Schlappe“.

1. „Die Umwandlung des imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg kann nicht „gemacht“ werden, so wenig werden, wie man Revolutionen „machen“ kann – sie WÄCHST HERAUS (kursiv von Lenin) aus einer ganzen Reihe von mannigfaltigen Erscheinungen, Seiten, Momenten, Charakterzügen und Folgen des imperialistischen Kriegs“. (Lenin, Über die Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Kriege, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin 1956,50). Dass die Revolution ein geschichtliches Produkt ist betont auch Rosa Luxemburg: Die Revolution kann weder auf Kommando gemacht noch auf Kommando abgelehnt werden. (Vergleiche Rosa Luxemburg, Die Debatten in Köln, Sächsiche Arbeiterzeitung vom 30./31. Mai 1905, abgedruckt in: Peter Friedemann (Hrsg.): Materialien zum politischen Richtungsstreit in der deutschen Sozialdemokratie 1890 bis 1917, Band 2, Frankfurt am Main,1978,561f.). In ihrer Broschüre „Massentsreik, Partei und Gewerkschaften“, in der sie sich mit der russischen Revolution von 1905 auseinandersetzt, betont sie, dass sich Revolutionen nicht schulmeistern lassen. Ein flüchtiger Blick in die Weltgeschichte zeigt uns, dass es im Vergleich zu der fast unendlich langen Serie von Raubkriegen nur sehr wenige revolutionäre, nur sehr wenige Befreiungskriege gegeben hat.

2. Josef Stalin, Die Klasse der Proletarier und die Partei der Proletarier, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin 1950,55

3. “ Wir sind gewohnt, mit unermeßlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nicht ohne Grund haben  unsere Feinde uns als „die Felsenfesten“ und als die Vertreter einer „knochenbrecherischen Politik“ bezeichnet. Aber wir haben auch, wenigstens bis zu einem bestimmten Grad, eine andere in der Revolution unerläßliche Kunst erlernt: die Elastizität, die Fähigkeit, unsere Taktik rasch und schroff zu ändern, die veränderten objektiven Bedingungen zu berücksichtigen, einen anderen Weg zu unserem Ziel zu wählen, wenn der frühere Weg sich für den gegebenen Zeitabschnitt als unzweckmäßig, als unmöglich erwiesen hat“. (Lenin, Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,714).

4. Lenin, Staat und Revolution, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,312. Diese so wichtige Kernaussage Lenins findet sich am Ende des II. Kapitels: Marx ´Fragestellung im Jahre 1852

5. Lenin, Über unsere Revolution, a.a.O.,766

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