Luxemburg und Bömelburg

Aus Anlaß des hundertsten Todestages von Theodor Bömelburg veröffentlichte „Der Grundstein / Der Säemann“, die Monatszeitschrift der IG BAU (Bau, Agrar,Umwelt), einen Artikel von Lutz Bachmann: „Beginn der modernen Arbeitervertretung – Flügelkämpfe mit Rosa Luxemburg um den Generalstreik“, der das Lebenswerk Bömelburgs würdigt. War er ein „moderner Arbeitervertreter“ ?

Theodor Bömelburg wurde an 27. September 1862 in Westönnen / Westfalen geboren. Sein Vater war Maurer und ließ ihn schon zwei Tage nach seiner Geburt in der Westgönner Pfarrkirche nach katholischem Ritus taufen, ein Taufpate war der Schneider Theodor Bonnekoh. Theodor Bömelburg blieb zeitlebens Katholik, in seiner Jugend war er ein eifriger Kirchgänger. Von einem Bruch mit dem Katholizismus wissen die Biographien nichts zu berichten. Ich muss auf diese religiöse Seite besonders insistieren, da der künftige Geschichtsschreiber der deutschen Sozialdemokratie beim Aufspüren der Wurzeln ihres schmachvollen Zusammenbruchs im Jahre 1914 nicht wenig interessantes Material zur Gleichgültigkeit dieser Partei in religiösen Fragen vorfinden wird. (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin,1960,464). Schauen wir, was aus diesem perversen katholischen Sumpf der Arbeiterbewegung für eine Frucht entgegengewachsen ist ?

1888 findet der Maurer in Hamburg Anschluß an die SPD. Der katholische Maurer gehört dem rechten Flügel an und gilt als Pragmatiker, ein „Realo“, wie ihn Lutz Bachmann nennt. „Er wollte ein besseres Leben für „seine“ Maurer. Es waren die großen Ziele, für die Bömelburg kämpfte – sie bestimmen noch heute die Arbeit der IG Bau Agrar Umwelt (IG BAU). Er erstritt in Tarifverhandlungen höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und kämpfte für den Bauarbeiterschutz. Gleichzeitig förderte er die Gemeinschaft der Maurer durch Ausflüge, Feste und natürlich die Maurergesangsvereine – im Chor der Maurer Hamburgs sang er selbst mit“. (Lutz Bachmann, Flügelkämpfe mit Rosa Luxemburg um den Generalstreik, in: Der Grundstein / Der Säemann, Nr. 10, 2012,24). Sind das die „großen Ziele“ der Arbeiterbewegung, die die tiefste Revolution in der Weltgeschichte zu vollführen hat ? Wein, Weib und Gesang wird die Arbeiterbewgung niemals ablehnen, aber das ist nur die eine Seite, zugleich muss man sich auf einen Bürgerkrieg gegen das Kapital in seiner fürchterlichsten Form vorbereiten. Rosa Luxemburg deutete den Proletarier im Sturm der revolutionären Periode zu einem „Revolutionsromantiker“ (ironische Anspielung auf den in Opportunistenkreisen beliebten Begriff der Revolutionsromantik), „…für den sogar das höchste Gut, nämlich das Leben, geschweige das materielle Wohlsein im Vergleich mit den Kampfidealen geringen Wert besitzt“. (Rosa Luxemburg, in: Detlef Lehnert, Sozialdemokratie zwischen Protestbewegung und Regierungspartei 1848 bis 1983, Frankfurt am Main, 1983,103). Es ist ein großer Volksbetrug, den Arbeitern ein besseres Leben klassenkampflos unter Tarif-, unter Kapitalbedingungen in Aussicht zu stellen. „Während der absolute Lohn durch die gewerkschaftliche Aktion gehoben wird, wird der relative Lohn, das heißt der Anteil des Arbeiters an dem gesellschaftlichen Reichtum , infolge der wachsenden Produktivität der Arbeit immer geringer“. (Rosa Luxemburg, Die Hetzer an der Arbeit, http://harte–zeiten.de/Dokument_407.html). Es ist in diesem Zusammenhang aufschlußreich, die Artikel hinzuzuziehen, die Friedrich Engels 1881 für die englische Gewerkschaftszeitung „Labour Standard“ geschrieben hat und in denen er die englischen Gewerkschaftsführer aufforderte, sich statt auf höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten auf das im Lohnsystem selbst liegende Grundübel zu konzentrieren. Das große Ziel der Arbeiterbewegung ist der Kommunismus und kann nur der Kommunismus sein – alle anderen Ziele können nur Teilerfolge auf ihrem revolutionären Weg bedeuten, Teilerfolge, die das Lohnsklavendasein noch keineswegs beenden. Die Arbeit der IG BAU in diesem engstirnigen „katholisch zünftlerischen“ Rahnmen führt daher über das Lohnsklavendasein in der Substanz nicht hinaus, so wichtig höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und Arbeitsschutz auch sind. Nicht das ist der Gewerkschaftsführung vorzuwerfen, sondern dass sie nichts unternimmt, um den Horizont ihrer Mitglieder in revolutionärer Hinsicht zu erweitern. Im Gegenteil – sehe ich mir wieder die Literaturempfehlungen für den Monat Oktober von der Grundsteinredakteurin Gerlinde Dickert an – ein Bankthriller aus New York aus den 90er Jahren, über einen Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand, ein Krimi rund um den Burgunderwein, über den Untergang der Titanic…, so ist ganz offensichtlich, dass die Gewerkschaftsmitglieder nicht über die Dialektik von Lohnarbeit und Kapital, die ihr Lebensschicksal bestimmt,  aufgeklärt werden sollen, die Arbeiter werden regelrecht „eingelullt“, wie es schon Luxemburg Bömelburg vorwarf. (Siehe den Schluß ihres Artikels „Die Debatten in Köln“ in der Sächsischen Arbeiterzeitung vom 30./31. Mai 1905, abgedruckt in: Peter Friedemann (Hrsg.): Materialien zum politischen Richtungsstreit in der deutschen Sozialdemokratie 1890 bis 1917, Band 2, Frankfurt am Main,1978,565f.).

Denn Bömelburg war einer der entschiedensten Gegner des politischen Massenstreiks, den die russische Revolution von 1905 auf die Tagesordnung gesetzt hatte und der neben der Revisonismusdebatte das zentrale Thema der Arbeiterbewegung am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war. Während Bebel die russische Revolution nicht als Lehrbeispiel gewertet wissen wollte…das wäre ja Wahnsinn…ging Rosa Luxemburg weiter („ich saß auf der linken Seite und Bebel hat heute immer nach rechts gesprochen“ Das Protokoll vermerkt „Große Heiterkeit“). Die Revolution von 1905 habe eine neue Epoche in der Entwicklung der Arbeiterbewegung eröffnet und werde auf Jahrzehnte hinaus die Lehrmeisterin der revolutionären Bewegungen des Proletariats sein: „Lernen Sie einmal aus der russischen Revolution. Die Massen sind in die Revolution getrieben, fast keine Spur von gewerkschaftlicher Organisation und sie festigen jetzt Schritt für Schritt ihre Organisationen durch den Kampf“. (siehe Karl Kautsky, Der politische Massenstreik, 20. Kongress von Jena 1905, in: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/kautsky/1914/genstreik/20-…). Eine theoretische Frucht dieser Revolution war Rosa Luxemburgs Broschüre „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“, in der sie mit der Wilhelm Liebknechtschen Tradition „Generalstreik sei Generalsunsinn“ abrechnete.  Bekanntlich bezeichnete Lenin die Revolution von 1905 als Generlprobe für die Oktoberrevolution und die Sätze von Rosa Luxemburg atmen deren Geist: Festigung der Organisationen durch den Kampf, während Bebel erst gründlich deutsch organisieren wollte…organisieren, organisieren, vielleicht so gründlich, dass beim Erstürmen eines Bahnhofes auch an den Kauf einer Bahnsteigkarte gedacht worden ist ?! „Das russische Proletariat ist in die Revolution ohne die Spur einer Gewerkschaftsorganisation eingetreten, und heute ist das ganze Land mit kräftigen Organisationsansätzen bedeckt“. (Rosa Luxemburg, Reden auf dem Mannheimer Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, September 1906, (http://marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1906/09/mannheimer…). In diesen Ausführungen kommt aber auch Luxemburgs fehlerhafte Spontaneitätstheorie zum Vorschein, in der die Organisierung einer kommunistischen Partei peripher bleibt.Es war von Deutschland aus auch nicht leicht zu erfassen: viele Anregungen zu Streiks und Demonstrationen kamen in Rußland von Parteimitgliedern der Bolschewiki, ohne dass diese sich als solche zu erkennen gaben. Die Gefahr der Verhaftung durch die Ochrana war jederzeit groß.

Rosa Luxemburg stand gewerkschaftspolitisch ganz im Zeichen des Klassikers Friedrich Engels, der schon 1881 im „Labour Standard“ jede beschränkte zunftähnliche Einstellung verwarf , damit die Arbeiter in Massen (!!) gegen die feindliche Ausbeuterklasse kämpfen können. Es seien eine Menge Anzeichen dafür vorhanden, dass es der englischen Arbeiterklasse dämmert, „geraume Zeit einen falschen Weg gegangen zu sein“. (Friedrich Engels, Die Trade Unions, Marx Engels Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,260). Das wurde 1881 geschrieben und 2012 erscheint im „Grundstein“ ein wohlwollender Artikel über einen Gewerkschaftsführer, der einen falschen Weg gegangen ist. Bereits 1893 hatte es in Belgien einen erfolgreichen Generalstreik zur Erringung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts gegeben und zu Beginn des Jahres 1905 streikten im Ruhrgebiet 155 000 Bergarbeiter, dem sich 14 000 Kumpel im oberschlesischen Revier anschlossen, am 9. Februar befanden sich von 268 000 Kumpel 220 000 im Streik. Bömelburg erkannte die Zeichen der Zeit, die politische Bedeutung des Massenstreiks nicht (wie auch Legien und Dr. David, derselbe Dr. David, der auf Rosa Luxemburgs Vorwurf, er wolle nicht von der russischen Revolution lernen, zynisch in den Saal rief: „Sehr richtig !“) und denunzierte ihn 1905 auf dem fünften Kölner Gewerkschaftskongress als Anarchismus ( à la Friedeberg). Der Kölner Beschluß sollte sogar die Diskussion über ihn ersticken !! Ihm ging es nur um ein besseres Leben für „seine“ Maurer. “ Gegen den entschiedenen Widerstand der Parteilinken unter Rosa Luxemburg, die diesem „modernen Arbeitervertreter“ ein tieferes Verständnis und ein ernstes und vorurteilsfreies Eindringen in die Lehren des Generalstreiks im Ausland absprach, diesem „modernen Arbeitervertreter“ aber stattdessen eine „selbstgefällige, strahlende, selbstsichere Borniertheit, die an sich selbst eine große Freude erlebt, sich an sich selbst berauscht, die sich über alle Erfahrungen der internationalen Arbeiterbewegung erhaben dünkt“, bescheinigte,  erreichte er 1906 auf dem Mannheimer Parteitag der SPD, dass den Gewerkschaften in dieser Sache das letzte Wort zugestanden und der politische Massenstreik abgelehnt wurde. Damit hatte eine Organisation der Arbeiter gewonnen, die nicht imstande ist, den Kapitalismus zu zerschlagen. Bömelburg war an dem Druck beteiligt, den die Gewerkschaftsführer auf die SPD ausübten, die dann auch dafür sorgte, dass die erste Auflage der Massenstreikbroschüre von Rosa Luxemburg, die wichtigste theoretische Schrift in Deutschland zur russischen Revolution, eingestampft wurde. Von einer Kritik an dieser fatalen und für die deutsche Geschichte so folgenreichen massenfeindlichen Politik Bömelburgs findet man bei Bachmann nichts, auch keine Kritik an der lavierenden Haltung der SPD zum Massenstreik: ihn wie in der Jenaer Resolution beschlossen nur als Defensivwaffe zur Verteidigung der Reichstagswahlen und des Koalitionsrechtes einzusetzen. Mehr noch: es gab am 16. Februar 1906 eine geheime Beratung zwischen Partei- und Gewerkschaftsspitzen, in der gekuhhandelt wurde, den Massenstreik nach Möglichkeit zu verhindern und Bömelburg setzte durch, dass die Gewerkschaften an ihm im Falle eines Ausbruchs nicht teilzunehmen bräuchten. Eine Kritik an Bömelburg (und die rechte SPD) hätte doch für jeden fortschrittlich denkenden Menschen auf der Hand gelegen. Bömelburg hat doch sein intellektuelles Armutszeugnis ganz offen ausgebreitet: „Ungeheure Opfer hat es gekostet, um den augenblicklichen Stand der Organisation zu erreichen, um aber unsere Organisation auszubauen, brauchen wir in der Arbeiterbewegung Ruhe“. (Helga Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Überblick. München 1966, 121f.). Ruhe ist die erste Arbeiterpflicht ! „Arbeiterbewegung Ruhe“ – schon allein diese köstliche Wörterkonstellation läßt den Horizont dieses katholisch sozialdemokratischen Maurers erkennen, der der entschiedenste Gegner Rosa Luxemburgs war und der durch den Massenstreik die Existenz der Gewerkschaften in Gefahr sah. Der Weg Bömelburgs führte zum Burgfrieden, der Weg Rosas zum Burgkrieg.In der Arbeiterbewegung kann es keine Ruhe geben, sowenig es eine Ruhe im „bald versteckten, bald offenen“ Bürgerkrieg zwischen Arbeit und Kapital geben kann. „Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus“. (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin,1977, 465. Im innermarxistischen Kontext schon fünf Jahre früher: 1843 in der Judenfrage: „Ja, die Bewegung dieser Welt innerhalb ihrer Gesetze ist notwendig eine stete Aufhebung des Gesetzes“. Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,375). Bömelburg liegt aber nicht nur „soziologisch“ daneben, der Massenstreik setzt eben nicht die Existenz der Gewerkschaften aufs Spiel, er stärkt sie, sondern auch philosophisch: Stalin als Schüler Lenins lehrte uns, dass man die Natur und die Gesellschaft „nicht als einen Zustand der Ruhe und Unbeweglichkeit, des Stillstands und der Unveränderlichkeit, sondern als Zustand unaufhörlicher Bewegung und Veränderung, unaufhörlicher Erneuerung und Entwicklung“ (Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, in: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (B) Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetsichen Militärverwaltung Berlin,1946,128)  betrachten muss. Friedrich Engels sprach von einer „tief innerlichen, ruhelosen Dialektik“. Rosa Luxemburg hatte richtig erkannt: die Ablehnung des Generalstreiks durch die rechten Sozialdemokraten war eine bornierte, „in ihrem innersten Kern stockreaktionäre Auffassung“. (Rosa Luxemburg, Die Debatten in Köln, Sächsische Arbeiterzeitung vom 30./31. Mai 1905, in: Peter Friedemann (Hrsg.): Materialien zum politischen Richtungsstreit in der deutschen Sozialdemokratie 1890 bis 1917, Band 2, Frankfurt am Main, 1978,561f.). Der „Bergarbeiter Zeitung“, die sich Kritik am Kollegen Bömelburg verbat, bescheinigte sie „geistige Dakadenz“ und „geistige Barbarei“, (Rosa Luxemburg, Die Hetzer an der Arbeit, http://harte–zeiten.de/dokument_407.html). Hiervon erfährt der Leser des Grundsteins kein Wort, offensichtlich ist ein Hundertjähriger, der zum hundertsten Todestag Bömelburgs aus dem Fenster steigt und verschwindet, wichtiger.

Am 17. Oktober 1912 fand der „moderne Arbeitervertreter“ Theodor Bömelburg in Hamburg seine letzte Ruhestätte.

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