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„Urban Operations“ Wie die NATO das Abschlachten der Ärmsten der Armen, vor allem der Proleten plant

22. November 2012
  • Vor fast zehn Jahren ließ die NATO eine Studie erstellen, die den Titel trug „Urban Operations in the Year 2020“ RTO Technical Report 71, Neuilly sur Seine 2003. Diese Studie ging von folgendem Szenario aus: auf Grund der zunehmenden Landflucht in den armen Ländern auf der südlichen Halbkugel wird es früher oder später zur Bildung riesiger Elendsviertel am Rande der Megacities und großen Metropolen kommen. In diesen Vierteln wird sich revolutionäres Potential bündeln, das eine Gefahr für das internationale Kapital darstellt, ein rapides Bevölkerungswachstum wird ein übriges tun. Die NATO sehe sich daher gezwungen, Truppen zum speziellen Einsatz in diese sozialen Brennpunkte der sogenannten Dritten Welt auszubilden und zu trainieren. Ganz bewußt betont die Studie die wesentlich höhere kriegstechnische Ausrüstung der Soldaten der „ersten Welt“. Natürlich wird der „Slumkrieg“ diesbezüglich asymmetrisch sein. Den NATO Strategen scheint nicht mehr geläufig zu sein, dass auch die US Streitkräfte in den indochinesischen Kriegen mit einer haushoch überlegenden Militärtechnik ausgestattet waren – und wer war der Sieger ? Grosse Massenbewegungen aus dem ländlichen Raum in die urbanen Hochburgen führen andererseits nicht ohne weiteres eine revolutionäre Situation herbei. Nicht die Mehrheit allein ist entscheidend für die Herausbildung einer revolutionären Situation. Den NATO Strategen scheint nicht mehr geläufig zu sein, dass zum Beispiel in Russland am Ende des 19. Jahrhunderts die Bauern die erdrückende Mehrheit des Volkes stellten – und doch konzentrierten sich Plechanow,  Lenin und die Bolschewiki nicht auf die Bauern, sondern auf das zahlenmäßig sehr schwache Proletariat, denn die Bauernmassen stagnierten, während im russischen Proletariat die revolutionären Wurzeln der Zukunft lagen. Das war eben die irrige Auffassung der Volkstümler, die die Bauernmassen als die revolutionäre Hauptkraft ansahen, sich als Bauern verkleideten und ins Dorf, ins Volk gingen. Und ich hoffe, die Bolschewiki auf der Südkugel wissen sich gut in den Massen zu verbergen. Den NATO Strategen scheint nicht geläufig zu sein, dass die Slumviertel der Riesenmetropolen nicht der Boden sind, auf dem wirklich revolutionäre Früchte in Massen wachsen, die revolutionäre Hauptkraft stellt doch das Proletariat dank seiner ökonomischen Sonderolle in der industriellen Großproduktion dar. Die Kosten der Schutzmaßnahmen für die europäischen und us amerikanischen Millionäre und Multimillionäre gegen die angebliche Gefahr aus den Slums bezahlen natürlich die Steuerzahler, in der Bundesrepublik zum Beispiel fließen Gelder an die Spiel- und Bastelabteilungen der  großen Rüstungsfirmen und an Fraunhofer Institute aus dem Bundeshaushalt für „zivile (!!) Sicherheitsforschung“. Um diesen Volksbetrug aufrecht zu erhalten, ist die Erzeugung von Feindbildern unbedingt erforderlich: der aus dem Amazonasgebiet in eine Favela Sao Paulos geflohene landlose Bauer will dem deutschen Arbeiter seine Uhr klauen wie es anno dazumal 1945 die Mongolen taten. Man könnte dies alles – zu Recht – lächerlich finden, aber die Steuergelder werden wirklich verprasst und mit dem Einsatzbefehl in der Tasche sollen deutsche Arbeiter- und Bauernsöhne für den perversen kapitalistischen Ausbeuterabschaum die Kastanien aus dem Feuer holen. Dieses Feuer wird primär nicht in den Elendsvierteln lodern, sondern in den Industriegebieten, in denen die westlichen Multikonzerne ihre Tochterfirmen lokalisiert haben. Dort ist das Kapital investiert, und die westeuropäischen Millionärsausschüsse, „Regierungen genant, die über Armee und Kriegsflotte verfügen“ (Lenin, Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin,1956, 63) schlagen für ihr Kapital bedenken- und wahllos arbeitende Menschen tot. Denn zur Globalisierung des Kapitals gehört die Globalisierung des Völkermords. Verbindungen zwischen dem proletarischen Klassemkampf und kampfbereiten „Bewohnern“ der Slums  wird es ohne Zweifel geben und es können stellenweise gute Kämpfer aus ihnen kommen. Aber wir dürfen nicht übersehen, dass das lumpenproletarische Element dort überwiegt. „Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen“. (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,472. Schon die erste russische Revolution im XX. Jahrhundert offenbarte 1905/06 die überwiegend reaktionäre Position des Lumpenproletariats, halbkriminelle Elemente aus dem Lumpenproletariat verbündeten sich mit Gutsbesitzern, Kaufleuten und Popen zum Beispiel in dem „Bund des Erzengels Michael“, um die Revolution zu bekämpfen. Das Volk nannte Organisationen dieser Art „Schwarzhunderter“. Vergleiche: Geschichte der KPdSU (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin, 1946,94). Das ist ja gerade der Täuschungsversuch in der NATO Studie von 2003: man schlägt den lumpenproletarischen Sack und meint den proletarischen Esel.

Kern der NATO Studie ist das USECT Konzept. Jeder Buchstabe steht für eine Kampfphase in einer im urbanen Raum ablaufenden Operationseinheit:

Das U steht für „Understand“:  in der U – Phase soll durch modernste Spionagetechnik und vor allem menschliche Quellen eine Situationsanalyse erstellt werden. „Zu betrachten seien dabei nicht nur potentielle Feinde wie „kriminelle Banden“, „Bürgerwehren“ oder „Aufständische“, sondern ebenso die Zivilbevölkerung und im Kriegsgebiet tätige Hilfsorganisationen samt der ihnen zur Verfügung stehenden Infrastruktur“. (www.german-foreign-policy.com. Siehe auch: „Urban Operations“ Unter Führung der BRD probt die NATO Kampfeinsätze in den Metropolen des Südens – unter anderem in Magdeburg, in: Die Rote Hilfe,38. Jahrgang 2012,26).

Das S steht für „Shape“. In dieser Phase sollen im urbanen Raum vorteilhafte Bedingungen für die Aggressoren hergestellt werden. „Hierunter fallen sowohl die „gezielte Zerstörung“ und „Abriegelung“ von Rückzugsgebieten rebellischer Gruppen wie die Steuerung der lokalen und regionalen Massenmedien“. (a.a.O.).

Das E steht für „Engage“. In dieser Phase geht es um die Bekämpfung der Kommandozentralen . Diese sollen von ihrer Ressourcebasis abgeschnitten werden, ihre Moral und ihr Kampfgeist sollen gebrochen werden.

Das C steht für „Consolidate“. Das militärisch Erreichte soll abgesichert werden.

Das T steht für „Transition“. Die Kontrolle über die sozialen Unruheherde in den Armenvierteln soll wieder an die reichen Blutsauger übertragen und gefangengenommene Aufständische an internationale Strafverfolgungsbehörden übergeben werden.

Ein wichtiger Bestandteil des USECT Konzeptes ist die militärische Forschung auf dem Gebiet des Auffindens von Freiheitskämpfern in Gebäuden, das heißt auch, die Entwicklung von Minidrohnen und mit modernster Spionagetechnik ausgerüsteter fahrbarer Roboter zu forcieren.

Der Ausgangspunkt dieser globalfeldpolizeilichen Stadtoperationen ist nun „Schnöggersburg“ – eine sich gerade im Aufbau befindliche „Fabelstadt“, die sich in der ganzen Welt befinden könnte. In Hillersleben bei Magdeburg entsteht das modernste Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Europas mit einer für den Straßenkampf konzipierten Übungsstadt, in der es an nichts fehlt: 500 Gebäude, die sich auf eine Altstadt verteilen, auf Wohn- und Industrieviertel, U Bahn Tunnel und -Stationen, Kanalisation, Kellerschächte…usw…und natürlich ein für kapitalistische Verhältnisse unvermeidbares Elendsviertel am Stadtrand, das aber, wie bereits betont, nicht der Kern der Sache ist. Man will auch gegen Bürgerwehren kämpfen, also offensichtlich werden Kampfhandlungen nicht nur an der Peripherie südlicher Metropolen stattfinden.

Die Gespensterstadt entsteht neben dem modernsten GÜZ, das sich auf eine Fläche von 30 x 15 km erstreckt und von der Düsseldorfer Firma „Rheinmetall“ betrieben wird. Wie der Konzern mitteilt, trainieren hier jährlich bis zu 25 000 Nato Soldaten, „in Verbänden bis zur Bataillonsstärke in einer Mischung aus realem Manöver und IT-gestützter Live-Simulation die Panzerabwehr, den Häuserkampf oder das Verhalten gegenüber einer `aufgebrachten Menschenmenge´. Der Stolz von Rheinmetall ist ein Duellsimulator, der Schuss und Wirkung im Ziel per Laserimpuls und Laserecho darstellt. „Damit entspricht das GÜZ exakt den Forderungen der NATO nach `mit Simulationssystemen kombinierten Trainingsgelegenheiten´“ (a.a.O.,27). „Aufgebrachte Menschenmenge“ – hier haben wir den Jargon der Rüstungsmafia, die für ihre schäbigen Geschäfte natürlich den gesellschaftswissenschaftlich exakten Begriff „Klassenkampf“ vermeiden muss.

„Der aus dem Amazonasgebiet in eine Favela Sao Paulos geflohene landlose Bauer will dem deutschen Arbeiter seine Uhr klauen wie es anno dazumal 1945 die Mongolen taten“ – und wegen dieser Albernheit sollen  die urbanen Elendsviertel als Gefechtsfelder dienen, auf denen die westeuropäische Rüstungsmafia ihre neuesten technischen Mordwerkzeuge testet, eine Mafia, die am Krieg besser verdient als am Frieden, sollen Zehntausende unschuldige Habenichtse auf der südlichen Halbkugel ermordert werden. Man gehe einmal auf den Kontinenten die Einwohnerzahlen der Megametropolen durch, die täglich, stündlich steigen, was nach dem NATO Konzept ja zugleich eine ständig steigende Todesquote bedeutet. Wir fragen an dieser Stelle mit Gustav Heinemann, ob man nicht die Bundeswehr grundsätzlich in Frage stellen muss ? Hat diese in einem Kloster bei Himmerod konzipierte Armee, diese klösterliche Zwergmißgeburt überhaupt ein Existenzrecht ? Seit der französischen Revolution ist es die Aufgabe des Soldaten, die Kleinen und Schwachen zu schützen, aber hart und grausam gegen die Reichen und Mächtigen zu sein. In seinem „Plan einer Criminalgesetzgebung“ hatte der große französische Revolutionär Jean Paul Marat bereits die Forderung aufgestellt, dass der reiche Dieb härter bestraft bwerden muss als der Dieb aus Not. Friede den Hütten, Krieg den Palästen ! Die Bundeswehr ist eine perverse, dem Mittelalter zugewandte  Armee – sie ist durch das bürgerliche Offizierskorps eine durch und durch konterrevolutionäre Armee, die nach dem Grundsatz antritt: Krieg den Hütten, Friede den Palästen ! Vergessen wir nicht den wichtigen Hinweis von Marx, dass die Pariser Kommune gezeigt hat, dass die Bourgeoisie den Platz der Feudalen eingenommen hat – die Soldaten müssen also die Gewehre gegen die feigen, vollgefressenen Offiziere, die sich gegenüber den täglich von einer Handvoll Reis ernährenden  Elenden der sogenannten Dritten Welt auf ihr modernstes militärisches Mordequipment verlassen, umdrehen. Hat denn der Halbalphabet gegenüber den zivilisierten Hyänen überhaupt ein Lebensrecht ? Sind das nicht minderwertige Menschen ? Als schwache Völkerschaften freigegeben zur Ausraubung durch das imperialistische Kapital, das aus ihnen den Extraprofit zieht ? Manövriermasse auf den Kartentischen der NATO Strategen in den nordatlantischen Metropolen ? Die armen Länder auf der südlichen Halbkugel sind ohnehin in finazieller und wirtschaftlicher Abhängigkeit, was Kriege in sich birgt, die man nicht für Kriege halten könnte, weil es oft nur Metzeleien sein werden. (Vergleiche Lenin, Bericht über die internationale Lage und die Hauptaufgaben der Kommunistischen Internationale auf dem II. Kongress der KI am 19. Juli 1920, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin 1956,246). Aber auch im NATO Bereich gibt es Elendsviertel, und wir erleben es ja schon vor unserer Haustür, dass die Armen mittels Polizei von der Bourgeoisie wie Dreck behandelt werden. Das soll nun globalisiert werden. Aber die imperialistischen Globalisierer verrechnen sich: der proletarische Sieg in den fortgeschrittenen Ländern ist heute untrennbar mit dem revolutionären Bündnis mit den Befreiungsbewegungen in den vom Finanzkapital abhängigen Ländern verbunden. Die Gewehre müssen also umgedreht werden, lieber einige tausend Spitzenoffiziere der bürgerlichen Armee, deren perverse Gehirne auf `killing´der Armen „ihres“ Volkes und der armen Völker ticken, ohne Kriegsverbrechertheater à la Nürnberg erschießen, als dass Millionen unschuldiger Menschen in den Slums und in den südlichen Metropolen auf deren Befehl hin ermordet werden. Es  ist nur ein Gebot der Humanität, wenn das mordlustige Spießerpack in Uniform bestraft, an proletarische Revolutionstribunale übergeben wird. Wir müsses es wie im Fall des Marschalls Tuchatschewski machen, der der Sohn eines Grundbesitzers war und von dem Trotzki sagte, er sei kein Revolutionär, sondern ein Soldat der Revolution, eingedenk, dass sich um einen bürgerlichen Offizier ein ganzes faschistisches Umfeld aufspreizt, das man als einen braunen Sumpf bezeichnen kann. In der Sowjetunion führte man für diesen die Bezeichnung TschSIR ein. (Es gibt genug Beispiele in der Geschichte, dass die gutmütigen Soldaten aus dem Volk noch während einer Revolution gefangene Offiziere wortgläubig wieder freigelassen hatten). Die Trockenlegung dieser Sümpfe kommt natürlich der Menschheit billiger: „…denn die Niederhaltung der Minderheit der Ausbeuter durch die Mehrheit der Lohnsklaven…ist eine so verhältnismäßig leichte, einfache und natürliche Sache, dass sie viel weniger Blut kosten wird als die Unterdrückung von Aufständen der Sklaven, Leibeigenen und Lohnarbeiter, dass sie der Menschheit weit billiger zu stehen kommen wird“. (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,477. ). Nicht die Ärmsten der Armen stellen eine Bedrohung für die fortschrittliche Menschheit dar, wie denn auch ? – sondern reaktionäre, historisch überlebte bürgerliche Offizierskorps, die für die Profite globaler Blutsauger bedenkenlos das Leben der Arbeiter- und Bauernsöhne opfern. „Sollte UNSER (Kursiv von Lenin) Krieg, der Krieg der Unterdrückten und Ausgebeuteten gegen die Unterdrücker und Ausbeuter, in allen Ländern eine halbe oder eine ganze Millionen Opfer kosten, so wird die Bourgoisie sagen, die Opfer des Weltkrieges seien berechtigt, die des Bürgerkrieges aber verbrecherisch“. (Lenin, Brief an die amerikanischen Arbeiter vom 20. August 1918, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin 1956,211).

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Die Ironie der Weltgeschichte Zum 192. Geburtstag von Friedrich Engels

20. November 2012

Der am 28. November 1820 im rheinländischen Barmen bei Wuppertal geborene Friedrich Engels machte in revolutionär demokratischen Kreisen Epoche  zunächst auf  dem Gebiet der Theorie. Durch eine kleine ökonomische Schrift, die den Titel trug: „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ und Anfang 1844 in den „Deutsch Französischen Jahrbüchern“ veröffentlicht wurde, einer Zeitschrift, in der auch Marx Artikel publizierte. Zugleich legte er den Keim zu einer Revolution der Geschichtswissenschaft: der Fabrikantensohn Engels wurde durch seinen Aufenthalt in der Industriemetropole Manchester, wo sein Vater Anteilseigner einer Textilfirma war, „…mit der Nase darauf gestoßen worden, dass die ökonomischen Tatsachen, die in der bisherigen Geschichtsschreibung gar keine oder nur eine verachtete Rolle spielen, wenigstens in der modernen Welt eine entscheidende geschichtliche Macht sind; dass sie die Grundlagen bilden für die Entstehung der heutigen Klassengegensätze in den Ländern, wo sie vermöge der großen Industrie sich voll entwickelt haben, also namentlich in England, wieder die Grundlage der politischen Parteienbildung, der Parteikämpfe und damit der gesamten politischen Geschichte sind“. (Friedrich Engels, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, Marx Engels Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin 1960,211). Damit hatte er laut Franz Mehring und Lenin nicht nur Karl Marx auf die zentrale Bedeutung der Ökonomie für das wissenschaftliche Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge aufmerksam gemacht, er legte überhaupt erst den ökonomischen Grundstein für eine materialistische Geschichtsauffassung, die als Wissenschaft wird auftreten können, insbesondere dann, wenn durch den dialektischen Materialismus die Geschichte der Gesellschaft eine gesetzmäßige wird. Durch Marx und Engels erst wurde die Substanz der Geschichtswissenschaft das Studium der ökonomischen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft. Hatte Engels in Manchester das Verhältnis zwischen Ökonomie und Politik geklärt, ein Verhältnis, das heute noch in der euro-europäischen Finanzkrise absichtlich oder unabsichtlich von den Politikern verdreht wird 1., so Feuerbach das Verhältnis zwischen Mensch und Religion (der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen) 2. und Marx das von Hegel verdrehte Verhältnis zwischen Staat und bürgerliche Gesellschaft. Letztere, die ökonomische Basis, bedingt den ersten, den Überbau. Der Staat ist nicht Subjekt gesellschaftlicher Entwicklung. Marx kritisiert die Philosophie: es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich auch zum Gedanken drängen. Wir können also von einer Serie dem deutschen Idealismus geschuldeter fundamentaler Subjekt-Objekt Verkehrungen sprechen oder von einer Korrekturserie verkehrten Weltbewußtseins, die sich aus dem Rückgriff der Linkshegelianer auf den französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts ergab.

Rousseau,  einer der Erahner der bürgerlichen französischen Revolution, erkannte 1749 in einem quasireligiösen Erweckungserlebnis auf dem Weg von Paris nach Vincennes, die Preisfrage der Akademie zu Dijon lesend, ob Künste und Wissenschaften zum Fortschritt der menschlichen Kultur beigetragen haben und durch sie wie von tausend Lichtern geblendet wurde, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass es nur die Institutionen sind, die ihn verderben. Die bürgerliche Revolution war daher auch ekstatisch, wie Marx im 18. Brumaire schrieb, in Feuerbrillanten gefasst. Engels erkannte nüchtern die Bedeutung widersprüchlicher ökonomischer Tatsachen,  kommende proletarische Revolutionen sind folglich für Marx qualvoll, kritisieren beständig sich selbst und verhöhnen grausam ihre Halbheiten, ihre Widersprüche. ( Vergleiche Karl Marx, Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in Marx Engels Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau 1975,102). Als die „linken Kommunisten“ um Bucharin, Radek, Uritzki zusammen mit den linken Sozialrevolutionären Anfang 1918 in girondistischer Manier einen energischen revolutionären Krieg gegen die Truppen des deutschen Imperialismus forderten, bezeichnete Lenin diese Politik als Drang eines Menschen nach dem Schönen, Effektvollen und Blendenden, der aber das objektive Verhältnis der Klassenkräfte und der materiellen Faktoren im gegenwärtigen Augenblick der begonnenen sozialistischen Revolution absolut nicht berücksichtigt“. (Lenin, Zur Geschichte der Frage des unglücklichen Friedens, in: Lenin; Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1956,186f.). Und Lenins Brief an die amerikanischen Arbeiter vom 20. August 1820 endet mit dem Gedanken, dass die Arbeiter langsam, aber unentwegt zur kommunistischen, bolschewistischen Taktik kommen. (Vergleiche Lenin, Brief  an die amerikanischen Arbeiter, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1956,216).

Vor den „Umrissen“ hatte Engels unter dem Pseudonym „Friedrich Ostwald“ einige Artikel für Zeitungen, insbesondere für Karl Gutskows „Telegraph für Deutschland“ geschrieben, auch mit einer sozialkritischen Note, schwerpunktmäßig war die Literatur des „Jungen Deutschland“ sein Thema. Aber die „Umrisse“ sind nach den Worten von Marx im Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859 eine „geniale Skizze zur Kritik der ökonomischen Kategorien“. Für Sombart allerdings waren sie „ein reichlich konfuses Werklein“, wie Sombart überhaupt Engels keine Bedeutung für das Werk von Marx zuschreibt: Engels sei „im Grunde seiner Seele, seiner wesenhaften Veranlagung nach, gar kein Sozialist…Er war nichts anderes als der Freund von Karl Marx. Diese Freundschaft war sein Weltgrund, sie wurde sein Schicksal. Jede Ungeheuerlichkeit seiner Lehrmeinung wird von den fröhlichen, schelmischen Augen Lügen gestraft. Hätte er seine Seele nicht an Karl Marx verkauft, er wäre als junger Mann natürlich „revolutionär“ gewesen, dann aber ein genußfreudiger Fabrikant mit Sportneigungen und anderen Hobbies geworden…. (Werner Sombart, Der proletarische Sozialismus („Marxismus“), 1. Band: Die Lehre, 1924,51). Nach dem Niedergang der russischen Revolution von 1905 erfanden die Revisionisten eine spezifische, man möchte sagen sportliche Engelsche Dialektik, um sie als Mystik (Berman), als veraltet (Basarow) abzutun. (Vergleiche: Geschichte der KPdSU, Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin 1946,124). Für Kautsky waren die „Umrisse“ hingegen der ERSTE (kursiv von Karl Kautsky) Schritt zum wissenschaftlichen Sozialismus (Vergleiche Karl Kautsky, Friedrich Engels zu seinem siebzigsten Geburtstag (1890), in: Die Neue Zeit, 9. Jahrgang, 1. Band, 1890/91, 225ff. ) wie auch für Georg Lukacs, der zu Recht darauf hinweist, dass nach dem nationalökonomischen Erstlingswerk sich das theoretische Schaffen von der Literatur weg primär der Wirtschaft und der Politik zuwendet. (Vergleiche Georg Lukacs, Karl Marx und Friedrich Engels als Literaturhistoriker, Aufbau Verlag Berlin 1948,70). Hinter dem hochtrabenden Begriff „Nationalökonomie“ verbirgt sich nach Engels eine schäbige und menschenverachtende „komplette Bereicherungswissenschaft“, eine reine Privatökonomie. Unter dem Schleier von Philanthropie und Höflichkeit finde ein Handel genannter legaler Betrug statt. „Je näher die Ökonomen der Gegenwart kommen, desto weiter entfernen sie sich von der Ehrlichkeit“. (Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Marx Engels Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,501).

Die ganze antibourgeoise Radikalität des 24jährigen wird dadurch markant, dass er vom EKELHAFTEN NEID (kursiv von Heinz Ahlreip) spricht, zu dem das Privateigentum geführt habe. Es gibt Privatdozenten, Doktoren und Professoren etwa der Philosophie, die über den wissenschaftlichen Sozialismus dozieren noch und noch – das führt keine Revolution herbei. Erst aus einem gesunden Klassenhass bei entsprechender ökonomischen Reife der kapitalistischen Gesellschaft heraus greifen die Lohnsklaven kollektiv zu Feuer und Schwert, um das ekelhafte Bürgertum auszurotten und niederzubrennen. Kann man es denn anders als ekelhaft bezeichnen, wenn der Sozialdemokrat Steinbrück für einen Vortrag von den Stadtwerken Bochum 25 000 Euro kasssiert ? Und der SPD Vorstand ihm daraufhin das volle Vertrauen ausspricht. (Siehe FAZ vom 13. November 2012, S.4). Engels hatte doch recht, wenn er von Bereicherungswissenschaft sprach. Schon Rosa Luxemburg sprach vom „Ekel“, den die Praxis der westeuropäischen Arbeiterbewegung hervorruft. (Rosa Luxemburg, Die russische Tragödie, Spartacus Nummer 11 vom September 1918, in: Rosa Luxemburg und die Freiheit der Andersdenken, Extraausgabe des unvollendeten Manuskripts „Zur russischen Revolution“ und anderer Quellen der Polemik mit Lenin, Dietz Verlag Berlin, 1990,106). Der Kapitalismus pervertiert jede Wissenschaft: „Die Arbeiter arbeiten sich krank“ (a.a.O., 517) und die Wissenschaft arbeite gegen sie. Es war eine enorme Erkenntnis, mitten im wissenschaftsgläubigen 19. Jahrhundert festzustellen, dass die Wissenschaft sich gegen die arbeitenden Menschen richtet. Wie Rousseau und ohne guten Wilden anders als Rousseau, der in der Mitte des 18. Jahrhunderts der gebildeten Welt ihren Heiligenschein abnahm. Auch heute ist es noch so, dass der Prolet nach dem Öffnen der Eingangstür einer Arztpraxis trotz aufgelegter philanthropischer Maske „Territorium des Klassenfeindes“ betritt. Kein Prolet darf je vergessen, dass die Bourgeoisie „den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in IHRE (kursiv von Heinz Ahlreip) bezahlten Lohnarbeiter verwandelt“. (Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,465).  Den Kulminationspunkt der Unsittlichkeit erblickte Engels in der Börsenspekulation in Fonds, „wodurch die Geschichte und in ihr die Menschheit zum Mittel herabgesetzt wird, um die Habgier des kalkulierender oder hasardierenden Spekulanten zu befriedigen“. (a.a.O.,515). Dass die Menschheit nicht mehr Mittel der Geschichte sei – das war eine richtige, wenn auch noch rohe Bestimmung des Kommunismus.

War der 24jährige Engels bereits Kommunist ? „Produziert mit Bewußtsein, als Menschen, nicht als zersplitterte Atome ohne Gattungsbewußtsein…“ (a.a.O.) rief der junge Mann in die ekelhafte kapitalistische Welt hinein. Diese Botschaft ging aber noch von einem abstrakten Humanismus aus, wie sie typisch war für einen ethisch-philosophischen Kommunismus. Engels gesteht 1885, dass er gegenüber revolutionären Arbeitern noch von „philosophischen Hochmut“ durchdrungen war. (Vergleiche Friedrich Engels, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,457). Zu dieser Zeit hatte er die  essentiellen Schwerpunkte einer kommunistischen Revolution noch nicht erfasst. Erstens: Die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse, die die Errichtung ihrer Diktatur beinhaltet,  war noch nicht erkannt worden. Dieser Durchbruch zur Einsicht ihrer politischen Selbsttätigkeit gelang aber wenig später in der „Lage der arbeitenden Klassen in England“ 3., in der Anklage erhoben wird gegen die englische Bourgeoisie wegen Mordes und Raubes. (Vergleiche Brief an Karl Marx vom 19. November 1844). Dabei sah Engels im durch Mord und Raub verursachten Elend nicht nur das Elend, sondern dass gerade in ihm die Umkehr zur Emanziaption erfolgt, dass aus dem Elend das Proletariat als selbständige gesellschaftliche Kraft mit einer weltgeschichtlichen Mission aufstehen wird. „…weil der Geist um so größer ist, aus je grösserem Gegensatze er in sich zurück kehrt“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Akademie Ausgabe, Felix Meiner Verlag Hamburg,1980, 189). Ohne die deutsche Philosophie gäbe es keinen wissenschaftlichen Sozialismus. „…denn der Gegensatz des Begriffes ist der absolute…“ (a.a.O.,307).  Es galt, diesen revolutionäre Elan des Hegelschen Idealismus materialistisch zu wenden: in der gesellschaftliche Klassenkampfpraxis totalisiert die kapitalistische Ausbeutung als letzte mögliche Form der  Ausbeutung zum finalen Klassenkampf, in dem die ausgebeuteten Volksmassen ein Recht haben, die Konterrevolutionäre zu bestrafen. Zweitens: Ebensowenig finden sich Ansätze zur Entwicklung der Mehrwerttheorie. Das Privateigentum ganz allgemein, nicht seine Konkretisierung als Einzeleigentum an den Produktionsmitteln, wurde als Quelle aller Grundübel der bürgerlichen Gesellschaft angesehen – ganz wie es in den klassischen Sätzen Rousseaus am Anfang des zweiten Teils des zweiten Diskurses zu lesen ist: „Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: „Das ist mein“ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen…“ (Jean Jacques Rousseau, Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1995,191f.).

Nach den Aufregungen der 48er Revolution, an der Engels als demokratischer Journalist und Soldat Willichs (der später im amerikanischen Bürgerkrieg als General für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte)  teilnahm, konnte Marx im Londoner Exil ab Frühjahr 1850  endlich der Spur folgen, die Engels ausgelegt hatte: dem Studium der Ökonomie der kapitalistischen Ausbeuterordnung, allerdings mit einem enormen Vorteil: er studierte diese mit Hilfe der materialistischen Dialektik, seiner „schärfsten Waffe“. 4. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Marx Engels Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin 1960,293). Erste Früchte ließen nicht lange auf sich warten: dass die Mutter der 48er Revolution die Welthandelskrise von 1847 war, dass es einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Krise und revolutionären Aufbrauch, zwischen Prosperität und triumphierender Reaktion gibt, dass also nach 48 auf Grund der  einsetzenden bisher unerhörten Prosperität – von 1850 bis 1880 erhöhte sich die durch Dampfkraft erzeugten Pferdestärken in England von 1,3 auf 7,6 Millionen – Abschied zu nehmen ist von dem Gedanken einer baldigen Revolution in Europa, dem die Vulgärdemokratie anhing.   (Am 13. Juli 1854, zehn Jahre nach dem Weberaufstand, setzte der preußische Gesandte Bismarck im Deutschen Bundestag das Verbot aller Arbeitervereine durch). In der Tat – Marx in London, Engels ab 1850 in Manchester – warteten beide auf das Herannahen der alles (die Weltrevolution) entscheidenden ökonomischen Weltkrise.  Als sie über den Ärmelkanal, Engels über Gibraltar kommend,  ins englische Exil gingen, wußten sie nocht nichts von der Notwendigkeit dieser Krise, besonders Engels stand unter dem Eindruck von Moses Heß, der in seinem Buch „Die europäische Triarchie“ eine baldige soziale Revolution in England als Vollendung der deutschen Reformation und der französischen Revolution prophezeite. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse in London desillusionierten  sie: die „große Angst“ der Bourgeoisie von 1848 wich immer mehr einem Selbstvertrauen in eigene bürgerliche Stärke,  und beide richteten sich nun auf einen längeren Aufenthalt in England ein, ja starben im Exil. An einer demokratischen Revolution hatten sie im Sinne Jean Paul Marats teilgenommen, ganz bewußt war ja das Marx Engelsche tägliche Revolutionsblatt „Neue Rheinische Zeitung“ 1848 als „Organ der Demokratie“ aufgetreten, keineswegs als Organ des Kommunismus, wie es Kautsky in seinem Aufsatz zum 70. Geburtstag von Engels darstellt. In einem Flugblatt wurde eine Staatsbank gefordert, die das Papiergeld als unentbehrliches Instrument des bürgerlichen (!!) Verkehrs „verwohlfeilert“. (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland, Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin,1973,4. In einer Polemik mit Plechanow im April 1917 deutet auch Lenin eine solche Maßnahme als nicht sozialistische. Vergleiche Lenin, Eine Grundfrage (Wie Sozialisten urteilen, die auf die Seite der Bourgeoisie übergegangen sind) Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin 1978,182). Die Autoren des Kommunistischen Manifestes verteidigten lediglich „bis zuletzt die Interessen des Volkes…gegen die Kräfte der Reaktion“ (Lenin, Friedrich Engels, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin,1961,10f.). Deshalb war ihr außenpolitisches Konzept auch kurz und knapp: Krieg gegen Russland, dem Bollwerk der europäischen Reaktion, dem Land, das seit 1789 alle westeuropäischen fortschrittlichen politischen Bewegungen von sich abgewehrt hatte. Das wirkte nach bis zur Erklärung August Bebels im Jahre 1891 vor dem Erfurter Parteitag, dass wir im Falle eines russischen Angriffs mehr an einem Kampf gegen den Hort der Barbarei interessiert sind als die bürgerliche Elite Deutschlands. Rosa Luxemburg verweist darauf, dass am 4. August 1914 das alte Programm von Marx und Engels herhalten musste für die sozialdemokratische Hetze gegen Russland. (Rosa Luxemburg, Die Revolution in Russland, Spartacus Nr. 4 vom April 1917, in: Rosal Luxemburg und die Freiheit der Andersdenken, Extraausgabe des unvollendeten Manuskriptes  „Zur Russischen Revolution“ und anderer Quellen zur Polemik mit Lenin, Dietz Verlag Berlin 1990,36). Die Nazis konnten die Assoziation Russlands mit der Barbarei ausnutzen, in der Wochenschau zum Angriff auf die Sowjetunion wurde vom Schutz der Zivilisation gegen die Barbarei gesprochen. (Este Bilder von gefangengenommenen Rotgardisten wurden mit der Aussage kommentiert: das sind  die Verbündeten der englischen Lords und Plutokraten). Wie gesagt; an einer proletarischen Revolution haben Marx und Engels nie teilgenommen. Mit Begeisterung, aber eben passiv, verfolgten sie die Pariser Commune als  Geburt einer neuen Gesellschaft aus einer alten wie einen naturgeschichtlichen Prozess. (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,438). Und auch in dieser ersten essentiellen proletarischen Revolution ging ein Teil der Arbeiter mit den weißen „Versaillern“. In England wurden sie zudem Zeugen, wie die Führer der englischen Bewegung sich durch „koloniale“ Extraprofite korrumpieren ließen und zu Führern ohne revolutionäre Impulse herabsanken, nachdem sie schon den Niedergang der Chartistenbewegung miterlebt hatten. 5. Nicht zufällig verweist Lenin bei seinen Ausführungen, warum es zur Spaltung des Sozialismus gekommen war, auf etliche Passagen aus dem englischen Briefwechsel von Marx und Engels, in denen die opportunistische Entartung thematisiert wird. Dieser Briefwechsel belegt, dass eben der wissenschaftliche Sozialismus gemeinsam ausgearbeitet wurde. Marx und Engels schwammen gegen die Strömung – zum Glück. Denn sie verbanden strenge und höchste Wissenschaftlichkeit mit revolutionärem Geist  (es sind die Wissenschaftler ohne revolutionären Geist, die ihnen deshalb Einseitigkeit bzw. Parteilichkeit vorwerfen) und hinterließen deshalb das Wertvollste, was die fortschrittliche Menschheit theoretisch besitzt: DAS KAPITAL. Deshalb hat Lenin vollkommen Recht: „Man kann den Marxismus nicht verstehen und nicht in sich geschlossen darlegen, ohne sämtliche Werke von Engels heranzuziehen“. (Lenin, Karl Marx, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1959,80).

Engels durchdachte die neue Situation als Soldat: „Die Geschichte hat aber auch uns unrecht gegeben, hat unsere damalige Ansicht als eine Illusion enthüllt. Sie ist noch weiter gegangen: Sie hat nicht nur unseren damaligen Irrtum zerstört, sie hat auch die Bedingungen total umgewälzt, unter denen das Proletariat zu kämpfen hat. Die Kampfweise von 1848 ist heute in JEDER (kursiv von Heinz Ahlreip) Beziehung veraltet…“ (Friedrich Engels, Einleitung zu den Klassenkämpfen in Frankreich 1848 bis 1850, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,673. In dieser Einleitung zu einem Werk von Marx  zur 48er Revolution durchmustert der alte Engels kurz vor seinem Tod noch einmal kritisch kommunistisches und demokratisches Gedankengut kurz vor 1848, man kann durchaus von kommunistischen Gedankengut ausgehen, denn ab Juni 1847 waren Marx und Engels Mitglieder des „Bundes der Kommunisten“ geworden, dessen Losung lautete: „Proletarier aller Länder,  vereinigt Euch !). Eine Folge hiervon war die Änderung der revolutionären Taktik: nicht mehr die Überrumpelung im Barrikadenkampf „mit EINEM GROSSEN (kursiv von Friedrich Engels) Schlag“ (a.a.O.,675), der das entscheidende Mittel in der 48er Revolution war, sondern das langsame Vordringen im harten, zähen Kampf von Position zu Position – in Deutschland mit Hilfe des allgemeinen Stimmrechts. (In romanischen Ländern galt unter revolutionären Arbeitern das Stimmrecht als Instrument der Regierungsprellerei). Standen die Revolutionäre von 48 noch im Banne des Jakobinismus (siehe a.a.O.,672) und war in der 48er noch etwas von der Ekstase als dem Geist des Tages zu verspüren, so kam mit der die gesellschaftlichen Verhältnisse durchdringenden marxistischen Wissenschaft der Gegensatz der qualvollen proletarischen Revolution gegenüber der bürgerlichen in Feuerbrillanten gefassten desillusionierend immer mehr zum Vorschein. Allerdings – dem Barrikadenkampf hat Engels nie abgeschworen, wie das später revisionistisch verfälscht wurde, auch wenn die Barrikade für ihn allen Zauber verloren hatte.  „Machen wir uns keine Illusionen darüber: Ein wirklicher Sieg des Aufstandes über das Militär im Straßenkampf, ein Sieg wie zwischen zwei Armeen, gehört zu den größten Seltenheiten. Darauf hatten aber auch die Insurgenten es auch ebenso selten angelegt. Es handelte sich für die nur darum, die Truppen mürbe zu machen durch moralische Einflüsse…Gelingt das, so versagt die Truppe oder die Befehlshaber verlieren den Kopf, und der Aufstand siegt“. (a.a.O.,679). Eine endgültige Absage ist das freilich nicht, Engels ging davon aus, dass der Barrikadenkampf nicht am Anfang der revolutionären Erhebung  stehen wird, sondern erst in ihrem weiteren Verlauf gewichtig werden könnte. Und die Geschichte sollte Engels Recht geben: Während der Barrikadenkämpfe in der russischen Revolution von 1905 bildete sich in Moskau eine neue Taktik des Barrikadenkampfes heraus (Kautsky war einer der ersten, die das erkannten): die Partisanentaktik von 10er, 3er, ja sogar 2er Gruppen. Auch darf andererseits die Bedeutung des allgemeinen Stimmrechts nicht überbewertet werden, es ist lediglich ein Gradmesser der Reife des Proletariats – mehr nicht- und es bleibt ein Mittel der politischen Prellerei, wie Lenin sagt: ein „Werkzeug der Herrschaft der Bourgeoisie“. Die Opportunisten verlangen eben mehr vom allgemeinen Stimmrecht und verfallen der reinen Legalität. Sie verbreiten die Illusion, dass man durch das allgemeine Stimmrecht „im heutigen Staat“ den Willen der Mehrheit der Werktätigen zum Ausdruck bringen kann. (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,405f.). Man darf nicht opportunistisch in die reine Legalität des allgemeinen Stimmrechts abrutschen, sondern man muß neben den Wahlergebnissen immer mitentwickeln, dass die Führung des bewaffneten Aufstandes der Volksmassen die höchste Kunst bleibt. Jeder wirkliche Revolutionär träumt davon, sehnt sich danach, arbeitet darauf hin. Tag und Nacht. Dennoch sprach Engels kurz vor seinem Tode von einer „Ironie der Weltgeschichte“, die alles auf den Kopf stellt. Revolutionäre bekämen unter der Gesetzlichkeit „pralle Muskeln und rote Backen“ und sähen aus wie das ewige Leben. (Friedriel Engels, Einleitung zu den Klassenkämpfen in Frankreich 1848 bis 1850, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,684). Außerdem hatte er schon 1891 in der Kritik des Erfurter Parteiprogramms die demokratische Republik als die spezifische Form für die Diktatur des Proletariats angesehen.

Nach Engels war es ein anderer Klassiker, der kommunistisches Gedankengut kurz vor der 48er Revolution kritisch durchmusterte – und diesmal traf es Engels selbst. Und gleich doppelt. 1) Auf Grund seiner Imperialismusanalyse gelangte Lenin zu einer gravierenden Änderung der Revolutionskonzeption von Marx und Engels. Sprach Engels in den „Grundsätzen des Kommunismus“ 1847 noch davon, dass eine proletarische Revolution in einem Land unmöglich sei, dass eine Revolution nur eine europäische sein könne, kam Lenin auf Grund seiner ökonomischen Analyse des Imperialismus und der ihm anhaftenden ökonomischen und politischen Ungleichmäßigkeit seiner Entwicklung zu einer Sichtweise, die auch eine der Form nach nationale Revolution einschloß, wenn diese auch alles andere denn der Idealfall wäre. Da der Idealfall einer Weltrevolution nach der Oktoberrevolution ausblieb, da sogar die Hoffnung auf eine deutsche kommunistische Revolution sich nicht erfüllte – „Der Russe wird beginnen, der Deutsche vollenden“ – war damals ein geflügeltes Wort – (erst als Folge der militärischen Auseinandersetzungen des zweiten Weltkrieges kam es zur Verbindung eines sowjetrussischen und deutschen Kommunismus durch die Gründung der DDR, die Stalin deshalb als „Wendepunkt in der europäischen Geschichte“ bezeichnete 5.) traten die Kommunisten um Stalin das denkbar schwerste Erbe an, „nur“ auf einem sechsten Teil der Erde den Aufbau des Sozialismus in einem industriell rückständigen Land in Angriff zu nehmen. Und wieder hatte  die Weltgeschichte einen Verlauf wider aller Erwartungen der Weltrevolutionäre genommen: der Sozialismus reifte in Westeuropa nicht gleichmäßig aus, „sondern auf dem Wege der Ausbeutung der einen Staaten durch die anderen, auf dem Wege der Ausbeutung des ersten während des imperialistischen Krieges besiegten Staates, verbunden mit der Ausbeutung des gesamten Ostens“ (Lenin, Lieber weniger, aber besser, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1956,302f.). Trotzki blieb dogmatisch dem jungen Engels treu – und scheiterte. Stalin verstand sich als Anhänger eines schöpferischen im Gegensatz eines dogmatischen  Marxismus 7. : „Engels würde unsere Revolution aus vollem Herzen begrüßen und sagen: Zum Teufel mit allen alten Formeln, es lebe die siegreiche Revolution in der UdSSR“ (Beifall). (Stalin, Schlußwort zu dem Referat „Über die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei, Stalin Werke Band 8,271). Lag im Horizont von Engels 1848 nur eine europäische Revolution, so hat der Imperialismus auch in dieser Frage alles verändert: „Jene Zeiten, in denen die Sache der Demokratie und die Sache des Sozialismus nur mit Europa verknüpft war, sind unwiderruflich entschwunden“. (Lenin, Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1956,64). 2) Lenin revidierte auch auf Grund der Sowjeterfahrungen von 1905, mehr noch auf Grund der der Februarrevolution die Ansicht von der demokratischen Republik als der spezifischen Form für die Diktatur des Proletariats. Im April 1917 sah er die Organisierung der Sowjetrepublik als bessere Form.

Der Marxismus Leninismus wird auch in Zukunft seine alten Formeln zum Teufel wünschen müssen.Wir können aus alledem den Schluß ziehen, dass die Lehre von Marx, Engels, Lenin und Stalin keine heilige Kuh ist, die man unangetastet wie ein Hindu anzubeten hat. Sonst wird die Weltgeschichte wiederum bitter ironisch.

1. Der SPD Vorsitzende Sigmar Gabriel besuchte Jürgen Habermas und bat ihn um einen Beitrag für das Regierungsprogramm der SPD, der Philosoph zog noch einen Philosophen hinzu, Julian Nida-Rümelin, und einen Ökonomen, Peter Bofinger. So waren alle versammelt zu einem „Philosophisch Ökonomischen Manuskript“, das dann auch im Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  am 4. August 2012 unter dem Titel: „Einspruch gegen die Fassadendemokratie“ erschien. In diesem Artikel wurde von einer „Selbstermächtigung der Politik“ „philosophiert“. Durch diesen Aktus soll „das Unwesen des gespenstischen Paralleluniversums, das die Investmentbanken und Hedgefonds neben der realen, Güter und Dienstleistungen produzierenden Wirtschaft aufgebaut haben“, wieder eingefangen werden. Hierbei kann das Paralleluniversum ganz beruhigt sein, man muss ihm mit dem Gespenst der Machtergreifung durch die Arbeiterklasse, also mit dem Kommunismus  kommen. Allzu durchsichtig wird in dem Artikel der Versuch unternommen, die untergehende kapitalistische Wirtschaftsordnung zu retten.

2.  1839 veröffentlichte Feuerbach die materialistische Frucht seiner Auseinandersetzung mit dem hegelschen Idealismus: „Zur Kritik der Hegelschen Philosophie“. Für den jungen Marx ist die Kritk der Religion das Fundament aller Kritik. (Vergleiche Karl Marx, Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie / Einleitung, Werke Band 1, 1957. 378

3. Das Buch erschien Ende Mai 1845 im Leipziger Otto Wigand Verlag, ein Jahr nach dem schlesischen Weberaufstand.

4. Diese Methode ist kritisch und revolutionär, sie weist vor allem nach, dass alles in der Natur und Gesellschaft historisch vorübergehend ist. Nichts hat Anspruch auf Ewigkeit. Schon von daher mutet es obskur an, wenn Wolfgang Eggers vollmundig verkündet, die Lehren von Friedrich Engels sind eine immer lebendig bleibende Lehre. (Vergleiche http://ciml.250x.com/language/german/190_engels_ weltrevolution.html). Erstens stirbt im Kommunismus neben der proletarischen Kampfpartei auch der Marxismus als Anleitung zum revolutionären Handeln ab, zweitens war es Engels selbst, der auf Grund naturwissenschaftlicher Studien zu der Einsicht kam, dass unser Milchstraßenuniversums selbst dem Untergang geweiht ist.“…verfolgt nur noch eine kalte, tote Kugel ihren einsamen Weg durch den Weltraum“. (Friedrich Engels, Einleitung zur „Dialektik der Natur“, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,369). Wie auf einer toten Kugel die Lehren von Engels „immer lebendig“ bleiben können, das zu erklären bleibt Eggers vorbehalten.

5. Marx und Engels beteiligten sich an den Vorbereitungen einer Gründungskonferenz der „Fraternal Democrats“ (Brüderliche Demokraten), die am 22. September 1845 in London stattfand. Sie setzte sich aus linken Chartisten, deutschen Arbeitern (Mitglieder des Bundes der Gerechten)  und in London lebenden revolutionären Emigranten zusammen. 1853 zerfiel die Gesellschaft.

6. Die 1945 von militärischer Gewalt geschaffenen Fakten sollten das nächste halbe Jahrhundert  Europa prägen. Eine Wendung zu einer entspannten Entwicklung in Europa wurde durch die westliche Zurückweisung der Stalin Note vom 10. März 1952 verhindert. Insbesondere die neofaschistische Reaktion in Deutschland (Adenauer/Globke) wertete die Stalin Note als Spielkarte des Kreml herunter, obwohl der Notentext von sowjetischer Seite ständig präzisiert und konkretisiert wurde, was bei einer bloßen Spielkarte wohl unterlassen geblieben wäre. Im Zusammenhang mit der Stalin Note wurde deutlich, dass der Imperialismus in seiner Primitivität nur eine Sprache beherrscht, die der nackten militärischen Gewalt.

7. Auf dem geheim tagenden VI. Parteiteg der Bolschewiki Ende Juli / Anfang August 1917 widersprach Stalin dem Trotzkisten Preobrashenski, der die Auffassung vertrat, dass eine sozialistische Entwicklung Rußlands ohne eine Revolution im Westen aussichtslos sei, mit den Worten: „Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, dass gerade Russland das Land sein wird, das den Weg zum Sozialismus bahnt…Man muß die überlebte Vorstellung fallenlassen, dass nur Europa uns den Weg weisen könne. Es gibt einen dogmatischen Marxismus und einen schöpferischen Marxismus. Ich stehe auf dem Boden des letzteren“. (Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung, Berlin 1946,238).

Heinz Ahlreip, 28.11. 2012

 

Träume sind Schäume – besonders in den USA Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz über die us amerikanische Ungleichheit

20. November 2012

Die Lohnsklaven haben neben dem Alkohol auch noch den religiösen Fusel, um sich über ihren Sklavenzustand zu betäuben. Die Religion ist der Seufzer einer bedrängten Kreatur, sie protestiert gegen das Elend kollektiv über die religiöse Gemeinde und hofft auf eine bessere Welt im Jenseits oder subjektiv irdisch über Träume einer besseren Zukunft im Diesseits, ohne diese Opiate wäre das hündische Elend nicht zu ertragen. Es ist kein Zufall, dass vornehmlich die USA das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten, der  buntscheckigsten religiösen Sekten und das Land des „American Dream“ sind. Beten und träumen läßt das knallharte Kapital kalt, wenden wir uns also ab von den vergeblichen Illusionen und einem Buch zu, in dem es um die wenig traumhafte Realität des amerikanischen Wirtschaftsalltags geht.

Der am 9. Februar 1943 in Gary (Indiana) als Sohn eines Versicherungsvertreters und einer Lehrerin geborene Joseph Eugene „Joe“ Stiglitz ist kein Ökonom der Studierstube, er suchte und sucht die Verbindung von Theorie und Praxis und ist vor allem politisch praktisch tätig, daher bringt der fast 70jährige einen reichen Erfahrungsschatz mit. Seine theoretischen Schriften über das Verhältnis von Informationen und Märkte war dem Nobelpreiskommittee im Jahr 2001 einen Preis wert. Ab 1993 diente er dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, von 1995 bis 1997 war er Chef des wirtschaftlichen Beraterstabes. Nach dem politischen Ende Clintons wurde er Chefvolkswirt der Weltbank. Es zog ihn also zu den Reichen und Mächtigen, aber durch seine jahrzehntelange praktische Erfahrung enthält sein jüngstes Buch: – „The Price of Inequalitiy“ Norton Verlag New York 2012,414 Seiten – einige auch für die internationale Arbeiterbewegung aufschlußreiche Hinweise. (Es ist auch auf Deutsch erschienen unter dem Titel. „Der Preis der Ungleichheit“.) In diesem Buch geht Stiglitz  nicht zimperlich mit dem amerikanischen Finanzmanagement um. Die USA erweisen sich nicht als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern der krassen sozialen Gegensätze, so dass die große Mehrheit keinerlei Aufstiegschancen hat. Sie kämpft tagtäglich ums nackte Überleben im sogenannten Dollarparadies: die 0,1 Prozent des amerikanischen Volkes ausmachenden Spitzenverdiener nahmen 2007, noch vor dem Platzen der Immobilienblase, durchschnittlich 220 Mal mehr ein als neunzig Prozent des Volkes. Die Statistik bestätigt, dass 2007 „in Gottes eigenem Land“ ein Prozent des Volkes über ein Drittel des Nationalreichtums verfügt. Das erinnert an die Zustände des Ancien Regimes kurz vor dem Ausbruch der französischen Revolution, Zustände, die ganz nach dem Geschmack Marie Antoinettes wären. Und in dieser „Inequality“ konzipierten die Republikaner im Wahlkampf 2012 ein Auslaufenlassen von Obamas Lohnsteuersenkung zum Jahresende ! Stiglitz weist überzeugend nach, dass die 2007 einsetzende Krise die Gegensätze noch weiter auseinandergetrieben hat, die wirtschaftlichen Krisen treffen im Kapitalismus die wirtschaftlich Schwachen am ärgsten. Die Aktienkurse erholten sich schnell und gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit besonders unter Jugendlichen in den zweistelligen Prozentbereich.

Die Wechselbeziehung zwischen Ökonomie und Politik deutet Stiglitz ganz richtig, die Politik erweist sich einmal mehr als Erfüllungsgehilfin der großen Dollarmagnaten. Es sind eben Trugbilder, die die Politiker uns vormachen, dass durch die Politik, durch Wirtschaftsweise die wirtschaftliche Entwicklung zum Besseren für die unteren Millionenmassen gewendet werden kann. Schon der Aufklärer Voltaire deutete Politik nüchtern als Kunst – als Kunst, das Geld aus den Taschen einer Klasse in die einer anderen zu transferieren. Ideologie besteht gerade aus der Verwechslung von Ursache und Wirkung, und dann wird der auf dem Kopf wandelnden Wirkung alles zugetraut. Dieser Verblendungszusammenhang gilt heute generell: die sogenannten demokratischen Republiken sind die denkbar beste Hülle, unter der dieses blutsaugerische Transferieren vonstatten geht. Bürgerliche Ideologie nährt ständig ein verkehrtes Weltbewußtsein: die Politik kann ökonomische Prozesse zum Besseren steuern und also wird es ein besseres Morgen geben. Das Buch von Stiglitz muss aber eben eher resignativ enden: Demokratie ohne eine ausreichende Egalität stirbt. Wird es zu einem jähen Zusammensinken der Traumbilder im Augenblick eines – zu späten –  Erwachens kommen ?

Heinz Ahlreip, 20. November 2012