Träume sind Schäume – besonders in den USA Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz über die us amerikanische Ungleichheit

Die Lohnsklaven haben neben dem Alkohol auch noch den religiösen Fusel, um sich über ihren Sklavenzustand zu betäuben. Die Religion ist der Seufzer einer bedrängten Kreatur, sie protestiert gegen das Elend kollektiv über die religiöse Gemeinde und hofft auf eine bessere Welt im Jenseits oder subjektiv irdisch über Träume einer besseren Zukunft im Diesseits, ohne diese Opiate wäre das hündische Elend nicht zu ertragen. Es ist kein Zufall, dass vornehmlich die USA das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten, der  buntscheckigsten religiösen Sekten und das Land des „American Dream“ sind. Beten und träumen läßt das knallharte Kapital kalt, wenden wir uns also ab von den vergeblichen Illusionen und einem Buch zu, in dem es um die wenig traumhafte Realität des amerikanischen Wirtschaftsalltags geht.

Der am 9. Februar 1943 in Gary (Indiana) als Sohn eines Versicherungsvertreters und einer Lehrerin geborene Joseph Eugene „Joe“ Stiglitz ist kein Ökonom der Studierstube, er suchte und sucht die Verbindung von Theorie und Praxis und ist vor allem politisch praktisch tätig, daher bringt der fast 70jährige einen reichen Erfahrungsschatz mit. Seine theoretischen Schriften über das Verhältnis von Informationen und Märkte war dem Nobelpreiskommittee im Jahr 2001 einen Preis wert. Ab 1993 diente er dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, von 1995 bis 1997 war er Chef des wirtschaftlichen Beraterstabes. Nach dem politischen Ende Clintons wurde er Chefvolkswirt der Weltbank. Es zog ihn also zu den Reichen und Mächtigen, aber durch seine jahrzehntelange praktische Erfahrung enthält sein jüngstes Buch: – „The Price of Inequalitiy“ Norton Verlag New York 2012,414 Seiten – einige auch für die internationale Arbeiterbewegung aufschlußreiche Hinweise. (Es ist auch auf Deutsch erschienen unter dem Titel. „Der Preis der Ungleichheit“.) In diesem Buch geht Stiglitz  nicht zimperlich mit dem amerikanischen Finanzmanagement um. Die USA erweisen sich nicht als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern der krassen sozialen Gegensätze, so dass die große Mehrheit keinerlei Aufstiegschancen hat. Sie kämpft tagtäglich ums nackte Überleben im sogenannten Dollarparadies: die 0,1 Prozent des amerikanischen Volkes ausmachenden Spitzenverdiener nahmen 2007, noch vor dem Platzen der Immobilienblase, durchschnittlich 220 Mal mehr ein als neunzig Prozent des Volkes. Die Statistik bestätigt, dass 2007 „in Gottes eigenem Land“ ein Prozent des Volkes über ein Drittel des Nationalreichtums verfügt. Das erinnert an die Zustände des Ancien Regimes kurz vor dem Ausbruch der französischen Revolution, Zustände, die ganz nach dem Geschmack Marie Antoinettes wären. Und in dieser „Inequality“ konzipierten die Republikaner im Wahlkampf 2012 ein Auslaufenlassen von Obamas Lohnsteuersenkung zum Jahresende ! Stiglitz weist überzeugend nach, dass die 2007 einsetzende Krise die Gegensätze noch weiter auseinandergetrieben hat, die wirtschaftlichen Krisen treffen im Kapitalismus die wirtschaftlich Schwachen am ärgsten. Die Aktienkurse erholten sich schnell und gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit besonders unter Jugendlichen in den zweistelligen Prozentbereich.

Die Wechselbeziehung zwischen Ökonomie und Politik deutet Stiglitz ganz richtig, die Politik erweist sich einmal mehr als Erfüllungsgehilfin der großen Dollarmagnaten. Es sind eben Trugbilder, die die Politiker uns vormachen, dass durch die Politik, durch Wirtschaftsweise die wirtschaftliche Entwicklung zum Besseren für die unteren Millionenmassen gewendet werden kann. Schon der Aufklärer Voltaire deutete Politik nüchtern als Kunst – als Kunst, das Geld aus den Taschen einer Klasse in die einer anderen zu transferieren. Ideologie besteht gerade aus der Verwechslung von Ursache und Wirkung, und dann wird der auf dem Kopf wandelnden Wirkung alles zugetraut. Dieser Verblendungszusammenhang gilt heute generell: die sogenannten demokratischen Republiken sind die denkbar beste Hülle, unter der dieses blutsaugerische Transferieren vonstatten geht. Bürgerliche Ideologie nährt ständig ein verkehrtes Weltbewußtsein: die Politik kann ökonomische Prozesse zum Besseren steuern und also wird es ein besseres Morgen geben. Das Buch von Stiglitz muss aber eben eher resignativ enden: Demokratie ohne eine ausreichende Egalität stirbt. Wird es zu einem jähen Zusammensinken der Traumbilder im Augenblick eines – zu späten –  Erwachens kommen ?

Heinz Ahlreip, 20. November 2012

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