Die geschichtliche Bedeutung der Auflösung der Duma im Januar 1918 in Russland

Das Jahr 1917 der russischen Geschichte ist charakterisiert durch etwas ausgesprochen Zwitterhaftes. Aus der russischen Tradition kennen wir das Bild der doppelten Zaren, zum Beispiel wurden 1773 bis 1775 Bauernmassen im Pugatschow Aufstand durch das Gerücht mobilisiert, dass sie durch ihn den aus Sankt Petersburg vertriebenen echten Zaren wieder zu inthronisieren hätten.  Und eine Duplizität scheint, betrachtet man erlaubterweise die russische Geschichte flüchtig assoziativ, weiterzuwirken. Aus der Februarrevolution, die dank der revolutionären Energie der Volksmassen das Ende des Romanowzarismus 1. bedeutete, ergab sich ein eigentümlicher Schwebezustand für Millionen Menschen über Monate, in denen zwei sich beide als demokratisch ausgebende Herrschaftsformen auf einen Entscheidungskampf zutrieben. Die Dialektik von Herr und Knecht hatte sich, lax formuliert, in zwei auch von Lenin nicht vorhergesehene und in Erwägung gezogene rivalisierende Herren gespalten,  in zwei Herren ante portas, ein provisorisches und kommissarisches Komitee der Duma, das die Einberufung einer Konstituante plante (Termine aber immer wieder verschob, so dass sie erst im Januar 1918 zusammentrat) und die aus Kompanien und Fabriken gewählten Räte 2., weil die russische Bourgeoisie schon nicht mehr die alleinige Macht halten konnte, das Proletariat seinen Antipoden in einem zutiefst kleinbürgerlichen Land aber noch nicht souverän überragte. Das Kerenskiregime gehörte zu den Ausnahmeperioden in der Geschichte, in denen die kämpfenden Klassen fast gleichgewichtig sind und „die Staatsgewalt als scheinbare Vermittlerin momentan eine gewisse Selbständigkeit gegenüber beiden erhält“. 3. Keineswegs war der Sieg der proletarischen Revolution in dieser Schwebe gewiß, es zeigte sich vielmehr in dieser ungefähr die Dauer einer menschlichen Schwangerschaft einnehmenden Zeit, dass Revolutionen durch unvorhersehbare kleinbürgerliche  Schwankungen, wie in der Aprilkrise 4., raschlebige Improvisationen, rasch wechselnde Lagen, von Orientierungskrisen begleitet, und Paktierereien charakterisiert sind, die mit der Schulweisheit auch „marxistischer“ Schablonen nicht zu erfassen sind.  Unberechenbar sind für alle Parteien und politische Gruppen die direkte Einmischungen der Volksmassen in die politischen Haupt- und Staatsaktionen. Die Parole „Alle Macht den Räten“ kam dem Fieberpuls der Revolution natürlich näher als die Absicht, die revolutionäre Wut parlamentarisch zu kanalisieren und kaltlaufen zu lassen. Nur Großmeister der Revolution können im Ozean der Volksmassen die Dialektik von Revolution und Konterrevolution auf die gesellschaftliche Wirklichkeit anwenden. Auch Anhänger Lenins schwankten im Ozean der Revolution, paktierten mit dem Klassenfeind, indem sie die „Provisorische Regierung“ bedingt unterstützten. Sie hatten nicht den roten Faden aus dem Urtext der kommunistischen Bewegung an der Hand: „Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeosie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und  gehen unter, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt“ 5. „Linke“ Kommunisten um Bagdadjew ließen sich von der Note des Außenministers und Geschichtsprofessors Miljukow vom 18. April provozieren und riefen am 21. April verfrüht zum proletarischen Aufstand auf, da die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre sich noch nicht als Anhänger des Krieges und des Imperialismus, als wirklich nichtrevolutionär entlarvt hatten; andere Genossen wollten den weltrevolutionären Aufstand im September 1917 mit der Verhaftung der „Demokratischen Beratung“ beginnen. 6. Rußland schlief nicht mehr, es war in Bewegung gekommen, zwischen den Revolutionen des Sturmjahres 1917 wechselten die bürgerlichen Ministerkabinette sechsmal. Die Auflösung der Konstituante im Januar 1918 beendete die Möglichkeit eines Ministerkarussells. Sie rief zwar die Waffe der Kritik auf den Plan, nicht aber die Kritik der Waffen. Sie löste keinen Gegenschlag aus und gab Lenins Parlamentarismuskritik Recht. „Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter…“ Nach dem Untergang des Parlaments atmete Russland förmlich auf, die bürgerliche Canaille konnte das Proletariat nun nicht mehr alle vier Jahre ver- und zertreten. Jetzt konnten die Bürgerlichen und ihre Politiker der revolutionären Flut nicht mehr gegensteuern und Lenins kleine Truppen schwommen wie Fische im Wasser mit der Strömung. Es kam die dyonisische, die trunkene Periode eines anarchischen Laissez-faire, ein Wetterleuchten, die Bauern auf dem Lande, die Arbeiter in den Industriestädten und die Soldaten in den Kasernen konnten mit ihren „Bourgeois“, mit ihren Offizieren abrechnen, sie notfalls an eine rostige Laterne bringen. Die Volksmassen machten selbst Politik. Hundert Blumen blühten auf, gestreichelt vom Windhauch eines zarten Kommunismus. 6. Alle spätere Verdammung der thermidorianischen Entartung der Revolution rekuriert auf diese kurze Geburtsstunde der Anarchie, bis innen- und außenpolitische Sachzwänge nicht nur die Massen einer rigorosen Disziplinierung unterwarfen, sondern auch die Leninsche Kaderpartei, der Fraktionsbildung untersagt werden mußte.  Nicht der sowjetische Demokratismus setzte sich durch, sondern der demokratische Zentralismus der Partei. Auf den ersten Blick hat jede Disziplinierungsmaßnahme einen konterrevolutionären Gehalt, aber untersucht man die Probleme der Revolution tiefer, so ist Herausbildung und Existenz eines harten Kerns von disziplinierten Parteirevolutionären notwendig als Bollwerk gegen konterrevolutionäre Machenschaften. Revolutionäre sind Einiger durch Blut und Eisen, keine Pluralisten, die bunte Schmetterlinge aufsteigen lassen. Die dem Leninismus eigentümliche „knochenbrecherische Politik“ blieb durch die Revolutionen des Jahres 1917 bis auf  die eben angedeutete Ausnahme, in der es keine „offizielle Politik“ gab, in Kraft, nur verlor sie nach der Festsetzung der Provisorischen Regierung ihren konspirativen Charakter. Es waren die bürgerlichen Verlierer des revolutionären Machtkampfes, die nun immer konspirativer vorgehen mussten, da diese Minoritäten die Massen nicht mehr über das Parlament  als Repräsentanten des volonté générale blenden konnten. Im Hintergrund sammelten sich die knochenbrecherischen roten Falken um den Generalsekretär Stalin, während Rosa Luxemburg die roten Tauben um sich sammeln wollte, da ihr der Leninsche Purismus von je her suspekt war.

1. Die Losung „Nieder mit der Selbstherrschaft“ hatte bereits die Plechanowsche Gruppe „Befreiung der Arbeit“ in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts als Propagandalosung aufgestellt, sie wurde im Jahre 1905 bereits zur einer Agitationslosung und vor der Februarrevolution zu einer Aktionslosung. (Siehe: Stalin, Zur Frage der Strategie und Taktik der russischen Kommunisten, Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin 1952,150f.). Am letzten Januartag 1917 hatte Lenin im „Sozialdemokrat“ Nr. 58 einen Artikel veröffentlicht, er gab ihm die Überschrift: „Eine Wendung in der Weltpolitik“, am Ende dieses Artikels gelangte er zu der Feststellung: „Die revolutionäre Situation in Europa ist da“. (Lenin, Eine Wendung in der Weltpolitik, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1956,125). Schon 1916 war die Streikwelle in Russland gestiegen: von den 2 300 Streiks in diesem Jahr mit 1,8 Millionen Teilnehmern  galten 347 als politische. Allein im Januar und Februar 1917 gab es 751, davon 412 politische. (Vergleiche Volker Berghahn, Der Erste Weltkrieg, Verlag C.H. Beck, München 2003,90f.). Einen wesentlichen Beitrag zum Sturz der Autokratie leisteten auch die proletarischen Frauen, die am achten März, am „Internationalen Tag der Frau“, in Fabrikstreiks traten. Einen Tag vorher hatte Lenin seinen ersten Brief aus der Ferne geschrieben, im dem er gleich anfangs von der ersten Etappe der ersten Revolution sprach. Diese werde nicht die letzte Etappe sein. (Vergleiche Lenin, Briefe aus der Ferne, a.a.O.,126).

2. „An Doppelherrschaft hatte früher niemand gedacht und konnte niemand denken“. (Lenin, Über die Doppelherrschaft, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,20). Schon durch die Sowjeterfahrungen von 1905, mehr noch durch die der Februarrevolution revidierte Lenin den Marxismus in der Ansicht, dass – wie es Engels 1891 in der Kritik des Erfurter Programms festlegte – die demokratische Republik die spezifische Form für die Diktatur des Proletariats sei. In seiner fünften Aprilthese verkündete Lenin 1917, dass die Organisierung der Sowjetrepublik die spezifischere Form sei. „Keine parlamentarische Republik – von den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu dieser zurückzukehren wäre ein Schritt rückwärts…“ (Lenin, Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1978,5). Die Zarin, die militärische Geheimnisse an den deutschen Feind verriet (Vgl. Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin 1946,209), schrieb in Zarskoje Selo einen Brief an ihren Gatten: „Die zwei Strömungen – die Duma und die Revolutionäre – sind zwei Schlangen, die, wie ich hoffe, einander die Köpfe abbeißen werden – das würde die Lage retten.“ (zitiert in: Erwin Hölzle, Lenin 1917, Janus Bücher 1957,17). Auch die Duma war für die Zarin eine Schlange, denn sie verweigerte den zaristischen Befehl vom 26. Februar 1917, sich aufzulösen. So kam es, dass die demokratische und die proletarische Bewegung ineinander verflochten waren – in einer weltgeschichtlich einmaligen Situation. Diese konnte von dem kleinbürgerlichen Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre insofern ausgenutzt werden, als die Masse der Sowjets sich aus politisch wenig erfahrenen kriegsmobilisierten Kleinbauern bildete, deren Klassenbewußtsein ungenügend war. (Vergleiche Lenin, Über die Doppelherrschaft, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,22).  Es setzte eine geduldige Aufklärungsarbeit der Bolschewiki ein, die Früchte trug. Sie nahmen Kontur an während des  Kornilowputsches, der offenbarte, dass die Sowjets eine enorme revolutionäre Abwehrkraft gegen ihn in sich bargen. Der Putsch hatte die Bauern wachgerüttelt und hinterließ nicht nur eine Bolschewisierung der Sowjets, sondern auch probolschewistische Linksströmungen in den Reihen der Sozialrevolutionäre und in denen der Menschewiki (die Internationalisten).

3. Lenin, Staat und Revolution, Dietz Verlag Berlin, 1960,404. Lenin hat hier aus der Schrift von Friedrich Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ zitiert und fährt dann historisch erläuternd fort: „So die absolute Monarchie des 17, und 18, Jahrhunderts, so der Bonapartismus des ersten und zweiten Kaiserreichs in Frankreich, so Bismarck in Deutschland“. (a.a.O.).

4. Vergleiche Lenin, Resolution des Zentralkomitees der SDAPR (B), angenommen am Morgen des 22. April (5. Mai 1917), Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin 1978,198

5. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Komunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,472

6. „Die Natur hat Millionen Jahre gebraucht, um bewußte Lebewesen hervorzubringen, und nun brauchen diese bewußten Lebewesen Tausende von Jahren, um bewußt zusammen zu handeln; bewußt nicht nur ihrer Handlungen als Individuen, sondern auch ihrer Handlungen als Masse; zusammen handeln und gemeinsam ein im voraus gewolltes gemeinsames Ziel verfolgend. Jetzt haben wir das beinahe erreicht. Und diesen Prozess zu beobachten, diese sich nähernde Herausbildung von etwas in der Geschichte unserer Erde noch nie Dagewesenem, scheint mir ein Schauspiel, das des Betrachtens wert ist, und während meines ganzen vergangenen Lebens konnte ich die Augen nicht davon wenden“. 3. Friedrich Engels an George William Lamplugh vom 11. April 1893, Werke Band 39, Dietz Verlag Berlin 1960,63

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