Zur Globalisierung

Es war Lenin, der die marxistische Idee der Weltrevolution zunächst theoretisch um 1915 auf die Möglichkeit verkürzte , den Sozialismus auch in einem Land aufbauen zu können, ohne dass ihm bereits Russland vorschwebte 1., und dann auch durch die Praxis des roten Oktober eine Frontbildung herbeiführte, die durch den zweiten Weltkrieg die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in zwei Welthälften spaltete. Lenin betrachtete die russisch proletarische Revolution auch immer als eine eurasische, geht man von einem Sozialismus in China aus, so hat der Zusammenbruch der Sowjetunion einerseits das Gewicht sehr auf den asiatischen Kontinent gelegt und andererseits den Sozialismen in globaler Hinsicht nur einen Inselcharakter gelassen. Man neigt dazu, sich an Rousseaus Ausführungen im 18. Jahrhundert zu erinnern, dass es in Europa nur wenige Flecken gibt, auf denen man eine Republik errichten könne, wie zum Beispiel Korsika. Trotz des heute vom Kapital betriebenen Globalisierungsgeredes war die Differenz des zwanzigsten Jahrhunderts doch mental zu wuchtig, um einer weltbürgerlichen Gesellschaft eine große Realisierungschance zu geben. Weder das Bürgertum noch das Proletariat vertreten heute einen Begriff von Weltgeschichte in der Totalität, die dem Begriff genuin zukäme und im neunzehnten Jahrhundert auch zugekommen war. Da der Imperialismus naturgemäß einen anderen Charakter als der klassische Kapitalismus hat, fällt der Schatten des Leninismus auf die klassische Theorie des Marxismus, dass der Kommunismus empirisch „nur als die Tat der herrschenden Völker auf einmal und gleichzeitig möglich“ 2. ist. Der Leninismus hat heute die aufgeklärten und fortschrittlichen Werktätigen der Welt immun gemacht gegen die Globalisierungstendenzen des internationalen Kapitals. Diese sind Ideologie, denn das Kapital selbst figuriert im Imperialismus unter dem Gebot der durch es verursachten Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung.

Selbst im Denken des bürgerlichen Aufklärers Kant findet der Gedanke Platz, dass die bisherige Weltgeschichtliche als eine terroristische zu deuten sei in dem Sinne, dass in ihr eine permanente Verschlechterung der Lage des Menschengeschlechts zu konstatieren sei. Zwei Weltkriege im XX. Jahrhundert sprechen für sich. Rousseau sah eine Vervollkommnung des Einzelnen bei gleichzeitiger Dekadenz der Gattung. Marx und Engels sahen die Verwandlung von Geschichte in Weltgeschichte einhergehend mit zunehmender Entfremdung, die  sich die Menschen zunächst als „Schikane des Weltgeistes“ 3. zu verdeutlichen suchten. In der Vorstellung sind die Individuen unter der Bourgeoisherrschaft freier als früher, „…in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachlicher Gewalt subsumiert“. 4. In letzter Instanz verberge sich hinter dem Weltgeist der Weltmarkt, an dessen Entstehen allerdings unser Begriff von Weltgeschichte verwiesen bleibt. Der Reeder wurde bei der Herausbildung des Weltmarktes wichtiger als selbst der Kaufmann und die gegen Holland gerichtete Navigationsakte Cromwells aus dem Jahre 1651 sicherte die Herrschaft des britischen Empire über die Meere über sein Jahrhundert hinaus. Der Holländer Pinto stellt dann auch zu Recht fest, dass das achtzehnte Jahrhundert das des Handels sei. Die vollständige Auflösung der Geschichte in Weltgeschichte deuteten Marx und Engels emanzipativ im Sinne einer Weltbefreiung von Herrschaft überhaupt. Der Kommunsimus ist der Weltgeschichte inhärent, das theoretische und praktische Wirken der Revolutionäre dient dazu, den schmerzhaften Übergang vom kapitalistischen Weltmarkt zur sozialistischen Planwirtschaft abzukürzen. Der kapitalistische Weltmarkt gehört der naturwüchsigen Form von Weltgeschichte an und damit tritt er den Produzenten als eine fremde Macht gegenüber, durch die kommunistische Revolution wird die fremde Macht der bewußten Herrschaft unterworfen, unterworfen wird, was bisher den Menschen als fremde Macht „imponierte“ 5. Die Arbeit wird beseitigt, aufgehoben – die Arbeiter müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen 6., lautet der Schlußsatz im Feuerbachkapitel der deutschen Ideologie.

1. Es bleibt immer etwas Denkwürdiges, dass Lenin im März 1917 Bettelbriefe nach Russland schickte, weil er sich in Zürich kein Brot mehr kaufen konnte, sieben Monate später aber, wenn man so will, die Macht über ein Sechstel der Erdoberfläche an sich riß. Lenin war eine große Ausnahme, denn der perverse Spießerpöbel „liebt das Brot mehr als die Freiheit“ (Rousseau). Dieser hat Angst vor der Armut, weil er sich beständig mit anderem Spießerpöbel vergleicht, die kapitalistische Lohnsklaverei aber sofort akzeptiert. Das Perverse fühlt sich eben zum Perversen hingezogen.

2. Karl Marx, Friedrich Engels: Deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin 1978,35. Obwohl Marx und Engels mit diesem um 1845/46 verfassten Werk endgültig den unter Intellektuellen grassierenden Hegelianismus hinauskurieren wollten, hat sich in der „Deutschen Ideologie“ zumindest die Emphase des bei Hegel eurozentristischen Begriffes „Weltgeschichte“ gehalten. Er wirkte weiter bis in einen Sozialdemokratismus,  auf den die Aprilthesen Lenins 1917 wie eine „Fieberphantasie“ wirken mussten. Lenin blickte nicht nur nach Westen, sondern immer auch auf Indien und China und Hegel hatte nur insofern Recht behalten, als er in seiner „Philosophie der Weltgeschichte“ schrieb, dass sich im Hintergrund Europas  ein schwerer slawischer Schatten heranbilde, der sich noch nicht über Europa gelegt hätte. Aber wir werten die Eroberung Berlins 1945 durch die Rote Armee nicht als schweren slawischen Schatten, sondern als Befreiung vom Faschismus.

3. a.a.O.,37.

4. a.a.O.,76. Der Proletarier wird unter dieser Last also immer weiter erniedrigt, bis ein Umschlag von Quantität in revolutionäre Qualität erfolgt. Die Revolution wird umso qualitativer, aus je größerem Gegensatz die Arbeiterklasse in sich zurückkehrt.

5. Vergleiche a.a.O.

6. Vergleiche a.a.O.,77

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Eine Antwort to “Zur Globalisierung”

  1. ex-commandante owl Says:

    hervorragend. zwei fragen nur. wie viel hat ein sowjetischer Arbeiter oder Kolchosbauer verdient? und noch wichtiger. was konnte er dafür kaufen?

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