Marx und die 30 Stunden Woche

Auf dem Papier mögen in den bürgerlichen Republiken, in den allerdemokratischsten Demokratien die vor Humanismus überlaufenden Verfassungen vorliegen, die Frage ist aber immer konkret zu stellen: wie sind die tagtäglichen Arbeitsbedingungen für Millionen und Abermillionen Werktätige. Es war der schottische Kapitalist Robert Owen, der in der 1784 gegründeten Baumwollspinnerei New Lanarck eine Verkürzung des Arbeitstages einführte. Ohne Zweifel war Owen ein intelligenter Kapitalist, der erkannt hatte, dass es durchaus sinnvoll ist, die Lage der arbeitenden Klasse zu verbessern. Indeß war Owen eine Ausnahme. Wie im 18. Jahrhundert, so ist auch heute im 21. Jahrhundert die übergroße Mehrzahl der Kapitalisten borniert und dumm, sie gehen in die Richtung des verrückten Kapitalisten, der schließlich zum reinen Schatzbildner mutiert. Insofern hat sich am kapitalistischen Ausbeutersystem nichts geändert und es ist eine große Befreiungstat, die Völker von diesem ganzen perversen Dreck zu befreien, die Kapitalisten mit Feuer und Schwert völlig niederzubrennen und auszurotten. Das ist eben konkreter Humanismus, keiner, der nur auf dem Papier steht.

Anfang Februar 2013 haben über hundert Wissenschaftler, Politiker und Gewerkschafter eine 30 Stunden Woche bei vollem Lohnausgleich gefordert, unter anderem wurde der offene Brief an Parteien und Gewerkschaften von Katja Kipping, Sahra Wagenknecht und Rudolf Hickel unterzeichnet, der am Aufbau der Universität Bremen beteiligt war. Hickel gab in einem Interview zum Besten, dass dieser Aufruf wie von vorgestern wirke und dass er als ein Rückfall in den Marxismus aufgefasst werden könnte. Er hätte aber im Werk von Karl Marx keine Stelle gefunden, in der sich der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus für eine Arbeitszeitverkürzung ausgesprochen hätte. Man fragt sich, wie es hatte kommen können, dass Hickel zum Aufbaun einer Universität herangezogen werden konnte. Man nehme nur das Kapital zur Hand, dort wird verwiesen auf die „Reports of Inspection of Factories“ vom 31. Oktober 1865, „…daß bloße Verkürzung des Arbeitstages…die Kontinuität und Energie der Arbeit wundervoll erhöht“. 1. Am 20. April 1844 begann Mister Gardner mit einem Experiment, indem er in zwei Fabriken zu Preston 11 statt 12 Stunden arbeiten ließ, ohne dass nach ungefährer Jahresfrist Einbußen zu verzeichnen gewesen wären- Im Gegenteil: es wurden in 11 Stunden mehr produziert als in 12. Und so weiter und so fort, siehe Das Kapital Band 1, Seite 431 bis 440. Wie oben gesagt, es gibt intelligente und dumme Kapitalisten.

In einem Leserbrief, der am 26. Februar 2013 in der Frankfurter Allgemeinen veröffentlicht wurde, hat Professor Dr. Dres. H.C. Bernd Rüthers, Schlichter beim Tarifkampf um die 35 Stunden Wochen 1984, gegen Hickel auf den bekannten Gedanken von Marx und Engels aus der „Deutschen Ideologie“ hingewiesen, dass im Kommunismus die Menschen „morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben oder das Essen kritisieren (Karl Marx, „Deutsche Ideologie“ Stuttgart 1953″. Ich glaube nicht, dass der oder die Herausgeber der Ausgabe von 1953 nur den Autoren Marx genannt haben, die „Deutsche Ideologie“ ist ein Gemeinschaftswerk von Marx und Engels, zudem hat der Professor falsch zitiert: richtig muß es heißen: …morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben und nach dem Essen zu kritisieren“. 2. Das Verschreiben kommt nicht von ungefähr. Jäger, Fischer, Viehzüchter – schon diese archaischen Berufsbilder aus dem ruralen Bereich lassen vermuten, dass diese Passage von Marx und Engels nicht ernst gemeint war, denn sie verfochten keinen primtiven Bauernkommunismus, sondern einen Kommunismus, der sich auf der Grundlage der urbanen „Großen Industrie“ errichtete. 3. Diese Passage war polemisch gemeint, wie das Schlußglied in der Aufzählung : „nach dem Essen zu kritisieren“ nahelegt. In der Tat ist diese Passage gegen den Linkshegelianer und „kritischen Kritiker“ Bruno Bauer gerichtet, auf den auch die Bilderwelt der archaischen Tätigkeiten zurückgeht.

1. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin 1972,433

2. Karl Marx, Friedrich Engels, Die Deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin 1960,33

3. „Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen,ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt“. (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin 1977,472).

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