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Zur Dialektik der Kriege im 19. und 20. Jahrhundert von Heinz Ahlreip

18. August 2013

Der Krieg führt die Menschen zusammen. In diesem Spruch des antiken Philosophen Heraklit ist schon der tiefe dialektische Gehalt, der dem Krieg innewohnt, prägnant ausgedrückt. Der Krieg ist pervers, und dieser Umstand hat  seichte Denker dazu angehalten, ihn ganz zu verwerfen. Nichts wäre falscher als diese Abstraktion. Denn trotz aller Perversion des Krieges gibt es gerechte Kriege, die abstrakt zu verwerfen gerade inhuman wäre.

Schon in der Epoche der bürgerlichen Emanzipation kam es zu dem  verkehrten Schauspiel, dass die französische Republik der Jakobiner den Krieg diktatorisch, die Royalisten ihn „republikanisch“ führten. Und Frankreich hatte noch den Vorteil, über ausgezeichnete natürliche und künstliche Hindernisse an der Grenze zu verfügen. Ausdrücklich hebt der preußische General Scharnhorst den französischen Generalstab hervor, der dafür sorgte, „daß ein schlechter General nicht sehr große Fehler machte“. Die Soldaten der Koalition legten ein „maschinenmäßiges Betragen“ an den Tag, die Soldaten der Revolution wurden dagegen immer versierter in der Kunst, „das Terrain (jeden Graben, jeden Baum, jeden Hügel) zu benutzen und zerstreut mit Ordnung und in gegenseitiger Unterstützung zu agieren“. Das Ausnutzen natürlicher Geländebegebenheiten ist zwar durch die bürgerliche Art, Krieg zu führen, immer obligatorischer geworden, zeichnet diese aber dadurch nicht aus. 1. Dieses Ausnutzen ist so alt wie das Kriegführen selbst. „Les petits cuissons épars dans ce tarrain, étaient d‘un usage merveilleux pour lacher des Corps de Cavallerie, qui venaient tomber à l‘imprévu sur l‘ennemie et le mettaient en déroute“. („Kleine, über die ganze Gegend verstreute Waldstücke dienten vortrefflich zur Verbergung von Kavallerieabteilungen. Sie fielen aus ihrer Deckung unvermutet über den Feind her und brachten ihn in Verwirrung“)…schrieb Friedrich der Große zur Schlacht von Liegnitz. Schon der alte chinesische Kriegsweise Sun Tzi wußte: „Vergiß nicht: Wenn der Feind steile Anhöhen vor dir besetzt hat, darfst du ihm nicht folgen, sondern mußt dich zurückziehen und ihn fortlocken“. 2. . Es gibt gewisse Kriegsweisheiten, die eine relative Allgemeingültigkeit behalten, so Suns: „Erkenne Dich selbst und den Feind – Hundert Schlachten ohne Schlappe“, so Clausewitzens Erkenntnis, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Und dann der Kern des Krieges überhaupt, der darin besteht, sich selbst zu erhalten und den Feind zu vernichten. Diese Elementarien durchwalten die ganze Kriegsgeschichte und sind auch nicht durch die Vertiefung des Epochenbegriffes zu erschüttern, durch den die Kriege unterschieden und auseinandergehalten werden. Diese Vertiefung ist sicherlich eines der Verdienste der preußischen Militärreformer um Scharnhorst und Clausewitz. Jeder große Feldherr bringt Klarheit in die Verworrenheit des Krieges und die Entwicklung des Epochenbegriffs auf der Grundlage sich abwechselnder ökonomischer Strukturen ist eine der großen Errungenschaften der marxistisch-leninistischen Revolutionstheorie nicht nur für die Geschichte, sondern vor allem für die Gegenwart. Kann man es Reformern auf der anderen Seite so arg nachsehen, dass sie einen ähnlichen Fehler begingen wie der Philosoph Hegel. Für diesen vollendete sich Philosophie im einem, in seinem System, zugleich war seine Methode die dialektische, die ohne Abschluß bleiben muß. Scharnhorst philosophierte über die Frage, ob sich das Absolute durch den Erkenntnisprozess verändere, Clausewitz will mit seinem Werk „Vom Kriege“ diesen abschlußhaft  in allen seinen Gesetzen ausgeleuchtet haben, weil er meinte, der napoleonische Krieg sei bereits der totale gewesen.  Den Reformern war eben der Krieg eine unüberwindbare Konstante im zwischenmenschlichen Verkehr. Dabei verweist der Epochenbegriff selbst schon auf gesellschaftliche Verhältnisse, die ohne Privateigentum, ohne die schrecklichen Worte „Mein“ und „Dein“ und damit ohne Krieg auskamen. Erst dann folgten die Epochen der Klassenkämpfe und der Kriege. Und von daher datiert die Fundamentalfrage der Weltgeschichte, ob sich nicht wiederum gesellschaftliche Zustände aus ihrem Verlauf herauskristallisieren können, die die traditionellen Kriegsweisheiten obsolet machen. Es gibt nichts ewiges, nicht einmal die preußische Armee war von Dauer, obwohl deren führender General meinte, sie sei ewig. (Vergleiche Gerhard von Scharnhorst, Brief an seinen Sohn Heinrich Wilhelm Gerhard von Scharnhorst vom 29. November 1806 aus Danzig, in: Gerhard von Scharnhorst, Ausgewählte militärische Schriften,, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1986,232).

Seit Clausewitz ist es obligatorisch, über eine neuzeitliche Dreifaltigkeit nachzudenken: über das Wesen des Krieges, über das Wesen der Politik und über das Wechselverhältnis zwischen beiden. Es gilt, eine bürgerliche und eine proletarisch-marxistische, eine idealistisch metaphysische und eine dialektisch materialistische Clausewitzauslegung zu unterscheiden. Natürlich ist die dialektische im Vorteil, denn sie untersucht die Zusammenhänge und erfass daher insbesondere das Wechselverhältnis richtig.  Dialektik ist im Sinn ihres eigenen Zusammenhangs. Clausewitz lebte zur Zeit der Dampfmaschinen und interpretierte die Kriege Napoleons, der auf St. Helena rückblickend sagte: Die Politik ist unser Schicksal. Politik als Schicksal- hier haben wir den Horizont der bürgerlichen Ideologie erreicht, denn das Clausewitzsche Primat der Politik wird in der Weise verselbständigt, als könne man durch Politik, von der Politik aus, von Politikern mit einem guten Charakter zum Frieden gelangen. Die bürgerliche Friedensideologie muß gerade den Zusammenhang von Krieg und Politik auseinanderreißen, um zu glauben und glauben zu machen, daß man durch vernünftige Einsicht eine von kriegerischen Auseinandersetzungen freie Politik betreiben kann. Wir erinnern uns an die wissenschaftliche Aussage von Clausewitz, daß der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln beinhaltet und darstellt. Die bürgerliche Friedensideologie muß diesen Satz pervertieren: Um das Gespenst des Krieges angeblich zu bannen, baut diese Ideologie das Gespenst der über den Klassen schwebenden Politik auf und tauft es Friedenspolitik. Kriege sind durch dieses Gespenst noch nicht gebannt worden, aber man hat ein vorzügliches Mittel, um durch trügerische Friedenshoffnungen die Völker auf die Kniee zu halten. Es gibt heute keinen bürgerlichen Politiker, der nicht Friedenspolitik verkauft, die Friedenssehnsüchte der Völker werden mißbraucht und gebannt sollen diese auf die Kunst der hohen Politik und Diplomatie schauen, auf Haupt- und Staatsaktionen. Die Friedenspolitik ist das endlich gefundene Medium, um bürgerliche Herrschaft zu verewigen. Ganz anders der Marxismus: “Die Revolution überhaupt- der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse- ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, so weit er der Zerstörung und Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck. seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg.” 3. Die bürgerliche Ideologie kann die Frage der Überwindung des Krieges nicht mit der Frage der Überwindung der Politik verbinden, weil das den Lohnsklaven die Perspektive einer herrschaftsfreien Gesellschaft aufzeigen würde. Das Proletariat darf nicht erkennen, daß Politik immer Herr-Knecht-Konstellationen zum Inhalt hat und Politik deshalb betrieben wird, weil unterdrückende und zu unterdrückende Klassen existieren. Die Probleme des Klassenkampfes und des Krieges von der Politik aus zu lösen ist natürlich idealistisch. Das Tun der Menschen wird nicht aus ihrem Denken, sondern von ihren Bedürfnissen bestimmt. (Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen…)

Neben der Frage nach dem Wesen des Staates wird wohl keine andere Frage so verzerrt, so verfälscht wie die Frage nach dem Wesen der Politik. Wir leben in einem angeblich politischen Zeitalter. Fast alle politisieren und fast alle sind in den elementaren Fragen der Politik Analphabeten. Der Politologe schwätzt drauf los und versagt bei der Erläuterung der Idee seiner Wissenschaft. Journalisten schreiben drauflos, ohne sich über die elementaren Konstellationen ihrer Fragestellung zu vergewissern. Die Herrschenden sagen: Politisiert soviel ihr wollt, solange ihr nicht hinter das Wesen der Politik kommt. Das Wesen der Politik für das 20. und 21. Jahrhundert hat Lenin im Linken Radikalismus in sehr prägnanter Form dargelegt: die Massen sind in Klassen geteilt, “….daß die Klassen gewöhnlich und in den meisten Fällen wenigstens in den modernen zivilisierten Ländern von politischen Parteien geführt werden, daß die politischen Parteien in der Regel von mehr oder minder stabilen Gruppen der autoritativsten, einflußreichsten, erfahrensten, auf die verantwortungsvollsten Posten gestellten Personen geleitet werden, die man Führer nennt.”  4. Und Politik beinhaltet gerade den Kampf dieser Parteien um die Macht im Staate. Viele Lösungen der Frage der Beendigung von Kriegen in der Geschichte sind deshalb verfehlt, weil man sich über das Wesen der Politik nicht klar geworden ist, weil man an diese Frage abstrakt herangeht, eben von der Politik- losgelöst von den konkret stattfindenden Klassenkämpfen. Man kann nicht die Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen treffen, wenn man vom Wesen der Politik Spießbürgervorstellungen hat. So negiert der bürgerliche Pazifismus abstrakt jeden Krieg, es soll keine Gewalt in der Politik angewendet werden. Politik ist aber nach Lenins Bestimmung gerade sehr klassen- und gewaltbeladen. Wer also die Wörter Frieden und Politik zusammenbringt, versteht von beiden nichts. Eine wissenschaftliche Lösung der Frage des Verhältnisses von Politik und Krieg bleibt dem bürgerlichen Pazifismus natürlich versagt- wie kann man sie von Leuten erwarten, die Probleme, fast möchte man sagen: psychologisch verdrängen. Seine Kehrseite bildet der revisionistische Pazifismus. Er verdrängt die Notwendigkeit des revolutionären Krieges zum Sturz der bis an die Zähne bewaffneten Bourgeoisie- es soll keine Gewalt in der Revolution angewendet werden. Und so sind diese Jünger dann aufgetreten, als habe man gerade heute, gerade jetzt auf diese Erlöser der Menschheit gewartet. Ihr Pazifismus trieb narzistische Blüten, ihr Versuch, den Ewigen Frieden in die Weltgeschichte einzubilden, ist Einbildung geblieben. Beide Pazifismen bleiben unterhalb der objektiv wissenschaftlichen Lösungsebene, weil sie nicht den dialektischen Widerspruch beherrschen, daß man nur durch den Krieg hindurch den Krieg überwinden kann. Das ist eben der tiefere Sinn der Ausführungen Hegels in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes: “…als ob die Ungleichheit weggeworfen wäre, wie die Schlacke vom reinen Metall, auch nicht einmal so, wie das Werkzeug vom fertigen Gefäße wegbleibt, sondern die Ungleichheit ist als das Negative, als das Selbst im Wahren als solchem selbst noch unmittelbar vorhanden.” 5. Die Marxisten haben keine Scheu vor dem Negativen, ich darf  wohl sagen, sie sind vielmehr die  eifrigsten Anhänger des revolutionären Krieges. Dieser Krieg wird indeß mit der Intention geführt, die völlige Vernichtung der Bourgeoisie  so schnell wie möglich herbeizuführen. Dieser Widerspruch ist jedem revolutionären Krieg immanent. Siegreiche Revolutionen schließen revolutionäre Kriege nicht mit einem Male völlig aus. Die siegreiche Revolution wird weitergehen und Befreiungskämpfe in anderen Regionen direkt mit Waffengewalt unterstützen. Warum spricht Lenin von einem internationalen Bund schrecklicher Nationen ? 6.“Die sozialen Pfaffen und Opportunisten sind gerne bereit, von dem zukünftigen friedlichen Sozialismus zu träumen…” 7. schrieb Lenin im Militärprogramm der proletarischen Revolution.

 Man kann tief in das Wesen des Krieges, tief in das Wesen der Politik eingedrungen sein, und dennoch bei der Lösung der Frage versagen, wenn man es nicht versteht, den dialektischen Zusammenhang und das Wechselverhältnis zwischen Krieg und Politik aufzuzeigen. Darauf wies eben Engels hin, als er an Conrad Schmidt schrieb: “Was den Herren allen fehlt, ist Dialektik. Sie sehen stets nur hier Ursache, dort Wirkung. Daß dies eine hohle Abstraktion ist, daß in der Welt solche metaphysischen polaren Gegensätze nur in Krisen existieren, daß der ganze große Verlauf aber in der Form der Wechselwirkung vor sich geht, daß hier nichts absolut und alles relativ ist, das sehen sie nun einmal nicht, für sie hat Hegel nicht existiert…”  8. Die Unterscheidung zwischen metaphysischer und dialektischer Betrachtungsweise, die Engels hier gibt, ist aufschlußreich für die Beantwortung der Frage: “Wann wird der Krieg kein Mittel der Politik mehr sein ?” Der Hauptfehler, der hier begangen wird, liegt in der einseitigen negativen Verabsolutierung des Krieges und in der einseitigen positiven Verabsolutierung der Politik. Im dialektischen Prozess herrscht Wechselwirkung zwischen Krieg und Politik, Politik ist eine Vorform des Krieges und geht in den Krieg über, Krieg ist eine Vorform der Politik und geht in die Politik über, das Erste ist auch immer das Zweite. 9. Die metaphysische Methode trennt aber den Krieg abstrakt aus dem politischen Prozess der Geschichte, will ihn mechanisch wie ein Werkzeug aus der Geschichte wegwerfen, der Krieg ist das aufzuhebende Negative, zugleich aber verabsolutiert sie die Politik, sie sei nicht relativ, sondern absolut, ewig, die Aufhebung des Krieges wird nicht zugleich mit der Aufhebeung der Politik gedacht, vielmehr wird eine versierte bürgerliche Politik als Ursache eines Friedenszustandes angepriesen. Die Politik ist nach dem metaphysischen Weltbild ein ewiges Schicksal der Menschheit. Ganz anders der Dialektiker: “Diese Reflexion aber, daß der Zweck in dem Mittel erreicht und im erfüllten Zweck das Mittel und die Vermittlung enthalten ist, ist das letzte Resultat der äußerlichen Zweckbeziehung, worin sie selbst sich aufgehoben und das sie als ihre Wahrheit dargestellt hat.” 10. In dieser Aussage Hegels finden sich mehrere interessante Hinweise: zum einen: im erfüllten Zweck ist das Mittel und die Vermittlung erhalten. Man übertrage das auf die revolutionäre Politik, im Keim ist der Gedanke angelegt, daß man nur durch die Vervollkommnung der Volksbewaffnung zum erfüllten Frieden gelangen kann. Und dann: die äußerliche Zweckbeziehung hebt sich selbst auf, d.h.: Wenn es den Krieg nicht mehr als Mittel gibt, gibt es die Politik auch nicht mehr als Zweck. Die Momente und ihre Beziehungen sind im Kommunismus allesamt aufgehoben. Ideologie verblendet diesen Kommunismus, weil sie Momente oder Teilprozesse aus dem ganzen großen Verlauf der Geschichte fixiert, verabsolutiert, festgerinnen läßt. Dies findet sowohl mit dem Krieg ais auch mit der Politik statt, wenn man sie aus ihrem Wechselverhältnis herauslöst. So zieht eine Einseitigkeit eine andere nach sich und beide resultieren aus konservierendem Beharren gegen vorwärtstreibende Klassen. Aprozessuale Begriffsfixierung ist selbst nur Reflex gesellschaftlicher Stagnation, um fixierte Begriffe lagern sich wie magnetisch angezogen ideologische Gehalte, die Ballast sind auf den Köpfen nach Freiheit strebender Klassen. Genau diesen Ballast setzte der Revisionismus vor. Aufschlußreich ist der Artikel “Identität” in der vierten Auflage des Kleinen Philosophischen Wörterbuchs der Sowjetunion: “Es kann keine Identität geben zwischen Krieg und Frieden, Bourgeoisie und Proletariat,  Leben und Tod und anderen derartigen Phänomenen, denn sie stehen in einem grundsätzlichen Gegensatz zueinander und schließen einander aus.” 11. Und gegen diesen Ballast hat Mao tse tung den Kampf gegen den Revisionismus auf dem philosophischen Feld eröffnet. “Wie kann ein Krieg plötzlich ausbrechen, wenn er nicht in der Zeit des Friedens vorbereitet wurde ? Wie kann der Frieden plötzlich eintreten,wenn er nicht im Krieg vorbereitet wurde ? Manche Leute in der Sowjetunion sind so metaphysisch und erstarrt in ihrem Denken, daß sie meinen, ein Ding sei entweder so oder so, und die Einheit der Gegensätze nicht erkennen, daher machen sie in der Politik Fehler.” 12.  Ich habe immer mit einem weinenden und einem lachenden Auge ein Bildband in DDR-Buchläden betrachtet, das den Titel trug: Ewige Freundschaft UdSSR-DDR. In einem wahrhaft sozialistischen Land ist ein solcher Titel ganz unmöglich. Die UdSSR ist überhaupt der erste Staat in der Weltgeschichte, der mit der Intention seiner historischen Aufhebung im Kommunismus konzipiert wurde. Das eben meinte Lenin, als er die Sowjets als Keimformen des Absterbens jedes Staates bezeichnete. “Selbstverständlich ist es ein Grundsatz der marxistischen Dialektik, daß alle Grenzen in der Natur und in der Gesellschaft bedingt und beweglich sind, daß es keine einzige Erscheinung gibt, die nicht unter gewissen Bedingungen in ihr Gegenteil umschlagen könnte.” 13. Ohne dieses Umschlagen erfasst zu haben kann man den Kern der Kriege insbesondere der beiden letzten Jahrhunderte nicht erfassen.

Schon die französischen Revolutionskriege und die gegen die Revolution geführten Koalitionskriege sind durch einen ausgesprochen dialektisch-dynamischen Charakter geprägt, In der historischen Sukzession dieser Opposition bildete die aus dem deutsch französischen Krieg entsprungene Pariser Commune einen weiteren Knotenpunkt. Es hatte sich zunächst gezeigt, dass die französischen Tirailleurs in den napoleonischen Feldzügen die Mehrheit der Kämpfe gegen das alte Europa entschieden hatten. Hier lag der Schlüssel für das zukünftige Soldatenbild des 19. Jahrhunderts, für die preußischen Reformen, für den Sieg Napoleons bei Austerlitz und seiner Niederlage bei Waterloo. Die friderizianische Kriegführung ließ die Bürger noch weitgehend unbehelligt. Der Bürger soll gar nicht merken, dass Krieg geführt wird.  Die Armee war eine heilige und vollkommene Maschine, die man auch im Krieg nicht in Entscheidungsschlachten opferte. Diese künstliche Maschine war viel zu kostbar: „Die Bataillon decidieren von dem Schicksal eines Staates“ (Friedrich der Große). Der Monarch, egal ob aufgeklärt oder nicht, dirigierte wie ein Archimedes von einem ruhenden Pol aus diesen Maschinenmechanismus. General Rüchel bezeichnete  die preußische Militärverfassung als „ehrwürdiges Original“, rühre man ein Glied an, so bekommt die ganze Kette einen Schlag. (Vergleiche:  Colmar Freiherr von der Goltz, Von Roßbach bis Jena und Auerstedt. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Heeres, Berlin 1906,295).  Die Revolution in Frankreich zerstörte mit dem Monarchen auch die monotonen Schritte des Paradierens und verlagerte durch die Einführung von Divisonen die Kommandoverantwortung nach unten…bis, ja bis zum autonom operierenden Guerilla unserer Tage, der aus eigener Motivation heraus für sich und seine Sache kämpft. Es ist markant, dass die moralische Kraft im nichtuniformierten Soldaten, im Krieger, der im Nebel bleibt, größer ist als im regulären. Diese Totalisierung des Krieges, seine Vermassung, war zwar auch immer mit der kreativ-raschen Herausbildung von oft im Geheimen operierenden außerordentlichen Spezialeinheiten verbunden, aber die wuchtige Vermassungstendenz findet in der Totalisierung und Vergöttlichung der Volksmassen durch den Leninismus und auch Maoismus einen ihrer Höhepunkte.  Lenin schwebte eine radikale Volksbewaffnung vor, die den Volkskrieg zu einem Abgott sakralisierte. Eine Bewaffnung des Volkes bis auf den letzen Mann, bis auf die letzte Frau, bis auf die letzte Maus. Das war eine Lehre der Pariser Commune. Und von dieser Lehre weicht das Wörterbuch zur deutschen Militärgeschichte der DDR ab, wenn unter dem Stichwort „Allgemeine Wehrpflicht“ geschrieben steht: „Auf Gesetz beruhende Pflicht jedes (in der Regel männlichen) wehrfähigen erwachsenen Staatsbürgers, im Frieden eine bestimmte Zeit und im Kriegsfall entsprechend den Erfordernissen in den Streitkräften zu dienen.“ 14. Papperlapapp, hier werden offensichtlich Regel und Ausnahme verwechselt. Die Commune zeigte uns zugleich, was aus der revolutionären Bourgeoisie von 1789 geworden war. „dass der heutige Bourgeois sich für den rechtmäßigen Nachfolger des ehemaligen Feudalherren ansieht“. 15. Die Emanzipation der bürgerlichen Klasse endet als Ancien Regime. In der Phase des Imperialismus wurde diese Erkenntnis unzähligemale bestätigt und für Revolutionäre ergibt sich daraus heute nur eine Schlußfolgerung: aus einer Volksbewaffnung heraus die völlige Vernichtung des Bürgertums zu betreiben, diesen perversen Ausbeuterabschaum mit Feuer und Schwert auszurotten und niederzubrennen. Jede andere politische Position beinhaltet  eine Beihilfe zur Ausbeutung der Arbeiterklasse. Gleichwohl kritisierte Marx die Communarden, dass sie sich auf die nationalrevolutionäre Tradition von 1793  bezogen hatten. Die proletarische Revolution darf keinen jakobinistischen Ansatz haben noch jakobinistisches Beiwerk. Gerade das war aber in der russischen Doppelrevolution des Jahres 1917 der Fall. Da Russland zu Beginn des Jahres 1917 noch dynastisch regiert wurde, wir also das Ancien Regime in seiner klassischen Form vorfanden, war zunächst eine jakobinistische Februarrevolution vonnöten, in den Straßen von Petrograd und Moskaus wurde die Marseillaise gesungen, die ja zunächst im revolutionären Frankreich von Soldaten gesungen wurde, die ein neues Soldatenbild kreirten.

Das mit der Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft aufkommende neue, also heute überholte Soldatenbild ging Hand in Hand mit dem Entstehen eines neuen Menschenbildes überhaupt. So fortschrittlich die Konzeption des Arztes La Mettrie auch war, Descartes zu radikalisieren und den Menschen mechanistisch als eine in sich selbst tätige Maschine aufzufassen und damit die Medizin von angeblich occulten Mächten unabhängig zu machen, so hatte doch dieser materialistische Philosoph die Anthropologie in eine Sackgasse geführt. Gerade der Metaphysiker Leibniz erarbeitete unter seinem ganzen metaphysischen Wust ein dialektisches Menschenbild, dessen Verständnis auf allen Gebieten des Lebens, und eben auch auf dem militärischen, ein gewisses, relativ richtiges Erfassen der Zusammenhänge der reziproken Produktivkraftentfaltungen ermöglichte. Leibniz behauptete, dass in jedem Tropfen Materie das ganze Universum ausgedrückt sei und dass es in jedem Lebewesen häufig Metamorphosen gäbe. Jedes Lebewesen hat mannigfaltige Bezüge zur Außenwelt und ist demnach ein Spiegel des Universums. 16. Und eben auf diese sich universell durchdringende Konjunction  des subjektiven Faktors und den objektiven Elementen der Wirklichkeit kommt es beim Erfassen der Außenwelt an. Für das Erfassen des Krieges gilt gleiches: die wechselseitige Durchdringung subjektiver und objektiver Faktoren zeichnet seine Metamorphosen ab. Die Individualisierung des Krieges, seine Entmechanisierung, ist gegenläufig, eine Konkretisierung ins Totale, zumindest theoretisch, denn der ganz auf sich gestellte Guerilla operiert eben im Traum vom Volkskrieg, der Einzelkämpfer will im Einssein mit dem Volk seine Subjektivität abwerfen. Die Geschichte des Krieges schleudert den emanzipierten Soldaten zunächst an seine Peripherie, denn diese ist zunächst das Operationsfeld des Partisanen, um von dieser her über die Phasen: Terrorakte – Attentate – Agitation, sodann übergehend in den Bürgerkrieg, in den Kern des totalen Volkskrieges zurückzukehren. Das führt über die jakobinistisch-napoleonischen Kriege hinaus, denn in diesen blieben die Randgebiete des Krieges (die Vendée, die spanische Bauernguerilla, die Tiroler um Andreas Hofer, Nadelstiche durch Kosakeneinsätze) welthistorisch sekundär. Landschlachten wie die von Austerlitz, Borodino, Leipzig und Waterloo kündigten düster den Massenkrieg des nächsten Jahrhunderts an. Wenn Clausewitz im Krieg der Armee gegen den Guerilla den Krieg eines Automaten gegen einen Menschen sieht, so hat er schon im sechsten Buch seines Hauptwerkes angedeutet, dass die Zukunft der Guerilla gehört. Und das zwanzigste Jahrhundert hat trotz zweier Weltkriege gezeigt, dass die essentiellere Weiterentwicklung der Theorie des Krieges im kleinen, nicht im großen stattfand. Die im Peripheren operierende Kleinmiliz hat in emanzipativer Hinsicht eine Ent-Randung des politischen Weltzusammenhangs gebracht, es genügt hier der Verweis auf den Bezwinger zweier Atommächte, auf den General Giap, wie Scharnhorst ein Bauernsohn, der zum Schlüsselsoldaten nach dem zweiten Weltkrieg avancierte. Jeder Ort der Erde ist heute peripher und global zugleich, als habe die Weltgeschichte sich erreicht und ihr emanzipatives Versprechen eingelöst. Diese Identität anzunehmen wäre für die Gattung fatal. Der Mensch ist heute an jedem Ort und zu jeder Zeit „frei“ und versklavt zugleich. „In der Vorstellung sind…die Individuen unter der Bourgeoisieherrschaft freier als früher, weil ihnen ihre Lebensbedingungen zufällig sind; in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachlicher Gewalt subsumiert“.  17. Für Marxisten konnten also die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert nicht überraschend kommen.

Eines der denkwürdigsten Geschäfte der Weltgeschichte fand gegen Ende des ersten Weltkrieges statt. Der deutsche Generalstab schleuste den Berufsrevolutionär Lenin und cirka dreißig Anhänger in sein Heimaltland ein.  Beider Rechnung ging nicht auf. Der deutsche Generalstab wollte Lenin gebrauchen, um eine endgültige militärische Zerrüttung Russlands herbeizuführen, keineswegs passte ihm ein räterevolutionäres Russland, Lenin intendierte mit der proletarischen Revolution eine Weltrevolution, die in der Sackgasse von Brest-Litowsk endete. „Nur selten geschieht das Gewollte, in den meisten Fällen durchkreuzen und widerstreiten sich die vielen gewollten Zwecke oder sind diese Zwecke selbst von vornherein undurchführbar oder die Mittel unzureichend“. 18. Deutschland ging Lenin nicht mehr aus dem Kopf, gerade an dieses Land knüpfte er weltrevolutionäre Hoffnungen. Russland habe alles Politische zur Befreiung der Arbeiterklasse durchgesetzt, Deutschland habe in ökonomischer Hinsicht eine Großproduktion, wie sie idealer für den Aufbau des Sozialismus nicht sein könne. Nach dem Versailler Vertrag gab es eine geheime militärische Zusammenarbeit zwischen den Verlierern des Weltkrieges. Die Sieger hatten im Artikel 231 dieses Vertrages die alleinige Kriegsschuld Deutschland zugeschoben, als ob man in und nach einem imperialistischen Krieg, der von allen Seiten als solcher geführt wurde, die Schuldfrage so fein säuberlich beantworten könnte. Lenin bezeichnete schon während des Ausbruchs des Krieges alle bürgerlichen Regierungen als imperialistische Räuber. Aber in der Geschichte gibt es nicht nur die Einheit der Gegensätze, auf die die eben einseitige Totalitarismustheorie basierte, sondern auch ihren Kampf – und der stand ab 1933 immer mehr in ihrem Programm. Im deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt behauptete sich noch einmal eine vordergründige Einheit, die durch den Fall „Barbarossa“ aufgelöst wurde. Lenin betonte immer, dass die Einheit der Gegensätze relativ,  ihr Kampf aber absolut ist. Im Verlauf des Rußlandfeldzuges kippte das Kriegsbild: Die deutsche Wehrmacht mit ihren drei Heeresgruppen operierte zunächst äußerst flexibel und versiert und bannte den russischen Generalstab in eine starre Verteidigung. Vor Moskau kam alles zum Stehen. Einen erheblichen Beitrag zum Zurückwerfen der deutschen Invasoren lieferte  der in sowjetischen Diensten stehende deutsche Spion Dr. Richard Sorge, der sich in den faschistischen Kreisen Japans als Faschist reinsten Wassers ausgab, um an die für Stalin entscheidende Information heranzukommen: Es findet keine militärische Landung Japans auf dem Territorium der Sowjetunion statt. Damit war die sibirische Ostarmee frei und flexibel geworden und konnte nun nach Westen gegen die Wehrmacht geworfen werden. Diese kam vor Moskau zum Halt und Hitler brach die flexible schnelle Kriegführung ab, seine Erfahrungen in Flandern standen hier im Hintergrund: der Soldat an vorderster Front wird seine Stellung nicht aufgeben, wenn man ihm befiehlt, sich einzugraben. Im Laufe des Krieges operierte die Rote Armee immer flexibler und warf nun die deutsche Wehrmacht in die Position der starren Verteidigung, die der starrköpfige, in Großraumpolitik befangene  Hitler noch unterstützte. Die Wende von Stalingrad hatte die Rote Armee wendig gemacht. Wir sehen also, wie die Opposition flexibel und starr im Krieg wechseln kann. Auf diesen Wechsel bezog sich ja schon der bekannte Ausspruch Napoleons über seine Gegner:; „Diese Tiere haben etwas gelernt“. Diese Tiere waren nämlich von einem starren Kriegssystem zu einer flexiblen Kriegführung übergegangen. Überhaupt ist der Verlauf des Zweiten Weltkrieges in den weiten Räumen des Ostens ein Beleg, dass brillante taktische Erfolge der Wehrmacht am Ende nicht das strategische Übergewicht einbrachten. Aus der sprichwörtlichen Sturheit Hitlers folgte, dass er nicht bereit war, mitunter auch taktische Mißerfolge hinzunehmen, um gerade dadurch in strategische Dominanz zu geraten. Es ist ein unerbittliches Diktum des Krieges, dass er Opfer verlangt, auch einen – zeitweisen – Gesichtsverlust des Feldherren.  Zu diesem war Hitler nicht bereit und opferte stattdessen sinnlos  „einfache“ Soldaten.

Die beiden Weltkriege des zwanzigsten Jahrhunderts zeigten noch einmal ein imposantes Aufbäumen des Eurozentrismus an, der durch die allierte Landung in der Normandie, an der die USA beteiligt waren, den Todesstoß erhielt. Schon Napoleon sinierte: „Cette vieille Europe m‘ennuie“. (Dieses alte Europa langweilt mich). Auf der pazifischen Seite des Kriegsgeschehens war das  Insel- und Kaiserreich Japan militärisch mit seinem Latein am Ende, auch hier gewannen die USA Land und Meer. Nicht zufällig galt die SEATO als „pazifisches Gegenstück zur NATO“. (Vergleiche Friedrich Ruge, Bündnisse von Vergangenheit und Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung von UNO, Nato, EWG und Warschauer Pakt, Bernhard & Graefe Verlag für Wehrwesen, Frankfurt am Main,1971,153).  Mit der Landung in der Normandie und der gedoppelten atomaren Erschütterung von Hiroshima und Nagasaki hatten die USA eine maritime Expansion markiert, neben der die der Sowjetunion marginal ausfiel. Das war in der globalen Auseinandersetzung der sogenannten Weltmächte im Kalten Krieg nicht unerheblich, das militärstrategische Denken sowohl der Sowjetunion  als auch der Volksrepublik China war traditionell landfixiert, aber die Landfläche machte und macht nur ein Drittel der Erdoberfläche aus. Die us-amerikanischen Flugzeugträger verkörperten als kleine schwimmende Städte nicht nur eine militärische Mobilität im globalen Rahmen, die ihresgleichen suchte, sie verkörperten zugleich die Synthese der drei  möglichen Elemente, in denen der Krieg nur stattfinden kann: Land, Luft und Wasser. Das Element des Wassers, das Meer, die Ozeane aber bergen in sich das Element der List. Es ist Hegel, der vom lügenhaftesten Element spricht. XX Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Werke Band 12, Frankfurt am Main, 1970,118f. XX Das Meer ist dieses trügerisch Ruhige, aus dem plötzlich das Unheil emporschnellt. Das ist die Physiognomie des Krieges schlechthin und  die des Blitzkrieges insbesondere. Das Meer ist die Totalität – Carl Schmitt bemerkte, dass der Mensch, der am Strand steht, sich nicht umdreht und ins Landesinnere schaut. 19. Der Mensch will darüber hinaus, es verliert sich nicht nur sein Blick in der Totaltät des Meeres, er nimmt den Kampf gegen sie auf. Warum baute ein kleines Inselreich in der Nordsee Stützpunkte im landmassiven China und nicht umgekehrt ? Weil die Engländer es aggresiv wagten, mit einem Schiff ins Unberechenbare aufzubrechen und dadurch ein Empire gründeten, die Chinesen dagegen der Lehre des Konfuzius (Das Wasser nimmt nicht mehr Platz ein, als es wirklich bedarf. So gleicht es der Mäßigung) gemäß innehielten. Für die Chinesen war das Meer das Aufhören des Landes – mehr nicht.  xx Vergleiche a.a.O.,119 XX Während die Stadtrepubik Venedig mit ihrer Flotte  noch auf den Mittelmeerraum beschränkt blieb, ging die englische Flotte auf die Totalität des Weltwassers, nachdem sie die spanische Armada mit kleinen und wendigen Guerillaschiffen 1588 bezwungen hatte. Ein Jahr später erschien in England Hakluyts Fundamentalbuch über die Schiffahrt „Principal Navigations“.  Es kann durchaus gefragt werden, ob nicht England auf dem Höhepunkt seiner Seeherrschaft einen eigenen Kontinent bildete, jedenfalls nach der ökonomischen Breitenwirkung. Die Erdbezogenheit des Menschen begrenzt seinen Gesichtskreis. Wir sehen vor uns die elende Gestalt des Bauern auf seiner Scholle, der im „Idiotismus des Landlebens“. 20.  dahinvegetiert. Das Mittelalter war landschwer, sein Zentrum war das katholische Rom und der Papst wurde als Mittelpunkt des Universums propagiert, auf ihn sollte alles fixiert sein. Es gab für die Menschen des Mittelalters keinen unendlichen leeren Raum, nur die Ketzer (u.a. Bruno) brachten im Untergrund Fruchtbares hervor. Es war so vordergründig eine Periode kontemplativer Stagnation als dem idealen Milieu der Gotteserfahrung. Der katholische Klerus konnte so am besten im Trüben fischen und provozierte die protestantische Korrekturbewegung. Mit Kolumbus geriet das Meer in weltgeschichtlich fundamentaler Weise  in den Vordergrund. Welch ein Gegenentwurf zum Papismus, auf dem Meer herrscht die Anarchie, es ist frei von staatlicher und kirchlicher Autorität.  XX ANM Kolumbus sah in der Tat etwas Neues: „Die Bewohner von Carib essen nämlich Menschenfleisch“. Kolumbus, Der erste Brief aus der Neuen Welt, Reclam Verlag Stuttgart,, 2010,33 XX Erst das Meer mehrt uns. Es bleibt immer merkwürdig, dass Carl Schmitt in seiner Studie „Land und Meer“ gerade die soeben angeführten Passagen Hegels über den weltgeschichtlich einmaligen Charakter des Meeres aus seiner „Philosophie der Geschichte“  außer Acht läßt und sich in der Nachbemerkung (!!) nur auf den vergleichsweise matten Paragraphen 247 der Rechtsphilosophie bezieht.(Dieser lautet: „Wie für das Prinzip des Familienlebens die Erde, fester Grund und Boden,Bedingung ist,so ist für die Industrie das nach außen sie belebende Element, das Meer“. ) Carl Schmitt asozialisiert die Geschichte, indem er sie auf einen  reziproken Kampf von Seemächten gegen Landmächte reduziert. Sein mit der Land-Meer-Studie verbundener Anspruch, den § 247 Hegels in ähnlicher Weise zur weltgeschichtlichen Bedeutung zu entfalten, wie es Marx mit den Paragraphen 243 bis 246 gelang, muss daher marginal bleiben.
 
 
Im Koreakrieg hielten sich landmassive Kräfte inklusive China und maritim orientierte (USA, Australien und ein Dutzend anderer Staaten) noch die Waage, diese kippte noch einmal im Vietnamkrieg gegen die USA mit ihren Flugzeugträgern.  1950 bildeten sich in ganz Korea Volkskomittees für die demokratische Umgestaltung, die aber im Süden von US-Imperialisten aufgelöst wurden, so dass sich das Regime Syngman Rhee (Li Syngman) etablieren konnte, das im Grund nichts anderes war als ein schikanöses Polizeiregime, um Rhee versammelte sich ein zutiefst reaktionärer Klüngel, der dann selbst dem amerikanischen Präsidenten Truman zuwider war. Dieser faschistische Polizeiklüngel war dann auch die treibende Kraft hinter den Provokationen am 38. Breitengrad, die die Truppen Marschall Kim Il Sungs  zu einem Befreiungskrieg veranlassten. Es ist bekannt, wie kläglich das Polizeiregime im Süden zusammenbrach, wozu auch südkoreanische Partisanen, die sich unter Rhee im Untergrund gebildet hatten, einen hohen Anteil beitrugen. Nur die  Hafenstadt Pusan wurde noch von faschistischen Truppen gehalten und nun begann auf diesem Stützpunkt die Landung us-amerikanischer Truppen unter dem Kommando des demokratiefeindlichen Generals Douglas Mc Arthur 21., getarnt unter der Flagge der UNO- es waren aber nicht nur die USA, kurz: es begann eine internationale imperialistische Verschwörung von 16 Räuberstaaten gegen das koreanische Volk.  Gegen die Werktätigen Koreas sollte die Fahne des Kapitalismus in ganz Korea aufgerichtet werden, was bekanntlich auch mit Unterstützung  rotchinesischer Verbände 22. mißlang, aber bis heute das Ziel der blutsaugenden Millionäre in Seoul bleibt.  Diese imperialistische Aggression, in der die USA gnadenlos Napalm einsetzten, kostete mehr als drei Millionen Menschen das Leben, 500 000 koreanische, 36 000 amerikanische und 400 000 chinesische Soldaten kamen auf militärischer Seite ums Leben. Endete der Koreakrieg noch unentschieden, so erlebten wohl die US-Imperialisten im Vietnamkrieg die schockhafteste militärische Niederlage im XX. Jahrhundert. Die Implosion der Sowjetunion beinhaltete zugleich eine historische Entwertung dieses Vietnamkrieges, denn der Sieg des Vietcong hatte die westliche Weltmacht traumatisiert. Während der ersten Siegesparade in Vietnam nach dem Abzug der letzten US-Soldaten standen auf der Ehrentribüne die Spitzengeneräle Hanois und Moskaus. Die Implosion im Machtzentrum Moskau setzte in us-imperialistischen Kreisen wiederum Schübe weltherrschaftlicher Phantasien frei, die der General Giap blockiert hatte. Die US-Army durfte im Irak, im Iran und in Afghanistan die Fehler von Vietnam im gemäßigterer Form wiederholen. An der Entwicklung der USA ist abzulesen, dass Gegensätze ineinander umschlagen. Gaben diese „Freien Staaten“ im 18. Jahrhundert noch für das fortschrittliche Europa erste Zeichen zum Befreiungskampf, so sind sie heute zum Hort der Weltreaktion, wie die französische Bourgeoisie zum Ancien Regime verkommen, bereit, jede freiheitliche Regung der arbeitenden Völker weltweit zu unterdrücken. Wer die politische Entwicklung der USA in den letzten hundert Jahren verfolgt hat, der wird wissen, dass die Enthüllungen Mister Snowdens nur die Spitze eines Eisberges freigelegt haben. Es war ja gerade der spanisch-amerikanische Krieg 1898, der die Epoche des Imperialismus einleitete. Die USA besetzten Cuba, Puerto Rico, Guam und die Philipipinen, während Spanien seine bedeutsamsten Kolonien verlor. Seitdem ist die internationale Geschichte der USA eine einzige Kette permanenter Verletzungen des Völkerrechts. Es ist kein Zufall, dass um die Jahrhundertwende das Schlüsselbuch der Weltmachtwachablösung erschien. Der us-amerikanische Admiral Mahan erklärte in dem Werk „Der Einfluß der Seemacht in der Geschichte“ frei und frank, dass nunmehr die USA die maritime Rolle Englands zu übernehmen hätten. Es ist kein Zufall, dass zum Beispiel in Deutschland um die Jahrhundertwende ein unheilvolles Dreigestirn am Offiziershimmel erschien: Generalfeldmarschall Alfred von Schlieffen, Oberst Friedrich von Bernhardi und Generalmajor Hugo von Freytag-Loringhoven. Ihre schriftlichen Ergüsse tragen bereits einen eindeutig imperialistischen Charakter. Die Herausforderer machten bereits ideologisch mobil. Der Verlust der Kolonien sollte für Spanien innenpolitisch nicht ohne Folgen  bleiben. Mit dem Militärputsch vom 17. / 18. Juli 1936 kompensierte das Offizierskorps auch diese Schmach und löste zugleich den spanischen Bürgerkrieg aus, der in seiner schillernden Blütenpracht zum komplexesten Krieg der Neuzeit in einer Nation anwuchs. Ihn als rein national zu bestimmen, wäre indeß irrig,, er enthält in sich alle Komponenten einschließlich der fundamentalen ideologischen Opposition zwischen Marxismus und Faschismus, die für das ganze 20. Jahrhundert charakteristisch sind und die der Große Krieg dieses Jahrhunderts in die kontinentale, ja globale Dimension entfaltete. Mussolini war ab Januar 1937 in diesem Krieg mit 75 000 Soldaten vertreten. Am 27. Juli 1936 verkündete Franco in einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Jay Allen, dass er den Marxismus in Spanien auslöschen werde, koste es, was es wolle…und wenn halb Spanien erschossen werde. Deshalb hier schon zum ersten Mal in der europäischen Kriegsgeschichte die skrupellosen Flächenbombardements großer Städte, Madrid zuerst, dann am 26. April 1937 durch die deutsche Legion Condor und die italienische Aviazione Legionaria drei Stunden lang Guernica, um den Feind in die Knie zu zwingen durch Demoralisierung der Zivilbevölkerung. Er kündigte an, die Industrie auszulöschen und meinte die Ausradierung des Industrieproletariats. In dieser Überlegung war der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommene General Mola noch schärfer als Franco. Wollte nicht der us-amerikanische Oberbefehlshaber Westmoreland in Vietnam das Land in die Steinzeit zurückbomben ? Fürwahr die Sprache von Barbaren. Und was macht der Pfaffe ? Durch den Segen der katholischen Kirche wurde der Krieg der Putschisten ein Kreuzzug, Hitler sprach vom Rußlandfeldzug als von einem besonderen ideologischen Krieg und erließ den Kommissarbefehl. Auch die Linken kamen im spanischen Bürgerkrieg nicht ohne Politkommissare aus.  Wer den Zweiten Weltkrieg studieren will, sollte mit dem spanischen Bürgerkrieg beginnen. Wie im 19. Jahrhundert der spanische Guerillakrieg gegen Napoleon Impulse für den kleinen Krieg in ganz Europa gab, so findet sich der Kernkonflikt des 20. Jahrhunderts im spanischen Klassenkampf wie in einer Nußschale. Sowjetische Berater auf republikanischer, deutsche und italienische auf franquistischer Seite sprechen für sich. Selbstverständlich findet die Erschießung gefangener politischer Kommissare statt. Und auch in ihm praktizierten die Republikaner bereits den Guerillakrieg im Hinterland der Faschisten, wie es in der Sowjetunion nur im viel größeren Rahmen geschah. Er also enthält alles, was im Spannungsfeld zwischen Krieg und Politik das Faszinierende ausmacht. Die Flut an Sekundärliteratur über ihn ist kein Zufall. Alle Großmächte hatten in den Großstädten ihre Agenten, denn dieser Krieg galt „allgemein als ein neuralgischer Punkt der internationalen Politik und Diplomatie“. (Helen Graham, Der Spanische Bürgerkrieg, Reclam Verlag Stuttgart, 2008,99). In diesem zutiefst widersprüchlichen Krieg, der die unzureichende Urbanisierung Spaniens zum Ausdruck bringt, noch 1931 wurde im baskischen Ezkioga von neuen Marienerscheinungen erzählt, die massenhaft Pilger anzogen,  ist es für die marxistische Analyse nicht leicht, den roten Faden zu finden, der die ganze Gesellschaft in „zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeosie und Proletariat“  (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,463) spaltet. Die Militärkarten mit ihren Kampfzonen sehen auf Grund der Unausgewogenheit der politischen und kulturellen und vor allem wirtschaftlichen Entwicklung aus wie ein bunter Flickenteppich. Es gelang in manchen Gegenden unter den Kriegsumständen das Geld abzuschaffen. Der spanische Bürgerkrieg ist recht eigentlich ein anarchistischer, er trägt einen bakuninschen Charakter. Siegte im spanischen Mikrokrieg noch das Dorf (die Großgrundbesitzer im Süden des Landes) über die Stadt (La Espana profunda), so im globalen Krieg die Stadt über das faschistisch-mittelalterliche Dorf. Der Kleinbürger Hitler, ein rechter Bakunin, wollte sowohl Moskau als auch Paris dem Erdboden gleichmachen. Zeichneten sich nicht im spanischen Nord-Süd-Gefälle Konturen ab, die später in den geteilten Ländern Korea und Vietnam in abgewandelter Form wieder in Erscheinung traten ?

 
Fehler in einem Krieg resultieren aus einer einseitigen Denkweise, er ist weder nur komplex noch nur einfach, sondern diese Elemente durchdringen sich. Das Elementare ist zum Beispiel die Tatsache, dass der Soldat die Grundlage der Armee ist. Die Offensive muss Elemente der Defensive in sich enthalten und umgekehrt, wie Scharnhorst lehrte: „es gibt keine taktische Defensive. Zwei Armeen bestimmen sich in ihren Maßregeln immer wechselweise“. 23. Der Krieg wird in seinem Verlauf komplexer, seine Prozesse setzen aber keineswegs die Elementarien außer Kraft, die modifiziert mitentwickelt werden müssen. Immer wieder können Konstellationen auftauchen, die anders, auch minimisierter, auch maximierter schon mal dagewesen waren. Im Partisanenkrieg kämpft ein Schwächerer gegen einen zunächst Stärkeren, deshalb ist es elementar, dass er zunächst zurückweicht, im Partisanenkrieg folgt immer der Angriff der Verteidigung, wie bunt und vielgestaltig auch immer der Kriegsprozess die Dispositionen aus- und durcheinanderwirft. In gewisser Weise führt der Partisan den Krieg feudal, nicht bürgerlich, zumindest, was die schnelle Entscheidung in einer Generalschlacht betrifft, die charakteristisch für die jakobinistisch-napoleonische Kriegführung war. Wie Friedrich der Große meidet er diese, führt wieder einen Bewegungskrieg. In der Tiefe des Raumes sucht die Guerilla ihr Kriegsschicksal und dieser Raum war sowohl in der Sowjetunion als auch in China makrotief. Liegt diese Raumgröße vor, so kann man Kriegspolitik nach der Devise betreiben: Opfere Raum, gewinne Zeit, wie Lenin bei Brest. So entstand auch der lange Marsch 1935, als man erkannte, dass die Rote Armee im  Schützengrabenkrieg vergeblich eine Dominanz anstrebte. Im Makroraum greift die im Hintergrund lauernde Guerilla an, sobald der Feind nicht kampfbereit ist und pausieren muss. Vorstoß und Rückzug erfolgen in einer stummen Raschheit. Nur in dieser ist ein Moment napoleonischer Kriegführung, die sich im Rußlandfeldzug durch die Kosakenguerilla  gegen die „Grande Armee“ selbst kehrte. Ein Berater hatte Napoleon gewarnt: „On ne peut pas écraser la Russie“ (Man kann Russland nicht gegen die Wand drücken). Während Europa sich mit dem Blitzkrieg der Nazis auseinandersetzen mußte, operierte Mao in China mit einer Guerilla, die blitzschnell wie durch Zauberei aus ihrer Tarnung gegen die japanischen Truppen zuschlug. Der rasche Abschluß des Kampfes ist das oberste Gebot für die schwächere Guerilla. Sie kann nur kleine Siege erringen, die als Gesamtsumme aber den großen Sieg bringen soll. Dann ist die Guerilla in die reguläre Armee übergegangen. Die Idee, in Rußland einen Blitzkrieg zu führen kann nur aus dem Wahn einer technischen Überlegenheit geboren worden sein. Zudem war die Blamage der Roten Armee im finnischen Winterkrieg 1939/4ß der Köder, den die Geschichte für Hitler ausgelegt hatte.  Die technische Überlegenheit lag gewiss vor und Stalin sagte, dass man diese Differenz zum Westen in zehn Jahren aufholen müsse, was bei einigen Waffentypen tatsächlich gelang. Die Eroberung Stalingrads wurde von Hitler am 8. November 1942 zu früh ausgerufen. 24. Das rasche Suchen der Entscheidungsschlacht, das rasche Umschlagen der Gegensätze in der Hegelschen Dialektik und die rasche generelle Entscheidung in Geschäften des Großkapitals resultieren auseinander. Bei großen kapitalistischen Geschäften kommt es ebenfalls auf eine rasche und generelle Entscheidung an, diese überläßt die Guerilla der „Großen Armee“. Auf Marx geht das Bild zurück, dass bürgerliche Revolutionen in Feuerbrillanten gefasst sind, proletarische sich quälen, viele Anläufe brauchen, unentschieden bleibem, grausam sind. Aber mit Friedrich dem Großen als Ausgangsstrategen des heutigen Guerilla hatte Marx beileibe nichts am Hut, die Wiederaufstellung der Reiterstatue  Unter den Linden und vor der Humboldt Universität kann nur als Armutszeugnis gewertet werden. Diese Statue hat den Zusammenbruch des realen SED-Sozialismus überlebt. Im 20. Jahrhundert ergab sich aus dem Wechsel des globalen Krieges zum kalten, dass dieser vordergründig ein einfacher war, nach dem Zusammenbruch des einen Blocks, des Warschauer Paktes, ist der Krieg wieder komplexer geworden, global-sprunghaft, ja er scheint sich immer mehr zur Seite des kleinen Krieges zu neigen, der eine Sache von Spezialisten mit höchstem technischen Equipment zu werden scheint. Der Vietnamkrieg nimmt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts insofern eine Schlüsselposition ein, als schon  in ihm auf amerikanischer Seite vier territoriale Verwaltungssoldaten auf einen im Feld operierenden Kombattanten  kamen, vollends hat er den Krieg zu einem der medialen Weltöffentlichkeit gemacht. Das intendierten zwar auch schon die Maoisten im zweiten sino-japanischen Krieg, der am 7. Juli 1937 durch ein Feuergefecht zwischen japanischen und chinesischen Soldaten an der Marco Polo Brücke (der sogenannte Zwischenfall von  Lugoutjau, cirka zehn Kilometer südwestlich von Peking) ausbrach und der am 9. September 1945 mit einer Niederlage Japans endete, ohne dass aber eine ausreichende globale Vernetzung vorlag. Während dieses Krieges arbeitet Mao nicht nur seine den gerechten Krieg heiligsprechende Kernthese heraus, dass zum Sieg im Volkskrieg die permanente politische Mobilisierung des Volkes unbedingt erforderlich sei, er erahnt zugleich das Wechselspiel zwischen großem und kleinem Krieg, die Guerilla mutiert zur regulären Armee, diese gegenläufig zur Guerilla. Aus dem chinesischen Millionenheer wurden einige Hunderttausend für die heilige Aufgabe ausgesondert, den Partisanenkrieg zu entfalten, der keinen so lauten Ruhm bringt wie der von regulären Truppen geführte Krieg, „aber wie man zu sagen pflegt, die Stärke eines Pferdes erkennt man an einem langen Weg, das Herz eines Menschen . in einem langen Dienst“. 25. Das Ignorieren der die Öffentlichkeit bildenden Zivilbevölkerung eignete sowohl der nach Osten drängenden deutschen Wehrmacht als den nach Westen drängenden japanischen Aggressoren. Die Volksmassen entscheiden den Krieg und wer sie nicht gewinnt verliert ihn. Ein Guerillakrieg, in dem nicht die Volksmassen politisch mobilisiert werden, hat nicht die genügende Wassertiefe zum Schwimmen der Guerillafische. Denn die Soldaten begreifen dann nicht, wie der Krieg mit ihnen persönlich zusammenhängt. Das ist der große Vorteil proletarisch bäuerlicher Armeen gegenüber von bürgerlichen Offizieren geführten bürgerlichen, sie können den Arbeiter- und Bauernsoldaten nie vermitteln, in welcher Beziehung imperialistische Kriege zu ihnen persönlich stehen.Diese Beziehung ist das Öffentliche des Krieges, das Volksmeer. Zum Tragen kam diese Öffentlickeit als Weltöffentlichkeit im Vietnamkrieg.  Dieser Umstand, dieser moralische Faktor trug nicht unwesentlich dazu bei, dass die USA ihr widersinniges Engagement abbrachen. Dieser Krieg in Hinterasien war im Kern kein lokaler, sondern einer, der durch Luftaufklärung dem Feind die Heimat wegnahm. Der für Boden-Luft Raketen unerreichbare strategische Höhenaufklärer Lockheed SR-71 – Blackbird – , dessen Erstflug auf den 22. Dezember 1964 fiel, hatte Aufklärungssensoren, die pro Flugstunde eine Fläche von 259 000 km2 erfassen konnten. Indem jeder us-amerikanische General  dank dieser „Amsel“ jeden Winkel in den Städten Vietnams wie seine Westentasche kannte, war der bisherige Vorteil der Defensive, das Terrain zu kennen, Militärgeschichte geworden. Als aber der Vietcong eine zweite unsichtbare Heimat in einem gigantischen Tunnelsystem aufschlug, wurde das Pentagon von zwei entgegengesetzten Öffentlichkeiten in die Zange genommen: der Vietcong bestätigte das Bild von Karl Marx, dass der revolutionäre Maulwurf sich sous terre herumtreibe, dass also seine Öffentlichkeit nichtöffentlich sei, zugleich aber war eine medial erzeugte diffus moralisierende Weltöffentlichkeit so gewichtig geworden, dass sie über den geheimen Luftkameras der CIA den Sieg davontrug. Die dunklen Tunnelkanäle und die Fernsehkanäle zusammen erzwangen den Sieg, der bis zur Implosion der Sowjetunion die US-Army traumatisierte. Welche Macht die Medien bereits erreicht hatten, zeigte auch das Pressefoto des Jahres 1968, das der AP-Fotograf Eddie Adams geschossen hatte. Er hielt am ersten Februar, dem Neujahrstag in Vietnam, die Ermordung des 34jährigen kriegsgefangenen Vietcong Nguyen Van Lem durch den Saigoner Polizeichef Nguyen Ngoc Loan durch Kopfschuß auf offener Straße fest. Das Foto ging um die Welt und wurde zur Chiffre der Antikriegsbewegung weltweit. Eddie Adams schrieb später im TIME Magazin: „Der General tötete den Vietcong, ich tötete den General mit meiner Kamera“. Auch diese Kamera erwies sich als stärker als die der CIA. (Loan floh in die USA, Versuche, ihn dort vor Gericht zu stellen, scheiterten natürlich). Der Vietnamkrieg bescherte uns nicht nur die Globalisierung und widerlegte die Passage der hegelschen Philosophie der Geschichte, dass das weite östliche Asien vom Prozesse der Weltgeschichte entfernt sei 26. , er zeigte vor allem, dass nicht der technische Entwicklungsstand der Waffen den Ausschlag gibt. KOLLEKTIV operierende Fahrradsoldaten in Sandalen bezwangen eine Atommacht, die nach dem rein militärischen Kräftverhältnissen als Sieger feststand. Schon in den Dokumenten der preußischen Reformer um Scharnhorst war betont worden, dass Geld allein den Ausgang eines Krieges nicht entscheidet, die Erzeugung eines hohen militärischen Geistes der Nation koste nichts. Man mag hier den Idealismus verurteilen, ein Zeugnis für die Verfehltheit der rein militärischen Denkweise ist es allemal. Scharnhorst war ein Einiger, der das ungeheure Gewicht der Kollektivität im Krieg richtig erfasst hatte. Dieser General hielt seine Offiziere zum kollektiven Studium des Krieges an: „Verzweiflung an der Kunst, Ermüdung in der Nachforschung und Einseitigkeit in der Ansicht ist nicht selten die Folge des isolierten Studiums“. 27. Es hat etwas von Aberwitz an sich, heute das militärische Potential der Völker durch eine Handvoll Militärspezialisten entwertet zu sehen, was letztendlich einer politischen und militärischen Entmündigung der Völker gleichkommt. Der Soldat als Fremdenlegionär im eigenen Land und das militärintellektuelle Niveau des Volkes auf das von Kioskmilitärzeitschriften herabgedrückt !   Es ist viel zu früh, vom Ende des großen Volkskrieges und von einer Ära einzelkämpferischer Spezialisten zu sprechen, die objektiv ja eine konterrevolutionäre Guerilla bilden würden, insofern kann die Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht durch den elitären und falschen Doktor zu Guttenberg keine endgültige sein. Trotz der immens gewachsenen Bedeutung der Guerilla, noch immer bringt der große Krieg den kleinen hervor. In Deutschland ist der Versuch der Baader-Meinhof-Guerilla gescheitert, es umgekehrt zu entwickeln. Aber immerhin haben sie die Ehre des deutschen Volkes gerettet, während feige deutsche Politiker vor dem blutgierigen US-Imperialisten katzenbuckelten, hat diese Guerilla gezeigt, dass der revolutionäre, anti-imperialistische Geist im deutschen Volk nicht erloschen ist. Der Partisanenkrieg wird 1906 in einem Artikel auch von Lenin als unvermeidliche, aber nicht wichtigste, sondern sekundäre Kampfmethode der Marxisten gewürdigt. Auch der Anhänger der Guerilla, Ernesto Che Guevara, war sich über ihre Sekundärfunktion im Klaren: „It is obvious that guerrilla warfare is a preliminary step, unable to win a war all by itself“. 28.
Auf die RAF trifft nuanciert zu, was Lenin über die Intellektuellen aus dem Mittelstand Rußlands schrieb, die 1881 Alexander den II. hinrichteten: „Sie haben den höchsten Opfermut entwickelt und die ganze Welt durch ihre heldenhafte terroristische Methode des Kampfes in Erstaunen gesetzt. Sicher fielen diese Opfer nicht umsonst, sicher haben sie – sowohl in direkter als auch in indirekter Weise – zur späteren revolutionären Erziehung des russischen Volkes beigetragen. Aber ihr unmittelbares Ziel, das Erwachen einer Volksrevolution, haben sie nicht erreicht und nicht erreichen können.“ (Lenin, Ein Vortrag über die Revolution von 1905, Lenin Werke Band 23, 251) Gelingt progressiven Kräften nicht der Durchbruch, kann die Zeit der Fäulnis der alten überlebten bürgerlichen Gesellschaft über Jahrzehnte dauern. Diese Fäulnis nimmt heute in der Bundes“republik“ eine immer braunere Farbe, die zuerst den Apparat der Exekutive überzieht, an.Drei RAF Mitglieder sind bis heute verschollen: Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg. Es fehlt jede Spur. So endet auch dieser Krieg stumm.

1. Den ersten Anstoß zur Umwälzung des feudalen Kriegswesens hatten die wenig geübten Riflemen mit ihrem legendären Kentuckyrifle im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1774 – 1783) gegeben, die in losen Gruppen unter Terrainausnutzung gegen die in Linie aufmarschierenden englischen Truppen kämpften, eine neue Kampfweise, die auch bereits die Aufmerksamkeit von Friedrich II. erregte. Der junge Gneisenau nahm als Leutnant der Ansbach-Bayreuther Armee auf britischer Seite an dieser Kampagne teil, der junge Scharnhorst setzte sich intensiv mit diesem neuartigen Krieg auseinander mit dem Ergebnis, dass eine Guerilla auf Dauer nicht wird standhalten können, wenn sie sich nicht in eine reguläre Armee entfaltet. Auffallend war zunächst eine Asymmetrie auf dem Gebiet des soldatischen Eingeübtseins: sowohl die Riflemen – die erst später von Steuben geschliffen wurden, er war somit der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort – als auch die Sansculotten hatten ganz geringe militärische Übung, mussten daher Neues (aufgelöste, rasch bewegliche Schützenverbände, die Deckung im Wald suchten, vorzugsweise Operieren in unebenen Gelände) erfinden, das sich auch als der alten Kriegführung  (Aufmarsch in Linie auf freier Ebene) überlegen erwies. Die französische Revolution führte auch hier die amerikanische weiter und Napoleon vollendete, was General Washington begonnen, vollendete vor allem das Prinzip des Aufgebots der ganzen Nation.

2. Sun Tzi, Die Kunst des Krieges, Knaur Verlag, München 1988,105

3.Karl Marx: Kritische Randglossen zu dem Artikel: “Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen.” MEGA I/2,463

 4.Lenin: Der linke Radikalismus, Ausgewählte Werke Progress Vlg. Moskau 1971,582

5.G.W.F. Hegel: Phänomenologie des Geistes, Rheinisch Westfälische Akademie Ausgabe Bd. 9,31

6..Lenin: Das Militärprogramm der proletarischen Revolution,in: Lenin über Krieg und Frieden, Drei Artikel, Peking 1975, 71

7.a.a.O.,66f.

8..Friedrich Engels, Brief an an Conrad Schmidt vom 27.10.1890

9. Welche Schwierigkeiten ein Kriegstheoretiker hat, wenn er dialektisch ungeschult ist, zeigt der Aufsatz von Ulf Häußler(Regierungsdirektor in der Rechtspflege der Bundeswehr): ´s ist Krieg ? in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. August 2009, S.6. Das klassische Völkerrecht kannte nur die Alternative “Krieg oder Frieden”, Krieg wurde nach Ulf Häußler definiert als bewaffneter Konflikt zwischen mindestens zwei souveränen Staaten und mit dieser Schablone kommt man in der Zeit der asymmetrischen Kriege ins Rotieren. “Freilich ist die Dichotomie von Krieg und Frieden dem heutigen Völkerrecht unheimlich geworden.” Eine Dichotomie von Krieg und Frieden hat es indeß geschichtlich nie gegeben. Es gab und gibt eben, wie Lenin schreibt, Kriege und Kriege. (vgl. Lenin: Krieg und Revolution, LW 24, 396) Die Schwierigkeit besteht eben darin, dass Krieg und Frieden prozessual ineinander übergehen, der Frieden ist nicht etwas vom Krieg grundsätzlich Verschiedenes. Lenin sagt, sowohl den bürgerlichen als auch den sozialistischen Pazifisten ist der Gedanke fremd geblieben: “…”der Krieg ist die Fortsetzung der Politik der Friedenszeit, der Frieden ist die Fortsetzung der Politik des Krieges.” “Daß der imperialistsiche Krieg von 1914 bis 1917 die Fortsetzung der imperialistischen Politik von 1898 bis 1914, wenn nicht einer noch früheren Periode ist, das haben weder Bourgeois noch Sozialchauvinisten sehen wollen und wollen es auch jetzt nicht sehen. Daß der Frieden jetzt, solange die bürgerlichen Regierungen nicht auf revolutionärem Weg gestürzt sind, nur ein IMPERIALISTISCHER FRIEDEN sein kann, der den IMPERIALISTISCHEN KRIEG FORTSETZT (Hervorhebungen von mir), sehen weder die bürgerlichen noch die sozialistischen Pazifisten.” (Lenin: Bürgerlicher und sozialistischer Pazifismus,in: Lw 23,196)

10. Georg Wilhelm Friedrich Hegel,  Logik Band II, edition suhrkamp Band 6,461

11. “Kleines Philosophisches Wörterbuch” (vierte Auflage), in Kommunismus und Klassenkampf 1/80,1

12.Mao tse tung, Werke Bd.5,414

13.Lenin: Über die Junius Broschüre, LW 22,3

14. Wörterbuch zur deutschen Militärgeschichte, Band 1, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1985,16

15. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Ausgewählte Werke, Progress Verlag, Moskau, 1975,321

16. Außerdem stellt sich ja für La Mettrie das Problem, wie ein Automat zu einem Gottesbegriff finde ? Der arme La Mettrie verhält sich zu Leibniz wie der arme Feuerbach zu Hegel.

167 Karl Marx / Friedrich Engels , Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,76

18. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,296f.

19. Vergleiche Carl Schmitt, Land und Meer, Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2011,9

20. Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,466

21. Dieser General war  zweifellos ein Antikommunist wie er im Buche steht, er forderte in aller Öffentlichkeit die Ausweitung des Krieges nach China und den Abwurf von Atombomben auf das Reich der Mitte. Dazu gibt es ein mittlerweile ins Internet gestelltes FBI Dokument 100 HQu – 93216 serial 461 Auskunft. Es ist weiterhin bekannt, dass die us-amerikanische Atomenegie Kommission (AEC)  schon 1948 durch Dr. Paul Mc Daniel ein “Gremium zur Prüfung von Möglichkeiten radioaktiver Kriegführung” ins Leben rief. Trotz mehrfacher Ankündigung des Verlages ist das Buch Mc Arthurs “The Korea War” noch immer nicht in deutscher Übersetzung erhältlich, für die militärgeschichtliche  Aufarbeitung des Koreakrieges sicher eine Lücke. In seinen Memoiren schreibt Mac Arthur selbst, dass er im Koreakrieg die US-Regierung ersucht habe, ihre Zustimmung zum Nukleareinsatz zu geben, um durch die radioaktive Verseuchung des nordkoreanischen Territoriums jede Möglichkeit eines Truppendurchmarsches zu nehmen.

22. Als in den Wochenschauen der Kinos die Bilder von rotchinesischen Soldaten gezeigt wurden, die us-amerikanische Offiziere in die Kriegsgefangenschaft abführten, dämmerte es, dass ein Riese in Asien erwacht ist. Es war ein Schock für alle Reaktionäre, Rassisten und Faschisten.

.23. Gerhard von Scharnhorst, Aus den Vorlesungen an der Akademie für junge Offiziere: Von den Schlachten. Vom Angriff. Von der Verteidigung, in: Gerhard von Scharnhorst, Ausgewählte militärische Schriften, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1986, 176

24. „Ich wollte zur Wolga kommen, und zwar an einer bestimmten Stelle, an einer bestimmten Stadt. Zufälligerweise trägt sie den Namen von Stalin selber. Aber denken Sie nur nicht, dass ich aus diesem Grund dorthin marschiert bin – sie könnte auch ganz anders heißen -, sondern weil dort ein ganz wichtiger Punkt ist. Dort schneidet man nämlich 30 Millionen Tonnen Verkehr ab, darunter fast 9 Millionen Tonnen Ölverkehr. Dort floss der ganze Weizen aus diesen gewaltigen Gebieten der Ukraine, des Kubangebietes zusammen, um nach Norden transportiert zu werden. Dort ist das Manganerz befördert worden; dort war ein gigantischer Umschlagplatz. Den wollte ich nehmen und – wissen Sie – wir sind bescheiden, wir haben ihn nämlich! Es sind nur noch ein paar ganz kleine Plätzchen da. Nun sagen die anderen: ‚Warum kämpfen sie denn nicht schneller?’ – Weil ich dort kein zweites Verdun haben will.“ (Michalka,W.(Herausgeber): Das Dritte Reich. Band.2. dtv-dokumente. München 1985,78)

25. Mao tse tung, Über den langdauernden Krieg, in: Mao tse tung, Ausgewählte Schriften Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1957,223

26. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Reclam Verlag Stuttgart, 1997,148. Diese Anschauung Hegels wird sogar noch durch den ersten Weltkrieg bestätigt. Obwohl er China und Indien involvierte und obwohl australische und neuseeländische Truppen am Strand von Gallipoli landeten,, wird der erste Weltkrieg noch heute in Australien schlicht „War of 1914-18“ genannt.

27. Gerhard von Scharnhorst, Bemerkungen über die Veranlassung und den Zweck der militärischen Gesellschaft und über die Mittel zur Erreichung desselben; bei Gelegenheit des Schlusses der Gesetzrevision im Januar 1803, in: Gerhard von Scharnhorst, Ausgewählte militärische Schriften, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1986, 192

28.  Ernesto Che Guevara, On Guerrilla Warfare, with an Introduction by Major Harries-Clichy Peterson (Frederick A. Praeger, New York) 1961,9. Siehe dazu: Carl Schmitt, Theorie des Partisanen, Zwischenbemerkungen zum Begriff des Politischen, Duncker & Humblot Verlag Berlin, 2006,23. Carl Schmitt geht fehl, wenn er auch der maoistischen Guerilla einen tellurischen (die Erde betreffenden) Charakter unterstellt. Diese wurde primär in einem weltrevolutionären Sinn mobilisiert, nicht in einem national chinesischen bzw. lokalen Sinne, wie das für die von erzkatholischen Pfaffen gegen Napoleon aufgehetzte analphabetische Bauernguerilla in Spanien galt oder für den Tiroler Provinztrottel Andreas Hofer und seiner hinterhältigen Hinterwaldguerilla zutraf. Einen provinziellen Charakter hätte man dem spezifisch chinesischen Warlordismus zusprechen können, aber diese Warlords entwickleten keine Guerilla – sie waren Armeefetischisten. Ausdrücklich warnt Mao vor einem Lokalpatriotismus der Guerilla. (Siehe: Mao tse tung, Fragen der Strategie des Partisanenkrieges gegen die japanischen Eindringlinge, Ausgewählte Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1957,127).

HEINZ AHLREIP, August 2013

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