Archive for April 2014

Millionen von Arbeitern nicht nur in Asien außer Brot – Folgen der Industrie 4.0

18. April 2014

In seiner Kritik an der Philosophie Feuerbachs weist Friedrich Engels auf die Selbsttäuschung der  Philosophen hin, zu glauben, allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorwärts gekommen zu sein. „Im Gegenteil. Was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,277). Descartes Tiermaschine, mit der er das Neuland eines technomorphen Organismus‘ betrat,  La Mettries biotechnischer Maschinenmensch, eine konsequente Weiterentwicklung des cartesianischen Gedankens, Leibnizens Monadologie, in der er darlegte, dass die Atome der Natur ein inneres Bewegungsprinzip haben, die Revolution durch Dampf, die der Mobilität der Industrie durch die erlangte Unabhängigkeit von natürlichen Kraftquellen einem enormen Aufschwung gab und den Marxismus hervorbrachte, die das Ende des klassischen Kapitalismus einläutende Konzentration der Produktion ab 1900, die den Leninismus hervorbrachte – alle diese Theoreme spiegeln nur entsprechende Fortschritte in der Entwicklung der Produktivkräfte, in der Geschichte der materiellen Produktion wider. Dabei wird dem mechanischen Materialismus, also dem adialektischen, den Hegel metaphysisch nannte, durchaus sein wissenschaftsgeschichtliches Recht eingeräumt. „Die Dinge mußten erst untersucht werden, ehe die Prozesse untersucht werden konnten“ (a.a.O.,294). Und auch in den Gesellschaftswissenschaften begriff man nicht gleich den wechselseitigen Zusammenhang der Elemente der materiellen Produktion, die die geistige bedingen. In der Wissenschaft darf nicht abstrakt verworfen werden. Würden die Materialisten den Idealismus pauschal verdammen, ginge eine Dialektik verloren, die uns in der klassischen deutschen, erheblich idealistisch ausgerichteten Philosophie von Hegel zu ihrer Gesetzesform entfaltet worden ist.  Die bürgerliche Aufklärung war fasziniert vom Automaten und sah entsprechend die Emanzipation des bürgerlichen Subjekts in der ihn eignenden Autonomie. Die Wurzel hatte Descartes gepflanzt, indem er Tieren eine Seele absprach, und La Mettries Maschinenmensch war endgültig unabhängig von okkulten Mächten. Der von Hegel manisch angerufene Weltgeist enthält die Beschwörungsformel, die Dinge qua dialektischem Denken in ihrem reziproken Übergang ineinander, also prozessual zu verstehen. Der Prozess ist das Ineinander und Auseinander seiner Momente zugleich, so wie uns schon Leibniz auf das allerdings immer noch göttliche  Durchwirktsein des Universums hinwies: „Und jeder Anteil der Materie kann als ein Garten voller Pflanzen und wie ein Teich voller Fische begriffen werden. Jeder Zweig der Pflanze,  jedes Glied des Lebewesens, jeder Tropfen seiner Säfte ist jedoch wiederum ein solcher Garten oder ein solcher Teich“. (Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2002,139).

Wir haben heute im 21. Jahrhundert als Kinder von Leibniz eine Entwicklungsstufe der materiellen Produktion erreicht, auf der durch eine Digitalisierung der Wirtschaft der Mensch als geistig überlegene Steuerungsinstanz von Produktionsprozessen sich selbst immer überflüssiger macht. Und diese fußt auf Leibniz, der in einer Zeit, in der die Wissenschaften von der Mechanik dominiert wurden und die Mathematik als Handwerk galt, die binäre Grundstruktur des Computers informationstechnologisch genial antizipierte. Die kühnsten Träume der utopischen Sozialisten, etwa Saint-Simon: der Mensch werde nur noch Produktionsprozesse leiten,  scheinen heute überboten werden zu können. Der Abstand zwischen dem Möglichen und Wirklichen wird immer kleiner. Es ist kein Zufall, dass der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg heute die Vision eines Internets für alle hat. Schon wird von der sich selbst organisierenden Fabrik (smart factory) gesprochen, von dezentralen sich selbst steuernden Produktionsprozessen (integrated industry), eine Entwicklung, die unter dem Kürzel „Industrie 4.0“ zusammengefasst wird, das ausdrücken soll, dass wir der vierten industriellen Revolution entgegengehen, und die in diesem Frühjahr auf der Hannover Messe, der größten Investitionsgütermesse der Welt,  im Vordergrund stand. Denn ihr Motto lautete: „Integrated Industry – next steps“. „Die IBG-Gruppe aus Neuenrade stellt gemeinsam mit den Roboterhersteller Kuka eine vollautomatische, mit Robotern bestückte Montagezelle für Elektrofahrzeuge vor. In dieser Zelle wird ohne Menschen ein Elektrofahrzeug gebaut … Siemens zeigt eine Pilotanlage für die Automobilproduktion mit automatischer Türmontage am Beispiel eines VW-Golf“ (Georg Giersberg, In der Fabrik der Zukunft, in: Frankfurter Allgemeine vom 7. April 2014,26).  Für das Kürzel „Industrie 4.0“ gibt es derzeit über dreißig Definitionen. Der Bitkom Bundesverband Informationswirtschaft Telekommunikation und Neue Medien versteht darunter „die echtzeitfähige, intelligente, horizontale und vertikale Vernetzung von Menschen, Maschinen, Objekten ind IT-Systemen zum dynamischen Management komplexer Systeme“ ( Georg Giersberg, Industrie 4.0 für Kaufleute und Juristen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14, April 2014,16). Schon können uns Computer nach anfänglicher Programmierung Musik komponieren und uns in phantastisch-bizarre Klanguniversen entführen, in denen musikalische Komplexitäten erreicht werden, die die  klassische Musik überschatten. Schon wird vom intuitiven Autofahren gesprochen, will sagen, dass der Mensch beim Autofahren immer mehr passiver wird und immer mehr Funktionen auf das Fahrzeug übergehen, das immer roboterhaftere Züge annimmt. Ein „Park for You“ – System ist entwickelt worden, bei dem der Fahrer am Eingang eines Parkplatzes aussteigen und per Smartphone den Befehl erteilen kann, dass das Auto von selbst den nächstfreien Parkplatz ansteuert und sich mit Hilfe von eingebauten Minikameras selbst einparkt, der Fahrer shoppt derweil. Der Abstand zu anderen parkenden Autos kann dabei gering sein, da niemand mehr aussteigt, was in Millionenmetropolen sicherlich ein nützlicher Raumgewinn ist. Die Mikrokamera verdrängt den Autospiegel

Der Mensch macht sich im produktiven Sektor immer überflüssiger, was allerdings die genuine Tendenz jedes technischen Fortschritts ist, der dadurch gekennzeichnet ist, dass er, nach Benjamin Franklin ohnehin a tool-making animal, immer komplexeres Werkzeug zwischen sich und die zu bearbeitende Natur schiebt, quasi die Kräfte der Natur „als lachender Dritter“ gegeneinander ausspielt. Schon kann der Gärtner den herkömmlichen Rasenmäher, an den er gebunden war und der beim Wenden seine Bandscheiben malträtierte, durch einen ebenerdig einzusetzbaren, wendigen  Rasenmähroboter ersetzen, der durch auf physikalische Signale reagierende Infrarotsensoren seine effektiven Arbeits- bzw. Bewegungsabläufe diktiert bekommt.

Die Produktionsforschung wird im Arbeitsprozess unter dem Aspekt der Vernetzung der einzelnen Produktionsabläufe und der einzelnen Produktionsanlagen unter Optimierung der Mensch-Maschine-Kooperation immer zentraler. Im kapitalistischen Produktionsprozess geht es dabei primär um die Senkung der Produktionskosten. Wenn in den Industriemetropolen drei, vier „Überwacher“ in einer vernetzten Fabrik ausreichen zur Herstellung des Endprodukts, so werden in den sogenannten Billiglohnländern, in denen derzeit nur mechanisch gearbeitet werden kann, Millionen aufs Pflaster geworfen. Man spricht bereits vom Zurückholen der Produktion, besonders aus Asien. Wie groß der Abstand zu den westlichen Industrieländern mittlerweile geworden ist, wird schon allein dadurch deutlich, dass im neokolonialen Zuckerbergschen Projekt „Internet.org“, das fünf Milliarden Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern ans Internet bringen will, der Schwerpunkt für diese Länder auf Wetterdaten liegt, weil sie landwirtschaftlich geprägt seien. Essentiell hat sich nichts geändert, seit Friedrich Engels 1847 in den „Grundsätzen des Kommunismus“ schrieb: „Es ist dahin gekommen, daß eine neue Maschine, die heute in England erfunden wird, binnen einem Jahr Millionen von Arbeitern in China außer Brot setzt“ (Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,367). Und nun stelle man sich einmal die  „Industrie 4.0“, die in Deutschland als führendem Land der Automatisierungsindustrie entwickelt worden ist, in praktischer Anwendung in einem sozialistischen China vor, was für kreative Potenzen könnten in den Milliarden Chinesen freigesetzt werden, die heute kräftezehrend unter Manchesterbedingungen malochen müssen. Aber nicht nur in Asien werden Millionen aufs Pflaster fliegen. Überall verdrängt der vor dem PC hockende und intelligente Netze (smart grids) austüfftelnde Softwareentwickler den wendigen Malocher. Aus der Geschichte der modernen Industrie ist hinlänglich bekannt, dass Automatisierungsschübe immer zur Arbeitslosigkeit großen Stils geführt haben. Eine us-amerikanische Studie geht davon aus, dass die Computerisierung der Arbeitswelt jeden zweiten Arbeitsplatz vernichtet – quasi durch einen Mouseklick.

Das Kapital liebäugelt heute mit jungen, computerversierten Menschen unter dreißig Jahren ohne jegliche kulturelle Bildung und ohne Allgemeinwissen. Und die Schulen und Universitäten werden unter das Joch der „Industrie 4.0“ gepfercht werden. „Die Hochschulen werden sich auf die Ausbildung von mehr Mechatronikstudenten einzustellen haben“. (Georg Giersberg, Industrie 4.0 für Kaufleute und Juristen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. April 2014,16). Friedhelm Loh, Inhaber der Loh-Gruppe (Rittal) und Präsident des Branchenverbandes ZVEI, fordert die Schulen auf, mehr für technische Bildung zu tun. „Wir brauchen junge Schulabgänger mit höherer und anderer Bildung“ (a.a.O.). Die Hochschulen folgen in der Regel immer den herrschenden Ideen einer Zeit, die die Ideen der Herrschenden sind. Im Fachbereich der Ökonomie gibt es zum Bespiel die intellektuelle Monokultur der neoklassischen Wirtschaftstheorie in Lehre und Forschung. Aufgrund ihrer sozialen Herkunft und ihrer Geldfixierung sind die Universitätsprofessoren bis auf wenige Ausnahmen unfähig, dem „intellektuellen Mainstream“ Widerstand zu leisten, gar gegen den Strom zu schwimmen.  Essentiell hat sich nichts geändert an der Feststellung von Karl Marx und Friedrich Engels, dass der Arbeiter im Kapitalismus „ein bloßes Zubehör der Maschine“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,468) wird. Es muß heute nur heißen: Zubehör zum Computer. Im Kapitalismus führt die technische Höherentwicklung auf der einen Seite zur Depravation und zur Verelendung der Mehrheit des Volkes und auf der anderen  zu unerhörtem Reichtum und Vulgarität einer verschwindenden Minderheit. Im Sozialismus wäre die Freisetzung der Menschen vom Produktionsprozess der Einstieg in ihre wissenschaftliche, kulturelle und  künstlerische Weiterentwicklung nicht als Individualisten, sondern auf kollektiver Basis. Die Affen, die zunächst auf allen Vieren krochen, wie haben sie sich seit ihrem aufrechten Gang, der die Hände erst schuf, entwickelt ? 1867 schrieb Friedrich Engels, dass die Hände einen so hohen Grad von Vollkommenheit erreicht haben, daß sie Paganinische Musik hervorzauber können. Welche kolossalen Produktivkräfte sind seitdem entstanden ! Und wieviel höher könnten sie stehen, wenn der Kapitalismus nicht ständig Produktivkräfte vernichten würde und dressierte Äffchen heranzüchtet, die vor den Monitoren hocken und keine Paganinische Musik mehr komponieren können.

Heinz Ahlreip, April 2014

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FLUGBLATT ZUM ERSTEN MAI 2014 von LENIN unser aller Lehrer

17. April 2014

                                               FLUGBLATT ZUM ERSTEN MAI

                                                 von LENIN  unser aller Lehrer

„Dass das menschliche Elend selbst, dass die unendliche Verworfenheit, welches das Almosen empfangen muß, der Aristokratie des Geldes und der Bildung zum Spiel, zur Befriedigung ihrer Selbstliebe, zum Kitzel ihres Übermuts, zum Amüsement dienen muß“.                                                                                                                                 Karl Marx, Friedrich Engels: Die Heilige Familie

Am 21. März 2014 fand im Freizeitheim des Hannoverschen Stadtteils Linden das XX. Wolfgang Abendroth Forum statt, dessen Thema die „Armut in Deutschland“ lautete. Die zahlreichen Besucher der Veranstaltung bestätigten, dass es sich um ein brennendes Problem des deutschen Volkes handelt. Professor Dr. Christoph Butterwegge aus Köln hielt einen Vortrag über: „Daten, Fakten, Analysen zur Armut in Deutschland“. Der Vortrag war sehr informativ, so dass sich an seinem Ende eine lebhafte Diskussionen ergab.

Professor Butterwegge wies auf eine zunehmende Infantilisierung der Armut in Deutschand hin. Während nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem alte Frauen von der Armut betroffen waren, sind es heute immer mehr Kinder. Immer häufiger können wir im Straßenbild Bettler und Bettlerinnen registrieren, die Pfandflaschen und auch verschämt nach Essensresten in Müllcontainern und  Papierkörben suchen. Der Anstieg der Armut habe Mitte der 90er Jahre begonnen, als der Markt den Staat in der Leitung der Gesellschaft übertrumpfte. Der Wegfall der DDR war nach Butterwegge wichtig für die Eröffnung des Krieges gegen den Sozialsstaat. Obwohl der Sozialstaat in der Verfassung verankert ist, wurde er systematisch zerstört. Aus der Tatsache, dass es in der sogenannten Dritten Welt eine andere Art von Armut gibt – eine harte – verdrängen wir die „milde“Armut in unserem eigenen Land. Diese Verdrängung findet in der Politik, in den Medien und in der Wissenschaft, insbesondere in der Soziologie, statt. Professor Butterwegge warf die Frage auf, ob Armut in einem reichen Land für die Betroffenen nicht entwürdigender sei als in einem armen. Die Altersarmut habe auch deshalb so krass zugenommen, weil viele Rentnerinnen und Rentner aus Scham keine Grundsicherung beantragen. Es hat sich in der BRD eine Leistungsideologie verfestigt, aus der heraus den Armen die Schuld für ihre Armut in die Schuhe geschoben wird. 1948, also noch vor der Gründung der BRD, konnte jeder 40 Reichsmark 1 : 1 in DM umtauschen – die einen hätten was daraus gemacht, die anderen versagt. Diese Ideologie läßt jedoch die Eigentumsfrage (Besitz von Produktionsmitteln, Immobilien) außen vor – 40 DM waren nicht für jeden 40 DM. Wie konnte es dazu kommen, dass der Aldi-Chef heute 17,2 Milliarden Euro besitzt ? Die Armut macht ihn noch reicher, denn die Armen müssen beim Discounter ihr Geld ausgeben. Der Professor kam am Ende seines Vortrages nach Überschlag zu der Feststellung, dass in der BRD 27, 6 Prozent der Bevölkerung als arm zu bezeichnen sind.

Das ist Sprenstoff genug und die sich anschließende Diskussion förderte Interessantes zutage. Gleich zu Beginn wurde der Armutsprofessor gefragt, was wir denn konkret gegen die Armut tun können und in der Tat ist das ja die zentrale Frage, sollten solche Veranstaltungen wie das Abendroth Forum einen Sinn haben. Die Armen, so seine Antwort, wären im Kern apathisch, wenn Bemühungen um Abmilderung der Kluft im Volk in Gang kommen sollten, so würde die Initiative dazu eher vom Mittelstand ausgehen – man solle sich informieren, sich organisieren, sich engagieren…usw. Das blieb alles denn recht schwammig und das sollte wohl auch so sein. Als ein Zuhörer konkret darauf hinwies, dass man in dem antagonistischen Widerspruch zwischen arm und reich die Rolle des Staatsapparates untersuchen müsse, denn erst am 28.  Januar 2014 hatte der BGH der Schufa attestiert, ihr Verfahren zur Ermittlung der Kreditwürdigkeit von Bundesbürgern nicht vor dem deutschen Volk offenlegen zu müssen (der sogenannte Scoring Wert bleibt ihr Geschäftsgeheimnis), und den Namen „Karl Marx“ ins Spiel brachte, der durch das BGH-Urteil recht bekäme, dass der bürgerliche Staat ein nationales Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit sei oder wenn man so will, ein nationales Kriegswerkzeug der Reichen gegen die Armen, und dass man einen Staat errichten müsse, der ein nationales Kriegswerkzeug der Arbeit gegen das Kapital, der Armen gegen die Reichen sein müsse, da ging das den Sozialdemokraten im Saal aber zu weit. Der Leiter der Diskussion, Reinhard Schwitzer, unterbrach den Vortragenden mit den Worten, dass sei ja alles bekannt und nahm den nächsten auf der Rednerliste dran. Auch der Zuruf aus dem Saal: „Der Mann hat Recht“ konnte ihm nicht zur Korrektur seiner Verletzung des Rechts auf freie Meinungsäußerung gebieten. Kaum wird die Frage nach der Vernichtung der Reichen, nach der Befreiung des deutschen Volkes vom Joch des Kapitals aufgeworfen, da wissen die Agenten der Volksunterdrücker, was sie zu tun haben: die deutsche Geschichte hat uns so viele Lektionen gegeben, so dass  auch hinlänglich bekannt ist: 

                                                      DIE SPD IST DER HANDLANGER UND SCHUTZPATRON DER REICHEN !!

Bereits 1891 sprach Friedrich Engels vom „sozialdemokratischen Philister“, der auf den Etatismus der deutschen Philosophie hereingefallen sei. Es waren Sozialdemokraten, die diese Formulierung in „deutsche Philister“ verfälschten. Entweder ist es immer wieder dieser sozialdemokratische Philister, der zum Totengräber der proletarischen Revolutionäre in Deutschland wird, oder diese werden zu Totengräbern dieses Philisters.

Das Schlusswort sprach Schwitzer: wir sollten darauf hinwirken, dass die Schere zwischen arm und reich nicht weiter auseinanderginge, sondern wieder mehr zusammenkomme. Die kapitalistische Ausbeutung wurde an diesem Abend nicht infrage gestellt, sondern als naturgegeben präsentiert.

„Die sozialistischen Bourgeois wollen die Lebensbedingungen der modernen Gesellschaft ohne die notwendig daraus hervorgehenden Kämpfe und Gefahren. Sie wollen die bestehende Gesellschaft mit Abzug der sie revolutionierenden und sie auflösenden Elemente“.                                                                   Karl Marx,  Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei


Die algorithmische Vernunft und der kalte Krieg

14. April 2014

Solange das sowjetische Imperium von Wladiwostok bis Helmstedt, das kapitalistische von Helmstedt bis San Franzisco reichte, war die Welt der Theorie noch in Ordnung, das dialektische Denken als Konflikt- und Widerspruchsprozess konnte sich bestätigt fühlen und jenseits des Atlantiks versuchten liberale Intellektuelle als Einzelkämpfer oder in Denkfabriken die Ost-West-Waagschale zugunsten der Sternenbannerfreiheit zu belasten. Die 45 Jahre nach 1945 hatten etwas Atemberaubendes in sich: dass nach der Megakatastrophe des zweiten Weltkrieges die an ihm Schuldigen erneut ein Menschheitsvernichtungspotential angetürmt hatten, das das des Weltkrieges um ein Vielfaches potenzierte, zugleich lastete diese Megakatastrophe mental in den Köpfen der in ihr Aufgewachsenen, die eine Kriegsbereitschaft nur schwer aufkommen ließ. Die recht starke Ohne-mich-Bewegung gegen die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht und der Antifaschismus in der BRD waren ihrem Grundgehalt nach Friedenspolitik. Trotz des höchstkriminellen, von der West-SPD geschützten  Vabanquespiel der kapitalistischen Rüstungsindustrie, in der sich die primitiven Typen der Endlösung wiederfanden,  und der in ihrem Brot stehenden bürgerlichen Wissenschaftler war die Zeit des sogenannten kalten Krieges eine der sichersten der Neuzeit, dem Kapital konnte es in diesem Zeitabschnitt nicht gelingen, einen weiteren Hitler zu finden, der politisch vabanque spielte, um das Patt zu kippen.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion musste das oberflächliche dialektische Denken in eine tiefe Krise stürzen, während das in der Tradition der Aufklärung stehende liberal-bürgerliche Denken einstweilen wie der ideologische Sieger über den Marxismus-Leninismus aussah. Dieses Denken fing an, von der sich nun endgültig durchsetzenden Weltvernunft zu schwärmen und verschmolz sich auf Grund der sich immer rasanter entwicklenden Informatik und Computertechnologie mit der radikal materialistischen Tradition der bürgerlichen Aufklärung französischer Provenienz, deren exponiertester Kopf der Arzt La Mettrie war, der den menschlichen Körper präkybernetisch als Maschine deutete. In der Tat trug das Denken der bürgerlichen Intellektuellen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eindeutig mechanistische Züge. In den USA ist 2013 ein Buch von Lorrain Daston u.a. erschienen mit dem Titel: „How Reason Almost Losts Its Mind“, The Strange Career  of Cold War Rationality (Universitiy of Chicago Press), in dem die spezifische Cold War Rationality vor- und dargestellt wird. Es war im Kern eine adialektische Vernunft, die Intellektuelle wie Herman Kahn, Oskar Morgenstern (einer der Väter der Spieltheorie) und der Ökonom Thomas Schelling, der diese Theorie auf die Weltpolitik anwandte, ausbreiteten.  Dieses Denken sank bis in die Niederungen des Infantilismus hinab, was Breitenwirkung versprach und diese us-amerikanischen Intellektuellen für den Nobelpreis prädestinierte. Das primitive Niveau dieser Denkweise wird zum Beispiel deutlich durch das „Chicken Race“ – dieses ist ein unter us-amerikanischen Jugendlichen aus dem bürgerlichen Establishment beliebtes waghalsiges „Spiel“, in dem zwei Autos aufeinander zurasen, bis der erste ausweicht. Herman Kahn, der führende Kopf der algorithmischen Ratio, fand das so aufschlußreich, dass er dieses Spiel auf den Ost-West-Konflikt übertrug. Es war das Dilemma dieser in Denkfabriken (Thinktanks 1.) des Kalten Krieges ghettoisierten Intelligentia, dass sie als Theoretiker teilweise bis ins Naive gehende Rezepte für die Politik ausbrütete, aus einer Befangenheit heraus, dass das Tun der Menschen aus ihrem Denken und nicht aus ihren Bedürfnissen zu erklären sei. Sie schaute aus ihrem Büro und sah zwei Autos aufeinanderzurasen, in das eine setzte sie den Generalsekretär der KPdSU ans Steuer, in dem anderen den Präsidenten der USA. Sie konnte nur ihre theoretischen Modelle shematisch auf den globalen Makrokonflikt in Anwendung bringen, ohne zu berücksichtigen, dass man zu seiner Aufschlüsselung auch historisch zurückgehen muss. Wenn wir im Rahmen des 20. Jahrhunderts bleiben, zumindestens bis auf das Jahr 1917 (Oktoberrevolution und Kriegseintritt der USA, der den Krieg endgültig zum globalen ausufern und den Sieg der Entente nur noch zu einer Frage der Zeit werden ließ und die imperialistischen Ansprüche der US-Bourgeoisie in Europa anmeldete). Der Psychologe Charles Osgood schreckte nicht davor zurück, den Menschen in anthropologischer Manier  wieder zum Troglodyten zurückzustufen: der kalte Krieg verdeutliche eine im Menschen tiefverwurzelte Höhlenmentaltät, die auf ein aggressives Grundverhalten schließen lasse. Ein Signum der us-amerikanischen Cold-War-Intelligentia war gerade, dass sie nicht auf eine dialektische Ratio rekurrierte, sondern auf eine mechanische und ihr somit entging, dass Hegel als Fazit dieser Entwicklungslinie der bürgerlichen Aufklärung eine Anleihe aus der Bibel nahm: das Salz der Erde sei dumm geworden. Sowohl die oberflächliche Dialektik – auch eine materialistische kann oberflächlich sein –  als auch die mechanische Denkweise wurden von dem klassenhistorisch bedingten Ende des kalten Krieges überrascht, erstere hielt historische Prozesse gemäß des Trugschlusses einer ständigen Höherentwicklung für unumkehrbar, ohne zu berücksichtigen, dass die Dialektik schon in ihrer Hegelschen Version im Kern ein hartes Motiv der Selbstzerstörung in sich birgt, nicht zufällig deutete Hegel den Rußlandfeldzug Napoleons als ein heroisches Beispiel, wie ein Genie sich selbst zerstört, letztere hatte bei all dem Durchspielen von Coldwarszenarien den Realausgang dieses Krieges nicht auf dem Monitor.2.

Der Zerfall der Sowjetunion ist zwar schmerzlich, aber welthistorisch kein so großer Beinbruch, dass er zur Resignation und Passivität führen müsste, „…denn zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig“. (Lenin, Über die Junius-Broschüre, Werke Band 22,315). Es ist weltgeschichtlich noch keinewegs ausgemacht, ob die bürgerliche Weltvernunft den Sieg über den Marxismus-Leninismus davongetragen hat. In der Tat: Gerade der Sieg der Konterrevolution zeigt nun, dass die Niederlage der Revolution nichts Endgültiges ist. Es ist deshalb keineswegs eine intellektuelle Entgleisung, wenn der weißgardistische Bürgerkriegsgeneral und Ex-BKA-Chef Horst Herold durch das Gewicht globaler Ausbeutungsexzesse zu der Einsicht gedrängt wird, dass das Ende des Kommunismus Probleme hinterlassen habe, die zu seiner Entstehung führten. 3. Wie Lenin einmal sagte: wir machen den Fehler: 2 x 2 ist 5, die Kapitalisten machen den Fehler: 2 x 2 = Staniolpapier.

1. In us-amerikanischen Lexika wird vermerkt: „A research organization developing plans and projects for government and defense-oriented industries“.

2. „Die Denker der Cold War Rationality haben das plötzliche Ende des Kalten Krieges nicht vorausgesehen, es traf sie überraschend. Das war der stärkste Beweis für die Grenzen beim Transfer einer algorithmischen Vernunft auf politische Konfliktlagen“. (Thomas Thiel, Als Dr. Seltsam einmal gegen Chrutschow spielte, Ein exzellenter Sammelband über die Zeit des Kalten Krieges zeigt, wie die Vernunft fast den Kopf verloren hätte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. April 2014).

3. Horst Herold, Die Lehren aus dem Terror, Süddeutsche Zeitung Nr. 116. 20./21. Mai 2000,9

 

War der erste Weltkrieg wirklich der erste ?

12. April 2014

 War der erste Weltkrieg wirklich der erste ?

Die Kriege der letzten  Jahrhunderte scheinen unter dem Schatten der sich sukzessive ergebenden Weltkriege des zwanzigsten zu stehen, aber der Begriff „Weltkrieg“ ist herläufig ohne nähere Konkretion verwendet worden. Aufzuwerfen ist die Frage, ab wann ist ein Krieg lokal, ab wann global ? Kann es nach der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals, nach ihrer Morgenröte der Völkermorde in Amerika, Afrika und Indien überhaupt noch einen lokalen Krieg geben ? Der Handelskrieg der europäischen Nationen habe bereits das „Erdrund als Schauplatz“ 1. gehabt. Seit diesem Handelskrieg, seit diesem in der Tat ersten Weltkrieg hat der Krieg über die napoleonischen, die zumindest totaleuropäisch waren und im Rußlandfeldzug 1812 kulminierten – cirka siebzig Prozent der „Grande Armee“ setzte sich aus Nichtfranzosen zusammen 2. – einen immer totalitäreren und internationalistischeren Charakter angenommen.

Ein auffallender Fehler insbesondere der deutschen Politiker kurz vor dem Ausbruch des sogenannten ersten Weltkrieges war die Illusion, der kommende, wohl unvermeidliche Krieg werde ein lokaler (ein österreich-serbischer), zudem ein kurzer sein. 3. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. gab dem österreichischen Kaiser Franz Joseph eine Blankovollmacht bezüglich Serbien, das zu verkleinern im Interesse Österreich-Ungarns lag – und das Verhängnis nahm seinen Lauf auch deshalb, weil die meisten Politiker noch in den Kategorien der Kabinettskriege und der Geheimdiplomatie dachten. Beim Handeln der Individuen, insbesondere in einer so komplexen Materie wie der Krieg, gar wie der imperialistische, kommt noch etwas anderes heraus, als sie sich in ihrem subjektiven Horizont ausmalen. Der konservative deutsche Kanzler Bethmann-Hollweg sagte 1918 zu Conrad Haußmann: „Dieser Krieg wühlt in mir. Ich frage mich immer wieder, ob er sich hätte vermeiden lassen, was ich hätte machen können…auch Deutschland hat eine große Mitschuld…in gewissem Sinne war es ein Präventivkrieg“. 4. Mitschuld ist ganz richtig, denn alle am Völkergemetzel beteiligten Nationen waren imperialistisch ausgerichtet und also auf Beute aus.

Im Jahre 1917 wurde dieser imperialistische Krieg nicht nur durch den Eintritt der USA zum endgültig globalen, mit der Oktoberrevolution zeichnete sich zugleich eine Kontur am Welthorizont ab, die durch ihre Friedensangebote nicht nur die gesamte imperialistische Welt herausforderte, sondern im 20. Jahrhundert zum entschiedenen Alternativentwurf gegen die globalimperialistischen Ansprüche der USA wurde. Wir Westeuropäer, die wir in diesem Spannungsfeld lebten, haben oft keinen ausreichenden Begriff davon, wie sehr die Oktoberrevolution gemäß ihrem Naturell auf die Kontinente der sogenannten unterentwickelten Länder ausstrahlte. 5. Offiziere der technisch hochgerüsteten Armeen sind auch heute noch nicht enthoben, sich mit den mit vergleichsweise primitiven Mitteln operierenden Guerilla aus sogenannten unterentwickelten Ländern theoretisch auseinanderzusetzen, denn dem militärisch weitaus Schwächeren steht stets die Kriegslist zu Gebote, aus der allemal was zu lernen ist. Zum Schlüsselgeneral des 20. Jahrhunderts wurde kein europäischer General, sondern Giap, der Bezwinger zweier westlicher Atommächte. Dass das kleine Vietnam Atomriesen in die Kniee zwingen könne, hielten die sogenannten Militärexperten für völlig absurd. Die Materie des Krieges ist glitschig insgesamt, sie rutscht auch erfahrenen Generälen und alten Experten ständig aus der Hand. Was für Kapriolen fanden zum Beispiel im ersten Weltkrieg statt, abgesehen davon, dass zum Beispiel der erste Giftgaseinsatz in der Kriegsgeschichte im April 1915 bei Ypern sich schließlich bei Westwind gegen die deutschen Urheber selbst richtete.

Im großen Rahmen dieses Krieges bleibt die Absurdität festzuhalten, dass die durch die technisch-industriellen Revolutionen ausgelöste Dynamisierung des gesamten gesellschaftlichen Lebens im ersten Weltkrieg ihr Gegenbild fanden: Kein Generalstab hatte (zu Recht) an einen Stellungskrieg gedacht. Das Moment der Überraschung lag hier beim Krieg selbst, der für beide Seiten qualvoll und abnutzend wurde. Um die Stellung zu halten, wurden Menschenmassen geopfert, mit denen man mehrere europäische Großstädte hätte gründen können. Vergleicht man den ersten Weltkrieg mit der dynamischen Kriegführung Napoleons, die Bewegungskriege par excellence enthielt, drängt sich der Gedanke förmlich auf, dass der Kapitalismus in seiner imperialen Phase in ein faulendes Patt geraten war. Zunächst im Westen (ab November 1914), dann auch im Osten (1915) nach der Schlacht von Lemberg fand man den Krieg festgefahren, der Frontgraben war zur festen Wohnsitzimmobilie des Soldaten geworden. 6. Der Luftkrieg wurde schon systematisch geführt, die Kavallerie war im Westen weitgehend zur Reserve entwertet, aber das Genie des Krieges trieb sich „sous terre“ herum. Einen „Marschall Vorwärts“ konnte dieser Krieg nicht hervorbringen. Die Handgranate wurde die wichtigste Waffe, da der feindliche Graben oft nur wenige Meter entfernt war. Das englische Heer war damit nicht gut bestückt und es kam in London zu einem regelrechten „Granatenskandal“. Die ganze Hirntätigkeit der Generalstäbe drehte sich um das Aufbrechen dieses Stellungskrieges. Der französische General Foch riet davon ab, dieses durch einen einzigen Großstoß zu versuchen, stattdessen favorisierte er guerrilaähnliche Einzelaktionen. In London tauchten immer wieder Überlegungen auf, sich vom Hauptkern des Krieges (Verdun) zu entfernen um – man war ja eine maritime Macht, der Truppentransporte durch das Mittelmeer leicht fielen – an den Randbezirken des Krieges (Balkan) entscheidend einzugreifen und damit auch Russland zu entlasten. Der deutsche Generalstab verfiel auf die Idee, Lenin nach Russland einzuschleusen, ohne sich überhaupt der Kolossalität dieser Idee bewußt zu sein.

1. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, 779

2. 130 000 deutsche Soldaten zählte man in den Reihen der „Großen Russlandarmee“, gnadenlos hatte der Empereur noch den kleinsten und ärmsten Staat herangezogen. Das winzige Fürstentum Schaumburg-Lippe, auf dessen Militärschule sein preußischer Gegenspieler Scharnhorst gegangen war, musste zum Beispiel eine Kompanie von 150 Soldaten stellen.

3. Die Luftwaffe war jetzt soweit, Bombardierungen vorzunehmen, Deutschland produzierte 1914 1.348 Flugzeuge (1918: 14.123), England nur 245. (1918: 32.036). In den USA wurden erst 1916 83 Flugzeuge gebaut, zwei Jahre später allerdings schon 11.950.

4. Vergleiche Hans Herzfeld, Der Erste Weltkrieg, dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 1, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1970,37

5. 1917 wurden in der russischen Landwirtschaft 4,2 Millionen Eisenpflüge registiert, neben 10 Millionen Holzpflügen. Die Versorgung der Städte mit Lebensmitteln war ungenügend. Hinzu kam als Folge des Krieges eine Inflation, die stellenweise bis zu einer siebenhundertprozentigen Preissteigerung führte. (Vergleiche Hans Herzfeld, Der Erste Weltkrieg, dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 1, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1970,215).

6. Erst als man im Berlin der Weimarer Republik wieder Wolf unter Wölfen war, schien der hektische Zeitrhythmus eingeholt.

 

 

Was die „Frankfurter Allgemeine“ unter kapitalistischer Ausbeutung versteht !

9. April 2014

1848 schrieben Karl Marx und Friedrich Engels im „Kommunistischen Manifest“, dass es im Interesse der Bourgeoisie  liege, dass die enorme Mehrzahl der Menschen zur Maschine  herangebildet werde. Am 7. April 2014, also 166 Jahre später liest man in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, dem Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, dass heute in der Arbeitswelt Mitarbeiter wie Maschinen behandelt werden. (Siehe: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Neue soziale Frage, alte asoziale Ausbeutung, Arbeitgeber entdecken gerade die Überwachung von Mitarbeitern. Wer schützt die Betroffenen vor Spionage ?) Die FAZ veranschaulicht das am Beispiel eines Außendienstmitarbeiters der Pharmaindustrie, der heute per Tablet-Computer vom Management lückenlos überwacht werden kann. Nicht nur, dass er auf diesem Computer Profile über Ärzte für eine Ärztelandkarte erstellt, von der diese gar nichts wüßten, der Computer führt zugleich ein Protokoll über die Einsatzaktivität des Außendienstmitarbeiters, dessen Leistungen so ständig überprüft werden können. Bleiben dessen Persönlichkeitsrechte noch gewahrt ? Wird die Grenze zur Privatsphäre überschritten ? Der Autor des FAZ-Artikels, Stefan Schulz, spricht von einer „Rasterfahndung im Alltag“. Besonders schutzlos seien die Jobsuchenden, die oft (auch unbewußt) einwilligen, völlig durchleuchtet zu werden. Schulz kommt in seinem Artikel zu dem Fazit, es gehe im 21. Jahrhundert wieder um alltägliche Ausbeutung.

Hierzu sind zwei Bemerkungen zu machen: Seit dem Aufkommen der großen Industrie, die die bürgerliche Gesellschaft in sogenannte Arbeitnehmer und sogenannte Arbeitgeber spaltete, ist die ununterbrochene Ausbeutung der ersteren durch die letzteren geschichtliche und aktuelle Tatsache. Computer sind in diesem Ausbeutungsverhältnis lediglich eine (neue) Technologie, die neben der technischen Effiziens dazu dient, den Ausbeutungsgrad zu erhöhen. Das Spezifische der kapitalistischen Ausbeutung kann denn auch nicht in der technischen Entwicklung der Produktionsmittel gesehen werden, selbst wenn der Staat durch ein Arbeitnehmerdatenschutzgesetz den sogenannten Arbeitnehmer vor Spionageübergriffen schützen würde – unter der schwarzgelben Regierung ist ein entsprechendes Gesetzesvorhaben versandet –  bliebe die kapitalistische Ausbeutung vor wie nach.

Seit Parmenides von Sonnenmädchen begleitet im Wagen ausfuhr, um von der Göttin unterwiesen zu werden, was Meinung, was Wahrheit ist, hat die Geschichte der menschlichen Erkenntnis wohl keinen wichtigeren Punkt geklärt als die Aufdeckung der Diskrepanz von bezahlter und unbezahlter Arbeit im modernen Lohnverhältnis. „Die Form des Arbeitslohns löscht also jede Spur der Teilung in bezahlte und unbezahlte Arbeit aus. Alle Arbeit erscheint als bezahlte Arbeit … Man begreift daher die entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Wert und Preis der Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohns oder in Wert und Preis der Arbeit selbst. Auf diese Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade das Gegenteil zeigt, beruhen alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie“. (Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,562). Die Abschaffung feudaler Privilegien durch die französischen Jakobiner im Jahre 1789 beinhaltete nicht die der Lohnsklaverei, im Gegenteil: der Mensch ist aus einem Sklaven des Privilegiums zu einem des Rechts geworden. Nicht durch von bürgerlichen Parlamenten erlassenen Gesetzen kann also die kapitalistische Ausbeutung aufgehoben werden, sondern allein durch einen kolossalen Klassenkampf gegen die sogenannten Arbeitgeber. Der Klassenkampf ist also primär politisch, nicht technologisch.  Erst mit der Aufhebung der Lohnarbeit durch die kollektik kämpfende Arbeiterklasse  beendigt sich die von Marx ausgearbeitete Lehre, der von keinen Sonnenmädchen und keinen Gottheiten auf seinem Weg begleitet wurde. Sein begabtester Sohn Edgar und zwei weitere Kinder starben des Hungers, nur drei Töchter kamen durch. Trotz aller komplexen Hochtechnologie bleibt die von Charles Fourier herrührende Festellung von Friedrich Engels in Kraft, dass der Naturzustand des Tieres als Gipfelpunkt der menschlichen Entwicklung erscheint.

ÜBER WISSEN UND GLAUBEN – Zum Artikel „Über Glauben und Wissen“ von Karl-Heinz Lechner im Rotfuchs Nr.4/2014

4. April 2014

Ohne Zweifel hat die europäische Aufklärung – insbesondere die französische – der Religion – insbesondere der christlichen – einen schweren Schlag versetzt. Hinter der Aufklärung stand das Verlangen der aufstrebenden bürgerlichen Klasse, die Natur unabhängig von Religion und Aberglauben zu beherrschen, und es war der Baron Holbach, der feststellte, dass sich die metaphysischen Begriffe relativ zum Stand der Naturbeherrschung verhalten. Die in ihrem Denken jenseits Orientierten (Metaphysiker, Religiöse, Idealisten…) verlieren an Aussagebedeutung, je mehr sich die Menschen mit den Wissenschaften – insbesondere den Naturwissenschaften – das Diesseits transparent machen, transparent bis hin zum Atheismus. Der große Irrtum der Metaphysiker bestand darin, zu behaupten, die Welt um so mehr zu erfassen, je mehr sie sich von ihr entfernten. Der Kern der aufklärerischen Säkularisierung besteht in der weltimmanenten Erklärung der Welt, so dass Feuerbach den Menschen zum höchsten Wesen des Menschen erklären konnte.

Nimmt man aber einmal die beiden theoretischen und politischen Hauptrepräsentanten der bürgerlichen Revolution – Rousseau und Robespierre – so nahmen beide eine grundsätzlich feindliche Haltung zum Atheismus ein. Offensichtlich ist die Stellung der Bourgeoisie zur Religion eine ambivalente. Sie war gegen die Religion als Stütze des Feudalismus, brauchte sie aber zugleich, wie Auguste Blanqui bemerkte, als Opium zur Betäubung der Völker. Letztendlich aber war es Karl Marx, der nachwies, dass die Priestertrugstheorie der Aufklärung, der auch Friedrich der II. von Preußen anhing, zu kurz greift. Pfaffen sind keine Dealer. Eine explizit antireligiöse Schrift wie Nietzsches „Antichrist“ gibt es  von Karl Marx nicht, er hielt sie nach Feuerbachs „Wesen des Christentums“ für überflüssig, da für ihn Feuerbach die Kritik der Religion zum Abschluß gebracht hatte. Die Marxsche Schlüsselstelle zur Religion findet sich im ersten Band des Kapitals im Kapitel über den Fetischcharakter der Ware, die es m. E. bei jeder Behandlung der religiösen Thematik heranzuziehen gilt.

Ohne Zweifel ist die Existenz der Religion Ausdruck einer primitiven Lebensform, Engels sprach in seiner Schrift über Ludwig Feuerbach von ihrer Entstehung in einer sehr waldursprünglichen Zeit aus waldursprünglichen Vorstellungen, aber zu fragen ist, ob wir uns nach der bürgerlichen Aufklärung nur vordergründig über die Religion erheben, ob nicht durch den Fetischcharakter der Ware die Religion eine festere Bastion in der bürgerlichen Gesellschaft hat wie in keiner anderen Gesellschaftsformation zuvor ? Karl- Heinz Lechner gebraucht in seinem Artikel im „Rotfuchs“ „Über Glauben und Wissen“ (4/2014,S.8) selbst die Formulierung „Markt der religiösen Möglichkeiten“, aber eine Auflockerung, eine   Pluralität der Religionen ändert nichts an der antihumanistischen Substanz der Religion schlechthin. Für Marx ist die adäquate Religion der Warenproduktion (Privatarbeiten werden auf gleiche menschliche Arbeit bezogen) das Christentum mit seinem Kult des abstrakten Menschen, insbesondere seine Luthersche Version und der Deismus. Nach Karl Marx ist eine Überwindung der Religion in der Warenbefangenheit ausgeschlossen, während eine Planwirtschaft für diese atheistische Emanzipation den geeigneten Boden abgibt und düngt. „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen“ (MEW 23,94). Deshalb stellt Karl-Heinz Lechner ganz richtig fest, dass es zur antireligiösen Emanzipation auch immer wieder gegenläufige Bewegungen gibt, die die Säkularisierungstheorie eben nicht erklären kann. Nach den Prozessen der Modernisierung dürfte es rückläufige Bewegungen gar nicht geben. In einer technisch-industriell so hochentwickelten Gesellschaft wie den USA feiert der religiöse Aberwitz medial rund um die Uhr seine ekelhaften Orgien, die Pfaffen hüpfen  zur Rock’n Roll Music auf den Pianos herum.  Und dieses wird andauern, solange der Profit die Menschen beherrscht. Auch in der Bundesrepublik Deutschland herrscht auf dem Gebiet der Ideologie notgedrungen das Mittelalter, die Tore der Schulen sind für die christlichen Talibans weit geöffnet, damit sie sich mit ihrem die wissenschaftliche Substanz zersetzenden Gift an Minderjährige heranmachen, damit diese ihr Knie vor der Knute des Kapitals beugen. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat in einem Urteil vom 16. April 2014  hervorgehoben, dass das Grundgesetz garantiere und schütze den Religionsunterricht „in besonderem Maße“ (Az 6 C 11.13). Es hat sich nichts geändert seit 1848, seit dem Kommunistischen Manifest, in dem Marx und Engels schrieben, dass die bürgerliche Bildung darin besteht, junge Menschen zu Maschinen haranzubilden, (MEW 4,477). Maschinen für den kapitalistischen Profit, ohne wissenschaftlichen Sozialismus im Kopf. In der Frankfurter Allgemeinen, dem Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, darf sich ein Professor Marco Schöller am 10. April 2014  ausbreiten, die islamische Theologie stelle eine Bereicherung für deutsche Universitäten dar (S.6). Schöller ist Professor für Islamwissenschaft an der Universität Münster, die islamische Theologie stellt also vor allem eine Quelle der Bereicherung für ihn dar.