ÜBER WISSEN UND GLAUBEN – Zum Artikel „Über Glauben und Wissen“ von Karl-Heinz Lechner im Rotfuchs Nr.4/2014

Ohne Zweifel hat die europäische Aufklärung – insbesondere die französische – der Religion – insbesondere der christlichen – einen schweren Schlag versetzt. Hinter der Aufklärung stand das Verlangen der aufstrebenden bürgerlichen Klasse, die Natur unabhängig von Religion und Aberglauben zu beherrschen, und es war der Baron Holbach, der feststellte, dass sich die metaphysischen Begriffe relativ zum Stand der Naturbeherrschung verhalten. Die in ihrem Denken jenseits Orientierten (Metaphysiker, Religiöse, Idealisten…) verlieren an Aussagebedeutung, je mehr sich die Menschen mit den Wissenschaften – insbesondere den Naturwissenschaften – das Diesseits transparent machen, transparent bis hin zum Atheismus. Der große Irrtum der Metaphysiker bestand darin, zu behaupten, die Welt um so mehr zu erfassen, je mehr sie sich von ihr entfernten. Der Kern der aufklärerischen Säkularisierung besteht in der weltimmanenten Erklärung der Welt, so dass Feuerbach den Menschen zum höchsten Wesen des Menschen erklären konnte.

Nimmt man aber einmal die beiden theoretischen und politischen Hauptrepräsentanten der bürgerlichen Revolution – Rousseau und Robespierre – so nahmen beide eine grundsätzlich feindliche Haltung zum Atheismus ein. Offensichtlich ist die Stellung der Bourgeoisie zur Religion eine ambivalente. Sie war gegen die Religion als Stütze des Feudalismus, brauchte sie aber zugleich, wie Auguste Blanqui bemerkte, als Opium zur Betäubung der Völker. Letztendlich aber war es Karl Marx, der nachwies, dass die Priestertrugstheorie der Aufklärung, der auch Friedrich der II. von Preußen anhing, zu kurz greift. Pfaffen sind keine Dealer. Eine explizit antireligiöse Schrift wie Nietzsches „Antichrist“ gibt es  von Karl Marx nicht, er hielt sie nach Feuerbachs „Wesen des Christentums“ für überflüssig, da für ihn Feuerbach die Kritik der Religion zum Abschluß gebracht hatte. Die Marxsche Schlüsselstelle zur Religion findet sich im ersten Band des Kapitals im Kapitel über den Fetischcharakter der Ware, die es m. E. bei jeder Behandlung der religiösen Thematik heranzuziehen gilt.

Ohne Zweifel ist die Existenz der Religion Ausdruck einer primitiven Lebensform, Engels sprach in seiner Schrift über Ludwig Feuerbach von ihrer Entstehung in einer sehr waldursprünglichen Zeit aus waldursprünglichen Vorstellungen, aber zu fragen ist, ob wir uns nach der bürgerlichen Aufklärung nur vordergründig über die Religion erheben, ob nicht durch den Fetischcharakter der Ware die Religion eine festere Bastion in der bürgerlichen Gesellschaft hat wie in keiner anderen Gesellschaftsformation zuvor ? Karl- Heinz Lechner gebraucht in seinem Artikel im „Rotfuchs“ „Über Glauben und Wissen“ (4/2014,S.8) selbst die Formulierung „Markt der religiösen Möglichkeiten“, aber eine Auflockerung, eine   Pluralität der Religionen ändert nichts an der antihumanistischen Substanz der Religion schlechthin. Für Marx ist die adäquate Religion der Warenproduktion (Privatarbeiten werden auf gleiche menschliche Arbeit bezogen) das Christentum mit seinem Kult des abstrakten Menschen, insbesondere seine Luthersche Version und der Deismus. Nach Karl Marx ist eine Überwindung der Religion in der Warenbefangenheit ausgeschlossen, während eine Planwirtschaft für diese atheistische Emanzipation den geeigneten Boden abgibt und düngt. „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen“ (MEW 23,94). Deshalb stellt Karl-Heinz Lechner ganz richtig fest, dass es zur antireligiösen Emanzipation auch immer wieder gegenläufige Bewegungen gibt, die die Säkularisierungstheorie eben nicht erklären kann. Nach den Prozessen der Modernisierung dürfte es rückläufige Bewegungen gar nicht geben. In einer technisch-industriell so hochentwickelten Gesellschaft wie den USA feiert der religiöse Aberwitz medial rund um die Uhr seine ekelhaften Orgien, die Pfaffen hüpfen  zur Rock’n Roll Music auf den Pianos herum.  Und dieses wird andauern, solange der Profit die Menschen beherrscht. Auch in der Bundesrepublik Deutschland herrscht auf dem Gebiet der Ideologie notgedrungen das Mittelalter, die Tore der Schulen sind für die christlichen Talibans weit geöffnet, damit sie sich mit ihrem die wissenschaftliche Substanz zersetzenden Gift an Minderjährige heranmachen, damit diese ihr Knie vor der Knute des Kapitals beugen. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat in einem Urteil vom 16. April 2014  hervorgehoben, dass das Grundgesetz garantiere und schütze den Religionsunterricht „in besonderem Maße“ (Az 6 C 11.13). Es hat sich nichts geändert seit 1848, seit dem Kommunistischen Manifest, in dem Marx und Engels schrieben, dass die bürgerliche Bildung darin besteht, junge Menschen zu Maschinen haranzubilden, (MEW 4,477). Maschinen für den kapitalistischen Profit, ohne wissenschaftlichen Sozialismus im Kopf. In der Frankfurter Allgemeinen, dem Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, darf sich ein Professor Marco Schöller am 10. April 2014  ausbreiten, die islamische Theologie stelle eine Bereicherung für deutsche Universitäten dar (S.6). Schöller ist Professor für Islamwissenschaft an der Universität Münster, die islamische Theologie stellt also vor allem eine Quelle der Bereicherung für ihn dar.

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