War der erste Weltkrieg wirklich der erste ?

 War der erste Weltkrieg wirklich der erste ?

Die Kriege der letzten  Jahrhunderte scheinen unter dem Schatten der sich sukzessive ergebenden Weltkriege des zwanzigsten zu stehen, aber der Begriff „Weltkrieg“ ist herläufig ohne nähere Konkretion verwendet worden. Aufzuwerfen ist die Frage, ab wann ist ein Krieg lokal, ab wann global ? Kann es nach der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals, nach ihrer Morgenröte der Völkermorde in Amerika, Afrika und Indien überhaupt noch einen lokalen Krieg geben ? Der Handelskrieg der europäischen Nationen habe bereits das „Erdrund als Schauplatz“ 1. gehabt. Seit diesem Handelskrieg, seit diesem in der Tat ersten Weltkrieg hat der Krieg über die napoleonischen, die zumindest totaleuropäisch waren und im Rußlandfeldzug 1812 kulminierten – cirka siebzig Prozent der „Grande Armee“ setzte sich aus Nichtfranzosen zusammen 2. – einen immer totalitäreren und internationalistischeren Charakter angenommen.

Ein auffallender Fehler insbesondere der deutschen Politiker kurz vor dem Ausbruch des sogenannten ersten Weltkrieges war die Illusion, der kommende, wohl unvermeidliche Krieg werde ein lokaler (ein österreich-serbischer), zudem ein kurzer sein. 3. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. gab dem österreichischen Kaiser Franz Joseph eine Blankovollmacht bezüglich Serbien, das zu verkleinern im Interesse Österreich-Ungarns lag – und das Verhängnis nahm seinen Lauf auch deshalb, weil die meisten Politiker noch in den Kategorien der Kabinettskriege und der Geheimdiplomatie dachten. Beim Handeln der Individuen, insbesondere in einer so komplexen Materie wie der Krieg, gar wie der imperialistische, kommt noch etwas anderes heraus, als sie sich in ihrem subjektiven Horizont ausmalen. Der konservative deutsche Kanzler Bethmann-Hollweg sagte 1918 zu Conrad Haußmann: „Dieser Krieg wühlt in mir. Ich frage mich immer wieder, ob er sich hätte vermeiden lassen, was ich hätte machen können…auch Deutschland hat eine große Mitschuld…in gewissem Sinne war es ein Präventivkrieg“. 4. Mitschuld ist ganz richtig, denn alle am Völkergemetzel beteiligten Nationen waren imperialistisch ausgerichtet und also auf Beute aus.

Im Jahre 1917 wurde dieser imperialistische Krieg nicht nur durch den Eintritt der USA zum endgültig globalen, mit der Oktoberrevolution zeichnete sich zugleich eine Kontur am Welthorizont ab, die durch ihre Friedensangebote nicht nur die gesamte imperialistische Welt herausforderte, sondern im 20. Jahrhundert zum entschiedenen Alternativentwurf gegen die globalimperialistischen Ansprüche der USA wurde. Wir Westeuropäer, die wir in diesem Spannungsfeld lebten, haben oft keinen ausreichenden Begriff davon, wie sehr die Oktoberrevolution gemäß ihrem Naturell auf die Kontinente der sogenannten unterentwickelten Länder ausstrahlte. 5. Offiziere der technisch hochgerüsteten Armeen sind auch heute noch nicht enthoben, sich mit den mit vergleichsweise primitiven Mitteln operierenden Guerilla aus sogenannten unterentwickelten Ländern theoretisch auseinanderzusetzen, denn dem militärisch weitaus Schwächeren steht stets die Kriegslist zu Gebote, aus der allemal was zu lernen ist. Zum Schlüsselgeneral des 20. Jahrhunderts wurde kein europäischer General, sondern Giap, der Bezwinger zweier westlicher Atommächte. Dass das kleine Vietnam Atomriesen in die Kniee zwingen könne, hielten die sogenannten Militärexperten für völlig absurd. Die Materie des Krieges ist glitschig insgesamt, sie rutscht auch erfahrenen Generälen und alten Experten ständig aus der Hand. Was für Kapriolen fanden zum Beispiel im ersten Weltkrieg statt, abgesehen davon, dass zum Beispiel der erste Giftgaseinsatz in der Kriegsgeschichte im April 1915 bei Ypern sich schließlich bei Westwind gegen die deutschen Urheber selbst richtete.

Im großen Rahmen dieses Krieges bleibt die Absurdität festzuhalten, dass die durch die technisch-industriellen Revolutionen ausgelöste Dynamisierung des gesamten gesellschaftlichen Lebens im ersten Weltkrieg ihr Gegenbild fanden: Kein Generalstab hatte (zu Recht) an einen Stellungskrieg gedacht. Das Moment der Überraschung lag hier beim Krieg selbst, der für beide Seiten qualvoll und abnutzend wurde. Um die Stellung zu halten, wurden Menschenmassen geopfert, mit denen man mehrere europäische Großstädte hätte gründen können. Vergleicht man den ersten Weltkrieg mit der dynamischen Kriegführung Napoleons, die Bewegungskriege par excellence enthielt, drängt sich der Gedanke förmlich auf, dass der Kapitalismus in seiner imperialen Phase in ein faulendes Patt geraten war. Zunächst im Westen (ab November 1914), dann auch im Osten (1915) nach der Schlacht von Lemberg fand man den Krieg festgefahren, der Frontgraben war zur festen Wohnsitzimmobilie des Soldaten geworden. 6. Der Luftkrieg wurde schon systematisch geführt, die Kavallerie war im Westen weitgehend zur Reserve entwertet, aber das Genie des Krieges trieb sich „sous terre“ herum. Einen „Marschall Vorwärts“ konnte dieser Krieg nicht hervorbringen. Die Handgranate wurde die wichtigste Waffe, da der feindliche Graben oft nur wenige Meter entfernt war. Das englische Heer war damit nicht gut bestückt und es kam in London zu einem regelrechten „Granatenskandal“. Die ganze Hirntätigkeit der Generalstäbe drehte sich um das Aufbrechen dieses Stellungskrieges. Der französische General Foch riet davon ab, dieses durch einen einzigen Großstoß zu versuchen, stattdessen favorisierte er guerrilaähnliche Einzelaktionen. In London tauchten immer wieder Überlegungen auf, sich vom Hauptkern des Krieges (Verdun) zu entfernen um – man war ja eine maritime Macht, der Truppentransporte durch das Mittelmeer leicht fielen – an den Randbezirken des Krieges (Balkan) entscheidend einzugreifen und damit auch Russland zu entlasten. Der deutsche Generalstab verfiel auf die Idee, Lenin nach Russland einzuschleusen, ohne sich überhaupt der Kolossalität dieser Idee bewußt zu sein.

1. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, 779

2. 130 000 deutsche Soldaten zählte man in den Reihen der „Großen Russlandarmee“, gnadenlos hatte der Empereur noch den kleinsten und ärmsten Staat herangezogen. Das winzige Fürstentum Schaumburg-Lippe, auf dessen Militärschule sein preußischer Gegenspieler Scharnhorst gegangen war, musste zum Beispiel eine Kompanie von 150 Soldaten stellen.

3. Die Luftwaffe war jetzt soweit, Bombardierungen vorzunehmen, Deutschland produzierte 1914 1.348 Flugzeuge (1918: 14.123), England nur 245. (1918: 32.036). In den USA wurden erst 1916 83 Flugzeuge gebaut, zwei Jahre später allerdings schon 11.950.

4. Vergleiche Hans Herzfeld, Der Erste Weltkrieg, dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 1, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1970,37

5. 1917 wurden in der russischen Landwirtschaft 4,2 Millionen Eisenpflüge registiert, neben 10 Millionen Holzpflügen. Die Versorgung der Städte mit Lebensmitteln war ungenügend. Hinzu kam als Folge des Krieges eine Inflation, die stellenweise bis zu einer siebenhundertprozentigen Preissteigerung führte. (Vergleiche Hans Herzfeld, Der Erste Weltkrieg, dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 1, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1970,215).

6. Erst als man im Berlin der Weimarer Republik wieder Wolf unter Wölfen war, schien der hektische Zeitrhythmus eingeholt.

 

 

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