Die algorithmische Vernunft und der kalte Krieg

Solange das sowjetische Imperium von Wladiwostok bis Helmstedt, das kapitalistische von Helmstedt bis San Franzisco reichte, war die Welt der Theorie noch in Ordnung, das dialektische Denken als Konflikt- und Widerspruchsprozess konnte sich bestätigt fühlen und jenseits des Atlantiks versuchten liberale Intellektuelle als Einzelkämpfer oder in Denkfabriken die Ost-West-Waagschale zugunsten der Sternenbannerfreiheit zu belasten. Die 45 Jahre nach 1945 hatten etwas Atemberaubendes in sich: dass nach der Megakatastrophe des zweiten Weltkrieges die an ihm Schuldigen erneut ein Menschheitsvernichtungspotential angetürmt hatten, das das des Weltkrieges um ein Vielfaches potenzierte, zugleich lastete diese Megakatastrophe mental in den Köpfen der in ihr Aufgewachsenen, die eine Kriegsbereitschaft nur schwer aufkommen ließ. Die recht starke Ohne-mich-Bewegung gegen die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht und der Antifaschismus in der BRD waren ihrem Grundgehalt nach Friedenspolitik. Trotz des höchstkriminellen, von der West-SPD geschützten  Vabanquespiel der kapitalistischen Rüstungsindustrie, in der sich die primitiven Typen der Endlösung wiederfanden,  und der in ihrem Brot stehenden bürgerlichen Wissenschaftler war die Zeit des sogenannten kalten Krieges eine der sichersten der Neuzeit, dem Kapital konnte es in diesem Zeitabschnitt nicht gelingen, einen weiteren Hitler zu finden, der politisch vabanque spielte, um das Patt zu kippen.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion musste das oberflächliche dialektische Denken in eine tiefe Krise stürzen, während das in der Tradition der Aufklärung stehende liberal-bürgerliche Denken einstweilen wie der ideologische Sieger über den Marxismus-Leninismus aussah. Dieses Denken fing an, von der sich nun endgültig durchsetzenden Weltvernunft zu schwärmen und verschmolz sich auf Grund der sich immer rasanter entwicklenden Informatik und Computertechnologie mit der radikal materialistischen Tradition der bürgerlichen Aufklärung französischer Provenienz, deren exponiertester Kopf der Arzt La Mettrie war, der den menschlichen Körper präkybernetisch als Maschine deutete. In der Tat trug das Denken der bürgerlichen Intellektuellen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eindeutig mechanistische Züge. In den USA ist 2013 ein Buch von Lorrain Daston u.a. erschienen mit dem Titel: „How Reason Almost Losts Its Mind“, The Strange Career  of Cold War Rationality (Universitiy of Chicago Press), in dem die spezifische Cold War Rationality vor- und dargestellt wird. Es war im Kern eine adialektische Vernunft, die Intellektuelle wie Herman Kahn, Oskar Morgenstern (einer der Väter der Spieltheorie) und der Ökonom Thomas Schelling, der diese Theorie auf die Weltpolitik anwandte, ausbreiteten.  Dieses Denken sank bis in die Niederungen des Infantilismus hinab, was Breitenwirkung versprach und diese us-amerikanischen Intellektuellen für den Nobelpreis prädestinierte. Das primitive Niveau dieser Denkweise wird zum Beispiel deutlich durch das „Chicken Race“ – dieses ist ein unter us-amerikanischen Jugendlichen aus dem bürgerlichen Establishment beliebtes waghalsiges „Spiel“, in dem zwei Autos aufeinander zurasen, bis der erste ausweicht. Herman Kahn, der führende Kopf der algorithmischen Ratio, fand das so aufschlußreich, dass er dieses Spiel auf den Ost-West-Konflikt übertrug. Es war das Dilemma dieser in Denkfabriken (Thinktanks 1.) des Kalten Krieges ghettoisierten Intelligentia, dass sie als Theoretiker teilweise bis ins Naive gehende Rezepte für die Politik ausbrütete, aus einer Befangenheit heraus, dass das Tun der Menschen aus ihrem Denken und nicht aus ihren Bedürfnissen zu erklären sei. Sie schaute aus ihrem Büro und sah zwei Autos aufeinanderzurasen, in das eine setzte sie den Generalsekretär der KPdSU ans Steuer, in dem anderen den Präsidenten der USA. Sie konnte nur ihre theoretischen Modelle shematisch auf den globalen Makrokonflikt in Anwendung bringen, ohne zu berücksichtigen, dass man zu seiner Aufschlüsselung auch historisch zurückgehen muss. Wenn wir im Rahmen des 20. Jahrhunderts bleiben, zumindestens bis auf das Jahr 1917 (Oktoberrevolution und Kriegseintritt der USA, der den Krieg endgültig zum globalen ausufern und den Sieg der Entente nur noch zu einer Frage der Zeit werden ließ und die imperialistischen Ansprüche der US-Bourgeoisie in Europa anmeldete). Der Psychologe Charles Osgood schreckte nicht davor zurück, den Menschen in anthropologischer Manier  wieder zum Troglodyten zurückzustufen: der kalte Krieg verdeutliche eine im Menschen tiefverwurzelte Höhlenmentaltät, die auf ein aggressives Grundverhalten schließen lasse. Ein Signum der us-amerikanischen Cold-War-Intelligentia war gerade, dass sie nicht auf eine dialektische Ratio rekurrierte, sondern auf eine mechanische und ihr somit entging, dass Hegel als Fazit dieser Entwicklungslinie der bürgerlichen Aufklärung eine Anleihe aus der Bibel nahm: das Salz der Erde sei dumm geworden. Sowohl die oberflächliche Dialektik – auch eine materialistische kann oberflächlich sein –  als auch die mechanische Denkweise wurden von dem klassenhistorisch bedingten Ende des kalten Krieges überrascht, erstere hielt historische Prozesse gemäß des Trugschlusses einer ständigen Höherentwicklung für unumkehrbar, ohne zu berücksichtigen, dass die Dialektik schon in ihrer Hegelschen Version im Kern ein hartes Motiv der Selbstzerstörung in sich birgt, nicht zufällig deutete Hegel den Rußlandfeldzug Napoleons als ein heroisches Beispiel, wie ein Genie sich selbst zerstört, letztere hatte bei all dem Durchspielen von Coldwarszenarien den Realausgang dieses Krieges nicht auf dem Monitor.2.

Der Zerfall der Sowjetunion ist zwar schmerzlich, aber welthistorisch kein so großer Beinbruch, dass er zur Resignation und Passivität führen müsste, „…denn zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig“. (Lenin, Über die Junius-Broschüre, Werke Band 22,315). Es ist weltgeschichtlich noch keinewegs ausgemacht, ob die bürgerliche Weltvernunft den Sieg über den Marxismus-Leninismus davongetragen hat. In der Tat: Gerade der Sieg der Konterrevolution zeigt nun, dass die Niederlage der Revolution nichts Endgültiges ist. Es ist deshalb keineswegs eine intellektuelle Entgleisung, wenn der weißgardistische Bürgerkriegsgeneral und Ex-BKA-Chef Horst Herold durch das Gewicht globaler Ausbeutungsexzesse zu der Einsicht gedrängt wird, dass das Ende des Kommunismus Probleme hinterlassen habe, die zu seiner Entstehung führten. 3. Wie Lenin einmal sagte: wir machen den Fehler: 2 x 2 ist 5, die Kapitalisten machen den Fehler: 2 x 2 = Staniolpapier.

1. In us-amerikanischen Lexika wird vermerkt: „A research organization developing plans and projects for government and defense-oriented industries“.

2. „Die Denker der Cold War Rationality haben das plötzliche Ende des Kalten Krieges nicht vorausgesehen, es traf sie überraschend. Das war der stärkste Beweis für die Grenzen beim Transfer einer algorithmischen Vernunft auf politische Konfliktlagen“. (Thomas Thiel, Als Dr. Seltsam einmal gegen Chrutschow spielte, Ein exzellenter Sammelband über die Zeit des Kalten Krieges zeigt, wie die Vernunft fast den Kopf verloren hätte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. April 2014).

3. Horst Herold, Die Lehren aus dem Terror, Süddeutsche Zeitung Nr. 116. 20./21. Mai 2000,9

 

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