Millionen von Arbeitern nicht nur in Asien außer Brot – Folgen der Industrie 4.0

In seiner Kritik an der Philosophie Feuerbachs weist Friedrich Engels auf die Selbsttäuschung der  Philosophen hin, zu glauben, allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorwärts gekommen zu sein. „Im Gegenteil. Was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,277). Descartes Tiermaschine, mit der er das Neuland eines technomorphen Organismus‘ betrat,  La Mettries biotechnischer Maschinenmensch, eine konsequente Weiterentwicklung des cartesianischen Gedankens, Leibnizens Monadologie, in der er darlegte, dass die Atome der Natur ein inneres Bewegungsprinzip haben, die Revolution durch Dampf, die der Mobilität der Industrie durch die erlangte Unabhängigkeit von natürlichen Kraftquellen einem enormen Aufschwung gab und den Marxismus hervorbrachte, die das Ende des klassischen Kapitalismus einläutende Konzentration der Produktion ab 1900, die den Leninismus hervorbrachte – alle diese Theoreme spiegeln nur entsprechende Fortschritte in der Entwicklung der Produktivkräfte, in der Geschichte der materiellen Produktion wider. Dabei wird dem mechanischen Materialismus, also dem adialektischen, den Hegel metaphysisch nannte, durchaus sein wissenschaftsgeschichtliches Recht eingeräumt. „Die Dinge mußten erst untersucht werden, ehe die Prozesse untersucht werden konnten“ (a.a.O.,294). Und auch in den Gesellschaftswissenschaften begriff man nicht gleich den wechselseitigen Zusammenhang der Elemente der materiellen Produktion, die die geistige bedingen. In der Wissenschaft darf nicht abstrakt verworfen werden. Würden die Materialisten den Idealismus pauschal verdammen, ginge eine Dialektik verloren, die uns in der klassischen deutschen, erheblich idealistisch ausgerichteten Philosophie von Hegel zu ihrer Gesetzesform entfaltet worden ist.  Die bürgerliche Aufklärung war fasziniert vom Automaten und sah entsprechend die Emanzipation des bürgerlichen Subjekts in der ihn eignenden Autonomie. Die Wurzel hatte Descartes gepflanzt, indem er Tieren eine Seele absprach, und La Mettries Maschinenmensch war endgültig unabhängig von okkulten Mächten. Der von Hegel manisch angerufene Weltgeist enthält die Beschwörungsformel, die Dinge qua dialektischem Denken in ihrem reziproken Übergang ineinander, also prozessual zu verstehen. Der Prozess ist das Ineinander und Auseinander seiner Momente zugleich, so wie uns schon Leibniz auf das allerdings immer noch göttliche  Durchwirktsein des Universums hinwies: „Und jeder Anteil der Materie kann als ein Garten voller Pflanzen und wie ein Teich voller Fische begriffen werden. Jeder Zweig der Pflanze,  jedes Glied des Lebewesens, jeder Tropfen seiner Säfte ist jedoch wiederum ein solcher Garten oder ein solcher Teich“. (Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2002,139).

Wir haben heute im 21. Jahrhundert als Kinder von Leibniz eine Entwicklungsstufe der materiellen Produktion erreicht, auf der durch eine Digitalisierung der Wirtschaft der Mensch als geistig überlegene Steuerungsinstanz von Produktionsprozessen sich selbst immer überflüssiger macht. Und diese fußt auf Leibniz, der in einer Zeit, in der die Wissenschaften von der Mechanik dominiert wurden und die Mathematik als Handwerk galt, die binäre Grundstruktur des Computers informationstechnologisch genial antizipierte. Die kühnsten Träume der utopischen Sozialisten, etwa Saint-Simon: der Mensch werde nur noch Produktionsprozesse leiten,  scheinen heute überboten werden zu können. Der Abstand zwischen dem Möglichen und Wirklichen wird immer kleiner. Es ist kein Zufall, dass der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg heute die Vision eines Internets für alle hat. Schon wird von der sich selbst organisierenden Fabrik (smart factory) gesprochen, von dezentralen sich selbst steuernden Produktionsprozessen (integrated industry), eine Entwicklung, die unter dem Kürzel „Industrie 4.0“ zusammengefasst wird, das ausdrücken soll, dass wir der vierten industriellen Revolution entgegengehen, und die in diesem Frühjahr auf der Hannover Messe, der größten Investitionsgütermesse der Welt,  im Vordergrund stand. Denn ihr Motto lautete: „Integrated Industry – next steps“. „Die IBG-Gruppe aus Neuenrade stellt gemeinsam mit den Roboterhersteller Kuka eine vollautomatische, mit Robotern bestückte Montagezelle für Elektrofahrzeuge vor. In dieser Zelle wird ohne Menschen ein Elektrofahrzeug gebaut … Siemens zeigt eine Pilotanlage für die Automobilproduktion mit automatischer Türmontage am Beispiel eines VW-Golf“ (Georg Giersberg, In der Fabrik der Zukunft, in: Frankfurter Allgemeine vom 7. April 2014,26).  Für das Kürzel „Industrie 4.0“ gibt es derzeit über dreißig Definitionen. Der Bitkom Bundesverband Informationswirtschaft Telekommunikation und Neue Medien versteht darunter „die echtzeitfähige, intelligente, horizontale und vertikale Vernetzung von Menschen, Maschinen, Objekten ind IT-Systemen zum dynamischen Management komplexer Systeme“ ( Georg Giersberg, Industrie 4.0 für Kaufleute und Juristen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14, April 2014,16). Schon können uns Computer nach anfänglicher Programmierung Musik komponieren und uns in phantastisch-bizarre Klanguniversen entführen, in denen musikalische Komplexitäten erreicht werden, die die  klassische Musik überschatten. Schon wird vom intuitiven Autofahren gesprochen, will sagen, dass der Mensch beim Autofahren immer mehr passiver wird und immer mehr Funktionen auf das Fahrzeug übergehen, das immer roboterhaftere Züge annimmt. Ein „Park for You“ – System ist entwickelt worden, bei dem der Fahrer am Eingang eines Parkplatzes aussteigen und per Smartphone den Befehl erteilen kann, dass das Auto von selbst den nächstfreien Parkplatz ansteuert und sich mit Hilfe von eingebauten Minikameras selbst einparkt, der Fahrer shoppt derweil. Der Abstand zu anderen parkenden Autos kann dabei gering sein, da niemand mehr aussteigt, was in Millionenmetropolen sicherlich ein nützlicher Raumgewinn ist. Die Mikrokamera verdrängt den Autospiegel

Der Mensch macht sich im produktiven Sektor immer überflüssiger, was allerdings die genuine Tendenz jedes technischen Fortschritts ist, der dadurch gekennzeichnet ist, dass er, nach Benjamin Franklin ohnehin a tool-making animal, immer komplexeres Werkzeug zwischen sich und die zu bearbeitende Natur schiebt, quasi die Kräfte der Natur „als lachender Dritter“ gegeneinander ausspielt. Schon kann der Gärtner den herkömmlichen Rasenmäher, an den er gebunden war und der beim Wenden seine Bandscheiben malträtierte, durch einen ebenerdig einzusetzbaren, wendigen  Rasenmähroboter ersetzen, der durch auf physikalische Signale reagierende Infrarotsensoren seine effektiven Arbeits- bzw. Bewegungsabläufe diktiert bekommt.

Die Produktionsforschung wird im Arbeitsprozess unter dem Aspekt der Vernetzung der einzelnen Produktionsabläufe und der einzelnen Produktionsanlagen unter Optimierung der Mensch-Maschine-Kooperation immer zentraler. Im kapitalistischen Produktionsprozess geht es dabei primär um die Senkung der Produktionskosten. Wenn in den Industriemetropolen drei, vier „Überwacher“ in einer vernetzten Fabrik ausreichen zur Herstellung des Endprodukts, so werden in den sogenannten Billiglohnländern, in denen derzeit nur mechanisch gearbeitet werden kann, Millionen aufs Pflaster geworfen. Man spricht bereits vom Zurückholen der Produktion, besonders aus Asien. Wie groß der Abstand zu den westlichen Industrieländern mittlerweile geworden ist, wird schon allein dadurch deutlich, dass im neokolonialen Zuckerbergschen Projekt „Internet.org“, das fünf Milliarden Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern ans Internet bringen will, der Schwerpunkt für diese Länder auf Wetterdaten liegt, weil sie landwirtschaftlich geprägt seien. Essentiell hat sich nichts geändert, seit Friedrich Engels 1847 in den „Grundsätzen des Kommunismus“ schrieb: „Es ist dahin gekommen, daß eine neue Maschine, die heute in England erfunden wird, binnen einem Jahr Millionen von Arbeitern in China außer Brot setzt“ (Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,367). Und nun stelle man sich einmal die  „Industrie 4.0“, die in Deutschland als führendem Land der Automatisierungsindustrie entwickelt worden ist, in praktischer Anwendung in einem sozialistischen China vor, was für kreative Potenzen könnten in den Milliarden Chinesen freigesetzt werden, die heute kräftezehrend unter Manchesterbedingungen malochen müssen. Aber nicht nur in Asien werden Millionen aufs Pflaster fliegen. Überall verdrängt der vor dem PC hockende und intelligente Netze (smart grids) austüfftelnde Softwareentwickler den wendigen Malocher. Aus der Geschichte der modernen Industrie ist hinlänglich bekannt, dass Automatisierungsschübe immer zur Arbeitslosigkeit großen Stils geführt haben. Eine us-amerikanische Studie geht davon aus, dass die Computerisierung der Arbeitswelt jeden zweiten Arbeitsplatz vernichtet – quasi durch einen Mouseklick.

Das Kapital liebäugelt heute mit jungen, computerversierten Menschen unter dreißig Jahren ohne jegliche kulturelle Bildung und ohne Allgemeinwissen. Und die Schulen und Universitäten werden unter das Joch der „Industrie 4.0“ gepfercht werden. „Die Hochschulen werden sich auf die Ausbildung von mehr Mechatronikstudenten einzustellen haben“. (Georg Giersberg, Industrie 4.0 für Kaufleute und Juristen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. April 2014,16). Friedhelm Loh, Inhaber der Loh-Gruppe (Rittal) und Präsident des Branchenverbandes ZVEI, fordert die Schulen auf, mehr für technische Bildung zu tun. „Wir brauchen junge Schulabgänger mit höherer und anderer Bildung“ (a.a.O.). Die Hochschulen folgen in der Regel immer den herrschenden Ideen einer Zeit, die die Ideen der Herrschenden sind. Im Fachbereich der Ökonomie gibt es zum Bespiel die intellektuelle Monokultur der neoklassischen Wirtschaftstheorie in Lehre und Forschung. Aufgrund ihrer sozialen Herkunft und ihrer Geldfixierung sind die Universitätsprofessoren bis auf wenige Ausnahmen unfähig, dem „intellektuellen Mainstream“ Widerstand zu leisten, gar gegen den Strom zu schwimmen.  Essentiell hat sich nichts geändert an der Feststellung von Karl Marx und Friedrich Engels, dass der Arbeiter im Kapitalismus „ein bloßes Zubehör der Maschine“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,468) wird. Es muß heute nur heißen: Zubehör zum Computer. Im Kapitalismus führt die technische Höherentwicklung auf der einen Seite zur Depravation und zur Verelendung der Mehrheit des Volkes und auf der anderen  zu unerhörtem Reichtum und Vulgarität einer verschwindenden Minderheit. Im Sozialismus wäre die Freisetzung der Menschen vom Produktionsprozess der Einstieg in ihre wissenschaftliche, kulturelle und  künstlerische Weiterentwicklung nicht als Individualisten, sondern auf kollektiver Basis. Die Affen, die zunächst auf allen Vieren krochen, wie haben sie sich seit ihrem aufrechten Gang, der die Hände erst schuf, entwickelt ? 1867 schrieb Friedrich Engels, dass die Hände einen so hohen Grad von Vollkommenheit erreicht haben, daß sie Paganinische Musik hervorzauber können. Welche kolossalen Produktivkräfte sind seitdem entstanden ! Und wieviel höher könnten sie stehen, wenn der Kapitalismus nicht ständig Produktivkräfte vernichten würde und dressierte Äffchen heranzüchtet, die vor den Monitoren hocken und keine Paganinische Musik mehr komponieren können.

Heinz Ahlreip, April 2014

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Eine Antwort to “Millionen von Arbeitern nicht nur in Asien außer Brot – Folgen der Industrie 4.0”

  1. Sepideh Says:

    Hallo an alle,
    Der Artikel ist nicht sehr !
    Die Ingenieuren sind bald in der Lage die Roboter zu bauen, die nicht nur „ in der Lage sind Arbeitenden Menschen von Erzeugung der Mehrwert zu befreien, sondern sich selbst zu erzeugen, ernähren und heilen“! !
    Vor kurzem (Zwei Wochen) gab ZDF Nachrichten (die Heute) offiziell „Bau der Menschen DNA, nach Acht Jahren versuche bekannt.“
    Die Industrie, seit ende der siebziger Jahren, war in der lage ohne ein einzige Menschen Hand, Fernseh-Video Gräte, massen weise zu produzieren.
    Aber Kapitalisten haben sie selbst diese Fabriken sofort ABGEBLASEN!
    Firma Mannesmann wollte in anfang der achtziger Jahren Rohr Leitungsbau und Stahlbau wollig ohne Menschen Hand entwickeln!

    Selbst verständlich in Marx zeit auch, Produktion der Nadel tausendfach durch der Einsatz der Maschinen gestiegen. Aber immer noch alle Industrie Arbeitern, Mehrwert produziert haben!
    Jetzt alleine für jede Ind. Arbeiter Zehn anderen mit essen, ohne Mehrwert zu schaffen! Bald kann 100 oder gar Tausende werden!

    Das Ende des Lied sieht wie das Buch „Grüne Füttern – soylent green“ aus!
    Es wird wenige „moderne Sklaven“ geben die „Mehrwert erzeugen müssen“ und von Volumen her die „Mehrwert“ von Milliarden Arbeitern ersetzen! Je mehr diese Prozess fortschreitet, desto Verfaulter und Kranker wird das System!
    Bis eine Bolschewiki Partei diese System durch kommunistische System ersetzt; damit die Menschen im Mittelpunkt der Produktion und Natur stehen, und nicht die „System Relevante“!
    Aber ich befürchte Kapitalisten(mittel ihren Banken, oder wie sie immer Heißen wurden wie die „Black Rock“ so wie jetzt weiter betreiben, und ohne Krieg, (wie Lenin auch gesagt hat), nicht davon komen.
    mit solidarischen Grüß
    ali

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