Archive for Mai 2014

Hitler als Feldherr

18. Mai 2014

Wie schon im sogenannten ersten Weltkrieg, so lag auch im sogenannten zweiten die eurozentristisch bedingte Täuschung vor, die Würfel des Krieges fallen in Westeuropa zur Entscheidung. Tatsächlich hatte sich zwischen 1914 und 1918 im Westen ein ergebnislos verlaufender Stellungskrieg festgefahren, für den der Name „Verdun“ steht und die Oktoberrevolution im Osten steigerte sich zur weltepochalen Bedeutung. Schon in Hitlers Weltanschauung nahm der Krieg gegen den Bolschewismus, den er als ideologischen und grausamen begriff, die Schlüsselstellung schlechthin ein und die aus deutsch-imperialer Sicht tragisch verlaufende Schlacht von Stalingrad brach Hitler das Genick, was Mao Tse tung bereits am 12. Oktober 1942 in einem Leitartikel für die Yenaner Tageszeitung „Djidfang Jibao“ darlegte:“Diese Schlacht ist nicht nur der Wendepunkt im sowjetisch-deutschen Krieg und nicht nur der Wendepunkt im gegenwärtigen Weltkrieg gegen den Faschismus, sondern auch ein Wendepunkt in der gesamten Menschheitsgeschichte“. Ein Ergebnis der beiden Weltkriege lautete: „Der Osten ist rot !“.

Die Idee, gegen Rußland einen Blitzkrieg zu führen, setzte eine technischen Überlegenheit voraus, die gegeben war. Zudem war die Blamage der Roten Armee im finnischen Winterkrieg, der im März 1940 endete, der Köder, den die Geschichte für Hitler ausgelegt hatte. Der Roten Armee verblieben bis zum deutschen Angriff nur cirka dreizehn Monate zur Erholung. Hinzu kam auch noch die Erinnerung an den sogenannten ersten Weltkrieg, der im Westen nichts Neues, im Osten aber ordentliche Raumgewinne brachte. Schafft ein, zwei, drei viele Tannenbergs – war der Ruf der deutschen Reaktion gen Osten. Es hatte im Westen keine Offensive gegeben, die mit der wieder Schwung in die Sache bringenden von Brussilow im Osten vergleichbar war. Warum war der erste Weltkrieg nicht der erste ? Kann es nach der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals, nach ihrer Morgenröte der Völkermorde in Amerika, Afrika und Indien überhaupt noch einen lokalen Krieg geben ? Der Handelskrieg der europäischen Nationen hatte nach Karl Marx bereits das „Erdrund als Schauplatz“ gehabt. Man könnte wetten, dass von 10 000 Historikern, die über die sogenannte ursprüngliche Akkumulation gelesen oder von ihr gehört haben, 9 990 überhaupt nicht wissen, wie Marx sie entwickelt hat und was er konkret darunter versteht. Und von den übrigen zehn Historikern wissen neun sicherlich nicht, auf welchen Handelskrieg Marx Bezug nimmt. „So wird Geschichte geschrieben !“

Im Osten lagen die Kriegsgefangenenzahlen gleich nach dem 22. Juni 1941 durch den Kesselkrieg der Deutschen daher auch wesentlich höher als im Westen. Der von Panzerkräften geschaffene Kessel wurde zum Schicksalsgrab des einfachen Rotarmisten: westlich von Minsk 290 000 Gefangene, bei Smolensk 100 000, östlich von Kiew 665 000, bei Wjasma und Brjansk 658 000, bei Sewastopol und westlich von Isjum jeweils noch einmal 250 000. Es war zu den Gefangenenzahlen gekommen, die von Schlieffen in seiner Schrift „Über die Millionenheere“ 1911 für einen kommenden Krieg prognostizierte. Die sowjetische Seite hatte neben einem erschreckend hohen Verlust an Menschen zudem noch enormen Raumverlust, aber sie opferte wie schon im ersten großen Krieg Raum, um Zeit zu gewinnen. Bei dem Vorhaben, ein enorm großflächiges Land wie die UdSSR es war niederzuwerfen, spielte der Zeitfaktor die entscheidende Rolle. Der Blitzkriegsgedanke war völlig richtig, wenn überhaupt Blitzkrieg, dann einen über die Sowjetunion mit raschem Vorstoß auf Moskau. Hitler spielte nach eigenen Angaben den Krieg va banque, aber die Nerven spielten nicht mit. Zunächst der Zeitverlust durch militärische Operationen auf dem Balkan, der Angriff auf Rußland war ursprünglich für Mitte Mai 1941 geplant. Das war spät genug, denn spätestens Ende Oktober verwandelt der Regen halb Russland in einen einzigen Pripjetsumpf, in dem der Blitzkrieg verstumpft und Natur über Technik die Oberhand behält, wie 1812. Dann die irrsinnige Spaltung der Heeresgruppe Mitte, als Moskau fast zum Greifen nahe war, die Stadt, an deren Stelle ein See angelegt werden sollte. Am Ende war der Hasardeur von seinem eigenen Dusel irre geworden. Der Rußlandfeldzug war für den kleinen kleinbürgerlichen Gefreiten einfach einige Nummern zu groß. Aber merkwürdigerweise blieb auch nach Stalingrad der Führermythos unangekratzt. Es konnte dies nur geschehen in einem Land, dessen Bewohner völlig etatistisch versaut, in dem sogar Teile der SPD monarchistisch versaut waren und die den Staat nicht als Werkzeug einer herrschenden Klasse begriffen. Ist der Staat aber lediglich ein Werkzeug wie auch der nationalsozialistische, so kommt alles darauf an, welcher Affe den Knüppel in der Hand hält. Recht hatte der Kleinbürger in der hartnäckigen Verweigerung einer defensiven Kriegführung, die deutsche Wehrmacht konnte nicht wie die Rote Armee Raum opfern, um Zeit zu gewinnen, sofort kämen die Erinnerungen an das Desaster Napoleons 1812 hoch. In einer sozialistischen Planwirtschaft wäre ein Emporkommen des Postkartenkünstlers, der nach einem englischen Senfgasangriff in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 1918 in Pasewalk wegen Kriegshysterie in psychosomatischer Behandlung war, ganz ausgeschlossen gewesen, aber in der kapitalistischen Produktionsanarchie hat die Hysterie einen kardinalen Platz und diese führte zu der Faszination, die von dem seelischen Kriegskrüppel ausging. Im Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaut in London stehen in Lebensgröße die vier großen Warlords des sogenannten zweiten Weltkrieges, von links nach rechts: Stalin, Churchill, Roosevelt und ganz rechts Hitler, die Besucher stellen sich in der übergroßen Mehrheit neben Hitler auf, um mit ihm fotografiert zu werden. Der Schlüssel zum Zugang sowohl zum politischen Führer als auch zum militärischen Oberbefehlshaber liegt in dem Satz, den Hitler zu Göring, ein Morphinist mit abgebrochenem Politikstudium, sagte, als dieser davon abriet, va banque zu spielen und einen Zweifrontenkrieg zu führen. „Ich habe in meinem Leben immer va banque gespielt“. Damit war er dem Nerv des Krieges schon sehr nahe gekommen.

Entgegen Hitlers Darstellungsversuchen in seinem Werk „Mein Kampf“ und auch noch im politischen Testament, dass ihn die Kriegserlebnisse zum Politiker geformt hätten, es waren nicht so sehr diese im sogenannten ersten Weltkrieg, die den Meldegänger des Regiments List zu richtigen Entscheidungen im sogenannten zweiten führten, es ergaben sich daraus vielmehr oft Fehlentscheidungen, sondern die Erlebnisse nach der Katastrophe 1918 in München, die ihn vor allem politisch formten. Es war das München der Räterepublik, der Thulegesellschaft, des Attentats auf Eisner, der Freikorps und der Verzweiflung. Hitler irrlichte in diesem politischen Chaos umher und wandelte sich ähnlich wie Goebbels vom Rätebolschewik, es gibt ein Foto, die ihn bei der Beerdigung Eisners mit einer roten Armbinde zeigt, zum Nationalsozialisten, der das soziale Element immer mehr zugunsten des nationalen zudeckte (der Fall Röhm). Bis zum Ende des Krieges war Hitler wenig politisiert, in seinem ersten Heimaturlaub Ende 1917, zur Zeit der ersten Bewegungen der Oktoberrevolution, besuchte er in Berlin keine politischen Veranstaltungen, sondern Museen. Es ergab sich ein Jahr später für den aus der Bahn geworfenen, obdachlosen Hitler eine Randexistenz ohne Perspektive und vorstrukturiertem Lebensweg. Gerade hier lag aber eine Vabanquesituation vor, wenn die manchmal bizarre Zickzackbewegung der Geschichte, der Zufall, vor allem aber der richtige Instinkt zusammenkommen. Keiner lauert so sehr auf seine Chance als der Gestrandete, der alles auf eine Karte setzen muss. In Hitler kreuzten sich eine stinkende, faulende, parasitäre Figur mit dem Imperialismus, den Lenin als stinkenden, faulenden und parasitären Kapitalismus bestimmt hatte. Sowohl als Politiker als auch als Militär handelte Hitler vor allem instinktiv und am Anfang des Weltkrieges sah es so aus, als handelte er instinktiv richtig. Das machte seine Überlegenheit gegenüber seiner in Rastern denkenden Generalität aus, die in den Ghettos der Kasernen und Militärakademien alles andere gelernt hatten, nur nicht va banque im weltgeschichtlich großen Stil zu spielen. Die Militärwissenschaft war in sich akademisch so verbiestert, dass die Bedeutung des Instinktes peripher geworden war. Als im April 1945 der von ihm befohlene „Angriff Steiner“ nicht unternommen wurde, rastete Hitler völlig aus und brüllte seine Generäle an: „Wer sind sie, dass sie es wagen, sich meinen Befehlen zu widersetzen. Sie haben sich jahrelang auf Militärakademien herumgetrieben, nur um zu lernen, wie man Messer und Gabel hält, während ich ganz allein auf mich gestellt ganz Europa erobert habe“. Mit dem Warlord Hitler, der er ohne Zweifel bis in seine letzten Lebenstage von einer Mission erfüllt war, geht historisch überhaupt der letzte instinktivische, an Darwin orientierte Feldherr vor dem Zeitalter des PCs und der Drohnen unter, der so sehr im Vabanquedenken verhaftet war, dass er durch den Nerobefehl noch das ganze deutsche Volk mit in den Abgrund reißen wollte. Es ist dieser Nerobefehl, der unter anderem den Unterschied zwischen 1918 und 1945 markiert. Es gab 1918 keine bedingungslose Kapitulation, so dass sich eine Dolchstoßlegende nähren konnte, die Ausführung des Nerobefehls aber wäre der ultimative Dolchstoß schlechthin gewesen. Die Novemberverbrecher, gegen die Hitler seine Karriere stylte, hatten immerhin noch ein Heer von 100 000 Mann herausgeholt. Zugleich war Hitler der letzte rassistische Feldherr, der den Rassismus genozid auslegte. Rassismus muss es in allen bürgerlichen Armeen geben, aber es gibt ihn nicht in dieser Radikalität. Das rassistische Weltbild Hitlers hatte sich in Wien geformt, als er antisemitische Groschenhefte verschlang (Guido von List, Lanz von Liebenfels, Hans Goldzier, Hanns Hörbiger, Otto Weininger, Arthur Trebitsch). Nach dem gescheiterten Elser-Attentat in München war Hitler überzeugt, ein Werkzeug der arischen Vorsehung zu sein und mit diesem Selbstbewußtsein blendete er die Generalität mit einem Groschenwissen. Gibt man der Ausrottung der Juden das Primat und nicht dem Sieg der Wehrmacht, deutet man diese nur als Werkzeug des Rassenwahns, um das Terrain für die SS-Einsatzverbände zu erobern, so ist Hitler nicht ohne weiteres zu den Verlierern des Weltkrieges zu rechnen. Es war ein ganz bizarres, faszinierendes Amalgam, das im deutsch-faschistischem Militärwesen vorlag: eine hohe technischen Waffeneffizienz und phantastisches Großraumdenken paarten sich mit dem verkommensten Irrationalismus, der der politischen Reaktion immer eignet. In Italien stand dafür der Name d‘ Annunzio. Der Faschismus ist unter anderem auch deshalb extrem, weil er die bereits von Aristoteles festgestellte Diskrepanz zwischen Technik und Zivilisation, die uns im sogenannten ersten Weltkrieg näher ins Bewußtsein kam, in einem kaum überbietbaren Maße totalisierte. Hiroshima und Nagasaki fallen uns ein und die derzeitige durch modernste Massenmedien verbreitete Barbarei. Es läuft einem heute noch ein kalter Schauer den Rücken runter, wenn man erfasst, auf welch sandigem Boden der bürgerliche Rationalismus gebaut war und welche gefährliche Potenz in einem Irrationalismus lag, den man glaubte überwunden zu haben. Hitlers Aversion gegenüber der universitären Wissenschaft rührte noch von seiner Wiener Zeiten her, als er Bücher von Privatgelehrten wie etwa Chamberlain verschlang, die gegen den Akademismus der ghettoisierten Universitäten hetzten. Es passte dazu, dass die Kunstakademie ihn nicht akzeptierte.

Die technische Überlegenheit der Wehrmacht lag gewiss vor und Stalin sagte, dass man eine hundertjährige Differenz zum Westen in zehn Jahren aufholen müsse, was bei einigen Waffentypen, zum Beispiel mit dem Panzer T 34, tatsächlich gelang. Es ist leicht, Stalin zu kritisieren, dass er den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion zunächst nicht glauben wollte. Feldherren führen den Krieg aber so, dass sie sich gegenseitig eine gewisse Rationalität unterstellen, aus der sie gewisse Handlungskonturen der Gegenseite ableiten. Diese Rationalität lag aber wie gesagt bei Hitler nicht vor und kaum eine Figur der Geschichte hat soviel Fassungslosigkeit hervorgerufen wie Hitler. Die Eroberung Stalingrads wurde zum Beispiel von ihm am 8. November 1942 in Berlin zu früh ausgerufen. „Ich wollte zur Wolga kommen, und zwar an einer bestimmten Stelle, an einer bestimmten Stadt. Zufälligerweise trägt sie den Namen von Stalin selber. Aber denken Sie nur nicht, daß ich aus diesem Grund dorthin marschiert bin – sie könnte auch ganz anders heißen. Sondern weil dort ein ganz wichtiger Punkt ist. Dort schneidet man nämlich 30 Millionen Tonnen Verkehr ab, darunter fast 9 Millionen Tonnen Ölverkehr. Dort floss der ganze Weizen aus diesen gewaltigen Gebieten der Ukraine, des Kubangebietes zusammen, um nach Norden transportiert zu werden. Dort ist das Manganerz befördert worden; dort war ein gigantischer Umschlagsplatz, Den wollte ich nehmen und – wissen Sie – wir sind bescheiden, wir haben ihn nämlich ! Es sind nur noch ein paar ganz kleine Plätzchen da. Nun sagen die anderen: ‚Warum kämpfen sie denn nicht schneller ?‘ – Weil ich kein zweites Verdun haben will“.  So täuschte sich auch schon Kaiser Wilhelm II., als er nach dem Fall der Festung Vaux am 1. April 1916 das Ende des Krieges ausposaunte, fürwahr ein makaberer Aprilscherz. Adolf und Wilhelm hatten übrigens einen berühmten Vorgänger: als man die abends auf dem Schlachtfeld von Waterloo eintreffenden Preußen zunächst für französische Soldaten des Marschall Grouchy hielt, wollte Napoleon einen Eilboten mit der Meldung nach Paris schicken, dass der Krieg gewonnen sei. (Zunächst diktierte er ihm, dass die Schlacht gewonnen sei). Der Krieg ist diese glitschige Materie, die den gesunden Menschenverstand immer abgleiten läßt.

Das rasche Suchen der Entscheidungsschlacht, das rasche Umschlagen der Gegensätze in der Hegelschen Dialektik und die rasche generelle Entscheidung in Geschäften des Großkapitals resultieren auseinander. Bei großen kapitalistischen Geschäften kommt es ebenfalls auf eine rasche und generelle Entscheidung an, diese überläßt im Militärischen die Guerilla der „Großen Armee“. Die Sensibilität des Ostfeldzuges lag in den ständig geforderten Siegesmeldungen, die die deutsche Wochenschau vorlog, (wie schon im sogenannten ersten Weltkrieg der Ausgang der Marneschlacht zunächst tabu war), so dass eine verlorene Großschlacht genickbrecherisch war. „Sobald aber Hitler gezwungen sein wird“, schrieb Mao Tse tung im Leitartikel vom 12. Oktober 1042, „zur strategischen Verteidgung überzugehen, wird es mit der Existenz des Faschismus vorbei sein. Das politische und militärische Leben eines faschistischen Staates, wie es der Hitlerstaat ist,beruht von dem Tag an, da er auf die Welt kommt, auf dem Angriff, und mit der Beendigung des Angriffs endet auch sein Leben“. Nach der Operation „Uranus“ saß die sechste deutsche Armee in der Falle. Ende August 1942 hatte sie  Außenbezirke von Stalingrad erreicht und kapitulierte am 2. Februar 1943. Das Blatt hatte sich gewendet, in cirka fünf Monaten, die zu den bittersten der Weltgeschichte überhaupt gehören, verlor die sechste Armee annähernd 300 000 Mann an toten, verwundeten, gefangenen und vermissten „Übermenschen“. Nach Stalingrad gelang der Wehrmacht keine Großoffensive mehr, die Kapitulation der sechsten Armee war der Anfang vom Ende des sogenannten zweiten Weltkrieges. Hitler muss das gespürt haben, denn kurz nach der Kapitulation Stalingrads  äußerte er sich noch im Februar gegenüber Goebbels, dass das deutsche Volk zu Recht zugrunde ginge, sollte sich ein Volk ihm gegenüber als stärker erweisen. Man könne dann auch kein Mitleid mit ihm haben. Der Nerobefehl begann sich in Hitlers krausen Gehirn bereits abzuzeichnen.

Kapitalismus, Imperialismus, Faschismus – und der Krieg. Faschisten gibt es nicht nur in der Ukraine

13. Mai 2014

Der klassische Kapitalismus war eine genuin anarchistisch ausgerichtete Wirtschaftsformation. Die ihm entsprechende politische Revolution, mit der er den historischen Durchbruch erzielte und die über den ganzen Erdball Fortschritt ausstrahlte, verlief unter der mehr menschlichen denn politischen Losung: „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“, eine Parole, die im Kern ebenfalls genuin anarchistisch war. Aber man konnte damals noch nicht begreifen, dass diese Losung eine Ableitung aus den Verhältnissen der Warenproduktion war. Der Kapitalist wurde der eigentliche Souverän der bürgerlichen Gesellschaft, war erst einmal die linksjakobinistische Forderung einer „sozialen Republik“ mit dem Sturz Robespierres und der Guillotinierung Babeufs vorläufig erledigt. Nach dem Sturz Robespierres begann die Bourgeoisorgie, ein Bereicherungstaumel einer ganzen Klasse, der bisher in der Geschichte seinesgleichen suchte und selbst Napoleon nötigte, ihm zu entsprechen. Der Staat sekundierte fortan den Kapitalisten bei seiner Ausbeutung des Volkes und erwies sich im 19. Jahrhundert als nationales Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit. Er schützte ihn durch die Niederschlagung von Arbeiteraufständen. Krass trat das zutage beim Aufstand der schlesischen Weber 1844, in der Pariser Juni-Insurrektion von 1848, die den Arbeitern zeigte, dass nicht die Trikolore ihre Fahne ist, sondern die rote, und in der Niederschlagung der Pariser Kommune, die den Bourgeois als Nachfolger des Feudalherren offenbarte. 1.Dieser klassische Kapitalismus des 19. Jahrhunderts war es, den Marx und Engels zum Gegenstand ihrer ökonomische Forschungen nahmen, um seine Entwicklungsgesetze herauszufinden. Es zeigte sich, dass diese über ihn hinauswiesen. Schon 1880 deutete Engels an, dass durch die Trusts die freie Konkurrenz ins Monopol umschlage, die Wirtschaft geplant werden und der Staat als offizieller Repräsentant der kapitalistischen Gesellschaft die Leitung der Produktion übernehmen müsse. 2. War diese Kontur bei Engels fast nur eine Anmerkung, so wurde der Monopolkapitalismus im 20. Jahrhundert zur dominierenden Wirtschaftsformation.

Der Imperilaismus setzte um die Jahrhundertwende, die Europa eine Wirtschaftskrise brachte, mit dem spanisch-amerikanischen Krieg ein, durch den sich der Einfluß der USA bis auf die Philippinen ausweitete. Fast zeitgleich mit dem Beginn des Imperialismus fiel 1901 die erste drahtlose Nachrichtenübermittlung zwischen Europa und den USA zusammen und der Krieg und seine Berichterstattung gingen damit eine Symbiose ein, die später im Vietnamkrieg zu einer Mobilisierung einer Weltöffentlichkeit führte, die massiv, wenn nicht entscheidend in das Kriegsgeschehen eingriff. Es ist kein Zufall, dass um die Jahrhundertwende das Schlüsselbuch der Weltmachtwachablösung erschien. Der us-amerikanische Admiral Mahan erklärte in dem Werk „Der Einfluß der Seemacht in der Geschichte“ frei und frank, dass nunmehr die USA die maritime Rolle Englands zu übernehmen hätten, dessen Kolonialfläche in der Blüte des Empire 140 mal größer war als das Mutterland.  War England das Flaggschiff des klassischen Kapitalismus, so wurden die USA das des monopolistischen, das des Imperialismus. Dieser erwies sich als das höchste Stadium des Kapitalismus und wies zum klassischen qualitative Änderungen auf, die Lenin in seinem gemeinverständlichen Abriß „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ herausstellte. Der monopolistische Kapitalismus ist ein parasitärer und sterbender. Trusts bilden sich, wenige Großbanken beherrschen das nationale Wirtschaftsleben, die Trusts und die Finanzoligarchie ergreifen Besitz von den Rohstoffquellen, die ökonomische Aufteilung der Welt durch internationale Kartelle hat begonnen, die territoriale Aufteilung der Welt ist abgeschlossen. 3. Der Imperialismus ist äußerst aggressiv und löst Widersprüche kriegerisch. Hatte Lenin Recht, als er den Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus bestimmte ? Er hatte unbedingt Recht, denn durch die Oktoberrevolution meldete sich der Sozialismus als die ökonomische Gesellschaftsformation historisch an, die den Imperialismus ablöste. Der Imperialismus hatte zwischen 1914 und 1918 die Völker durch einen Krieg in einer bisher unbekannten Ungeheuerlichkeit erschöpft. Auch in Deutschland lag der Kapitalismus am Boden, wurde aber durch die deutsche Sozialdemokratie gegen die roten Matrosen gerettet. „Ich hasse die  soziale Revolution wie die Sünde !“, sagte der führende Sozialdemokrat Friedrich Ebert zum Reichskanzler Prinz Max von Baden. 4. Später bestritt die Sozialdemokratie diese Äußerung, aber die seriöse historische Forschung ist heute zu dem Schluß gekommen, dass sie so und nicht anders gefallen war. Der Hass der Bourgeoisie gegen die Roten war wenigstens noch verständlich. Die durch den roten Oktober anvisierte sozialistische Planwirtschaft war das genaue Gegenteil der klassischen bürgerlichen Produktionsanarchie, in seiner imperialistischen Phase kam der Kapitalismus jedoch nicht ohne eine gewisse Planung aus.

Der Imperialismus war insofern das höchste Stadium des Kapitalismus, als er nur noch zwei Wege für die weitere Entwicklung der Gesellschaft offen ließ: den revolutionären Weg zum Sozialismus und den reaktionären zum Faschismus, wenn man nicht, wie die Länder der klassischen bürgerlichen Demokratie Kolonien in der Hinterhand hatte. Bereits Hegel hatte in seiner Rechtsphilosophie dargelegt, dass der Kolonialbesitz die soziale Frage im Inneren eines Landes entschärfe. Cecil Rhodes verkündete es offen: „Das Empire, das habe ich stets gesagt, ist eine Magenfrage. Wenn Sie den Bürgerkrieg nicht wollen, müssen Sie Imperialisten werden.“ Tatsache aber ist, dass alle bürgerlichen Demokratien mehr oder minder einen faschistischen Beigeschmack haben: England eine hölzerne Zweiklassengesellschaft,  das Volk der USA leidet unter dem Bleigewicht des Rassismus, in Frankreich lieferte die Pétain-Administration Juden in die Gaskammern aus. Im Faschismus werden die Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft auf militante Weise gelöst, der faschistische Staat diszipliniert als Terrorapparat die Arbeiterklasse, um sie für die im Schoße des Kapitalismus unvermeidlich heranreifenden Raubzüge zu dressieren. Im faschistischen Stadium hat das Kapital sein Ideal erreicht: die besten Kämpfer des Volkes verrichten gegen eine tägliche Wassersuppe in faschistischen Vernichtungslagern 16 Stunden Schwerstarbeit und können im Todesfalle direkt ersetzt werden. Auf dieses Ideal steuerte und steuert das Kapital gesetzmäßig zu. Die Frage steht heute so: entweder gelingt es der Arbeiterklasse, die Bourgeoisie völlig zu vernichten, oder die besten Kämpfer werden in faschistischen Vernichtungslagern verenden. Einen Mittelweg gibt es hier nicht und wir Kommunisten müssen immer die Polarität beachten, denn gerade diese wird so ideologisch zugekleistert, so verwirrt, dass man in der Politik leicht Fehler machen kann. Der Kapitalismus zeigt zur Zeit seine faschistische Fratze noch nicht in einer eklatanten Deutlichkeit, weil er sie zur Zeit noch nicht deutlich zeigen kann. Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Klageerhebungen vor Arbeitsgerichten gegen sogenannte Arbeitgeber … usw., dies alles entspricht nicht dem kapitalistischen Ideal. Dieses besteht in der völligen Versklavung der Werktätigen. Der Faschismus zeigt an, dass der Kapitalist nicht mehr alleine in der Lage ist, seinen Profit zu maximieren. Um die Lohnsklaverei auf den höchsten Punkt zu treiben, muss der reaktionäre Teil der Nation aufgeputscht werden, um die Errungenschaften der Arbeiterbewegung, ja die Errungenschaften jeglicher Zivilisation zu zerschlagen. Der Faschismus war in Deutschland der Rettungsanker für das Kapital, das durch den Versailler Vertrag und durch das Anwachsen der kommunistischen Bewegung in der Weimarer Republik in höchste Existenzangst geriet. Je höher die rote Flut anstieg, desto mehr griff der Kapitalist zum faschistischen Rettungsanker.

Durch die 1968 verabschiedeten Notstandsgesetze hat heute die kapitalistische Klasse in der BRD die nötige Vorkehrung getroffen, um sich durch eine Militärdiktatur schützen zu lassen, sollte die rote Flut bedrohlich ansteigen. Die BRD ist aus Grundsteinen des Faschismus aufgebaut, die personelle Kontinuität zum III. Reich ging in ihre Geburtsurkunde ein. „Lieber schmutziges Wasser als gar kein Wasser“, sagte der erste Kanzler dieser schmutzigen Republik, Konrad Adenauer. Der Faschismus nach 1945 kann nicht der gleiche sein wie vor 1945. Die faschistische Form der Kriegführung hat sich gewandelt. Trat der Faschismus vor 1945 noch aggressiv und lärmend auf, so operiert er nach 1945 notgedrungen mehr im Stillen. Die Organisation Gehlen übernahm das faschistische Agentennetz, die Bundeswehr Nazigeneräle, das Bundeskriminalität SS-Männer, also Männer einer kriminellen Vereinigung. Jetzt kam es darauf an, im Geheimen, abgeschottet von der Öffentlichkeit, Nachwuchskader im faschistischem Geist zu erziehen. Das kam natürlich unter dem Klima des kalten Krieges gut zum Blühen. Die ganze Exekutive der BRD ist heute im Kern faschistisch und es bedarf nur eines relativ gefährlichen kommunistischen Aufstandes, und die Maske der Demokratie wird sofort weggeschleudert.  Denn schon heute sehen wir wieder, wie der Staat regulierend zum Nutzen und Frommen der Kapitalisten eingreift. Dahin ist es mit der Vision „Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit“ gekommen, dass christliche und sozialdemokratische Politiker darin wetteifern, das letzte Stück Brot aus den Mündern der Kinder der Ärmsten der Armen zu reißen, um es ausländischen Bankiers in den Rachen zu werfen. Das Kapital, feige wie es ist,  fängt immer bei den Ärmsten der Armen an, sich in seiner Paradedisziplin einzuüben: Menschen wie Dreck zu behandeln. Das ist die Brücke zum Faschismus. Aber während der alte Faschismus Hitlers noch national akkumulierte und ein paar Brosamen für die bereite Masse abfielen, greifen heute die Ausbeuter  mit ihren politischen Handlangern in Milliardenhöhe in die Volkswirtschaften ein, um Blutsauger weltweit zu fördern. Im Kontext des Faschismus ist seine Globalisierung als Fortschritt zu werten.

Wer sich für einen politisch aufgeklärten Menschen hält und im Hintergrund der BRD nicht die in Umrissen bereits erkennbare faschistische Fratze sieht, gehört ganz einfach nach Australien unter die Kängurus versetzt. Die Hartz-IV-Gesetzgebung war doch eine entscheidende Weichenstellung in Richtung Faschismus und Faschismus bedeutet: KRIEG ! „Das Kapital ist aus allen Poren von Kopf bis Zeh blut- und schmutztriefend“, pflegte Marx zu sagen.

 

1. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,321

2. Vergleiche Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,445

3. Vergleiche Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,103f.

4. „Die deutschen Sozialisten von 1918 versprachen theoretisch die Beseitigung des Privateigentums. die Planwirtschaft und den Sozialismus. Praktisch kamen sie, da sie das Privateigentum beibehielten, zur Planwirtschaft kein Talent hatten und den Sozialismus überhaupt nicht wollten, nur zur Rettung und Wiederaufrichtung des Kapitalismus“. (Otto Rühle, Weltkrieg – Weltfaschismus – Weltrevolution, in: Otto Rühle, Schriften, Perspektiven einer Revolution in hochindustrialisierten Ländern, rororo Klassiker, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Hamburg, 1971,115). Bezeichnend ist der Befehl des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske zur Niederschlagung der Rätebewegung: „Jede Person, die mit den Waffen in der Hand gegen die Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen“. (Thomas Weber, Hitlers erster Krieg, Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit, Propyläen Verlag,2011,325).

LENIN UND CLAUSEWITZ….bald mehr, bald weniger Krieg

6. Mai 2014

Der russische Revolutionär  Lenin hat ungefähr von Januar bis Juni 1915 in der Berner Bibliothek während seiner zweiten Emigration das Fundamentalwerk von Clausewitz „Vom Kriege“ studiert und umfangreiche Exzerpte aus diesem Buch angefertigt. Zusammengefasst sind diese unter dem Titel: „Auszüge und Bemerkungen zu dem Buch von Clausewitz über Krieg und Kriegführung“, eine Zusammenfassung, die sich nicht in der Gesamtausgabe seiner Schriften befindet. Teilweise hat er ganze Passagen abgeschrieben, was auf die Wichtigkeit der Bemerkungen verweist, die sich Lenin durch die Abschrift besser einprägen wollte. Es ist nun einmal so, dass das, was durch die menschliche Hand gegangen ist, besser im Gehirn sitzt. Wie wichtig ihm dieses Buch war, wird unter anderem auch daraus ersichtlich, dass es neben dem Kapital von Karl Marx das einzige Buch war, das er auf seiner Flucht nach dem mißglückten Juli-Aufstand 1917 nach Finnland mitnahm. Clausewitz hätte das mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, war es doch sein Ehrgeiz, ein Buch zu schreiben, das nicht nach drei Jahren der Vergessenheit anheimfiel.  Erst durch die von Lenin vollzogene Konjunction der Fundamentalwerke kurz vor der Oktoberrevolution bekommt das Werk von Clausewitz endgültig die weltgeschichtliche Weihe. Marx und Clausewitz waren in dieser angespannten historischen Wartestellung und durch die Revolution gelang ihnen nun endgültig der weltgeschichtliche Durchbruch. Das von Clausewitz herausgearbeitete Wechselverhältnis zwischen Krieg und Politik wurde nach kritischer Durchleuchtung Bestandteil des Marxismus-Leninismus und prägte Millionen Menschen in ihrem Denken, erst durch den roten Oktober und der Etablierung der wissenschaftlichen Weltanschauung erhält die Militärphilosophie von Clausewitz eine historische Wirkstätte. Der nationale und internationale Klassenkampf zwischen dem Weltproletariat und der Weltbourgoisie gestaltet sich so, dass beide Lager Clausewitz studieren. Denn noch mehr als die französische Revolution hat die Oktoberrevolution zu einer Politisierung der Massen geführt, während reaktionäre Strömungen und Regime die Massen gerade von der Politik ablenken, sie auf das Minimum des Wahlkreuzes infantilisieren und den Untertanen etwas zum Spielen geben. Clausewitz sei nichts für einfache Soldaten. Und der deutsche reaktionäre General Ludendorff pervertierte Clausewitz geradezu mit seiner Auffassung, dass die Politik dem Krieg zu dienen habe. Damit stellte er sich gegen die Tradition der Befreiungskriege und gegen die humanistische Tendenz der bürgerlichen Aufklärung, die in Kants programmatischer Schrift „Zum Ewigen Frieden“ gipfelte. Dieser Friede kann nur apolitisch sein und sein Gegenbild ist der Ewige Krieg, der nicht ohne Politik auskommt.

Dennoch ist die Bedeutung des Generals der Befreiungskriege für die marxistische Militärtheorie nicht ungebrochen, es liegt keine einfache Adaption vor, kein Kotau vor einer Autorität. „Was insbesondere Clausewitz betrifft, so ist er als Autorität auf dem Gebiete der Kriegstheorie natürlich veraltet. Clausewitz war eigentlich ein Vertreter des Manufakturzeitalters des Krieges. Zweifellos braucht das maschinelle Zeitalter neue militärische Ideologen. Es wäre lächerlich, heute bei Clausewitz in die Schule zu gehen“. 1.  Clausewitz blieb als überzeugter Royalist  der preußischen, der deutschen Militärtheorie verhaftet, wirkte in dieser fort und beeinflußte nicht unerheblich das Denken und Handeln der reaktionären deutschen Generalität in zwei Weltkriegen. Die deutsche Militärtheorie hatte aber in zwei Weltkriegen ihre Prüfung in der Praxis nicht bestanden. Schon allein die Katzenbuckelei vor dem Gefreiten Hitler zeigte deutlich an, wie faul, wie morsch, wie dekadent das ganze deutsche Bürgertum schon war. Dieses servile Bürgertum war immer auf Seiten der Volksunterdrücker zu finden und der Faschismus war die völlig normale Frucht dieser volksverachtenden Grundeinstellung.

Durch die Exzerpte Lenins  ist uns gleichzeitig auch die Möglichkeit gegeben, Arbeitsweise und Denkstil eines Berufsrevolutionärs kennenzulernen, der wie kein anderer das Anlitz der Welt verändert hat. Durch sie lesen wir Clausewitz wie Lenin ihn gelesen hat. Lenin konzentrierte seine Aufmerksamkeit vor allem auf die philosophisch grundsätzlichen Aspekte des Krieges, auf sein Wesen und auf sein Verhältnis zur Politik, ihn interessierten die „moralischen Größen“ und das Wechselverhältnis von Verteidigung und Angriff. Da auch Clausewitz, der sich mit der Philosophie Hegels auseinandergesetzt hatte, Ansätze dialektischen Denkens aufwies und besonders die Dynamik der Entwicklung des Krieges herausstrich, Dogma und System für obsolet erklärte, hat Lenin in ihm in mehr als in einer Hinsicht einen Geistesverwandten gesehen. Aber Lenin sah sich nicht als einen militärischen Fachmann. Nach der Oktoberrevolution äußerte Lenin, dass er schon zu alt zum Erlernen der Kriegskunst sei. Besonders ausführlich und wiederholt geht Lenin  auf die Grundaussage des preußischen Generals ein, dass der Krieg die Politik nur fortsetze und legt den Schwerpunkt seines Studiums daher auf das erste und achte Buch. Es sind also gerade die nicht rein militärischen Bücher, mit denen er sich auseinandersetzte, er las Clausewitz politisch und hinterließ keine Leitsätze zu militärischen Fragen. Die dort von Clausewitz ausgefalteten Überlegungen hat er sich als Grundwahrheiten zu eigen gemacht: der Krieg ist nur Mittel des politischen Zwecks – er hat seine eigene Grammatik, aber nicht seine eigene Logik. Darüber hinaus fesselten weitere Wesensdefinitionen des Krieges, die von Entwicklungsgedanken durchwaltet sind, den Geist Lenins. Fasziniert war er, der durch die proletarische Erhebung den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg umzuwandeln strebte, von der dialektischen Auffassung des Krieges: der Krieg ist ein Widerspruch in sich, ein Halbding, bzw. ein Ding, das bald mehr, bald weniger Krieg ist. „Der Krieg ist also nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten Falle seine Natur etwas ändert, sondern er ist es auch seinen Gesamterscheinungen nach…“ 2. Jeder Krieg muß in den ihn hervorbringenden Umständen und Zeiten studiert werden. Raum, Zeit und gesellschaftliche Bedingungen erzeugen ein ihn prägendes Milieu, eine konkrete Kriegssituation. Mit dem Wandel ihrer sozialen und politischen Verhältnisse  vollziehen die Klassen einer Epoche auch einen Wandel ihrer Klassenkampftheorien. In der französischen Revolution wurde der Krieg von allen konventionellen Schranken befreit und begann, einem absoluten Charakter (Volksmiliz) zuzustreben. Nur wenn wir diese großen Verhältnisse und ihre Brüche berücksichtigen, können wir die Schlachten in den einzelenen Epochen verstehen und würdigen. Weiterhin stimmte Lenin der Feststellung zu, dass die Kriege nicht dem Gebiet der Kunst oder der Wissenschaft angehören, sondern dem gesellschaftlichen Leben, da sie einen sich in der Regel blutig entladenden Konflikt grosser Interessen beinhalten. Der Krieg -hier wird die rationale Fassung des Phänomens besonders deutlich – kann am ehesten mit dem Handel verglichen werden, er ist kein den überirdischen Schicksalsmächten anheimgegebenes Würfelspiel. Nur wenn er von der Politik, dem Machtkampf der Klassen, losgelöst wird, entzieht er sich dem Betrachter und wird ein sinn- und zweckloses Ding. Die richtige „Vorstellungsart würde selbst dann unentbehrlich sein, wenn der Krieg ganz Krieg, ganz das ungebundene Element der Feindschaft wäre…“ 3. Die Politik bildet den obersten Standpunkt für die Leitung des Krieges und nur wenn der untersuchende Historiker  ihn einnimmt, wird die Kriegsgeschichte verständlich, erkennt man die Hauptlinien im Chaos des kolossalen Gemäldes.

Der sogenannte erste Weltkrieg stellte die verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung auf ihre bisher größte Bewährungsprobe, er brachte in den meisten europäischen Arbeiterparteien eine Abkehr vom Internationalismus, den man auf dem Basler Kongress 1912 noch beschworen hatte. Eindeutig, und das ist deprimierend genug, taumelte die Arbeiterbewegung in den Sozialchauvinismus. Es bewahrheitete sich, wie wichtig die Präsenz des wissenschaftlichen Sozialismus im Bewußtsein der Arbeiter und Arbeiterinnen gewesen wäre. Er war nicht vorhanden und die Sozialdemokraten wurden quasi über Nacht Opfer des Irrationalismus, der sie soweit verführte, dass sie in Deutschland zum Beispiel aktive Hilfe bei der Ermordung der Kommunisten Luxemburg und Liebknecht leisteten. Die Lektüre einiger Texte von Marx und Kautsky reichte eben noch nicht aus, den Marxismus zu meistern, der durch die materialistische Dialektik den Zusammenhang der Klassenkämpfe umfasst. Es wurde nicht erfasst, dass der imperialistische Krieg die Fortsetzung der imperialistischen Politik war, die zu ihm führte. Es wurde deutlich, was Sozialchauvinismus bedeutet: zurückschrecken vor allen, buchstäblich allen revolutionären Kampfmitteln, sich bereitwillig den bürgerlichen Militärbehörden fügen. So endete die zweite Internationale und Lenin entwickelte das Fundament einer dritten: den Kampf der imperialistischen Räuber untereinander auszunutzen, um sie allesamt zu beseitigen. Sollte dies gelingen, dann wäre der imperialistische Krieg nicht ganz umsonst gewesen, dann kann er zur Entfaltung der proletarischen Weltrevolution ausgenutzt werden. Aber ein imperialistischer Krieg ist der denkbar schlechteste Umstand für diese. In der marxistischen Klassik gründet diese in einer ökonomischen Krise, in der weit weniger Produktivkräfte vernichtet werden als in einem Krieg. Engels sah das bereits 1847 in den „Grundsätzen des Kommunismus“. Nichts wünschten die Kommunisten mehr als eine friedliche Überwindung der kapitalistischen Ausbeutung. Wenn der Bourgeois zum nationalen Krieg aufruft, ruft der Kommunist: Frieden ! Der Auffassung vom Clausewitzexperten Werner Hahlweg ist also nicht zuzustimmen, wenn er die Leninisten als die kaltblütigen Kalkulatoren des Völkergemetzels hinstellt, die auf eine kriegsbedingte Revolutionierung der Massen setzten. Boten nicht die Leninisten als einzigste Regierungspartei allen kriegführenden Ländern sofort einen demokratischen und gerechten Frieden an ? Aber der Militarist Hahlweg meint: „Der Krieg übernahm jetzt die Rolle der einst von Marx und Engels als unvermeidlich angesehenen und erhofften,  jedoch damals nicht eingetretenen großen ökonomischen Krise. Mit den durch ihn verursachten Opfern, dem vielfachen, von ihm über alle beteiligten Völkern gebrachten Leid schuf der erste Weltkrieg jene Stimmung von Hass und Verbitterung der Beherrschten und Ausgenutzten gegen die Herrschenden, wie sie zu den unerläßlichen Voraussetzungen einer Revolution gehören“. 4. Und was hatte der erste Weltkrieg als Grundlage für die rasche Vermehrung der Produktivkräfte, für den Aufbau des Sozialismus in Sowjetrussland hinterlassen ? Es gab kaum eine Infrastruktur im westlichen Teil des Landes, die Bedingungen waren so, dass eine NEP konzipiert werden musste, in der sich kapitalistische Elemente bereichern konnten. Das war alles andere als ideal. Krise und Krieg gehören ganz verschiedenen Ordnungen an, immer werden sich Marxisten für die erste aussprechen als Geburtshelferin der Revolution. Lenin wies uns darauf hin, dass die Verbindung zwischen Krisen und Kriegen falsch sei. 5.

Wir hatten gesagt, dass der Krieg ein Halbding sei, das heißt auch, das er im Leben der Völker mal hervortritt, mal im Hintergrund bleibt, dass also die Verhältnisse zwischen Ökonomie, Politik und Militärwissenschaft wechseln. Am 29. Juli 1918 schrieb Lenin angesichts der Bedrohung der jungen Sowjetrepublik, daß die militärische Frage wieder in den Vordergrund trete. Es gibt eben keine einseitigen Determinationszusammenhänge, sondern eine Wechselwirkung – sonst genügt uns die formale Logik und dialektisches Denken wäre überflüssig. Wie der alte Engels allzu einseitige Festlegungen des Verhältnisses von Ökonomie und Politik in der „Deutschen Ideologie“ korrigierte, so warnte auch Clausewitz vor einer starren Auslegung des Verhältnisses von Krieg und Politik. Der Krieg sei nicht untertänig, sondern der militärische Stab könne gewisse Forderungen an die Politiker stellen. „Nur dann, wenn die Politik sich von gewissen kriegerischen Mitteln und Maßregeln eine falsche, ihrer Natur nicht entsprechende Wirkung verspricht, kann sie mit ihren Bestimmungen einen schädlichen Einfluß auf den Krieg haben. Wie jemand in einer Sprache, der er nicht gewachsen ist, mit einem richtigen Gedanken zuweilen Unrichtiges sagt, so wird die Politik dann oft Dinge anordnen, die ihrer eigenen Absicht nicht entsprechen. Dies ist unendlich oft vorgekommen, und dies macht es fühlbar, dass eine gewisse Einsicht in das Kriegswesen von der Führung des politischen Verkehrs nicht getrennt werden sollte“ 6. Nur wenn man dieses Wechselverhältnis begriffen hat, kann man die Kriege in ihrer Spezifität richtig deuten. Lenin berücksichtigte dieses in seinem Kampf gegen die Opportunisten und gegen die Ultralinken. Gegen erstere hob er hervor, dass keine imperialistische Bourgeoisie noch einen Befreiungskrieg führen könne, gegen die „Linken Kommunisten“ berief er sich auf Clausewitz, um die defensive Haltung gegenüber der deutschen Verhandlungsdelegation in Brest-Litowsk  zu rechtfertigen. Im Gegensatz zu Trotzki und den Linken schätzte er die internationale Lage richtig ein, dass ein revolutionärer Ausbruch weder in Deutschland noch in einem anderen Land unmittelbar bevorstehe, dass also die Sowjets sich in einer schwächeren Position befinden. Notfalls wollte er sich mit der Arbeiter- und Bauernarmee hinter den Ural zurückziehen. Durch das Studium von Clausewitz war Lenin auch in der Lage, den Vortrag russischer Sozialisten (u.a. Plechanow) zu widerlegen, die der deutschen Reaktion die alleinige Kriegsschuld zuschoben und dadurch der zaristischen Armee noch eine Befreiungsmission andichteten. In dem Aufsatz „Über den Separatfrieden“ vom 6. November 1916 wies Lenin auf die Geheimverträge zwischen Russland, Frankreich und England hin und legt dar, dass der Krieg von allen Regierungen nur die Fortführung ihrer schon lange betriebenen imperialistischen Politik ist. Der Zarismus bildete dabei keine Ausnahme, auch er setzte im „Großen Krieg“ seine expansionistische Politik fort. Ihn in einen Bürgerkrieg umzuwandeln würde den bereits 1905 eingeschlagenen rätedemokratischen Weg wieder frei machen.

1. Josef Stalin, Antwortschreiben an den Oberst Rasin, Werke Band 15, Verlag Roter Morgen,       Dortmund, 1976,27f.

2. Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Dümmler Verlag Bonn, 1973,991

3. a.a.O.

4. Werner Hahlweg, Lenin und Clausewitz, Archiv für Kulturgeschichte,372

5. Lenin, Zur Revision des Parteiprogramms, Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin, 1960,148

6. Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Dümmler Verlag, Bonn, 1973,995

DIE BESTEN SOLDATEN DER WELT SIND ZUM SCHUTZ DER KULTUR GEGEN DIE BARBAREI ANGETRETEN

3. Mai 2014

Der Krieg führt die Menschen zusammen. In diesem Spruch des antiken Philosophen Heraklit ist schon der tiefe dialektische Gehalt, der dem Krieg innewohnt, prägnant ausgedrückt. Der Krieg ist pervers, und dieser Umstand hat  seichte Denker dazu angehalten, ihn ganz zu verwerfen. Nichts wäre falscher als diese Abstraktion. „Krieg dem Kriege“ wäre zwar schlüssig im humanistisch-gefühlsmäßigen, aber nicht im gesellschaftswissenschaftlichen Sinn. Denn trotz aller Perversion des Krieges gibt es gerechte Kriege, die abstrakt zu verwerfen gerade inhuman wäre. Kant, kein Anhänger eines revolutionären Krieges, bezeichnet in dem Streit der Fakultäten den Krieg zwar als den Quell aller Übel und Verderbnis der Sitten, gleichwohl wäre es verfehlt, seine Schrift über den Ewigen Frieden als eine pazifistische zu deuten. In der Neuzeit kennen wir zwei Typen von Kriegen mit einem revolutionären Kern: die von den vom Bürgertum geleiteten Krieg der französischen Revolution ausgehenden gegen die feudale Restauration und die kommunistischen Aufstandskriege gegen das mittlerweile reaktionär gewordene Bürgertum. Die marxistische Theorie als wissenschaftliche Zusammenfassung der Erfahrungen des Proletariats enthält eine Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats vom Joch der kapitalistischen Lohnarbeit und begreift den Kommunismus als die Bewegung, die den kapitalistischen Zustand der Gesellschaft konkret aufheben will. Da die politische Form der ökonomischen Emanzipation der Arbeit nur über die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates und die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft möglich ist, hat sich im Laufe der Theorieentwicklung auch eine militärische Strategie und Taktik des Aufstandes herausgebildet, die vornehmlich von Friedrich Engels im 19. Jahrhundert begründet und in der Oktoberrevolution von 1917 ihre Weiterentwicklung durch Lenin in der Praxis bestand, als sich in dieser die bürgerlich demokratische sofort in eine proletarisch sozialistische umwandelte. Der Punkt der Praxis ist besonders wichtig, die marxistische Theorie versteht sich nicht als philosophische Problematisierung der Arbeiterbewegung, sondern insistiert nachdrücklich auf die Probe durch die historische Praxis, in der Lenin die konkrete Analyse einer konkreten Situation verlangte. Die Aussagen der Theorie beweisen ihre Richtigkeit erst in der Praxis einer Massenbewegung, sind mithin denkend allein gar nicht zu beweisen. Durch die Oktoberrevolution ist Russland nicht nur zu einem weltgeschichtlichen Schwerpunkt geworden, sondern wurde zum Schauplatz eines Krieges, eines Krieges zum Kommunismus, wie er in dieser Art in der Weltgeschichte beispiellos war, nachdem das zarte Pflänzchen des Kommunismus 1871 in Paris von Sodateskastiefeln zertreten worden war. Das war endlich in Russland der von Marx angekündigte, jahrzehntelange Bürgerkrieg, der die völlige Vernichtung des Bürgertums zum Ziel hatte, eine Vernichtung, die hauptsächlich zur Aufgabe einer „Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution und Sabotage“ (Tschecka) wurde. Schon 1926 wurde der „berüchtigte“ Paragraph 58 in das Strafgesetzbuch aufgenommen, der bestimmte, was unter konterrevolutionäre Verbrechen zu subsumieren sei: Sturz, Unterhöhlung und Schwächung der Räte. Die Ermordung Kirows am 1. Dezember 1934 gab das Signal zu Säuberungen, die sich mit denen der französischen, der klassischen bürgerlichen Revolution schwer, letztendlich nicht vergleichen lassen. Denn beide Revolutionen hat einen diametral entgegengesetzten Kerngehalt und die beliebten Assoziationen zwischen beiden bleiben an den Oberflächen dieser Umwälzungen. Theoretisch hatte die bürgerliche Revolution zwar auch die Anarchie zum zentralen Thema, die verfehlt werden musste, weil man den zentralen Gedanken des Revolutionsidols Rousseau verdrängen musste, dass alles soziale Übel vom Privateigentum herrühre. In der Oktoberrevolution ist die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln dann nicht mehr rousseauistisch geprägt, sondern marxistisch: die technische Entwicklung der Produktionsmittel bindet die Produzenten an eine Kollektivität, die keine politische Herrschaftsform mehr zuläßt, sondern über das Absterben einer kollektivistischen Demokratie in die Anarchie mündet. Das ist nach Marx der vollendete Naturalismus als Humanismus, aber beileibe kein „Zurück zur Natur“. Die kommunistische Erhebung intendiert durch Vernichtung der Kapitalaccumulation auch die Herrschaft der Gegenwart über die Vergangenheit. Sie ist ein asymmetrischer Bürgerkrieg, nach Lenins Erkenntnis kämpfen die Kommunisten gegen einen zunächst mächtigeren Feind, der bisher das Monopol der Politikgestaltung, der Verwaltung, des militärischen Fachwissens und der internationalen Beziehungen besaß und sich zudem auf eine ältere und weiter verbreitete Ideologie stützen konnte unter Ausnutzung der besseren Kommunikationskanäle. Auch hatte die Bourgeoisie in ihrer Emanzipation den Vorteil, dass ihre ökonomischen Fundamentalstrukturen bereits unter der feudalistischen Hülle ausgereift waren, während das Proletariat seine kollektivistisch ausgerichteten Strukturen erst nach der Revolution aufbauen muss. Handgreiflich wurde das nach der Oktoberrevolution an einer Landwirtschaft, die durch und durch zersplittert war und die von Marx und Engels verkündete Assoziation von Industrie und Landwirtschaft in weiter Ferne lag. Die emanzipativen Bewegungen der Neuzeit stehen unter dem Diktum der asymmetrischen Kriegführung, aus der heraus Neuerungen auf dem Gebiet des Militärwesens geboren wurden mit dem Schwerpunkt einer Vertiefung des kleinen Krieges, den zu führen man angehalten war. Seien es die Barfußsoldaten des Generals Washingtons, die ungeübten Sansculotten, die Matrosen von Kronstadt, die Fahrradsoldaten Giaps, immer lag ein Bleigewicht eines traditionell eingespielten Berufssoldatentums auf ihren Köpfen und es bewahrheitet sich an ihren Erfolgen, die mit einer Wucht einschlugen, die Hegelsche Dialektik der Weltgeschichte, dass in ihr aus unscheinbar Kleinem Großes emporwachsen könne. Lenin schrieb noch im März 1917 in einem Brief nach Russland, dass er kein Brot mehr habe und war wenige Monate später offizielles Oberhaupt über ein Sechstel der Erdoberfläche. Ganz offensichtlich hatte der deutsche Generalstab durch die Einschleusung von Lenin nach Russland lediglich eine Chaotisierung des Landes bezwecken wollen, in der er und seine Bolschewiken ebenfalls versinken sollten, denn die deutsche Armee sollte von ihrem russischen Hauptquartier in Moskau die Besatzungsverwaltung diktieren, stattdessen standen die Räte auf, die sich anschickten, die tiefste Revolution in der Weltgeschichte auszuführen. Statt eines leichten Einmarsches nach Moskau sah sich das deutsche Offizierskorps vor einer Volksmiliz, die ein Offizierskorps gerade abschaffte. Historisch im Pech waren die Soldaten Dombrowskis und Wróblewskis, der Pariser Commune stand eine preußisch-“national“französische Militärkoaltion entgegen und diesem doppelten Druck, die Bourgeoisie zweier Länder zum ersten Mal in der Geschichte vereint zur Niederschlagung des gemeinsamen Feindes, konnte die Commune nicht standhalten. Die Communarden waren zudem so scheu, dass sie vor der Beschlagnahme der Pariser Nationalbank haltmachten und militärisch nicht sofort nach Versailles marschierten, wo die konterrevolutionäre Regierung saß. Die Revolutionäre sind ganz anders, als bürgerliche Ängste sie ausmalen. Obwohl der bürgerliche Revolutionskrieg gegen den Feudalismus nur peripher unter dem Banner des Atheismus geführt worden war und die religiösen Robespierristen den Takt im Kampf gegen ihre dem Mittelalter verhafteten Gegnern angaben und durch den proletarischen Atheismus die Hemmschwelle zur Ausrottung der Konterrevolution wesentlich niedriger anzusetzen ist oder gegen Null tendiert, da eine höhere außerirdische postmortale Beurteilungsinstanz menschlicher Handlungen wegfällt, zeigten sowohl die Pariser Kommune als auch der russische Bürgerkrieg, dass der weißgardistische Terror roten weit übertraf. Die Anbetung des Geldes, die Raserei, annulliert jedes Sündenregister. Aus der Tatsache, dass der bürgerliche und der proletarische Terror aus ökonomischen Bedürfnissen herrühren, wird verständlich, dass der rote schon deshalb minimaler sein muss, weil er einer der Mehrheit gegen eine asoziale Minderheit ist. In unserem eurozentristischen Gedankenkreis ist der Kriegszug der Wehrmacht gegen Osten essentieller als der vorausgehende wesensverwandte sowjetische Bürgerkrieg der Roten gegen die Weißen, der diesen natürlich für uns überlagert, da jener tief in das Leben Mitteleuropas eingriff und uns natürlich mehr tangierte als der rein innersowjetische. Zudem sind die kriegerischen Konfrontationen am Ende des ersten Weltkrieges zwischen der deutschen Armee und der jungen Sowjetrepublik nach fast hundert Jahren in der kollektiven Erinnerung eher verblasst. Je weiter die Geschichte der Klassenkämpfe zurückliegt, desto mehr wird sie Nacherzählung, obwohl die gegenwärtigen Klassenkämpfe in den vergangenen verwurzelt sind und diese dadurch sogar noch in die sich aus den gegenwärtigen abzeichnenden zukünftigen Konturen hineinwirken. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist dieses permanente Durchdringen und Aufheben von vergangenen und gegenwärtigen Strukturen, aus denen heraus Marx zukünftige Strukturen nur skizzieren wollte. Dass die Gegenwart über die Vergangenheit herrsche war aus der Klassenkampfgeschichte ablesbar, programmatisch im Kommunistischen Manifest an der aufzuhebenden Knechtung durch Arbeit entwickelt – es bleibt daher eine Merkwürdigkeit, eine vielleicht sogar ersten Ranges, dass Lenin ein Mausoleum errichtet wurde, just in dem historischen Moment, in dem das russische Volk anfing, den wissenschaftlichen Sozialismus zu studieren.

Russland wurde am Anfang des 19. und fast in der Mitte des 20. Jahrhunderts zum begehrten Objekt zweier kolossaler Kriegsmaschinerien. Man kann mit einem gewissen Recht den napoleonischen und den hitlerischen Krieg gegen Russland reziprok asymmetrisch nennen: technische Überlegenheit stand gegen Masse und Raum und jene war am Ende in beiden zerbrochen. Ohne Zweifel hatte der Feldzug Napoleons gegen Russland einen tiefen weltgeschichtlichen Gehalt, weil er sich gegen das Bollwerk der feudalen Reaktion richtete, die Juden die staatsbürgerliche Gleichberechtigung verwehrte, während die „Operation Barbarossa“ (oder auch der „Fall Weiß“) herrenmenschentümlich angelegt war. Der sich immer östlicher ausweitende Lebensraum für Deutsche wurde zum Todesraum für Juden. Geht man von der Ausrottung der Juden als das höhere Anliegen des Rassisten Hitlers aus, so kann man ihn so gesehen von der genoziden Effizienz her nicht sogleich als Verlierer des Krieges bezeichnen. Im zweiten Weltkrieg erfolgte die Fastausrottung einer Rasse aus einer kaltblütig durchkalkulierten technischen Rationalität heraus, die diesen Krieg zu einem inkommensurablen macht. So zeitigte das zwanzigste Jahrhundert zwei exklusive Kriege: einen gerechten und progressiven zum Kommunismus (oder zur Anarchie), zur Aufhebung der Herr-Knecht-Dialektik in der Weltgeschichte und einen ungerechten und reaktionären zu ihrer Verewigung. Und doch verkündete der Sprecher der „Deutsche(n) Wochenschau“ vom 25. Juni 1941 mit schneidiger Stimme, dass die besten Soldaten der Welt angetreten seien zum Schutz der Kultur gegen die Barbarei. So prallten im Großen Krieg zwei Systeme aufeinander, die aus jeweiligen Bürgerkriegen entstanden, die Stalinisten mussten alles wegräumen, was den Einfall der deutschen Wehrmacht erleichterte einschließlich einer „Fünften Kolonne“, in Deutschland hatten die Faschisten die Ausrottung des Marxismus auf ihre Blutfahne geschrieben. Bis dann am 22. Juni 1941 die Sieger der Bürgerkriege in einen Raumkrieg einstiegen, der in dieser Dimension noch nicht statt hatte. Vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer vollzog sich auf einer Frontbreite von 2 400 km der größte Aufmarsch der Weltgeschichte.