DIE BESTEN SOLDATEN DER WELT SIND ZUM SCHUTZ DER KULTUR GEGEN DIE BARBAREI ANGETRETEN

Der Krieg führt die Menschen zusammen. In diesem Spruch des antiken Philosophen Heraklit ist schon der tiefe dialektische Gehalt, der dem Krieg innewohnt, prägnant ausgedrückt. Der Krieg ist pervers, und dieser Umstand hat  seichte Denker dazu angehalten, ihn ganz zu verwerfen. Nichts wäre falscher als diese Abstraktion. „Krieg dem Kriege“ wäre zwar schlüssig im humanistisch-gefühlsmäßigen, aber nicht im gesellschaftswissenschaftlichen Sinn. Denn trotz aller Perversion des Krieges gibt es gerechte Kriege, die abstrakt zu verwerfen gerade inhuman wäre. Kant, kein Anhänger eines revolutionären Krieges, bezeichnet in dem Streit der Fakultäten den Krieg zwar als den Quell aller Übel und Verderbnis der Sitten, gleichwohl wäre es verfehlt, seine Schrift über den Ewigen Frieden als eine pazifistische zu deuten. In der Neuzeit kennen wir zwei Typen von Kriegen mit einem revolutionären Kern: die von den vom Bürgertum geleiteten Krieg der französischen Revolution ausgehenden gegen die feudale Restauration und die kommunistischen Aufstandskriege gegen das mittlerweile reaktionär gewordene Bürgertum. Die marxistische Theorie als wissenschaftliche Zusammenfassung der Erfahrungen des Proletariats enthält eine Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats vom Joch der kapitalistischen Lohnarbeit und begreift den Kommunismus als die Bewegung, die den kapitalistischen Zustand der Gesellschaft konkret aufheben will. Da die politische Form der ökonomischen Emanzipation der Arbeit nur über die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates und die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft möglich ist, hat sich im Laufe der Theorieentwicklung auch eine militärische Strategie und Taktik des Aufstandes herausgebildet, die vornehmlich von Friedrich Engels im 19. Jahrhundert begründet und in der Oktoberrevolution von 1917 ihre Weiterentwicklung durch Lenin in der Praxis bestand, als sich in dieser die bürgerlich demokratische sofort in eine proletarisch sozialistische umwandelte. Der Punkt der Praxis ist besonders wichtig, die marxistische Theorie versteht sich nicht als philosophische Problematisierung der Arbeiterbewegung, sondern insistiert nachdrücklich auf die Probe durch die historische Praxis, in der Lenin die konkrete Analyse einer konkreten Situation verlangte. Die Aussagen der Theorie beweisen ihre Richtigkeit erst in der Praxis einer Massenbewegung, sind mithin denkend allein gar nicht zu beweisen. Durch die Oktoberrevolution ist Russland nicht nur zu einem weltgeschichtlichen Schwerpunkt geworden, sondern wurde zum Schauplatz eines Krieges, eines Krieges zum Kommunismus, wie er in dieser Art in der Weltgeschichte beispiellos war, nachdem das zarte Pflänzchen des Kommunismus 1871 in Paris von Sodateskastiefeln zertreten worden war. Das war endlich in Russland der von Marx angekündigte, jahrzehntelange Bürgerkrieg, der die völlige Vernichtung des Bürgertums zum Ziel hatte, eine Vernichtung, die hauptsächlich zur Aufgabe einer „Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution und Sabotage“ (Tschecka) wurde. Schon 1926 wurde der „berüchtigte“ Paragraph 58 in das Strafgesetzbuch aufgenommen, der bestimmte, was unter konterrevolutionäre Verbrechen zu subsumieren sei: Sturz, Unterhöhlung und Schwächung der Räte. Die Ermordung Kirows am 1. Dezember 1934 gab das Signal zu Säuberungen, die sich mit denen der französischen, der klassischen bürgerlichen Revolution schwer, letztendlich nicht vergleichen lassen. Denn beide Revolutionen hat einen diametral entgegengesetzten Kerngehalt und die beliebten Assoziationen zwischen beiden bleiben an den Oberflächen dieser Umwälzungen. Theoretisch hatte die bürgerliche Revolution zwar auch die Anarchie zum zentralen Thema, die verfehlt werden musste, weil man den zentralen Gedanken des Revolutionsidols Rousseau verdrängen musste, dass alles soziale Übel vom Privateigentum herrühre. In der Oktoberrevolution ist die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln dann nicht mehr rousseauistisch geprägt, sondern marxistisch: die technische Entwicklung der Produktionsmittel bindet die Produzenten an eine Kollektivität, die keine politische Herrschaftsform mehr zuläßt, sondern über das Absterben einer kollektivistischen Demokratie in die Anarchie mündet. Das ist nach Marx der vollendete Naturalismus als Humanismus, aber beileibe kein „Zurück zur Natur“. Die kommunistische Erhebung intendiert durch Vernichtung der Kapitalaccumulation auch die Herrschaft der Gegenwart über die Vergangenheit. Sie ist ein asymmetrischer Bürgerkrieg, nach Lenins Erkenntnis kämpfen die Kommunisten gegen einen zunächst mächtigeren Feind, der bisher das Monopol der Politikgestaltung, der Verwaltung, des militärischen Fachwissens und der internationalen Beziehungen besaß und sich zudem auf eine ältere und weiter verbreitete Ideologie stützen konnte unter Ausnutzung der besseren Kommunikationskanäle. Auch hatte die Bourgeoisie in ihrer Emanzipation den Vorteil, dass ihre ökonomischen Fundamentalstrukturen bereits unter der feudalistischen Hülle ausgereift waren, während das Proletariat seine kollektivistisch ausgerichteten Strukturen erst nach der Revolution aufbauen muss. Handgreiflich wurde das nach der Oktoberrevolution an einer Landwirtschaft, die durch und durch zersplittert war und die von Marx und Engels verkündete Assoziation von Industrie und Landwirtschaft in weiter Ferne lag. Die emanzipativen Bewegungen der Neuzeit stehen unter dem Diktum der asymmetrischen Kriegführung, aus der heraus Neuerungen auf dem Gebiet des Militärwesens geboren wurden mit dem Schwerpunkt einer Vertiefung des kleinen Krieges, den zu führen man angehalten war. Seien es die Barfußsoldaten des Generals Washingtons, die ungeübten Sansculotten, die Matrosen von Kronstadt, die Fahrradsoldaten Giaps, immer lag ein Bleigewicht eines traditionell eingespielten Berufssoldatentums auf ihren Köpfen und es bewahrheitet sich an ihren Erfolgen, die mit einer Wucht einschlugen, die Hegelsche Dialektik der Weltgeschichte, dass in ihr aus unscheinbar Kleinem Großes emporwachsen könne. Lenin schrieb noch im März 1917 in einem Brief nach Russland, dass er kein Brot mehr habe und war wenige Monate später offizielles Oberhaupt über ein Sechstel der Erdoberfläche. Ganz offensichtlich hatte der deutsche Generalstab durch die Einschleusung von Lenin nach Russland lediglich eine Chaotisierung des Landes bezwecken wollen, in der er und seine Bolschewiken ebenfalls versinken sollten, denn die deutsche Armee sollte von ihrem russischen Hauptquartier in Moskau die Besatzungsverwaltung diktieren, stattdessen standen die Räte auf, die sich anschickten, die tiefste Revolution in der Weltgeschichte auszuführen. Statt eines leichten Einmarsches nach Moskau sah sich das deutsche Offizierskorps vor einer Volksmiliz, die ein Offizierskorps gerade abschaffte. Historisch im Pech waren die Soldaten Dombrowskis und Wróblewskis, der Pariser Commune stand eine preußisch-“national“französische Militärkoaltion entgegen und diesem doppelten Druck, die Bourgeoisie zweier Länder zum ersten Mal in der Geschichte vereint zur Niederschlagung des gemeinsamen Feindes, konnte die Commune nicht standhalten. Die Communarden waren zudem so scheu, dass sie vor der Beschlagnahme der Pariser Nationalbank haltmachten und militärisch nicht sofort nach Versailles marschierten, wo die konterrevolutionäre Regierung saß. Die Revolutionäre sind ganz anders, als bürgerliche Ängste sie ausmalen. Obwohl der bürgerliche Revolutionskrieg gegen den Feudalismus nur peripher unter dem Banner des Atheismus geführt worden war und die religiösen Robespierristen den Takt im Kampf gegen ihre dem Mittelalter verhafteten Gegnern angaben und durch den proletarischen Atheismus die Hemmschwelle zur Ausrottung der Konterrevolution wesentlich niedriger anzusetzen ist oder gegen Null tendiert, da eine höhere außerirdische postmortale Beurteilungsinstanz menschlicher Handlungen wegfällt, zeigten sowohl die Pariser Kommune als auch der russische Bürgerkrieg, dass der weißgardistische Terror roten weit übertraf. Die Anbetung des Geldes, die Raserei, annulliert jedes Sündenregister. Aus der Tatsache, dass der bürgerliche und der proletarische Terror aus ökonomischen Bedürfnissen herrühren, wird verständlich, dass der rote schon deshalb minimaler sein muss, weil er einer der Mehrheit gegen eine asoziale Minderheit ist. In unserem eurozentristischen Gedankenkreis ist der Kriegszug der Wehrmacht gegen Osten essentieller als der vorausgehende wesensverwandte sowjetische Bürgerkrieg der Roten gegen die Weißen, der diesen natürlich für uns überlagert, da jener tief in das Leben Mitteleuropas eingriff und uns natürlich mehr tangierte als der rein innersowjetische. Zudem sind die kriegerischen Konfrontationen am Ende des ersten Weltkrieges zwischen der deutschen Armee und der jungen Sowjetrepublik nach fast hundert Jahren in der kollektiven Erinnerung eher verblasst. Je weiter die Geschichte der Klassenkämpfe zurückliegt, desto mehr wird sie Nacherzählung, obwohl die gegenwärtigen Klassenkämpfe in den vergangenen verwurzelt sind und diese dadurch sogar noch in die sich aus den gegenwärtigen abzeichnenden zukünftigen Konturen hineinwirken. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist dieses permanente Durchdringen und Aufheben von vergangenen und gegenwärtigen Strukturen, aus denen heraus Marx zukünftige Strukturen nur skizzieren wollte. Dass die Gegenwart über die Vergangenheit herrsche war aus der Klassenkampfgeschichte ablesbar, programmatisch im Kommunistischen Manifest an der aufzuhebenden Knechtung durch Arbeit entwickelt – es bleibt daher eine Merkwürdigkeit, eine vielleicht sogar ersten Ranges, dass Lenin ein Mausoleum errichtet wurde, just in dem historischen Moment, in dem das russische Volk anfing, den wissenschaftlichen Sozialismus zu studieren.

Russland wurde am Anfang des 19. und fast in der Mitte des 20. Jahrhunderts zum begehrten Objekt zweier kolossaler Kriegsmaschinerien. Man kann mit einem gewissen Recht den napoleonischen und den hitlerischen Krieg gegen Russland reziprok asymmetrisch nennen: technische Überlegenheit stand gegen Masse und Raum und jene war am Ende in beiden zerbrochen. Ohne Zweifel hatte der Feldzug Napoleons gegen Russland einen tiefen weltgeschichtlichen Gehalt, weil er sich gegen das Bollwerk der feudalen Reaktion richtete, die Juden die staatsbürgerliche Gleichberechtigung verwehrte, während die „Operation Barbarossa“ (oder auch der „Fall Weiß“) herrenmenschentümlich angelegt war. Der sich immer östlicher ausweitende Lebensraum für Deutsche wurde zum Todesraum für Juden. Geht man von der Ausrottung der Juden als das höhere Anliegen des Rassisten Hitlers aus, so kann man ihn so gesehen von der genoziden Effizienz her nicht sogleich als Verlierer des Krieges bezeichnen. Im zweiten Weltkrieg erfolgte die Fastausrottung einer Rasse aus einer kaltblütig durchkalkulierten technischen Rationalität heraus, die diesen Krieg zu einem inkommensurablen macht. So zeitigte das zwanzigste Jahrhundert zwei exklusive Kriege: einen gerechten und progressiven zum Kommunismus (oder zur Anarchie), zur Aufhebung der Herr-Knecht-Dialektik in der Weltgeschichte und einen ungerechten und reaktionären zu ihrer Verewigung. Und doch verkündete der Sprecher der „Deutsche(n) Wochenschau“ vom 25. Juni 1941 mit schneidiger Stimme, dass die besten Soldaten der Welt angetreten seien zum Schutz der Kultur gegen die Barbarei. So prallten im Großen Krieg zwei Systeme aufeinander, die aus jeweiligen Bürgerkriegen entstanden, die Stalinisten mussten alles wegräumen, was den Einfall der deutschen Wehrmacht erleichterte einschließlich einer „Fünften Kolonne“, in Deutschland hatten die Faschisten die Ausrottung des Marxismus auf ihre Blutfahne geschrieben. Bis dann am 22. Juni 1941 die Sieger der Bürgerkriege in einen Raumkrieg einstiegen, der in dieser Dimension noch nicht statt hatte. Vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer vollzog sich auf einer Frontbreite von 2 400 km der größte Aufmarsch der Weltgeschichte.

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