LENIN UND CLAUSEWITZ….bald mehr, bald weniger Krieg

Der russische Revolutionär  Lenin hat ungefähr von Januar bis Juni 1915 in der Berner Bibliothek während seiner zweiten Emigration das Fundamentalwerk von Clausewitz „Vom Kriege“ studiert und umfangreiche Exzerpte aus diesem Buch angefertigt. Zusammengefasst sind diese unter dem Titel: „Auszüge und Bemerkungen zu dem Buch von Clausewitz über Krieg und Kriegführung“, eine Zusammenfassung, die sich nicht in der Gesamtausgabe seiner Schriften befindet. Teilweise hat er ganze Passagen abgeschrieben, was auf die Wichtigkeit der Bemerkungen verweist, die sich Lenin durch die Abschrift besser einprägen wollte. Es ist nun einmal so, dass das, was durch die menschliche Hand gegangen ist, besser im Gehirn sitzt. Wie wichtig ihm dieses Buch war, wird unter anderem auch daraus ersichtlich, dass es neben dem Kapital von Karl Marx das einzige Buch war, das er auf seiner Flucht nach dem mißglückten Juli-Aufstand 1917 nach Finnland mitnahm. Clausewitz hätte das mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, war es doch sein Ehrgeiz, ein Buch zu schreiben, das nicht nach drei Jahren der Vergessenheit anheimfiel.  Erst durch die von Lenin vollzogene Konjunction der Fundamentalwerke kurz vor der Oktoberrevolution bekommt das Werk von Clausewitz endgültig die weltgeschichtliche Weihe. Marx und Clausewitz waren in dieser angespannten historischen Wartestellung und durch die Revolution gelang ihnen nun endgültig der weltgeschichtliche Durchbruch. Das von Clausewitz herausgearbeitete Wechselverhältnis zwischen Krieg und Politik wurde nach kritischer Durchleuchtung Bestandteil des Marxismus-Leninismus und prägte Millionen Menschen in ihrem Denken, erst durch den roten Oktober und der Etablierung der wissenschaftlichen Weltanschauung erhält die Militärphilosophie von Clausewitz eine historische Wirkstätte. Der nationale und internationale Klassenkampf zwischen dem Weltproletariat und der Weltbourgoisie gestaltet sich so, dass beide Lager Clausewitz studieren. Denn noch mehr als die französische Revolution hat die Oktoberrevolution zu einer Politisierung der Massen geführt, während reaktionäre Strömungen und Regime die Massen gerade von der Politik ablenken, sie auf das Minimum des Wahlkreuzes infantilisieren und den Untertanen etwas zum Spielen geben. Clausewitz sei nichts für einfache Soldaten. Und der deutsche reaktionäre General Ludendorff pervertierte Clausewitz geradezu mit seiner Auffassung, dass die Politik dem Krieg zu dienen habe. Damit stellte er sich gegen die Tradition der Befreiungskriege und gegen die humanistische Tendenz der bürgerlichen Aufklärung, die in Kants programmatischer Schrift „Zum Ewigen Frieden“ gipfelte. Dieser Friede kann nur apolitisch sein und sein Gegenbild ist der Ewige Krieg, der nicht ohne Politik auskommt.

Dennoch ist die Bedeutung des Generals der Befreiungskriege für die marxistische Militärtheorie nicht ungebrochen, es liegt keine einfache Adaption vor, kein Kotau vor einer Autorität. „Was insbesondere Clausewitz betrifft, so ist er als Autorität auf dem Gebiete der Kriegstheorie natürlich veraltet. Clausewitz war eigentlich ein Vertreter des Manufakturzeitalters des Krieges. Zweifellos braucht das maschinelle Zeitalter neue militärische Ideologen. Es wäre lächerlich, heute bei Clausewitz in die Schule zu gehen“. 1.  Clausewitz blieb als überzeugter Royalist  der preußischen, der deutschen Militärtheorie verhaftet, wirkte in dieser fort und beeinflußte nicht unerheblich das Denken und Handeln der reaktionären deutschen Generalität in zwei Weltkriegen. Die deutsche Militärtheorie hatte aber in zwei Weltkriegen ihre Prüfung in der Praxis nicht bestanden. Schon allein die Katzenbuckelei vor dem Gefreiten Hitler zeigte deutlich an, wie faul, wie morsch, wie dekadent das ganze deutsche Bürgertum schon war. Dieses servile Bürgertum war immer auf Seiten der Volksunterdrücker zu finden und der Faschismus war die völlig normale Frucht dieser volksverachtenden Grundeinstellung.

Durch die Exzerpte Lenins  ist uns gleichzeitig auch die Möglichkeit gegeben, Arbeitsweise und Denkstil eines Berufsrevolutionärs kennenzulernen, der wie kein anderer das Anlitz der Welt verändert hat. Durch sie lesen wir Clausewitz wie Lenin ihn gelesen hat. Lenin konzentrierte seine Aufmerksamkeit vor allem auf die philosophisch grundsätzlichen Aspekte des Krieges, auf sein Wesen und auf sein Verhältnis zur Politik, ihn interessierten die „moralischen Größen“ und das Wechselverhältnis von Verteidigung und Angriff. Da auch Clausewitz, der sich mit der Philosophie Hegels auseinandergesetzt hatte, Ansätze dialektischen Denkens aufwies und besonders die Dynamik der Entwicklung des Krieges herausstrich, Dogma und System für obsolet erklärte, hat Lenin in ihm in mehr als in einer Hinsicht einen Geistesverwandten gesehen. Aber Lenin sah sich nicht als einen militärischen Fachmann. Nach der Oktoberrevolution äußerte Lenin, dass er schon zu alt zum Erlernen der Kriegskunst sei. Besonders ausführlich und wiederholt geht Lenin  auf die Grundaussage des preußischen Generals ein, dass der Krieg die Politik nur fortsetze und legt den Schwerpunkt seines Studiums daher auf das erste und achte Buch. Es sind also gerade die nicht rein militärischen Bücher, mit denen er sich auseinandersetzte, er las Clausewitz politisch und hinterließ keine Leitsätze zu militärischen Fragen. Die dort von Clausewitz ausgefalteten Überlegungen hat er sich als Grundwahrheiten zu eigen gemacht: der Krieg ist nur Mittel des politischen Zwecks – er hat seine eigene Grammatik, aber nicht seine eigene Logik. Darüber hinaus fesselten weitere Wesensdefinitionen des Krieges, die von Entwicklungsgedanken durchwaltet sind, den Geist Lenins. Fasziniert war er, der durch die proletarische Erhebung den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg umzuwandeln strebte, von der dialektischen Auffassung des Krieges: der Krieg ist ein Widerspruch in sich, ein Halbding, bzw. ein Ding, das bald mehr, bald weniger Krieg ist. „Der Krieg ist also nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten Falle seine Natur etwas ändert, sondern er ist es auch seinen Gesamterscheinungen nach…“ 2. Jeder Krieg muß in den ihn hervorbringenden Umständen und Zeiten studiert werden. Raum, Zeit und gesellschaftliche Bedingungen erzeugen ein ihn prägendes Milieu, eine konkrete Kriegssituation. Mit dem Wandel ihrer sozialen und politischen Verhältnisse  vollziehen die Klassen einer Epoche auch einen Wandel ihrer Klassenkampftheorien. In der französischen Revolution wurde der Krieg von allen konventionellen Schranken befreit und begann, einem absoluten Charakter (Volksmiliz) zuzustreben. Nur wenn wir diese großen Verhältnisse und ihre Brüche berücksichtigen, können wir die Schlachten in den einzelenen Epochen verstehen und würdigen. Weiterhin stimmte Lenin der Feststellung zu, dass die Kriege nicht dem Gebiet der Kunst oder der Wissenschaft angehören, sondern dem gesellschaftlichen Leben, da sie einen sich in der Regel blutig entladenden Konflikt grosser Interessen beinhalten. Der Krieg -hier wird die rationale Fassung des Phänomens besonders deutlich – kann am ehesten mit dem Handel verglichen werden, er ist kein den überirdischen Schicksalsmächten anheimgegebenes Würfelspiel. Nur wenn er von der Politik, dem Machtkampf der Klassen, losgelöst wird, entzieht er sich dem Betrachter und wird ein sinn- und zweckloses Ding. Die richtige „Vorstellungsart würde selbst dann unentbehrlich sein, wenn der Krieg ganz Krieg, ganz das ungebundene Element der Feindschaft wäre…“ 3. Die Politik bildet den obersten Standpunkt für die Leitung des Krieges und nur wenn der untersuchende Historiker  ihn einnimmt, wird die Kriegsgeschichte verständlich, erkennt man die Hauptlinien im Chaos des kolossalen Gemäldes.

Der sogenannte erste Weltkrieg stellte die verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung auf ihre bisher größte Bewährungsprobe, er brachte in den meisten europäischen Arbeiterparteien eine Abkehr vom Internationalismus, den man auf dem Basler Kongress 1912 noch beschworen hatte. Eindeutig, und das ist deprimierend genug, taumelte die Arbeiterbewegung in den Sozialchauvinismus. Es bewahrheitete sich, wie wichtig die Präsenz des wissenschaftlichen Sozialismus im Bewußtsein der Arbeiter und Arbeiterinnen gewesen wäre. Er war nicht vorhanden und die Sozialdemokraten wurden quasi über Nacht Opfer des Irrationalismus, der sie soweit verführte, dass sie in Deutschland zum Beispiel aktive Hilfe bei der Ermordung der Kommunisten Luxemburg und Liebknecht leisteten. Die Lektüre einiger Texte von Marx und Kautsky reichte eben noch nicht aus, den Marxismus zu meistern, der durch die materialistische Dialektik den Zusammenhang der Klassenkämpfe umfasst. Es wurde nicht erfasst, dass der imperialistische Krieg die Fortsetzung der imperialistischen Politik war, die zu ihm führte. Es wurde deutlich, was Sozialchauvinismus bedeutet: zurückschrecken vor allen, buchstäblich allen revolutionären Kampfmitteln, sich bereitwillig den bürgerlichen Militärbehörden fügen. So endete die zweite Internationale und Lenin entwickelte das Fundament einer dritten: den Kampf der imperialistischen Räuber untereinander auszunutzen, um sie allesamt zu beseitigen. Sollte dies gelingen, dann wäre der imperialistische Krieg nicht ganz umsonst gewesen, dann kann er zur Entfaltung der proletarischen Weltrevolution ausgenutzt werden. Aber ein imperialistischer Krieg ist der denkbar schlechteste Umstand für diese. In der marxistischen Klassik gründet diese in einer ökonomischen Krise, in der weit weniger Produktivkräfte vernichtet werden als in einem Krieg. Engels sah das bereits 1847 in den „Grundsätzen des Kommunismus“. Nichts wünschten die Kommunisten mehr als eine friedliche Überwindung der kapitalistischen Ausbeutung. Wenn der Bourgeois zum nationalen Krieg aufruft, ruft der Kommunist: Frieden ! Der Auffassung vom Clausewitzexperten Werner Hahlweg ist also nicht zuzustimmen, wenn er die Leninisten als die kaltblütigen Kalkulatoren des Völkergemetzels hinstellt, die auf eine kriegsbedingte Revolutionierung der Massen setzten. Boten nicht die Leninisten als einzigste Regierungspartei allen kriegführenden Ländern sofort einen demokratischen und gerechten Frieden an ? Aber der Militarist Hahlweg meint: „Der Krieg übernahm jetzt die Rolle der einst von Marx und Engels als unvermeidlich angesehenen und erhofften,  jedoch damals nicht eingetretenen großen ökonomischen Krise. Mit den durch ihn verursachten Opfern, dem vielfachen, von ihm über alle beteiligten Völkern gebrachten Leid schuf der erste Weltkrieg jene Stimmung von Hass und Verbitterung der Beherrschten und Ausgenutzten gegen die Herrschenden, wie sie zu den unerläßlichen Voraussetzungen einer Revolution gehören“. 4. Und was hatte der erste Weltkrieg als Grundlage für die rasche Vermehrung der Produktivkräfte, für den Aufbau des Sozialismus in Sowjetrussland hinterlassen ? Es gab kaum eine Infrastruktur im westlichen Teil des Landes, die Bedingungen waren so, dass eine NEP konzipiert werden musste, in der sich kapitalistische Elemente bereichern konnten. Das war alles andere als ideal. Krise und Krieg gehören ganz verschiedenen Ordnungen an, immer werden sich Marxisten für die erste aussprechen als Geburtshelferin der Revolution. Lenin wies uns darauf hin, dass die Verbindung zwischen Krisen und Kriegen falsch sei. 5.

Wir hatten gesagt, dass der Krieg ein Halbding sei, das heißt auch, das er im Leben der Völker mal hervortritt, mal im Hintergrund bleibt, dass also die Verhältnisse zwischen Ökonomie, Politik und Militärwissenschaft wechseln. Am 29. Juli 1918 schrieb Lenin angesichts der Bedrohung der jungen Sowjetrepublik, daß die militärische Frage wieder in den Vordergrund trete. Es gibt eben keine einseitigen Determinationszusammenhänge, sondern eine Wechselwirkung – sonst genügt uns die formale Logik und dialektisches Denken wäre überflüssig. Wie der alte Engels allzu einseitige Festlegungen des Verhältnisses von Ökonomie und Politik in der „Deutschen Ideologie“ korrigierte, so warnte auch Clausewitz vor einer starren Auslegung des Verhältnisses von Krieg und Politik. Der Krieg sei nicht untertänig, sondern der militärische Stab könne gewisse Forderungen an die Politiker stellen. „Nur dann, wenn die Politik sich von gewissen kriegerischen Mitteln und Maßregeln eine falsche, ihrer Natur nicht entsprechende Wirkung verspricht, kann sie mit ihren Bestimmungen einen schädlichen Einfluß auf den Krieg haben. Wie jemand in einer Sprache, der er nicht gewachsen ist, mit einem richtigen Gedanken zuweilen Unrichtiges sagt, so wird die Politik dann oft Dinge anordnen, die ihrer eigenen Absicht nicht entsprechen. Dies ist unendlich oft vorgekommen, und dies macht es fühlbar, dass eine gewisse Einsicht in das Kriegswesen von der Führung des politischen Verkehrs nicht getrennt werden sollte“ 6. Nur wenn man dieses Wechselverhältnis begriffen hat, kann man die Kriege in ihrer Spezifität richtig deuten. Lenin berücksichtigte dieses in seinem Kampf gegen die Opportunisten und gegen die Ultralinken. Gegen erstere hob er hervor, dass keine imperialistische Bourgeoisie noch einen Befreiungskrieg führen könne, gegen die „Linken Kommunisten“ berief er sich auf Clausewitz, um die defensive Haltung gegenüber der deutschen Verhandlungsdelegation in Brest-Litowsk  zu rechtfertigen. Im Gegensatz zu Trotzki und den Linken schätzte er die internationale Lage richtig ein, dass ein revolutionärer Ausbruch weder in Deutschland noch in einem anderen Land unmittelbar bevorstehe, dass also die Sowjets sich in einer schwächeren Position befinden. Notfalls wollte er sich mit der Arbeiter- und Bauernarmee hinter den Ural zurückziehen. Durch das Studium von Clausewitz war Lenin auch in der Lage, den Vortrag russischer Sozialisten (u.a. Plechanow) zu widerlegen, die der deutschen Reaktion die alleinige Kriegsschuld zuschoben und dadurch der zaristischen Armee noch eine Befreiungsmission andichteten. In dem Aufsatz „Über den Separatfrieden“ vom 6. November 1916 wies Lenin auf die Geheimverträge zwischen Russland, Frankreich und England hin und legt dar, dass der Krieg von allen Regierungen nur die Fortführung ihrer schon lange betriebenen imperialistischen Politik ist. Der Zarismus bildete dabei keine Ausnahme, auch er setzte im „Großen Krieg“ seine expansionistische Politik fort. Ihn in einen Bürgerkrieg umzuwandeln würde den bereits 1905 eingeschlagenen rätedemokratischen Weg wieder frei machen.

1. Josef Stalin, Antwortschreiben an den Oberst Rasin, Werke Band 15, Verlag Roter Morgen,       Dortmund, 1976,27f.

2. Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Dümmler Verlag Bonn, 1973,991

3. a.a.O.

4. Werner Hahlweg, Lenin und Clausewitz, Archiv für Kulturgeschichte,372

5. Lenin, Zur Revision des Parteiprogramms, Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin, 1960,148

6. Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Dümmler Verlag, Bonn, 1973,995

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