100 Jahre sogenannter Erster Weltkrieg – Bemerkungen zum Ende des Krieges

Lenin lehrte uns, dass der Krieg eine kunterbunte Sache ist und dass man nicht mit einer Schablone an ihn herantreten darf. Besonders die militärischen Betonköpfe im deutschen OKH aber dachten in alten, vorgefertigten Schablonen, klammerten sich an die starre Gefechtstaktik und konnten nicht erfassen, dass der Krieg eben eine kunterbunte Sache ist. Ein Krieg wäre leicht zu führen, wüßten wir sein Wesen vor seiner Entfaltung, dem ist aber nicht so. Es gilt, intuitiv seine neuen Gegebenheiten,  die Bedeutung neuer Waffen und ihre Wirkungen, Brüche und Zufälle auf dem Schlachtfeld zu erfassen. Die Entente hatte weniger Kommißköpfe als die Mittelmächte und in dieser Tatsache gründete sich unter anderem ihr Sieg: es wurde früher erkannt, dass die Kombination von Flugzeugen und Panzern den in sich verharrenden Krieg aufbrechen konnte, mit den Panzern und ihren Kombinationsmöglichkeiten waren die Ententeoffiziere kriegsgeschichtlich über den sogenannten ersten Weltkrieg sogar hinaus. Zwei Faktoren entschieden zunächst den Krieg im Westen: die Waffenkombination und die Reservisten aus den USA, die massenhaft über den Atlantik kamen. Im Osten sollte sich ein Drama anderer Art abspielen, dort handelte es sich zunächst nur um Lenin und 32 seiner in Zürich lebenden Anhänger. Und damit kam ein dritter Faktor ins Spiel, der den Krieg endgültig entschied. Im Einschleusen des Begründers des Bolschewismus nach dem sich in einer unberechenbaren Gärung befindlichen Rußland wurde vom deutschen OKH verkannt, dass mit ihm eine Schlüsselfigur des sogenannten ersten Weltkrieges mit überragenden weltgeschichtlichen Format auftrat. Das seine beiden größten Söhne, Karl Marx und Friedrich Engels, so sehr mißachtende und ihre Anhänger inhaftierende offizielle Deutschland wurde zum Geburtshelfer des praktischen Leninismus, der in einem Land emporkam, in dem durch den Weltkrieg 15 Millionen Menschen mobilisiert worden waren. In Russland kam es dann hin: die Bolschewiki waren der Funke, der eine ganze Steppe in Brand steckte. Fakt und mitentscheidender Faktor im Krieg waren das Fehlen einer Vision der Mittelmächte. Es war so gekommen, wie Engels es vorhergesehen hatte: im nächsten großen Krieg werden Kronen in die Gosse fallen und niemand wird sich bücken, sie aufzuheben. Der Stern Wilhelm II verblasste, alle Beteiligten am Krieg hatten tiefe Wunden abbekommen und in dieser Situation waren Visionen gefragt, Visionen, die Massen ergreifen konnten. Wilhelm konnte außer einer kriegsverbrecherischen hohenzollernschen Tradition nichts bieten, wohl aber Lenin und Wilson. Mit ihnen kam zur Mentalität des Krieges eine spezifische Atmossphärik hinzu: in den großen Weltkrieg färbte sich eine Bürgerkriegsmentalität ein. Der Krieg, als lokaler konzipiert, war zum totalen, zum Schicksal der Menschheit dadurch geworden, dass er als Weltbürgerkrieg die Frage der bürgerlichen, gegen den Feudalismus gerichteten und der proletarischen, gegen den Kapitalismus gerichteten Demokratie im Umrissen weltweit aufwarf. Mochte der Soldat am Ende des großen Krieges nur seine Haut retten, so zeigte sich doch, wie wichtig es war, die Köpfe zu gewinnen, um den Krieg zu beenden, der zur Mutter eines ungeheuren Emanzipationspotentials wurde. Es wird zur Tragik des XX. Jahrhunderts werden, dass seine Mutter der Emanzipation an der Wiege des Krieges stand. Das Ende des sogenannten ersten Weltkrieges ist also nicht nur materiell, etwa durch den Landhunger Millionen russischer Bauernsoldaten zu erklären, denen die Bolschewiki entgegen ihrer eigenen Theorie mit einer Forderung der Sozialrevolutionäre goldene Zeiten in Aussicht stellten, das Ende ist auch aus einer Blockade imperialistischen Kriegsdenkens zu erklären, das bei Millionen einfacher Soldaten durch die sozialen und demokratischen westöstlichen Verlockungen die Frage des eigenen Ichs in diesem Krieg aufwarf. Millionen Menschen stellten sich die Fragen, für wen und für welche Ideale sie eigentlich kämpften und mit dem Fragen und Nachdenken fing das Nagen an der Gehorsamspflicht an, setzte sich eigenes Interesse über eingeimpftes fremdes. Der einzelne, vor Ort kämpfende einfache Soldat hatte viel zu wenig Einblick in gesamtstrategische Zusammenhänge, nur die höheren Offiziere erblickten auf den Landkarten immer mehr, dass der Krieg sich auch militärisch seinem Ende zuneigte. Der sogenannte erste Weltkrieg erschöpfte sich nicht nur materiell, sondern zugleich auch ideell in einem Weltbürgerkrieg, der nur erst als Gespenst umherging. Beides zusammen, die sehr tief sitzende Nachhaltigkeit grauenhafter persönlicher Erlebnisse in den Kriegshöllen und die globale objektive Unbestimmtheit der Weltgeschichte, der man im Weltkrieg nicht Herr geworden war, paralysierten das militärische Denken, so dass dieser Krieg wie jeder stumm endete. Das ist die Ironie des Krieges, die wohl bitterste auf Erden. Dass der sogenannte erste Weltkrieg nicht der letzte war, ist die wohl deprimierendste Tatsache der Weltgeschichte. Auf der subjektiven Ebene kehrte der deutsche Soldat nur für eine gewisse Zeit in sich ein, um sich nur zwanzig Jahre später in einer noch gigantischeren orgiastischen Explosion zu entladen, auf objektiver Ebene war die deutsche rote Revolution gescheitert, so dass der bürgerliche Staatsapparat der Weimarer Republik alles Erdenkliche tun konnte, dass unter dem Auge des Gesetzes die alten Kriegsverbrecher sich in Sicherheit fühlten, um einen neuen Weltkrieg vorzubereiten.

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