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ZUM FETISCHCHARAKTER DER WELTKRIEGE

11. Juli 2014

Der Krieg führt die Menschen zusammen. In diesem Spruch des antiken Philosophen Heraklit ist schon der tiefe dialektische Gehalt, der dem Krieg innewohnt, prägnant ausgedrückt. Sollte man an einer konkreten gesellschaftlichen Erscheinung entfalten, was unter Dialektik zu verstehen sei, so wähle man den Krieg, nicht den Frieden. Der noch nicht ausgebrochene Krieg erscheint zunächst als etwas ganz Lapidares, als nervtötendes Exerzieren, Einerleiheit grau in grau, um dann über Nacht emporzuschnellen zum alles Entscheidenden, von dem das Schicksal von Staaten, ja von ganzen Gesellschaftssystemen abhängt. Er läßt sich plakativ und leicht erlernbar in Jahreszahlen einrahmen, nähere Betrachtung offenbart, wie schwierig es ist, seinen Anfang und sein Ende exakt zu bestimmen. Der Frieden geht in den Krieg über und vice versa. Der Krieg schwelt, mehr oder minder versteckt. Millionenfache subjektive Friedenswünsche werden durch die strenge Objektivität des Krieges ignoriert. Er ist die gräßlichste objektive Gestalt, die sich hinter dem Rücken der Menschen zusammenbraut und gebieterisch die Anspannung aller Kräfte verlangen kann. Die Existenz von Menschen geführten Kriegen zeigt ihre Ohnmacht gegenüber dem von ihnen selbst initiierten und dann gegen sie selbst gerichteten Gang der Geschichte an. Die Bewährung, die im Krieg statthaben soll, erweist sich am Ende als ungenügende Naturbeherrschung. Es wird nicht erkannt, in welchem Milieu heute der Krieg stattfindet, weil die bürgerlichen Ideologen und Offiziere heute nicht mehr in der Lage sind, die Wirklichkeit richtig widerzuspiegeln. Ohne Zweifel ist zum Beispiel das geographische Milieu für die Gestaltung des Krieges recht wichtig, auch der Volkscharakter, das Empfinden, die politische Gesinnung und die Weltanschauung der Soldaten, aber das alles sind sekundäre Faktoren, der Charakter eines Krieges wurzelt heute in der kapitalistischen Ökonomie, in der die Menschen nicht wissen, dass sie, indem sie im Warenaustausch ihre verschiedenartigen Produkte einander als Werte gleichsetzen, sie ihre verschiedenen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleichsetzen.  (Vergleiche Karl Max, Das Kapital, Werke Band 23, 1984, 88). Kurz: die Menschen wissen nicht, was sie tun, und dann wundert man sich noch über die Millionen Toten, die die imperialistischen Kriege produzieren. Wenn schon im Frieden der Produktionsprozess die Menschen, die Menschen nicht den Produktionsprozess beherrschen, wie viel weniger beherrschen sie den Prozess des Krieges. Der Kriegsprozess beherrscht die Soldaten, die Soldaten beherrschen nicht den Kriegsprozess. In einer Besprechung Hitlers mit Feldmarschall von Kluge am 26. Juli 1943 bestätigen es beide kurz hintereinander. Zunächst Kluge: „Diese Entwicklung der gesamtpolitischen Lage war nicht vorauszusehen von uns, das konnten wir nicht ahnen, daß das so kommen würde“.  (Adolf Hitler, Besprechung Hitlers mit Feldmarschall von Kluge am 26. Juli 1943, in: Lagebesprechungen im Führerhauptquartier, herausgegeben von Helmut Heiber, dtv dokumente, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1963,202). Und wenig später Hitler: „Herr Feldmarschall, wir sind hier nicht Herr unserer eigenen Entschlüsse…“  (a.a.O.,206).  Zwar hat der Krieg einen objektiven Gehalt, aber eine objektivistische aus dem Fetischcharakter der Ware allein abgeleitete Geschichtsbetrachtung reicht nicht aus, die Materie zu erfassen; es sind spezifische Klasseninteressen, die den Krieg bewirken, die ihn vorantreiben und die selbst durch Niederlagen nicht zum Erlöschen kommen, wie die beiden Weltkriege gezeigt haben. Eine rein objektivistische (oder eine angeblich neutrale) Betrachtungsweise führt zur militanten und politischen Passivität, zum „philosophischen“ Zuschauen und verfehlt gerade entscheidende Hauptkriterien des Marxismus: zum einen seine politische-militante Praxisbezogenheit, zum anderen: dass er kein Dogma, sondern eine konkrete Anleitung zum Handeln ist, eine Anleitung zur Vernichtung der Klassen, die die Kriege verursachen und zu verantworten haben. Die bürgerlichen Professoren dozieren mit Vorliebe „marxistisch“, kennen den Marxismus auswendig – Spaß beiseite ! – haben die Ausführungen von Clausewitz über das Wechselverhältnis von Politik und Krieg, der sich in der Politik anbahnt, brav gelernt … wer von ihnen wäre aber bereit und auch in der Lage, einen Bankraub zu organisieren wie Stalin. Stalin folgte im Juni 1907 in Tiflis nur einer Anleitung Lenins. Hätten mehrere Marxisten in den europäischen Hauptstädten so gehandelt, hätten sie den Großbankiers das Kapital entzogen, wäre es nicht zum ersten Weltkrieg gekommen. „In Europa gehen die Lichter aus“, empfand der englische Außenminister Edward Grey bereits bei Ausbruch des ersten Weltkrieges, den Thomas Mann im Zauberberg als „Weltfest des Todes“, der Philosoph Georg Simmel als europäisches Harakiri wiedergab. Arthur Schnitzler schrieb am 5. August 1914 in sein Tagebuch: „Der Weltkrieg. Der Weltruin“ und Gorki sprach hellsichtig vom ersten Akt einer Welttragödie.

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