Archive for August 2014

Über die Notwendigkeit einer Kulturrevolution in Deutschland

24. August 2014

Tagtäglich überschütten uns die kapitalistischen Medien mit Lügen, Halbwahrheiten, Auslassungen, oberflächlichen Berichterstattungen und einseitigen Kommentaren über die Geschehnisse in der Welt, besonders über das Kriegsgeschehen. Zur Zeit erleben wir eine profaschistische Berichterstattung, besonders im ZDF, über den Bürgerkrieg in der Ukraine, eine proisraelische Berichterstattung über den sogenannten Gazakonflikt und der Vormarsch des „Islamischen Staates“ wird nicht etwa zum Anlaß genommen, die Religion als Opium des Volkes zu geißeln, sondern kritiklos wird unterstützt, dass die deutsche Rüstungsindustrie an diesem mittelalterlichen Primitivismus jetzt auch noch verdienen kann. Anders kann es in kapitalistischen Systemen auch nicht sein, in dem die Journalisten nach der Melodie zu tanzen haben: Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.

Ein erschütternder Vorgang lief am Dienstagabend des 19. August 2014 um 20 uhr 15 im ZDF ab. Angekündigt war in den Sudelblättern, die TV-Magazine genannt werden, eine Dokumentation über den ersten Weltkrieg mit dem Titel: „Die Suche nach den verlorenen Söhnen“. Das TV-Magazin „TV direkt“ kündigte diese Sendung wie folgt an:  100 Jahre Erster Weltkrieg. Wie erging es den Männern, die das Grauen der Kämpfe erlebten ? Kleingedruckt war dann unter dieser Programmankündigung zu lesen: Evtl UEFA Champions League: Play-Off Hinspiel mit Bayer Leverkusen. Man darf dreimal raten, was gesendet wurde. Bedenkenlos entschieden sich die Programmgestalter des ZDF für den Mammon, für den Fußball als ein Millionengeschäft. Keine Spur davon, dass eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt einen Aufklärungsauftrag, eine soziale Fürsorgepflicht und eine Pflicht zur Kriegsverhinderung hat. Das deutsche Volk wird quasi entmündigt, als ob es aus der Vergangenheit nichts lernen könne, als ob es ein Volk von verspielten Kindern sei, die die Beschäftigung mit Fragen der Politik, des Friedens und des Krieges lieber den erwachsenen Fachleuten, den Politikern und Generälen überlassen und dem „König Fussball“ huldigen. Als ob das deutsche Volk aus Menschen besteht, in denen der innere Schweinehund siegt, die die Pflicht der Neigung opfern. Hat es ein solch infantiles Volk nicht verdient, in den Höllen von Verdun und Stalingrad geopfert zu werden ? Nein und abermals nein ! Das deutsche Volk unter Führung seiner Arbeiterklasse muß sich auf einen Bürgerkrieg gegen das Kapital vorbereiten, in dessen Verlauf auch eine Kulturrevolution stattfinden muss. Engels wies uns daraufhin, dass das Proletariat seinen Kampf gegen die kapitalistischen Blutsauger nicht nur ökonomisch und politisch, sondern auch ideologisch führen muss. Und in dieser Kulturrevolution wird zwangsläufig die Frage aufgeworfen: Wer soll geopfert werden ? Wer soll nach seinen verlorenen Söhnen suchen ? Millionen und Abermillionen Mäner und Frauen des deutschen Volkes oder eine perverse Clique von Schmierenjournalisten, die auf die Verdummung des Volkes dressiert worden sind ? Diese Frage stellen heißt zugleich, sie beantworten.

Man nehme eine beliebige Fernsehzeitschrift zur Hand: Mord und Totschlag, Krimi auf Krimi, perverse us-amerikanische Filme und Kitsch und Plunder am laufenden Band. Insofern spiegeln die primitiven Fernsehprogramme den stinkenden und faulenden Charakter des Spätkapitalismus schon richtig wider. Die Fließbänder der Kulturbarbarei stellen die notwendige Ergänzung zu den Fließbändern dar, an denen die Proleten ihr Leben vergeuden. Die Frage ist nur: wo bleiben die verantwortungsbewußten Journalisten, die gegen diesen ekelhaft stinkenden Strom anschwimmen, die ihre Seele nicht restlos dem Mammon verschachert haben ? Der Journalismus ist heute eine bürgerliche Institution, Kinder aus der Arbeiterklasse und aus der Klasse der armen Bauern, die gegen den Strom schwimmen könnten, sucht man unter den Journalistikstudenten vergeblich. Die Arbeiter und Bauern bilden jedoch laut dem großen Jakobiner Jean Paul Marat den gesündesten Teil der Nation. Nur das Perverse, das Krankhafte  will das Perverse, Krankhafte am Leben erhalten.

Wir werden heute von „marxistischer“ Literatur überschwemmt – Spaß beiseite ! Wir müssen an die Quellen gehen, und siehe da: welche Eröffnungen ! Welche hellen Welten tun sich auf ! In dem Artikel „Die revolutionäre demokratische Diktatur“ lesen wir bei Lenin, dass das revolutionäre Volk, das heißt die Arbeiterklasse und die Bauern die Konterrevolutionäre erschlagen, sie totschlagen müssen — totgeschlagen, wer da dient dem Kapital. (Vergleiche Lenin, Die revolutionäre demokratischer Diktatur, Werke Band 8, Dietz Verlag, Berlin, 1958,292). Revolutionen bahnen sich im Stillen an und die Stille vor den Stürmen führt bei manchen zur Resignation. Wir müssen aber nach vorne schauen und auf den Tag hinarbeiten, an dem die Bastillen des Kapitals geschliffen werden, ohne dabei die Tempel der Kulturbarbarei zu vergessen !  Nicht das Volk, die Bourgeoisie muß nach ihren verlorenen Söhnen suchen !


Wilhelm der Zweite und der Erste Weltkrieg – aktualisiert

21. August 2014

Lenin behielt Recht: „ ‚Weltherrschaft‘ ist, kurz gesagt, der Inhalt der imperialistischen Politik, deren Fortsetzung der imperialistische Krieg ist“. 1. Kautsky schränkte unter Verweis auf die englischen und amerikanischen Imperialisten ein, dass diese im Gegensatz zu Deutschland nicht va banque spielten und einen Krieg riskierten, dessen Resultate ungewiß waren. Sie seien zu kluge Kaufleute. „Und darum ist es falsch, dass das Finanzkapital notwendigerweise kriegerische Gelüste und Kriegsgefahren mit sich bringt“. 2. Das Finanzkapital brachte den ersten Weltkrieg hervor. Nach der deutschen Niederlage und nach den politischen Ereignissen am 9. November 1918 baten die Volksbeauftragten Kautsky, als beigeordneter Staatssekretär in das Auswärtige Amt einzutreten, um zu prüfen, ob aus dem Aktenbestand des Amtes belastendes Material beiseite geschafft worden war. Kautsky hatte so Gelegenheit, Dokumente von erstrangiger Bedeutung für die Kriegsschuldfrage zu studieren. Er fasste seine Erkenntnisse aus dem Aktenmaterial in der Broschüre „Wie der Weltkrieg entstand“ zusammen, die 1919 bei Paul Cassirer in Berlin verlegt wurde. Auch in der Kriegsschuldfrage gelangte Kautsky zu einer anderen Auffassung als Lenin. Für Kautsky waren die Hauptkriegstreiber die österreichische Monarchie gefolgt von der deutschen. Für Lenin waren alle imperialistischen Regierungen, die in diesem Krieg verwickelt waren, Räuberbanden, so dass die Frage nach der Kriegsschuld für ihn sekundär war. Es ist nicht wichtig, wer den Krieg angefangen habe.

Aus dem von Kautsky gesichteten Aktenmaterial des Auswärtigen Amtes geht nun eindeutig hervor, dass einer der militanten Scharfmacher Wilhelm II. war, besonders durch seine Bemerkungen und Kommentare, die er an den Rand offizieller Dokumente kritzelte, wurde dies deutlich. 3. Am 30. Juni 1914 schrieb er zu einem Bericht von Tschirschky aus Wien an den Reichskanzler Bethmann-Hollweg, dass man in Wien auch bei ernsten Leuten Stimmen höre, es müsse einmal gründlich mit den Serben abgerechnet werden: „Jetzt oder nie.W.“. In Tschirschkys Bericht vom 13. Juli 1914, dass der österreichische Außenminister Berchtold jetzt überzeugt sei, dass schnellstes Handeln geboten ist, unterstrich er die letzte Zeile doppelt. 4. Auf ein Telegramm aus Belgrad vom 24. Juli 1914 , von ihm am 25. gelesen, notierte er: „Wie hohl zeigt sich der ganze sogenannte serbische Großstaat. So ist es mit allen slawischen Staaten beschaffen. Nur feste auf die Füße dieses Gesindels getreten“. 5. Schon zweimal war die österreichische Armee wegen Balkankrisen mobilisiert worden. Wegen der Serbienfrage war sie erneut mobilisiert worden und Wilhelm gab zu Protokoll, einer dreimal mobilisierten Armee müsse nun einmal „satisfaction d‘ honneur“ gegeben werden. Als Fürst Trubetzkoi aus Moskau vorschlug, die zwischen Österreich-Ungarn und Serbien strittigen Fragen vor den Haager Gerichtshof zu bringen, kommentierte Wilhelm diesen Vorschlag mit dem Wort „Blödsinn.W“. Je näher der Krieg kam, desto angriffslustiger zeigte sich Wilhelm auch in der Innenpolitik gegen die Sozis. Er werde den Belagerungszustand proklamieren und „die Führer samt und sonders tutti quanti einsperren lassen“. 6. Und so weiter und so fort … Ich glaube, ich habe keine Striche mehr nötig, die konterrevolutionäre Physiognomie ist bereits fertiggezeichnet.

Denn nun müssen wir auf den Schauspieler Wilhelm zu sprechen kommen. Bei seinem letzten Besuch an der Westfront kniete er nieder und betete. Als er sich erhob, sagte er zu den um ihn Stehenden: „Ich habe es nicht gewollt“. Eine gierige Postkartenindustrie nahm sich dieser Szene an und diese Worte auf und verbreitete sie ab 1915 millionenfach. So wurde Propaganda gemacht, so wurde das deutsche Volk verdummt. Aus einem Kriegsverbrecher wurde ein Friedensengel. Nun, die Geschichte ist über diesen ganzen perversen Hohenzollnernschen Dreck 7. hinweggegangen wie sie auch über den gegenwärtigen perversen Hohenzollernschen Dreck hinweggehen wird, der heute in Berlin grundgesetzwidrig Waffenlieferungen in Kriegsbebiete mit der theatralischen Geste der hart mit sich Ringenden in die Wege leitet. Wilhelm 1914 und das vortreffliche Paar Steinmeier – von der Leyen 2014 stehen in ein- und derselben konterrevolutionären Linie. Marx zog aus der Pariser Kommune die Schlußfolgerung, dass der Bourgeois jetzt die Stelle des Feudalherren eingenommen habe. 8.

1. Lenin, Über eine Karikatur auf den Marxismus, Werke Band 23, Dietz Verlag, Berlin, 1957,26


2. Karl Kautsky, Wie der Weltkrieg entstand, Dargestellt nach dem Aktenmaterial des Deutschen Auswärtigen Amts, Verlegt bei Paul Cassirer, Berlin 1919,33

3. Schon vor 1914 war der deutsche Kaiser unangenehm aufgefallen. 1899 hielt er gegen die Haager Friedenskonferenz eine Rede, die sogenannte Wiesbadener Rede, in der er ein „scharf geschliffenes Schwert“ als die beste Friedensgarantie anpries. Am 27. Juli 1900 hielt er in Bremerhaven seine berühmt-berüchtigte „Hunnenrede“ bei der Einschiffung des deutschen Expeditionskoprs nach China. Die deutschen Truppen sollten ich China wüten, „dass es niemals ein Chinese wieder wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen“. (Hitler sagte während des Wütens der Wehrmacht in der Sowjetunion, jeden Russen totzuschießen, der einen Deutschen auch nur schief anschaue).

4. Vergleiche Karl Kautsky, Wie der Weltkrieg entstand, Dargestellt nach dem Aktenmaterial des Deutschen Auswärtigen Amts, Verlegt bei Paul Cassirer, Berlin 1919,53

5. a.a.O.,84

6. a.a.O.,97

7. „Man muß zugeben, dass die Türkei eine freie Republik ist im Vergleich zu dem Despotismus, den Friedrich Wilhelm (der Vater Friedrichs II.) ausübte“. (Voltaire, Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Herrn Voltaire, aufgezeichnet von ihm selbst, in: Voltaire, Sämtliche Romane und Erzählungen, Dietrich Verlag, Leipzig, 1964,L).

8. Vergleiche Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag, Moskau, 1975,321