Archive for November 2014

Laudetur Jesus Christus (Gelobt sei Jesus Christus) Zu einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2014

21. November 2014

Es gehört zum Grundwissen eines Juristen, dass Sonderrechte in einem Rechtssystem immer die Gefahr heraufbeschwören, sich zu diesem kontraproduktiv zu gestalten, ja als eine Art Krankheit bei Auswucherung das ganze System von innen her auffressen können. Insofern war die Entscheidung des Bundesarbeitsgerichtes in Erfurt aus dem Jahr 2011 völlig richtig, die Kündigung eines katholischen Chefarztes der Inneren Medizin im Jahr 2009 durch das katholische Vinzenz-Krankenhaus in Düsseldorf mit der Begründung, er habe ein zweites Mal geheiratet, für unwirksam zu erklären. Am 20. November 2014 hat der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts unter Vorsitz des Präsidenten Andreas Voßkuhle dieses Urteil gekippt, es sah in ihm eine Verletzung kirchlicher Sonderrechte: Kirchen können also ihren Mitarbeitern aus sogenannten sittlich-moralischen Gründen kündigen (Az: 2 BvR 661/12).

Dieses Karlsruher Gericht ist seit dem 17. August 1956, als es mit dem Verbot der KPD die Demokratie in Deutschland zerstörte und der ganzen Welt nicht nur seine asoziale Neigung offenlegte, sondern auch zeigte, dass es sich bei der BRD um eine Diktatur der Bourgeoisie handelt, allen aufrechten, allen fortschrittlichen, allen Bolschewiken in Deutschland suspekt. Dieses Verbot geschah zu einer Zeit, als in den konfessionellen Jugendheimen Kinder von Nonnen grün und blau geschlagen wurden.  Etwa aus sittlich-moralischen Gründen ? Das gestrige Urteil unterstreicht ein weiteres Mal, dass August Bebel genauso Recht hatte, als er Juristen als konservative Menschen bezeichnete, wie Wilhelm Liebknecht, der in seiner Broschüre „Kein Kompromiss, Kein Wahlbündnis !“ ausführte, dass von dem Augenblick an, wo das Proletariat als vom Bürgertum losgelöste und ihm interessenfeindliche Klasse auftritt,  das Bürgertum aufhört, demokratisch zu sein“. (Vergleiche Lenin, Vorwort zur russischen Ausgabe der Broschüre: W. Liebknecht „Kein Kompromiss, Kein Wahlbündnis !“, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,405). Die großen bürgerlichen Zeitungen, die über diese Entscheidung berichten, begehen schon in der Wortwahl einen Fehler. Sie schreiben von einer Sitzung dieses Gerichts, richtig ist wohl, dass man schon im bürgerlichen Rechtsrahmen von einer ZUSAMMENROTTUNG  sprechen muss, wenn Menschen eines Staates zusammenkommen, um sein Allgemeinwohl zu gefährden.

Voltaire, der noch im siebzehnten Jahrhundert das Licht der Welt erblickte und ein gemäßigter Aufklärer war und im Gegensatz zu Rousseau  die soziale Frage im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus nicht richtig stellte, er lenkte den Hass des französischen Volkes lediglich gegen seine feudalklerikale, nicht gegen seine weltliche feudalherrliche Unterdrückung, vielmehr suchte er die Nähe zum verfaulten Adel, hat auf dem Gebiet der Ideologie in der katholischen Religion den Hauptfeind des aufstrebenden, damals fortschrittlichen Bürgertums gesehen und diese mit dem Schlachtruf  „Écrasez l‘ Infame“ bekämpft. „Ich hasste Priester, ich hasse sie, und ich werde sie immer und ewig hassen“, schrieb er in einem Brief an d‘ Alembert vom 28. November 1752. Von diesem aufrechten Geist ist in der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nichts zu spüren, im Gegenteil, es degradierte sich ein weiteres Mal zum Büttel der römisch-katholischen Kirche. In der Urteilsbegründung heißt es, Arbeitsgerichte könnten nicht ihre eigenen Maßstäbe an die Stelle der Kirche setzen. Das Richterkollegium des Bundesverfassungsgerichtes ist so dumm,  gar nicht zu merken, dass es hier ein Eigentor geschossen hat. Auf gleichem niedrigen intellektuellen Niveau befindet sich der Bonner Arbeitsrechtler Gregor Thüsing, der das Karlsruher Urteil so kommentierte: „Wenn eine Religionsgemeinschaft eine Verhaltensweise nicht statthaft findet, dann muss sich ein Gericht daran orientieren und kann nicht eine eigene Beurteilung aus dem Hut zaubern“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. November 2014, Seite 4). Der Geist des finsteren Mittelalters kommt aus der Gruft hervor, in die ihn die europäische Aufklärung gestossen hat. Immerhin hatte schon der Trierer Bischof Joseph Ackermann angeregt, die ablehnende Haltung katholischer Arbeitgeber gegenüber Homosexuellen zu überdenken. Und schon im Jahr 2010 hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Kündigung eines katholischen Organisten wegen Ehebruchs beanstandet. Das Urteil aus Karlsruhe zeigt, dass es falsch ist, im Spätkapitalismus die Frage der Religion, das Opium der Lohnsklaven,  zu bagatellisieren. Für die bürgerlichen Juristen ist die Ausbeutung der Völker durch eine Handvoll sogenannter Arbeitgeber eine Selbstverständlichkeit, sie haben das seit dem ersten Semester ihres Jurastudiums wie die Muttermilch eingesogen. Aber ebenso selbstverständlich ist es dann auch, dass die aufgeklärten Lohnsklaven diese Milch zu Recht als eine perverse Muttermilch ansehen.

Die fortschrittlichen Kräfte müssen, nachdem das deutsche Bürgertum in der religiösen Frage so jämmerlich versagt hat, alles daransetzen, dass die Trennung von Staat und Kirche endgültig, für immer und ewig durchgeführt wird. Was ist denn dabei, wenn ein ehemaliger Erzbischof als Küchenhelfer in der Küche eines Krankenhauses Kartoffeln schält ? Er würde zum ersten Mal in seinem Leben eine sinnvolle Arbeit verrichten. Man muss gegenüber dem Pfaffenpack um alle staatlichen Institutionen einen Sperrkreis ziehen, insbesondere um Schulen und Krankenhäuser. Schon Voltaire forderte die Umwandlung von kirchlichen Institutionen in Schulen und Krankenhäuser. In der Tat, wenn eine Nonne, nachdem sie Kinder grün und blau geschlagen hat, auf die Kniee geht und ein Stück geschnitzes Holz anbetet, das Jesus Christus darstellen soll, so muss man nach ihrem Geisteszustand fragen. „Ich besitze zweihundert Bände über dieses Thema (die christliche Religion / der Verf.) und, was schlimmer ist, ich habe sie gelesen. Man kommt sich wie im Irrenhaus vor“. (Voltaire, OEuvres complètes, Band XLI, 570).

Der Schlachtruf „Écrasez l‘ Infame“, mit dem Voltaire im 18. Jahrhundert gegen den katholischen Klerus in den Kampf zog, muss heute gegen das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe geschleudert werden, das das grösste Unglück der Menschheit, den Kapitalismus verbunden mit dem Christentum, fördert. Es geht auf Weihnachten zu. Der in Religion bornierte Spießer grunzt zufrieden über dieses Urteil vom Bundesverfassungsgericht, er besitzt nicht die Weisheit des römischen Feldherren Scipio, der vor cirka 200 Jahren v. u. Z. beim Anblick der rauchenden Trümmer Karthagos sagte, dass auch Rom diesem Schicksal entgegengehen wird. Der deutsche Spießer ahnt im Jahr 2014 nicht, dass auch die römisch-katholische Kirche diesem Schicksal entgegengehen wird.

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Über die Widersprüchlichkeit unserer Epoche

19. November 2014

Wir leben fürwahr in einer widersprüchlichen Welt. Die Dialektiker, die im Widerspruch den Reflex der Selbstbewegung der Welt sehen, streben danach, seine antagonistischen Formen in der Gesellschaft aufzuheben, die Metaphysiker, die keine Selbstbewegung der Materie anerkennen, sondern in Gott immer noch den ersten Beweger von allem sehen, tun alles, damit die Ausbeutung des Volkes durch eine Handvoll Kapitalmagnaten beibehalten wird, als sei die Misshandlung der Mehrheit der Geschöpfe Gottes durch eine Minderheit seiner Geschöpfe nach dem Dogma der Gnadenwahl und der Elitetheorie Calvins selbst sein letztes Wort. Nach Calvin ist es der nicht zu hinterfragende Wille Gottes, dass die Mehrheit der Menschen leide. Es sei Frevel, diesen Willen überhaupt anzuzweifeln. Alle bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien, die für eine Aufrechterhaltung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, für die indirekte Sklaverei eintreten, halten zugleich diese calvinistische Perversion aufrecht. Sie täuschen sich. Der alte Engels schrieb ein Jahr nach dem Tode von Marx, der 1883 starb: „Aber unsre Konservativen sind nun einmal unsre größten Revolutionäre“. 1. Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein und sie ist gut beraten, sich immer an die Worte Lenins zu erinnern: ZERSPLITTERT IST SIE NICHTS, ORGANISIERT IST SIE ALLES. 2. Proletarier aller Länder, vereinigt Euch.

Mit der Aufklärung kam unweigerlich der Begriff des Fortschritts auf mit einer Eindringlichkeit, dass wir heute trotz zweier verheerender Weltkriege nicht an ihm zweifeln. Es ist der technische Fortschritt, der uns blendet. Mit dem Gedanken des Fortschritts hat sich der Gedanke der Vollendung der Geschichte verankert, der Fortschritt, der in unendliche Weiten geht, scheint uns nicht zu befriedigen, Fortschritt als fassbarer verharrt im Horizont seiner Konsumierbarkeit. In unserem Alltag sind wir in einer völligen Diesseitsbefangenheit verstrickt, die jedoch nicht die Stärke hat, die Religion als den Sonntag des Lebens zu ersticken. Wir werden Zeuge einer Entkoppelung des substantiellen, erfüllten Lebens von der auf höchsten technischen Niveau basierenden westeuropäischen und us-amerikanischen Zivilisation. Ein Schub von Heilserwartungen kann aus diesen kalten Regionen nicht mehr kommen, nach der Oktoberrevolution waren die vom ersten Weltkrieg nicht verbrauchten „Bauernvölker des Ostens“  Träger einer kulturellen Zivilisationserwartung, die mit Lenins Kommunismus verschmolz und durch Maos Kulturrevolution menschheitsbefreiende Dimensionen annahm. In gewisser Weise hat sich Armut heute gerecht verteilt. Die Region, in der die technische Entwicklung ihren höchsten Stand erreicht hat, verarmt in kultureller Hinsicht zur Nullität. Die Genies der klassichen deutschen Philosophie, die sie zur zweiten Hochblüte der Weltphilosophie trieben, hatten auf den ersten Blick einen infantilen Zug: um die schwierige kantische Philosophie zu verstehen, schrieben sie mit der Hand ganze Passagen aus seinen Kernwerken, den drei Kritiken, einfach ab. Was man einmal aufgeschrieben hat, hat man im Gehirn. Heute verkümmert dieses durch den Mouskelick. Die Digitalisierung der Welt durch eine kalte, instrumentelle Vernunft und der politisch-kulturelle Komplex, in den wir eingebunden sind, gehen auseinander. Von jener allein das Glück der Menschheit zu erwarten endet in der Sackgasse eines leeren Lebens, das nur für die Statistik gelebt wurde.

1. Friedrich Engels, Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe „Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,568
2. Vergleiche auch Friedrich Engels: „ Produziert mit Bewußtsein, als Menschen, nicht als zersplitterte Atome ohne Gattungsbewußtsein“. (Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,515. Bei denen Worten Lenins muss man auch immer an den Abbè Sièyes denken: Was ist der Dritte Stand ? Nichts ! Was könnte er sein ? Alles ! Vollzieht sich dies realgeschichtlich, wird aus dem „Nichts“ ein „Alles“, so haben wir hier am Ende auch wieder historischer Dialektik innezuwerden. Es wäre sicherlich verfehlt, in Abbé Sièyes einen Revolutionär zu sehen. Die Revolution schleudert gewisse Leute auf das politische Parkett, die in bestimmten Augenblicken zu scharfen Formulierungen gezwungen sind, als Sprecher des „Dritten Standes“ kommt der Abbé zu interessanten und richtigen heute ausschließlich auf der Arbeit begründet; die produktiven Fähigkeiten der Menschen sind alles; kaum versteht man es, Vorteil auch aus den moralischen Fähigkeiten zu ziehen, die doch die fruchtbarste Quelle wirklichen Genusses werden können. Wir sind also gezwungen, in der Mehrzahl der Menschen nichts als Arbeitsmaschinen zu sehen“. (Zitiert bei Jean Jaurès, Histoire socialiste, Bd. I., La Constituante, Paris, o. J.,380). Und das, nachdem die „Enzyklopädie“ das Glück als Menschenrecht ausgerufen hatte. „Diese Vorstellung vom diesseitigen menschlichen Glück ist wichtig zum Verständnis des Geistes, der das ganze enzyklopädische Unternehmen beherrscht; alles Wissen der Welt und über die Welt soll verfügbar gemacht werden und die Menschen zur Tat treiben, ihnen ihre Begabung zum Handeln und zum Glücklichsein bewußt machen“. (Hauptwerke der französischen Literatur, Einzeldarstellungen und Interpretationen, Edition Kindlers Literaturlexikon, München, 1976,193).

Hegel Feuerbach Mao

12. November 2014

Zwischen Hegel und Mao besteht  Einheitliches und Gegensätzliches und man hat aus den vielfältigen Übergangswegen eher die Qual der Wahl. Man kann diesen Übergang abrupt gestalten: Hegel behauptete, wenn auch metaphysisch verbrämt, alles zu wissen. Nenne man es nun Weltwissen, das Wissen der Menschheit oder das Wissen Gottes vor der Schöpfung der Welt und eines endlichen Wesens. Mao sagt: „Die lächerlichsten Menschen in der Welt sind die ‚Alleswisser'“. 1. Keine Philosophie, vielleicht nur die aristotelische ausgenommen, ist wissensaccumulativer als die hegelsche, aber auch die Leseratte Mao propagierte die lebenslange Lernbereitschaft der Kader. Dieser eher assoziative Übergang ist zwar nicht von der Hand zu weisen, aber recht schmal. Ich wähle daher als den wesentlich essentielleren einen Übergang, der den Hinweis von Friedrich Engels aufnimmt, dass aus der Auflösung der Hegelschen Schule eine Richtung hervorgegangen ist, „die wirklich Früchte getragen hat“. 2. Engels meint die Bewegung, die den Namen von Marx trägt. Man ist sich oft gar nicht bewußt, wenn man aus verstaubten Regalen die verstaubten Werke der Klassiker entnimmt, welche ungeheuren weltgeschichtlichen Vibrationen diese Schriften verursacht haben. Was am Ende des 18. Jahrhundert im friedlichen Tübingen an der Bibel und an der „Kritik der reinen Vernunft“ abgearbeitet wurde, Früchte getragen hat es erst im Jahrhundert der Weltkriege und die weitere Fruchtfolge ist heute noch gar nicht abzusehen, die Ernte steht ohnehin noch aus. Diese Bücher leben. Die Oktoberrevolution ließ uns schon mal kosten, aber der erste Trank der Revolution war bitter. Wenn Mao Mitte der 30er Jahre an der Antijapanischen Militärisch-Politischen Akademie in Yenan Vorlesungen hielt, die sich um den Zusammenhang von Produktion und Erkenntnis zentrierten, so ist in ihnen Tübinger Gedankengut aufgehoben. Man ist gut beraten, wenn man vor den Übergängen von Hegel zu den großen materialistischen Dialektikern sich vergegenwärtigt, was Engels in seiner Anfang 1886 geschriebenen Studie „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ zur Philosophie Hegels, die für ihn die Geschichte der Philosophie zum Abschluß gebracht hatte, zum Ausgang  und zur Trennung von ihr, und zur Philosophie Feuerbachs zu bemerken hat. Zwar ist, wie gesagt, Feuerbach im Vergleich zu Hegel durchaus arm, aber es wäre ein unverzeihlicher Fehler, ihn philosophiegeschichtlich zu übergehen, denn auch sein Denken ist eine Frucht des hegelschen, und eine recht interessante allemal. Feuerbachs zwitterhafter Materialismus („Rückwärts stimme ich den Materialisten bei, aber nicht vorwärts“. 3.) ist das notwendige Zwischenglied zwischen Hegel und dem Marxismus. Noch Feuerbach muss gegen Hegel die aufklärungstypische Denkgestik wiederholen, die diesseitige und die jenseitige Welt (der Metaphysik) in ihrem aus der metaphysischen Tradition bekannten und festgefahrenen Abhängigkeitsverhältnis umzukehren. Feuerbach arbeitet ganz einfach Profanes gegen Hegels sogenannte Mystifikation der Wirklichkeit heraus mit dem Ergebnis, dass der Mensch kein Werkzeug in den Händen der Weltvernunft ist. Nicht erst Marx, schon Feuerbach stellte Hegel vom Kopf auf die Füße mit dem Satz, es habe eine Natur vor der Philosophie gegeben. Aber den Nachweis zu führen, dass die Reihenfolge von Logik, Natur und Geist bei Hegel nicht stimmt, ist eine formale Widerlegung und verbleibt im Radius der abstrakten Negation. Zunächst sagt Feuerbach, Hegel habe seine Philosophie nicht restlos von theologischen Phantasmen gereinigt, er, der in Heidelberg zunächst Theologie studiert hatte und dann zur Philosophie „konvertierte“, betont also das „Umstellen“ aus theologiefeindlicher Intention heraus und um aufzuzeigen, dass die Idealisten immer irgendeine irgendwie recht kurios gestaltete Weltschöpfung voraussetzen mussten. Aber damit haben die Idealisten einen Schub Kreativität mitbekommen, während der Materialismus beschwert durch die Mechanik über lange Zeit ahistorisch  vor sich herdümpelte. Die erste These von Marx über Feuerbach verdeutlicht, was gemeint ist. „Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet)  ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt“. 4. Gaben die Naturwissenschaften noch zu wenig her, um die Natur prozessual zu denken ? Für Hegel ist es trotz der Ausbildung der Geologie, der Embryologie, der pflanzlichen und tierischen Physiologie und der organischen Chemie 5. der Geist, der wesentlich aktiv, produzierend ist. Feuerbach wiederum scheitert an der Grundlegung einer materialistischen Gesellschaftslehre, im Gegenteil, für ihn bewirkt die Religion die Einteilung der Geschichte in Epochen, sein Materialismus auf dem Gebiet der Gesellschaft erschöpft sich in der Vergöttlichung der Sexualität. Sein Gedanke, dass der Mensch ein Produkt der Geschichte sei, bleibt dagegen impotent. Hier war es Marx, der das materialistische Fundament legte, auf dem Lenin, Stalin und Mao Tse tung aufbauen konnten. Warum haben diese Materialisten weltgeschichtlich wesentlich mehr bewegt als die großen Idealisten ? Feuerbach ging eben fehl, noch religiös an der Weltgeschichte herumzufummeln, ihr mehr als nur die Bedeutung eines Reflexes gesellschaftlicher Verhältnisse einzuräumen. Der Theismus ist die Crux des Idealismus. Hegel beschwört einen religiösen Orden: die Philosophie sei „… ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie“. 6. Noch in der Weltabstinenz weist Hegel auf das Kernproblem der Welt hin, aus ihren Zwiespalt herauszufinden. Die großen Materialisten versuchten sich an dieser Aufgabe und Lenin verpflichtete seine Bolschewiki darauf, unbedingt dort zu arbeiten, wo die Massen sind und sich mit diesen Massen bis zu einem gewissen Grade zu verschmelzen. Das scheint auf den ersten Blick das Gegenbild zum isolierten Priesterstand und zu Feuerbachs Weltflucht nach der 48er Revolution zu sein, und doch verweigert Lenin die völlige Verschmelzung der Avantgarde mit den Massen, gerade sein Parteikonzept weist zweifelsfrei Züge eines weltlichen Ordens auf, den Stalin durch seine Bemerkung, dass die Bolschewiki aus besonderem Material geformt seien, noch erhärtete, der Hegelsche Orden bleibt modifiziert im Bolschewismus aufgehoben. Eugen Kogon nannte Lenin einen „Mönch des Marxismus“. Wenn für Kant Aufklärung die Maxime ist, jederzeit selbst zu denken, so ist die des Marxismus, jederzeit dialektisch zu denken. Das dialektische Denken aber ist die höchste Form des menschlichen Denkens – das geht nicht ohne Orden ab. (Als Bucharin in Lenins sogenannten Testament las, dass er die Dialektik nie ordentlich studiert und begriffen hätte, ahnte er nicht, was das cirka fünfzehn Jahre später für ihn bedeuten sollte – das Schicksal Dantons zu teilen). In der chinesischen Kulturrevolution wurde nun auch dieser Orden geschliffen und Voltaire, der als Fürsprecher der Schwarzen am Sklavenhandel und als Pazifist an der Armeeversorgung profitierte, hätte seine helle Freude an diesem Widerspruch gehabt. 7. Wie auch an dem, dass Mao mit einer konterrevolutionären Hexe verheiratet war und der oberste Machthaber der Partei – hier hatten die Roten Garden wohl Liu Schaoqi gemeint, den sie als eine „Heuschrecke im Spätherbst“, als „Grauen Drachen“ und „Seuchenfürst“ bezeichneten – die Linie der Restauration des Kapitalismus am konzentriertesten vertreten haben soll. Ganz offensichtlich wurde, dass der Aufstand gegen jede Autorität nicht ohne Superautorität auskam: „Jedes Wort des Vorsitzenden Mao ist mehr wert als 10 000 Worte eines anderen Menschen“. Worte von Kommunisten „sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes“. 8. Hätte Marx in der Bibliothek des Britischen Museums in London nur geahnt, wohin seine Mehrwertlehre führt ! Es sind solche Sätze, die einer Revolution ein Armutszeugnis ausstellen, nichts tölpelhafter, Mao als Erlöser der Menschheit auszugeben. So wird in der katholischen Kirche der Papst gehandelt. Während die Milizgarden dennoch die Kulturrevolution als Vertiefung der Revolution unter der Diktatur des Proletariats feierten, wurde deutlich, dass die Dialektik Mao Tse tungs nicht einfach eine Übernahme der Lenins, der Stalins ist. Staatspräsident Liu charakterisierte das Denken Maos als asiatische Form des Marxismus.

 

1.  Mao Tse tung, Über die Praxis, in: Mao Tse tung: Über Praxis und Widerspruch, Rotbuch 5, Wagenbach Verlag, Berlin, 1968,13. In Frankreich war der Anspruch des Enzyklopädie-Projektes ebenfalls nicht unbescheiden. Sie, deren ganzer Titel lautete: „Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers, par une Société des Gens de Lettres“ (Enzyklopädie oder Auf Vernunfterkenntnis gegründetes Lexikon der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks, herausgegeben von einer Gesellschaft von Gelehrten), beanspruchte die lexikalische Erfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört. Sie wollte vor allem auch die gegenseitige Verflechtung sichtbar machen und Querverbindungen aufzuzeigen.

2. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag, Berlin, 1975, 291

3. a.a.O.,281

4. Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag  Berlin, 1978,5

5. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag, Berlin, 1975,279

6. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, von Hermann Glockner, Band 16, Friedrich Fromann Verlag, Stuttgart Bad Canstatt,1965,356. Hegel ging zwar nicht ins Kloster, er vollendete sich in einem Hörsaal der Berliner Universität, Feuerbach versauerte auf dem Lande, Marx und Engels nahmen an der 48er Revolution aktiv teil, Engels sollte noch 1871 nach Paris kommen zur Unterstützung der Commune zu einer Zeit, da keine Hilfe mehr geleistet werden konnte, Lenin inspirierte die Oktoberrevolution, Stalin stand an der Spitze der Kollektivierung, bezeichnenderweise eine Revolution von oben und Mao wurde zur Sonne der Kulturrevolution. Aber der Samen wurde doch in dem Berliner Hörsaal gelegt, der Bogen spannt sich von einer Handvoll Studenten bis zu den Millionenmassen auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

7. Eine der merkwürdigsten Einschätzungen der Kulturrevolution finden wir bei Wan Min, er deutet sie als einen „konterrevolutionären Militärputsch“. (Wan Min, Lenin, der Leninismus und die chinesische Revolution, APN Verlag, Moskau, 1970,26).

8. Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,475

Notizen zur Dialektik

11. November 2014

ie Entfaltung der Dialektik zwecks eines umfassenden Weltbegreifens ist sicherlich nicht allein auf das Wirken Hegels zurückzuführen. Dialektik in diesem Sinne hat „klein“ angefangen, an ihrem Ausgang standen philosophische Diskussionen von Schelling, Hölderlin und Hegel im Tübinger Stift. Vom Lehrkörper dieser Anstalt, der die kantische Moralphilosophie mit dem orthodoxen Christentum mischte, war nichts zur Befruchtung dialektischen Denkens zu erwarten. Vor lauter Gelehrsamkeit ist heute verschüttet, dass die Dialektik zunächst am Phänomen der Liebe entwickelt wurde. In der Liebe geben sich zwei autonome Menschen total dem anderen hin und erhalten sich total zurück. Liebe ist das Trennbare, nicht-Getrennte. Liebe vereint das Sterbliche zum Unsterblichen. So steht es in einem Fragment des jungen Hegel, das mit „Liebe“ überschrieben ist. In einem zweiten Teil eines weiteren Fragments über „Moralität, Liebe, Religion“ konkretisiert Hegel, das man nur in der Liebe eins sei mit dem Objekt, „es beherrscht nicht und wird nicht beherrscht. Diese Liebe … ist die Gottheit“. 1. Hegel war es dann, der diese Binnenbeziehung von Thesis, Antithesis (Negierung seiner Autonomie) und Synthesis (Einheit des Gedoppelten), die er zuerst in dem Fragment „Religion, eine Religion stiften“ entwarf, der ganzen Welt überstülpte. Schiller hatte schon vor ihm in seiner „Theosophie des Julius“ die ganze Welt mit subjektiver „Liebe“ durchschauert. Schillers Kuss galt der ganzen Welt. Hegels „Phänomenologie“ endet mit zwei Zeilen aus der „Theosophie“: „Nur aus dem Kelche dieses Geisterreiches schäumt ihm seine Unendlichkeit“. Die intime Dialektik der Sichliebenden findet ihre objektive Ebene im Rousseau’schen Gesellschaftsvertrag, gerade im Untergehen des Einzelnen in der Volksmasse erfolgt die Wiedergeburt des beisichseienden autonomen Individuums (als ami du peuple). Hier wird das Tübinger Tagebuchblatt Hegels vom 27. Juni 1792 wichtig: „Ich muß noch Mitternacht abwarten – gleich hat er (Rousseau / H.A.) Geburtstag ! Mein Gott, und die anderen schlafen – selbst Hölderlin“. 2. Die Liebe … Rousseau …. der Weltgeist … eins teilt sich in zwei … Die Dialektik ist keine Sache der philosophischen Reflexion, auch keine der Eristik, sondern sie durchwaltet die Wirklichkeit und ist eine objektive Realität, die nur im Denken richtig widergespiegelt zu werden braucht. Im Gesellschaftsvertrag gibt sich jeder allen, aber keinem besonders hin, hier ist objektiv, was in der Liebe individuell war. Der Clou des Gesellschaftsvertrages liegt nun im Mehrwert, der Einzelne erhält von der Gesellschaft mehr Kraft zurück zur Selbstbehauptung und dessen, was er hat, als vor der Vereinigung ( … plus de force pour conserver ce qu‘ on a … ). 3. Die bürgerliche Ideologie verspricht fortwährend diesen Mehrwert in der Theorie, den die Schmarotzerbourgeoisie aus der Gesellschaft der Arbeitenden praktisch zieht. Hegel hatte schon in der Differenzschrift von 1801 erkannt, dass wir in der Erkenntnistheorie keine Fortschritte machen, wenn wir versuchen, die sich in einem Erkenntnisvorgang vollziehenden Widersprüche, die die objektive Realität, ja mehr, der Inbegriff aller Realität sind, aus einer sterilen, bei Descartes sogar noch separierten Subjekt-Objekt-Konstellation zu eruieren. Kant ist in gewisser Weise in der Mitte zwischen Descartes und Hegel positioniert, obwohl er in der formalen Anlage seiner Gedankenentfaltung eine cartesianische, ja mathematische Sterilität beibehält. Aber inhaltlich weist sein Begriff des „Transzendentalen“ auf Intersubjektivität und Kollektivität im wissenschaftlichen Sinn hin. Das „Transzendentale“ geht ja aus sich zunächst gleich über das je rein Subjektive hinaus. Für Max Adler war Kant ein Begründer der sozialen Erfahrung. 4. Hegel totalisiert den Kollektivismus, der Wissenschaft generell eignet. Sein „Ich gleich Wir, Wir gleich Ich“ ist nicht eine mit lässiger Hand hingeworfene Lapidarformel. Wie in der „Phänomenologie des Geistes“, in der er seine Erkenntnistheorie entwickelt, der ganze bisherige Weltprozess, „der ganze Kreis der Schöpfung“, inhaltlich in seinem Erkenntnisvollzug miteinbezogen wird, insbesondere auch der Arbeitsprozess, so ist die „Logik“ gegen die Komatisierung des Weltprozesses durch die formale Logik geschrieben. Unsere Erkenntnis ist immer vermittelt, ist eine gesellschaftliche, in einem historisch-sozialen-naturwissenschaftlichen  Kontext. Hegel schreibt nicht mehr im Lampenlicht des Privaten, seine Überlegungen stehen der Aufklärung so fern nicht: Voltaire hatte in der Geschichtswissenschaft die Bedeutung intersubjektiver Allgemeinerfahrung und die soziale Formbestimmheit des Erkenntnisprozesses richtig betont, Montesquieu nahm den ganzen vielgestaltigen soziokulturellen Reichtum in seine Gesellschaftsanalyse und Darstellung der Gesetzgebung mit hinein, man schlage zum Beispiel im ersten Kapitel des 18. Buches „Vom Geist der Gesetze“ nach: „Wie die Bodenbeschaffenheit auf die Gesetze einwirkt“, für Rousseau muss der Gesetzgeber den Nerv des Milieus treffen und wie bei Montesquieu das Klima beachten. „Ein Spanier wird acht Tage von der Mahlzeit eines Deutschen leben“. 5. Ein merkwürdiger Satz in einem Buch, in dem der juristische Fundamentalvertrag schlechthin erörtert wird. Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefasst, der Komplexität einer gesellschaftlichen Traube liegt ein Prinzip zu Grunde, das der Historiker als in ihr Lebendiges eruieren muss. Technische Erfindungen wandeln unser Weltbild und geben der Erkenntnisfähigkeit ganz neue Perspektiven, man denke nur an das Mikroskop, die Maßstäbe unseres Beurteilens ändern sich ständig. Herder sah das in der Geschichte und erfreute sich und uns am Reiz ihrer Vielfalt. Für uns ist  heute die engste Affinität zwischen Produktion und Erkenntnis, die Bedeutung der gesellschaftlichen Praxis im Erkenntnisprozess selbstverständlich und Marx hebt ausdrücklich die große Leistung Hegels auf diesem Gebiet hervor. „Das Große an der Hegelschen „Phänomenologie“ und ihrem Endresultate – der Dialektik der Negativität als dem bewegenden und erzeugenden Prinzip – ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozess faßt, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung; daß er also das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eigenen Arbeit begreift“. 6. Welt- und Selbsterkenntnis gehen durch den Arbeitsprozess hindurch und die Erzeugung eines Dinges ist der verstandene Arbeitsprozess und wie Engels am Alizarin demonstriert, das Ende des Kantschen Dings an sich. Aber in der Sicht von Marx  und Engels war die dialektische Seele bei Hegel nicht nur in einem falschen Körper, im Körper des Idealismus, sondern diese Seele war selbst noch falsch, für Engels war die dialektische Methode „in ihrer Hegelschen Form unbrauchbar. Bei Hegel ist die Dialektik die Selbstentwicklung des Begriffs“. 7. Er beanspruchte also für Marx und dann auch für sich, eine andere Dialektik entwickelt zu haben, eine materialistische, und diese bezeichnete er als „unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe“. 8.

1. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Werke Band 1, herausgegeben von E. Moldenhauer und K. M. Michel, Frankfurt, 1971,242

2. Mechthild Lemcke / Christa Hackenesch, Hegel in Tübingen, Konkursbuchverlag, o.J.,63

3. Vergleiche Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 2011,18.

4. Vergleiche Martin Puder, Kant Stringenz und Ausdruck, rombach hochschul paperback, Freiburg, 1974,61

5. Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 2011,91.

6. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahr 1844, Werke Ergänzungsband Erster Teil (Schriften bis 1844), Dietz Verlag, Berlin, 1974,574. Feuerbach reduziert gegenüber dem idealistischen Reichtum der Philosophie diese auf Anthropologie. Voltaire ist ein Verfechter des Nützlichkeitsdenkens und damit auch der Arbeit. Candide und sein Kreis verlassen Eldorado, weil es dort nur angenehm ist.

7. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag, Berlin, 1975,292

8. a.a.O.,293

Kant: „Sätze zu bilden und ihr Gegenteil“

11. November 2014

Schon in der „Kritik der reinen Vernunft“ war aufgestellt, dass die Vernunft nur demjenigen unverstellte Achtung entgegenbringt, der ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können und im „Ewigen Frieden“ wird für suspekt erklärt, was das Licht der Öffentlichkeit scheut. Der Einzelne wird nun nach Kant mit seinem aufrechten Gang eher scheitern, nur wenige können sich „durch eigene Bearbeitung ihres Geistes“ 1. aus eigener Kraft aufklären. Kant ist das Original der Aufklärung. Aber warum ? Weil eine Zwittergestalt interessanter ist als der mit seinem Geschlecht Identische. „Der Grundzug der Kantschen Philosophie ist die Aussöhnung des Materialismus mit dem Idealismus, ein Kompromiß zwischen beiden, eine Verknüpfung verschiedenartiger, einander widersprechender philosophischer Richtungen zu einem System. Wenn Kant zugibt, daß unseren Vorstellungen etwas außer uns, irgendein Ding an sich, entspreche, so ist er hierin Materialist. Wenn er dieses Ding an sich für unerkennbar, transzendent, jenseitig erklärt, tritt er als Idealist auf. … Die Materialisten machten Kant seinen Idealismus zum Vorwurf, sie widerlegten die idealistischen Züge seines Systems, sie wiesen nach, daß das Ding an sich erkennbar, diesseitig ist, daß kein prinzipieller Unterschied zwischen ihm und der Erscheinung besteht … Die Agnostiker und Idealisten machten Kant seine Annahme des Dinges an sich als Zugeständnis an den Materialismus, den ›Realismus‹ oder ›naiven Realismus‹ zum Vorwurf … während die Idealisten die konsequente Ableitung der ganzen Welt überhaupt aus dem reinen Denken verlangten“. 2. Das ist der rote Faden des Kantischen Philosophierens, nicht etwa nur in den Kritiken, also in seinen Kernschriften, sondern er ist es in fast seinem gesamten Werk. Kant gefiel es nach eigener Aussage, Sätze zu bilden und ihr Gegenteil, ließ aber den Widerspruch in der reinen Philosophie nicht statt haben. Es gäbe eigentlich gar keine Antithetik der reinen Vernunft. (KdrV, tr. Meth. 1.H.2.Abs. ff.) Daran entzündete sich der objektive Idealismus als den Widerspruch organisierendes Denken und der Neukantianismus, der widersprüchliches Denken mied. Es ist leicht, Sätze aufzustellen und ihr Gegenteil, aber es kann gleichwohl nicht als nur müßige Spielerei abgetan werden, im Gegenteil: Die Ursache des Fundamentalwerkes von Immanuel Kant, die „Kritik der reinen Vernunft“, zugleich eines der wichtigsten Fundamentalwerke der Weltphilosophie, ist eine doppelgründige, ineinanderzusammenhängend: In England hatte Hume die Behauptung aufgestellt, dass wir nur aus Gewohnheit behaupten können, dass am morgigen Tag die Sonne aufgehen wird, dass wir also kein sicheres Wissen über die Kausalabfolge hätten, dass dem Aufgang die Helligkeit folge. Der morgige „Tag“ kann eine völlige Dunkelheit sein. Für die unbedingte Fortexistenz des bisherigen Weltlaufs und für die Existenz einer strengen, auf Kausalität beruhenden Wissenschaft gab daher es keine sichere Grundlage mehr, zudem kam zu Kants diesbezüglichen Grübeln der Gedanke hinzu, dass die menschliche Vernunft in ihrem unhintertreiblichen Streben nach Erkenntnis absoluter Wahrheiten auf Antinomien stößt. Diese hätten ihn, so in seinem Brief an Garve vom 21. September 1798, aus dem dogmatischen Schlummer gerissen. Für den französischen Sozialkritiker und Anarchisten Proudhon waren Kants Antinomien der reinen Vernunft „Gesetze der Natur und des Denkens“ und er versuchte in seiner „Philosophie des Elends“ ein vergleichbares System der Antinomien der Gesellschaft zu entwerfen, wobei der Hegelsche Widerspruch als Entwicklungsmittel diente. Marx hatte mit Proudhon nächtelang in Paris diskutiert und ihn, wie er später bedauerte, zu seinem großen Schaden mit Hegelianismus infiziert. Marxens Kritik „Das Elend der Philosophie“ war dann auch der Grund für den Zusammenbruch der Freundschaft zwischen den Revolutionären.

1. Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung ?, Reclam Verlag, Stuttgart, 1981,11

2. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Werke Band 14, Dietz Verlag Berlin, 1960,195

Die Identität der Gegensätze

11. November 2014

Nach der Dialektik, auch der Maos, setzt jede Seite des Widerspruchs seine andere voraus und beide Seiten koexistieren in einer Einheit. Gäbe es keine Identität der Gegensätze, könnten diese nicht in ihre Gegenteile umschlagen bzw. sich ineinander verwandeln. Die Kommunisten fördern die Verwandlung der Dinge, fördern den revolutionären Krieg gegen den bürgerlichen Staatsapparat.  Die Dialektik als Entwicklungswissenschaft oder als Lehre von der Entwicklung ist die Lehre, wie die Gegensätze identisch sein können, es sind, wie sie es werden. 1. Am Beispiel der politischen Parteien in der bürgerlichen Gesellschaft kann aufgezeigt werden, welcher essentielle Gehalt in der Lehre von der Identität der Gegensätze steckt. Es sind Schlußfolgerungen, die Mao aus Inkonsequenz nicht gezogen hat. Die kommunistische Partei wurde gegründet, um durch den Klassenkampf primär gegen die Bourgeoisie die Gesellschaft für immer von Klassenkämpfen zu befreien, das heißt, sie wurde gegründet, um historisch unterzugehen. Und anders kann es auch gar nicht sein. Jede politische Partei ist zum historischen Untergang verurteilt. Aber nur die KP reflektiert ihren Prozess der Selbstnegation, ihre Identität von Leben und Tod als Identität der Gegensätze mit, während die bürgerlichen Parteien sich anmaßen, was nur der Weltgeschichte zusteht, ewiges Leben. 2. Sie denken nicht dialektisch, sondern in der oberflächlichen Kategorie der Veränderung, die Hegel als einen morgenländischen Gedanken disqualifizierte. Nun schweben aber diese bürgerlichen Parteien nicht im luftleeren Raum, sondern sind eingebunden in einen staatlichen Terrorapparat, dem sie in der Regel präsidieren, das heißt, die bürgerlichen Parteien wollen Terror verewigen, es sind kriminelle Vereinigungen politisch motivierter Terroristen, und zwar Verfechter des repressiven Terrors gegen die Werktätigen, gegen die die kommunistische Partei den emanzipativen TERROR ALS VOLKSJUSTIZ organisieren muss. Nichts ist legitimer als dieser progressive Terror gegen die Bürgerlichen und ihre staatlichen Terrorapparate (Polizei, Justiz, Armee …). Hier haben wir zugleich das Schiboleth, an dem sich die Volksfreunde von den Volksfeinden unterscheiden. Revolution bedeutet eben auch, den Volksfeinden die Hölle auf Erden zu bereiten, während Mao die Mitglieder der konterrevolutionären bürgerlichen Parteien nur umerziehen wollte. Die asozialen Folgen dieser Milde sehen wir heute. Der proletarische Revolutionär hat ein KLARES FEINDBILD, EINEN GESUNDEN KLASSENHASS UND KANN NUR LEBEN MIT EINER STÄNDIGEN GEWALT- UND VERNICHTUNGSBEREITSCHAFT gegen den bürgerlichen Staat. Der große Monumentalfilm von Eisenstein „Iwan der Schreckliche“ endet mit einer Szene, in der das Gesicht des Zaren im Großformat gezeigt wird mit dem Schlußsatz des Films: „Es ist die Aufgabe des Zaren, die Kleinen und Schwachen zu schützen, aber hart und grausam gegen die Reichen und Mächtigen zu sein, wenn er dies jedoch nicht vermag, dann ist er kein Zar !“ Wer nicht hart und grausam gegen die Reichen und Mächtigen ist, ist bereits hart und grausam gegen die Kleinen und Schwachen, ist ein Perversling, ein Spießer, ein Volksfeind, ein Faschist, der kein Existenzrecht hat.

1. Vergleiche Lenin, Konspekt von Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, in: Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Reclam Verlag, Leipzig, 1986,68

2. „Den Versuch, Geschichte stillzustellen, ihre Herrschaft als ewig, gottgewollt, natürlich, völkisch, oder funktional-rational auszugeben, haben die bürgerlichen Papiertiger immer schon unternommen: seit ihrem historischen Auftreten als Klasse“. (Hansmartin Kuhn, Nachwort zu Mao Tse-tung: Über Praxis und Widerspruch, Rotbuch 5, Wagenbach Verlag, Berlin, 1968,92). Das ist korrekturbedürftig, gegenüber dem Feudalabsolutismus hat die Bourgeoisie die Geschichte nicht stillstellen können, überhaupt hat sie eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. „Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren“. (Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag, Berlin, 1977,465).