Kant: „Sätze zu bilden und ihr Gegenteil“

Schon in der „Kritik der reinen Vernunft“ war aufgestellt, dass die Vernunft nur demjenigen unverstellte Achtung entgegenbringt, der ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können und im „Ewigen Frieden“ wird für suspekt erklärt, was das Licht der Öffentlichkeit scheut. Der Einzelne wird nun nach Kant mit seinem aufrechten Gang eher scheitern, nur wenige können sich „durch eigene Bearbeitung ihres Geistes“ 1. aus eigener Kraft aufklären. Kant ist das Original der Aufklärung. Aber warum ? Weil eine Zwittergestalt interessanter ist als der mit seinem Geschlecht Identische. „Der Grundzug der Kantschen Philosophie ist die Aussöhnung des Materialismus mit dem Idealismus, ein Kompromiß zwischen beiden, eine Verknüpfung verschiedenartiger, einander widersprechender philosophischer Richtungen zu einem System. Wenn Kant zugibt, daß unseren Vorstellungen etwas außer uns, irgendein Ding an sich, entspreche, so ist er hierin Materialist. Wenn er dieses Ding an sich für unerkennbar, transzendent, jenseitig erklärt, tritt er als Idealist auf. … Die Materialisten machten Kant seinen Idealismus zum Vorwurf, sie widerlegten die idealistischen Züge seines Systems, sie wiesen nach, daß das Ding an sich erkennbar, diesseitig ist, daß kein prinzipieller Unterschied zwischen ihm und der Erscheinung besteht … Die Agnostiker und Idealisten machten Kant seine Annahme des Dinges an sich als Zugeständnis an den Materialismus, den ›Realismus‹ oder ›naiven Realismus‹ zum Vorwurf … während die Idealisten die konsequente Ableitung der ganzen Welt überhaupt aus dem reinen Denken verlangten“. 2. Das ist der rote Faden des Kantischen Philosophierens, nicht etwa nur in den Kritiken, also in seinen Kernschriften, sondern er ist es in fast seinem gesamten Werk. Kant gefiel es nach eigener Aussage, Sätze zu bilden und ihr Gegenteil, ließ aber den Widerspruch in der reinen Philosophie nicht statt haben. Es gäbe eigentlich gar keine Antithetik der reinen Vernunft. (KdrV, tr. Meth. 1.H.2.Abs. ff.) Daran entzündete sich der objektive Idealismus als den Widerspruch organisierendes Denken und der Neukantianismus, der widersprüchliches Denken mied. Es ist leicht, Sätze aufzustellen und ihr Gegenteil, aber es kann gleichwohl nicht als nur müßige Spielerei abgetan werden, im Gegenteil: Die Ursache des Fundamentalwerkes von Immanuel Kant, die „Kritik der reinen Vernunft“, zugleich eines der wichtigsten Fundamentalwerke der Weltphilosophie, ist eine doppelgründige, ineinanderzusammenhängend: In England hatte Hume die Behauptung aufgestellt, dass wir nur aus Gewohnheit behaupten können, dass am morgigen Tag die Sonne aufgehen wird, dass wir also kein sicheres Wissen über die Kausalabfolge hätten, dass dem Aufgang die Helligkeit folge. Der morgige „Tag“ kann eine völlige Dunkelheit sein. Für die unbedingte Fortexistenz des bisherigen Weltlaufs und für die Existenz einer strengen, auf Kausalität beruhenden Wissenschaft gab daher es keine sichere Grundlage mehr, zudem kam zu Kants diesbezüglichen Grübeln der Gedanke hinzu, dass die menschliche Vernunft in ihrem unhintertreiblichen Streben nach Erkenntnis absoluter Wahrheiten auf Antinomien stößt. Diese hätten ihn, so in seinem Brief an Garve vom 21. September 1798, aus dem dogmatischen Schlummer gerissen. Für den französischen Sozialkritiker und Anarchisten Proudhon waren Kants Antinomien der reinen Vernunft „Gesetze der Natur und des Denkens“ und er versuchte in seiner „Philosophie des Elends“ ein vergleichbares System der Antinomien der Gesellschaft zu entwerfen, wobei der Hegelsche Widerspruch als Entwicklungsmittel diente. Marx hatte mit Proudhon nächtelang in Paris diskutiert und ihn, wie er später bedauerte, zu seinem großen Schaden mit Hegelianismus infiziert. Marxens Kritik „Das Elend der Philosophie“ war dann auch der Grund für den Zusammenbruch der Freundschaft zwischen den Revolutionären.

1. Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung ?, Reclam Verlag, Stuttgart, 1981,11

2. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Werke Band 14, Dietz Verlag Berlin, 1960,195

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