Notizen zur Dialektik

ie Entfaltung der Dialektik zwecks eines umfassenden Weltbegreifens ist sicherlich nicht allein auf das Wirken Hegels zurückzuführen. Dialektik in diesem Sinne hat „klein“ angefangen, an ihrem Ausgang standen philosophische Diskussionen von Schelling, Hölderlin und Hegel im Tübinger Stift. Vom Lehrkörper dieser Anstalt, der die kantische Moralphilosophie mit dem orthodoxen Christentum mischte, war nichts zur Befruchtung dialektischen Denkens zu erwarten. Vor lauter Gelehrsamkeit ist heute verschüttet, dass die Dialektik zunächst am Phänomen der Liebe entwickelt wurde. In der Liebe geben sich zwei autonome Menschen total dem anderen hin und erhalten sich total zurück. Liebe ist das Trennbare, nicht-Getrennte. Liebe vereint das Sterbliche zum Unsterblichen. So steht es in einem Fragment des jungen Hegel, das mit „Liebe“ überschrieben ist. In einem zweiten Teil eines weiteren Fragments über „Moralität, Liebe, Religion“ konkretisiert Hegel, das man nur in der Liebe eins sei mit dem Objekt, „es beherrscht nicht und wird nicht beherrscht. Diese Liebe … ist die Gottheit“. 1. Hegel war es dann, der diese Binnenbeziehung von Thesis, Antithesis (Negierung seiner Autonomie) und Synthesis (Einheit des Gedoppelten), die er zuerst in dem Fragment „Religion, eine Religion stiften“ entwarf, der ganzen Welt überstülpte. Schiller hatte schon vor ihm in seiner „Theosophie des Julius“ die ganze Welt mit subjektiver „Liebe“ durchschauert. Schillers Kuss galt der ganzen Welt. Hegels „Phänomenologie“ endet mit zwei Zeilen aus der „Theosophie“: „Nur aus dem Kelche dieses Geisterreiches schäumt ihm seine Unendlichkeit“. Die intime Dialektik der Sichliebenden findet ihre objektive Ebene im Rousseau’schen Gesellschaftsvertrag, gerade im Untergehen des Einzelnen in der Volksmasse erfolgt die Wiedergeburt des beisichseienden autonomen Individuums (als ami du peuple). Hier wird das Tübinger Tagebuchblatt Hegels vom 27. Juni 1792 wichtig: „Ich muß noch Mitternacht abwarten – gleich hat er (Rousseau / H.A.) Geburtstag ! Mein Gott, und die anderen schlafen – selbst Hölderlin“. 2. Die Liebe … Rousseau …. der Weltgeist … eins teilt sich in zwei … Die Dialektik ist keine Sache der philosophischen Reflexion, auch keine der Eristik, sondern sie durchwaltet die Wirklichkeit und ist eine objektive Realität, die nur im Denken richtig widergespiegelt zu werden braucht. Im Gesellschaftsvertrag gibt sich jeder allen, aber keinem besonders hin, hier ist objektiv, was in der Liebe individuell war. Der Clou des Gesellschaftsvertrages liegt nun im Mehrwert, der Einzelne erhält von der Gesellschaft mehr Kraft zurück zur Selbstbehauptung und dessen, was er hat, als vor der Vereinigung ( … plus de force pour conserver ce qu‘ on a … ). 3. Die bürgerliche Ideologie verspricht fortwährend diesen Mehrwert in der Theorie, den die Schmarotzerbourgeoisie aus der Gesellschaft der Arbeitenden praktisch zieht. Hegel hatte schon in der Differenzschrift von 1801 erkannt, dass wir in der Erkenntnistheorie keine Fortschritte machen, wenn wir versuchen, die sich in einem Erkenntnisvorgang vollziehenden Widersprüche, die die objektive Realität, ja mehr, der Inbegriff aller Realität sind, aus einer sterilen, bei Descartes sogar noch separierten Subjekt-Objekt-Konstellation zu eruieren. Kant ist in gewisser Weise in der Mitte zwischen Descartes und Hegel positioniert, obwohl er in der formalen Anlage seiner Gedankenentfaltung eine cartesianische, ja mathematische Sterilität beibehält. Aber inhaltlich weist sein Begriff des „Transzendentalen“ auf Intersubjektivität und Kollektivität im wissenschaftlichen Sinn hin. Das „Transzendentale“ geht ja aus sich zunächst gleich über das je rein Subjektive hinaus. Für Max Adler war Kant ein Begründer der sozialen Erfahrung. 4. Hegel totalisiert den Kollektivismus, der Wissenschaft generell eignet. Sein „Ich gleich Wir, Wir gleich Ich“ ist nicht eine mit lässiger Hand hingeworfene Lapidarformel. Wie in der „Phänomenologie des Geistes“, in der er seine Erkenntnistheorie entwickelt, der ganze bisherige Weltprozess, „der ganze Kreis der Schöpfung“, inhaltlich in seinem Erkenntnisvollzug miteinbezogen wird, insbesondere auch der Arbeitsprozess, so ist die „Logik“ gegen die Komatisierung des Weltprozesses durch die formale Logik geschrieben. Unsere Erkenntnis ist immer vermittelt, ist eine gesellschaftliche, in einem historisch-sozialen-naturwissenschaftlichen  Kontext. Hegel schreibt nicht mehr im Lampenlicht des Privaten, seine Überlegungen stehen der Aufklärung so fern nicht: Voltaire hatte in der Geschichtswissenschaft die Bedeutung intersubjektiver Allgemeinerfahrung und die soziale Formbestimmheit des Erkenntnisprozesses richtig betont, Montesquieu nahm den ganzen vielgestaltigen soziokulturellen Reichtum in seine Gesellschaftsanalyse und Darstellung der Gesetzgebung mit hinein, man schlage zum Beispiel im ersten Kapitel des 18. Buches „Vom Geist der Gesetze“ nach: „Wie die Bodenbeschaffenheit auf die Gesetze einwirkt“, für Rousseau muss der Gesetzgeber den Nerv des Milieus treffen und wie bei Montesquieu das Klima beachten. „Ein Spanier wird acht Tage von der Mahlzeit eines Deutschen leben“. 5. Ein merkwürdiger Satz in einem Buch, in dem der juristische Fundamentalvertrag schlechthin erörtert wird. Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefasst, der Komplexität einer gesellschaftlichen Traube liegt ein Prinzip zu Grunde, das der Historiker als in ihr Lebendiges eruieren muss. Technische Erfindungen wandeln unser Weltbild und geben der Erkenntnisfähigkeit ganz neue Perspektiven, man denke nur an das Mikroskop, die Maßstäbe unseres Beurteilens ändern sich ständig. Herder sah das in der Geschichte und erfreute sich und uns am Reiz ihrer Vielfalt. Für uns ist  heute die engste Affinität zwischen Produktion und Erkenntnis, die Bedeutung der gesellschaftlichen Praxis im Erkenntnisprozess selbstverständlich und Marx hebt ausdrücklich die große Leistung Hegels auf diesem Gebiet hervor. „Das Große an der Hegelschen „Phänomenologie“ und ihrem Endresultate – der Dialektik der Negativität als dem bewegenden und erzeugenden Prinzip – ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozess faßt, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung; daß er also das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eigenen Arbeit begreift“. 6. Welt- und Selbsterkenntnis gehen durch den Arbeitsprozess hindurch und die Erzeugung eines Dinges ist der verstandene Arbeitsprozess und wie Engels am Alizarin demonstriert, das Ende des Kantschen Dings an sich. Aber in der Sicht von Marx  und Engels war die dialektische Seele bei Hegel nicht nur in einem falschen Körper, im Körper des Idealismus, sondern diese Seele war selbst noch falsch, für Engels war die dialektische Methode „in ihrer Hegelschen Form unbrauchbar. Bei Hegel ist die Dialektik die Selbstentwicklung des Begriffs“. 7. Er beanspruchte also für Marx und dann auch für sich, eine andere Dialektik entwickelt zu haben, eine materialistische, und diese bezeichnete er als „unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe“. 8.

1. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Werke Band 1, herausgegeben von E. Moldenhauer und K. M. Michel, Frankfurt, 1971,242

2. Mechthild Lemcke / Christa Hackenesch, Hegel in Tübingen, Konkursbuchverlag, o.J.,63

3. Vergleiche Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 2011,18.

4. Vergleiche Martin Puder, Kant Stringenz und Ausdruck, rombach hochschul paperback, Freiburg, 1974,61

5. Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 2011,91.

6. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahr 1844, Werke Ergänzungsband Erster Teil (Schriften bis 1844), Dietz Verlag, Berlin, 1974,574. Feuerbach reduziert gegenüber dem idealistischen Reichtum der Philosophie diese auf Anthropologie. Voltaire ist ein Verfechter des Nützlichkeitsdenkens und damit auch der Arbeit. Candide und sein Kreis verlassen Eldorado, weil es dort nur angenehm ist.

7. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag, Berlin, 1975,292

8. a.a.O.,293

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