Hegel Feuerbach Mao

Zwischen Hegel und Mao besteht  Einheitliches und Gegensätzliches und man hat aus den vielfältigen Übergangswegen eher die Qual der Wahl. Man kann diesen Übergang abrupt gestalten: Hegel behauptete, wenn auch metaphysisch verbrämt, alles zu wissen. Nenne man es nun Weltwissen, das Wissen der Menschheit oder das Wissen Gottes vor der Schöpfung der Welt und eines endlichen Wesens. Mao sagt: „Die lächerlichsten Menschen in der Welt sind die ‚Alleswisser'“. 1. Keine Philosophie, vielleicht nur die aristotelische ausgenommen, ist wissensaccumulativer als die hegelsche, aber auch die Leseratte Mao propagierte die lebenslange Lernbereitschaft der Kader. Dieser eher assoziative Übergang ist zwar nicht von der Hand zu weisen, aber recht schmal. Ich wähle daher als den wesentlich essentielleren einen Übergang, der den Hinweis von Friedrich Engels aufnimmt, dass aus der Auflösung der Hegelschen Schule eine Richtung hervorgegangen ist, „die wirklich Früchte getragen hat“. 2. Engels meint die Bewegung, die den Namen von Marx trägt. Man ist sich oft gar nicht bewußt, wenn man aus verstaubten Regalen die verstaubten Werke der Klassiker entnimmt, welche ungeheuren weltgeschichtlichen Vibrationen diese Schriften verursacht haben. Was am Ende des 18. Jahrhundert im friedlichen Tübingen an der Bibel und an der „Kritik der reinen Vernunft“ abgearbeitet wurde, Früchte getragen hat es erst im Jahrhundert der Weltkriege und die weitere Fruchtfolge ist heute noch gar nicht abzusehen, die Ernte steht ohnehin noch aus. Diese Bücher leben. Die Oktoberrevolution ließ uns schon mal kosten, aber der erste Trank der Revolution war bitter. Wenn Mao Mitte der 30er Jahre an der Antijapanischen Militärisch-Politischen Akademie in Yenan Vorlesungen hielt, die sich um den Zusammenhang von Produktion und Erkenntnis zentrierten, so ist in ihnen Tübinger Gedankengut aufgehoben. Man ist gut beraten, wenn man vor den Übergängen von Hegel zu den großen materialistischen Dialektikern sich vergegenwärtigt, was Engels in seiner Anfang 1886 geschriebenen Studie „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ zur Philosophie Hegels, die für ihn die Geschichte der Philosophie zum Abschluß gebracht hatte, zum Ausgang  und zur Trennung von ihr, und zur Philosophie Feuerbachs zu bemerken hat. Zwar ist, wie gesagt, Feuerbach im Vergleich zu Hegel durchaus arm, aber es wäre ein unverzeihlicher Fehler, ihn philosophiegeschichtlich zu übergehen, denn auch sein Denken ist eine Frucht des hegelschen, und eine recht interessante allemal. Feuerbachs zwitterhafter Materialismus („Rückwärts stimme ich den Materialisten bei, aber nicht vorwärts“. 3.) ist das notwendige Zwischenglied zwischen Hegel und dem Marxismus. Noch Feuerbach muss gegen Hegel die aufklärungstypische Denkgestik wiederholen, die diesseitige und die jenseitige Welt (der Metaphysik) in ihrem aus der metaphysischen Tradition bekannten und festgefahrenen Abhängigkeitsverhältnis umzukehren. Feuerbach arbeitet ganz einfach Profanes gegen Hegels sogenannte Mystifikation der Wirklichkeit heraus mit dem Ergebnis, dass der Mensch kein Werkzeug in den Händen der Weltvernunft ist. Nicht erst Marx, schon Feuerbach stellte Hegel vom Kopf auf die Füße mit dem Satz, es habe eine Natur vor der Philosophie gegeben. Aber den Nachweis zu führen, dass die Reihenfolge von Logik, Natur und Geist bei Hegel nicht stimmt, ist eine formale Widerlegung und verbleibt im Radius der abstrakten Negation. Zunächst sagt Feuerbach, Hegel habe seine Philosophie nicht restlos von theologischen Phantasmen gereinigt, er, der in Heidelberg zunächst Theologie studiert hatte und dann zur Philosophie „konvertierte“, betont also das „Umstellen“ aus theologiefeindlicher Intention heraus und um aufzuzeigen, dass die Idealisten immer irgendeine irgendwie recht kurios gestaltete Weltschöpfung voraussetzen mussten. Aber damit haben die Idealisten einen Schub Kreativität mitbekommen, während der Materialismus beschwert durch die Mechanik über lange Zeit ahistorisch  vor sich herdümpelte. Die erste These von Marx über Feuerbach verdeutlicht, was gemeint ist. „Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet)  ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt“. 4. Gaben die Naturwissenschaften noch zu wenig her, um die Natur prozessual zu denken ? Für Hegel ist es trotz der Ausbildung der Geologie, der Embryologie, der pflanzlichen und tierischen Physiologie und der organischen Chemie 5. der Geist, der wesentlich aktiv, produzierend ist. Feuerbach wiederum scheitert an der Grundlegung einer materialistischen Gesellschaftslehre, im Gegenteil, für ihn bewirkt die Religion die Einteilung der Geschichte in Epochen, sein Materialismus auf dem Gebiet der Gesellschaft erschöpft sich in der Vergöttlichung der Sexualität. Sein Gedanke, dass der Mensch ein Produkt der Geschichte sei, bleibt dagegen impotent. Hier war es Marx, der das materialistische Fundament legte, auf dem Lenin, Stalin und Mao Tse tung aufbauen konnten. Warum haben diese Materialisten weltgeschichtlich wesentlich mehr bewegt als die großen Idealisten ? Feuerbach ging eben fehl, noch religiös an der Weltgeschichte herumzufummeln, ihr mehr als nur die Bedeutung eines Reflexes gesellschaftlicher Verhältnisse einzuräumen. Der Theismus ist die Crux des Idealismus. Hegel beschwört einen religiösen Orden: die Philosophie sei „… ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie“. 6. Noch in der Weltabstinenz weist Hegel auf das Kernproblem der Welt hin, aus ihren Zwiespalt herauszufinden. Die großen Materialisten versuchten sich an dieser Aufgabe und Lenin verpflichtete seine Bolschewiki darauf, unbedingt dort zu arbeiten, wo die Massen sind und sich mit diesen Massen bis zu einem gewissen Grade zu verschmelzen. Das scheint auf den ersten Blick das Gegenbild zum isolierten Priesterstand und zu Feuerbachs Weltflucht nach der 48er Revolution zu sein, und doch verweigert Lenin die völlige Verschmelzung der Avantgarde mit den Massen, gerade sein Parteikonzept weist zweifelsfrei Züge eines weltlichen Ordens auf, den Stalin durch seine Bemerkung, dass die Bolschewiki aus besonderem Material geformt seien, noch erhärtete, der Hegelsche Orden bleibt modifiziert im Bolschewismus aufgehoben. Eugen Kogon nannte Lenin einen „Mönch des Marxismus“. Wenn für Kant Aufklärung die Maxime ist, jederzeit selbst zu denken, so ist die des Marxismus, jederzeit dialektisch zu denken. Das dialektische Denken aber ist die höchste Form des menschlichen Denkens – das geht nicht ohne Orden ab. (Als Bucharin in Lenins sogenannten Testament las, dass er die Dialektik nie ordentlich studiert und begriffen hätte, ahnte er nicht, was das cirka fünfzehn Jahre später für ihn bedeuten sollte – das Schicksal Dantons zu teilen). In der chinesischen Kulturrevolution wurde nun auch dieser Orden geschliffen und Voltaire, der als Fürsprecher der Schwarzen am Sklavenhandel und als Pazifist an der Armeeversorgung profitierte, hätte seine helle Freude an diesem Widerspruch gehabt. 7. Wie auch an dem, dass Mao mit einer konterrevolutionären Hexe verheiratet war und der oberste Machthaber der Partei – hier hatten die Roten Garden wohl Liu Schaoqi gemeint, den sie als eine „Heuschrecke im Spätherbst“, als „Grauen Drachen“ und „Seuchenfürst“ bezeichneten – die Linie der Restauration des Kapitalismus am konzentriertesten vertreten haben soll. Ganz offensichtlich wurde, dass der Aufstand gegen jede Autorität nicht ohne Superautorität auskam: „Jedes Wort des Vorsitzenden Mao ist mehr wert als 10 000 Worte eines anderen Menschen“. Worte von Kommunisten „sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes“. 8. Hätte Marx in der Bibliothek des Britischen Museums in London nur geahnt, wohin seine Mehrwertlehre führt ! Es sind solche Sätze, die einer Revolution ein Armutszeugnis ausstellen, nichts tölpelhafter, Mao als Erlöser der Menschheit auszugeben. So wird in der katholischen Kirche der Papst gehandelt. Während die Milizgarden dennoch die Kulturrevolution als Vertiefung der Revolution unter der Diktatur des Proletariats feierten, wurde deutlich, dass die Dialektik Mao Tse tungs nicht einfach eine Übernahme der Lenins, der Stalins ist. Staatspräsident Liu charakterisierte das Denken Maos als asiatische Form des Marxismus.

 

1.  Mao Tse tung, Über die Praxis, in: Mao Tse tung: Über Praxis und Widerspruch, Rotbuch 5, Wagenbach Verlag, Berlin, 1968,13. In Frankreich war der Anspruch des Enzyklopädie-Projektes ebenfalls nicht unbescheiden. Sie, deren ganzer Titel lautete: „Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers, par une Société des Gens de Lettres“ (Enzyklopädie oder Auf Vernunfterkenntnis gegründetes Lexikon der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks, herausgegeben von einer Gesellschaft von Gelehrten), beanspruchte die lexikalische Erfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört. Sie wollte vor allem auch die gegenseitige Verflechtung sichtbar machen und Querverbindungen aufzuzeigen.

2. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag, Berlin, 1975, 291

3. a.a.O.,281

4. Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag  Berlin, 1978,5

5. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag, Berlin, 1975,279

6. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, von Hermann Glockner, Band 16, Friedrich Fromann Verlag, Stuttgart Bad Canstatt,1965,356. Hegel ging zwar nicht ins Kloster, er vollendete sich in einem Hörsaal der Berliner Universität, Feuerbach versauerte auf dem Lande, Marx und Engels nahmen an der 48er Revolution aktiv teil, Engels sollte noch 1871 nach Paris kommen zur Unterstützung der Commune zu einer Zeit, da keine Hilfe mehr geleistet werden konnte, Lenin inspirierte die Oktoberrevolution, Stalin stand an der Spitze der Kollektivierung, bezeichnenderweise eine Revolution von oben und Mao wurde zur Sonne der Kulturrevolution. Aber der Samen wurde doch in dem Berliner Hörsaal gelegt, der Bogen spannt sich von einer Handvoll Studenten bis zu den Millionenmassen auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

7. Eine der merkwürdigsten Einschätzungen der Kulturrevolution finden wir bei Wan Min, er deutet sie als einen „konterrevolutionären Militärputsch“. (Wan Min, Lenin, der Leninismus und die chinesische Revolution, APN Verlag, Moskau, 1970,26).

8. Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,475

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